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Eine gesunde Beziehung fördern > Teil 3: Ungesunde Beziehungen zu spirituellen Lehrern
> 17 Generation und Lebenszyklen
In ihrem Buch „New Passages“ („Neue Lebensphasen. Wie man aus seinem Alter das Beste machen kann“) erklärt Gail Sheehy, dass die Stufen des menschlichen Lebenszyklus sich je nach sozio-ökonomischer Klasse und den Bedingungen der Zeit verändern. Mit dieser These hat sie ein neues Paradigma für den Erwachsenenzyklus der zeitgenössischen, weißen, sozial mobilen, gut ausgebildeten Amerikanerinnen und Amerikaner der Mittelklasse entdeckt. Ihr Paradigma spricht von drei Stufen: vorläufiges, erstes und zweites Erwachsenenalter.
Die meisten der spirituellen Suchenden, die ein Dharma-Zentrum in den Vereinigten Staaten besuchen, gehören der von Sheehy untersuchten sozialen Schicht an. Sheehys Schema liefert ein nützliches Analysewerkzeug für das Verständnis einiger der Probleme, mit denen sich diese Menschen beim Aufbau von Beziehungen zu spirituellen Mentoren konfrontiert sehen.
Das vorläufige Erwachsenenalter, ab einem Alter von etwa zwanzig Jahren, ist eine verlängerte Adoleszenz, charakterisiert durch Experimente und ein geringes Interesse an Karriere oder Ehe. Zu dieser Zeit scheint der allgemeine Trend für den Rest des Lebens gesetzt zu werden. Das erste Erwachsenenalter dauert etwa von dreißig bis Mitte vierzig. In dieser Zeit beweist man sich selbst durch eine Karriere und/oder Gründung einer Familie. Das zweite Erwachsenenalter beginnt dann Mitte vierzig mit einer Periode des Experimentierens ähnlich einer zweiten Adoleszenz, die bis etwa fünfzig dauert. Während dieser Periode wird man häufig von seiner Partnerin oder seinem Partner verlassen oder zu einem vorgezogenen Ruhestand gezwungen und auch die Kinder verlassen gewöhnlich in dieser Lebensphase das Haus. Es folgt eine Zeit der Meisterschaft, die bis Mitte sechzig dauert, und häufig mit einer neuen Karriere oder einem neuen Lebenspartner einhergeht. Man kann eine neue Synthese des eigenen Lebens finden, die zu mehr Erfüllung führt. Nach dem fünfundsechzigsten Lebensjahr stellt sich eine Zeit der Integrität ein, in der man sich nichts mehr beweisen muss und die gefundene Synthese genießen kann.
Die Generation, die den Großteil der am tibetischen Buddhismus interessierten, spirituellen Suchenden in den USA stellt, ist die Vietnam- oder Baby-Boomer-Generation, die zwischen Mitte der vierziger und Mitte der fünfziger Jahre zur Welt kam. Eine kleinere Zahl von Interessierten kam aus der Ich-Generation der Zeit zwischen Mitte der fünfziger und Mitte der sechziger Jahre, und noch einmal weniger kamen aus der Generation X oder der gefährdeten Generation der von Mitte der sechziger Jahre bis etwa 1980 Geborenen.
Der charakteristische emotionale Grundton der Baby-Boomer-Generation liegt in dem Glauben, dass die Dinge vollkommen sein können. In einer Phase verlängerter Adoleszenz, gekennzeichnet durch die Verweigerung jeder Verpflichtung, die von den späten sechziger Jahren bis weit in die siebziger Jahre hinein dauerte, experimentierten viele Mitglieder dieser Generation mit neuen, alternativen Lebensformen. Sehr häufig war ihr Verhalten von einer Haltung der Rebellion geprägt, die sich gegen die Einschränkungen durch ihre Eltern oder den Druck des Vietnamkrieges richtete. Also rebellierten sie gegen die traditionelle Religion, die Kultur und alle Werte, in die sie hineingeboren worden waren. In vielen Fällen war die besondere Attraktivität des tibetischen Buddhismus eine direkte Folge dieser Rebellion.
Ein Mangel an ernstlichen wirtschaftlichen Zwängen ließ den Idealismus zu einer romantischen Idealisierung der Tibeter, ihrer Kultur und des Buddhismus schlechthin überschäumen. Das führte auch zu einer Romantisierung der tibetischen Meister, was durch den relativ einfachen Zugang zu den Oberhäuptern der Linien und den größten Lamas dieser Zeit noch verstärkt wurde. Ungenügende Übersetzungen und kaum vorhandenes Lesematerial ließen Idealisierung und Fantasievorstellungen noch weiter ins Kraut schießen. Deshalb waren die Beziehungen, die die meisten der Suchenden zu Mentoren aufbauten, alles andere als realistisch. In den siebziger Jahren ging eine nicht geringe Anzahl von Menschen sogar unter dem berauschenden Einfluss psychedelischer und anderer Drogen zu den Unterweisungen.
Als in den achtziger Jahren das erste Erwachsenenalter der Baby-Boomer begann, wandelten sie sich zu Leistungsträgern. Getrieben von dem dringenden Wunsch, von ihren buddhistischen Lehrern und Mitpraktizierenden anerkannt zu werden, versuchten viele sich dadurch zu beweisen, dass sie einhunderttausend Niederwerfungen machten, lange Meditationsretreats und ausgedehnte Rituale (Skt. pujas) durchführten, an Ausbildungsprogrammen für Geshes teilnahmen oder ihren Mentoren hingebungsvoll dienten, indem sie Dharma-Zentren aufbauten oder betreuten. Der Geist ungezügelten, selbstsüchtigen Ehrgeizes, der für die achtziger Jahre in den USA so typisch war, fachte auch den „ spirituellen Materialismus“ jener Tage an.
Weil die Baby-Boomer, die häufig über ein geringes Selbstwertgefühl verfügten, ihren Wert zu rechtfertigen suchten, verfielen sie nicht selten der Projektion, ihre Lehrer würden sie beurteilen. Viele hatten das unterbewusste Gefühl, dass sie eine Leistung erbringen müssten, um ihren Selbstwert zu bestätigen und Anerkennung und Liebe zu verdienen. Einige sahen sich auch in einer Art Wettkampf mit ihren Gefährten. Sie waren der Meinung, dass sie die anderen in ihrer Hingabe oder der Anzahl ihrer Niederwerfungen stets übertreffen müssten. Cliquen von Schülern sammelten sich um die meisten großen tibetischen Lehrer im Westen in einem “inneren Kreis”. Die Mentor-Schüler-Beziehungen wurden zunehmend ungesund.
Die zweite Adoleszenz, den Beginn des zweiten Erwachsenenalters, erreichten die Baby-Boomer in den neunziger Jahren; gleichzeitig gab es einige große Skandale und Kontroversen im Zusammenhang mit spirituellen Lehrern. Als das missbräuchliche Verhalten und die Streitereien einiger berühmter Mentoren ans Licht kamen, erlebten viele Baby-Boomer entweder eine große Enttäuschung oder sie leugneten die Sachverhalte einfach ab. Die Unzulänglichkeiten des tibetischen buddhistischen Systems zu sehen und mitzuerleben, wie einige seiner Stars in Misskredit gerieten, hatte eine äußerst traumatische Wirkung.
Viele Baby-Boomer ließen das verkrampfte, falsche Selbstbild eines spirituellen Leistungsträgers fallen und wurden lasch in ihrer Meditation und der Einhaltung der Verpflichtungen. Sie distanzierten sich emotional von ihren noch lebenden oder bereits verstorbenen spirituellen Mentoren. Und ganz im Sinne der zweiten Adoleszenz begannen viele zu experimentieren und wandten sich der Psychologie und anderen Disziplinen zu, um Methoden für die Bewältigung ihrer Midlife-Crisis zu finden. Der für die neunziger Jahre so typische Zusammenbruch rigider Ordnungen zeigte sich auch in der Suche nach neuen Modellen spiritueller Praxis.
Als sich die Baby-Boomer dann in den späten neunziger Jahren in das zweite Erwachsenenalter hinein entwickelten, entdeckten viele die schlafenden Werte wieder, die sie in ihrer spirituellen Leistungssucht im ersten Erwachsenenalter unterdrückt hatten. Sie entdeckten die Vernunft und die praktischen Qualitäten ihrer eigenen Kulturen und entwickelten daraus ein höheres Selbstwertgefühl. Als sie dann schließlich in die Zeit der Meisterschaft eintraten, gewannen einige genügend Selbstvertrauen, um alle ihre Erfahrungen in einer neuen Synthese zusammenzubringen. Sie erreichten Stufen innerer Reife, die sie befähigten, auf gesündere Weise mit ihren spirituellen Mentoren umzugehen und ihre Meditationspraxis mit realistischeren Augen zu sehen. Der Erfolg in diesen Bemühungen hing von der Offenheit für die Inspiration durch ihre spirituellen Mentoren ab.
Mitglieder der Ich-Generation kamen in ihrem vorläufigen Erwachsenenalter im Laufe der achtziger Jahre zum tibetischen Buddhismus. Den emotionalen Grundton ihrer Generation setzte der Wunsch, alles zu besitzen. Weil es scheinbar grenzenlose Möglichkeiten gab, schnell viel Geld zu verdienen, fühlten sich weniger Mitglieder dieser Generation vom Buddhismus angezogen als in der Generation zuvor. Der Geist der achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten unterstützte Gier und Professionalität. Junge Menschen mit Kapital, Talent und günstigem sozio-ökonomischem Hintergrund hatten das Gefühl, jede Anstrengung müsse von schnellem Erfolg gekrönt sein. Als Teil ihrer verlängerten Adoleszenz rebellierten viele Mitglieder der Ich-Generation gegen die unpraktische, von Hippie-Romantik geprägte Mentalität ihrer Eltern. Sie widmeten sich dem Erwerb von Geld, Gütern und Erfahrungen. Weil sie den Materialismus idealisierten, hielten viele Glück für einen Gebrauchsgegenstand, den man kaufen kann.
Menschen aus dieser Generation, die dem spirituellen Pfad folgten, widmeten sich häufig mit genau dieser narzisstischen Ausrichtung der Praxis. Sie machten sich daran, „Verdienste zu sammeln“ , und zwar mit der gleichen Haltung, mit der sie auch Schallplatten und Designerkleidung sammelten. Viele erwarteten, alles erreichen und haben zu können, ohne sich emotional verpflichten zu müssen und – der Anrufbeantworter ist ein gutes Symbol dafür – ohne menschliche Vertrautheit. Natürlich trugen sie diese Haltungen auch in die Beziehungen zu ihren spirituellen Mentoren, die sie als Mittel benutzten, um spirituell nach oben zu kommen und um mehr Verdienst zu sammeln, ohne ihnen aber je wirklich ihr Herz zu öffnen.
Die Ich-Generation wurde im ersten Erwachsenenalter mit den Skandalen und Kontroversen der spirituellen Szene in den neunziger Jahren konfrontiert. Viele fühlten sich all dessen beraubt, was sie im Bereich der Spiritualität hatten erreichen wollen, und wandten sich schmerzlich desillusioniert dem Erfolg im Geschäfts- oder Familienleben zu. Andere waren zutiefst erbost und widmeten sich der Aufgabe, die entsprechenden Mentoren zu Fall zu bringen. Diejenigen, die ihre spirituelle Praxis beibehielten, folgten dem Geist der neunziger Jahre und verwarfen rigide Modelle. Viele aber distanzierten sich emotional immer weiter von ihren Mentoren und kamen nur noch selten und unregelmäßig in die Dharma-Zentren.
Nur sehr wenige Mitglieder der Generation X fanden in ihrer verlängerten Adoleszenz und ihrem vorläufigen Erwachsenenalter in den neunziger Jahren zum spirituellen Pfad. Dafür waren verschiedene Faktoren verantwortlich. AIDS, Arbeitslosigkeit und Unweltkatastrophen ließen eine sichere Zukunft fraglich erscheinen. Führungspersönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft waren in Lügen und Skandale verstrickt. Folglich fanden es die meisten Mitglieder dieser Generation unmöglich, noch irgendjemandem oder irgendetwas zu vertrauen, besonders keinem Menschen in so genannten Respektspositionen. Viele resignierten und erwarteten schließlich, dass alles und jeder sie sowieso enttäuschen werde, wie es vielleicht schon ihre Eltern getan hatten, als sie sich scheiden ließen oder sie in der Kindertagesstätte absetzten, ohne sich je wirklich Zeit für sie zu nehmen. Als sie von den Skandalen und Kontroversen unter den buddhistischen Lehrern hörten, dachten sie: „Was habt ihr denn erwartet?“ Und natürlich fühlten die meisten kein Bedürfnis, eine Beziehung zu einem spirituellen Mentor aufzubauen.
In Übereinstimmung mit dem Geist der neunziger Jahre und der Haltung der verlängerten Adoleszenz rebellierten die Mitglieder der Generation X gegen alle festgelegten, rigiden Modelle. Viele nahmen eine Haltung der Gleichgültigkeit ein, die auch den Grundton für diese Generation setzte. Alles ging, nichts zählte wirklich. Viele sahen idealistische Haltungen als sinn- und nutzlos an. Sie experimentierten mit allem, ohne sich je zu verpflichten, denn jede Verpflichtung musste ja unvermeidlich zu Enttäuschung führen. Manche konnten nur noch aus sicherer Entfernung kommunizieren, per E-mail oder über Fantasie-Identitäten in Chat-Räumen. Dann konnten sie einfach den Computer abschalten oder nicht mehr antworten, wenn irgendjemand sie enttäuschte.
Die wenigen Mitglieder der Generation X, die in die Dharma-Zentren kamen, brachten diese Haltungen oft mit. Viele fanden in sehr großen buddhistischen Organisationen, in denen der Hauptlama nur selten zu Besuch kam, oder gar schon verstorben war, eine ihnen vertraute Atmosphäre. Ein Zentrum fern vom Hauptlama und unter der Ersatzfürsorge weniger qualifizierter Junior-Lehrer erinnerte sie vielleicht unbewusst an ihre Zeit in einer Kindertagesstätte, weit weg von ihren viel beschäftigten Eltern. Wie in der Tagesstätte hatten sie auch im Zentrum das Gefühl, tun und lassen zu können, was immer sie wollten. Da die Hauptlamas sie ja ohnehin ignorieren würden und die anwesenden spirituellen Lehrer nicht ihre wahren Lamas waren, gab es auch keinen Grund, sich für eine tiefe Beziehung zu öffnen.
Diejenigen, die ihr Herz und ihren Geist dennoch öffneten, projizierten aus ihrem Unterbewusstsein häufig Bilder von völlig strukturierten, verlässlichen Menschen auf ihre Hauptlamas. Sie idealisierten sie, aber aus sicherem emotionalen Abstand, und manchmal wurden sie auch fanatisch und engstirnig im Zusammenhang mit strukturierter Praxis. Unfähig ihre eigenen unbewussten Qualitäten zu erkennen und zu integrieren, behielten viele eine Haltung der Gleichgültigkeit auch in anderen Aspekten ihres Lebens bei.
Jede Generation erlebt die Stufen des Erwachsenenalters leicht unterschiedlich, abhängig von der jeweiligen Kultur- und Zeitströmung. Dennoch zeichnet sich die grundlegende Struktur jeder Stufe durch eine spezielle Form ungesunder Beziehungen zu einem spirituellen Lehrer aus. Verschiedene Elemente der Guru-Meditation der Sutra-Ebene zeigen Methoden zur Vermeidung oder Überwindung dieser Gefahren.
Das vorläufige Erwachsenenalter beinhaltet vor allem das Problem der Idealisierung und Romantisierung eines spirituellen Meisters, gepaart mit Unverbindlichkeit und emotionaler Distanz. Wenn Idealisierung und die typisch westliche Form der Verwirrung zusammenwirken, erleben die Schülerinnen und Schüler vor allem ein geringes Selbstwertgefühl als Teil ihrer bewussten Persönlichkeit, was dazu führt, dass sie eine ideale Vollkommenheit projizieren. Romantische Idealisierung eines Mentors – besonders, wenn er auch noch als Buddha gesehen wird – führt häufig zur Übertreibung seiner tatsächlichen guten Qualitäten bis hin zur Erfindung positiver Merkmale, die er überhaupt nicht besitzt. Häufig ist dies verbunden mit einer Leugnung der tatsächlichen Unzulänglichkeiten und Fehler.
Wenn man den Mentor auf ein unerreichbar hohes Podest stellt, kann man ihn aus sicherer emotionaler Distanz vergöttern. Mit anderen Worten, weil sich die Emotion der Vergötterung – ähnlich der romantischen Verliebtheit – auf ein übermenschliches Objekt richtet, wird sie als intensiv und aufregend empfunden. Allerdings fehlt ihr die tiefere, entspannte Intimität, die zustande kommt, wenn man jemanden trotz seiner Fehler akzeptiert. Obwohl auch persönliche Faktoren eine Rolle spielen, kommt emotionale Distanz doch häufig daher, dass man lieber mit einer Fantasiefigur umgeht als mit einem wirklichen Menschen. Schließlich ist die Beziehung zu einer Fantasie der Vollkommenheit sicherer als das Risiko der Enttäuschung einzugehen, wenn man mit einem tatsächlichen Lehrer umgeht, der sowohl starke als auch schwache Seiten hat.
Die Konzentration auf die guten Qualitäten eines Lehrers, wie sie in der Guru-Meditation der Sutra-Ebene zu finden ist, hat nichts mit romantischer Idealisierung zu tun. Die Konzentration gilt den tatsächlichen Qualitäten des Lehrers, ohne zu übertreiben oder etwas hinzuzufügen. Schließlich erkennt sie auch die Fehler des Lehrers, aber ebenfalls ohne sie aufzublasen oder zusätzliche Aspekte dazu zu erfinden. Diese Abwesenheit von Erfindung und Leugnung gilt auch, wenn es darum geht zu erkennen, dass der Mentor als Buddha fungiert oder dass er ein Buddha ist. In beiden Fällen erkennt und bezeichnet die reine Sicht die positiven Merkmale eines Mentors als Buddha-Qualitäten und sieht ihre Grundlage in der Buddhanatur. Das funktioniert, ohne die genaue Einsicht in die konventionellen Vorzüge und Mängel des Lehrers entwerten zu müssen. Kurz, Überzeugung von den tatsächlichen Qualitäten eines Mentors und Wertschätzung seiner Güte helfen, die durch Romantisierung geschaffene Distanz zu verhindern. Sie ermöglichen also eine tiefer gehende emotionale Beziehung.
Um die Probleme der Idealisierung in den Griff zu bekommen, kann es hilfreich sein, die Methoden der Dekonstruktion zu verwenden, die in der Guru-Meditation der Sutra-Ebene in Bezug auf die Unzulänglichkeiten eines Mentors verwendet werden. Nachdem man zu einer realistischen Sicht der schwachen Punkte eines Mentors gelangt ist, vergegenwärtigt man sich seine guten Qualitäten und Güte und versucht, zwischen Projektion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Das Abschälen von Projektionen ist immer ein schwieriges Unterfangen, weil unser Geist sie so erscheinen lässt, als wären sie Tatsachen, und weil wir dieser Erscheinung auch glauben. Der Prozess erfordert einige Erfahrung mit dem Mentor aus erster Hand sowie tiefe Innenschau. Haben wir dann die konventionell falschen Projektionen aufgeklärt und beseitigt, konzentrieren wir uns auf die konventionell korrekten Merkmale als leer von einer Existenz als inhärente Wunder. Und dann sind wir schließlich bereit, sie mit Überzeugung und Wertschätzung zu betrachten.
Ein solcher Prozess kann uns helfen, Klarheit über unseren Mentor zu gewinnen. Ebenso kann dieser Prozess unsere Überzeugung von den Qualitäten unseres Mentors stärken, und zwar indem wir sie als abhängig entstanden begreifen und indem wir das Vertrauen entwickeln, dass auch wir diese Qualitäten erlangen können. Und wenn wir frei sind von Verwirrung, kann eine Tendenz zur Idealisierung sich sogar als Vorteil erweisen. Weil diese Tendenz dazu führt, zu jemandem aufzuschauen, kann sie uns helfen, aus den tatsächlichen Qualitäten und der Güte unseres Mentors Inspiration zu ziehen. Der unbewusste Mechanismus, uns vor bestimmten Emotionen zu schützen, kann uns helfen, eine bewusste Distanz gegenüber allen unreifen Gefühlen einzuhalten oder uns gar nicht erst auf unreife Beziehungen einzulassen. So können wir dem Ratschlag aus der Lojong-Praxis der Kadam-Tradition folgen, potenziell negative Umstände in positive zu verwandeln.
Das charakteristische psychologische Merkmal des ersten Erwachsenenalters ist der Drang, sich zu etablieren. Geht dieser Drang mit Verwirrung, Übertragung und Übertreibung der Qualitäten eines Lehrers einher, kommt es leicht dazu, dass man dauernd zwanghaft seinen Wert beweisen zu müssen glaubt. Man fühlt sich unbewusst gedrängt, etwas zu leisten, um eine urteilende Vaterfigur zufrieden zu stellen und Akzeptanz und Zustimmung zu erfahren.
Wie bei der neurotischen Form des vorläufigen Erwachsenenalters, so schreibt auch diese Störung dem Lehrer frei fantasierte Qualitäten zu. Hier besteht die grundlegende Verblendung darin, dass wir den Lehrer für eine Art Richter halten, der unseren Wert beurteilt. Dieser Irrtum rührt nicht selten daher, dass wir unbewusst die Merkmale des höchsten Richters, Gott, heranziehen, wenn wir zu erkennen versuchen, dass der Mentor ein Buddha ist. Die Auflösung falscher konventioneller Wahrheiten, wie wir sie in der Guru-Meditation üben, kann helfen, das Problem zu lindern. Es ist ebenfalls hilfreich, wenn wir alle Unklarheiten in Bezug auf uns selbst aufklären, zum Beispiel die Vorstellung, wir seien unwürdig. Ist unser Drang, uns zu etablieren, erst einmal von solcher Verwirrung befreit, kann er uns sogar hel-fen, die Inspiration durch den Mentor in Richtung eines wahren Fortschritts auf dem Pfad zu kanalisieren
Die Phase der zweiten Adoleszenz, mit der das zweite Erwachsenenalter beginnt, hat gewöhnlich eine Neubewertung der eigenen bisherigen Verhaltensmuster zur Folge. Wir werfen überholte, nicht mehr funktionierende Faktoren über Bord und experimentieren mit neuen Modellen. Wenn unser Umgang mit unserem spirituellen Mentor ungesunde Züge hatte oder wir gravierende Fehler in seinem Verhalten fanden, ist es leicht möglich, dass wir nicht nur unseren Mentor verlassen, sondern den ganzen spirituellen Pfad gleich mit. Wenn wir die Quellen des Ungesunden in der Beziehung aber korrekt identifizieren, können wir die Fehler korrigieren und über diese Haltungen hinauswachsen.
Während der Phase der Meisterschaft im zweiten Erwachsenenalter bringen Menschen gewöhnlich auch das Erbe ihrer Vergangenheit in neue Synthesen ein. Wenn wir dauernd auf den Fehlern und Unzulänglichkeiten unseres Mentors herumgeritten sind, laufen wir Gefahr, gerade diese negativen Aspekte loyal zu übernehmen und sie an die nächste Generation weiterzugeben. Das geschieht ganz unabhängig davon, ob wir selbst die Beziehung zu unserem Mentor bereits gelöst haben oder nicht. So sind wir vielleicht unaufrichtig gegenüber jüngeren Schülern. Vielleicht geben wir vor, über Qualitäten zu verfügen, die wir überhaupt nicht besitzen.
Darüber hinaus geraten Schüler im zweiten Erwachsenenalter auch leicht in Regression und degenerieren zu früheren Stadien ihres Verhaltens. Sie entwickeln etwa einen intensiven Ehrgeiz, jüngere Praktizierende zu übertreffen und distanzieren sich emotional von jeder Verpflichtung, ihnen Hilfe anzubieten. Wenn wir uns in richtiger Weise auf die guten Qualitäten unseres Mentors konzentriert haben, finden wir vielleicht ganz neue Synthesen, die das ganze positive Erbe unserer Entwicklung enthalten. Den vollen Nutzen aus dieser Phase unseres Lebens können wir ziehen, wenn wir die nächste Generation unterstützen und fördern.
Wenn sie neue Synthesen entdecken, können sich Schüler im zweiten Erwachsenenalter hauptsächlich nach innen oder nach außen wenden, und zwar mit oder ohne die Verwirrungen eines aufgeblähten Ich. Wenden sie sich zum Beispiel nach innen, können sie sich auf die Meditation als Quelle des Glücks konzentrieren, und zwar auf narzisstische oder auf ausgeglichene Weise. Wenden sie sich eher nach außen, können sie vielleicht Befriedigung in der Erfüllung der Bedürfnisse anderer suchen, und wieder ist dies entweder auf erstickende, unterdrückende Weise oder auf eine fördernde, emanzipierende Weise möglich. So können sie zum Beispiel ein Dharma-Zentrum einfach beherrschen oder sie können der nächsten Generation als Ressourcen an Erfahrung und Rat dienen und auf diese Weise etwas für die Weiterentwicklung des Zentrums tun.
In dieser von Skandalen, Kontroversen, Gewalt an Schulen, Aids und anderem Unheil geprägten Zeit neigen die Menschen dazu, allem und jedem von vorneherein zu misstrauen. Das heißt, dass auch Menschen, die einem spirituellen Pfad folgen, ganz natürlich vorsichtig sind und spirituellen Lehrern nicht auf Anhieb vertrauen. Einerseits ist es eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme, einen Lehrer erst einmal eingehend und kritisch zu prüfen, bevor man eine Beziehung aufbaut. Es kann Enttäuschung, Belästigung oder sogar Missbrauch ersparen. Andererseits verhindern morbider Skeptizismus und Paranoia aber auch, dass Menschen die für die Energie und den Unterhalt einer ernsthaften Praxis unerlässliche Inspiration von einem qualifizierten Lehrer empfangen.
Die für das vorläufige Erwachsenenalter typische Zögerlichkeit in der Selbstverpflichtung kann als zusätzliche emotionale Blockade die Öffnung gegenüber einem spirituellen Lehrer in diesen besonders kritischen Zeiten erschweren. Die spirituell Älteren des zweiten Erwachsenenalters können den jüngeren Suchenden aber dabei helfen, ihre Blockaden zu überwinden und Vertrauen zu finden, indem sie selbst Quellen der Inspiration werden.
Um die jüngere Generation inspirieren zu können, müssen die Schüler im zweiten Erwachsenenalter keine Gurus werden. Statt dessen können sie als zweites Vergrößerungsglas dienen, um die Inspiration, die sie selbst von den großen Meistern erhalten haben, in den Brennpunkt zu bringen. Für heutige Anfänger sind viele dieser großen Meister nicht mehr persönlich greifbar, entweder weil sie in ihrem hohen Alter nicht mehr oder kaum noch reisen oder weil sie bereits verstorben sind. Die Schüler im zweiten Erwachsenenalter können sich mit Hilfe der Guru-Meditation der Sutra-Ebene auf die guten Qualitäten dieser Meister konzentrieren, um Inspiration zu finden, und dann können sie das positive Erbe durch ihr eigenes Beispiel weitergeben. Damit verhindern sie, unbewusst negative Eindrücke weiterzuvererben, indem sie spirituellen Narzissmus ausagieren oder ein Dharma-Zentrum auf erdrückende Weise beherrschen.
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