Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ausgewogene Sensibilität entwickeln:
Praktische buddhistische Übungen für den Alltag

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Den Alltag meistern wie ein Buddha: Übungen für einen feinfühligen Umgang mit sich selbst und anderen". Übers. Tom Geist. München: Diamant Verlag, 2000.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Developing Balanced Sensitivity: Practical Buddhist Exercises for Daily Life. Ithaca, Snow Lion, 1998.

Teil I: Konstruktiv mit Fragen der Sensibilität umgehen

1 Unausgewogene Sensibilität erkennen

Was ist Sensibilität?

Manche Menschen scheinen von Natur aus sensibler zu sein als an­de­re, was bisweilen eine bewundernswerte Qualität ist. Partner in einer Paarbeziehung gehen sensibel auf die Stimmungen des anderen ein und stellen zum Beispiel keine Forderungen, wenn der andere gerade einen schwierigenTag hat. Aufgrund dieser Art von Sensibilität sind unsere Beziehungen gesünder und unser Leben glücklicher. Diese Fähigkeit wollen wir „ausgewogene Sensibilität“ nennen. In anderen Fällen kann Sen­­si­­bilität zu einer Behinderung werden. Unsichere Menschen sind so sensibel, dass sie sich bei der kleinsten Bemerkung bereits verletzt fühlen. Diese Eigenart nennt man Überempfindlichkeit. Am anderen Ende des Spektrums steht die Un­sen­sibilität. Selbstbezogene Menschen haben keinerlei Feingefühl, was die Wirkung ihrer Worte auf andere betrifft, und sprechen aus, was immer ihnen in den Sinn kommt. 

Sensibilität ist also eine Variable, die ein weites Spektrum umfasst. Es reicht von Empfindungslosigkeit bis zur Überempfindlichkeit, wobei die ausgeglichene Sensibilität irgendwo in der Mitte zu finden ist. Grad und Qualität unserer Sensibilität sind jedoch keine mathematischen Konstanten, die das ganze Leben über gleich bleiben. Wenn wir wollen, können wir sie durch Erziehung und Training ver­ändern. Damit uns das aber gelingen kann, müssen wir genau betrachten, was Sensibilität ist. Dadurch lernen wir die Faktoren zu unterscheiden, die Sensibilität entweder zu einem Vor- oder zu einem Nachteil machen. Danach können wir die verschiedenen Mittel und Wege erforschen, um die  verschiedenen positiven Aspekte zu entwickeln oder zu verstärken und die negativen Faktoren abzubauen oder zu beseitigen. 

Sensibilität hat sowohl körperliche als auch geistige Formen. Körperliche Sensibilität hängt von den Sinnen oder dem Immunsystem des Körpers ab. Ein Chirurg zum Beispiel hat sensible Finger und ein Allergiker reagiert sensibel auf Staub. Im Folgenden wollen wir uns ausschließlich mit der Form der Sensibilität befassen, die eine Qualität des Geistes und des Herzens darstellt. Diese Sensibilität kann sich auf die Umwelt, die Wirtschaft, die Politik, auf die Tier- und Pflanzenwelt, auf andere Menschen oder auf uns selbst beziehen. Hier werden wir die beiden letztgenannten erforschen. 

Sensibilität ist eine Funktion von zwei Variablen –  der Aufmerksamkeit und und der Fähigkeit zu reagieren – die jeweils schwach, überproportional oder ausgeglichen sein können. Mit Aufmerksamkeit nehmen wir den Zustand eines Menschen, die Konsequenzen unseres Verhaltens ihm oder ihr gegenüber oder beides wahr. Reaktionsfähigkeit erlaubt uns eine spontane oder überlegte Antwort auf das, was wir wahrgenommen haben. Unsere Reaktion auf das, was um uns herum oder direkt mit uns geschieht, ist nicht ausschließlich körperlicher oder chemischer Natur – etwa wie Lackmuspapier, das auf Säure reagiert. Wir reagieren mit einer Emotion, einem Gedanken, mit Worten, Handlungen oder einer Kombination aus allen vieren. 

Eine weitere Dimension ausgewogener Sensibilität ist die Notwendigkeit ein Gleichgewicht zwischen dem, was andere von uns wünschen, fordern oder erbitten, und unseren eigenen Bedürfnissen herzustellen. Wenn wir ständig für andere sorgen, ohne Grenzen zu setzen, können wir unsere eigenen körperlichen und emotionalen Reserven erschöpfen. Eine solche Haltung ist, besonders wenn sie mit mangelnder Selbstachtung oder einm Märtyrerkomplex einhergeht, für alle Beteiligten ungesund. Genauso kann, wenn wir in zwischenmenschlichen Beziehungen immer nur unsere Sicht der Dinge berücksichtigen, unsere narzisstische Haltung uns den anderen entfremden. 

Niemand ist hundertprozentig empfindungslos oder überempfindlich; niemand kümmert sich ausschließlich um sich selbst oder um andere. Unser Verhalten ist unterschiedlich je nach der Situation, den Menschen und unseren Stimmungen. Darüber hinaus umfasst eine unausgeglichene Sensibilität meist beide Pole des Problems. Eine überemotionale Reaktion auf jemanden ist häufig unsensibel, was die Auswirkung betrifft, die sie auf andere Menschen haben mag. Teilnahmslose Unaufmerksamkeit oder Reaktionslosigkeit kann eine hypersensible Furcht vor Unzulänglichkeit oder Zurückweisung maskieren. Wenn wir überempfindlich auf die Bedürfnisse anderer ausgerichtet sind, verlieren wir leicht aus den Augen, was wir selbst brauchen. Wenn wir unseren Gefühlen und Wünschen übermäßige Aufmerksamkeit zollen, werden wir leicht unempfänglich für die Gefühle und Vorlieben an­derer. Wollen wir zu einer ausgewogenen Sensibilität kommen, müs­sen wir uns ihr aus den verschiedensten Richtungen nähern. 

Übung 1:Unausgewogene Sensibilität erkennen

Der indische buddhistische Meister Shantideva aus dem achten Jahrhundert erklärte, dass wir mit einem Pfeil nicht ins Schwarze treffen können, wenn wir das Ziel nicht deutlich im Visier haben. Genauso gilt: Solange  wir die besonderen Spielarten unausgewogener Sensibiltät, unter denen wir leiden, nicht erkannt haben,  können wir sie nicht wirksam behandeln. Daher besteht der erste Schritt unseres Programms darin, unter­schied­liche Formen von Hypersensibilität und Unsen­sibilität zu betrachten und dann zu überprüfen, ob wir sie aus Erfahrung kennen. Da es sich bei Unsensibilität und Übersensibilität um sehr facettenreiche Probleme handelt, wollen wir ihre Vielfalt darlegen, indem wir uns auf zwei Hauptvariablen konzentrieren: Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Unsere Analyse ist zwar nicht erschöpfend, umfasst aber zumindest die häufigsten Formen unausgewogener Sensibilität. 

Der hier nötige Prozess der Innenschau soll allerdings nicht dazu führen, dass wir uns selbst verurteilen. Auch wenn man auf bestimmten Gebieten Schwierigkeiten mit der Sensibilität hat, erwächst daraus kein moralisches Stigma. Diese erste Übung soll lediglich dazu dienen, unsere Persönlichkeit zu erforschen, ähnlich einer Untersuchung unserer Konsumgewohnheiten. Achtsamkeit gegenüber unseren Gewohnheiten und Neigungen verschafft uns eine genauere Vorstellung der Facetten unserer Persönlichkeit, mit denen wir uns näher auseinandersetzen müssen. 

Führt man die Übung in einem Workshop durch, kann der Gruppenleiter ein Beispiel aus jeder Kategorie der schemati­schen  Schaubilder (siehe unten) wählen. Üben wir zu Hause, können wir genauso vorgehen, wählen aber nur persönlich relevante Beispiele aus. In einer fortgeschrittenen oder gründlichen Praxis können wir uns alle dargestellten Beispiele vornehmen. 

Formen der Überempfindlichkeit

Das erste Schema stellt vier Paare alternativer Verhaltensformen in Bezug auf andere oder uns selbst dar. Die Alternativen sind jeweils entweder ein ausgewogenes oder ein überempfindliches Verhalten. Wir halten nach jedem Alternativenpaar inne und überprüfen, welches der Beispiele für unser Verhalten typischer ist. Wenn keins von beiden Beispielen in unser Verhaltensmuster passt, können wir versuchen Beispiele zu finden, die eher auf unser persönliches Leben zutreffen. 

(1) Wir können einer Situation entweder auf ausgewogene oder auf zu intensive Weise Aufmerksamkeit zollen. Was andere betrifft, so können wir zum Beispiel unser krankes Kind fragen, wie es ihm geht, oder wir können es alle fünf Minuten mit dieser Frage nerven. Uns selbst betreffend können wir zum Beispiel auf unsere Gesundheit achten oder uns wie ein Hypochonder verhalten. 

(2) Wenn wir aufmerksam die Folgen unseres Handelns betrachten, so kann das ebenfalls entweder auf ausgewogene oder ängstliche Weise geschehen. Was andere betrifft, können wir zum Beispiel ihre Meinung bei unseren Entscheidungen berücksichtigen, oder wir können uns so vor Missbilligung fürchten, dass wir unfähig werden zu tun, was das Beste wäre. Auf uns selbst bezogen können wir zum Beispiel darauf achten, in der Schule gut abzuschneiden, oder wir können uns zwanghaft vor dem Versagen fürchten. 

(3) Auf alles, was wir wahrnehmen, reagieren wir entweder ohne Leidenschaft oder überemotional. In Bezug auf andere: Stellen wir uns einmal vor, jemand versuche uns auf der Autobahn zu überholen. Wir können nun nüchtern reagieren und einfach die Spur wechseln oder aber uns ereifern und vor uns hin schimpfen. In Bezug auf uns selbst: Wir können auf die Tatsache, dass wir unseren Hausschlüssel verlegt haben, ruhig reagieren und systematisch nach ihm suchen oder aber in Panik geraten. 

(4) Darüber hinaus eine emotionale Reaktion muss nicht überemotional sein. Es kann ausgewogen oder verstörend sein. Auf andere bezogen bemerken wir vielleicht, dass unser Partner, unsere Partnerin verstimmt ist und reagieren mit zärtlichem Mitgefühl, oder wir werden selbst sauer. Auf uns selbst bezogen können wir zum Beispiel Trauer über einen Verlust empfinden, aber immer noch unsere Würde bewahren, oder wir schwelgen in Selbstmitleid und Depression. 

Aufmerksamkeit
Für die Situation
(der anderen oder die eigene):
ausgewogen oder übertrieben
Für die Auswirkungen unserer Handlungen
(auf andere und uns selbst):
ausgewogen oder ängstlich

Reaktion
Ohne Leidenschaft
(in Bezug auf andere und uns selbst )
Emotional
(auf andere und auf uns selbst gerichtet):
ausgewogen oder verstört

Schaubild 1: Ausgewogenheit und Überempfindlichkeit als Alternativen

 

Erscheinungsformen von Unsensibilität

Das zweite Schema zeigt fünf verbreitete Manifestationen von Un­sensibilität, von denen jede wieder in Bezug auf andere und in Bezug auf uns selbst vorkommen kann. Wir führen unsere Innenschau fort und suchen nach Anzeichen der beschriebenen Beispiele oder anderer Ausdrucksformen, die wir vielleicht in uns selbst finden.

(1) Wir bemerken eine Situation vielleicht gar nicht oder widmen ihr keine Aufmerksamkeit. In Bezug auf andere: Vielleicht be­mer­ken wir nicht, dass ein Verwandter aufgebracht ist. In Bezug auf uns selbst: Vielleicht widmen wir der Tatsache, dass unsere Be­zie­hung mit unserem Partner ungesund ist, keine Aufmerksamkeit.

(2) Ebensowidmen wir vielleicht den Folgen unserer Handlungen keine Aufmerksamkeit. In Bezug auf andere: Vielleicht bemerken wir gar nicht, dass wir die Gefühle eines anderen verletzt haben. In Bezug auf uns selbst: Vielleicht bemerken wir nicht, dass Überarbeitung uns stresst.

In diesen beiden Formen von Unsensibilität kann unsere Unaufmerksamkeit auch über das bloße Nichtbe­mer­ken von etwas hinausgehen – wir können ihre Existenz sogar leugnen.

(3) Selbst wenn wir eine Situation oder die Konsequenzen unserer Handlungen bemerken und anerkennen, wäre es immer noch mög­lich, dass wir nichts weiter unternehmen. In Bezug auf andere: Vielleicht bemerken wir, dass ein Mensch verletzt und allein auf der Straße liegt, aber wir halten nicht an, um unsere Hilfe anzubieten. In Bezug auf uns selbst: Vielleicht bemerken wir während einer Arbeit, die eigentlich warten kann, dass wir müde sind; dennoch ignorieren wir unsere Gefuhl und hören nicht auf zu arbeiten.

(4) Selbst wenn wir bei anderen oder bei uns selbst etwas bemerken und darauf reagieren, wäre es möglich, dass wir dabei keine Ge­fühle empfinden. In Bezug auf andere: Vielleicht kümmern wir uns aufmerksam um einen kranken Menschen, jedoch ohne irgendwelche Gefühle, ähnlich einer Krankenschwester, die einen Patienten kalt und geschäftsmäßig behandelt, weil es eben ihr Job ist. Wenn das geschieht, können wir uns selbst und anderen gegenüber un­sensibel werden. In Bezug auf uns selbst unterwerfen wir uns vielleicht einer bestimmten Behandlung, wenn wir krank sind, aber, unfähig einen Bezug zu unserem Körper oder unserer Krankheit herzustellen, distanzieren wir uns emotional. Überhaupt nichts zu empfinden ist allerdings etwas anderes als ohne Leidenschaft und ruhig zu sein. Ruhe ist ein Zustand der Ausgewogenheit, nicht die Abwesenheit von Ge­fühlen.

(5) Angenommen, wir bemerken etwas bei anderen oder bei uns selbst, handeln entsprechend und empfinden auch etwas, während wir handeln. Trotz allem kann unsere Entscheidung, was zu tun ist, immer noch unsensibel sein, weil unser Urteil unausgewogen ist. Bezogen auf andere kann das so aussehen, dass wir ihnen das geben, was wir wollen, etwa wirtschaftliche Sicherheit, statt ihnen das zu geben, was sie brauchen, etwa mehr Verständnis und Zuneigung. Bezogen auf uns selbst tun wir vielleicht das, was andere von uns erwarten, etwa viel Zeit mit ihnen zu verbringen, statt das zu tun, was wir tun müssten, nämlich uns mehr Zeit für uns selbst zu nehmen.
 

Etwas nicht bemerken
Für die Situation
(d er anderen oder der eigenen )
F ür die Auswirkungen unserer Handlungen
( auf andere und uns selbst )

 

Etwas bemerken, aber nicht handeln
(in Bezug auf andere und uns selbst),
Etwas bemerken und handeln, aber unausgewogen
Ohne wahrgenommene Gefühle
( für andere oder sich selbst s)
Mit unausgewogener Beurteilung
des nötigen Handelns

(
gegenüber anderen und sich selbst )

Schaubild 2: Erscheinungsformen der Unsensibilität