Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil II: Die Talente unseres Herzens und Geistes entdecken

9 Zugang zu den natürlichen Talenten unseres Geistes und Herzens finden

In Übung Zwei haben wir eine der Zutaten ausgeglichener Sensibilität mittels Schlussfolgerung erzeugt. In Übung Drei haben wir uns vorgestellt, dass unsere geistige Aktivität alle nötigen Qualitäten beinhaltet. In Übung Vier haben wir einen Zugang zur Basisebene dieser Qualitäten gefunden, indem wir uns erinnerten, dass wir sie alle schon bis zu einem gewissen Grad erlebt haben. Nun sind wir bereit, mit einer weiteren Quelle der Elemente ausgeglichener Sensibilität zu arbeiten.

Die Übungen Sieben und Acht haben uns den entsprechenden Hin­tergrund vermittelt. Übung Sieben hat uns mit den allgemeinen Merkmalen geistiger Aktivität vertraut gemacht, während Übung Acht uns die Qualitäten der Klaren-Licht-Natur des Geistes vor Augen führte. Um die Bestandteile ausgeglichener Sensibilität zu er­wer­ben, können wir uns nun die natürlichen Talente unseres Geistes und unseres Herzens zunutze machen.

Talente des Klaren Lichts

Den Erklärungen der Ander-Leerheit zufolge ist der Klare-Licht-Geist ganz natürlich mit allen Erleuchtungsqualitäten ausgestattet. Darin enthalten sind auch die beiden Hauptfaktoren ausgeglichener Sensibilität: Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit. Die Tatsache, dass sich unsere geistige Aktivität jeden Augenblick mit ihren Objekten befasst, bedeutet, dass wir ständig bis zu einem gewissen Grad aufmerksam sind – sonst wäre geistige Beschäftigung unmöglich. Die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, bedeutet, das Objekt in das Zentrum des Geistes zu rücken, indem man es hört, denkt, empfindet und so weiter. Damit besitzen wir die erste Grundvoraussetzung für eine ausgeglichene Sensibilität: Aufmerksamkeit. Diese grundlegende Aktivität ist der Rahmen, an dem die anderen notwendigen Faktoren wie Interesse und Konzentration aufgehängt wer­den können.

Darüber hinaus bedeutet die Tatsache, dass unsere geisti­ge Die natürlichen Talente unseres Geistes und HerzensAkti­vi­tät in jedem Augenblick eine Erscheinung ihres Objekts her­vorbringt – sei es etwas Sichtbares, Hörbares, Denkbares oder „Fühlbares“ – , dass auch irgendein Grad von Empfänglichkeit be­teiligt ist. Mit anderen Worten: Teil der geistigen Aktivität, die ganz natürlich beim Anblick des Gesichts von jemandem auftritt, ist, dass wir ein Abbild des Gesehenen hervorbringen. Da wir auf unsere Be­gegnung reagieren, und sei es auch nur auf dieser reflexartigen Ebene, besitzen wir automatisch auch die zweite Grundvoraussetzung ausgeglichener Sensibilität: Empfänglichkeit. Der Empfänglichkeit können wir noch weitere wesentliche Qualitäten hinzufügen, etwa Warmherzigkeit und Verständnis.

Das natürliche Interesse, sich um jemanden zu kümmern

Andere für eine ausgeglichene Sensibilität nötige Qualitäten sind ebenfalls Teil der Klaren-Licht-Natur unseres Geistes. Unter ihnen ist das Interesse, sich um jemanden zu kümmern, besonders erwähnenswert. Als geistige Aktivität mag dieses Interesse am Wohle anderer momentan nicht voll entfaltet sein. Unter dem Einfluss von Selbstsucht und Gier mag unser Interesse hauptsächlich unserem eigenen Wohl gelten. Geht es dann auch noch mit einem niedrigen Selbstwertgefühl einher, ist unsere Fürsorge für uns selbst vielleicht nicht einmal besonders warmherzig. Wie dem auch sei, Interesse ist vorhanden. Wäre es anders, würden wir nicht das Geringste tun, um unsere selbstsüchtigen Belange zu verfolgen.

Wenn wir die grundlegende geistige Aktivität des Interesses von Verwirrung befreien, werden wir entdecken, dass warmherzige und fürsorgliche Gefühle für alle Wesen ganz natürlich von uns ausstrahlen. Selbstsüchtige Sorgen und altruistisches Interesse sind lediglich unterschiedliche Formen ein und derselben geistigen Aktivität.

Die Beziehung zwischen Interesse und Erscheinungen

Nach Ansicht der Biologie führen der Überlebenstrieb und der Arterhaltungstrieb automatisch zu verschiedenen Aktivitäten, die das Leben unterstützen. Das System des Dzogchen beschreibt das gleiche Phänomen, wenn es erklärt, dass das natürliche Interesse des Geistes automatisch dazu führt, dass Erscheinungen hervorgebracht werden.

Die Erscheinungen, die aus dem Interesse entstehen, sich um jemanden zu kümmern, können Abbilder, Geräusche, Gerüche, Ge­schmäcke, körperliche bzw. taktile Empfindungen, Gedanken oder emotionale Gefühle sein. Dabei handelt es sich insbesondere um Erscheinungen unserer selbst, wie wir uns verschiedenen körperlichen, verbalen und mentalen Aktivitäten hingeben. Fürsorglichkeit lässt aber nicht nur den Anblick, den Klang oder das Gefühl die­ser Aktivitäten entstehen, sondern auch die Handlungen selbst.

Diese Dinge haben einen direkten Bezug zur Entwicklung ausgeglichener Sensibilität. Wenn wir unser Interesse hauptsächlich auf uns selbst richten und es mit Selbstzentriertheit vermischen, kommt es nicht voll zur Entfaltung. Befreit von Selbstsucht jedoch bringt unser Interesse ganz natürlich die Erscheinung ausgewogener und sensibler Worte und Handlungen hervor.

Natürliche Herzenswärme und Freude

Das Sakya-System der Ander-Leerheit konzentriert sich auf die „natürliche Glückseligkeit“ der subtilsten Ebene des Klaren-Licht-Geistes und nennt diese Freude die „Jugendlichkeit des Geistes“. Das bedeutet, dass die Glückseligkeit dieser Ebene völlig frei ist von kon­zeptuellen Gedanken und störenden Emotionen. Insbesondere ist damit die glückselige Freude gemeint, die aus dem Freisein vom Wirken der gröberen Ebenen entsteht. Das Wirken der gröberen Ebenen besteht darin, eingebildete Ideen und unmögliche Rollen zu erschaffen, die zu erfüllen wir uns genötigt fühlen. Sobald unsere geistige Aktivität aufhört, Fangnetze aus Vorurteilen zu spinnen, erleben wir, wie Erlösung und Freude ganz natürlich unser Herz und unseren Geist erfüllen.

Konzeptuelle Gedanken und störende Emotionen binden unsere innerste Energie, was sich oft in Verspannung und Nervosität ausdrückt. Auf der feinsten Ebene des Klaren Lichts jedoch fließt diese Energie ständig ganz frei und ungehindert. Wenn wir diese Ebene erreichen, gewinnen wir, in gewissem Sinne, die vergessene Jugendlichkeit unseres Geistes zurück. Die Klarheit, Frische und Freude, die allezeit vorhanden waren, übersetzen sich in sensible Aufmerksamkeit und warmherzige Empfänglichkeit.

Viele Anhänger der Selbst-Leerheit aus den Reihen der Sakyas sprechen ebenfalls von der natürlichen Glückseligkeit als der Quelle der Erscheinungen, die wir manifestieren. Diese Meister konzentrieren sich jedoch auf die glückselige Freude, die ein Merkmal der Erkenntnis ist, dass der Klare-Licht-Geist natürlich frei ist von allen absurden Arten der Existenz.

Diese Darstellung der natürlichen Glückseligkeit ist auch für die Entwicklung ausgeglichener Sensibilität relevant. Viele Menschen leiden unter einem niedrigen Selbstwertgefühl. Einige fühlen sich sogar schuldig, wenn sie glücklich sind. Eine derartige Selbstverachtung blockiert die Sensibilität für eigene Qualitäten und verhindert die Aufmerksamkeit für die Qualitäten anderer. Wir existieren aber nicht auf die verdammungswürdige Weise, die unsere Verwirrung projiziert. Daher haben wir nicht den geringsten Grund, uns schuldig zu fühlen, wenn es uns gut geht und wir glücklich sind. Glücklichsein ist tatsächlich der natürliche Zustand unseres Geistes. Sobald wir das wirklich begreifen, fühlen wir uns augenblicklich erlöst und voller Freude. Sich mit sich selbst wohl zu fühlen führt automatisch auch dazu, sich mit anderen wohl zu fühlen, sensibel für ihre Situation zu sein und das nötige Vertrauen zu haben, um helfen zu können, wie es gebraucht wird.

Übung 9: Zugang zu den natürlichen Talenten unseres Geistes und Herzens finden

In der ersten Phase dieser Übung arbeiten wir mit einem Menschen, mit dem uns eine enge Beziehung verbindet, indem wir entweder ein Foto von ihm betrachten oder einfach an ihn denken. Bei dieser Person kann es sich um einen Freund, eine Freundin, eine(n) Verwand­te(n) oder eine(n) Arbeitskollegin(en) handeln. Mit Hilfe der Atem­methode des Loslassens oder durch das Bild des Schreibens auf Wasser versuchen wir, unsere körperlichen Verspannungen zu lösen und unseren Geist von verbalen Gedanken und Bildern zu befreien.

Dann versuchen wir, uns unsere vorgefassten Meinungen über diese Person, unsere Beziehung und uns selbst bewusst zu machen. Wir versuchen, uns alle damit verbundenen Urteile zu vergegenwärtigen, etwa: „Du bist so faul und rücksichtslos“, „Du bist nicht be­ziehungsfähig“ oder „ Ich habe immer recht“. Indem wir erkennen, dass niemand für immer unverändert bleibt – da die Inhalte unseres Erlebens sich ja dauernd verwandeln – , versuchen wir, die vor­gefassten Meinungen und Vorurteile fallen zu lassen. Während wir sanft ausatmen, stellen wir uns vor, dass sie uns allmählich mit unserem Atem verlassen. Alternativ oder auch zusätzlich können wir uns vorstellen, dass sie sich automatisch auflösen wie beim Schreiben auf Wasser.

Als Nächstes versuchen wir uns der Rollen bewusst zu werden, die wir uns gegenseitig glauben vorspielen zu müssen. Diese Rollen könnten vielleicht folgendermaßen aussehen: „ Du musst ein tüchtiger Sekretär sein“ oder „Ich muss dir eine perfekte Mutter sein“. Wir versuchen uns auch unsere Erwartungen bewusst zu machen, etwa: „Du musst immer für mich da sein“, „Ich muss immer hinter dir her­räumen“. Dann erinnern wir uns daran, dass es unmöglich ist, einer festgelegten Rolle gerecht zu werden. Niemand existiert als bloße Rolle. Jeder ist schlicht und einfach ein Mensch. Aus dieser Erkenntnis heraus versuchen wir nun, den Menschen und uns selbst von allen projizierten Rollen und den damit zusammenhängenden Erwartungen zu befreien. Wieder stellen wir uns dabei vor, dass wir sie entweder ausatmen oder sie sich einfach auflösen wie beim Schreiben auf Wasser. Während des Prozesses versuchen wir zu fühlen, wie immer tiefere Ebenen körperlicher, geistiger und emotionaler Verspannung sich auflösen und immer subtilere Ebenen von Stress allmählich von uns abfallen. Wir treten in einen Zustand um­fassender, stiller Erlösung ein.

Schließlich versuchen wir festzustellen, wie wir uns in diesem Zustand fühlen, der dem des Klaren Lichts ähnelt. Wenn es uns gelungen ist, unsere Hauptvorurteile an die Oberfläche zu bringen und sie zumindest teilweise aufzulösen, fühlen wir uns ganz von selbst warmherzig, freudig und offen für den anderen Menschen. Wir sind natürlich aufmerksam, interessiert und weder zögerlich noch ängstlich, wenn es darum geht mit Wort und Tat auf andere einzugehen. Wir versuchen für einige Minuten in diesen Zustand einzutauchen. Tibetische Meister nennen ihn „Ruheplatz für die Yogis“ .

Als Nächstes wiederholen wir die Übung mit einem Unbekannten. Dazu betrachten wir entweder ein Illustriertenfoto eines Fremden oder denken an einen Menschen, den wir kaum kennen, bzw. betrachten sein Foto. Wir versuchen uns bewusst zu machen, welches Bild wir im Allgemeinen in der Öffentlichkeit abgeben wollen und im Besonderen, wenn wir jemandem zum ersten Mal begegnen, und lösen es dann auf. Wir versuchen auch unsere Vorurteile gegenüber Ausländern oder Fremden fallen zu lassen und in der natürlich ausgeglichenen Sensibilität gegenüber diesen Menschen zu ruhen, zu der dieser Entspannungsprozess automatisch führt. Dann wiederholen wir den ganzen Prozess mit jemandem, den wir nicht mögen.

Die zweite Übungsphase beginnen wir wie üblich damit, dass wir in einer Gruppe im Kreis sitzen. Wir konzentrieren uns auf alle Personen, die sich in unserem Blickfeld befinden, und versuchen unsere Vorstellungen und Spannungen loszulassen, die wir über das Zusammensein mit anderen im Allgemeinen hegen. Dann wiederholen wir diesen Aspekt der Übung während wir eine Reihe von Menschen nacheinander betrachten. Wir versuchen die verschiedenen vorgefassten Meinungen, Urteile, Rollen und Erwartungen, die unsere Beziehung mit jedem von ihnen prägen, fallen zu lassen. In dieser Übung ist es besonders wichtig, mit möglichst verschiedenartigen Menschen zu arbeiten. Am besten arbeitet man mit Menschen beiderlei Geschlechts aus drei verschiedenen Altersgruppen: Menschen unseres Alters, Jüngeren und Älteren. In jeder dieser Kate­gorien versuchen wir darüber hinaus mit je einem Menschen von gleicher und dann unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft sowie gleicher und anderer Nationalität oder Rasse zu arbeiten. In jeder dieser Untergruppen arbeiten wir wiederum zuerst mit einem Menschen, den wir kennen, und dann mit einem Fremden. Wir können sogar mit einem Hund oder einer Katze üben. Wir müssen uns sorgfältig von allen fixen Vorstellungen befreien. Wenn in unserer Gruppe keine solche Vielfalt von Menschen vorhanden ist, können wir stattdessen mit Illustriertenfotos arbeiten.

Während der dritten Phase richten wir die Übung wieder auf uns selbst, indem wir zuerst unser Spiegelbild betrachten und danach den Spiegel zur Seite legen. Hier ist es wesentlich, alle vorgefassten Meinungen und Erwartungen, die wir bezüglich uns selbst hegen, sowie die Rollen und Spielchen, die wir in unserem Leben spielen, an die Oberfläche zu bringen. Wir müssen sie alle loslassen. Wir be­en­den die Übung, indem wir wieder mit der Reihe von Fotos von uns selbst aus verschiedenen Lebensabschnitten arbeiten. Wenn wir un­sere Urteile fallen lassen, werden wir feststellen, dass wir ganz von selbst warmherziger, offener und sensibler mit dem Menschen umgehen können, der wir in der Vergangenheit waren, jetzt sind und in der Zukunft sein werden.