Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil IV: Mit ausgeglichener Sensibilität reagieren

14 Unsere angeborenen Geistesfaktoren beeinflussen

Ausgeglichene Sensibilität erfordert den Abbau der von unserem Geist ge­schaffenen täuschenden, dualistischen Erscheinungen und die Nutzung aller Formen unseres grundlegenden Tiefen Gewahrseins und unserer natürlichen Talente. Darüber hinaus müssen wir auch mit den Geistesfaktoren arbeiten, die zwar unsere geisti­ge Ak­tivität strukturieren, jedoch nicht Teil unserer Buddha-Natur sind. In der Literatur des Abhidharma werden die relevanten Geis­t­es­fak­toren eingehend beschrieben.

Zehn Geistesfaktoren, die jeden Augenblick unserer Erfahrung begleiten

Alle Systeme des Abhidharma gehen von fünf immer in Funktion befindlichen Geistesfaktoren aus. Diese sind: Drang, Unterscheidung, Aufmerksamkeit, kontaktierendes Gewahrsein und das Empfinden irgendeinen Grades von Glück. Einige Systeme schließen noch fünf weitere Faktoren ein, die sie auf die weitest mögliche Weise definieren: Achtsamkeit, Interesse, Konzentration, Urteilsvermögen und Absicht. Dieser Sichtweise wollen wir hier folgen.

(1) Drang bringt unseren Geist dazu, sich auf eine spezielle Erfahrung hin zu bewegen. In einigen Systemen wird dieser Faktor mit dem Karma gleichgesetzt – dem Faktor, der uns aufgrund vergangenen Verhaltens und früherer Gewohnheiten dazu bringt, das Leben auf unsere jeweils eigene Art und Weise zu erfahren. In anderen Systemen entspricht dieser Faktor der Motivation.

(2) Unterscheidung ist der Geistesfaktor, der spezifische Objekte innerhalb eines von den Sinnen erfassten Bereichs von ihrem Hintergrund unterscheidet und spezifische geistige oder emotionale Zustände innerhalb einer Erfahrung erkennt. Dieser Faktor wird gewöhnlich mit „ Wiedererkennen“ übersetzt, was jedoch ein irreführender Begriff ist. Dieser Geistesfaktor vergleicht, was er unterscheidet, weder mit früheren Erfahrungen noch benennt er es.

(3) Aufmerksamkeit richtet uns auf ein spezifisches Objekt innerhalb eines von den Sinnen erfassten Bereichs oder auf einen spezifischen geistigen oder emotionalen Zustand innerhalb einer Erfahrung aus. Sie ist Ursache dafür, dass wir uns auf ein Objekt konzentrieren oder es auf bestimmte Weise betrachten. Wir können sorgfältig unse­re Auf­merksamkeit auf etwas richten oder wir können aufmerksam für seinen Wert sein.

(4) Kontaktierendes Gewahrsein ist das Gewahrsein, das angenehmen, neutralen oder unangenehmen Kontakt mit spezifischen Objekten oder mit spezifischen geistigen oder emotionalen Zuständen herstellt. Dabei handelt es sich um die Objekte und Zustände, denen unsere Aufmerksamkeit gilt und die wir gleichzeitig als angenehm, neutral oder unangenehm empfinden.

(5) Gefühl bezieht sich ausschließlich auf die Empfindung ir­gend­eines Grades von Glück – mit anderen Worten, glücklich, neutral oder unglücklich. Gefühl entspricht immer der Stimmung des kontaktierenden Gewahrseins, das die vom Gefühl charakterisierten Er­fahr­ungen stets begleitet.

(6) Interesse lässt unseren Geist nicht wünschen, das, was er hält, wieder loszulassen. Interesse unterscheidet sich von Anhaftung, die ja die guten Qualitäten eines geistigen Objekts übertreibt. Wir differenzieren hier zwischen Interesse und Motivation. Motivation führt nur zur anfänglichen Wahrnehmung eines Objekts oder eines geistigen bzw. emotionalen Zustands. Nehmen wir das Objekt erst einmal war, kann es vielleicht unser Interesse erwecken.

(7) Achtsamkeit ist die mentale Aktivität, die ein Objekt oder einen geistigen bzw. emotionalen Zustand im Griff behält, sobald sich die Aufmerksamkeit darauf gerichtet hat. Derselbe Begriff bedeutet auch „sich an etwas erinnern“ und „sich einer Sache bewusst sein“, wobei sich „ erinnern“ hier nicht auf die geistige Aktivität bezieht, die einen Eindruck bewahrt. Es bezeichnet auch nicht den geistigen Akt, der auf ein Objekt fokussiert. Es beinhaltet nur, dass die Aufmerksamkeit auf ein geistiges Objekt gerichtet bleibt, nachdem man sich ihm zugewandt hat.

(8) Konzentration ist die geistige Aktivität, durch die man bei einem Objekt oder geistigen bzw. emotionalen Zustand verweilt. Konzentration verhält sich direkt proportional zur Achtsamkeit dem Objekt gegenüber. Einige Texte beschreiben Achtsamkeit und Konzentration als den aktiven und passiven Aspekt ein und derselben geistigen Funktion.

(9) Urteilsvermögen stärkt unsere Gewissheit in Bezug auf das, was wir unterscheiden. Es unterscheidet auch zwischen Alternativen. Die gängige Übersetzung dieses Faktors – „Weisheit“ – ist irreführend. Wir kön­nen uns nämlich auch einer falschen Sache vollkommen sicher sein.

(10) Absicht führt dazu, dass wir auf das, was wir unterschieden haben, reagieren.

Um diese zehn Faktoren besser zu verstehen, wollen wir ein Beispiel aus dem Alltag heranziehen. Angenommen wir hätten eine klei­ne Tochter und müssten sie abends ins Bett bringen. Wir verspüren den Drang, später noch einmal in ihr Zimmer zu schauen. Dabei unterscheiden wir zwischen einer Gestalt auf dem Bett und der Farbe und Form des Bettes selbst. Dann blicken wir mit Aufmerksamkeit auf die Form. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf die Form als Anblick unseres Kindes, der uns angenehm ist. Der Kon­takt mit diesem Anblick ist ein angenehmes Gewahrsein, und auf dieser Basis erleben wir ihn mit einem Glücksgefühl.

Wegen unseres Interesses mögen wir unseren Blick nicht mehr vom Anblick unserer schlafenden Tochter lösen. Dabei hält Acht­sam­keit unsere Aufmerksamkeit bei dem Anblick und wir verweilen mit Konzentration auf ihm. Urteilsvermögen bringt Gewissheit, dass unsere Tochter nicht richtig zugedeckt ist. Wir unterscheiden ebenfalls zwischen dem Zustand, in dem sich die Decken befinden, und dem, in dem sie sich befinden sollten, damit sie sich nicht erkältet. So entsteht die Absicht, den Raum zu betreten und sie wieder in ihre Decken zu wickeln. Alle zehn Geistesfaktoren sind aufs Engste an dem Mechanismus beteiligt, der uns angemessen sensibel mit unserem Kind umgehen lässt.

Das ganze Spektrum der Geistesfaktoren

Jeder dieser Geistesfaktoren umfasst ein ganzes Spektrum.

(1) Drang entsteht zu konstruktiven, neutralen oder destruktiven Handlungen, die darin bestehen können, etwas zu tun oder es zu vermeiden. Wir haben vielleicht den Drang, während der Nacht nach unserem Kind zu sehen, oder den Drang, es zu ignorieren. Abhängig davon, was wir sehen, vom Tagesablauf, den wir uns angewöhnt haben und von unserer seelischen Grundstimmung, haben wir vielleicht den Drang, sie auszuschimpfen, weil das Licht immer noch brennt, den Drang, sanft mit ihr zu sprechen und ihr zu erklären, dass jetzt Schlafenszeit ist, oder aber den Drang, überhaupt nichts zu sagen.

(2) Wenn wir in das Zimmer unserer Tochter schauen, unterscheiden wir viele Dinge: zum Beispiel, dass unsere Tochter sich aufgedeckt hat, oder das auf dem Fußboden verstreute Spielzeug. Außerdem unterscheiden wir auch noch in unterschiedlichen Fein­heits­gra­den. Wenn wir auf den Boden schauen, können wir entweder bloß Spielzeug im Allgemeinen oder aber ein bestimmtes Spielzeug erkennen.

(3) Wir zollen dem, was wir unterscheiden, verschiedene Grade von Aufmerksamkeit – von voller Aufmerksamkeit über wenig bis zu keiner. Wir könnten beispielsweise den Decken besondere Aufmerksamkeit widmen, dem Spielzeug hingegen wenig, obschon wir es sehen und vom Teppich unterscheiden. Des Weiteren zollen wir dem, was wir unterscheiden, verschiedene Arten Aufmerksamkeit – einige davon sind korrekt, andere nicht. Während wir das Spielzeug am Boden aufmerksam betrachten, erscheint es uns entweder als endlose Schweinerei oder als vorübergehende Unordnung. Ebenso erkennt unsere Aufmerksamkeit einige Objekte als angenehm, andere als unangenehm oder neutral. Der Anblick unserer schlafenden Tochter ist für unsere Aufmerksamkeit angenehm, das verstreute Spielzeug unangenehm und der Teppich neutral.

(4) Kontaktierendes Gewahrsein eines geistigen Objekts umfasst das ganze Spektrum von angenehm über neutral bis unangenehm, und es steht stets in Übereinstimmung damit, wie wir das Objekt betrachten bzw. ihm Aufmerksamkeit zollen. Wir kontaktieren den Anblick unserer schlafenden Tochter, den wir als angenehm empfinden, mit angenehmem Gewahrsein, den Anblick des Spielzeugs mit unangenehmem Gewahrsein und den des Teppichs mit neutralem Gewahrsein.

(5) Unsere Gefühle gegenüber einem Objekt umspannen ebenfalls das Spektrum von angenehm über neutral zu unangenehm und stimmen mit der Stimmung unseres kontaktierenden Gewahrseins des Objekts überein. Wir fühlen uns glücklich beim Anblick unserer Tochter, unglücklich beim Anblick des unaufgeräumten Spielzeugs und neutral, wenn wir den Teppich sehen.

(6) Unser Interesse reicht von starkem über schwaches bis hin zu keinerlei Interesse. Unsere schlafende Tochter betrachten wir wahrscheinlich mit großem Interesse und wollen nirgends anders hinschauen. Andererseits haben wir wohl kein Interesse daran, den Tep­pich weiter zu betrachten, wenn wir ihn sehen. Unsere Augen kehren augenblicklich zum Bett zurück.

(7) Achtsamkeit umfasst das gesamte Spektrum von Stärke und Qualität beim geistigen Verweilen auf einem Objekt – von übertrieben festem und angespanntem über mittleres bis zu schwachem, lockerem und schließlich so gut wie keinem Verweilen auf dem Ob­jekt mehr. Wir können mit unserer Aufmerksamkeit so fest beim Anblick unserer Tochter verweilen, dass unser Geist nicht abzuwandern beginnt oder schläfrig wird. Den Teppich hingegen betrachten wir wahrscheinlich mit so lockerer Aufmerksamkeit, dass wir ihn schnell wieder aus dem Blick verlieren.

(8) Auch die Konzentration kann stark, schwach oder so gut wie nicht vorhanden sein. Unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich sicherlich auf unsere Tochter und nicht auf den Teppich.

(9) Beim Urteilsvermögen gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten, und es umfasst das gesamte Spektrum unterschiedlicher Grade von Gewissheit in Bezug auf das, was es über das Objekt herausfindet. Wir können beurteilen, wie die Decken liegen, und dass unsere Tochter sich erkälten könnte, sind uns dessen aber nicht unbedingt ganz sicher. Wir können ebenfalls beurteilen, was zu tun ist. Dabei mag unser Urteil korrekt sein oder auch nicht. Manchmal beurteilen wir etwas vollkommen falsch und sind uns dabei ganz sicher, obwohl es falsch ist. Wir könnten schwören, dass die Katze auf den Decken unserer Tochter schläft, doch in Wahrheit ist es nur ein zusammengeknüllter Pullover.

(10) Schließlich haben wir alle möglichen Absichten in Bezug auf das Gesehene, von denen manche hilfreich sind, andere hingegen nicht. Wir haben vielleicht die Absicht, unsere Tochter wieder in die Decken einzuwickeln oder die eingebildete Katze wegzujagen. Manchmal haben wir auch die Absicht, nichts zu tun.

Wie die Geistesfaktoren in Momenten der Unsensibilität funktionieren

Um unsere Sensibilität zu stärken, wenn sie schwach ist, müssen wir erkennen, dass die zehn Geistesfaktoren andauernd wirksam sind, selbst wenn es nicht so scheint. Obwohl sie vielleicht am untersten Ende ihres Spektrums wirken, sind alle stets vorhanden – solange wir uns nicht in tiefer meditativer Versenkung befinden. Um angemessen sensibel mit anderen und uns selbst umgehen zu können, müssen wir lediglich die Funktionsebene bestimmter, bereits vorhandener Geistesfaktoren stärken oder verändern. Sobald wir das erkennen, erscheint uns unsere Aufgabe schon weniger entmutigend.

Nehmen wir einmal an, wir säßen beim Abendessen einem Verwandten gegenüber und würden wegen unseres mangelnden Feingefühls nicht bemerken, dass er oder sie verärgert ist. Nun wollen wir die Situation analysieren, um die Aktivität der zehn Geistesfaktoren in diesem Zusammenhang zu erkennen. Während des Essens schauen wir – ganz in die eigenen Gedanken versunken – hauptsächlich auf unseren Teller. Ab und zu entsteht jedoch der Drang aufzublicken. Jedes Mal sehen wir das Gesicht unseres Verwandten mit seiner gerunzelten Stirn und seinem verzogenen Mund. Wir können diesen Anblick von dem der dahinterliegenden Wand unterscheiden. Wir zollen ihm jedoch nur minimale Aufmerksamkeit, so dass wir den Gesichtsausdruck kaum bemerken. Tatsächlich halten wir den Gesichtsausdruck unseres Verwandten für unbedeutend und empfinden daher seinen Anblick als neutral. Unser kontaktierendes Gewahrsein des Anblicks ist ebenfalls neutral, und wir fühlen uns weder glücklich noch unglücklich.

Das Interesse, mit dem wir das Gesicht unseres Verwandten betrachten, ist minimal. Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Daher wid­men wir seinem Anblick minimalste Achtsamkeit. Schnell sind wir wieder in eigene Gedanken verwickelt. Unsere Konzentration beim Anblick seines Gesichts ist äußerst schwach, und so blicken wir schon bald wieder auf unseren Teller. Unsere Beurteilung unseres Ver­wand­ten, nämlich dass alles in Ordnung ist, ist inkorrekt. Es ist unsere Absicht, ihn zu ignorieren und Fernsehen zu schauen, sobald wir mit dem Essen fertig sind.

Die Hauptquelle für unseren Mangel an Sensibilität ist in diesem Fall unsere übertriebene Beschäftigung mit uns selbst. Um diese zu überwinden, brauchen wir die transformierenden Einsichten der Leerheit und des Mitgefühls in Bezug auf unseren Verwandten. Die Abbautechniken helfen uns, diese beiden zu entwickeln. Ausgerüstet mit diesen beiden unverzichtbaren Faktoren, werden wir bemerken, wie sich bei uns Drang, Aufmerksamkeit, Interesse, Achtsamkeit, Konzentration, Urteilsvermögen und Absichten automatisch verändern. Wir werden ganz natürlich zu sensibleren Menschen, die sowohl bemerken, was sie erleben, als auch mit Freundlichkeit darauf reagieren.

Übung 16: Unsere angeborenen Geistesfaktoren beeinflussen

Die erste Phase dieser Übung beinhaltet, dass wir die zehn angeborenen Geistesfaktoren erkennen und begreifen, dass wir sie beeinflussen können. Wir müssen allerdings vorsichtig sein, damit wir diesen Regelungsprozess nicht als etwas sehen, was irgendein Boss in unserem Kopf durchführt, indem er an den Knöpfen eines komplexen Schaltpults dreht. Jede auftretende Veränderung ist das Ergebnis von Motivation, Drang und Willenskraft – Geistesfaktoren, die ebenfalls unsere Erfahrungen begleiten. Da wir mit jedem der zehn Faktoren einzeln arbeiten, ist es besonders wichtig im Sinn zu behalten, dass immer alle zehn gleichzeitig in Funktion und in einem integrierten Netzwerk unauflöslich miteinander verwoben sind.

Wenn wir allein oder in einer kleinen Gruppe arbeiten, können wir für diese Übungsphase einen Pullover oder ein anderes Kleidungsstück als Hilfsmittel auf den Boden vor uns hinlegen. Ist die Gruppe sehr groß, können wir den Pullover hoch genug im Raum aufhängen, damit jeder Teilnehmer ihn gut sehen kann.

(1) Wir beginnen, indem wir ruhig sitzen und beobachten, was wir wahrnehmen. Es kann ein Drang entstehen, den Pullover anzuschauen, zur Seite zu blicken oder uns am Kopf zu kratzen. Wir können darauf reagieren, indem wir dem Drang entweder nachgeben oder uns zurückhalten. Obwohl ein Drang meistens unbewusst entsteht, können wir durch bewusste Motivation auch absichtlich den Drang erzeugen, etwas Bestimmtes zu tun. Um das zu üben, stellen wir uns vor, uns sei kalt. Weil wir unbedingt wollen, dass uns wieder warm wird, beschließen wir nach etwas zum Anziehen Ausschau zu halten. Das lässt den Drang entstehen, uns im Raum nach einem Pullover umzusehen, was wir nun auch tun. Wir machen uns bewusst, dass wir auf die gleiche Weise den Drang erzeugen können, uns um jemanden zu kümmern, wenn wir von liebevoller Zuneigung motiviert sind.

(2) Als Nächstes untersuchen wir den Geistesfaktor des Unterscheidens. Sehen wir uns im Raum, in dem wir sitzen, um, unterscheiden wir ganz von selbst viele Dinge. Ohne daran denken zu müssen, unterscheiden wir zum Beispiel automatisch einen Stuhl von einer Wand, ein Stuhlbein von den anderen Teilen des Stuhls oder einen Kratzer am Stuhlbein von dessen übriger Oberfläche.

Wir können auch willentlich etwas Bestimmtes unterscheiden, zum Beispiel den Gesichtsausdruck einer Person. Das hängt von unserem Interesse ab. Um das Unterscheiden zu üben, betrachten wir den Pullover und versuchen, das Kleidungsstück vom Boden, auf dem es liegt, zu unterscheiden sowie den Kragen von den Ärmeln; dabei interessieren wir uns besonders dafür, ob der Pullover einen V-Ausschnitt hat.

(3) Auch Aufmerksamkeit ist eine Variable, die unsere Wahrnehmung beeinflusst. Wieder sehen wir uns im Raum um und versuchen zu bemerken, dass bestimmte Dinge unsere Aufmerksamkeit automatisch auf sich ziehen, während andere das nicht tun. Wenn wir entsprechend motiviert sind, können wir uns auch dafür entscheiden, einer Sache, die wir sehen, mehr Aufmerksamkeit zu zollen, zum Beispiel dem Gesichtsausdruck einer Person. Wir üben, unsere Aufmerksamkeit zu stärken, indem wir uns dem Pullover zuwenden und beschließen, genau nach eventuellen Katzenhaaren Ausschau zu halten, weil wir allergisch gegen Katzen sind. Dann zollen wir dem Pullover unsere vollste Aufmerksamkeit.

Es ist ein weiterer Aspekt der Aufmerksamkeit, wie wir dem, was wir wahrnehmen, unsere Aufmerksamkeit zollen – wie wir es betrachten oder darüber denken. Das ist aufs Engste mit der Art des Gewahrseins verbunden, mit dem wir (4) den mentalen Kontakt mit dem Objekt wahrnehmen und (5) dem Grad des Glücks oder Unglücks, das wir bei diesem Kontakt empfinden. Wenn wir zum Beispiel unsere Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richten, den wir mögen – etwa ein attraktives Kleidungsstück im Regal – , ist damit ein angenehmes kontaktierendes Gewahrsein verbunden und wir erfahren Glück. Richten wir andererseits unsere Aufmerksamkeit auf etwas, das uns nicht gefällt, zum Beispiel eine lästige, brummende Fliege, erleben wir ein unangenehmes kontaktierendes Gewahrsein und sind unglücklich. Wieder blicken wir uns im Raum um und versuchen festzustellen, dass unsere Aufmerksamkeit ganz natürlich allem gilt, was wir lieben, zum Beispiel einem bestimmten Bild. Ganz anders sieht es bei Dingen aus, die wir nicht mögen, zum Beispiel einem Kratzer auf dem Stuhlbein.

Wir können unsere Aufmerksamkeit auch bewusst auf eine ganz bestimmte Weise auf Dinge richten, wenn wir einen Grund dafür haben. Sind wir zum Beispiel knapp bei Kasse, so zollen wir den Prei­sen auf der Speisekarte eines Restaurants mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich. Kontaktierendes Gewahrwerden einer billigen, aber den­noch wohlschmeckenden Speise ist angenehm und erfreut uns. Das Gegenteil ist der Fall, wenn wir etwas Leckeres sehen, das wir uns nicht leisten können. So können wir auch den Anblick des Gesichtsausdrucks eines Menschen für wichtig halten, wenn uns sein Wohl am Herzen liegt. Wenn wir sehen, dass der andere glücklich ist, erleben wir ein angenehmes kontaktierendes Gewahrsein und sind selbst ebenfalls glücklich. Sehen wir dagegen, dass er oder sie aufgebracht ist, so ist das ein unangenehmer Kontakt und wir sind unglücklich. Nehmen wir dennoch einmal an, wir fänden die Stimmung eines Menschen nicht wichtig. Selbst wenn wir seinen Ge­sichts­ausdruck sähen, wäre unser kontaktierendes Gewahrsein neutral. Wir würden uns weder glücklich noch unglücklich fühlen.

Um die Beziehung zwischen den Geistesfaktoren zu erkennen, versuchen wir bewusst, den Pullover als unser liebstes Kleidungsstück zu sehen, das von einem lieben Menschen für uns gestrickt wurde. Wir haben daher ein angenehmes kontaktierendes Gewahrsein bei seinem Anblick und erfahren ein Gefühl des Glücks. Dann versuchen wir, den Pullover als Ärgernis zu sehen, das Fusseln auf unserem Hemd hinterlässt. Unser kontaktierendes Gewahrsein ist unangenehm, und der Anblick des Pullovers macht uns unglücklich.

(6) Der nächste Geistesfaktor, Interesse, beeinflusst stark die beiden nachfolgenden: (7) Achtsamkeit und (8) Konzentration. Der An­blick bestimmter Dinge – zum Beispiel eines Fußballspiels im Fernsehen – interessiert uns ganz unwillkürlich. Wenn wir es an­schauen, hält unsere Aufmerksamkeit das Geschehen mühelos mit Acht­sam­keit und bleibt mit Konzentration fest darauf gerichtet. Nun blicken wir uns wieder im Raum um und versuchen zu bemerken, dass einige von den Dingen, die wir sehen, uns mehr interessieren als andere.

Wir können unser Interesse etwas anzuschauen oder anzuhören auch beeinflussen. Wir tun das, indem wir uns beispielsweise an ge­wisse Notwendigkeiten erinnern, etwa wenn wir arbeitslos sind und die Stellenangebote in der Zeitung sehen. Eine andere Möglichkeit wäre, uns an die guten Seiten von etwas zu erinnern, zum Beispiel an die Tatsache, dass ein Film immerhin den Oskar gewonnen hat, selbst wenn die Anfangsszene uns langweilt. Wenn wir die Art und Weise verändern, in der wir ein Objekt oder einen Menschen einschätzen, können wir uns dafür entscheiden, mehr Interesse aufzubringen.

Das lässt sich auch darauf anwenden, unser Interesse und unsere Konzentration bezüglich der Stimmung eines anderen Menschen zu verstärken. Wenn wir unsere liebevolle Zuneigung für den Menschen verstärken, sehen wir seine oder ihre Stimmung als etwas Wichtiges an. Sobald wir uns bewusst entscheiden, uns mehr dafür zu interessieren, sehen wir den Gesichtsausdruck des Menschen mit viel mehr Interesse, Achtsamkeit und Konzentration. Das üben wir nun, indem wir uns vorstellen, dass Pullover plötzlich hochmodern geworden sind. Alle unsere Freunde tragen welche. Wenn wir den Pullover jetzt anblicken, sehen wir ihn mit neuem Interesse. Unse­re Aufmerksamkeit erhält den Anblick ganz von selbst aufrecht und bleibt fest darauf gerichtet.

(9) Der nächste Geistesfaktor ist das Urteilsvermögen. Wir beurteilen die verschiedensten Möglichkeiten bei allem, was uns begegnet. Wenn wir zum Beispiel in den Kühlschrank schauen, beurteilen wir den Inhalt und wählen, was wir essen wollen. Nun schauen wir uns wieder im Raum um und versuchen zu bemerken, dass wir beurteilen können, was sorgfältig angeordnet ist und was einfach zufällig herumsteht. Wenn wir verschiedene Dinge verstreut herumliegen sehen, können wir außerdem beurteilen, ob wir sie aufräumen oder einfach liegen lassen wollen.

Mit der entsprechenden Motivation können wir uns auch bewusst entscheiden, die Merkmale eines Objekts oder eines Menschen zu beurteilen. Wer zum Beispiel morgens früh aufstehen muss, kann sich entscheiden, nach dem Wecker zu sehen, um festzustellen, ob er gestellt ist oder nicht. Wenn uns das Wohl eines Menschen am Her­zen liegt, können wir uns ebenfalls bewusst entscheiden, seinen oder ihren Gesichtsausdruck mit unserem Urteilsvermögen zu betrachten, um festzustellen, ob der Mensch glücklich oder unglücklich ist und ob vielleicht ein paar tröstende Worte angebracht wären. Wir üben jetzt das Urteilsvermögen ein, indem wir uns vorstellen, dass wir einen Pullover kaufen möchten, und daher prüfen, ob der vor uns liegende Pullover uns passt und erschwinglich für uns ist. Dann versuchen wir, ihn unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten.

(10) Schließlich untersuchen wir noch den Geistesfaktor Absicht. Normalerweise geht unsere Wahrnehmung der Dinge immer mit den verschiedensten Absichten einher. Wir erkennen, dass auf dem Herd etwas überkocht, und haben, ohne darüber nachdenken zu müssen, unwillkürlich die Absicht, die Kochplatte niedriger zu stellen. Wieder blicken wir uns jetzt im Raum um und versuchen, die automatisch entstehenden Absichten zu beobachten. Abhängig davon, was unser Unterscheidungsvermögen wahrnimmt, was gebraucht wird und wofür wir uns interessieren, entsteht vielleicht die Absicht, das Fenster zu öffnen oder Blumen zu kaufen.

Wir können die Absicht etwas zu tun auch ganz bewusst erzeugen. Wenn wir zum Beispiel sehen, dass der Kühlschrank leer ist, entsteht die Absicht, heute noch einkaufen zu gehen. Das gleiche gilt, wenn uns unser Urteilsvermögen sagt, dass jemand unglücklich ist. Wir können dann die Absicht erzeugen, diesem Menschen gegenüber mehr Sensibilität zu zeigen und ihm mehr emotionale Unterstützung zukommen zu lassen. Jetzt versuchen wir bewusst, eine Ab­sicht zu erzeugen, indem wir zu dem Urteil gelangen, dass der Pullover uns passt und wir ihn uns leisten können. Dann betrachten wir ihn mit der Absicht, ihn kaufen zu wollen.

Die Geistesfaktoren auf andere und auf sich selbst richten

Während des zweiten Teils der ersten Übungsphase, versuchen wir die zehn Geistesfaktoren zu beeinflussen, die unsere Wahrnehmung von Menschen begleiten. Zu diesem Zweck arbeiten wir mit Fotos. Wir beginnen mit dem Foto eines Menschen, den wir mögen, dann nehmen wir das eines Fremden und schließlich arbeiten wir mit dem Foto eines Menschen, der uns unangenehm ist. Wir gehen die gesamte Folge von Schritten mit jeder Person vollständig durch, bevor wir zur nächsten übergehen. Da geistige Bilder gewöhnlich nicht sehr lebendig sind, ist es bei dieser Praxis nicht angebracht, sich jemanden nur vorzustellen. Da wir uns auf den Gesichtsausdruck und die Körpersprache des Menschen konzentrieren wollen, müssen wir einen zufälligen Schnappschuss wählen und kein gestelltes Portraitfoto mit einem festgefrorenen Lächeln. Weiter müssen wir uns vorstellen können, dass das Foto eine lebendige Szene ist, die wir jetzt gerade erleben. Das Beste wäre, ein Video zu benutzen.

Zuerst erzeugen wir bewusst einen motivierten Drang, den Menschen anzuschauen. Wir können uns zum Beispiel vorstellen, dass uns das Wohl des Menschen, den wir mögen, am Herzen liegt und wir mit dem Fremden oder dem uns unangenehmen Menschen reden müssen. Dann versuchen wir, verschiedene Aspekte im Aussehen oder Verhalten des Menschen zu unterscheiden. Er oder sie könn­te zum Beispiel müde oder beschäftigt sein. Aufmerksam betrachten wir diese Dinge, denn sie geben uns Aufschluss darüber, wie wir auf den Menschen zugehen können; auf diese Weise erfahren wir angenehmes kontaktierendes Gewahrsein und sind glücklich, ihn oder sie zu sehen.

Indem wir nochmals unsere fürsorglichen Gefühle für die Person bekräftigen oder die Notwendigkeit einsehen, angemessen mit ihr umzugehen, versuchen wir, uns dafür zu interessieren, was er oder sie fühlt. Unwillkürlich nehmen unsere Achtsamkeit und Kon­zen­tration zu. Mit Urteilsvermögen versuchen wir zu entscheiden, in welcher Stimmung der Mensch ist und ob jetzt wohl die richtige Zeit für ein Gespräch wäre. Dann erzeugen wir bewusst die Absicht entweder auf den Menschen zuzugehen oder die Begegnung lieber auf später zu verschieben. Um uns zu helfen, bei der richtigen Reihenfolge zu bleiben, spricht unser Gruppenleiter oder wir selbst die zehn Schlüsselformeln:

  • „motivierter Drang“,
  • „Unterscheidung“,
  • „Aufmerksamkeit“,
  • „kontaktierendes Gewahrsein“,
  • „Gefühl“,
  • „Interesse“,
  • „Achtsamkeit“,
  • „Konzentration“,
  • „Urteilsvermögen“,
  • „Absicht“ .

Während der zweiten Übungsphase sitzen wir wieder mit unserer Gruppe im Kreis und wiederholen den Ablauf zwei- oder dreimal, indem wir die zehn Schlüsselformeln benutzen und uns jedes Mal für die gesamte Sequenz einem anderen Mitglied der Gruppe zuwenden. Wir versuchen unsere zehn Geistesfaktoren so zu beeinflussen, dass wir uns dem Menschen nähern und angemessen, mit ausgeglichener Sensibilität, mit ihm oder ihr umgehen können.

Während der dritten Phase konzentrieren wir uns wieder auf uns selbst. Zuerst blicken wir in den Spiegel. Normalerweise benutzen wir die zehn Faktoren, um uns zu rasieren oder Lippenstift aufzulegen. Jetzt versuchen wir, sie einzusetzen, um zum Beispiel festzustellen, ob wir krank oder eingefallen aussehen, und, sollte das der Fall sein, die Absicht zu entwickeln, etwas dagegen zu tun, etwa uns mehr Ruhe zu gönnen. Wie zuvor benutzen wir dabei die zehn Schlüsselformeln. Wir müssen allerdings darauf achten, dass wir das, was wir sehen, nicht dualistisch betrachten, so als wäre die Person, die wir anschauen, getrennt von der, die schaut.

Dann legen wir den Spiegel weg und versuchen unsere zehn Geis­tesfaktoren so einzustellen, dass wir uns selbst den ganzen Tag über mit ausgeglichener Sensibilität betrachten. Wir fangen damit an, in­dem wir den Drang erzeugen, uns selbst zu erforschen. Wir erinnern uns, dass wir uns und anderen heute unbewusst Probleme be­rei­ten können, wenn wir nicht in Kontakt mit unseren Gefühlen sind. Wir versuchen, unseren emotionalen Zustand und den Grad unseres Wohl­befindens zu bestimmen und ihnen unsere Aufmerksamkeit zu widmen, weil wir sie für wichtig halten. Bei alldem versuchen wir zu vermeiden, unsere Gefühle zu etwas so Erder­schüt­terndem aufzublasen, dass wir sie aus lauter Narzissmus augenblicklich jedermann mitteilen müssen – als ob andere daran interessiert wären, was wir fühlen. Ebenso versuchen wir, sie nicht dermaßen zu übertreiben, dass wir nur noch jammern können. Da wir angenehmes Ge­wahrsein des Kontakts mit unseren Gefühlen haben, macht es uns unwillkürlich glücklich, sie uns zu Bewusstsein zu bringen.

Unter Umständen entdecken wir auch tief verwurzelte Einsamkeit, Trauer oder Unsicherheit. Trotzdem: Wenn wir unsere Gefühle als relevant für unsere Lebensqualität betrachten und als etwas, das man ändern kann, erfreut uns selbst diese Entdeckung und beängstigt uns nicht. Mit einer derartigen Einstellung haben wir ganz natürlich ein lebhaftes Interesse an unseren Gefühlen und halten unsere Aufmerksamkeit achtsam und voll konzentriert auf sie gerichtet. Mit Urteilsvermögen versuchen wir, zwischen den unterschiedlichen Gefühlen zu unterscheiden und sie in zerstörerische und konstruktive einzuteilen. Dann erzeugen wir die Absicht etwas dafür zu tun, dass sich unsere Stimmung ändert.

Als letzten Schritt betrachten wir nacheinander das Foto eines Men­schen, den wir mögen, dann das eines Fremden und schließlich das einer uns unangenehmen Person. Wir können auch nur an sie denken. Wir versuchen, die zehn Geistesfaktoren auf unsere Gefühle für jeden der Drei anzuwenden. Dann üben wir das Gleiche mit der Serie von Fotos, die uns selbst in verschiedenen Lebensabschnitten zeigen, wobei wir wieder die zehn Schlüsselformeln wiederholen.

Durch diese Übung mit unseren Gefühlen und Emotionen wollen wir keineswegs mehr Selbstzentriertheit erzeugen, sondern mehr Selbsterkenntnis. Eine selbstzentrierte Einstellung, mit der wir uns selbst entweder mit niedrigem oder übertrieben hohem Selbstwertgefühl betrachten, hindert uns daran, natürlich zu handeln. Dann fühlen wir uns selbst und andere sich unbehaglich. Mit Selbsterkenntnis jedoch vermeiden wir es, zwanghaft unüberlegte Dinge zu tun oder zu sagen, die wir dann später bereuen müssten.

Eine ausgeglichene Sichtweise bezüglich anderer und sich selbst entwickeln

Die klassischen Mahayana-Techniken zur Entwicklung von Gleichmut deuten noch auf einen anderen Bereich hin, in dem die Feineinstellung der zehn Geistesfaktoren hilfreich sein kann. Manchmal verlieren wir vor lauter Ärger oder Hass die positiven Qualitäten eines Menschen völlig aus den Augen. Wenn wir hingegen in jemanden vernarrt sind, tun wir das Gleiche mit den negativen Seiten. In beiden Fällen sind unsere Naivität und Unsensibilität Ursache für eine ungesunde Beziehung. Die Einstellung unserer Geistesfaktoren bringt uns zur Realität zurück und führt zu emotionaler Ausgeglichenheit.

Zuerst stellen wir uns jemanden vor, für den wir gewöhnlich nur negative Gefühle empfinden; dabei können wir uns auch eines Fotos bedienen. Indem wir uns vergegenwärtigen, zu welchem inneren Aufruhr unsere Hypersensibilität führt und welche emotionalen Blockaden sie in unseren Beziehungen mit anderen verursacht, erzeugen wir die Motivation, diese Gefühle zu überwinden. Diese Motivation führt zu einem bewussten Drang, besonders auf die guten Seiten des Menschen zu achten. Folglich versuchen wir nun, diese zu unterscheiden und sie aufmerksam zu betrachten, weil wir sie für wertvoll und wichtig halten. Wenn unsere Motivation aufrichtig ist, erleben wir ganz natürlich einen angenehmen Kontakt mit diesem neu gewonnenen Verständnis und schätzen uns glücklich, es entdeckt zu haben.

Weil wir uns an der Erfahrung freuen, entwickeln wir Interesse unsere Probleme mit dem Menschen zu überwinden. Das wiederum führt dazu, dass wir unseren Geist mit Achtsamkeit und Konzentration auf ihn oder sie richten. Mit unserem Urteilsvermögen versuchen wir, uns für einen ausgewogenen Weg der Interaktion zu entscheiden. Schließlich bringen wir die Absicht hervor, uns in unseren Begegnungen an diesen Weg zu halten. Wenn die Person, die wir ausgewählt haben, bereits verstorben sein sollte, versuchen wir die Ab­sicht zu entwickeln, uns jedes Mal, wenn negative Gefühle entstehen, an die guten Seiten zu erinnern.

Wir wiederholen den Prozess nun mit jemandem, in den wir vernarrt sind. Wir versuchen uns zu motivieren, auch die negativen Sei­ten dieses Menschen zu entdecken und anzuerkennen, damit wir nicht länger unsensibel unsere eigenen Bedürfnisse missachten und selbstzerstörerisch handeln. Es könnte zum Beispiel geschehen, dass wir uns nicht ausreichend um unsere anderen Verbindlichkeiten kümmern, weil wir so viel wie möglich mit dem anderen Menschen zusammen sein wollen. Kontaktierendes Gewahrsein der negativen Seiten dieser Person ist natürlich unangenehm und lässt uns eventuell für eine gewisse Zeit traurig werden. Aber darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Ernüchterung in einer Beziehung zieht nicht gleichzeitig einen Verlust an Wärme, Liebe oder Fürsorge nach sich. Tatsächlich vermehrt Ausgeglichenheit diese Aspekte sogar. Wir regeln auch noch die anderen Geistesfaktoren entsprechend und bringen schließlich die Absicht hervor, unsere Beziehung auf eine realistischere Basis zu stellen.

Im letzten Schritt arbeiten wir mit den zehn Geistesfaktoren, um in unseren Gefühlen uns selbst gegenüber ausgeglichener zu werden. Mit unseren gegenwärtigen Gefühlen arbeiten wir direkt, ohne einen Spiegel zu benutzen. Um unsere Gefühle für die Vergangenheit zu lösen, wenden wir uns der Reihe von Fotos aus früheren Tagen zu. Wir nehmen uns jedes der Reihe nach vor und arbeiten mit dem Selbsthass, indem wir unsere guten Seiten von damals erkennen. Wir entscheiden uns bewusst dafür, sie im Sinn zu behalten, wenn wir gegenüber uns selbst zur damaligen Zeit wieder negative Gefühle haben. Um Arroganz zu überwinden, machen wir das Gleiche mit unseren negativen Aspekten.