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„Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ - Shantideva
Übersetzung aus dem Tibetischen mit Klärung anhand des Sanskrit-Textes
Von Alexander Berzin, 2004
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger,
9. Kapitel: Christian Steinert
Übersetzung
9. Weitreichendes Unterscheidendes Gewahrsein (Vollkommenheit der Weisheit)
1) (Nur) um des Unterscheidenden Gewahrseins willen
sprach der Weise über all die (bisher erklärten) Aspekte.
Bringe deshalb Unterscheidendes Gewahrsein hervor,
(falls Du) wünschst, die Leiden zu befrieden.
2) Als die (zwei) Wahrheiten werden die Oberflächliche
und die Tiefste (Wahrheit) anerkannt.
Die Tiefste (Wahrheit) ist kein Wahrnehmungsobjekt
des dualistischen Geistes;
der (dualistische) Geist sei, heißt es,
(auf) Oberfläch(liches bezogen).
3) Angesichts dessen lässt sich erkennen,
dass (es in der) Welt
zwei Arten (von Personen) gibt:
Yogis und gewöhnliche Menschen,
wobei die gewöhnlichen Menschen
von den Yogis widerlegt werden.
4) Da Yogis verschieden intelligent sind, werden auch sie
von höheren und wiederum (höheren Yogis) widerlegt.
(Dies geschieht), weil beide
die (gleichen) Beispiele (akzeptieren)
und weil sie, um des Ergebnisses (der Erleuchtung) willen,
außerhalb der (endgültigen) Untersuchung
(die Wirkung von Ursachen) akzeptieren.
5) In der (gewöhnlichen) Welt
betrachtet man die wirksamen Dinge
und hält sie nicht für illusionsartig,
sondern für absolut existent.
Die Uneinigkeit zwischen den Yogis
und der (gewöhnlichen) Welt
besteht in dieser Hinsicht.
6) Doch sogar (Objekte wie) Form und so weiter,
(die von) unmittelbarer Wahrnehmung (erfasst werden),
sind nicht durch gültige Wahrnehmung,
sondern (bloß) durch allgemeine Übereinkunft (erwiesen).
Und diese ist genauso falsch,
wie die allgemeine Übereinkunft,
dass Unreines rein sei und so weiter.
7) Damit die (gewöhnliche) Welt (in die Lehre) eintritt,
lehrte (Buddha), der Beschützer,
dass die wirksamen Dinge (wahrhaft) existieren.
Ihre tatsächliche Natur ist jedoch,
dass sie nichts (wahrhaft) Augenblickliches sind.
(Die Sautrantrikas) könnten entgegnen:
„Das müsste aber der (gewöhnlichen),
oberflächlichen (Sichtweise) widersprechen.“
8) (Jedoch haben die) Yogis
(eine) fehlerfreie (Erkenntnis)
der oberflächlich wahren (Phänomene).
Und im Gegensatz zur (gewöhnlichen) Welt
erkennen sie dabei deren tatsächliche Natur.
Sonst würde (zum Beispiel ihre) Feststellung
der Unreinheit eines Frauen(körpers)
von der (Sichtweise der gewöhnlichen) Welt entkräftet.
9) Positive Kraft kann ebenso
bezogen auf illusionsgleiche Siegreiche (entstehen),
wie durch solche,
die tatsächlich (wahrhaft) existieren.
Du magst einwenden:
„Aber falls die begrenzten Wesen illusionsartig wären,
wie sollten sie dann Wiedergeburt annehmen,
wenn sie gestorben sind?“
10) (Doch) solange alle (nötigen) Umstände
vorhanden sind,
solange besteht auch eine Illusion.
Weshalb sollten dann die begrenzten Wesen
wahrhaft existieren,
nur weil ihr Kontinuum länger besteht?
11) Wird eine Person, die eine (bloße) Illusion ist,
getötet und so weiter,
(entsteht) keine negative Kraft,
weil sie keinen Geist besitzt.
Besitzt aber jemand, die „Illusion“
eines (tatsächlichen) Geistes,
so entstehen positive und negative Kraft.
12) Weil Mantras und Ähnlichem diese Fähigkeit fehlt,
Können sie keinen (tatsächlichen)
illusionsartigen Geist erzeugen.
(Doch) auch solche Illusionen,
die durch vielfältige Umstände entstehen,
sind von vielfältiger Art,
(weil) nirgendwo ein Umstand existiert,
der fähig ist, alles (hervorzubringen).
13) (Du magst fragen): „Wäre jemand –
der tiefsten Wahrheit zufolge –
im (natürlichen) Nirvana befreit,
und kreiste – der oberflächen (Wahrheit) zufolge –
im Samsara,
welchen Sinn hätte dann das Bodhisattva-Verhalten,
da der Buddha dann auch im Samsara kreiste?“
14) (Aber) nicht einmal eine Illusion lässt sich abwenden,
falls das Kontinuum ihrer Umstände nicht durchtrennt wird.
Wird dagegen das Kontinuum ihrer Umstände durchtrennt,
entsteht sie nicht einmal der oberflächlichen (Wahrheit) zufolge.
15) (Die Chittamatra-Vertreter mögen entgegnen):
„Wenn nicht einmal das trügerische Gewahrsein
(wahrhaft) existiert, (welches die Illusion erfasst) –
was ist (dann) auf die Illusion gerichtet?“
(Aber) wenn, Dir zufolge,
die Illusion selbst nicht (äußerlich) existiert,
worauf ist das (Gewahrsein) dann gerichtet?
16) (Du erwiderst) vielleicht: „In Wirklichkeit
existiert die (Illusion) als etwas Anderes:
sie ist ein Aspekt des Geistes selbst.“
(Aber) falls es tatsächlich der Geist ist,
der die Illusion ist,
was wird dann wovon gesehen?
17) Der Beschützer der Welt hat schließlich selbst gesagt:
„Der Geist kann den Geist nicht sehen.“
Die Schneide eines Schwertes
kann sich selbst nicht schneiden
und ebenso ist (es mit) dem Geist.
18) (Vielleicht erwiderst Du):
„Aber es ist genau wie bei einer Kerzenflamme,
die ihr eigenes Sein vollkommen selbst erhellt.“
(Doch) eine Kerzenflamme wird nicht erhellt,
denn sie war nicht von Dunkelheit verdeckt.
19) (Du) magst (entgegnen): „(zum Beispiel) hängt
ein blaues Objekt in seinem Blau-sein
im Gegensatz zu einem (klaren) Kristall
von nichts Anderem ab.
Also sieht man, dass einige Dinge von einander abhängen
und dass andere nicht (von einander) abhängen.“
20) (Aber) etwas, das nicht blau ist,
kann nicht von selbst blau werden.
(Und welches blaue Objekt
wird aus sich selbst heraus blau?)
21) (Du bekräftigst vielleicht): „Man kann aber sagen,
'Die Kerzenflamme erhellt sich selbst,'
weil dies von einer Wahrnehmung erkannt wird.“
(Aber) wovon wird der Geist erkannt,
so dass man sagen kann, „er erhellt sich selbst“?
22) Und wenn dies nie von irgendwem beobachtet wurde,
ist die Diskussion, ob er (selbst)erhellend ist oder nicht,
(ebenso) bedeutungslos wie der schöne Anblick
der Tochter einer unfruchtbaren Frau.
23) „Aber“, (beharrst Du,)
„wenn kein reflexives Gewahrsein existiert,
wie kann dann ein Bewusstsein erinnert werden?“
(Nun,) eine Erinnerung kommt durch eine Beziehung
mit einem anderen (zuvor) erlebten (Objekt) zustande –
ähnlich wie beim Gift einer Ratte.
24) (Vielleicht bleibst Du dabei):
„Der (Geist) kann sich selbst erhellen,
denn wenn er mit anderen Umständen verbunden ist,
ist die Betrachtung (des Geistes Anderer möglich).“
(Aber) eine (vergrabene Schatz)vase, die durch Anwendung
von magisch hervorgebrachter Augensalbe erblickt wird,
wäre trotzdem nicht die Augensalbe selbst.
25) Damit wird nicht im Geringsten entkräftet,
wie etwas gesehen, gehört und erkannt wird.
Hier wird (nur) die Vorstellung zurückgewiesen,
(dass dies) wahrhaft existiert,
(weil sie) die Ursache des Leidens ist.
26) (Du meinst vielleicht): „Die Illusion (eines äußeren Objekts)
ist nicht vom Geist verschieden.
Doch es ist (auch) nicht vorstellbar,
dass sie nicht verschieden (ist).“
Wäre sie (aber ein wahrhaft existierendes)
wirksames Phänomen,
wie könnte sie dann nicht verschieden sein?
Und falls (Du meinst), sie sei nicht verschieden,
könnte sie kein (wahrhaft existierendes)
wirksames Phänomen sein.
27) So wie eine Illusion (eines äußeren Objekts)
nicht wahrhaft existiert,
aber dennoch beobachtet werden kann,
so ist es auch mit dem Geist, der (sie) wahrnimmt.
(Nun wendest Du) vielleicht (ein):
„Samsara muss ein (wahrhaft existierendes)
wirksames Phänomen als Grundlage haben,
sonst wäre es wie der Raum.“
28) (Aber) wie sollte ein Nicht-Phänomen
dadurch Wirksamkeit erwerben,
dass es auf (einem wahrhaft existierenden)
Wirksamen beruht?
Und der Geist, (so wie) Du (ihn annimmst),
wäre (darauf reduziert),
von nichts begleitet
für sich allein zu existieren.
29) Wäre jedoch der Geist (natürlicherweise)
von Wahrnehmungsobjekten frei,
dann wären alle (Lebewesen schon immer)
So-Gegangene (Buddhas).
und welchen Nutzen hätte in diesem Fall
(Deine) Vorstellung, dass „nur Geist“ (existiert)?
30) (Vielleicht fragst Du): „Man mag zwar erkennen,
dass (die Dinge) Illusionen gleichen.
Doch wie wendet (dies) störende Emotionen ab,
wenn es so ist, dass sexuelles Verlangen
nach einer illusionären Frau
sogar in dem entstehen kann,
der sie erschaffen hat?“
31) (Nun, das geschieht, weil) sich der Magier
im Hinblick auf die erkennbaren Objekte
noch nicht von der Gewohnheit
störender Emotionen befreit hat.
Und seine Gewohnheit der Leerheit ist deshalb,
wenn er sie sieht, (noch) schwach.
32) Wenn er jedoch die Gewohnheit der Leerheit vertieft,
befreit er sich dadurch von der Gewohnheit,
die Dinge (als wahrhaft existent wahrzunehmen.)
Gewöhnt er sich danach daran,
dass überhaupt nichts (wahrhaft) existiert,
dann befreit er sich später sogar
von jener (Wahrnehmung einer wahrhaften Nichtexistenz).
33) Wenn man ein Phänomen
als nicht (wahrhaft) existent betrachtet
(und deshalb) der Geist nicht mehr darauf gerichtet ist,
wie kann dann, ohne Grundlage, das „Nicht-Phänomen“ –
(seine Leerheit von wahrer Existenz) –
vor dem dualistischen Bewusstsein verbleiben?
34) Wenn für das dualistische Bewusstsein
weder ein (wahrhaft existierendes) Phänomen
noch das „Nicht-Phänomen“ –
(seine Leerheit von wahrer Existenz) – verbleibt,
dann ergibt sich,
weil sonst keine andere Möglichkeit besteht,
(ein Zustand) völliger Befriedung, in dem der Geist
nicht (mehr auf eine unmögliche Bestehensweise)
gerichtet ist.
35) Ebenso wie ein wunscherfüllendes Juwel
und ein wunschgewährender Baum
alle Wünsche erfüllen,
erscheint (dann)
wegen der zu zähmenden Schüler
und durch die Kraft (früherer) Gebete
der Form(körper) eines Siegreichen.
36) Stirbt beispielsweise ein Garudika-Heiler,
nachdem er einen heilenden Pfahl verwirklicht hat,
dann kann dieser (Pfahl)
weiterhin Gift und Ähnliches neutralisieren –
selbst wenn nach dem Tod des (Heilers)
lange Zeit verstrichen ist.
37) Ebenso kann der Pfahl-(gleiche Körper) eines Siegreichen,
den ein Bodhisattva im Einklang
mit dem Bodhisattva-Verhalten hervorgebracht hat,
auch (dann) weiter alles ausführen, was zu tun ist,
wenn der (Bodhisattva) ins Nirvana eingegangen ist.
38) (Vielleicht fragst Du): „Wie sollten Gaben an etwas,
(das) ohne Geist (ist), Wirkungen haben?“
(Nun,) deshalb, weil erklärt wurde, dass es das Gleiche ist,
ob er noch hier ist oder schon ins Nirvana eingegangen.
39) Den Schriften zufolge kommen Wirkungen zustande –
(sowohl) vom (Blickwinkel des) Oberflächlichen,
als auch von dem des Tatsächlichen aus –
ebenso wie (Du) zum Beispiel (meinst, dass Gaben)
an einen wahrhaft existierenden Buddha Wirkungen haben.
40) Die Hinayana-Vertreter mögen entgegnen):
„Befreiung kommt durch das Verständnis
der (vier edlen) Wahrheiten zustande.
Wozu (benötigt man) also
das Verständnis der Leerheit?“
(Nun,) weil in den (Mahayana)-Schriften
erklärt wurde,
dass es ohne diesen Pfad
keinen Zustand der Reinheit gibt.
41) (Du entgegnest) vielleicht: „(Das) Mahayana
Ist jedoch nicht (als gültig) erwiesen!“
(Nun,) wie können Deine Schriften
bewiesen werden?
(Du meinst vielleicht):
„Weil sie für beide Seiten erwiesen sind.“
(Aber) sie waren nicht
von Anfang an für Dich erwiesen.
42) Jedes Kriterium, das Vertrauen
in die (Hinayana-Schriften) entstehen lässt,
(trifft) ebenso auf die des Mahayana zu.
Und würde etwas durch die Zustimmung
zweier verschiedener Gruppen wahr,
dann würden auch die Veden und so weiter wahr.
43) „Es ist,“ (argumentierst Du) vielleicht,
„weil die (Schriften) des Mahayana umstritten sind.“
(Aber) da Deine Schriften
unter Nicht-Buddhisten umstritten sind
und einige weitere (Abschnitte Deiner) Schriften
zwischen Dir und anderen (Buddhisten),
müssten sie (ebenso) verworfen werden.
44) (Du meinst vielleicht): „Die Lehren
(der vier edlen Wahrheiten)
sind die Wurzel
des (absoluten) Mönch-Seins (der Aryas).“
(Doch) sogar das (absolute) Mönch-Sein
ruht auf unsicherer Grundlage,
(denn solange) der Geist
(eine unmögliche Bestehensweise) erfasst,
ruht (auch) Nirvana auf unsicherer Grundlage.
45) „Aber“, (entgegnest Du) vielleicht, „sie wurden befreit,
denn sie haben sich von den störenden Emotionen befreit.“
(Nun,) dies hätte gleich darauf geschehen müssen.
Doch obwohl (sie) von störende Emotionen befreit (sind),
ist zu sehen, dass sie weiter unter der Macht von Karma stehen.
46) (Du bekräftigst) vielleicht: „(Der Umstand)
für das Erlangen von Wiedergeburt – die Begierde –
ist bei ihnen mit Sicherheit
nicht einmal mehr in gewissem Umfang vorhanden.“
(Aber) weshalb könnte eine Begierde ohne störende Emotionen
nicht (weiter in ihnen vorhanden sein),
solange sie weiter
über alles in Verwirrung sind?
47) Durch den Umstand der Empfindung (entsteht) Begierde
und Empfindung haben sie noch immer.
Ein Geist, der noch
(auf eine unmögliche Bestehensweise) gerichtet ist,
muss daher bei diesem oder jenem verweilen.
48) (Dies) mag ein von Leerheit getrennter Geist unterbinden,
doch wird es erneut entstehen –
so wie bei unterscheidungsloser Versenkung.
Deshalb muss man über die Leerheit meditieren.
49) (Und noch einmal), falls Du jede Rede
als vom Buddha gesprochen akzeptierst,
die Aufnahme in die Sutras fand,
warum akzeptierst (Du) dann nicht auch das Mahayana,
das überwiegend mit (Deinen) Sutras übereinstimmt?
50) Würde alles verfälscht durch eine Ausnahme,
warum wäre dann nicht
wegen einer Übereinstimmung mit (Deinen) Sutras
alles vom Buddha gesprochen worden?
51) Und wer würde eine Erklärung, deren Tiefen
(selbst) Mahakashyapa und Andere
nicht ergründen konnten,
(einfach deshalb) als unannehmbar betrachten,
weil Du sie nicht verstehen kannst?
52) Die Frucht (des Verstehens) der Leerheit ist,
dass man frei von den Extremen
der Anhaftung und Furcht
für jene in Samsara bleiben kann,
die aufgrund (ihrer) Verwirrung leiden.
53) Also ist es unangemessen,
die Leerheit zurückzuweisen.
Deshalb zweifle nicht
und meditiere über die Leerheit.
54) Leerheit ist das Mittel gegen die Dunkelheit
der emotionalen und wahrnehmungsbezogenen Schleier.
Wie könnte, wer schnell Allwissenheit wünscht,
(also) nicht darüber meditieren?
55) Die Phänomene (als wahrhaft existent zu betrachten)
schafft Leiden – darum entwickle Furcht davor.
Doch die Leerheit (zu verstehen) befriedet die Leiden –
weshalb entwickelst (Du) dann Furcht vor ihr?
56) Falls ein „Ich“ existieren würde,
(könnte man sich) vor allem Möglichen fürchten.
Doch wessen Furcht sollte dies sein,
wenn nichts existiert, das ein „Ich“ ist?
57) „Ich“ bin nicht Zähne, Haare, Nägel,
noch bin „ich“ Knochen oder Blut.
(„Ich“ bin) nicht Nasenschleim noch Schleim,
noch bin „ich“ Lymphe oder Eiter.
58) „Ich“ bin weder Fett noch Schweiß,
noch Lunge oder Leber.
Weder sonst eins der inneren Organe bin „ich“,
noch Kot oder Urin.
59) „Ich“ bin weder Fleisch noch Haut,
noch bin „ich“ Wärme, oder Energie-Wind.
Eine Körperöffnung bin „ich“ keineswegs,
noch bin „ich“ die sechs Bewusstseinsarten.
60) Und wäre, (wie die Samkhyas behaupten),
(das Ich) ein beständiger Wahrnehmender,
(dann) würde, (wenn es) Klang (erfasst),
der Klang jederzeit wahrgenommen.
Doch (wenn kein Klang in der Nähe ist),
(wäre das Ich) ohne Wahrnehmungsobjekt,
(und) was erkennt es (dann), damit man es
als „Wahrnehmenden“ bezeichnen kann?
61) Könnte es ein Wahrnehmender sein,
ohne (etwas) wahrzunehmen,
dann wäre ein Stock absurderweise
ebenfalls ein Wahrnehmender.
Also kann es mit Sicherheit
kein Wahrnehmender sein,
wenn sein Wahrnehmungsobjekt
nicht in der Nähe ist.
62) (Du meinst) vielleicht: „Eben dieses (Ich)
nimmt dann etwas Sichtbares wahr.“
(Doch) weshalb hört es nicht auch zugleich?
Falls (Du entgegnest):
„Weil der Klang nicht in der Nähe ist,“
dann ist es kein Wahrnehmender mehr davon.
63) Wie kann etwas, dessen Natur
die Wahrnehmung von Klang ist,
zum Wahrnehmenden von Sichtbarem werden?
Ein (einziger Mensch) kann (zwar) als „Vater“
und „Sohn“ bezeichnet werden,
aber nicht bezogen auf seine absolute Natur.
64) Dies ist deshalb so, (weil) Sattva, Rajas und Tamas –
(in Form der absoluten Natur aller Phänomene) –
weder ein Sohn noch ein Vater sind
(und weil) nie beobachtet wurde,
dass die grundlegende Natur
eines solchen (Wahrnehmenden von Sichtbarem)
mit einer Wahrnehmung von Klang verbunden ist.
65) (Du bekräftigst vielleicht): „Es ist weiter es selbst,
doch wie bei einem (verkleideten) Tänzer
sieht man es in einer anderen Gestalt,“
(aber dann) wäre es nicht statisch.
Und falls (Du klarstellst), „Es ist weiter es selbst,
doch (seine grundlegende Natur) hat eine andere Gestalt,“
(dann) ist sein Einssein ein Noch-niemals-Dagewesenes.
66) Falls (Du ausführst): „Seine verschiedenen Formen
existieren aber nicht wahrhaft,“
dann beschreibe doch seine eigene,
natürlich (angeborene Gestalt).
Solltest (Du antworten):
„Es ist ein Wahrnehmender,“
folgte absurderweise,
dass alle Personen identisch sind.
67) (Weiterhin) würden, was Absicht
und was keine (Absicht) besitzt,
genau zur gleichen Sache,
weil ihre Bestehens(weise) die gleiche wäre.
Und wären die verschiedenen einzelnen Phänomene
nicht wirklich (vorhanden),
welche gemeinsame Grundlage
sollten sie dann haben?
68) Und auch etwas Absichtsloses kann kein Selbst sein,
(obwohl dies die Nyayas und Vaisheshikas behaupten),
weil Absicht ihm von Natur aus fehlt –
so wie einer Vase und Ähnlichem.
(Falls Du) nun (meinst): „Es nimmt wahr,
weil es (sich) mit einer Absicht verbunden (hat),“
dann folgt absurderweise,
dass (dieses) nicht-wahrnehmende (Selbst)
zu Ende gegangen ist.
69) Wäre das Selbst (tatsächlich) unveränderlich,
was könnte ihm (dann) durch (seine Verbindung)
(mit) einer Absicht geschehen sein?
(Und) da der Raum genauso wahrnehmungs- und reglos ist,
könnte er (genauso gut) zum Selbst werden.
70) (Jetzt entgegnet Ihr) vielleicht:
„Doch ohne (ein unveränderliches),
(wahrhaft) existierendes Selbst
gäbe es keine Beziehung
zwischen Handlungsursache und -wirkung,
denn wenn das (Selbst) nach dem Ausführen
einer Handlung zu Ende geht,
wessen Handlung soll es dann gewesen sein?“
71) (Nun,) für uns beide ist erwiesen,
dass Ursache und Wirkung eine verschiedene Grundlage haben
und dass hierbei das Selbst keine aktive Rolle spielt.
Ist es da nicht sinnlos, über diesen (Punkt) zu diskutieren?
72) Noch nie hat man beobachtet, dass jemand existiert,
der eine ursächliche Handlung ausführt
und (zugleich) mit ihrer Wirkung verbunden ist.
(Zwar) wird gelehrt, „dass (niemand Anderes als) der Handelnde
(die karmischen Wirkungen) erlebt,“
(doch) beruht diese Erklärung darauf, dass sie
zum selben Kontinuum (gehören).
73) Der schon vergangene und der noch nicht entstandene Geist
sind nicht das Selbst, da sie nicht (gegenwärtig) existieren.
Und wäre der (jetzt) entstandene Geist das Selbst,
dann wäre, wenn er zu Ende geht,
überhaupt kein Selbst vorhanden!
74) Wird zum Beispiel (der Stamm) eines Bananenbaumes
in Stücke zerteilt, (ist) nichts (zu finden).
Ebenso wenig findet man ein auf absolute Weise existierendes Selbst,
wenn man mit gründlicher Analyse danach sucht.
75) (Vielleicht) fragst Du:
„für wen sollte Mitgefühl (entstehen),
wenn es keine begrenzten Wesen gibt?“
(Nun,) für jemanden, der von einem verwirrten (Bewusstsein)
zugeschrieben wurde,
das sich dem Ziel (der Erleuchtung) verschrieben hat,
(welche die) Frucht (des Mitgefühls ist).
76) (Du magst fragen): „Wessen Frucht soll das sein,
wenn es keine begrenzten Wesen gibt?“
Das ist wahr. (Wir) akzeptieren,
dass (der Wunsch) aufgrund von Verwirrung besteht.
(Doch) um das Leid vollständig zu befrieden,
wird Verwirrung über die Frucht nicht abgewendet.
77) Durch Verwirrung über das Selbst verstärkt sich jedoch
die Ursache der Leiden: Selbst-Überhöhung.
(Vielleicht) meinst Du, dies sei nicht abzuwenden.
(Doch) das Beste ist, über die Selbstlosigkeit zu meditieren:
78) Weder die Füße noch die Waden sind der Körper,
noch die Schenkel oder die Hüften.
Weder sind es der Bauch oder der Rücken
noch der Brustkorb oder die Arme.
79) Der Körper sind weder die Hände
noch sind es die Seiten des Rumpfes,
weder die Schultern noch die Achselhöhlen,
und auch nicht die inneren Organe.
Und auch der Kopf und der Hals sind kein Körper.
Was von (all) dem sollte also der Körper sein?
80) Würde sich dieser Körper ein wenig
in jedem dieser (Teile) befinden,
So befänden sich zwar die Teile (des Körpers) in den Teilen,
doch wo befände er sich selbst?
81) Und falls sich eben dieser Körper in seiner Gesamtheit
(überall) in den Händen und so weiter befinden würde,
(dann) gäbe es ebenso viele Körper,
wie Hände und so weiter.
82) Wenn der Körper sich (also) weder außerhalb
noch innerhalb (seiner Teile) befindet,
wie könnte (dann) innerhalb der Hände und so weiter
ein Körper existieren, (der sie als Teile besitzt)?
Da er auch kein (Besitzer) ist,
(der) von den Händen und so weiter getrennt (existiert),
wie sollte er (dann) überhaupt (wahrhaft) existieren?
83) Also existiert der Körper nicht (wahrhaft).
Doch durch Verwirrung bezüglich der Hände und so weiter
entsteht ein dualistischer Geist, der einen Körper (erfasst).
Jener gleicht dem dualistischen Geist, der entsteht,
wenn eine Vogelscheuche als Mensch (erfasst wird),
weil sie eine Gestalt besitzt,
die seinen Merkmalen nachgebildet ist.
84) Solange (die entsprechenden) Umstände vorhanden sind,
wird der Körper (einer Vogelscheuche) als Mensch angesehen.
Und ebenso wird, solange die Hände und so weiter bestehen,
auf sie bezogen ein Körper gesehen.
85) (Und) da eine Hand auf ähnliche Weise
aus Fingern zusammengefügt ist,
welcher der (Finger) soll sie (dann) sein?
(Gleiches gilt) auch für einen (Finger),
der bloß eine Ansammlung von Gliedern ist
sowie für ein Glied, weil es
in Bestandteile unterteilt ist.
86) Und (ebenso) für einen Bestandteil
weil er in Teilchen unterteilt ist.
Und ebenso für jenes Teilchen,
weil es Richtungsanteile (besitzt).
Und ebenso für einen Richtungsanteil,
weil er – wie der Raum –
ohne (auffindbare) Teile ist.
Also sind nicht einmal Teilchen
(wahrhaft) existent.
87) Welche verständige (Person) würde also
an einer Körperform haften, die einem Traum gleicht?
Und da der Körper somit nicht (wahrhaft) existiert –
was soll dann ein „Mann“ sein und was eine „Frau“?
88) Falls Leid auf absolute Weise besteht,
wieso verhindert es dann nicht,
(dass man) Vergnügen (erlebt)?
Und wären schmackhafte Gerichte
und dergleichen (wahrhaftes) Glück,
warum entzücken sie dann nicht jene,
die von Kummer und dergleichen gequält sind?
89) (Du entgegnest) vielleicht:
„Das (Leiden) wird nicht erlebt,
Weil es von etwas Stärkerem überstrahlt wird.“
Aber wie kann etwas, dessen Natur
nicht die einer Erfahrung ist,
dennoch eine Empfindung sein?
90) Vielleicht (meinst Du): „Kann es denn nicht weiterhin
ein subtiler Zustand von Leiden sein,
auch wenn seine grobe (Form)
(durch das Glück) verdrängt worden ist?“
(Doch dann) könntest Du (auch) umgekehrt sagen,
es sei eine schwache (Form) von Glück.
und dieser subtile Zustand (von Leid) wäre damit
(absurderweise) auch einer von (Glück).
91) (Jetzt erwiderst Du) vielleicht,
„Wenn unpassende Umstände auftreten,
(kommt es) nicht (zum) Entstehen von Leiden.“
(Nun) beweist dies denn nicht, dass Empfindungen
(nur) willkürlich vom konzeptuellen Denken beigefügt sind?
92) Als entsprechendes Gegenmittel sollte man deshalb
über diese gründliche Untersuchung meditieren.
Die geistige Stabilität,
die auf dem Feld der Analyse heranwächst,
ist die Nahrung der Yogis.
93) Würde zwischen der körperlichen Sinneskraft
und ihrem Objekt ein Abstand bestehen,
wo sollten diese Beiden dann zusammen treffen?
Doch falls es keinen Abstand gäbe,
würden sie zur gleichen Sache (verschmelzen)
und was würde dann womit zusammentreffen?
94) Außerdem kann ein (kleinstes) Teilchen nicht
von einem (anderen) Teilchen durchdrungen werden,
weil sie ohne Hohlraum und von gleicher (Größe) sind.
Doch ohne Durchdringung gibt es keine Vermischung
und ohne Vermischung (gibt es) kein Zusammentreffen.
95) Wie sollte denn für etwas Teileloses
ein „Zusammentreffen“ möglich sein?
Falls sich ein Zusammentreffen und Teilelosigkeit
(gemeinsam) beobachten lassen, dann zeige dies!
96) Ein Bewusstsein kann unmöglich
(mit etwas Anderem) zusammen treffen,
weil es nichts Materielles ist.
(Dies gilt) auch für etwas Zusammengefügtes,
weil es nicht wahrhaft existiert,
wie bereits gründlich untersucht wurde.
97) Wenn also kein wahrhafter Kontakt existiert,
wodurch entsteht (dann) eine Empfindung?
Was ist (dann) der Zweck (all) dieser Mühen?
Wer könnte (dann) Schaden erfahren und wodurch?
98) Wenn es aber weder einen (wahrhaft existierenden) Empfindenden
noch eine (wahrhaft existierende) Empfindung gibt
und wenn du diesen Sachverhalt erkennst, oh Begierde,
warum wendest Du Dich dann nicht ab?
99) Trotzdem können (die Dinge)
erblickt und berührt werden,
weil sie eine ähnliche Natur wie ein Traum
oder eine Illusion besitzen.
(Darüber hinaus) kann eine Empfindung nicht
von einem Bewusstsein wahrgenommen werden,
wenn sie mit ihm zugleich entsteht.
100) Und obwohl sich ein späteres (Bewusstsein)
an eine frühere (Empfindung) erinnern kann,
kann es sie nicht erfahren.
(Kurz): weder kann (eine Empfindung) selbst
ihr eigenes Wesen erfahren
noch kann sie von etwas Anderem erfahren werden.
101) Weil es also keinen (wahrhaft existierenden) Empfindenden gibt,
existieren auch die Empfindungen nicht auf absolute Weise.
Wen sollten sie also quälen,
in dieser Ansammlung, die ohne ein wahrhaftes Selbst ist?
102) Ein Geist weilt weder
in den körperlichen Wahrnehmungskräften
noch in Sichtbarem und so weiter
oder im Raum dazwischen.
Ein Geist befindet sich weder innen noch außen
und ebenso wenig kann man ihn anderswo finden.
103) Wenn etwas weder der Körper ist,
noch irgend etwas Anderes –
und weder in irgendeiner Form vermischt noch getrennt –
dann ist es überhaupt nicht (wahrhaft existent).
Begrenzte Wesen sind daher von Natur aus befreit
(und verweilen) im (Zustand des) Parinirvana.
104) Falls eine Wahrnehmung vor
ihrem Wahrnehmungsobjekt existiert –
worauf wäre sie dann gerichtet,
damit sie entstehen (kann)?
Und (auch) falls die Wahrnehmung
und ihr Wahrnehmungsobjekt zugleich existieren –
worauf wäre sie dann gerichtet,
damit sie entstehen (kann)?
105) Würde sie aber später
als ihr Wahrnehmungsobjekt existieren –
wodurch hätte die Wahrnehmung
(dieses Objekts) dann entstehen sollen?
Auf gleiche Weise ist (auch sonst)
bei keinem einzigen Phänomen
ein (wahrhaftes) Entstehen festzustellen.
106) (Vielleicht wendest Du ein): „Doch wäre es so,
wären die oberflächlichen (Wahrheiten)
(überhaupt) nicht vorhanden –
und wie sollten dann
die zwei Wahrheiten existieren?
Wären die oberflächlichen (Wahrheiten) hingegen
bloße (Schleier), (die) von anderen
(begrenzten Wesen projiziert werden),
wie sollten sich dann die begrenzten Wesen
(von allen Schleiern) befreien (und Nirvana erreichen)?“
107) (Nun), dies ist eine verkehrte Vorstellung,
im Geist anderer (begrenzter Wesen),
aber nicht (unsere) eigene (Madhyamaka-Sicht)
(der) oberflächlichen (Wahrheit).
Nachdem (die Leerheit erkannt ist), stellt man fest,
dass die (oberflächliche Wahrheit nach wie vor) existiert.
Sonst wäre die oberflächliche (Wahrheit)
(überhaupt) nicht vorhanden.
108) (Für uns) beruhen das untersuchende, (konzeptuelle Bewusstsein)
und das (Objekt), welches konzeptuell untersucht wird,
beide auf dem jeweils Anderen –
Ebenso wie jede gründliche Untersuchung
(durch Worte) ausgedrückt wird,
Die auf allgemeinen Konventionen beruhen.
109) (Du magst entgegnen): „Weil aber
auch jene (gründliche Untersuchung)
untersucht werden müsste,
welche gründlich untersucht hat,
würde sich für diese Untersuchung
ein endloser Regress ergeben,
weil (auch) sie dann gründlich
untersucht werden müsste.“
110) Nun, wenn das gründlich untersuchte (Objekt)
untersucht wird,
ist diese Untersuchung ohne (wahrhafte) Grundlage.
Und da sie ohne (wahrhafte) Grundlage ist,
entsteht sie (ebenfalls) nicht (wahrhaft).
Dies nennt man ihr natürliches Befreitsein –
(ihr natürliches Nirvana).
111) Und jene, für die (Bewusstsein und Objekt)
beide wahrhaft existieren,
befinden sich wirklich in äußerst heikler Lage.
(Denn) falls ein Objekt durch die Kraft
einer Wahrnehmung erwiesen ist,
welche Grundlage gibt es dann,
um die wahre Existenz dieser Wahrnehmung
zu begründen?
112) Und falls (die Existenz) der Wahrnehmung
durch (die Kraft) des Wahrnehmungsobjekts erwiesen ist,
worauf sollte dann die wahre Existenz
des Wahrnehmungsobjekts beruhen?
Sollte ihre Existenz aber durch die Kraft
des jeweils Anderen (erwiesen sein),
dann wären beide nicht wahrhaft existent.
113) Wenn es ohne Kind keinen Vater gibt,
durch wen wird dann jemand zum Kind?
Ohne Kind gibt es keinen Vater –
die nicht-wahrhafte Existenz jener beiden
ist damit vergleichbar.
114) (Du meinst vielleicht):
„Aus einem Samen wächst ein Spross
und jener zeigt (die wahre Existenz) des Samens.
Weshalb kann man nicht (ebenso)
auf die (wahre) Existenz des (Objektes) schließen,
da aufgrund des Wahrnehmungsobjekts
eine Wahrnehmung entsteht?“
115) Auf die Existenz des Samens kann man
durch die Wahrnehmung (eines Sprosses) schließen,
(und diese Wahrnehmung) ist etwas Anderes,
als der Spross (selbst).
(Doch) womit sollte man begründen,
dass die Wahrnehmung (selbst wahrhaft) existiert,
welche das Objekt erkennt?
116) (Und Charvakas, bitte versteht),
(dass) sogar gewöhnliche Personen
mit unmittelbarer Wahrnehmung erkennen,
dass alles (aus) Ursachen (entsteht).
Denn verschiedene (Pflanzenteile) –
der Stängel eines Lotos und so weiter –
wachsen aufgrund verschiedenster Ursachen.
117) (Du fragst) vielleicht: „Wodurch wurden
die verschiedenen Ursachen erzeugt?“
(Nun,) durch eine Vielzahl
verschiedener früherer Ursachen.
Und (falls Du fragst): „Wodurch haben Ursachen
die Fähigkeit, eine Wirkung hervorzubringen?“
(Nun,) durch die Kraft früherer Ursachen.
118) (Die Nyayas und Vaisheshikas behaupten hingegen,)
Ishvara, der „Mächtige Herr“, sei die Ursache der Welt.
Dann erklärt doch, was denn Ishvara ist.
Falls ihr meint, „die Elemente“, dann sei es so.
Doch was soll (all) diese Aufregung
um einen bloßen Namen?
119) Doch weil die Erde und so weiter vielzählig sind,
nicht statisch, untätig, nicht göttlich,
unrein und Dinge, auf die man tritt,
können sie nicht Ishvara sein, der Mächtige Herr.
120) Ishvara kann nicht der Raum sein,
weil dieser untätig ist
(und) er kann nicht das Selbst sein,
weil dieses zuvor widerlegt wurde.
(Vielleicht meinst Du):
„Die Natur (seines) Schöpfertums ist unvorstellbar,“
aber was nützt es, von etwas Unvorstellbarem zu sprechen?
121) Und was sollte er denn er geschaffen haben?
Das Selbst? Sind denn nicht angeblich
das (Selbst), das Erd(element) und die anderen (Elemente)
sowie Ishvara von Natur aus ewig?
(Und) außerdem ist das Entstehen von Wahrnehmungen
durch Wahrnehmungsobjekte
122) ebenso anfangslos wie (das Entstehen)
(von) Glück und Leid durch Karma.
Also sag, was von ihm geschaffen wurde!
Und wenn (Ishvara als) Ursache ohne Anfang ist,
wie kann (er dann) eine erste Wirkung (haben)?
123) Und weshalb erschafft er nicht immer,
wenn er von überhaupt nichts Anderem abhängt?
Es existiert sonst nichts,
das nicht von ihm geschaffen wurde.
Wovon sollte er also (in seinem Schaffen)
abhängig sein?
124) Und auch falls er von einer Ansammlung
(von Umständen) abhängig wäre,
könnte Ishvara, der Mächtige Herr,
(erneut) nicht die Ursache sein.
(Denn) kämen sie zusammen,
fehlte ihm die Macht, nicht zu erschaffen.
Und wären sie nicht vorhanden,
so fehlte ihm die Macht, zu erschaffen.
125) Falls Ishvara, der Mächtige Herr,
ungewollt erschaffen muss,
folgt absurderweise, dass er unter der Macht
von etwas Anderem steht.
Und falls (es geschieht, wenn) er will,
dann unterliegt er der Macht des Willens.
Wo ist also (die Macht)
(des) Mächtigen Herrn, der erschafft?
126) (Die Mimamsakas) – jene die behaupten,
statische Teilchen (seien der „Schöpfer“) –
wurde zuvor schon widerlegt.
Dagegen behaupten die Samkhyas
die Ursache der Welt sei eine statische Urmaterie:
127) (Ihnen zufolge) werden die Grundbestandteile
(aller Phänomene)
namens
Sattva („Vergnügen“),
Rajas („Schmerz“)
und
Tamas („neutrale Empfindung“)
als Urmaterie bezeichnet,
(wenn sie sich) nicht im Ungleichgewicht befinden,
(während) es heißt, (ihr) Ungleichgewicht sei die Welt.
128) Aber dass eine (teilelose) Einheit
von dreifacher Natur sein soll,
ist unlogisch und deshalb existiert sie nicht.
Und auch die Grundbestandteile
können nicht (wahrhaft) existieren,
weil auch jeder von ihnen drei Aspekte besitzt.
129) Doch ohne die Grundbestandteile
ist es auch sehr weit hergeholt,
dass Klang und so weiter
(wahrhaft) existieren.
Weiterhin ist es unmöglich,
dass Vergnügen und so weiter
in unbewusster Kleidung
und Ähnlichem existieren.
130) Vielleicht (erwiderst Du):
„Die wirksamen Phänomen
(Existieren) natürlicherweise
in Gestalt ihrer Ursachen.“
Wurden die wirksamen Phänomene
nicht schon untersucht?
(Außerdem) sind Vergnügen und so weiter
für euch die eigentlichen Ursachen,
doch daraus entstehen Baumwollkleidung
und Ähnliches nicht im Geringsten.
131) Und falls Vergnügen und so weiter
aufgrund von Baumwollkleidung
und Ähnlichem existieren würden,
dann könnten sie nicht
in deren Abwesenheit existieren.
Außerdem wurde noch nie beobachtet,
dass Vergnügen und so weiter statisch wären.
132) Falls die manifeste Form von Vergnügen und so weiter
(unveränderlich ist und wahrhaft) existiert,
warum lässt sich diese Erfahrung
dann nicht (ständig) beobachten?
Vielleicht (meinst Du): „eben diese (Empfindung) geht
in einen subtilen, (nicht manifesten) Zustand über.“
(Aber) wie kann sie denn sowohl grob
als auch subtil sein?
133) Weil das (Vergnügen) nach Verlassen
seines groben, (manifesten) Zustands
subtil (und nicht manifest) geworden wäre,
wären seine Zustände von Grobheit und Subtilität
nicht statisch.
Warum (sollte man) nicht akzeptieren,
dass auf gleiche Weise
(auch) alle (anderen) wirksamen Phänomene
nicht statisch sind?
134) Und falls (nur) sein grober, (manifester) Zustand
nichts Anderes als (tatsächliches) Vergnügen wäre,
dann wäre es offensichtlich,
dass Vergnügen nicht statisch ist.
Du behauptest vielleicht: „Etwas, das
(innerhalb seiner Ursachen) überhaupt nicht existiert
könnte nicht erzeugt werden,
weil es (ganz und gar) nicht existieren würde.“
135) Doch dann wäre die Erzeugung von etwas
nicht auf manifeste (Weise) Existierendem
(der) ungewollte (Widerspruch),
der sich für Dich ergibt.
Und wäre die Wirkung
in der Ursache enthalten,
dann würde jemand, der Nahrung verzehrt,
Exkremente essen.
136) Außerdem könnte man zum Preis von Baumwollkleidung
Baumwollsamen kaufen und (stattdessen) tragen!
(Du meinst) vielleicht:; „(Zwar) erkennen
die gewöhnlichen Menschen dies
aufgrund (ihrer) Verwirrung nicht,
(doch) eben diese Position wurde von (Kapila),
dem Kenner der Wirklichkeit, (dargelegt).“ –
137) (Eine) Wahrnehmung dessen muss es (aber)
(auch) bei gewöhnlichen Menschen geben.
Warum wird sie dann nicht beobachtet?
(Du entgegnest) vielleicht:
„(Weil) gewöhnliche Menschen (dafür)
keine gültige Wahrnehmung (besitzen),“
(aber) dann wäre (auch das), was sie
Als manifest betrachten, nicht wahr.
138) (Du magst erwidern): „(Ihr sagt ja auch,)
dass ein gültiger Wahrnehmender
(der gewöhnlichen Welt)
kein gültiger Wahrnehmender
(der tiefsten Wahrheit) ist –
Wäre das, was er gültig wahrgenommen hat,
damit nicht ebenfalls falsch?
Und wäre die Meditation über die Leerheit
dann in Wirklichkeit nicht ebenso falsch?“
138) (Das stimmt zwar, aber) wenn
ein (geistig zugeschriebenes) Phänomen
untersucht und nicht aufgefunden wird,
wird das „Nicht-Phänomen“ – (seine Leerheit) –
ebenso wenig erfasst.
139) Denn für jedes trügerische Phänomen
ist offenkundig, dass das „Nicht-Phänomen“ –
(seine Leerheit von wahrer Existenz) –
(ebenfalls) trügerisch ist.
140) Wenn (zum Beispiel) im Traum
ein Sohn gestorben ist,
beendet die Vorstellung,
dass er nicht existiert
(das Entstehen der) Vorstellung,
dass er existiert –
und trotzdem ist sie falsch.
141) (Untersucht man)
mit solch gründlicher Analyse,
dann (zeigt sich), dass nichts
völlig ursachenlos existiert,
sowie nichts, das in seinen einzelnen Umständen
oder (all seinen Umständen) gemeinsam steckt.
142) Also (entsteht) nichts durch etwas Anderes
und nichts verweilt und nichts (ver)geht.
Wie unterscheidet sich (daher) all das,
was ein verwirrter Geist
als wahrhaft existent erfasst,
von einer Illusion?
143) Untersuche (also) etwas,
das durch eine Illusion hervorgebracht wurde
und etwas, das durch Ursachen
hervorgebracht wurde:
Wo kommt es her?
Wo geht es hin?
144) Wie sollte etwas wahrhafte Existenz besitzen,
wenn es derart künstlich ist,
dass es sich wie eine Spiegelung
(nur) in Verbindung mit etwas (Anderem)
beobachten lässt
und ohne jenes nicht existiert?
145) Etwas Wirksames, das (wahrhaft) existiert,
wozu bräuchte das Ursachen?
Und etwas, das (wahrhaft) nicht existiert,
wozu bräuchte das Ursachen?
146) Ein Nicht-Phänomen ließe sich nicht einmal
durch hundert Millionen Ursachen umwandeln!
Wie sollte etwas in diesem Zustand
zu etwas Wirksamem werden?
Was aber sonst sollte
zu einem wirksamen Phänomen werden?
147) Falls es kein wirksames Phänomen ist,
während (es) ein Nicht-Phänomen ist,
wann soll es (dann) als etwas Wirksames entstehen?
Aber falls es nicht als etwas Wirksames entsteht,
wird es nicht aufhören, ein Nicht-Phänomen zu sein.
148) Wenn es nicht aufhört, ein Nicht-Phänomen zu sein,
hat es keine Gelegenheit,
als wirksames Phänomen zu entstehen.
Und ein wirksames Phänomen kann (auch) nicht
zu einem (wirkungslosen) Nicht-Phänomen werden,
Weil (sonst) folgen würde, dass es zwei (unvereinbare)
wahrhaft existierende Naturen besäße.
149) Da es also weder eine (wahrhafte) Beendigung
noch ein (wahrhaftes Entstehen) der Phänomene gibt,
war diese ganze Welt schon immer
frei von wahrhaftem Entstehen und wahrhaftem Vergehen.
150) Die umherwandernden Wesen
gleichen (daher) einem Traum.
Bei gründlicher Analyse sind sie wie (der Stamm)
(eines) Bananenbaumes.
Ob sie (Nirvana erreichen und) befreit sind
oder (ob sie) nicht befreit sind –
In ihrer (eigentlichen) Bestehensweise
gibt es keinen Unterschied.
151) Da somit alle Phänomene leer sind,
was gibt es dann zu gewinnen?
Was gibt es dann zu verlieren?
Wen gibt es dann, der respektiert
oder verachtet werden könnte und von wem?
152) Wodurch sollte dann Vergnügen
oder Schmerz (entstehen)?
Was gibt es dann abzulehnen und zu mögen?
Wenn man nach der tatsächlichen
Natur (der Phänomene) sucht,
welches Verlangen gibt es dann?
Und was gibt es dann,
nach dem Verlangen besteht?
153) Wenn man gründlich analysiert,
(welche) Welt der Lebewesen (gibt es dann)
und wen gibt es, der (hier) sterben wird?
Wen gibt es, der Existenz annehmen wird
und wen, der existiert hat?
Wer ist dann ein Verwandter oder ein Freund
und wessen Freund sollte er sein?
154) Wer wie ich ist, sollte verstehen,
dass all dies ist wie der Raum.
Hingegen sind jene, die Glück für ihr „Selbst“ wünschen,
Aufgebracht und (maßlos) erfreut
über Streitereien und Feierlichkeiten.
155) Und durch den herzzereißenden Kummer
und die Überanstrengung,
(die sich) daraus (ergeben);
sich gegenseitig schneidend
und mit Messern stechend,
verbringen sie ihr Leben
aufgrund ihrer negativen Handlungen
mit ungeheuren Schwierigkeiten.
156) Und (obwohl) sie wieder und wieder
in höhere Daseinszustände gelangen
und wieder und wieder
zahlreiche (Formen von) Vergnügen erleben,
fallen sie nach dem Tod
in die niedereren Daseinszustände
und (erleben) für sehr lange Zeit
unerträgliche Leiden.
157) Zahlreich sind die Abgründe im
unkontrollierten Dasein
und (all) dies (geschieht), weil es dort
keine (Erkenntnis der) Wirklichkeit gibt.
Doch weil sich (dies und) die Wirklichkeit
gegenseitig widersprechen,
ist es nicht so, wenn innerhalb des Daseins
die Wirklichkeit (erkannt wird).
158) Weiterhin gibt es dort uferlose Ozeane
von beispiellosem, unerträglichem Leid.
Die Kraft ist dort gering
und die Lebensspanne äußerst kurz.
159) Und mit dem Bemühen für ein langes Leben und Gesundheit,
mit Hunger und Erschöpfung,
mit Schlaf und Schicksalsschlägen
und mit der fruchtlosen Gesellschaft kindischer Menschen
160) geht ein Leben dort schnell und sinnlos dahin.
Doch andererseits ist gründliche Analyse
äußerst schwer zu entwickeln!
Und wie sollte man dort ein Mittel finden,
um chronische Ablenkung abzuwenden?
161) Außerdem sind dort dämonische Mächte eifrig bemüht,
(die Wesen) in die schlimmsten Daseinszustände zu stürzen.
(Und weil) dort fehlerhafte Pfade
im Überfluss vorhanden sind,
lässt Zweifel sich äußerst schwer überwinden.
162) Ach, und weil die zeitweilige Freiheit
(von Hindernissen für die Praxis)
so schwer wiederzufinden ist,
es noch schwerer ist, auf einen Buddha zu treffen
und weil es (somit) schwierig ist, den Stromschnellen
der störenden Emotionen zu entkommen,
wird das Leiden nur weiter und weiter gehen.
163) Oh, diese Elenden!
Es ist wirklich angebracht, um jene zu trauern,
die in den Stromschnellen des Leids gefangen sind
und ihre eigene furchtbare Situation nicht erkennen,
obwohl sie sich in so einer
überaus schrecklichen Lage befinden.
164) Zum Beispiel gibt es Menschen,
die sich wieder und wieder rituell waschen
und wieder und wieder ins Feuer springen.
Sie (wähnen) sich stolz in wunderbarster Lage,
obwohl ihre Situation überaus leidvoll ist.
165) Ebenso ist es mit jenen, die sich vergnügen,
als ob es Alter und Tod nicht gäbe
und die erst aus dem Leben gerissen werden,
um dann auf unerträgliche Weise
in einen schrecklichen Daseinszustand zu stürzen.
166) Ach, wann kann ich (endlich)
mit dem Regen meines gesammelten Glücks,
das aus den Wolken
meiner positiven Kraft herabströmt,
all jenen Frieden bringen, die auf solche Weise
von den Feuern der Leiden gequält sind?
167) Ach und wann werde ich voller Wertschätzung
(und) ohne, dass (mein Geist)
(eine unmögliche Bestehensweise) erfasst,
ein Netzwerk an positiver Kraft hervorbringen,
um dann jenen Leerheit zu lehren,
die durch das Erfassen (von wahrer Existenz)
ins Verderben gestürzt sind?
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