Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil III: Beseitigung von Missverständnissen bezüglich der Erscheinungen

13 Vier Übungen zum Abbau täuschender Erscheinungen

Übung 12: Die Veränderungen des Lebens visualisieren

Die erste Übung zum Abbau täuschender Erscheinungen hilft uns, den falschen Eindruck zu beseitigen, dass Menschen und Situationen dauerhaft seien. Wir müssen das Gefühl ablegen, dass die Er­schei­nung von Personen, ihre Verhaltensweise und unsere Reaktion auf sie festgelegt seien. Wir beginnen mit einem Menschen, mit dem wir tagaus tagein eine enge Beziehung haben, zum Beispiel einem Verwandten, indem wir entweder sein Foto betrachten oder einfach an ihn denken. Wir bemerken, dass diese Person für uns stets im selben Alter zu existieren scheint – dabei mag es sich um das gegenwärtige Alter handeln oder um ein längst vergangenes. Wir bemerken weiterhin, wie wir wegen dieser Erscheinungsweise un­sensibel mit dem Menschen umgehen. Unsere Eltern zum Beispiel mögen uns immer alt vorgekommen sein, und unsere Kinder scheinen permanent Kinder zu bleiben.

Um diese täuschende Erscheinung abzubauen, versuchen wir Portraits unseres Verwandten zu visualisieren, die jedes Jahr seines Lebens umfassen, von der Geburt bis zum Tod; dabei projizieren wir sein Aussehen in die Vergangenheit und ebenso in die Zukunft. Die verschiedenen Bilder stellen wir uns in einem Stapel vor, wobei sich diejenigen von der Kindheit bis heute auf der einen Seite der jetzigen Person befinden und die von heute bis zu ihrem Tod auf der anderen Seite. Nun blättern wir rasch den ganzen Stapel durch und versuchen, das gegenwärtige Bild des Menschen als nur eines in einer ganzen Serie zu sehen.

Obwohl diese Sichtweise der Wahrheit entspricht, müssen wir natürlich den gegenwärtigen Lebenszustand unseres Verwandten im Blick behalten, um vernünftig mit ihm umgehen zu können. Daher versuchen wir den Menschen abwechselnd durch zwei „Objektive“ zu betrachten. Durch das erste nehmen wir nur seine gegenwärtige Erscheinung wahr. Durch das andere sehen wir, wie sich sein Bild im Laufe eines ganzen Lebens verwandelt. Nachdem wir einige Male zwischen der begrenzten und der erweiterten Perspektive hin und her geschaltet haben, versuchen wir, beide gleichzeitig wahrzunehmen, so wie wir gleichzeitig eine Jalousie und das geschäftige Straßenleben dahinter sehen können. Dabei können wir entweder so vorgehen, dass wir das Foto betrachten und die Veränderungen des Lebens auf das Abbild projizieren, oder wir visualisieren, wie die beiden Bilder sich überlagern. Schließlich lassen wir das Gefühl in uns einsinken, dass die Erscheinung unseres Verwandten in einem bestimmten, festgelegten Alter nicht seine dauerhafte Existenz repräsentiert. Wenn wir in dieser Übung fortgeschritten sind, können wir die Visualisation so ausdehnen, dass sie auch hypothetische vergangene und zukünftige Leben einschließt oder zumindest ein Gefühl für deren Existenz.

Die gleiche Methode kann uns helfen, das auf einem unangenehmen Vorfall beruhende täuschende Gefühl abzubauen, jemand habe eine dauerhafte, einzigartige Existenz als unangenehmer Mensch. Wenn uns zum Beispiel eine Verwandte im Zorn anfährt, sehen wir diese Person häufig noch tagelang ausschließlich in diesem Licht. An­dere Begegnungen mit ihr verlieren wir dabei aus dem Blick. In dieser Übung arbeiten wir nun direkt mit unserer Vorstellung von unserer Verwandten. Wir können ein Foto des Menschen benutzen, um einen Bezugspunkt zu haben, wenn unser Geist abzuwandern beginnt. Andererseits zwängt uns aber ein Foto häufig auch in die Szene, in der es aufgenommen wurde, so dass es nicht unser jetziges Gefühl diesem Menschen gegenüber repräsentiert.

Zuerst konzentrieren wir uns auf die aus dem unangenehmen Zwischenfall entstandene Vorstellung von unserer Verwandten und bemerken, wie festgelegt sie sich anfühlt. Unsere Vorstellung mag die Form eines konkreten geistigen Bildes, eines vagen Eindrucks von der zornig schreienden Person oder eines Schimpfnamens für diesen Menschen annehmen. In jedem Fall wird unsere feste Vorstellung gewöhnlich von einer starken Emotion begleitet. Dann erinnern wir uns an Begegnungen, in denen derselbe Mensch sich anders verhielt. Häufig hat sie sich auch liebevoll, voller Humor, schlagfertig und so weiter gezeigt. Auch für diese Szenen finden wir repräsentative geistige Bilder oder vage Eindrücke, die wir uns – zusammen mit möglichen zukünftigen Szenen – als eine Reihe von Dias vorstellen, die sich links und rechts unserer gegenwärtigen festgelegten Vorstellung befinden. Dann folgen wir dem Vorgang wie oben beschrieben.

Schließlich lassen wir die Erkenntnis, dass die scheinbar festgelegte Erscheinung unserer Verwandten als nervenaufreibende Person eine begrenzte und täuschende Sicht darstellt, tief in uns einsinken. Aus der Perspektive einer ganzen Lebensspanne betrachtet, verliert jede schwierige emotionale Szene an Bedeutung. Selbst wenn unbeherrschtes Verhalten ein sich häufig wiederholendes Gewohnheitsmuster der anderen Person sein sollte, so beinhaltet ihr Leben doch auch andere Verhaltensmuster. Nichtsdestoweniger müssen wir angemessen mit dem umgehen, was sich momentan ereignet hat.

Um unsere scheinbar festgelegten Gefühle unserer unangenehmen Verwandten gegenüber abzubauen, können wir den gleichen Ansatz wählen und ein geistiges Bild oder einen vageren Eindruck der Person als Brennpunkt für die Repräsentation jedes Gefühls auswählen. Auch hier können wir wieder ein Foto als Bezugspunkt benutzen. Wenn unsere Gefühle fixiert sind, scheinen sie uns leicht alle anderen Emotionen vergessen zu lassen, die wir dem Menschen gegenüber im Laufe unserer gemeinsamen Geschichte auch empfunden haben mögen. Auch die Tatsache, dass wir in Zukunft wieder anders empfinden könnten, scheint darüber verloren zu gehen. Wir müssen unsere gegenwärtigen Gefühle in einem größeren Zusammenhang sehen. Gleichzeitig müssen wir sie respektieren und dürfen sie nicht unterdrücken. Wenn wir zum Beispiel Verärgerung abbauen, scheint sie nicht mehr das einziges Gefühl zu sein, dass wir für jemanden empfinden. Dennoch müssen wir uns mit der Verärgerung so lange befassen, bis wir auch ihre letzten Spuren überwunden haben.

Bei der zweiten Phase dieser Übung sitzen wir in einem Kreis aus Männern und Frauen möglichst unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft zusammen. Wir blicken einen nach dem anderen an und durchlaufen die gleichen Vorgänge wie zuvor. Zuerst bauen wir die täuschende Erscheinung der anderen als Menschen ab, die immer im gleichen Alter sein oder genauso viel wiegen werden wie jetzt. Um dann die täuschende Erscheinung abzubauen, sie hätten eine dauerhafte und aus einem Stück gemachte Identität, schauen wir weg und arbeiten mit unserem Eindruck von jeder Person. Um unseren Bezugspunkt nicht zu verlieren, können wir die entsprechende Person von Zeit zu Zeit wieder anschauen. Zu üben, während man sein Gegenüber direkt anschaut, ist nicht förderlich für den angestrebten Abbau. Die Energie, die entsteht, wenn man sich gegenseitig in die Augen schaut, ist zu überwältigend.

Bei Menschen, die wir nicht näher kennen, arbeiten wir mit dem oberflächlichen Eindruck, den wir durch ihren bloßen Anblick gewinnen. Dabei ist es gleichgültig, ob dieser Eindruck positiv oder negativ ist. Haben wir zum Beispiel den positiven Eindruck, jemand sei ein angenehmer Mensch und habe keine Probleme, so kann uns das unsensibel gegenüber den negativen Seiten seiner Realität machen. Wenn uns dieser Mensch dann von Schwierigkeiten in seinem Leben erzählt, spielen wir sie herunter oder nehmen sie nicht wirklich ernst. Sie passen nicht in unser Bild. Wenn wir von dunklen Seiten in seinem oder ihrem Verhalten erfahren, reagieren wir – besonders wenn wir den Menschen für spirituell fortgeschritten gehalten haben – vielleicht übertrieben und verlieren gänzlich das Vertrauen.

Während dieses Übungsteils stellen wir uns jede Person im Kreis in einer Reihe von Bildern anderer bekannter oder hypothetischer Aspekte ihrer Persönlichkeit und ihres Verhaltens vor. Traditionelle buddhistische Meditationen über Gleichmut befähigen uns auf ähnliche Weise, jeden als potenziellen Freund oder Feind zu sehen. Wenn man es übt, führt dieses Training nicht dazu, dass wir niemandem mehr vertrauen. Stattdessen führt es zu einer realistischen Haltung und zu emotionaler Ausgeglichenheit. Wir schließen diese Übungsphase ab, indem wir gleichermaßen alle scheinbar dauerhaften Gefühle gegenüber jeder Person abbauen, Gleichgültigkeit eingeschlossen; dabei schauen wir die Personen nicht die ganze Zeit an, sondern nur ab und zu, um sie uns in Erinnerung zu rufen.

Bei der dritten Übungsphase folgen wir der gleichen Vorgehensweise. Allerdings überspringen wir den Teil mit dem Spiegel aus dem gleichen Grund, aus dem wir unser jeweiliges Gegenüber nicht direkt angeschaut haben. Zuerst konzentrieren wir uns auf unser derzeitiges Selbstbild. Um dessen täuschende Erscheinung als dauerhafte, aus einem Stück gemachte Identität abzubauen, versuchen wir es im Zusammenhang mit anderen Aspekten unserer Persönlichkeit und unseres Verhaltens zu betrachten – sowohl vergangenen als auch möglichen zukünftigen. Dann wiederholen wir den Vorgang, um alle scheinbar fixierten Emotionen uns selbst in unserem jetzigen Zustand gegenüber abzubauen.

Danach folgen wir dem gleichen Vorgang, um unsere Identifikation mit unserer gegenwärtigen körperlichen Erscheinung oder unserem Aussehen zu einer anderen Zeit unseres Lebens abzubauen; zu diesem Zweck bedienen wir uns wieder der Reihe von Fotos, die uns in verschiedenen Lebensabschnitten zeigen. Diesen Bildern fügen wir projizierte Bilder unseres möglichen zukünftigen Aussehens hinzu. Während wir schließlich die Fotos bloß als Bezugspunkte benutzen, bauen wir alle fixierten Vorstellungen und Gefühle uns selbst in besonders schwierigen Phasen unseres Lebens gegenüber ab. Da diese Vorstellungen und Empfindungen auf selektiven Erinnerungen aufbauen, müssen wir uns selbst mit einer größeren Bandbreite von Erinnerungen betrachten.

Übung 13: Erfahrungen in Teile und Ursachen zerlegen

Die erste Phase beginnt damit, dass wir an jemanden denken, den wir sehr gut kennen und der uns kürzlich verärgert hat, zum Beispiel die Verwandte aus der vorherigen Übung, die uns zornig angefahren hatte. In Gedanken stellen wir uns vor, dass dieser Mensch wieder so handelt. Wenn wir als Bezugspunkt und zur Unterstützung unserer Visualisation ein Foto des Menschen benutzen möchten, sollten wir eines mit einem neutralen Ausdruck wählen. Wenn wir an unsere schreiende Verwandte denken, bemerken wir, wie konkret sie uns als unangenehme Person erscheint. Es scheint die feste Identität unserer Verwandten zu sein, dass sie ständig ärgerlich wird; scheinbar hat sie diesen inhärenten Wesenszug, der unabhängig von irgend­etwas zustande gekommen ist.

Um diese täuschende Erscheinung abzubauen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit verschieben. Wir versuchen, die Person und den Vorfall als abhängig entstandene Phänomene zu erkennen. Wenn wir die Faktoren, die zur Existenz unserer Verwandten und dem Vorfall beigetragen haben, mit Feingefühl betrachten, werden wir den Menschen und sein Verhalten verstehen können. Das Ergebnis ist, dass sie uns weniger bedrohlich und ärgerlich erscheinen. Das wiederum versetzt uns in die Lage, mit unserer Verwandten und unseren Gefühlen ausgeglichener umzugehen.

Zuerst versuchen wir uns vorzustellen, dass das scheinbar konkrete Bild unserer Verwandten sich in eine Reihe von Atomen auflöst. Nachdem wir mehrmals zwischen der Vorstellung ihres Körpers als Ganzheit und dann als Haufen von Atomen abgewechselt haben, versuchen wir beide Bilder gleichzeitig wahrzunehmen. Schließlich ist unsere Verwandte ja nicht bloß eine Masse von Atomen. Sie ist ebenso ein Mensch.

Als Nächstes zerlegen wir das ärgerliche Verhalten unserer Ver­wandten, um ein Gefühl für die Faktoren zu entwickeln, die Ursache der Geschehnisse sind. Dabei berücksichtigen wir Handlungen und Erfahrungen von frühester Kindheit an, Personen, mit denen unsere Verwandte Beziehungen hatte, sowie soziale, wirtschaftliche und geschichtliche Faktoren, die eine Rolle gespielt ha­ben mögen. So haben vielleicht die Eltern unserer Verwandten oder ihre Klassenkameraden sie auf bestimmte Weise behandelt, und das alles geschah während des Krieges. Unsere Analyse muss nicht er­schöpfend sein, und wir brauchen auch nicht die spezifischen Fak­toren zu kennen. Einige wenige Beispiele und ein Gefühl für den Rest sind ausreichend.

Sobald wir eine kurze Analyse durchgeführt haben, versuchen wir uns vorzustellen, dass das scheinbar konkrete Bild unserer zornigen Verwandten fadenscheinig wird wie ein alter Socken und sich dann in eine Collage aus den verursachenden Faktoren auflöst. Unsere Vorstellung mag die Form eines geistigen Bildes einiger dieser Faktoren zusammen mit einem vagen Eindruck der restlichen annehmen, es könnte aber auch bloß ein Gefühl für die Existenz dieser Faktoren sein. Wieder versuchen wir, zuerst abwechselnd und dann in Verbindung, uns unsere zornige Verwandte als genaue Darstellung des Geschehenen vorzustellen – eine einfache Widergabe dessen, was geschah – und dann eine Collage der verursachenden Faktoren, die zu dem Vorfall geführt haben, wobei es im zweiten Fall ausreicht, ein Gefühl von der Existenz dieser Faktoren zu haben.

Das nächste Objektiv für den weiteren Abbau unserer scheinbar konkreten Eindrücke basiert auf der Betrachtung vergangener Generationen. Dem gleichen Ablauf folgend nehmen wir nun an, dass die Eltern unserer Verwandten sie auf bestimmte Weise behandelt haben, weil sie wiederum selbst von ihren eigenen Eltern, ihrer Familie und ihren Bekannten, ihrer Zeit und so weiter entsprechend beeinflusst worden sind. Das gleiche gilt für jeden Menschen, mit dem unsere Verwandte während ihres ganzen Lebens in Kontakt gekommen ist sowie für jeden Menschen in jeder Generation. Zu viel Mühe auf die Analyse dieser Details zu verwenden, wirkt jedoch ablenkend. Wir begrenzen unsere Untersuchung auf das, was wir über die Abstammung unserer Verwandten bereits wissen und versuchen einfach, ein Gefühl für den Rest zu entwickeln. Der wesentliche Punkt ist, sich klar zu machen, wie das Verhalten des Menschen in Abhängigkeit von diesen Faktoren entstanden ist.

Sind wir in dieser Übung fortgeschritten, fügen wir noch einen weiteren Abbau hinzu. Wir berücksichtigen zusätzlich die vergangenen Leben unserer Verwandten und anderer, die mit ihr zu tun hatten, aus der gegenwärtigen und allen vergangenen Generationen. Darüber hinaus versuchen wir auch noch die karmischen Faktoren, die jeden dieser Menschen beeinflusst haben, zu berücksichtigen.

Um allmählich all die vielen Faktoren, die in gegenseitiger Abhängigkeit das zornige Verhalten unserer Verwandten entstehen ließen, zu integrieren, wiederholen wir mehrmals die Abfolge von Sichtweisen. Dabei konzentrieren wir uns auf unsere Verwandte, während wir den Schlüsselsatz: „ einfach nur, was der Mensch tat“ abwechselnd mit den Begriffen: „Atome“, „ vergangene Ursachen“, „ verganene Generationen“ und „vergangene Leben“ in Verbindung bringen. Schließlich versuchen wir, den Menschen aus einer zunehmenden Anzahl von Perspektiven gleichzeitig zu sehen, indem wir „ einfach nur, was der Mensch getan hat“ zuerst mit zwei, dann drei und schließlich allen vier Schlüsselformelnn gleichzeitig in Verbindung bringen. Für die anfängliche Praxis können wir einfach mit einem Gefühl für jeden der vier Faktoren arbeiten, wenn wir versuchen, sie gleichzeitig als ein wechselseitig abhängiges Netzwerk wahrzunehmen. Alternativ dazu können wir das geistige Bild eines Beispiels für jeden der Faktoren benutzen.

Wollen wir einen ärgerlichen Vorfall oder unsere Erinnerung daran entschärfen, müssen wir nicht nur mit dem Ärger erregenden Bild der betroffenen Person, sondern ebenso mit der täuschenden Erscheinung von uns selbst und unserem Gefühl der Verärgerung arbeiten. Wir müssen die gleiche Methode anwenden, um die Identifikation mit unserer Emotion abzubauen sowie das daraus resultierende Gefühl jemand zu sein, der seinem innersten Wesen nach zornig wird, sobald ein anderer ihn anschreit. Wenn wir für die Myriaden von Faktoren offen sind, die in wechselseitiger Abhängigkeit unsere Verärgerung entstehen ließen, verliert unsere Empfindung an Festigkeit. Und weil wir dann nicht länger an der Emotion oder unserer Identifikation mit ihr festhalten, geht unser Gefühl der Verärgerung schnell vorüber.

Zuerst versuchen wir zu spüren, wie unser Gefühl scheinbarer Solidität sich in die Leichtigkeit von Atomen auflöst. Dann betrachten wir unsere Erziehung, unser früheres Verhalten und unsere Begegnungen mit anderen und versuchen so, die verschiedenen Ursachen ins Auge zu fassen, die dazu führten, dass wir diesen Vorfall erlebten und verstört darauf reagierten. Obwohl die Analyse möglicher Ursachen unsere Sichtweise umfassender macht, brauchen wir uns nicht allzu lange mit Details aufzuhalten. Zu einer anderen Zeit können wir ausführlicher an diesem Thema arbeiten. Während der Übung versuchen wir, uns lediglich einige wenige Beispiele für verursachende Faktoren zu vergegenwärtigen und arbeiten dann hauptsächlich mit einem Gefühl für das ganze Netzwerk von Ursachen.

Als Nächstes versuchen wir, auch die Faktoren aus früheren Generationen hinzuzufügen, die einen Beitrag geleistet haben, und schließlich auch noch die karmischen Faktoren aus früheren Leben. Es ist wichtig, sich während der Betrachtung der Bilder zwischendurch immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass wir verletzt waren, als unsere Verwandte uns anfuhr, und welche Gefühle dabei entstanden – eine objektive Beschreibung des Geschehens. Es hilft uns, die konventionelle Existenz unserer Emotion und unserer selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Schließlich versuchen wir, die Bilder wieder zu kombinieren, indem wir – wie zuvor – die fünf Schlüsselformeln benutzen.

Während der zweiten Übungsphase versuchen wir die gleiche zerpflückende Sichtweise auf die Mitglieder unserer Gruppe anzuwenden, während wir alle im Kreis sitzen. Wir schauen jede Person kurz an, blicken dann weg und arbeiten mit unserem Eindruck von dieser Person, wobei wir ab und zu wieder einen raschen Blick auf die Person werfen können, damit wir unseren Bezug nicht verlieren. Hier versuchen wir die täuschende Erscheinung abzubauen, dass jede Person eine scheinbar inhärente, konkrete und von allem anderen unabhängige Identität besitzt. Bei uns fremden oder kaum bekannten Menschen versuchen wir, wie zuvor mit dem oberflächlichen Eindruck zu arbeiten, den ihr bloßes Aussehen in uns hervorruft. Selbst wenn wir keinerlei Ahnung von ihrer Vergangenheit oder Familie haben, versuchen wir dennoch, einfach mit einem abstrakten Gefühl für diese Faktoren zu arbeiten. Schließlich hat jeder eine Vergangenheit und eine Familie. Bei Menschen, die wir kennen, können wir mehr Details einfließen lassen. Dann wiederholen wir den Vorgang, um das täuschende Gefühl abzubauen, wir seien jemand, der, seinem innersten Wesen nach, auf eine bestimmte Weise auf die verschiedenen Menschen reagiert – wobei wir auch Gleichgültigkeit hinzurechnen.

Während der dritten Übungsphase wenden wir unsere Aufmerksamkeit wieder ganz uns selbst zu. Ohne tatsächlich in einen Spiegel zu schauen, wiederholen wir den oben beschriebenen Vorgang. Zuerst bauen wir damit die täuschende Empfindung ab, dass unser gegenwärtiges Selbstbild unsere scheinbar inhärente, konkrete von allem anderen unabhängige Identität ist. Dann benutzen wir die Methode, um das täuschende Gefühl abzubauen, wir seien jemand, der, aus seiner innersten Natur heraus, sich selbst – so wie er jetzt ist – auf eine bestimmte Art und Weise sieht und empfindet.

Dann legen wir die Reihe von Fotos unserer selbst aus verschiedenen Lebensabschnitten wieder vor uns hin. Wir benutzen sie aber lediglich als Bezugspunkte, während wir den ganzen Vorgang noch einmal wiederholen. Dieses Mal bauen wir die täuschende Erscheinung der Selbstbilder ab, die wir bezüglich unserer Vergangenheit haben, so als hätten sie unsere damalige inhärente Identität ausgemacht. Schließlich bauen wir auch noch das täuschende Gefühl ab jemand zu sein, der, gemäß einer inhärenten Natur, sich selbst wie er damals war, auf bestimmte Art und Weise sieht und empfindet.

Übung 14: Erfahrungen als Wellen auf dem Ozean sehen

Bei der ersten Phase dieser Übung denken wir an jemanden, der uns nahe steht und uns erst kürzlich mit seinen Worten verärgert hat. Nehmen wir der Einfachheit halber wieder das Beispiel der Verwandten, die uns zornig angefahren hat. Nehmen wir an, unsere Reaktion wäre gewesen: „Wie kannst du es wagen so mit mir zu reden“. Selbst wenn wir damals nicht wirklich so reagiert haben, nehmen wir einfach einmal an, dass wir uns jetzt so fühlen. Wir ha­ben den Eindruck, dass wir selbst ganz konkret als Opfer oder Richter auf der einen Seite stehen, während unsere Verwandte kon­kret als die Übeltäterin auf der anderen Seite steht.

Durch Analyse versuchen wir zu erkennen, dass wir während des allerersten Augenblicks unserer Wahrnehmung lediglich den Klang der Worte unserer Verwandten vernommen haben. Nachfolgend haben wir dann die dualistische Erscheinung von Opfer und Unterdrücker auf die Inhalte der Wahrnehmung projiziert. Weil wir an die Wahrheit dieser Erscheinung glaubten, haben wir vielleicht mit störenden Emotionen übertrieben reagiert. Vielleicht haben wir aber auch unsere Gefühle unterdrückt und ihr nichts entgegnet.

Um diese dualistische Erscheinung abzubauen, erinnern wir uns an die nackte Erfahrung, das Entstehen und Hören eines Klangs, und versuchen sie uns als Welle auf dem Ozean unserer Klaren-Licht-Aktivität vorzustellen. Dabei stellen wir uns diese Welle nicht als Ob­jekt vor, das sich unter oder vor uns inmitten des Ozeans befindet, sondern versuchen einfach das bewusste Gefühl einer Welle zu empfinden, die aus unserem Herzen hervorkommt. Im Laufe des Erlebnisses schwoll die Welle an und füllte sich zuerst mit einem dualistischen Gefühl und dann mit einer störenden Emotion.

Wir erweitern unsere Perspektive und versuchen, ein nicht-dualistisches Gefühl des gesamten Ozeans zu empfinden – vom tiefsten Grund bis zur Oberfläche. Das bedeutet weder, dass wir uns mit dem Ozean identifizieren, noch dass wir uns vorstellen, wir seien eine konkrete Wesenheit getrennt von ihm – entweder im Wasser oder außerhalb davon. Wir versuchen, uns einfach wie ein weiter, tiefer Ozean mit Wellen auf der Oberfläche zu fühlen. Wir denken daran, dass eine Welle, egal wie riesig und Furcht einflößend sie zu sein scheint, immer nur aus Wasser besteht. Niemals kann sie die Ruhe der Tiefsee stören.

Ohne uns als konkrete Wesenheit zu sehen, auf die die Welle einstürmt, versuchen wir zu fühlen, wie die Welle ganz natürlich zurücksinkt. Im gleichen Maße, wie die Welle abnimmt, kommen auch die störenden Emotionen und schließlich das dualistische Gefühl zur Ruhe. Wir kehren zur nackten Erfahrung zurück, in der wir nur den Klang der Worte vernehmen. Ganz zum Schluss legt sich auch die Bewegung des Geistes. Wir fühlen uns wie ein friedlicher und doch pulsierender Ozean.

Wenn wir so vorgehen, leugnen wir weder den Vorfall selbst, noch unsere ursprüngliche Reaktion oder unsere gegenwärtige Erinnerung an ihn. Wir verwandeln uns nicht in ein U-Boot und versuchen, dem Sturm zu entkommen, indem wir in unseren Geist des Klaren Lichts abtauchen. Wir versuchen jedoch damit aufzuhören, all diese Erfahrungen in zwei entgegengesetzte Kräfte aufzuspalten und sie mit scheinbar konkreten, dauerhaften Identitäten aufzublasen. Sind wir nicht mehr verärgert, können wir viel besser mit der Situation umgehen, weil wir nun ruhig und sensibel reagieren.

Angenommen wir hätten in unserem emotionalen Aufruhr etwas Bösartiges erwidert. Später hätten wir wahrscheinlich bedauert, was wir gesagt haben, und uns schuldig gefühlt. Im Falle von Schuldgefühlen erschafft unser Geist die dualistische Erscheinung eines scheinbar konkreten idiotischen „Ichs“ und scheinbar konkreter dum­mer Worte, die wir gesagt haben. Das wiederum kann geschehen, weil wir die Klare-Licht-Aktivität des Erschaffens von Worten und des Wahrnehmens ihres Klangs in zwei Hälften zerrissen haben. Wir versuchen, die dualistische Wahrnehmung von Schuld mit den gleichen Mitteln abzubauen, die wir zuvor benutzt haben.

Als Nächstes beziehen wir die Methode auf eine Situation, in der unsere Verwandte etwas Angenehmes sagte. Dualistische Wahrnehmung ist durchaus nicht auf unangenehme Situationen beschränkt. Wenn wir zum Beispiel jemanden: „Ich liebe dich“ sagen hören, können wir die Wahrnehmung ebenfalls in zwei Hälften zerreißen. Auf der einen Seite steht dann ein scheinbar konkretes „Ich“, das vielleicht das Gefühl hat, Liebe gar nicht zu verdienen. Auf der anderen Seite stehen die scheinbar konkreten Worte als etwas Beunruhigendes, das der andere unmöglich so gemeint haben kann. Oder wir fühlen uns konkret als die geliebte Person und sehen den anderen ebenso konkret als denjenigen, der uns liebt. In der Folge projizieren wir unrealistische Hoffnungen und Erwartungen auf die Person und steigern uns in Fantasien hinein. Das wiederum zieht unweigerlich Enttäuschung nach sich. Wir bauen die Situation und unsere Erinnerung an sie ab, indem wir sie uns ebenfalls als Wellen auf dem Ozean des Geistes vorstellen.

Gelegentlich kann unerwartet ein starkes Gefühl oder eine gewaltige Emotion zum Vorschein kommen – entweder in Verbindung mit der gegenwärtigen Situation und den uns umgebenden Menschen oder auch völlig unabhängig davon. Dies geschieht zum Beispiel häufiger, nachdem man einen Verlust erlitten hat, während der Pubertät, der Menstruation, einer Schwangerschaft oder des Klimakteriums. Die Vorstellung von der Welle auf dem Ozean kann uns helfen, jede dualistische Empfindung von Entfremdung oder Aufruhr zu besänftigen, die derartige Erfahrungen begleiten können. Ob die Welle auf dem Ozean klein oder groß, von langer oder kurzer Dauer ist, hängt von den jeweiligen Energien ab. In jedem Fall aber ist die Welle nie mehr als ein Anschwellen auf dem Ozean unseres Klaren-Licht-Geistes.

Als letzten Schritt in der ersten Übungsphase erinnern wir uns daher an ein plötzlich entstandenes beunruhigendes Gefühl. Wenn wir jetzt aufgrund unserer Erinnerung etwas Ähnliches spüren, wen­den wir die oben angeführte Methode mit der Welle an. Wichtig da­bei ist, im Sinn zu behalten, dass wir nicht alle Emotionen ausradieren wollen. So ist zum Beispiel das Gefühl der Trauer nach dem Ver­lust eines geliebten Menschen ein gesunder Teil des natürlichen Heilungsprozesses. Innerer Aufruhr aber ist im Gegensatz dazu niemals hilfreich. Wenn wir nicht in der Lage sind, gerade jetzt etwas zu fühlen, können wir die Methode ebenso auf jedes Gefühl von Angst oder innerer Leere anwenden, das wir dualistisch aufgrund unserer scheinbaren Empfindungslosigkeit empfinden.

Unsere nervöse Befangenheit anderen gegenüber auflösen

Bei der nächsten Phase unserer gegenwärtigen Übung sitzen wir zunächst wieder mit anderen im Kreis und dann paarweise einem Partner, einer Partnerin gegenüber. Wir arbeiten mit unserer dualistischen Wahrnehmung des anderen, die uns ein scheinbar konkretes „Ich“ auf dieser und ein scheinbar konkretes „Du“ auf der anderen Seite vorgaukelt. Dabei können störende Emotionen wie etwa Feindseligkeit oder sehnsüchtiges Verlangen unsere Wahrnehmung begleiten oder auch nicht. Ein sicheres Anzeichen dualistischer Em­pfindung ist jedoch nervöse Befangenheit. Diese zeigt sich darin, dass wir – besonders bei Fremden – besorgt sind, nicht gemocht zu wer­den. Hypersensibel sorgen wir uns beispielsweise, welchen Eindruck wohl unsere Frisur macht. Vielleicht fühlen wir uns verunsichert und wissen nicht, was wir tun oder sagen sollen. Emotionale Blockaden und Angst mögen sogar dazu führen, dass wir unser Gegenüber als lebloses Objekt ohne jedes Gefühl wahrnehmen. Folglich handeln wir unsensibel. Bei einer unerwarteten Begegnung könnte es uns zum Beispiel geschehen, dass wir von Fluchtgedanken überwältigt werden.

Um dualistische Gefühle nervöser Befangenheit beim Herumblicken im Kreis oder beim Anblick eines Partners abzubauen, wenden wir wieder die Analogie von der Welle an. Unsere unangenehme Empfindung entsteht aus der Konfrontation zwischen einem scheinbar konkret nervösen und einem scheinbar konkret herausfordernden Wesen, die sich über einen Zaun hinweg anstarren. Wir beruhigen uns wieder, indem wir versuchen, unsere unangenehme Erfahrung als Welle geistiger Aktivität zu betrachten. Wenn sie langsam zurücksinkt, bleibt die Wahrnehmung des bloßen Anblicks der anderen Person zurück. Wir versuchen, diesen Prozess des Zurücksinkens aus der Perspektive des gesamten Ozeans – von der Tiefe bis zur Oberfläche – wahrzunehmen.

Wenn wir eine Begegnung ohne Werturteile und ohne Befangenheit erleben, gehen wir trotzdem noch Beziehungen mit anderen Menschen ein. Nicht-Dualität bedeutet nicht, dass ich zu dir werde oder du zu mir. In den vorigen Abbau-Übungen haben wir versucht, sowohl die konventionellen als auch die tieferen Erscheinungsformen eines Menschen im Sinn zu behalten, indem wir uns vorstellten, eine Jalousie und das, was sich hinter ihr befindet, gleichzeitig wahrzunehmen. Wir haben uns allerdings eher mit Gefühlen als mit Vorstellungen befasst. Auch in der jetzigen Übung versuchen wir, zwei Dinge im Sinn zu behalten. Während wir die konventionelle Erscheinung sehen, nämlich dass sich vor uns eine Person befindet, versuchen wir gleichzeitig zu spüren, dass es keinerlei solide Barrieren zwischen uns gibt. Unsere Abbau-Übung beseitigt nervöse Befangenheit. Positive Empfindungen beseitigt sie nicht.

Entspannter mit uns selbst umgehen

Während der letzten Übungsphase konzentrieren wir uns auf uns selbst, indem wir zuerst in einen Spiegel schauen und diesen dann weglegen. Jetzt versuchen wir jedes unangenehme Gefühl uns selbst gegenüber abzubauen. Solche Gefühle entstehen aus dem dualistischen Eindruck, wir hätten zwei „Ichs“ : ein „Ich“, das sich mit dem „generellen Ich“ nicht wohlfühlt. Befangenheit, Wertungen und allgemeine Nervosität begleiten gewöhnlich dieses störende Gefühl. Intellektuell mögen wir die beiden „Ichs“ rasch als Einbildung abtun, aber um wirklich entspannter mit uns selbst umzugehen, müssen wir unsere Empfindungen allmählich abbauen.

Um unsere Nervosität abzubauen, versuchen wir, unser täuschendes Gefühl als Woge auf dem Ozean zu sehen, die wir einfach wieder zurücksinken lassen. Zurück bleibt die ruhige ozeanische Erfahrung, uns mit warmherzigem Verständnis uns selbst zuzuwenden. Mit anderen Worten: Wir entdecken, dass es sich bei nervöser Befangenheit bloß um eine verwirrte Verdrehung von Fürsorge für uns selbst und Gewahrsein unserer selbst handelt. Wenn wir uns von Befangenheit befreien, so heißt das keinesfalls, dass wir die warmherzige Fürsorge um unser eigenes Wohlergehen aufgeben. Es erlaubt ihr sogar, ohne Hindernisse aktiv zu werden.

Schließlich konzentrieren wir uns wieder auf die Fotos von uns selbst in der Vergangenheit und beobachten alle dadurch ausgelösten unangenehmen und wertenden Gefühle. Wenn wir uns mit uns selbst, wie wir damals gewesen sind, unwohl fühlen, liegt dies ebenfalls an einer dualistischen Erscheinung. Wir versuchen das Gefühl abzubauen, indem wir uns wieder auf den Ozean in seiner ganzen Tiefe konzentrieren. Wenn wir erkennen, dass unsere täuschende Erfahrung lediglich aus Wasser gemacht ist, gehen wir ihr nicht auf den Leim. Wir versuchen sie ganz natürlich wieder zurücksinken zu lassen wie eine Welle. Auf diese Weise können wir mit der Vergangenheit Frieden schließen.

Übung 15: Den Abbau mit Mitgefühl verbinden

Wir beginnen die erste Phase dieser Übung, indem wir an jemanden denken, der uns vor kurzem aufgebracht hat. Wir können zum Beispiel wieder an die Verwandte aus den letzten drei Übungen denken. Zuerst stellen wir uns vor, wie unsere Verwandte etwas tut, was uns verärgert. Dann versuchen wir, uns vorzustellen, wie sie sich körperlich verändert – von der Kindheit bis ins Alter – so wie in Übung Zwölf. Wir schließen auch vergangene und zukünftige Leben ein, zumindest soweit, dass wir ein Gefühl für ihre Existenz entwickeln. Dann versuchen wir, uns in Form einer Collage vorzustellen, dass unsere Verwandte auf die verschiedensten Arten und Weisen anders handelt. Schließlich kehren wir zu der Vorstellung zurück, dass sie wieder das ärgerliche Verhalten vom Anfang an den Tag legt.

Wir denken, wie traurig es doch ist, dass unsere Verwandte sich der Vergänglichkeit nicht bewusst ist. Sie glaubt fest an die von ihrem eigenen Geist geschaffene täuschende Erscheinung, dass jede Situation dauerhaft ist. Folglich leidet sie immens, weil sie sich vorstellt, dass die schwierige Situation nicht vorbei gehen wird. Mit der Vergänglichkeit im Sinn konzentrieren wir uns auf unser geistiges Bild oder auch ein Foto unserer Verwandten und versuchen, Mitgefühl zu empfinden. Aufrichtig wünschen wir ihr vom Leiden und den Ursachen des Leidens frei zu sein. Je mehr wir uns selbst von fixierten Eindrücken von unserer Verwandten befreien, umso tiefer empfinden wir unser Mitgefühl.

Wenn wir ein Foto benutzt haben, legen wir es nun nieder und konzentrieren uns noch einmal bloß auf das geistige Bild unserer Verwandten, wie sie zornig handelt. Wie in Übung Dreizehn versuchen wir, sie uns nacheinander zuerst in Form von Atomen vorzustellen, dann wenden wir uns den Ursachen für ihr Verhalten aus diesem Leben, aus vergangenen Generationen und schließlich aus vergangenen Leben zu, und schließlich stellen wir uns ihre jetzige Erscheinung als jemand vor, der uns aufbringt. Dann fügen wir diesen verschiedenen Betrachtungen ein Gefühl für die Explosion von Auswirkungen hinzu, die ihr Verhalten auf die Zukunft haben wird. Wir versuchen uns diese Auswirkungen in drei fortschreitenden Ebenen vorzustellen: Die Konsequenzen für das restliche Leben unserer Verwandten, die Folgen für zukünftige Generationen und die Auswirkungen auf ihre zukünftigen Leben und die zukünftigen Leben aller Beteiligten. Nachdem wir uns eine gewisse Zeit lang auf jede dieser Ebenen konzentriert und sie uns jeweils mit einer Collage von Bildern oder einem Gefühl für ihre Existenz vorgestellt haben, kehren wir wieder zur gegenwärtigen Erscheinung unserer Verwandten zurück.

Unsere Verwandte ist sich nicht bewusst, dass ihr Verhalten in Abhängigkeit entsteht, und hat nicht die leiseste Ahnung, welche Konsequenzen es in Zukunft haben wird. Aus dieser Erkenntnis heraus versuchen wir, Mitgefühl zu erzeugen. Und wieder richten wir unser Gefühl entweder mittels geistigem Bild oder per Foto auf unsere Verwandte.

Schließlich legen wir das Foto nieder und erinnern uns an die nackte Wahrnehmung des Klangs der zornigen Worte unserer Verwandten: wie der bloße Klang entstand und wir ihn hörten. Wir versuchen uns diese Wahrnehmung als eine Welle auf dem Ozean unserer Klaren-Licht-Aktivität vorzustellen. Während die Welle anschwoll, füllte sie uns zuerst mit dem dualistischen Gefühl eines scheinbar konkreten „Ich“ als Opfer und einem scheinbar konkreten „Du“ als Unterdrücker und dann mit einem Gefühl emotionalen Auf­ruhrs. Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass die Welle zurücksinkt, fühlen wir, wie zuerst der emotionale Aufruhr, dann das Gefühl des Dualismus und schließlich das Entstehen und Hören des Klangs in den Ozean unseres Geistes zurücksinkt.

Wir kehren zu unserem geistigen Bild der Ärgernis erregenden Verwandten zurück und denken darüber nach, dass sie dies alles nicht erkennen kann. Unsere Verwandte ist immer noch in einem immer wiederkehrenden Komplex gefangen: Sie projiziert dualis­tische Erscheinungen und glaubt fest daran. Folglich leidet sie immens und wird auch weiterhin Qualen erleben. Voller Mitgefühl versuchen wir, den Wunsch zu entwickeln, dass unsere Verwandte frei sein möge vom Leid und dessen Ursachen, und richten dieses Gefühl auf sie, während wir ihr Foto betrachten oder uns auf unser geistiges Bild von ihr konzentrieren.

Während der zweiten Übungsphase wiederholen wir den Vorgang, während wir mit unserer Gruppe im Kreis sitzen. Wir konzentrieren uns nacheinander für jede der drei Abbausequenzen auf jedes Gruppenmitglied. Wenn wir es nie erlebt haben, dass uns die jeweilige Person aufgebracht hat, können wir sie uns einfach in einer entsprechenden Szene vorstellen. Wir betrachten jede Person nur kurz, um einen Bezugspunkt zu gewinnen, schauen weg, während wir die Collagen ihrer Lebensveränderungen und so weiter visualisieren, und schauen die Person dann wieder an, wenn wir unser Mit­gefühl auf sie richten. Dass die anderen Mitglieder zur gleichen Zeit dieselbe Übung machen, ist uns in diesem Fall gleichgültig und ändert an unserer Praxis nichts.

In der dritten Phase konzentrieren wir uns wieder auf uns selbst, indem wir zuerst einen Spiegel benutzen und dann ohne Spiegel ar­beiten. Dabei folgen wir dem gleichen Vorgang wie bei der Gruppenarbeit, stellen uns aber eine Situation vor, in der wir selbst zerstörerisch gehandelt haben. Schließlich wiederholen wir die Übung wieder mit dem Stapel von Fotos aus unserer Vergangenheit. Wenn wir Mitgefühl erzeugen, wünschen wir uns, dass wir diese Einsichten schon damals gehabt hätten.