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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die historische Interaktion zwischen den buddhistischen und islamischen Kulturen vor der Zeit des mongolischen Reichs

Alexander Berzin, 1996
leicht revidiert, Januar 2003, Dezember 2006
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Teil I: Das Kalifat der Umayyaden (Omaijaden / Umajjaden)
(661 -750 u. Z.)

1. Die Verbreitung des Buddhismus in Zentralasien und in den angrenzenden Regionen vor der Ankunft der Araber

Lange bevor die Araber den Islam in der Mitte des 7. Jahrhunderts u. Z. nach Zentralasien brachten, hatte der Buddhismus dort Jahrhunderte lang geblüht. Besonders vorherrschend war er entlang der Seidenstrasse, auf welcher der Handel zwischen Indien und Han-China verlief und die von beiden Ländern nach Byzanz und zum Römischen Reich führte. Wir wollen die frühe Verbreitung des Buddhismus in diesem Teil der Welt umreißen, um den historischen Hintergrund, auf den der Islam stieß, besser verstehen zu können.

Geographie

In der Sprache der heutigen Geographie waren die folgenden zentralasiatischen Gebiete zu verschiedenen Zeiten frühbuddhistisch:

(1) Das von Indien und Pakistan verwaltete Kaschmir,

(2) die nördlichen Gebirgstäler Pakistans, wie Gilgit,

(3) der pakistanischen Punjab mit dem Swat-Tal und dem Osten Afghanistans südlich des Hindukusch-Gebirges,

(4) das Amu Darya-Flusstal im Norden des Hindukusch, das sowohl das afghanische Turkistan im Süden des Amu Darya als auch das südliche Westturkistan nördlich des Flusses einschließt (das südöstliche Usbekistan und südliche Tadschikistan),

(5) der nordöstliche Iran und das südliche Turkmenistan,

(6) das Gebiet zwischen dem Amu Darya-Fluss und dem Syr Darya-Fluss, nämlich das zentrale Westturkistan (das östliche Usbekistan und das westliche Tadschikistan),

(7) das Gebiet nördlich des Syr Darya, nämlich das nördliche Westturkistan (Kirgisistan und das östliche Kasachstan),

(8) das südliche Xinjiang (Sinkiang) in der Volksrepublik China, nämlich das südliche Ostturkistan, welches sowohl nördlich und südlich der Taklamakanwüste die Grenzen des Tarimbeckens umschließt,

(9) das nördliche Xinjiang zwischen den Tianshan- (T‘ian-Shan) und Altai-Gebirgen,

(10) die Autonome Region Tibet, Qinghai (Ch‘ing-hai), das südöstliche Gansu (Kan-su), das westliche Sichuan (Sze-chu‘an) und das nordwestliche Yunnan (Yün-Nan), alle in der Volksrepublik China,

(11) die Innere Mongolei in der Volksrepublik China, die Mongolische Republik (Äußere Mongolei) und die Republik Buriatien in Sibirien, Russland.

[ Siehe Karte eins: Das moderne Zentralasien.]

Die historischen Namen für diese Gebiete waren:

  1. Kaschmir mit seiner Hauptstadt Srinagar,
  2. Gilgit,
  3. Gandhara, dessen wichtigste Städte Takshashila in der Oddiyana (Punjab)-Gegend des Khyberpasses und Kabul in Afghanistan waren,
  4. Baktrien, das sich über das gesamte Oxus-Flusstal erstreckte und Balkh als Zentrum hatte, nahe dem heutigen Mazar-i-Sharif,
  5. Parthien, später Khorosan, mit der Hauptstadt Merv und manchmal einem Teil des südlichen Turkmenistans, das als Margiana bezeichnet wurde,
  6. Sogdien, später Ma Wara‘an-Nahr, zwischen dem Oxus-Fluss und dem Jaxartes-Fluss mit seinen Hauptzentren, die sich in etwa von Westen nach Osten erstreckten: Buchara, Samarkand, Taschkent und Fergana,
  7. eine Gegend ohne spezifischen Namen, dessen Hauptzentrum Suyab südlich des Issyk Kul-Sees lag,
  8. eine Gegend ohne spezifischen Namen, dessen wichtigste Oasenstaaten entlang des südlichen Randes des Tarimbeckens (von Westen nach Osten verlaufend) Kashgar, Yarkand, Khotan und Niya waren, und, entlang des nördlichen Randes, Kucha, Karashahr und Turfan (Qocho), wobei die beiden Routen im Osten in Dunhuang (Tun-huang) ineinander liefen,
  9. Dzungarien, dessen Hauptstadt am östlichen Zugang entlang der Tianshan-Gebirge von Turfan, Beshbalik (Beitang, Pei-t‘ing) in der Nähe des heutigen Urumqis, lag,
  10. Tibet, mit seiner Hauptstadt Lhasa,
  11. die Mongolei.

[ Siehe Karte zwei: Das traditionelle Zentralasien.]

Obwohl sich einige dieser Namen im Laufe der Geschichte mehrmals änderten, werden wir nur diese Namensliste benutzen, um Verwirrung zu vermeiden. Als „Han-China“ werden wir die Heimat des Han-Volkes, das Gebiet der Volksrepublik China unter Ausschluss von Gansu, der Inneren Mongolei, der ethnisch tibetischen Gebiete, der Mandschurei und der Gebiete der südlichen Bergstämme bezeichnen. Als „nördliches Indien“ werden wir vor allem die Gangesebene bezeichnen. Nicht unter diesen Begriff fallen Jammu und Kaschmir, Himachal Pradesh, der indische Punjab, Rajasthan und alle Staaten der Republik Indien östlich von Westbengalen. Mit „Iran“ meinen wir die Gebiete, die derzeit innerhalb der Grenzen der Islamischen Republik Iran liegen und mit „Arabern“ die Bevölkerung der gesamten arabischen Halbinsel und des südlichen Iraks.

West- und Ostturkistan

Obwohl es verschiedene Traditionen gibt, die sich mit den Daten von Shakyamuni Buddha befassen, nehmen die meisten westlichen Gelehrten an, dass er zwischen 566 und 486 v. u. Z. lebte. Er lehrte ursprünglich im Zentralgebiet der Gangesebene Nordindiens. Allmählich verbreiteten seine Anhänger seine Botschaft in die umgebenden Gebiete, in denen bald Klostergemeinschaften von Mönchen und Nonnen entstanden. Auf diese Weise entwickelte sich der Buddhismus stufenweise zu einer organisierten Religion, die die Belehrungen Buddhas bewahrte und mündlich tradierte.

Der Buddhismus verbreite sich in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. u. Z. durch das Wirken des Maurya-Königs Ashoka (Herrschaftszeit von 273 bis 232 v. u. Z.) von Nordindien nach Gandhara und Kaschmir. Zwei Jahrhunderte später erreichte er West- und Ostturkistan (Turkistan), als er sich während des 1. Jahrhunderts v. u. Z. von Gandhara nach Baktrien und von Kaschmir nach Khotan ausbreitete. Zu dieser Zeit war er ferner von Kaschmir nach Gilgit und vom nördlichen Indien in den heutigen Sindh und nach Balutschistan im südlichen Pakistan gelangt, sowie durch den östlichen Iran bis nach Parthien. Die traditionellen buddhistischen Geschichtswerke erwähnen, dass sich unter den direkten Schülern von Buddha Shakyamuni zwei Kaufleute aus Baktrien befanden. Doch es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass sie den Buddhismus in dieser frühen Phase in ihrem Heimatland etabliert hätten.

[ Siehe Karte drei: Die Ausbreitung des Buddhismus in Zentralasien.]

Im 1. Jahrhunderts u. Z. war der Buddhismus, der sich von Baktrien nach Sogdien verbreite, schon tief in Westturkistan eingedrungen. Während dieses Jahrhunderts dehnte er sich entlang des südlichen Randes der Tarimbeckens aus, von Gandhara und Kaschmir nach Kashgar und von Gandhara und von Kaschmir und Khotan in das Königreich von Kroraina zu Niya. Kroraina wurde im 4. Jahrhundert u. Z. der Wüste überlassen und die meisten seiner Bewohner siedelten nach Khotan um.

Während des 2. Jahrhunderts u. Z. erreichte der Buddhismus auch den nördlichen Rand des Tarimbeckens, indem er sich von Baktrien ausstrahlend beim tocharischen Volk von Kucha und Turfan verbreitete. Einigen Quellen zufolge waren die dortigen Tocharer Nachkommen der Yuezhi, einem kaukasischen Volk, das eine alte indogermanische Sprache benutzte. Im 2. Jahrhundert v. u. Z. war eine Gruppe der Yuezhi, die später Tocharer genannt wurde, nach Westen gewandert und hatte sich in Baktrien niedergelassen. Folglich wurde das östliche Baktrien „Tocharistan“ genannt. Die Tocharer von Ostbaktrien und die Tocharer von Kucha und Turfan trugen zwar den selben Namen, doch sie hatten keine politische Verbindung.

In vielen der genannten Regionen West- und Ostturkistans war die iranische Kultur präsent. So kommt es, dass der zentralasiatische Buddhismus in unterschiedlichen Graden zoroastrische Merkmale annahm. Der Zoroastrismus war die alte Religion des Irans. Die mit dem Zoroastrismus gemeinsamen Elemente erschienen sowohl in der Sarvastivada-Form des Hinayana-Buddhismus, der in Baktrien, Sogdien und Kucha blühte, als im Mahayana-Buddhismus, der schließlich in Khotan vorherrschend wurde.

Han-China

Die Han-Chinesen unterhielten vom 1. bis zum 2. Jahrhundert u. Z. Militärgarnisonen in den Stadtstaaten der Oasen des Tarimbeckens. Der Buddhismus verbreitete sich in Han-China aber erst, nachdem diese Kolonien ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen hatten.

Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts u. Z. erreichte der Buddhismus zuerst von Parthien aus Han-China. Danach wurde er von Mönchen aus den anderen buddhistischen Ländern Zentralasiens sowie aus Nordindien und Kaschmir weiterverbreitet. Zentralasiatische und indische Mönche halfen den Han-Chinesen, Texte aus dem Sanskrit und dem gandharischen Prakrit ins Chinesische zu übersetzen, obwohl die Zentralasiaten selbst für ihren eigenen Gebrauch zunächst die ursprünglichen indischen Versionen bevorzugten. Sie hatten ständigen Umgang mit den internationalen Karawanen der Seidenstraße. Daher war den meisten von ihnen der Umgang mit Fremdsprachen wohlvertraut. Im Zuge ihrer Übersetzungsarbeit für die Han-Chinesen übertrugen die Zentralasiaten jedoch nie zoroastrische Elemente. Der han-chinesische Buddhismus dagegen nahm zahlreiche kulturelle Eigenschaften des Taoismus und Konfuzianismus an.

Während der Periode der Sechs Dynastien (220 – 589 u. Z.) zerfiel Han-China in viele kurzlebige Königreiche, die man grob gesehen in einen Norden und einen Süden unterteilen kann. Der Norden wurde durch eine Reihe meist nicht han-chinesischer Dynastien – frühe Vorgänger der Türken, Tibeter, Mongolen und Mandschus – erobert und beherrscht. Der Süden dagegen behielt eine traditionellere han-chinesische Zivilisation. Der Buddhismus im Norden war auf Frömmigkeit ausgerichtet und ordnete sich den Launen der Regierungskontrolle unter, während er im Süden unabhängig war und die philosophische Nachforschung betonte. Aufgrund des Einflusses taoistischer und konfuzianischer Minister, die auf die Unterstützung buddhistischer Klöster durch die Regierung eifersüchtig waren, wurde die indische Religion zwischen 574 und 579 in zwei nordchinesischen Königreichen unterdrückt. Als Kaiser Wendi nach dreieinhalb Jahrhunderten der Zersplitterung Han-China wieder vereinte und die Sui-Dynastie (589 – 618) gründete, nannte er sich selbst einen buddhistischen universalen Herrscher (Skt. chakravartin ). Er erklärte, dass seine Herrschaft (589 – 605) China in ein buddhistisches „Reines Land“-Paradies verwandeln würde und erhob den indischen Glauben zu neuen Höhen. Obwohl mehrere frühe Herrscher der Tang (T‘ ang)-Dynastie (618 – 906) den Taoismus bevorzugten, unterstützten sie auch den Buddhismus weiter.

Die Reiche der Ost- und Westtürken

Seit dem Anfang des 5. Jahrhunderts beherrschte das Volk der Ruanruan ein riesiges Reich, dessen Zentrum in der Mongolei lag und das sich von Kucha bis an die Grenzen Koreas erstreckte. Sie übernahmen eine Mischung der iranisch beeinflussten khotanesischen und tocharischen Formen des Buddhismus und führten ihn in der Mongolei ein. Die Ruanruan wurden im Jahre 551 vom Volk der Alttürken gestürzt, das in ihrem Herrschaftsgebiet in Gansu lebte. Diese gründeten das alttürkische Reich, das zwei Jahre darauf in einen Ost- und einen Westteil zerfiel. Die Osttürken beherrschten die Mongolei und behielten die hier vorherrschende Form des von den Ruanruan praktizierten khotanesich-tocharischen Buddhismus bei und verbanden ihn mit Elementen aus dem nördlichen Han-China.

Sie übersetzten zahlreiche buddhistische Texte aus einer Reihe buddhistischer Sprachen ins Alttürkische. Hierbei stützten sie sich auf die Hilfe von Mönchen, die aus Nordindien, Gandhara, Han-China und, besonders, aus der sogdischen Gemeinschaft in Turfan kamen. Als die wichtigsten Kaufleute der Seidenstraße brachten die Sogdier Mönche hervor, die naturgemäß vielsprachig waren. Das Hauptcharakteristikum des alttürkischen Buddhismus war seine Anziehungskraft auf einfache Menschen, da er viele bekannte lokale Götter des Zoroastrismus und der Tengri-Religion in das Gefolge Buddhas aufnahm. Die Tengri-Religion war das traditionelle vor-buddhistische Glaubenssystem der verschiedenen Steppenvölker der Mongolei.

Die Westtürken beherrschten zunächst Dzungarien und das nördliche Westturkistan. Im Jahr 560 nahmen sie den Weißen Hunnen (Hephtaliten) den westlichen Teil der Seidenstraße ab und wanderten schrittweise nach Kashgar, Sogdien und Baktrien. Sie begründeten auch eine gewisse Präsenz im afghanischen Gandhara. Im Zuge ihrer Ausbreitung nahmen viele von ihnen den buddhistischen Glauben an – besonders die Formen, die sie in den von ihnen eroberten Gegenden vorfanden.

Die Situation des Buddhismus bei der Ankunft der Westtürken

Der Buddhismus hatte vor der Wanderung der Westtürken im zentralen und südlichen Westturkistan Jahrhunderte lang unter der aufeinanderfolgenden Herrschaften der Gräko-Baktrer, der Shaka, der Kushan, der persischen Sassaniden und der Weißen Hunnen geblüht. Der han-chinesische Indienpilger Faxian (Fa-hsien) durchwanderte diese Gegend zwischen 399 und 415 und berichtete, dass sie voller aktiver Klöster sei. Doch als die Westtürken hundertfünfzig Jahre später in dieser Gegend eintrafen, befand sich der Buddhismus besonders in Sogdien in einem geschwächten Zustand. Es war offensichtlich während der Herrschaft der Weißen Hunnen zu einem Niedergang gekommen.

Die Weißen Hunnen waren größtenteils verlässliche Unterstützer des Buddhismus. Im Jahr 460 zum Beispiel hatte ihr Herrscher einen Fetzen von Buddhas Robe als Reliquienopfergabe von Kashgar an einen der nördlichen chinesischen Höfe gesandt. Doch im Jahr 515 stiftete der weißhunnische König Mihirakula eine Verfolgung des Buddhismus an, angeblich unter dem Einfluss der eifersüchtigen manichäischen und nestorianisch-christlichen Parteien an seinem Hof. Zu den schlimmsten Schäden kam es in Gandhara, Kaschmir und im westlichen Teil Nordindiens, doch in einem beschränkterem Umfang erstreckten sie sich bis Baktrien und Sogdien.

Der nächste bemerkenswerte han-chinesische Indienpilger, Xuanzang (Hsüan-tsang), besuchte ungefähr im Jahr 630 Samarkand, die westtürkische Hauptstadt in Sogdien. Er stellte die Präsenz zahlreicher buddhistischer Laienanhänger fest, gegen welche die ortsansässigen Zoroastrier feindlich gesinnt waren. Die beiden wichtigsten buddhistischen Klöster waren leer und geschlossen. Allerdings hatte im Jahre 622, also einige Jahre vor der Ankunft des Xuanzangs, der westtürkische Herrscher von Samarkand, Tongshihu Qaghan, den Buddhismus unter der Anleitung des Prabhakaramitras, eines besuchenden nordindischen Mönches, förmlich angenommen. Xuanzang ermutigte den König, die verlassenen Klöster in der Nähe der Stadt wieder zu öffnen und sogar noch weitere zu bauen.

Der König und seine Nachfolger folgten dem Rat des chinesischen Mönchs und errichteten mehrere neue Klöster in Sogdien – nicht nur in Samarkand, sondern auch im Fergana-Tal und im heutigen westlichen Tadschikistan. Sie verbreiteten ferner eine Mischung der sogdischen und kashgarischen Formen des Buddhismus bis in den Norden Westturkistans. Hier errichteten sie neue Klöster im Talas-Flusstal, im heutigen südlichen Kasachstan, im Chu-Flusstal im nordwestlichen Kirgistan und in Semirechiye im südöstlichen Kasachstan, in der Nähe des heutigen Almati.

Anders als in Sogdien fand Xuanzang in Kashgar und Baktrien, den anderen großen, von den Westtürken kontrollierten Gebieten, zahlreiche blühende buddhistische Klöster vor. Kashgar hatte Hunderte von Klöstern und Zehntausende von Mönchen, während die Zahlen in Baktrien bescheidener waren. Das größte Kloster der gesamten Region war das Nava Vihara (Nawbahar, Nowbahar) in Balkh, der Hauptstadt von Baktrien. Es war das Hauptzentrum für höhere buddhistische Studien in ganz Zentralasien und hatte Satellitenklöstern in Baktrien und Parthien, die ebenfalls Nava Vihara hießen.

Das Nava Vihara war wie eine Universität organisiert und ließ nur Mönche zu, die bereits selbst gelehrte Texte verfasst hatten. Sie war berühmt für ihre erstaunlich schönen Buddhafiguren, bekleidet mit wertvollen Seidenroben und verschwenderisch geschmückt mit großartigen Juwelenornamenten, was dem Brauch der hier ansässigen Anhänger des Zoroastrismus entsprach. Die Klosteruniversität hatte besonders enge Verbindungen zu Khotan, wohin sie viele Lehrer schickte. Nach Xuanzangs Angaben hatte Khotan zu jener Zeit hundert Klöster mit fünftausend Mönchen.

Der Niedergang der Westtürken

In der Mitte des 7. Jahrhunderts begann den Westtürken die Kontrolle über die Gebiete in West- und Ost-Turkistan zu entgleiten. Als erstes verloren sie Baktrien an ein anderes buddhistisches Turkvolk, die Turki Shahis, die Gandhara beherrschten. Xuanzang fand die Lage des Buddhismus in Gandhara schlimmer als in Baktrien, auch wenn die Westtürken 591, etwas nördlich von Kabul, ein Kloster in Kapisha errichtet hatten. Das Hauptkloster auf der Kabul zugewandten Seite des Khyberpasses, Nagara Vihara, gleich südlich des heutigen Jalalabad, beherbergte die Schädelreliquie des Buddhas und war eine der heiligsten Pilgerstätten der buddhistischen Welt. Doch seine Mönche waren besitzgierig geworden und forderten von jedem Pilger eine Goldmünze, um die Reliquie zu sehen. Es gab in der ganzen Region keine Studienzentren.

Auf der punjabischen Seite hielten die Mönche lediglich noch die mönchischen Regeln der Disziplin aufrecht; die buddhistischen Lehren verstanden sie kaum noch. Im Swat-Tal (Oddiyana) zum Beispiel stellte Xuanzang fest, das viele Klöster verlassen waren und in Ruinen standen. In den noch bestehenden Klöstern vollzogen die Mönche nur noch Rituale, um von übernatürlichen Wesen Schutz und Zauberkräfte zu erhalten. Es gab dort keine Tradition des Studiums oder der Meditation mehr.

Ein früherer han-chinesischer Reisender, Songyun (Sung-yün), besuchte die Swat-Region im Jahr 520, also fünf Jahre nach der Verfolgung durch Mihirakula. Er berichtete, dass die Klöster zu dieser Zeit noch immer in Blüte standen. Offensichtlich führten die weißhunnischen Herrscher ihre anti-buddhistische Politik in den entlegeneren Gebieten ihres Reiches weniger streng durch. Der darauffolgende Niedergang der Klöster im Swat während des Jahrhunderts zwischen den Besuchen der beiden chinesischen Pilger wurde von einigen schweren Erdbeben und Überschwemmungen verursacht. Das Gebirgstal verarmte, der Handel durch Gilgit nach Ostturkistan war abgeschnittenen worden. So verloren die Klöster praktisch ihre gesamte wirtschaftliche Unterstützung und jeglichen Kontakt mit anderen buddhistischen Kulturen. Örtlicher Aberglaube und schamanische Praktiken vermischten sich dann mit dem, was vom buddhistischen Wissen übergeblieben war.

Im Jahr 650 schrumpfte das Reich der Westtürken weiter, als sie Kashgar an die Han-Chinesen verloren, die seit der Gründung der Tang Dynastie im Jahr 618 ihr Herrschaftsgebiet ausgedehnt hatte. Bevor sie die Kontrolle über Kashgar errangen, hatten die Tang-Streitkräfte den Osttürken zuerst die Mongolei und dann die Stadtstaaten am nördlichen Rand des Tarimbeckens abgenommen. Da die Bedrohung durch die Han wuchs und die schwachen Westtürken nicht in der Lage waren, sie zu beschützen, ergaben sich Kashgar und das unabhängige Khotan am südlichen Rand des Tarimbeckens friedlich.

Tibet

Während des zweiten Viertels des 7. Jahrhunderts vereinten die Tibeter ihr Land. König Songtsen-Gampo (Srong-btsan sgam-po, reg. 617 – 649) errichtete ein Reich, das sich vom nördlichen Burma bis zu den Grenzen Han-Chinas und Khotans erstreckte. Es umfasste auch Nepal, das sich zu dieser Zeit auf das Kathmandutal beschränkte, als Vasallenstaat. Nach Errichtung seiner Herrschaft führte Songtsen-Gampo in den späten 640er Jahren den Buddhismus in seinem Land ein. Dies geschah allerdings in einem äusserst begrenzten Ausmaße und unter Vermischung verschiedener buddhistischer Aspekte aus Han-China, Nepal und Khotan. Als die Tibeter ihr Gebiet ausdehnten, nahmen sie der chinesischen Tang-Dynastie im Jahr 663 Kashgar ab und errichteten im selben Jahr ihre Herrschaft in Gilgit und über den Wakhan-Korridor, wodurch sie Westtibet mit den östlichen Baktrien verbanden.

Ganges-Indien

Seit frühester Zeit hat der Buddhismus mit dem Hinduismus und dem Jainismus in der Ganges-Ebene des nördlichen Indiens harmonisch koexistiert. Seit dem 4. Jahrhundert u. Z. betrachteten die Hindus Buddha als eine der zehn Inkarnationen (Skt. avatara) ihres eigenen höchsten Gottes Vishnu. Auf der Volksebene sahen viele Hindus den Buddhismus als eine andere Form ihrer eigenen Religion. Die Kaiser der ersten Gupta-Periode (320 - 500) unterstützten oft die Tempel, Klöster und Lehrer beider Überzeugungen. Sie errichteten zahlreiche buddhistische Klosteruniversitäten, in denen die philosophische Debatte florierte und von denen die Berühmteste Nalanda im heutigen zentralen Bihar war. Sie erlaubten auch anderen buddhistischen Ländern den Zugang zu ihren Pilgerstätten innerhalb ihres Herrschaftsbereichs. So gab beispielsweise Kaiser Samudragupta dem König Meghavanna (reg. 362 – 409) von Sri Lanka die Erlaubnis, das Mahabodhi-Kloster in Vajrasana (dem heutigen Bodh Gaya) zu errichten, wo der Buddha die Erleuchtung erlangt hatte.

Die Weißen Hunnen regierten Gandhara und den westlichen Teil des nördlichen Indiens nahezu das ganze 6. Jahrhundert hindurch. Mihirakulas Klosterzerstörungen reichten bis nach Kaushambi in der Nähe des heutigen Allahabad in Uttar Pradesh. Von Anfang an bemühten sich die Kaiser der zweiten Gupta-Periode (vom späten 6. Jahrhundert bis 750), die zerstörten Klöster wiederherzustellen. Bei Xuanzangs Durchreise standen viele von ihnen westlich von Kaushambi immer noch in Trümmern. Die östlichen, in Maghada liegenden Klöster dagegen, wie Nalanda und Mahabodhi, standen weiterhin in Blühte.

Kaiser Harsha (reg. 606 – 647), der stärkste Förderer des Buddhismus unter den Gupta-Kaisern, beherbergte tausend Nalanda-Mönche an seinem Hof. Er verehrte den Buddhismus in einem so hohen Maß, dass er beim ersten Treffen mit Xuanzang angeblich in der traditionellen hinduistischen Respektserweisung die Füsse des han-chinesischen Mönches berührte.

Harsha wurde im Jahre 647 durch den anti-buddhistischen Minister Arjuna gestürzt, der die Gupta-Herrschaft kurz usurpierte. Als Arjuna den han-chinesischen Pilger Wang Xuance (Wang Hsüan-tse), misshandelte und die meisten Mitglieder seiner Reisegesellschaft ausrauben und töteten ließ, floh der Mönch, der auch ein Gesandter des Tang-Kaisers Taizung (T‘ai-tsung, reg. 627 – 650) war, nach Nepal. Hier erbat er die Hilfe des tibetischen Kaisers Songtsen-Gampo, der 641 die Tochter des Tang-Kaisers, Prinzessin Wencheng (Wen-ch‘eng), geheiratet hatte. Mit Hilfe seiner nepalesischen Vasallen stürzte der tibetische Herrscher Arjuna und setzte die Gupta-Herrschaft wieder ein. Danach erfreute sich der Buddhismus weiterhin einer bevorzugten Stellung im nördlichen Indien.

Kaschmir und Nepal

In Kaschmir und Nepal florierte der Buddhismus, wie im nördlichen Indien, in Staaten, die vorrangig hinduistisch waren. Xuanzang berichtete, dass sich der Buddhismus in Kaschmir von der Verfolgung durch Mihirakula größtenteils erholt hatte, besonders dank der Unterstützung durch den Begründer der damaligen neuen Karkota-Dynastie (630 – 856).

Nepal dagegen war der Herrschaft der Weißen Hunnen entgangen. Die Herrscher der Licchavi-Dynastie (386 – 750) unterstützten den Buddhismus ununterbrochen weiter. Im Jahr 643 vertrieb der tibetische König Songtsen-Gampo Vishnagupta, einen Usurpator dieser Dynastie und setzte König Narendradeva, den Thronfolger von Nepal, der in Tibet Schutz gefunden hatte, wieder ein. Dieser Vorfall hatte allerdings keine Wirkung auf den Stand des nepalesischen Buddhismus im Kathmandu-Tal. In der Folgezeit heiratete Songtsen-Gampo Prinzessin Bhrkuti, die Tochter des Königs Narendradeva und stärkte hierdurch die Verbindungen zwischen den beiden Ländern.

Zusammenfassung

Der Buddhismus war somit bei der Ankunft der muslimischen Araber in der Mitte des 7. Jahrhunderts in fast allen Teilen Zentralasiens präsent. Am stärksten war er in Baktrien, Kaschmir und im Tarimbecken vertreten; in Gandhara und der Mongolei war er verbreitet, wenn auch auf einem niedrigen Verständnisniveau; in Tibet war er gerade eingeführt worden und in Sogdien erlebte er seit kurzen eine Renaissance. Der Buddhismus war allerdings nicht der einzige Glaube in diesen Gebiete. Es gab auch Zoroastrier, Hindus, nestorianische Christen, Juden, Manichäer und Anhänger des Schamanismus, des Tengrismus und anderer einheimischer, nichtorganisierter Glaubenssysteme. An den Grenzen Zentralasiens war der Buddhismus in Han-China, Nepal und im nördlichen Indien stark vertreten, wo seine Anhänger friedlich mit Taoisten, Konfuzianern, Hindus und Jainas zusammenlebten.

Am Vorabend der Ankunft der muslimischen Araber in Zentralasien herrschten die Turki Shahis in Gandhara und Baktrien, während die Westtürken Sogdien und Teile des nördlichen Westturkistan kontrollierten. Die Tibeter hielten Gilgit und Kashgar, während die chinesische Tang-Dynastie das übrige Tarimbecken und die Mongolei kontrollierte. Die Osttürken der Mongolei mussten während einer kurzen Zwischenperiode der han-chinesischen Herrschaft vorübergehend in Wartestellung verharren.