Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ – Shantideva

(tib. sPyod-‘jug, Bodhisattvacharya-avatara) von Shantideva

Übersetzung aus dem Tibetischen mit Klärung anhand des Sanskrit-Textes
Von Alexander Berzin, 2004

Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger,
9. Kapitel: Christian Steinert

Einführende Bemerkungen zur Übersetzung

Die Vielzahl schriftlicher Fassungen und Ausgaben

Die Übersetzung von Shantidevas Werk „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ (tib. sPyod-‘jug, Skt. Bodhisattvacarya-avatara) weist viele Problem in Bezug auf den Text auf. Von dem in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts in Sanskrit verfasstem Werk sind uns mehrere Versionen des Manuskripts über die Jahrhunderte hindurch überliefert worden. Das nepalesisch-deutsche Projekt zur Katalogisierung von Manuskripten (engl. Nepalese-German Manuscript Cataloguing Project; NGMCP, Uni Hamburg) hat beispielsweise 41 handschriftliche Manuskripte von verschiedener Länge auf Mikrofilm aufgenommen. Soweit ich weiß, muss eine vergleichende Studie dieser Versionen noch angefertigt werden.

Eine tibetische Übersetzung eines revidierten Sanskrit-Textes, die vielleicht oder vielleicht auch nicht unter den oben erwähnten 41 Versionen sein mag, wurde erst kürzlich zwischen jenen Manuskripten entdeckt, die in Dunhuang zum Ende des 10. Jahrhunderts vergraben worden waren. Diese Ausgabe aus Dunhuang enthält 210,5 Verse weniger als die Version des tibetischen Kanons.

Der Schlussschrift der Version des tibetischen Kanon zufolge, wurde der Text das erste Mal im frühen neunten Jahrhundert ins Tibetische übertragen, also in der “alten“ Übersetzungsperiode (in der Übersetzungen ins Tibetische angefertigt worden sind). Die Übersetzung wurde auf Grundlage eines Manuskripts aus Kaschmir angefertigt. Die Übersetzer waren der indische Meister Sarvajna-deva und der tibetische Herausgeber und Übersetzer-Mönch Paltseg (tib. dPal-brtsegs). Paltseg war einer der Verfasser des „Großen (Lexikon) für das Verständnis spezifischer (Begriffe)“ (tib. Bye-brag-tu rtogs-par byed-pa chen-po, Skt. Mahavyutpatti), dem ersten Kompendium standardisierter tibetischer Übersetzungsbegriffe für buddhistische Sanskrit-Fachbegriffen.

Der Text wurde von einer Magadha-Ausgabe und einem Kommentar während der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts von dem indischen Meister Dharma-shribhadra und dem tibetischen Herausgeber und Übersetzer-Mönch Rinchen-zangpo (tib. Rin-chen bzang-po) (958 – 1051) and Shakya-lodrö (Shakya blo-gros) rückübersetzt. Rinchen-zangpo war der Gründer der „neuen“ Übersetzungsperiode in Tibet.

Der Text wurde dann von dem gelehrten indischen Meister Sumati-kirti und Herausgeber-Übersetzer-Mönch Loden-sherab (Blo-ldan shes-rab) (1059 – 1109) weiter korrigiert, zurückübersetzt und zum Abschluss gebracht. Das ist die Textversion, wie sie im tibetischen Kanon bewahrt worden ist, obwohl die verschiedenen Ausgaben des Kanons und spätere Publikationen der tibetischen Texte eine Vielzahl von Diskrepanzen bezüglich des Textes aufweisen. Die zwei früheren Versionen der tibetischen Übersetzung sind, soweit ich weiß, nicht erhalten geblieben.

Den Aussagen von Butön (tib. Bu-ston Rin-chen grub) (1290 – 1364) zufolge, der den tibetischen Kanon maßgeblich zusammengestellt hat wurden auf Sanskrit hunderte von Kommentare zum „ Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ geschrieben, wovon lediglich acht ins Tibetische übersetzt worden sind. Der bekannteste Kommentar davon, vielleicht aufgrund der Veröffentlichung des Sanskrit-Originals im 20. Jahrhundert, ist der „Kommentar zu schwierigen Punkten des Eintritts in das Verhalten eines Bodhisattvas“ (tib. sPyod-‘jug dka’-‘grel, Skt. Bodhisattvacarya-avatara-panjika); er wurde im 11. Jahrhundert verfasst und kommentiert lediglich die ersten neun Kapiteln des Wurzeltextes.

Sumati-kirti, der indische Pandit, der bei der tibetischen Übersetzung des Wurzeltextes mitgewirkt hatte, die für die kanonische Version verwendet worden ist, hatte die Kapitel 1, 2, 7, 8 und 9 von Prajnakaramatis Kommentar zusammen mit dem Tibetisch-Übersetzer Darma-drag (tib. Dar-ma grags) übersetzt. Die dazwischen liegenden Kapitel wurden von dem Tibeter Lodrö-zangdrag (tib. Blo-gros bzang-grags) übersetzt. Von daher ist es recht wahrscheinlich, dass die Sanskrit-Version, die für die Übersetzung der ersten neun Kapiteln des Wurzeltextes verwendet worden ist, die gleiche Version war wie die, die auch in Prajnakaramatis Kommentar erscheint. Wenn man in Betracht zieht, dass es mehrere leicht unterschiedliche Manuskript-Versionen dieser Ausgabe des Sanskrit-Wurzeltextes und des Sanskrit-Kommentars gab, dann verbleiben noch eine ganze Reihe von Widersprüchen zwischen dem Sanskrit-Original und der tibetischen Übersetzung des Wurzeltextes. Dasselbe gilt auch in Bezug auf die veröffentlichte Sanskrit-Version und die kanonische tibetische Version des 10. Kapitels, die in dem Werk von Prajnakaramati fehlt.

Zahlreiche tibetische Meister der vier Traditionen des tibetischen Buddhismus haben Kommentare zum Wurzeltext verfasst, die auf der kanonischen Version basieren. Einige dieser Meister waren sich der Widersprüche innerhalb der verschiedenen Texte bewusst, so dass sie gelegentlich auf die unterschiedlichen Lesarten einiger dieser Wurzelverse Bezug genommen haben, wie sie in den tibetischen Übersetzung der Sanskrit-Kommentare gefunden werden können. Darüberhinaus bieten diese tibetischen Kommentare eine große Bandbreite von Interpretationen der Wurzelverse.

Die einzige Schlussfolgerung, die wir aus der oben skizzierten Darstellungen sicher ziehen können, ist, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich ist festzustellen, was die verbürgt echte Version des Textes ist und was ihre ursprüngliche oder „wirkliche“ Bedeutung ist. Alle Versionen und ihre Kommentare ergeben im Zusammenhang der Lehre des Buddhas einen Sinn. Das befindet sich im Einklang mit dem Prinzip, dass die erleuchtenden Worte eines Buddhas viele Ebenen der Bedeutung enthalten und jeder Schüler bzw. jede Schülerin diese gemäß seinem oder ihrem Grad der Fortgeschrittenheit verstehen werden.

Wenn man mit diesen Gegebenheiten konfrontiert wird, stellt sich einem die Frage, wie man den Text am besten in eine zeitgemäße Sprache übersetzt. „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ wurde schon vielfach ins Englische übertragen, wobei einige Übersetzungen von der Sanskrit-Version angefertigt wurden, die zusammen mit dem Kommentar von Prajnakaramati erschienen ist, wobei dabei das 10. Kapitel, das dort ausgelassen worden war, hinzugefügt worden ist. Einige Übertragungen wurden von der Übersetzung, wie sie im tibetischen Kanon zu finden ist, angefertigt. Es gibt sogar eine englische Übersetzung des Werks, in der sowohl die Sanskrit-Version als auch die die tibetische Version der Verse vorgestellt werden, wenn diese sich signifikant voneinander unterschieden. Keine der Übersetzungen hat jedoch den Versuch unternommen, die Widersprüche zwischen den beiden Versionen miteinander in Einklang zu bringen, die sich möglicherweise einfach dadurch ergeben haben, dass beim Abschreiben der Texte Flüchtigkeitsfehler gemacht worden sind oder es Unterschiede in der Struktur der beiden Sprachen gab. Das ist die Herausforderung gewesen, an der ich mich hier versucht habe.

Einige Übersetzungen favorisieren darüber hinaus die Genauigkeit auf Kosten des poetischen Ausdrucks, und anderer Übersetzungen wiederum haben die Genauigkeit um der poetischen Schönheit Willen geopfert. In dieser Version hier habe ich versucht beide, sowohl Genauigkeit als auch Poesie, zu erhalten.

Übersetzungsmethoden mit denen man die Widersprüche zwischen der tibetischen Sprache und dem Sanskrit auflösen kann

Ich habe zu Shantidevas Text zweimal Unterweisungen von seiner Heiligkeit dem 14. Dalai Lama und zweimal von Geshe Ngawang Dhargyey erhalten. Wenn seiner Heiligkeit den Text lehrt, dann korrigiert er häufig die kanonische tibetische Übersetzung auf Grundlage von Erläuterungen, die er von Khunu Lama Rinpoche Tenzin Gyaltsen, einem herausragenden Meister, der auch im Sanskrit sehr bewandert war, gehört hat. Seine Heiligkeit betont darüber hinaus stets, dass der Text für die Meditationspraxis und die Übung im Alltag gedacht ist. Wenn man daher Korrekturen am Text vornahm, müssen diese nicht nur auf einem richtigen Verständnis der Sanskrit-Grammatik basieren, sondern sich auch mit den praktischen Ratschlägen in Bezug auf das Verhalten eines Bodhisattvas übereinstimmen. Die hier vorliegende Übersetzung stützt sich auf diese Prioritätensetzung und dieses Prinzip. Demgemäß bin ich vornehmlich der kanonischen tibetischen Version gefolgt, aber habe den Text, falls notwendig berichtigt, und zwar gemäß der Sanskrit-Version, die in einem Kommentar von Prajnakaramati erschienen und dem das veröffentlichte 10. Kapitel hinzugefügt worden ist.

Zu sagen, dass der Text für den Gebrauch in der Meditation bestimmt ist, bedeutet, dass der Text als Ganzes oder aber ausgewählte Teile des Textes jeden Tag entweder laut oder leise gelesen oder aus dem Gedächtnis rezitiert wurden und dann über die Verse reflektiert wurde. Das impliziert, dass die Verse aller miteinander verbunden sind, um eine fließende Präsentation verschiedener Themen zu gestalten. Der Text besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von unzusammenhängenden Versen. Die Bewahrung des Flusses der Darbietung oder der Abfolge von Argumenten, ist daher eines der wesentlichen Kriterien, das ich verwendet habe, um einen Kontext herzustellen, in den sich dann jeder einzelne dieser Verse einfügen muss. Ich hab daher, so gut wie es mir möglich war, versucht, den Argumentationsfluss zu bewahren, indem ich Konjunktionen und so weiter in Klammern eingefügt haben, um so dazu beizutragen, die Verbindungen zwischen den einzelnen Versen deutlicher zu machen.

Einige der Unterschiede zwischen der tibetischen Version und der Sanskrit-Version können dadurch entstanden sein, dass die tibetische Version sich auf eine leicht unterschiedliche Version des Sanskrit-Manuskripts stützt als die Version, die zurzeit als Veröffentlichung erhältlich ist. In solchen Fällen bin ich der tibetischen Version gefolgt, solange sie sich in den Kontext des Argumentationsflusses einfügt. Es wäre ungeschickt gewesen zu versuchen, die Versionen zweier Sprachen zu übersetzen und in einen Text einzufügen, wenn sich einige Zeilen vollständig voneinander unterscheiden. Zudem gibt es keinen eindeutigen Weg um zu entscheiden, welche Version authentischer ist.

Einige der Widersprüche, die sich auftun, sind dadurch entstanden, dass lediglich ein Buchstabe eines Wortes unterschiedlich ist, wie beispielsweise bei dem Wort AkAra (Erscheinung) in der Sanskrit-Version, wohingegen in der tibetischen Übersetzung offenbar das Wort AhAra (Nahrung, Unterhalt) übersetzt worden ist. Ein Wassertropfen, der einen Fleck auf der Seite eines handgeschriebenen Manuskripts hinterlassen hat, oder ein Fehler beim Abschreiben des Textes kann die Ursache solcher Widersprüchlichkeiten sein. In solchen Fällen, wenn beide Bedeutungen im Kontext des Argumentationsflusses einen Sinn ergeben, habe ich beide Bedeutungsmöglichkeiten übersetzt, wobei ich die Bedeutung des Sanskrit-Wortes in runde Klammern gesetzt habe. Wenn lediglich eine Version im Kontext des Versflusses einen Sinn ergab, dann habe ich lediglich diese Version übersetzt. In solchen Fällen kam gewöhnlicherweise die Sanskrit-Version bevorzugt zur Geltung. Manchmal folgt dem tibetischen Substantiv ein Hilfspartikel, wenn die Sanskrit-Grammatik den Genus des Substantivs erfordert oder umgekehrt. Solche Widersprüche können gleichfalls durch einen Schreibenfehler oder Schmutzfleck entstanden sein. Auch in solchen Fällen bin ich der Sanskrit-Version gefolgt, wenn sie in den Kontext mehr Sinn ergab.

Eineinhalb Verse der Sanskrit-Version fehlen in der tibetischen Version; ich habe sie in Klammern hinzugefügt. Wenn Worte oder Sätze der Sanskrit-Version in der tibetischen Übersetzung ausgelassen worden sind, diese sich jedoch gut in den Gesamtzusammenhang eingefügt haben, so habe ich sie dann auch in Klammern hinzugefügt.

Die größte offensichtliche Quelle von Widersprüchen stellt jedoch die Schwierigkeit dar, die Komplexität der Sanskrit-Grammatik im Tibetischen wiederzugeben. Die beiden Sprachen sind in ihrer Struktur extrem unterschiedlich. Sanskrit ist eine der indoeuropäischen Sprachen mit den meisten Flexionen (ein Wort in seine grammatikalischen Formen abwandeln, beugen), wohingegen das Tibetische zur chinesischen Sprachfamilie gehört und weit weniger gebeugt ist. Zudem wird das Tibetische gemäß unterschiedlicher Parameter gebeugt. Wenn die Übersetzer, die den Text in die tibetische Sprache übertragen haben, ganz offensichtlich versucht haben, die grammatische Konstruktion des Sanskrit-Textes wiederzugeben, das Verb oder das Substantiv im Tibetischen aufgrund der Beschränkungen der tibetischen Grammatik aber zweideutig sind, dann bin ich der Sanskrit-Ausgabe gefolgt.

So werden im Tibetischen beispielsweise die beiden Fälle Dativ und Ablativ der Sanskrit-Substantive durch die Postposition (Nachsilbe) phyir übertragen, auch wird der Vokativ in der tibetischen Sprache nicht vom Nominativ unterschieden. Die Partizip Präsens, die Partizipien Perfekt und Futur, und davon sowohl die aktiven als auch die passiven Formen, werden häufig durch die Vergangenheitsform des tibetischen Verbs zusammen mit der Hilfssilbe byas dargestellt. Der Sanskrit-Optativ, der Sanskrit-Imperativ und das Futur werden meistens allesamt mit dem Futur des tibetischen Verbs und der Hilfssilbe bya übersetzt. Imperativ-Konstruktionen in der dritten Person, wie auch lokative Absolute stellen besondere Herausforderungen dar. In der tibetischen Sprache ist es zudem häufig schwierig, deutlich zwischen den aktiven, mittleren und passiven Stimmen im Sanskrit zu unterscheiden und das Tibetische lässt zudem häufig die Unterscheidungen zwischen Singular, Dual und Plural fallen. Interrogativpronomen und Relativpronomen sind nicht leicht voneinander zu unterscheiden usw.

Die einzige Ausnahme dieser Richtlinie bezieht sich auf die Person des Verbs. In der Sanskrit-Version wird manchmal die erste Person verwendet, so z. B. wenn der Meditierende zu sich selbst spricht. Manchmal wird im Sanskrit auch die zweite Person verwendet, wenn der Meditierende zu seinem oder ihrem eigenen Geist spricht. Und manchmal wird auch die dritte Person verwendet, so z. B. wenn man eine allgemeine Äußerung von sich gibt, oder eine Partizip-Konstruktion, die die Frage der Person vermeidet. Wenn im Sanskrit gelegentlich ein Pronomen verwendet wird, dann wird dies im Tibetischen auch so übersetzt. Ansonsten ist das Tibetische nicht eindeutig. Ich habe die Verben in der ersten und zweiten Person im Sanskrit in die erste und zweite Person ins Englische übertragen. Um den Text für die persönliche Meditationspraxis jedoch offenkundiger anwendbar zu machen, habe ich die dritte Person im Sanskrit und die Partizipkonstruktion gelegentlich mit der ersten Person ins Englische übersetzt. Und der Einfachheit willen, habe ich sie alle als maskulin übersetzt, was sich auf die Tatsache gründet, dass Shantideva ein Mönch war und vornehmlich für Mönche geschrieben hat. Shantidevas Darstellung der Meditation über die Unreinheit des Körpers, als ein Gegenmittel gegen sehnsüchtiges Begehren, Anhaftung und Ablenkung in der Meditation, ist sowohl im Sanskrit als auch im Tibetischen geschlechtsneutral. Obwohl einige Kommentare spezifizieren, dass sich die Erörterung lediglich auf den Körper von Frauen bezieht, da eine solche Erörterung für ein Publikum, das maßgeblich aus Mönchen bestanden hat, am relevantesten gewesen wäre, habe ich die Erörterung wie in der Originalausgabe geschlechtsneutral belassen.

Manchmal haben die tibetischen Begriffe, die für die Übersetzung von Sanskrit-Begriffen verwendet werden, mehrere Bedeutungen. Wenn eine Nebenbedeutung des tibetischen Begriffs näher mit dem Sanskrit-Begriff übereinstimmt und die Hauptbedeutung nicht damit übereinstimmt, habe ich die Nebenbedeutung gewählt, da es sich dabei offensichtlich um die Bedeutung gehandelt hat, die von den Übersetzern beabsichtigt worden war. Wenn die Sanskrit-Begriffe und die tibetischen Begriffe voneinander abweichende Bedeutungsebenen haben, so habe ich stets die Bedeutung gewählt, die beiden Begriffen gemein ist.

Ferner widersprechen sich manchmal zwei Versionen in Bezug darauf, welches Wort ein anderes Wort und Vers modifiziert oder mit diesem zusammengeht. In der Sanskrit-Version weißt der Kasus und die Numerus-Endung deutlich auf die Verbindung zwischen den Worten hin, wohingegen das Tibetische nicht in derselben Weise gebeugt werden kann. Wenn die Sanskrit-Version aus dem Kontext heraus mehr Sinn ergab, dann bin ich der Sanskrit-Version gefolgt. Wenn die Unterschiede unbedeutend erschienen, dann bin ich der tibetischen Version gefolgt.

Gelegentlich korrespondiert die Reihenfolge der Sätze in den unterschiedlichen Versen nicht miteinander und verändert die Betonung eines Verses. Wenn die Abfolge in der Sanskrit-Version den Vers in der Weise betont hat, dass er besser in den Gesamtkontext des Versflusses passt, oder poetischer ist, bin ich der Sanskrit-Version gefolgt. Wenn es keinen großen Unterschied gemacht hat, bin ich der tibetischen Version gefolgt.

Eine andere Komplikation betrifft poetische Mittel. In der Sanskrit-Version werden häufig Alliterationen, Wortwitze und Wortspiele verwendet, die nicht ins Tibetische übertragen worden sind. Ich habe versucht diese Kunstgriffe zu übermitteln, indem ich sie in der gesamten englischen Übersetzung sporadisch verwendet habe, obwohl nicht notwendigerweise dort, wo sie in der Sanskrit-Version auftauchen. In der Sanskrit-Version wird ein Wort häufig mehreren Mal innerhalb eines Verses wiederholt oder es werden verschiedenen Formen und Beugung verwendet, wohingegen in der tibetischen Version häufig mehrere Begriffe verwendet werden. Obwohl man im Englischen einen Stil missbilligt, bei dem Worte häufig wiederholt werden, bin ich dem Sanskrit-Stil soweit wie möglich gefolgt, um den Geschmack der Sanskrit-Poesie zu übermitteln. Wenn in der tibetischen Version ein Wort mehrmals in einem Vers wiederholt worden ist, in der Sanskrit-Version hingegen verschiedene Begriffe verwendet worden sind, bin ich in der Regel der Sanskrit-Version gefolgt, insbesondere wenn den Wiederholungen in der tibetischen Version möglicherweise durch einen Mangel an Synonymen in der tibetischen Sprache zu Stande gekommen sind.

Zudem ist sowohl die Sanskrit-Version als auch die tibetische Version in Versmaß geschrieben. Obwohl ich kein striktes Versmaß für den englischen Text verwendet hab, so habe ich doch so weit wie möglich versucht den Text in einem freien englischen Versmaß wiederzugeben, so dass die Verse leicht von den Lippen gehen. Hoffentlich wird das für die Rezitation, Meditation und das Auswendiglernen des Textes förderlich sein. Aufgrund der Regeln, die es für das Versmaß gibt, mussten sowohl im Sanskrit als auch im Tibetischen verbindende Füllworte, Partikel und Worte zum Betonen hinzugefügt werden, um das Versmaß auszufüllen. Ich habe diese Füllworte dann übersetzt, wenn sie zur Bedeutung des Textes im Gesamtzusammenhang beigetragen haben. Auch habe ich um das Versmaßes Willen im Englischen gelegentlich Füllworte eingefügt, wie beispielsweise „und“.

Für viele Textstellen, insbesondere für das neunte Kapitel über das weitereichende unterscheidende Gewahrsein (die Vollkommenheit der Weisheit) gibt es mehrere Interpretationen, wie dies durch eine große Bandbreite von Kommentaren belegt wird. In einem Wurzeltext wie diesem müssen die Verse in ihrer Bedeutung daher so neutral wie möglich sein, so dass sie als eine Wurzel dafür fungieren können, dass aus ihnen verschiedene Interpretationsmöglichkeiten und Verständnisebenen erwachsen können. Andererseits müssen die Verse auch aus sich selbst heraus einen Sinn ergeben, selbst dann, wenn man sie ohne einen Kommentar liest. Ich habe versucht beiden Bedürfnissen gerecht zu werden, indem ich solchen Textstellen so wenig Worte wie möglich in Klammern beigefügt habe. Wenn ich beispielsweise dem Begriff „Existenz“ das Wort „wahre“ in Klammern vorangestellt habe, dann befindet sich das in Übereinstimmung mit der Tatsache, dass alle Kommentare den Text vom Standpunkt der Madhyamaka aus interpretieren, trotz der Unterschiede in der Darstellung der Madhyamaka-Schulen.

Danksagung

Ich möchte Renate und Rainer Noack danken, die mich gebeten haben den Text „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ wöchentlich in der buddhistischen Gesellschaft Berlin zu unterrichten. Auch möchte ich den Studenten dort danken, die mich gebeten haben, den Text langsam, gründlich und mit Tiefgang durchzugehen, ungeachtet dessen, wie lange das dauern könnte. Der Kurs begann im November 2000. Wir benötigten ein Jahr, um die ersten acht Kapitel abzuschließen. Um etwas weniger als die Hälfte des neunten Kapitels durchzugehen, haben wir drei weitere Jahre benötigt. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, in jedes Wort des Textes und seinen Hintergrund einzutauchen und es hat den Umstand dafür geschaffen, fortlaufend eine ungefähre Übersetzung der Verse für den Kursus anzufertigen, die sich mehr im Einklang mit den Erläuterungen zum Text befand.

Ich möchte Christian Dräger und Christian Steinert danken, die diese grob übersetzten englischen Verse ins Deutsche übertragen haben, während wir den Text nach und nach durchgegangen sind, und die mich dazu ermutigt haben, die Arbeit weiter fortzusetzen.

Ich möchte auch Albrecht Seeger danken, der mich bat, den tibetischen Text mit ihm durchzugehen, was wir das letzte halbe Jahr taten. Das wurde ein Umstand dafür, dass ich meine gesamte Übersetzung vollständig an Hand der Sanskrit-Version überarbeitet habe, so dass ich jede grammatikalische Konstruktion und die Wahl der tibetischen Worte der Übersetzer erläutern konnte. Den Text Wort für Wort mit ihm durchzugehen, hat mir geholfen, der Genauigkeit der Übersetzung eine Feinabstimmung zu geben, so dass jedes Wort der englischen Version, so weit möglich, durch die tibetische Ausgabe belegt wird.

Zum Schluss möchte ich Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama danken, der den gesamten Text im August 2005 in Zürich, Schweiz, lehren wird. Die von ihm geplante Unterweisung hat mich dazu inspiriert, die Übersetzung rechtzeitig fertig zustellen, sodass sie für die Veranstaltung dort von Nutzen sein kann und den Absichten seiner Heiligkeit dienen kann. Möge die Übersetzung allen Lebewesen von Nutzen sein.