Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil II: Die Talente unseres Herzens und Geistes entdecken

8 Die Klare-Licht-Natur der geistigen Aktivität

Geistige Aktivität als Klares Licht

Viele buddhistische Texte beschreiben die Natur des Geistes – mit anderen Worten die Natur der geistigen Aktivität – als „Klares Licht“. Der Begriff Klares Licht ist jedoch lediglich eine Analogie. Er bedeutet nicht, dass wir im wörtlichen Sinne eine Lichtquelle tief in uns hätten, etwa eine Glühbirne in einer Nische unseres Gehirns. Der Geist ist weder eine Lichtquelle noch eine Wirkungskraft, die ein Schlaglicht auf die Objekte richtet und sie so als erkannt qualifiziert. Ebenso wenig ist der Geist das Schlaglicht selbst. Der Begriff „Klares Licht“ bedeutet vielmehr, dass geistige Aktivität, von Natur aus, so klar ist wie der leere Raum. Wie der leere Raum ermöglicht der Geist, dass geistige Objekte – nicht nur Abbilder, sondern auch Geräusche oder Gedanken – in ihm erscheinen und erkannt werden, als wären sie etwas Sichtbares, das im Dunkeln beleuchtet wird.

Der Begriff „klar“ bezieht sich auf eine Abwesenheit. Mit anderen Worten: Die geistige Aktivität ist von Natur aus klar, das heißt frei von verschiedenen Makeln, die sie verunreinigen könnten. Es gibt zwei Arten von Makeln: flüchtige und natürliche. Die flüchtigen können existieren, die natürlichen sind ausschließlich eingebildet.

Flüchtige Makel können vorkommen, da sie aber – wie der Name schon nahe legt – vorübergehender Natur sind, sind es keine inhärenten Befleckungen. Einige flüchtige Makel verhindern die Befreiung vom Leiden und schränken unsere Fähigkeit, anderen zu helfen, ein. Dabei handelt es sich beispielsweise um störende Emotionen und Einstellungen. Andere, etwa konzeptuelle Gedanken, schaffen keine derartigen Probleme. Manche können sogar dazu beitragen, die vorgenannten, problematischen zu überwinden. Wie dem auch sei, beim Erlangen der Erleuchtung geht die geistige Aktivität ohne jeden Makel weiter.

Der Begriff „natürliche Makel“ bezieht sich auf etwaige Merkmale, die konkret und auffindbar sein müssten, wenn die geistige Aktivität auf unmögliche Art und Weise existieren würde. Dazu gehören zum Beispiel die inhärenten Makel oder die Allmacht zur Veränderung der Wirklichkeit. Sobald wir die Natur der geistigen Aktivität gründlich untersuchen, können wir derartige Merkmale nicht finden, selbst wenn wir noch so sehr daran glauben sollten, dass es sie gibt. Da die sogenannten natürlichen Makel vollständig eingebildet sind, ist die geistige Aktivität natürlich von ihnen frei.

Unser Geist arbeitet auf zwei Ebenen. Auf der gröberen Ebene enthält unsere geistige Aktivität die flüchtigen Makel störender Emotionen und Gedanken. Auf der subtileren Ebene ist sie von diesen Makeln völlig frei. Beide Ebenen des Geistes sind allerdings ganz natürlich frei von jeder Form inhärenter Makel. Die subtilere Ebene geistiger Aktivität, die man auch Klares Licht oder subtilster Geist nennt, liegt jedem Augenblick unseres Erlebens zugrunde. Sie sorgt für die Kontinuität unserer geistigen Aktivität.

Die vierfache Natur des Klaren Lichts

Verschiedene Aspekte geistiger Aktivität werden nicht von flüchtigen oder natürlichen Makeln verfälscht und sind daher klar wie der leere Raum. Jeder von ihnen ist für die Tatsache verantwortlich, dass geistige Objekte entstehen und erkannt werden können. Folglich ist die geistige Aktivität auf vierfache Art von der Natur des Klaren Lichts:

  1. durch ihr definierendes Merkmal – die bloße Erschaffung geistiger Objekte und das Sich-Befassen mit ihnen,
  2. ihre Natur der Selbst-Leerheit – die Abwesenheit ihrer Existenz auf fantasierte und unmögliche Art und Weise,
  3. ihre subtilste Ebene – das, was für ihre Kontinuität sorgt,
  4. ihre Natur der Ander-Leerheit – das Leersein ihrer subtilsten Ebene von allen gröberen Ebenen geisti­ger Aktivität.

Anders ausgedrückt: Gleichgültig wie verwirrt und voreingenommen unsere geistige Aktivität auch sein mag, sie

  1. produziert dennoch geistige Objekte und befasst sich mit ihnen und
  2. existiert trotz­dem niemals auf unmögliche Art und Weise. Ihre subtilste Ebene
  3. sorgt stets für ihre ungebrochene Kontinuität und
  4. bleibt vom Auf und Ab ihrer gröberen Ebenen völlig ungestört. Alle diese Aspekte der Klaren-Licht-Natur des Geistes erlauben es ihm, seine Objekte zu erkennen – trotz aller flüchtigen Makel, die ihn zeitweilig beflecken mögen.

Nichts kann die vierfache Klare-Licht-Natur des Geistes beeinflussen

Geistige Aktivität existiert niemals auf unmögliche Art und Weise. Die Theorien der Selbst-Leerheit erklären, dass es sich dabei um eine dauerhafte Tatsache handelt, die immer gilt. Nichts kann ihre Wahrheit beeinflussen. Die Sicht der Ander-Leerheit stimmt damit überein und macht dasselbe für die übrigen drei Aspekte der Klaren-Licht-Natur des Geistes geltend: Eine Ebene geistiger Aktivität 1. mit einer Struktur, die Erscheinungen hervorbringt und sich mit ihnen befasst, die 2. für die Kontinuität von einem Augenblick zum nächsten sorgt und die 3. leer ist von gröberen Ebenen, ist ebenfalls dauerhaft. Sie ist dauerhaft in dem Sinne, dass sie ständig und in jedem Falle präsent und in Funktion ist. Das ist stets wahr, gleichgültig, mit welchen selbst erschaffenen Erscheinungen der Geist sich befasst, und unabhängig davon, welche geistigen Faktoren diese Aktivität begleiten. Daher ist der Geist von seiner Natur her frei von Makeln und unverfälscht.

Kurz: Obwohl alle geistigen Objekte und die Geistesfaktoren sich ständig verändern, bleibt die Klare-Licht-Natur des Geistes ewig gleich. In gewisser Hinsicht haben störende Emotionen und Gedanken Einflüsse auf unser Erleben. Unsere Wahrnehmungen verändern sich in dem Maße, wie sich diese Faktoren verändern. Von einer an­deren Warte aus gesehen verändert sich die Struktur unseres Erle­bens niemals. Die subtilste Ebene unseres Geistes bleibt von störenden Emotionen und Gedanken völlig unbeeinflusst, weil sie leer ist von diesen gröberen Ebenen. Unsere fundamentale geistige Aktivität des Hervorbringens und Sich-Beschäftigens mit geistigen Objekten bleibt ebenfalls unbeeinflusst, obwohl Emotionen und Gedanken Teil dieser Aktivität sind. Diese letzte Tatsache ist für unsere Erörterung von großer Bedeutung.

Bedeutung des Klaren Lichts für Fragen der Sensibilität

Wenn es uns gelingt, ausgeglichene Sensibilität zu entwickeln, ist unsere geistige Aktivität des Hervorbringens und Sich-Beschäftigens mit Erscheinungen von allen Makeln frei. Sie wird dem Klaren Licht ähnlich. In der Terminologie des Mahamudra erreichen wir unseren „natürlich unverfälschten Zustand“, der immer schon bestanden hat. Unsere Aktivität des Klaren Lichts hat niemals inhärente Makel aufgewiesen. Es ist niemals wahr gewesen, dass wir nichts empfinden konnten, oder zu empfindlich waren, um mit schwierigen Situationen umgehen zu können. All unsere Ängste und selbstsüchtigen Haltungen sind bloß vorübergehende Phasen und nicht inhärente, dauerhafte Teile unserer Persönlichkeit gewesen. Die konzeptuelle Grundstruktur, die wir benutzt haben, um unsere Emotionen ins Gleichgewicht zu bringen, hat sich als recht nützlich erwiesen, wird aber jetzt nicht länger gebraucht. Ganz automatisch ruht unsere volle Aufmerksamkeit auf den anderen und auf uns selbst. Außer­dem reagieren wir auf ausgeglichene Weise ohne jeden bewusst herbeigeführten oder gewollten Gedanken.

Übung 8: Würdigung der Klaren-Licht-Natur geistiger Aktivität

Wir beginnen die erste Phase dieser Übung damit, dass wir uns jemanden aussuchen, mit dem uns eine wechselhafte Beziehung verbindet oder früher verband. Zum Beispiel könnten wir uns einen Ver­wandten oder Freund aussuchen, den wir vermissen, wenn wir ihn nicht sehen, der uns aber meistens auf die Nerven geht, wenn wir zusammen sind. Wir legen ein Foto dieses Menschen vor uns hin, wo­bei wir bei der Auswahl des Bildes darauf achten, dass der Mensch einen neutralen Gesichtsausdruck hat und nicht etwa lächelt. Da wir mit einer ganzen Reihe von Gefühlen und Gedanken in Verbindung mit diesem Menschen arbeiten wollen, sollte das Bild, auf das wir uns konzentrieren, unterschiedliche emotionale Reaktionen zulassen.

Zuerst versuchen wir eine Erfahrung davon zu machen, dass die Klare-Licht-Natur des Geistes, die im Hervorbringen geistiger Objekte und der Beschäftigung mit ihnen besteht, niemals blockiert ist oder Makel aufweist. Während wir uns nun auf das Abbild des Gesichts auf dem Foto konzentrieren, versuchen wir uns der geistigen Aktivität bewusst zu bleiben, die beim Betrachten des Fotos entsteht. Diese Aktivität ist schlicht das gleichzeitige Hervorbringen der wahrgenommenen Erscheinung und ihr Sehen. Indem wir uns dann an eine Begebenheit mit diesem Menschen erinnern, die uns aus der Fassung gebracht hat, versuchen wir ein Gefühl der Verärgerung zu erzeugen. Dann halten wir inne und beobachten, ob durch unsere störende Emotion die geistige Aktivität, die das Abbild des Gesichts hervorbringt und es betrachtet, verhindert wird.

Dann blicken wir nicht mehr auf das Foto, sondern denken bloß an den entsprechenden Menschen; dabei bedienen wir uns eines geistigen Bildes, eines Gefühls oder einfach seines Namens. Während dieses Übungsteils können wir unsere Augen offen oder geschlossen halten, was immer sich für uns am passendsten anfühlt. Wieder versuchen wir uns an den Zwischenfall zu erinnern und das Gefühl der Verärgerung zu empfinden. Verhindert unsere Verärgerung, dass das Bild der Person oder ihr Name in unserem Geist entsteht und dass wir an sie denken? Tatsächlich ist es unmöglich, sich be­wusst über jemanden zu ärgern, ohne irgendwie an ihn oder sie zu denken.

Danach rufen wir uns eine schwierige Situation in Erinnerung, die nichts mit diesem Menschen zu tun hatte, und erzeugen ein Gefühl der Verärgerung, vielleicht im Zusammenhang mit unserer Arbeit. In diesem Zustand betrachten wir wieder das Foto und untersuchen, ob unsere Emotion unsere geistige Aktivität – das Erzeugen und Sehen des Abbildes – blockiert. Während wir weiterhin über unsere Arbeitssituation verärgert sind, versuchen wir nun, an den Menschen zu denken. Obwohl das schwierig sein dürfte, wenn wir sehr aufgebracht sind, können wir doch zumindest an seinen oder ihren Namen denken. Schließlich führt unsere persönliche Erfahrung uns zu dem Schluss, dass die ständige Aktivität unseres Geistes Erscheinungen hervorzubringen und sich mit ihnen zu befassen niemals be­einflusst wird. Gleichgültig wie aufgewühlt unser Geist auch sein mag, wir können immer noch sehen, und wir können immer noch denken. Ganz gleich, in welcher emotionalen Bedrängnis wir uns be­finden mögen, wir können uns immer noch der Situation anderer bewusst sein. Verärgert wie wir sind, zollen wir ihrer Situation vielleicht nicht viel Aufmerksamkeit, aber die störenden Emotionen ma­chen uns durchaus nicht unfähig zu sehen oder zu denken. Diese Er­kennt­nis versuchen wir einsinken zu lassen.

Während wir nun wieder das Foto betrachten, denken wir be­wusst einen verbalen Gedanken über die Person, etwa: „Dies ist ein Mensch“. Wir untersuchen, ob der Gedanke unsere geisti­ge Ak­ti­vi­tät, die das Abbild des Menschen hervorbringt und es sieht, blockiert. Danach tun wir das Gleiche, während wir nun nicht-verbal an den Menschen denken. Wie können wir denken, dass eine Person ein Mensch ist, ohne an die entsprechende Person zu denken? Danach denken wir an irgendetwas, das nichts mit unserer Person zu tun hat, etwa: „Es ist Zeit fürs Mittagessen“. Können wir den Gedanken den­ken und gleichzeitig das Foto sehen? Können wir den Gedanken auch denken und uns gleichzeitig das Gesicht des Menschen im Geiste vorstellen? Wieder führt die Erfahrung uns zu der Schluss­folgerung, dass auch verbale Gedanken unsere geistige Aktivität an jemanden zu denken oder ihn bzw. sie zu sehen, nicht behindern können. Wir versuchen uns auf diese Tatsache zu konzentrieren.

Wieder betrachten wir das Foto und denken diesmal: „Ich kann mit diesem Menschen nicht richtig umgehen“. Selbst wenn wir das für die Wahrheit halten sollten, fragen wir uns, ob es irgendeinen inhärenten Makel in unserer geistigen Aktivität gibt, der uns daran hindern könnte zu sehen, was wir sehen? Wir wiederholen den Gedanken, während wir bloß an den Menschen denken, und stellen uns dieselbe Frage. Durch diesen Prozess entdecken wir eine weitere wesentliche Tatsache, die ausgeglichene Sensibilität ermöglicht. Keine natürlichen Makel behindern die Klare-Licht-Natur unseres Geistes, die bloß Erscheinung hervorbringt und sie wahrnimmt. Gleichgültig was wir glauben, wir können angemessen sensibel sein, wenn wir an jemanden denken oder ihn sehen. Wieder versuchen wir die Erkenntnis einsinken zu lassen, indem wir uns auf das Gefühl und die Überzeugung konzentrieren, dass dies wahr ist.

Dann versuchen wir zu erfahren, dass nichts die Klare-Licht-Natur der Selbst-Leerheit unseres Geistes beeinflussen kann – die Tatsache, dass er nicht auf unmögliche Art und Weise existiert. Eine unmögliche Art wäre es beispielsweise, wenn unser Geist die Realität verändern könnte – nicht bloß die subjektive Erfahrung der Wirklichkeit, sondern die objektive Wirklichkeit selbst. Wenn wir glauben, unser Geist hätte diese Macht, dann bilden wir uns ein, dass alles, was wir über jemanden denken, wahr ist, einfach weil wir es denken. Eine solche Überzeugung basiert auf dem Gefühl, dass unsere Meinung über jemanden stets korrekt ist. Wenn wir das glauben, werden wir unsensibel für die Realität dieses Menschen, was häufig zu einer Überreaktion führt, die nur auf Fantasie basiert. In dieser Übung wollen wir nur die offensichtlichste Ebene dieser Thematik behandeln. Später werden wir sie dann eingehender untersuchen.

Zuerst betrachten wir das Foto mit Furcht und denken: „Dieser Mensch ist ein Ungeheuer.“ Machen unsere Gedanken oder Gefühle diesen Menschen zu einem Ungeheuer? Nein, das tun sie nicht. Jemand handelt vielleicht wie ein Ungeheuer, vielleicht glauben wir aber auch nur, dass die Person sich wie ein Ungeheuer verhält. Dennoch ist niemand ein Ungeheuer, weil es keine wirklichen Ungeheuer gibt. Wir wiederholen den Vorgang, während wir lediglich an den Menschen denken. Dabei kommen wir zu dem Schluss, dass unser Geist die Realität nicht verändern kann und konzentrieren uns darauf. Unsere geistige Aktivität verfügt einfach nicht über diese unmögliche Macht.

Dann versuchen wir die Tatsache zu erfahren, dass eine subtile Ebene der Klaren-Licht-Natur des Geistes jedem Augenblick unseres Erlebens zugrunde liegt und – aufgrund ihrer Ander-Leerheit – frei von allen Makeln ist. Das tun wir, indem wir untersuchen, was die Kontinuität unserer Erfahrung beim Betrachten eines Gesichts auf dem Foto oder Denken an dieses Gesicht bewirkt. Wir versuchen zuerst das Abbild des Gesichts und dann den Gedanken an es mit Verärgerung, Verlangen und schließlich mit Eifersucht zu betrachten. Da keine dieser störenden Emotionen dauerhaft ist und jede durch die nächste ersetzt werden kann, muss die Ebene der geistigen Aktivität, die für Kontinuität sorgt, subtiler sein und sämtlichen Emotionen zugrunde liegen. Das gleiche Experiment versuchen wir nun mit einer Reihe verbaler Gedanken über die Person, wobei wir zum selben Schluss kommen. Die für Kontinuität sorgende Ebene muss auch sämtlichen verbalen Gedanken zugrunde liegen und damit fundamentaler sein als diese.

Was von unserer geistigen Aktivität nun übrig bleibt, ist das bloße Sehen und Denken an ein Abbild des Gesichts. Langsam wechseln wir zwischen beiden hin und her, wobei wir nun die Augen schließen, wenn wir an das Gesicht denken, falls wir das zuvor nicht ohnehin schon so gehalten haben. In beiden Fällen finden wir das Entstehen einer Erscheinung und das sich mit ihr Beschäftigen. Genau das ist die grundlegende geistige Aktivität. Der kleinste gemeinsame Nenner, der allen unseren Erfahrungen zugrunde liegt und für ihre Kontinuität sorgt, ist also die geistige Aktivität des bloßen Hervorbringens von Erscheinungen und des sich mit ihnen Beschäftigens. Wir versuchen uns für einige Minuten auf diese Erkenntnis zu konzentrieren.

Schließlich versuchen wir die neuen Einsichten in unser kontinuierliches Erleben einzuordnen, indem wir das Foto betrachten und die Schlüsselformeln benutzen:

  • „Hervorbringen und Wahrnehmen von Erscheinungen“,
  • „unbeeinflusst von Emotionen oder Gedanken“,
  • „frei von inhärenten Makeln“,
  • „nicht fähig, die Realität zu ver­ändern“,
  • „immerwährend“.

Zuerst arbeiten wir nur mit jeweils einer Einsicht, während wir die Sequenz durchlaufen. Dann, um unser Netzwerk Tiefen Gewahrseins auszudehnen, versuchen wir uns einer zunehmenden Anzahl von Einsichten gleichzeitig bewusst zu sein, indem wir zuerst mit zwei, dann drei, vier und schließlich allen fünf Merksätzen gleichzeitig arbeiten. Wie bei der vorigen Übung wiederholen wir die Sätze nicht öfter als einmal alle paar Minuten. Ansonsten lenken sie ab. Dann wiederholen wir den Vorgang, während wir nur an die Person denken.

Danach sitzen wir mit unserer Gruppe im Kreis und wiederholen die gesamte Übung zwei- oder dreimal. Jedes Mal wechseln wir zu einer anderen Person aus der Gruppe und denken während der ge­samten Abfolge nur an ihn oder sie. Bei jemandem, den wir relativ gut kennen, können wir störende Emotionen hervorbringen, indem wir versuchen uns an Vorfälle zu erinnern, bei denen wir ungeduldig mit dieser Person umgegangen sind, uns ihr über- oder unterlegen gefühlt haben und so weiter. Bei Menschen, die wir nicht so gut oder überhaupt nicht kennen, können wir uns beim ersten Schritt auch an einen emotionsgeladenen Zwischenfall aus unserem eigenen Leben erinnern. Wenn wir jemanden frisch kennen lernen, sind wir nicht selten über etwas verärgert, was eigentlich in der Begegnung mit jemand anderem geschah.

Während des zweiten Teils dieser Übungsphase wiederholen wir das Ganze als Partnerübung, wobei wir unser Gegenüber abwechselnd anschauen oder einfach nur mit geschlossenen Augen an ihn oder sie denken. Wenn wir während des ersten Schritts die verschiedenen Emotionen erzeugen, können wir genauso vorgehen wie bei der Übung im Kreis, oder wir nutzen die Nervosität und Verlegenheit, die wir vielleicht gerade jetzt empfinden, wenn wir den anderen nicht kennen.

Während der dritten Phase nehmen wir wieder uns selbst als Ob­jekt unserer Übung, indem wir uns abwechselnd in einem Spiegel betrachten, uns unser Abbild nur vorstellen oder an unseren Namen denken. Dabei folgen wir denselben Schritten wie zuvor. Wollen wir während des ersten Schritts eine störende Emotion erzeugen, versuchen wir uns an ein niedriges Selbstwertgefühl, an Selbsthass oder an blasierte Selbstzentriertheit zu erinnern und diese Gefühle wieder zu empfinden. Ganz zum Schluss wiederholen wir die Übung, während wir zuerst die Reihe der Fotos von uns selbst in verschiedenen Lebensphasen betrachten und dann von den Fotos wegschauen, um uns in der Vorstellung mit uns selbst während dieser verschiedenen Phasen zu beschäftigen. Wenn wir die verschiedenen Emotionen erzeugen, versuchen wir uns an Momente zu erinnern, in denen wir Selbsthass oder der blasierte Selbst­zentriertheit im Zu­sammenhang mit uns selbst zu jener Zeit empfanden.