Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil II: Die Talente unseres Herzens und Geistes entdecken

7 Die Aufmerksamkeit vom Geist und von uns selbst auf die geistige Aktivität verschieben

Die natürlich vorkommenden inneren Kräfte, die eine ausgeglichene Sensibilität ermöglichen – Freude, Konzentration, Warmherzigkeit, Verständnis, Selbstbeherrschung und ein Gefühl der Inspiration – sind sämtlich Faktoren unseres Geistes und unseres Herzens. Wollen wir wirksam mit diesen Faktoren arbeiten, brauchen wir eine überzeugende konzeptuelle Grundstruktur, die weit genug sein muss, damit sie sämtliche relevanten Aspekte von Geist und Herz umfasst und die Ansätze für den Umgang mit jedem einzelnen von ihnen verständlich macht. Die buddhistische Vorstellung vom Geist liefert eine derartige Grundstruktur.

Die Integration von Geist und Herz

Die meisten metaphysischen Systeme des Westens ziehen eine scharfe Trennlinie zwischen Geist und Herz. Dabei erledigt der Geist das rationale Denken, während das Herz für Emotionen und Gefühle zuständig ist. Der Buddhismus hingegen fasst diese drei Aspekte unter einem einzigen Begriff zusammen, dem darüber hinaus auch noch die Sinneswahrnehmungen, die Imagination, der Traum, der Schlaf und das Unbewusste zugeordnet sind. In Ermangelung eines besseren Wortes wird dieser Begriff in westlichen Sprachen mit „Geist“ übersetzt.

Wenn Geist und Herz als zwei Aspekte ein und desselben Phänomens gesehen werden, entstehen weniger Hindernisse für die Integration von Verständnis und Warmherzigkeit. Jedes Programm zur Entwicklung ausgeglichener Sensibilität muss sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen. Eine dualistische Sichtweise von Geist und Herz trägt signifikant zur Entfremdung logischer Prozesse von Emotionen und Gefühlen bei. Das gilt ganz besonders dann, wenn wir eine Seite für vertrauenswürdig und gut, die andere hingegen für verdächtig und schlecht halten.

Der Geist ist keine materielle Wesenheit in unserem Kopf

Der Geist hat keine Form. Er ist kein materielles Organ, dass sich irgendwo im Hirn finden läßt. Ebenso wenig ist er auf irgendetwas Physisches reduzierbar, etwa auf das Nervensystem oder die allen neurologischen Prozessen zugrunde liegenden elektrochemischen Prozesse. Vom buddhistischen Standpunkt besitzt das Phänomen, das wir als „Geist“ bezeichnen, keinerlei Wesenhaftigkeit. Der Begriff „Geist“ bezieht sich vielmehr auf die geistige Aktivität – sowohl die bewusste als auch die unbewusste – , die auf der Basis eines individuellen Gehirns, eines ebensolchen Nervensystems und der physiologischen Prozesse beider auftritt.

Darüber hinaus bezieht sich der Begriff „Geist“ auch nicht auf denjenigen, der die geistigen Aktivität ausführt, und ebenso wenig auf ein Werkzeug, das wir benutzen, um Formen wahrzunehmen, einen Gedanken zu denken oder eine Emotion zu empfinden. Das Wort „Geist“ bezieht sich schlicht auf die geistige Aktivität selbst, etwa das Sehen, das Denken oder das Fühlen. Dabei beinhaltet es auch subtile Formen geistiger Aktivität, wie sie etwa im Schlaf vorkommen.

Wenn wir unseren Geist als ein „Ding“ in unserem Inneren sehen, projizieren wir häufig eine feste Identität auf ihn. So bilden wir uns zum Beispiel ein, unser Geist sei unfähig, irgendetwas zu empfinden oder er könne mit den ihn überwältigenden Emotionen nicht umgehen. Wir identifizieren uns mit unserem Geist, fühlen uns unzulänglich oder benutzen Ausreden. Wir beharren stur darauf, dass andere uns auf eine bestimmte Weise sehen, weil wir eben so und nicht anders sind. Sobald wir die positiven Faktoren erkennen, die jetzt schon mit unserer geistigen Aktivität einhergehen und sie verstärken, werden wir ganz natürlich ausgeglichener in unserer Sensibilität.

Wenn wir diesen Weg einschlagen, werden wir begreifen, dass Sensibilität nicht von der Kompetenz oder dem Wert von uns als Person abhängt. Ebenso wenig ist sie die Aktivität irgendeiner festgelegten Wesenhaftigkeit in unserem Kopf. Unseren Geist oder uns selbst der Unsensibilität oder der Hypersensibilität zu bezichtigen, ist daher völlig sinnlos. Ohne jeden Selbstvorwurf müssen wir einfach nur die Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit fein einstellen, die unsere geistige Aktivität in jeder Situation begleiten.

Geist als dauernd sich verändernde Wahrnehmung der Dinge

Geistige Aktivität beinhaltet stets ein Objekt. Wir sehen nicht einfach nur. Wenn wir sehen, dann sehen wir ein Abbild. Wenn wir denken, dann denken wir einen Gedanken. Außerdem befinden sich die Objekte unserer geistigen Aktivität in dauernder Veränderung. Einen Augenblick sehen wir die Wand, im nächsten schon einen geliebten Menschen. Selbst wenn wir die Wand anstarren, verändert sich der Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit ständig ein wenig. Keinen Augenblick lang existieren das Sehen und das Gesehene unabhängig voneinander. Wenn wir also etwas anderes sehen, hat sich auch unsere Erfahrung des Sehens verändert.

Eine Erfahrung hat nicht bloß emotionale Inhalte. Wir können zum Beispiel keine Stimmung erleben, ohne gleichzeitig auch irgendein Objekt wahrzunehmen. Wir können also nicht deprimiert sein, ohne gleichzeitig zum Beispiel die Wand zu sehen oder entweder verbal oder auf andere Weise an irgendetwas zu denken. Selbst wenn unsere Depression nichts Bewusstes zum Inhalt hat und wir zusätzlich die Augen schließen, so nehmen wir in unserer Depression doch immer noch die Dunkelheit wahr. Intellektuell können wir eine Stimmung durchaus von dem unterscheiden, was wir in dieser Stimmung wahrnehmen, aber immer erfahren wir beides zusammen.

Darüber hinaus handelt es sich bei einer Stimmung nicht um eine monolithische geistige Einheit. Sie setzt sich aus einer Menge von Faktoren, wie etwa Gefühlen, Emotionen, Aufmerksamkeit, Interesse und so weiter zusammen. Während sich die Objekte unseres Erlebens jeden Augenblick verändern, verändert sich jeder dieser geistigen Faktoren ebenfalls ganz natürlich – und zwar zu unterschiedlicher Zeit und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Daher kann eine Stimmung niemals statisch sein.

Verwirrung bezüglich dieser Dinge lässt uns häufig unsensibel für den gegenwärtigen Augenblick werden. Bevor wir jemandem begegnen, bilden wir uns vielleicht ein, dass der Zustand unseres Geistes so bleiben würde, wie er bis dahin war. Oder wir erwarten vielleicht, dass sich frühere Erfahrungen mit diesem Menschen auch diesmal wiederholen werden. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, die Zusammenarbeit mit unseren Berufskollegen sei an diesem Vormittag schwierig gewesen. Die kleinsten Bemerkungen ihrerseits ha­ben uns schon verärgert. Wir könnten nun folgern, dass wir wohl einen schlechten Tag haben und annehmen, dass es am Nachmittag zweifellos so weitergehen wird.

Das muss aber nicht der Fall sein. Wenn wir unsere Familie am Abend wiedersehen, machen wir eine neue Erfahrung, mit frischer geistiger Aktivität, die sich mit anderen Objekten beschäftigt. Sind wir dieser Tatsache gegenüber achtsam, so können wir das, was wir als unsere frühere Stimmung wahrgenommen haben, loslassen und ruhig, warmherzig und verständnisvoll werden.

Einzigartigkeit der Erfahrung

Der Geist eines jeden Menschen ist individuell. Meine Erfahrung beim Sehen einer Form ist niemals dieselbe wie deine. Das liegt schon daran, dass der Anblick eines Gesichts davon abhängt, unter welchem Blickwinkel und mit welchem Abstand man es betrachtet. Was wir von der rechten Seite aus einem halben Meter Ent­fernung sehen, ist etwas vollkommen anderes, als was ein anderer Betrachter gleichzeitig aus 15 Metern Entfernung von der linken Seite her sieht. Würden wir beide im gleichen Augenblick ein Foto machen, wären die Bilder verschieden. Trotzdem wäre jedes ein akkura­tes Ab­bild des Gesichts.

Wenn man das versteht, so gewinnt man die Überzeugung, dass die Erfahrung eines jeden Menschen in seinem eigenen Kontext Sinn macht. Das stimmt nicht nur im Hinblick darauf, was Leute hören oder sehen, sondern ebenso im Hinblick darauf, wie sie das Gehörte und Gesehene interpretieren. Macht man sich diese Tatsache be­wusst, überwindet man leichter die Unsensibilität sich einzubilden, nur die eigene Wahrnehmung sei korrekt. Diese Einsicht ist das solide Fundament auf dem eine dauerhafte Form der Konfliktlösung aufbauen kann.

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, wir hätten für zu Hause ein kompliziertes Stück Unterhaltungselektronik gekauft. Sobald unser Partner nach Hause kam, haben wir ihm angeboten, gemeinsam die Gebrauchsanweisung durchzugehen. Unser Partner jedoch hat den Vorschlag als Beleidigung aufgefasst und uns wütend beschuldigt, dass wir ihm nicht vertrauen. Wir hingegen hatten tatsächlich nichts anderes im Sinn gehabt, als die Intimität und Freude dieser Erfahrung zu teilen. Die überempfindliche Reaktion unseres Partners ha­ben wir dann als persönliche Zurückweisung empfunden und da­raus geschlossen, dass unser Partner uns nicht mehr liebt.

Um das Missverständnis aus der Welt zu schaffen, müssen wir beide uns an das Beispiel der zwei Menschen erinnern, die aus unterschiedlichen Perspektiven ein und dasselbe Gesicht betrachten. Jeder sieht etwas anderes und trotzdem ist das, was jeder sieht, korrekt. Wir müssen die Gültigkeit unserer unterschiedlichen Wahrnehmungen des Gesprächs anerkennen und Hintergrund und Gründe für die Reaktion des anderen verstehen. Haben wir erst einmal den arroganten Glauben abgelegt, nur unsere Wahrnehmung des Vorfalls sei korrekt, können wir unser inneres Gleichgewicht wieder finden.

Der Geist als ununterbrochene Kontinuität

Der Geist oder die geistige Aktivität eines jeden Menschen weist eine ununterbrochene Kontinuität auf. Eine Erfahrung folgt auf die andere und sie alle bilden ein dem Gesetz von Ursache und Wirkung gehorchendes, geordnetes Kontinuum. Denken wir über diese Tatsache nach, erkennen wir, dass sowohl unser Mangel an Sensibilität in einigen Situationen als auch unsere hypersensiblen Ausbrüche in anderen augenblickliche und weiterführende Konse­quen­zen haben. Die von ihnen ausgehenden Schockwellen bringen unseren eigenen Geist und den anderer in Aufruhr. Wir sind für un­sere Einstellungen und unser Verhalten verantwortlich. Ihre Wirksamkeit zu leugnen, hindert sie keinesfalls daran, Probleme zu schaffen.

Der Buddhismus spricht nicht nur von einer Kontinuität geistiger Aktivität in diesem Leben, sondern beschreibt sie zudem als anfangs- und endlos. Ob wir nun an vergangene und zukünftige Leben glauben oder nicht, wir gewinnen eine stärkere Motivation, unsere Sensibilität auszugleichen, wenn wir eine unbestreitbare Tat­sache akzeptieren. Die Wirkungen unseres Verhaltens setzen sich nicht nur bis in unser Alter hinein fort, sondern auch in zukünftige Generationen. Wenn wir zum Beispiel nicht sensibel auf unsere Kinder eingehen, beeinflussen wir ihre psychologische Entwicklung auf bestimmte Weise. Das wiederum spielt eine entscheidende Rolle in der Art und Weise, wie sich ihr zukünftiges Familienleben gestaltet. Wir sollten sorgfältig über unser emotionales Vermächtnis nachdenken. Wenn wir zukünftige Generationen nicht mit dem aus unserem Verhalten resultierenden emotionalen Fallout belasten wollen, müssen wir jetzt an unseren Problemen arbeiten.

Allgemeine Definition des Geistes

Die Ausbildung in tibetisch buddhistischer Logik beinhaltet das Studium der Erkenntnistheorie (lorig). Die Literatur über diese Thematik definiert Geist als „bloße Klarheit und bloßes Gewahr­sein“. Die Tatsache, dass der Geist keinerlei Wesenhaftigkeit besitzt, gilt ebenso für Klarheit und Gewahrsein. Sie sind Facetten geistiger Aktivität in Bezug auf ein Objekt und charakterisieren jeden Augenblick der Wahrnehmung unseres ganzen Lebens.

„Klarheit“ bezieht sich auf die geistige Aktivität des Hervorbrin­gens eines geistigen Objekts. In diesem Zusammenhang hat der Be­griff nichts mit der Schärfe der Konzentration zu tun. Würden wir diese Aktivität von einem westlichen Standpunkt beschreiben, würden wir sagen, dass unser Geist in jedem Augenblick ein geistiges Objekt erschafft. Von der buddhistischen Warte würden wir einfach nur sagen, dass jeder Augenblick unserer Wahrnehmung das Entstehen oder In-Erscheinung-Treten eines derartigen Objekts mit sich bringt. Geistige Objekte umfassen Formen, Geräusche, Gerüche, Geschmäcke, Tast- oder körperliche Empfindungen, Träume, Ge­dan­ken, Gefühle und Emotionen.

Um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, müssen wir zwischen dem Gesicht einer Person selbst und dem Abbild dieses Gesichtes unterscheiden. Was wir sehen, ist ein Abbild – ein Abbild auf unserer Retina – , nicht das eigentliche Gesicht selbst. Unser Geist lässt lediglich das Abbild von jemandes Gesicht entstehen. Er tut dies, indem er sich auf das Sehbewusstsein, das Gesicht der Person und die Sinneszellen in unseren Augen stützt. Unser Geist erschafft nicht das Gesicht selbst. Abbilder existieren ausschließlich im Kontext des Gesehenwerdens von einem Geist, wohingegen Objekte, etwa unser Gesicht, existieren, ob sie nun jemand sieht oder nicht. Der Pickel auf unserer Nase verschwindet nicht, wenn wir ihn mit Creme abdecken oder einfach nicht in den Spiegel schauen. Das einzige, was verschwindet, ist unsere Erfahrung sein Abbild zu sehen.

„Gewahrsein“, der zweite Begriff der Definition von Geist, bezieht sich auf die geistige Aktivität, die irgendwie geartete Beschäftigung mit einem geistigen Objekt. Etwas wahrzunehmen beinhaltet notwendigerweise es entweder zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu ertasten, zu träumen, zu denken oder emotional zu fühlen. Das ist immer der Fall, gleichgültig ob die Beschäftigung bewusst und mit Verständnis erfolgt oder nicht. Darüber hinaus sind das Erzeugen eines geistigen Objekts und die Beschäftigung mit ihm zwei Facetten ein und derselben Aktivität. Sie treten gleichzeitig auf, nicht hintereinander. Ein Gedanke entsteht nicht, bevor wir ihn denken.

Das Wort „bloß“ in der Definition bedeutet, dass das Erzeugen einer Erscheinung von etwas und die Beschäftigung damit schon alles ist, was geistige Aktivität ausmacht. Weder Konzentration noch Verstehen sind erforderlich, obwohl diese und andere Geistesfak­toren präsent sein können.

„Bloß“ schließt aber nicht nur die Notwendigkeit, sondern sogar die Existenz eines konkreten, findbaren Geistes oder Agens „hier drinnen“ aus, das ein Abbild entstehen lässt oder das Sehen dieses Abbilds übernimmt. Allerdings negiert der Begriff „bloß“ nicht die Tatsache, dass, konventionell gesprochen, unser Geist und nicht unsere Nase Erscheinungen erschafft und sich mit ihnen beschäftigt. Zusätzlich sind es wir selbst und niemand anders, der die Dinge sieht oder denkt. Der Geist und die Person, um die es dabei geht, sind jedoch weder konkrete noch auffindbare „ Dinge“ in unserem Kopf. Wenn wir sie in unserer Einbildung doch für konkret und auffindbar halten, stülpen wir ihnen schon bald eine fixe Identität über, indem wir sie beispielsweise als inhärent unsensibel oder überemotional betrachten. Folglich werden wir nicht einmal versuchen unsere Persönlichkeit zu verändern. Wir glauben, wir selbst und alle anderen müssten eben lernen damit zu leben.

Und wenn wir uns selbst als konkreten „Boss“ in unserem Kopf empfinden, der immer alles unter Kontrolle haben muss, schaffen wir uns nur neue Probleme. Wenn wir nämlich dann zum Beispiel unsensibel oder übertrieben reagieren, könnten wir diesem Boss Vor­würfe und Schmähungen an den Kopf werfen. Wir glauben vielleicht, der Boss hätte die Angelegenheit unter Kontrolle haben müssen, was nicht der Fall war. Indem wir dann blitzschnell die Seiten wechseln und uns mit dem Boss identifizieren, fühlen wir uns schuldig. Andererseits könnten wir befürchten, dass unsere geistige Aktivität völlig außer Kontrolle geraten würde, wenn kein Boss die Dinge in die Hand nähme. Auch dies wäre ein falsches Verständnis. Der Begriff „bloß“ schließt nämlich keineswegs die Tatsache aus, dass geistige Faktoren wie zum Beispiel Unterscheidungsfähigkeit und Selbstdisziplin unsere Gedanken und Gefühle stets begleiten können.

Bedeutung der Definition des Geistes im Zusammenhang mit Sensibilität

Das Verständnis der Definition des Geistes ist für den Ausgleich un­serer Sensibilität wesentlich. Befähigt es uns doch zu der Erkenntnis, dass die Regulation der Faktoren, die unsere geistigen Aktivitäten begleiten, unsere Persönlichkeit und unsere Lebenserfahrung verändert. Stellen wir uns einmal vor, was geschieht, wenn wir jemandem begegnen. Die Grundstruktur unserer Wahrnehmung ist das gleichzeitige Erscheinen und Wahrnehmen seines oder ihres Abbildes. Bestimmte Geistesfaktoren begleiten jeden Moment der Wahrnehmung, etwa ein gewisser Grad an Aufmerksamkeit und Interesse. Wenn wir unsere Sensibilität verbessern wollen, müssen wir diese Faktoren richtig einstellen. Andere Faktoren können dazukommen, müssen es aber nicht. Wir können jemanden entweder mit oder ohne unseren Filter aus Vorurteilen und Moralvorstellungen wahrnehmen. Wir haben die Wahl. Wieder andere Faktoren sind vollkommen abwesend, etwa ein konkretes „Ich“, das aus den Augen herausschaut und um das sich unsere Unsicherheiten und Ängste kristallisieren.

Wenn wir diese Punkte im Zusammenhang mit unserer geistigen Aktivität verstehen, können wir sie anwenden, um in schwierigen Situationen mit emotionaler Gelassenheit zu reagieren. Denken wir noch einmal an das Missverständnis mit unserem Partner im Zusammenhang mit der Unterhaltungselektronik zurück. Er hatte uns zu Unrecht beschuldigt. Wir können eine Überreaktion vermeiden, wenn wir das Hören der Worte als die bloße Erscheinung und Beschäftigung mit einem Klang erleben. Indem wir die Erfahrung als die bloße geistige Aktivität des Augenblicks erkennen, gehen wir einfach zum nächsten Augenblick der Erfahrung über.

So zu denken bedeutet nicht, dass wir die Worte unseres Partners einfach entweder mit leerem Gesichtsausdruck oder einem blöden, wohlwollenden Grinsen ignorieren. Wir verstehen sehr wohl ihre Bedeutung. Indem wir denjenigen – der den Klang hört – jedoch nicht als konkrete Wesenheit in uns identifizieren, vermeiden wir es, die Worte persönlich zu nehmen. Indem wir die Worte darüber hinaus nicht überproportional aufblasen, halten wir das, was wir hören, nicht für ein Zeichen der wahren Gefühle unserer Partnerin uns gegenüber. Darum fühlen wir uns auch nicht beleidigt oder angegriffen und werden nicht aggressiv. Wir bleiben sensibel dafür, was ihn oder sie verärgert, und reagieren auf ruhige, geduldige und verständnisvolle Weise. Wenn uns das bei einem Vierjährigen gelingt, der „Ich hasse dich“ sagt, weil wir ihm eine Süßigkeit vor dem Essen verweigert haben, können wir es auch mit unserem Partner.

Übung 7: Die Aufmerksamkeit vom Geist und von uns selbst auf die geistige Aktivität verschieben

Die nächste Übung ist vom Kagyü-Stil der Mahamudra­-Meditation inspiriert. Wir beginnen damit, dass wir jede körperliche, mentale oder emotionale Verspannung in unserem Körper und unserem Geist lösen. Das tun wir, indem wir besonders auf unsere Körperhaltung achten, die Atemmethode des Loslassens anwenden und uns unsere Sorgen und Verspannungen wie das Schreiben auf Wasser oder wie Wogen im Ozean vorstellen.

Wir halten unsere Augen offen und blicken uns langsam im Raum um, wobei wir auch auf alle eventuellen Geräusche achten. Wir versuchen den Mechanismus zu bemerken, der automatisch in je­dem Augenblick des Sehens und Hörens vorkommt. Die Grundlinie ist die Gleichzeitigkeit des Erscheinens von Abbildern oder Geräuschen und des Sich-Befassens mit ihnen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf ein Objekt richten, zum Beispiel eine Uhr oder ihr Ticken, erschafft unsere geistige Aktivität die mentalen Objekte, die unsere direkte Erfahrung ausmachen, und nimmt sie gleichzeitig wahr. Mit anderen Worten: Das Erschaffen einer Erscheinung von etwas und ihre Wahrnehmung sind zwei Facetten ein und derselben Aktivität. Haben wir erst einmal verstanden, was eigentlich passiert, wann im­mer wir etwas sehen, hören oder an etwas denken, versuchen wir unsere in jedem Augenblick ablaufende geistige Aktivität mit einem klaren Verständnis dieses Mechanismus zu verbinden.

Dabei ist es durchaus nicht nötig, unser Verständnis zu verbalisieren. Wir sind vollkommen in der Lage etwas zu verstehen, auch wenn wir es in unserem Geist nicht in Worte fassen. Wir sehen zum Beispiel eine Ampel auf Rot umschalten, verstehen die Bedeutung und bremsen. Das geht ganz leicht und ohne dass wir verbalisieren müssten, dass die Ampel jetzt Rot zeigt und wir anhalten sollten.

Zuerst versuchen wir mit dem Verständnis zu schauen und zu hören, dass wir die Erscheinungen der Objekte gleichzeitig produzieren und wahrnehmen. Dann versuchen wir mit dem Gefühl zu schauen und zu hören, dass dieser Prozess gegenwärtig stattfindet. Schließlich wechseln wir zwischen Erkenntnis und Gefühl hin und her und versuchen die beiden zu verbinden. Damit wir das überhaupt tun können, müssen wir zuerst verstehen, was der Begriff Ge­fühl in diesem Zusammenhang bedeutet.

Das Wort „Gefühl“ hat viele Bedeutungen. Die Bandbreite um­fasst körperliche Empfindungen, Emotionen, Ebenen von Glück oder Leid, Ebenen von Sensibilität und einen Sinn für Ästhetik. Ein Gefühl kann aber auch eine vorgestellte Erfahrung, ein Drang zum Handeln, eine Intuition, ein Eindruck, eine Meinung oder ein Sinn für Identität oder Realität sein. Wir können uns hungrig, zornig, glücklich, sensibel oder kreativ fühlen. Wir können versuchen herauszufinden, wie es sich anfühlt zu fliegen, oder wir haben das Gefühl etwas essen zu wollen. Ebenso könnten wir das Gefühl haben, dass etwas Wunderbares geschehen wird, dass wir an einem wichtigen Punkt in unserem Leben stehen, dass etwas nicht stimmt oder dass wir talentiert sind. In diesem Zusammenhang bezieht sich das Wort Gefühl auf einen Sinn für eine gewisse Realität dessen, was geschieht.

Wir können uns den Unterschied zwischen dem Verständnis von etwas und dem Gefühl, dass es geschieht, an der Analogie einer Flugreise verdeutlichen. Während eines Fluges sind wir uns häufig nicht bewusst, dass wir gerade fliegen. Dennoch können wir die Reise mit dem Verständnis erleben, dass wir uns mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft fortbewegen. Vielleicht fühlen wir auch, dass wir in einem Flugzeug durch die Luft rasen. Hier meinen wir nicht die körperliche Empfindung des Fliegens, sondern das Gefühl für die Realität dessen, was geschieht. Ebenso können wir, wenn wir schauen und hören, fühlen, dass unsere geistige Aktivität die audiovisuellen Eindrücke, die wir wahrnehmen, produziert und sich mit ihnen beschäftigt.

Hierzu ist es aber wesentlich, unsere geistige Aktivität frei von Selbstzentriertheit zu halten. Das bedeutet, dass wir nicht der falschen Vorstellung von einem konkret auffindbaren „Ich“ oder Geist in unserem Kopf unterliegen, die passiver Beobachter oder aktiver Gestalter unserer geistigen Aktivitäten sind. Das Betrachten unserer Wahrnehmungen aus der Perspektive eines distanzierten Beobachters kann allerdings eine gewohnheitsmäßige Unsensibilität in uns verstärken. Von unseren Gefühlen entfremdet, fänden wir es dann schwierig, auf das, was wir beobachten, einzugehen. Betrachten wir jedoch andererseits unsere geistige Aktivität als den Leiter oder Boss des Ganzen, verstärken wir höchstwahrscheinlich unsere Tendenz zur Überreaktion. Das wäre dann das Ergebnis einer übertrieben intensiven Beschäftigung mit dem, was geschieht, und ängstlicher Manipulationsversuche, die wiederum aus Gefühlen der Selbst­zentriertheit und Unsicherheit entstehen.

Daher versuchen wir jeden Augenblick mit dem Verständnis zu erleben, dass unsere geistige Aktivität ohne ein konkretes Ich oder einen konkreten Geist zustande kommt. Dann versuchen wir ohne jede Befangenheit zu sehen und zu hören. Schließlich versuchen wir, die Erkenntnis und das Gefühl kein konkretes „Ich“ zu besitzen beim Sehen und Hören miteinander zu verbinden.

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit vom Geist weg und auf die selbst-lose geistige Aktivität lenken, müssen wir aufpassen, nicht auch die konventionelle Existenz unserer selbst und unseres Geistes zu negieren. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass wir nicht länger die Verantwortung für das, was wir denken, fühlen und sagen übernehmen. Diese Art des Handelns wäre das Ergebnis unseres Gefühls, dass es keinen Verantwortlichen gibt oder dass unsere Erfahrung un­kontrollierbar ist. Um dies zu verhindern, versuchen wir nun mit einem Verständnis unserer Wirklichkeit zu sehen und zu hören. Obwohl wir nicht als konkreter Chef von allem in unserem Kopf existieren, sind wir dennoch verantwortlich für das, was wir erleben, und dafür, wie wir es erleben. Nachdem wir für einige Minuten mit diesem Verständnis gesehen und gehört haben, versuchen wir nun mit dem Gefühl der Verantwortlichkeit zu sehen und zu hören. Danach versuchen wir wieder sowohl das Verständnis als auch das Gefühl der Verantwortlichkeit mit unserer fortschreitenden geistigen Aktivität zu verbinden.

Als Nächstes versuchen wir zu bemerken, dass jeder Augenblick unseres Erlebens aus verschiedenen Inhalten besteht, die sich dauernd verändern wie ein kontinuierlicher Strom und uns auf diese Tatsache zu konzentrieren. Diese Inhalte bestehen nicht nur aus verschiedenen Formen, Geräuschen oder Gedanken, sondern ebenso aus verschiedenen Emotionen, unterschiedlichen Graden von Interesse, Aufmerksamkeit und so weiter. Zuerst versuchen wir nun, dieses Verständnis mit unserer fortlaufenden geistigen Aktivität des Sehens und Hörens zu verbinden. Dann versuchen wir wieder, mit dem Gefühl der fließenden Veränderung zu sehen und zu hören. Schließlich verbinden wir wieder Verständnis und Gefühl der unablässigen Veränderung unseres Von-Augenblick-zu-Augenblick-Erlebens.

Dann versuchen wir zu beobachten, dass das, was wir erleben, nur für uns persönlich gilt. Es hängt von unserem körperlichen und geistigen Blickwinkel ab. Wenn wir in einer Gruppe üben und jemand hustet, erlebt zum Beispiel jeder einzelne von uns das Hören des Geräuschs unterschiedlich. Manche hören es mit Verärgerung, weil sie es als Unterbrechung ihrer Konzentration empfinden, wohingegen andere sich sorgen, ob der Hustende vielleicht krank ist. Wenn unsere Beine zu schmerzen beginnen, können wir auf ähnliche Weise entweder Irritation oder sanfte Fürsorge empfinden. Zuerst versuchen wir mit dem Verständnis zu sehen und zu hören, das unser Er­le­ben uns persönlich eigen ist. Dann versuchen wir im Schauen und Hören die Einzigartigkeit unseres Erlebens zu fühlen, so wie wir die Einzigartigkeit von uns als Mensch fühlen. Zum Schluss versuchen wir Verständnis und Gefühl der Einzigartigkeit zusammen zu erleben, während unsere geistige Aktivität weitergeht.

Jetzt denken wir darüber nach, dass unsere geistige Aktivität eine Kontinuität darstellt, und dass das, was wir jetzt wahrnehmen, denken und fühlen, unser zukünftiges Erleben beeinflusst. Wenn wir anderen oder uns selbst gegenüber unsensibel sind oder wenn wir auf Unannehmlichkeiten übertrieben reagieren, werden wir weiter Unglück erfahren. Wenn wir unglückliche Erfahrungen vermeiden wollen, müssen wir ein besseres Verständnis des Lebens entwickeln. Zuerst ergänzen wir also unser Sehen, Hören und Den­ken mit dem Verständnis, dass wir die Konsequenzen unserer geistigen Aktivitäten selbst erfahren werden. Dann versuchen wir, unser Sehen, Hören und Denken mit dem Gefühl für diese Tatsache zu verbinden, ähnlich dem Gefühl der Gewissheit, dass wir glücklich sein werden, wenn wir nach Hause kommen und die Menschen sehen, die wir lieben. Schließlich versuchen wir wieder die Vereinigung von Verständnis und Gefühl für Ursache und Wir­kung mit unserer fortlaufenden geistigen Aktivität zu verbinden.

Der letzte Schritt besteht darin, alle vorherigen Punkte zusammen zu verstehen und zu fühlen, während wir im Raum herumschauen und -hören. Um den Prozess zu beginnen, wiederholt unser Gruppenleiter oder wir selbst langsam nacheinander die folgenden acht Schlüsselformeln:

  • „Hervorbringen und Wahrnehmen von Erscheinungen“,
  • „kein Beobachter“,
  • „niemand, der kontrolliert“,
  • „und doch verantwortlich für das, was ich erlebe“,
  • „Veränderung der Erscheinungen“,
  • „sich verändernde geistige Faktoren“,
  • „mir ganz persönlich eigen“
  • „ich erfahre die Konsequenzen meiner geisti­gen Aktivität“.

Bei jeder Formel versuchen wir mit der Verbindung von Verständnis und Gefühl der Wirklichkeit zu schauen und zu hören.

Wir beginnen, das alles in unser Netzwerk Tiefen Gewahrseins zu integrieren, indem wir zwischen zwei Formeln wechseln, die drei As­pekte zusammenfassen: „Hervorbringen und Wahrnehmen von Erscheinungen“ und „keine Selbstzentriertheit“. Dann fügen wir eine dritte Formel hinzu: „ verantwortlich“. Dann kommen nach und nach noch die folgenden Schlüsselformeln hinzu:

  • „fließende Veränderung“,
  • „mir ganz persönlich eigen“
  • „ich erfahre die Konsequenzen“.

Wiederholen wir die Formeln zu oft, so könnte das unsere Aufmerksamkeit ablenken. Unsere Praxis könnte auch einen mehr intellektuellen als erfahrungszentrierten Charakter annehmen. Das Hören oder Wiederholen der Formeln soll uns bloß an unser Verständnis und unser Gefühl erinnern und uns helfen, bei der Sache zu bleiben. Die Hauptsache ist, jeden Augenblick geistiger Aktivität frisch zu erleben, mit Achtsamkeit, Wachheit und zunehmendem Verständnis und Gefühl für die Wirklichkeit des Geschehens.

Während der zweiten Übungsphase sitzen wir mit unserer Gruppe im Kreis und richten unsere Aufmerksamkeit auf eine oder mehrere Personen, je nachdem, was uns angenehmer ist. Damit wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf ein anderes Objekt ausrichten können, sollte jeder seinen Kopf bewegen, von Zeit zu Zeit die Position wechseln und gelegentlich den Gesichtsausdruck verändern. Wir tun dies, während wir gleichzeitig dem oben erklärten Ab­lauf folgen und versuchen, immer mehr Verständnis und Gefühl für die Wirklichkeit unserer geistigen Aktivität zu empfinden, während wir eine oder mehrere Personen ansehen. Dann wiederholen wir die Übung als Partnerübung.

In der dritten Phase folgen wir wieder dem gleichen Vorgang, während wir uns selbst im Spiegel betrachten, wobei wir gelegentlich unseren Kopf bewegen und unseren Gesichtsausdruck verändern. Von Zeit zu Zeit schauen wir auch nicht in den Spiegel oder schließen unsere Augen, um unserem Erleben mehr Vielfalt zu geben. Während des gesamten Prozesses konzentrieren wir uns nicht nur auf das, was wir sehen, sondern ebenso auch auf die Erfahrung unserer Emotionen, Gefühle und jeden scheinbaren Man­gel an ihnen. Schließlich wiederholen wir den Vorgang, während wir abwechselnd die verschiedenen Photos von uns aus der Vergangenheit betrachten und unsere Augen schließen.