Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil I: Konstruktiv mit Fragen der Sensibilität umgehen

6 Zuneigung und Verständnis vereinen

Die gemeinsame Entwicklung von Zuneigung und Verständnis

Wollen wir die Erleuchtung erlangen, so müssen wir unsere innewohnende n Netzwerke Positiven Potenzials und Tiefen Gewahrseins stärken, bis sie zu den Netzwerken erleuchteter Form und all-gütigen, alles und jeden umfassenden Tiefen Gewahrseins werden. Genau wie die beiden resultierenden Erleuchtungsnetzwerke sich miteinander zu einem ganzheitlichen erleuchteten Wesen verbinden, so stehen auch unsere innewohnenden Netzwerke von Poten­zial und Gewahrsein miteinander in Verbindung und verstärken sich gegenseitig. In Übereinstimmung mit dieser Struktur müssen wir also unsere beiden Grundnetzwerke gemeinsam festigen, während wir uns auf der Ebene des Pfades entwickeln. Häufig vergleicht man die Koordination und gemeinsame Nutzung der beiden Grundnetz­wer­ke mit dem Fliegen, da der Vogel auch immer beide Flügel gebraucht.

Beim Erlangen ausgeglichener Sensibilität ist die Verbindung von Zuneigung und Verständnis gleichermaßen wichtig. Angenommen wir besäßen nur liebevolle Gefühle für andere, es fehle uns aber das Verständnis für ihre jeweilige Situation. Wie leicht würden wir wohl – von den Emotionen davongetragen – bar jeder Weisheit handeln? Wenn wir zu emotional sind, handeln wir oft überstürzt. Wenn wir jedoch andererseits bloß die Situation verstehen, es uns aber an jeder Zuneigung fehlt, reagieren wir vielleicht ohne jedes Feingefühl auf andere.

Jeder von uns besitzt eine grundlegende Ebene von Zuneigung und Verständnis. Wenn wir sie gemeinsam entwickeln, können wir anderen und uns selbst ausgeglichener und feinfühliger beistehen. Nun wollen wir fünf Punkte untersuchen, die uns die beiden Faktoren miteinander vermählen helfen.

Andere ernst nehmen

Andere sind real. Die Menschen, denen wir begegnen, sind keine aus­gedachten Charaktere aus einem Film oder anonyme Gesichter in einer Nachrichtensendung. Wir wissen recht gut, welche Sorgen andere im Allgemeinen haben. Statistiken jedoch sind wenig hilfreich, solange wir die Notlagen nicht wirklich ernst nehmen. Wir müssen die liebevolle Hinwendung von Mensch zu Mensch empfinden.

Einmal angenommen wir lägen im Krankenhaus und warteten auf eine schwierige Operation. Die meisten von uns hätten sicher Angst und wären voller Sorge, dass sie die Operation nicht überleben könnten. Jetzt kommt die Schwester, um uns für die Operation vorzubereiten. Wir wollen zwar von niemandem bedauert werden, würden es aber doch sicherlich schätzen, wenn die Krankenschwester etwas Zuneigung und Verständnis zeigen würde. Es reicht nicht aus, alle technischen Einzelheiten zu kennen, die zu unserer körperlichen Vorbereitung auf die Operation nötig sind. Wir sind real, un­sere Angst ist überwältigend, und wir möchten von der Schwester ernst genommen werden. Wenn das für uns gilt, gilt es ebenso auch für andere. Jeder Mensch möchte ernst genommen werden. Wenn wir andere ernst nehmen, helfen wir ihnen zudem auch noch, sich selbst ernst zu nehmen. Das wiederum stärkt ihr Selbstvertrauen und hilft ihnen so, ihr niedriges Selbstwertgefühl zu überwinden.

Furchtlos auf den anderen eingehen

Es ist keineswegs so, dass unser Handeln den Ausgang jeder Angelegenheit bestimmt. Ebenso wenig ist der Ausgang vorausbestimmt. Wenn es anders wäre, bestünde keine Notwendigkeit, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, unsere Hilfe anzubieten oder überhaupt irgendetwas zu tun. Erfolg oder Fehlschlag wären ja bereits festgelegt. Nach buddhistischem Verständnis entsteht alles, was ge­schieht, in Abhängigkeit von vielen Faktoren und richtet sich nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung.

Die Hauptfaktoren, die bestimmen, was den Menschen passiert, sind ihre eigenen karmischen Potenziale. Wir können lediglich versuchen, Umstände zu schaffen, unter denen ihre positiven Potenziale zur Reife kommen, und versuchen, keine Bedingungen zu schaffen, die ihre negativen Potenziale an die Oberfläche bringen. Mangelt es anderen – aufgrund ihrer persönlichen Geschichte – jedoch an aus­reichenden Ursachen für Glück, können auch unsere besten Ab­sich­ten und Anstrengungen keinen Erfolg erzielen. Mangelt es anderen hingegen an den Ursachen für Tragödien, können selbst unsere schlim­msten Fehler nicht ihren Niedergang bewirken. Dennoch sind wir für unsere Handlungen verantwortlich und müssen ent­spre­chend handeln. Indem wir bestimmte Bedingungen schaffen und andere vermeiden, leisten wir unseren Beitrag zu dem, was geschieht. Wir sind jedoch auch wieder nicht die einzige Quelle für die Gesamtheit der Umstände.

Darum brauchen wir uns nicht zu fürchten, auf die Bedürfnisse anderer oder auf unsere eigenen Bedürfnisse einzugehen. Selbst wenn wir einen Fehler machen, so haben wir es doch zumindest versucht. Wir empfinden keine Bestürzung oder gar Schuld, wenn unsere Hilfeleistungen scheitern. Ebenso wenig beanspruchen wir arrogant den vollen Verdienst, wenn andere mit unserer Unterstützung Erfolg haben. Wir können nur versuchen, hilfreich zu sein, mit soviel Zuneigung und Verständnis wie möglich.

Nehmen wir einmal an, wir hätten eine Tochter im Kleinkindalter oder wir würden jemanden besuchen, der eine kleine Tochter hat; und dann würden wir versuchen, dem Mädchen das Laufen beizubringen. Das Kleinkind fällt unvermeidlich immer wieder hin. Wenn es stolpert und zu weinen beginnt, ist das dann unsere Schuld? Ist es unser Fehler? Hören wir etwa auf, ihm das Laufen beizubringen? Offensichtlich hängt der Erfolg des Kleinkindes beim Laufenlernen hauptsächlich davon ab, wie weit seine eigene Kraft, sein Gleichgewichtssinn und sein Selbstvertrauen entwickelt sind. Wir sorgen bloß für die Umstände, unter denen diese Potenziale zur Reife kommen können.

Daher haben wir auch keine Angst, auf die schwankenden Schritte des Kleinkindes einzugehen, wenn wir versuchen ihm das Laufen beizubringen. Wir tun es natürlich und mit Freude, ohne uns die alleinige Verantwortung für Erfolg oder Versagen auf die Schultern zu laden. Gleichzeitig ist es ebenso natürlich für uns auch verantwortlich zu handeln. Wir führen das Kleinkind zunächst an der Hand, dann bleiben wir in seiner Nähe, um es aufzufangen oder zumindest zu trösten, wenn es stolpert und fällt.

Alle Informationen aufnehmen

Selbst wenn wir sehr fürsorglich sind, müssen wir alle Informationen über eine gegebene Situation aufnehmen, bevor wir handeln. Wenn wir das tun, ohne Urteile zu fällen oder geistige Kommentare abzugeben, vermeiden wir es, übertrieben zu reagieren oder auf etwas einzugehen, was bloß unserer Einbildung entspringt. Angenommen wir würden unseren kleinen Sohn schreien hören, nach draußen rennen und sehen, dass er sich eine große Wunde am Arm zugezogen hat. Statt mit Panik zu reagieren und gleich davon auszugehen, dass er sich wohl den Arm gebrochen haben muss, müssen wir vor allem Ruhe bewahren und das Kind zuerst einmal trösten. Ohne voreilige Schlüsse zu ziehen, müssen wir genau nachfragen und hinsehen, um zu erfahren, was dem Kind fehlt.

Andere Situationen im Leben erfordern ein ähnliches Herangehen. Wenn wir zum Beispiel einen Freund am Telefon haben, der von seinen Problemen erzählt, müssen wir mit ruhigem Geist und offenem Herzen zuhören. Wir müssen unseren Freund seine Geschichte zu Ende erzählen lassen, bevor wir ihm unsere Ratschläge erteilen.

Unverzüglich handeln

Sich zurückzulehnen und kühl zu analysieren, wie die Probleme anderer zu lösen wären, reicht nicht. Natürlich müssen wir uns überlegen, was zu tun ist. Sobald wir es aber wissen, müssen wir direkt zum Handeln übergehen – sensibel für die Dringlichkeit, die andere empfinden. Angenommen wir sähen jemanden, der verzweifelt einen Stapel Päckchen zu balancieren versucht, die im Begriff sind zu Boden zu fallen. Darüber zu spekulieren, wie viel und was er oder sie denn gekauft hat und in welchen Läden, wäre in dieser Situation völlig absurd. Wir müssen die Situation begreifen und augenblicklich mit Rücksichtnahme und Freundlichkeit reagieren.

Keine unerwünschte oder unnötige Hilfe anbieten

Vielleicht helfen wir anderen mit Zuneigung und Freundlichkeit. Wenn wir dabei jedoch die verborgene Motivation haben, ein Gefühl des Selbstwertes oder des Gebraucht-Werdens aus der Situation zu ziehen oder uns sicherer zu fühlen, indem wir die Dinge unter Kon­trolle bringen, beuten wir die anderen aus. Verstehen wir diesen Punkt, so entsteht daraus die Sensibilität, uns zurückhalten zu können, wenn die angemessenste Hilfe darin besteht, andere eine Situation alleine bewältigen zu lassen. Auf diese Weise vermeiden wir es, uns den Groll der anderen zuzuziehen oder aufgrund unserer Aufdringlichkeit von ihnen zurückgewiesen zu werden. Außerdem hilft es überempfindliche Reaktionen zu vermeiden, weil wir uns nicht geschätzt, nicht gebraucht oder wertlos fühlen, wenn andere unsere Hilfe zurückweisen.

Nehmen wir zum Beispiel an, wir hätten eine zweijährige Tochter. Als sie noch kleiner war, haben wir sie gerne mit dem Löffel ge­füttert. Wir fühlten uns gebraucht und nützlich. Irgendwann jedoch müssen wir aufhören, sie zu füttern, und sie alleine essen lassen. Darauf zu bestehen, sie weiterhin wie ein Baby zu behandeln – selbst unter überschwänglichen Liebesbezeugungen – wäre Ausbeutung. Es wäre weder hilfreich für unsere Tochter noch für uns selbst.

Übung 6: Fünf Entscheidungen, um Zuneigung mit Verständnis zu verbinden

Entscheidungen sind dann am wirksamsten, wenn sie auf Vernunft beruhen. Aus einer Laune heraus oder unter Zwang getroffene Ent­scheidungen sind gewöhnlich nicht ernst gemeint. Folglich sind sie meist auch nicht von Dauer. Es mag sich in diesem Zusammenhang als hilfreich erweisen, sich einer Vorgehensweise zu bedienen, durch die man in der buddhistischen Logik zu einer Schluss­folgerung gelangt. Sie findet in vielen Meditationen Verwendung, in denen es darum geht, unsere Haltungen gegenüber uns selbst und anderen anzugleichen und auszutauschen. Wie bei dem rationalen Ansatz, der in Übung Zwei zur Erzeugung liebevoller Hinwendung führt, gelangen wir auch hier zu einer Schluss­fol­gerung oder treffen eine Entscheidung, indem wir uns eine Begründung und ein Beispiel vergegenwärtigen. Haben wir bewusst eine Reihe logischer Argumente betrachtet und sind zu unserer Schluss­folgerung gelangt, bekräftigen wir unsere Absicht, indem wir unsere Entscheidung laut aussprechen und dann mit allem verbalen Denken aufhören. Wir be­trachten einfach die Person, während wir unsere Entscheidung aktiv im Sinn behalten. Auf den Menschen konzentriert, lassen wir un­sere Entscheidung tief in uns einsinken und richten unsere Aufmerksamkeit auf das Gefühl der Vereinigung von Zuneigung und Ver­ständ­nis gegenüber dem anderen Menschen.

Wir beginnen die erste Übungsphase, indem wir uns ein Familienmitglied aussuchen, das uns sehr nahe steht und für das wir positive Gefühle hegen. Wenn wir innerhalb unserer Familie keinen sol­chen Menschen finden, können wir stattdessen einen guten Freund oder eine gute Freundin wählen. Indem wir ein Foto dieses Menschen betrachten oder einfach an ihn oder sie denken, gehen wir folgendermaßen vor:

(1) Wir versuchen uns einen Vorfall ins Gedächtnis zu rufen, bei dem uns jemand nicht ernst nahm. Vielleicht hat uns zum Beispiel unsere Mutter immer weiter gedrängt, uns beim Essen doch noch einen Nachschlag zu nehmen, obwohl wir ihr deutlich zu verstehen gegeben hatten, dass wir satt sind. Noch schmerzlicher wäre es, wenn unser Partner nicht einmal versucht, sein Verhalten zu ändern, obwohl wir ihm gesagt haben, wie sehr es uns stört. Wir versuchen uns zu erinnern, wie wir uns gefühlt haben, und richten unsere Auf­merksamkeit dann auf den uns nahe stehenden Menschen, den wir für die Übung ausgewählt haben. Bewusst entscheiden wir uns: „Ich will dich ernst nehmen, denn du, deine Worte und deine Gefühle sind genauso real wie meine, als ich damals mitteilte, dass ich satt war oder dass mich ein bestimmtes Verhalten störte.“ Um unsere Ent­scheidung zu bekräftigen, sprechen wir unserem Gruppenleiter nach oder sagen laut vor uns hin: „ Ich will dich ernst nehmen.“ Da dieser und die folgenden Sätze, die wir noch sagen werden, vielleicht schwer im Gedächtnis zu behalten sind, können wir sie von einem vor uns liegenden Blatt oder einem in unserem Übungsraum aufgehängten Plakat ablesen.

(2) Danach versuchen wir uns an eine Begebenheit zu erinnern, bei der jemand zu ängstlich war, auf unsere Bedürfnisse einzugehen. Vielleicht waren wir aufgebracht und unser Bruder, unsere Schwester oder ein Freund scheute sich, uns zu trösten. Natürlich hätten wir von ihr oder ihm nicht erwartet, all unsere Probleme zu lösen, doch eine warmherzige und feinfühlige Bekundung ihrer oder seiner Zuneigung hätten wir doch sehr wohl zu schätzen gewusst. Indem wir unsere Aufmerksamkeit nun auf den ausgewählten Menschen richten, entscheiden wir bewusst: „Ich will mich nicht scheuen, auf dich einzugehen, wenn du mich brauchen solltest. Ich kann zwar etwas zu deinem Erfolg oder Misserfolg beitragen, bin aber nicht der einzige Faktor, der deine Situation bestimmt, genau wie im Falle meiner Geschwister oder meines Freundes, deren Trost ich mir damals wünschte.“ Wir wiederholen laut: „Ich will mich nicht scheuen, auf dich einzugehen, wenn du mich brauchen solltest.“

(3) Als Nächstes versuchen wir uns eine Begebenheit zu verge­genwärtigen, in der jemand nicht alle Informationen über unsere Situation oder unsere Gefühle aufgenommen hat und zu einer voreiligen Schlussfolgerung gelangt ist. Vielleicht hatte unsere Mut­ter uns gebeten, auf dem Heimweg etwas einzukaufen. Wir hatten auch die Absicht, ihr den Gefallen zu tun, wurden aber bei der Arbeit aufgehalten und mussten länger bleiben, um noch eine dringen­de An­gelegenheit zu erledigen. Als wir schließlich zum Laden kamen, war er schon geschlossen. Kaum sah unsere Mutter uns mit leeren Händen hereinkommen, wurde sie böse und fing an zu beklagen, wie verantwortungslos wir doch wären. Wir erinnern uns, wie an­strengend es war, unsere Mutter zu beruhigen und ihr zu versichern, dass wir unser Bestes getan hatten. Die Umstände lagen außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten. Und wieder konzentrieren wir uns auf den ausgewählten Menschen unserer Übung und entschei­den bewusst: „Ich will alle Informationen bezüglich deiner Situation aufnehmen und keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich will dies tun, weil ich übertriebene Reaktion vermeiden will und nicht auf Dinge reagieren möchte, die ich mir bloß eingebildet habe, so wie es bei meiner Mutter war, die einfach annahm, ich hätte den Einkauf schlicht vergessen.“ Wir wiederholen laut: „ Ich will alle Informationen bezüglich deiner Situation aufnehmen und keine voreiligen Schlüsse ziehen.“

Eine wichtige Variante betrifft speziell den Umgang mit denen, die uns am nächsten stehen. Wir könnten uns zum Beispiel daran erinnern, wie wir eine Aussage oder das Verhalten unseres Partners scharf kritisierten. Unser Partner, der scheinbar alle Facetten unserer langen gemeinsamen Beziehung vergessen hatte, schloss aus un­serer Kritik sofort, dass wir ihn nicht mehr lieben. Er wurde zutiefst niedergeschlagen oder reagierte äußerst feindselig. Indem wir uns daran erinnern, wie mühsam es war, unserem Partner zu versichern, dass wir ihn immer noch lieben, geben wir der Person aus unserer Übung noch eine zusätzliche Versicherung: „Ich will den größeren Rahmen unserer Beziehung im Sinn behalten, um nicht wegen eines nichtigen Vorfalls einen voreiligen Schluss zu ziehen, wie mein Partner damals, als ich sein Verhalten kritisierte.“ Wir wiederholen laut: „Ich will den größeren Rahmen unserer Beziehung im Sinn behalten, um nicht wegen eines nichtigen Vorfalls zu einem voreiligen Schluss zu kommen.“

(4) Als Nächstes versuchen wir uns an eine Situation zu erinnern, in der jemand nicht unverzüglich handelte, als wir seine Hilfe brauch­­ten. So könnte zum Beispiel ein Familienmitglied sich erboten haben, uns zum Flughafen zu fahren, damit wir unser eigenes Auto nicht während der ganzen Ferien dort parken mussten. Dann aber kam er oder sie so spät, dass wir unseren Flug verpasst haben. Jetzt wenden wir uns in unserer Übung diesem Verwandten zu und bestätigen: „Habe ich mich einmal entschieden, etwas für dich zu tun, werde ich unverzüglich handeln. Das tue ich, weil ich mir be­wusst bin, dass dein Problem für dich wichtig ist, so wie bei mir, als ich pünktlich am Flughafen sein musste.“ Um unseren Entschluss zu bestätigen, wiederholen wir: „Habe ich mich einmal entschieden, et­was für dich zu tun, werde ich unverzüglich handeln.“

(5) Schließlich versuchen wir uns an eine Begebenheit zu erinnern, bei der jemand uns unerwünschte oder unnötige Hilfe anbot. Vielleicht haben wir einmal Gemüse geschnitten und unsere Mutter kritisierte die Art und Weise, wie wir dabei vorgingen. Was wollte sie damit beweisen? Wir konzentrieren uns auf den für die Übung ausgewählten Menschen und entscheiden bewusst: „Ich will vermeiden, jemandem unerwünschte oder unnötige Hilfe oder Ratschläge aufzudrängen. Ich will das tun, weil ich dich nicht ausbeuten möchte, nur um mich selbst zu bestätigen, mich gebraucht zu fühlen oder mich sicherer zu fühlen, weil ich glaube alles unter Kon­trolle zu haben – wie damals meine Mutter, die meine Art Ge­mü­se zu schneiden kritisierte.“ Dann wiederholen wir laut: „Ich will es vermeiden, jemandem unerwünschte oder unnötige Hilfe oder Rat­schläge anzubieten.“

Wenn wir ausführlicher üben möchten, können wir unsere Über­legungen ausdehnen, wie in der vorherigen Übung, bei der wir uns entschlossen, zerstörerisches Verhalten aufzugeben. Nachdem wir uns jeweils einen Vorfall vergegenwärtigt haben, in dem jemand uns auf eine der fünf Arten unsensibel behandelte, erinnern wir uns nun an Situationen, in denen wir selbst jemanden entsprechend behandelt haben. Wir gestehen den Fehler ein und empfinden Be­dau­ern, dann bekräftigen wir unseren Entschluss, uns von dem Syndrom zu befreien. Schließlich geloben wir dem betroffenen Men­schen, dass wir alles tun wollen, um diesen Fehler nicht zu wiederholen.

Als Nächstes fällen wir die gleichen fünf Entscheidungen, indem wir Illustriertenfotos von uns Unbekannten betrachten. Da die Bei­spiele der früheren Phasen dieser Übung für Unbekannte nicht passend sein dürften, können wir die eher allgemeinen Beispiele aus unseren früheren Überlegungen verwenden. Wir treffen eine Entscheidung nach der anderen:

  • „Ich will dich ernst nehmen, als würde ich einen Krankenhauspatienten auf die Operation vorbereiten.“
  • „Ich will mich nicht scheuen, auf dich einzugehen, wenn du mich brauchen solltest, als würde ich einem Kleinkind das Laufen beibringen.“
  • „Ich will alle Informationen über dich aufnehmen und nicht zu voreiligen Schlüssen gelangen, als würde ich ein Kind mit ei­ner Arm­verletzung untersuchen.“
  • „Habe ich einmal entschieden, etwas für dich zu tun, werde ich unverzüglich handeln, als würde ich jemanden sehen, der einen Stapel Päckchen balanciert, die im Begriff sind zu Boden zu fallen.“
  • „Ich will vermeiden, jemandem unerwünschte oder unnötige Hilfe aufzudrängen, als würde ich darauf bestehen, eine Zweijährige mit dem Löffel zu füttern.“

Wie zuvor sprechen wir mit jeder Entscheidung den jeweiligen Merksatz, lassen die Entscheidung einsinken und konzentrieren uns dann auf das Gefühl der Vereinigung von Zuneigung und Verständnis gegenüber diesem Men­schen. Schließlich wiederholen wir den gleichen Vorgang wie beim Fremden, wählen aber jetzt einen Menschen, mit dem wir Schwierigkeiten haben, indem wir sein Foto betrachten oder einfach an ihn denken.

Während der zweiten Übungsphase sitzen wir in unserer Gruppe im Kreis und treffen die Entscheidungen, während wir uns nacheinander den Menschen im Kreis zuwenden. Wollen wir den Vorgang abkürzen, so wiederholen wir laut dieselben Schlüsselformeln wie bei dem Fremden oder dem Menschen, durch den wir uns emotional herausgefordert fühlen, lassen die Entscheidung einsinken und konzentrieren uns dann auf das Gefühl der Vereinigung von Zuneigung und Verständnis gegenüber diesem Menschen. Danach wiederholen wir den Vorgang noch einmal als Partnerübung.

Die dritte Phase beginnen wir, indem wir in einen Spiegel blicken und die fünf Gefühle der Vereinigung von Zuneigung und Verständnis auf uns selbst richten. Wir folgen dem gleichen Vorgang wie bei der Partnerübung, verändern aber die Schlüsselformeln:

  • „Ich will mich selbst ernst nehmen.“
  • „Ich will mich nicht scheuen, wenn not­wen­dig, auf das einzugehen, was ich in mir selbst sehe oder fühle.“
  • „Ich will alle Fakten bezüglich meiner Situation berücksichtigen und nicht zu voreiligen Schlüssen gelangen.“
  • „Habe ich bezüglich meiner Situation entschieden, etwas zu tun, werde ich ohne zu zögern handeln.“
  • „Ich will vermeiden, Unnötiges zu tun.“ Dann wiederholen wir den Vorgang ohne Spiegel.

Schließlich betrachten wir eine Reihe von Fotos von uns selbst in verschiedenen Lebensabschnitten. Wir versuchen zu erkennen, dass jedes Foto einen realen Menschen darstellt, und diesen ernst zu nehmen. Wir versuchen, so furchtlos wie möglich mit den Gefühlen gegenüber uns selbst in jener Lebensphase umzugehen. Ohne auf einem festgelegten Selbstbild zu beharren, das ja Ergebnis selektiver Erinnerung wäre, versuchen wir, alle Umstände der damaligen Situation zu berücksichtigen. Wenn unsere Einstellung zu uns selbst in jenem Lebensabschnitt gegenüber ungesund sein, uns Schmerzen bereiten und unsere Emotionen blockieren sollte, entschließen wir uns, diese Einstellung unverzüglich zu ändern. Schließlich versuchen wir, uns nicht auf das Unmögliche zu versteifen, indem wir morbide an unserem Wunsch festhalten, dass wir damals anders gehandelt hätten. Die Vergangenheit ist vorbei. Wir können nichts tun, um nachträglich zu ändern, was bereits geschehen ist. Alles, was uns jetzt bleibt, ist, es mit Verständnis, Zuneigung und Vergebung zu akzeptieren und aus unseren Fehlern zu lernen.

Um unsere Entscheidungen zu bekräftigen, wiederholen wir die Schlüsselformeln laut:

  • „Ich will mich, so wie ich damals war, ernst nehmen.“
  • „Wenn nötig, werde ich mich nicht scheuen, mit meinem Gefühl mir selbst gegenüber zur damaligen Zeit umzugehen.“
  • „Ich will alle Umstände meiner damaligen Situation berücksichtigen, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen.“
  • „Habe ich mich einmal entschieden, etwas zu tun, werde ich unverzüglich handeln, um mich mit meinen ungelösten Gefühlskonflikten zu befassen.“
  • „Ich will nicht auf Unmöglichem beharren, sondern vergeben.“

Nachdem jeder Ent­schluss eingesunken ist, konzentrieren wir uns auf das Gefühl von Zuneigung und Verständnis für uns selbst in jenem Lebensabschnitt.