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Eine gesunde Beziehung fördern > Teil 3: Ungesunde Beziehungen zu spirituellen Lehrern
> 15 Angst in der Schüler-Mentor-Beziehung
Beinahe jeder klassische Text über die Schüler-Mentor-Beziehung enthält einen Abschnitt über das Höllenleiden als Folge dessen, was üblicherweise als „Bruch der Guru-Hingabe“ übersetzt wird. Diese Texte gründen sich hauptsächlich auf Ashvaghoshas lebendige Beschreibungen der Schrecken der Höllen, die wiederum einige Passagen aus den Tantras zusammenfassen. Obwohl es hier speziell um die Beziehung zu tantrischen Meistern geht, glauben die meisten tibetischen Autoren, dass es eine gemeinsame Bedeutungsebene auch mit der Beziehung zu Sutra-Meistern gibt.
Für Menschen des Westens findet durch das Studium dieser Belehrung oft ein verheerendes Element der Angst Eingang in die Beziehung zu ihrem spirituellen Meister. Angst vor der Hölle führt ganz schnell zu Sektenmentalität und macht die Menschen empfänglich für den Missbrauch durch skrupellose Lehrer. Sie fürchten sich, gegen unangebrachtes Verhalten zu protestieren oder ihren Lehrer zu verlassen, aus Angst, in der Hölle brennen zu müssen. Um solch ungesunde Beziehungen zu vermeiden, müssen die Lehren sorgfältig studiert werden.
Zuerst müssen wir genau wissen, welche Einstellungen und Verhaltensweisen die Texte meinen, wenn sie davon sprechen, dass sie in die Höllen führen. Denn wenn die Übersetzung „Guru-Hingabe“ uns schon in die Irre geführt hat, wird der zweifelhafte Begriff Bruch der Guru-Hingabe uns nur noch weiter verwirren. Als Nächstes müssen wir das buddhistische Konzept der Höllen verstehen. Und schließlich müssen wir die psychologischen Implikationen der Angst in einem westlichen kulturellen Rahmen verstehen.
Die verheerenden selbstzerstörerischen Handlungen im Zusammenhang mit einem spirituellen Meister fallen in drei Kategorien: (1) Aufbau einer Beziehung zu einem irreführenden Lehrer, (2) Leugnen der guten Qualitäten des eigenen Mentors und verdrehte, antagonistische Ansichten ihm gegenüber und (3) verzerrter Umgang mit dem eigenen korrekt qualifizierten Meister. Verzerrter Umgang steht im Widerspruch zum ersten tantrischen Wurzelgelübde: Den eigenen tantrischen Meister nicht zu verachten oder sich über ihn lustig zu machen. Es beinhaltet auch den Bruch der ersten beiden im Kalachakra-Tantra niedergelegten tantrischen Gelübde: Den Geist des eigenen tantrischen Meisters nicht stören und keinen seiner Anweisungen zuwiderhandeln.
Im Zusammenhang mit dem Bruch der Guru-Hingabe beziehen sich sowohl die verdrehten, antagonistischen Einstellungen im Denken als auch der verzerrte Umgang auf Veränderungen im Verhalten der Schüler gegenüber ihren qualifizierten Mentoren, nachdem sie bereits eine gesunde Schüler-Mentor-Beziehung zu ihnen aufgebaut haben. Es geht nicht um Schüler, die spirituellen Mentoren, die nicht ihre eigenen sind, feindlich gesinnt sind oder sie feindselig behandeln. Genauso wenig bezieht es sich auf andere Menschen, die den eigenen Mentoren gegenüber feindliches Denken oder Handeln an den Tag legen – obwohl man natürlich sagen muss, dass es grundsätzlich destruktiv ist, wenn ein Mensch einem anderen feindseliges Denken und Handeln entgegenbringt.
Ein irreführender Lehrer ist jemand, der von störenden Emotionen wie Gier, Anhaftung, Zorn oder Naivität beherrscht wird, jemand, der vorgibt, bestimmte Qualitäten zu besitzen, die er in Wirklichkeit nicht hat, oder jemand, der seine tatsächlichen Mängel versteckt hält. Darüber hinaus hat ein solcher Mensch einen schwach ausgeprägten Sinn für Ethik, lehrt um des persönlichen Gewinns willen oder gibt falsche Informationen und Unterweisungen. Naive spirituelle Suchende können Fehler solcher Lehrer fälschlicherweise als Werte deuten oder ihnen Qualitäten zuschreiben, die sie überhaupt nicht besitzen. In der Folge entstehen verzerrte Beziehungen, die auf Täuschung und Lüge basieren.
In verdrehten, antagonistischen Einstellungen zu denken ist eine der zehn grundsätzlich destruktiven Handlungen, die der Buddhismus beschreibt, und zieht den Bruch eines der Bodhisattva-Gelübde nach sich. Ein solches Denken bedeutet, etwas Wahres über eine Sache oder einen Menschen zu leugnen oder nicht anzuerkennen, und es beinhaltet den Wunsch, die eigenen vorurteilsbehafteten Meinungen auch anderen mitzuteilen. In diesem Zusammenhang bezieht es sich auf Schüler, die die guten Qualitäten ihrer Meister leugnen oder nicht anerkennen und die planen, falsche Informationen über diese Lehrer zu verbreiten. Diese zerstörerische Art des Denkens geht weit über die bloßen Zweifel an den guten Qualitäten der Mentoren hinaus.
Nach der Erklärung der Prasangika-Madhyamaka-Schule fällt unter das von verdrehten, antagonistischen Einstellungen beeinflusste Denken auch das Ausdenken falscher Tatsachen. Schüler können negative Qualitäten erfinden und auf ihre Mentoren projizieren, die diese objektiv nicht haben.
Nach Tsongkhapas „Großer Darstellung des Stufenpfades“ müssen diese destruktiven Denkstrukturen von fünf weiteren störenden Emotionen und Haltungen motiviert sein: (1) Man muss hartnäckig blind für die tatsächlichen Qualitäten von jemandem sein. (2) Man muss streitsüchtig sein, weil man eine perverse Freude daran hat, sich negativ zu verhalten. (3) Aufgrund von falschen Überlegungen und Analysen muss man von der Verzerrung im Denken überzeugt sein. (4) Man muss gemein sein und es nicht akzeptieren können, dass andere gute Qualitäten haben. (5) Man muss eigensinnig das Ziel verfolgen, den Menschen fertig machen zu wollen, ohne es für falsch zu halten und sich auch nur ein wenig dafür zu schämen.
Sämtliche Gedanken über die tatsächlichen Fehler oder Unzulänglichkeiten des eigenen Mentors gehören also nicht zu den verdrehten, antagonistischen Ansichten. Auch wenn Schüler denken, dass ihr Mentor wohl nicht völlig erleuchtet sein kann, weil er nicht alle Sprachen der Erde beherrscht, fällt das nicht in diesen Bereich destruktiven Denkens. Ebenso wenig gehört die Ansicht dazu, dass es sich bei den tatsächlichen Fehlern und Mängeln des Mentors tatsächlich um konventionelle Fehler und Mängel handelt. Ähnliches gilt, wenn Schüler nicht mit der Meinung ihres traditionellen Mentors übereinstimmen, dass Frauen weniger spirituelle Fähigkeiten haben als Männer. Auch der Entschluss, einen respektvollen Abstand zu einem Mentor zu halten, der andere missbraucht, gehört nicht in die Kategorie destruktiven Handelns.
Andererseits könnte man sich einen Schüler vorstellen, der auf tatsächlichen Fehlern und Unzulänglichkeiten seines Mentors herumreitet und den Wunsch hat, sie öffentlich zu machen. Sein Denken leugnet nicht die tatsächlichen guten Qualitäten des Mentors oder erfindet fiktive schlechte. Darum handelt es sich bei den Gedanken nicht um verdrehte, antagonistische Ansichten. Wenn jedoch irgendeiner der von Tsongkhapa beschriebenen fünf störenden Emotionen das Denken begleitet, dann ist es negativ und schafft Leiden.
Wenn Schüler ihre Mentoren verächtlich oder lächerlich machen, verlieren sie ihre einst respektvolle und wertschätzende Einstellung ihren Lehrern gegenüber und bringen ihnen nur noch Verachtung entgegen. Das selbstzerstörerische Verhalten kann beinhalten, dass sie den Mentoren unrecht tun oder sie lächerlich machen, dass sie absichtlich respektlos oder unhöflich sind oder denken und sagen, dass ihre Lehren nutzlos seien. In „Einer erhellenden Lampe“ gibt Chandrakirti II das Beispiel eines Schülers, der aufgrund der Belehrungen seines Mentors und des sorgfältigen Nachdenkens über sie ein intellektuelles Verständnis der Leerheit gewonnen hatte. Während des ganzen Prozesses war der Schüler von der Qualifikation seines Mentors überzeugt und voller Wertschätzung für seine Güte, die ihn dieses Thema lehren ließ. Später kam der Schüler zu der Ansicht, dass diese Lehren nichts Besonderes seien, und er verachtete seinen Lehrer. Solange der Schüler diese negativen Einstellungen beibehielt, war es ihm unmöglich, ein tiefes Verständnis der Leerheit in der Meditation zu erlangen. In „Geläutertem Gold“ legt der Dritte Dalai Lama dar, dass die Herabsetzung des eigenen Mentors gewöhnlich die Folge eines Herumreitens auf seinen Fehlern ist, seien sie nun echt oder eingebildet.
Den Geist des Mentors zu stören bedeutet, dass Schüler ihren Lehrer beleidigen, indem sie aufgrund störender Emotionen destruktiv sprechen oder handeln und die ganze Zeit nicht einmal daran denken, damit aufzuhören. Destruktive Handlungen beinhalten Töten, Verletzen, Stehlen oder unangemessenes sexuelles Verhalten. Destruktive Rede beinhaltet Lügen, Zwietracht säen, Fluchen oder Schimpfen und eitles Geschwätz. Ob die Schüler die destruktiven Taten oder Worte nun auf ihren Lehrer oder auf andere richten, in jedem Fall missfiele es dem Mentor.
Den Anweisungen des Mentors wird dann zuwidergehandelt, wenn die Schüler im Verborgenen irgendeine der zehn destruktiven Handlungen begehen oder ein Gelübde brechen, nachdem sie spezifische Unterweisungen erhalten haben, dass sie ein solches Verhalten vermeiden müssen. Bei den zehn destruktiven Handlungen kommen zu den eben erwähnten körperlichen und verbalen Handlungen noch die folgenden des Denkens hinzu: Begehrliches Denken, übelwollendes Denken und Denken mit verdrehten, antagonistischen Einstellungen. Die Motivation muss stets eine störende Emotion oder Haltung sein. Die Schüler müssen erkennen, dass ihr Mentor destruktives Verhalten missbilligt, und sie sollten nicht einmal daran denken, so zu handeln. Anders als in der vorherigen Kategorie muss in diesem Fall der Lehrer nicht unbedingt vom Fehlverhalten des Schülers erfahren oder sein Missfallen äußern.
Den Anweisungen des Lehrers wird nicht zuwidergehandelt, wenn ein Schüler sich höflich weigert, destruktiv zu handeln oder seine Gelübde zu brechen, obwohl der Lehrer es von ihm fordert. Auch wenn der Schüler mit respektvoller Entschuldigung etwas nicht tut, was seine Fähigkeiten oder Mittel übersteigt, kann man nicht davon sprechen, dass den Anweisungen des Mentors zuwidergehandelt worden wäre.
Die selbstzerstörerischen Gedanken und Handlungen im Zusammenhang mit dem eigenen Mentor sind also von sehr spezifischer Art, und es erfordert einen äußerst negativen Geist, um sie tatsächlich in vollem Umfang zu begehen. Darüber hinaus müssen selbst in der verdrehten, antagonistischen Denkweise über den Meister, im Herabsetzen seiner Person, im Stören seines Geistes und im Zuwiderhandeln seiner Anweisungen noch vier zusätzliche bindende Faktoren vorhanden sein, bevor vollkommen katastrophale Ergebnisse dabei herauskommen können: (1) Der Schüler muss die negativen Handlungen als unschädlich betrachten, er darf nur Vorteile in ihnen sehen und muss die Handlungen ohne jedes Bedauern ausführen. (2) Nachdem er die negative Gewohnheit angenommen hat, darf er nicht mehr die Absicht haben, die Handlungen jetzt oder in Zukunft zu unterlassen. (3) Er muss Gefallen an den negativen Handlungen finden und sie mit einer perversen Freude genießen. (4) Er darf kein persönliches Ehrgefühl besitzen, muss frei sein von jedem Bedenken, Schande über seine Familie oder seine Lehrer zu bringen, und er darf keinerlei Absicht haben, die von ihm verursachte Selbstzerstörung wieder in Ordnung zu bringen.
Und selbst wenn Schüler das selbstzerstörerische Verhalten ihrem Meister gegenüber umfassend an den Tag gelegt haben, können sie auch dann noch verhindern, die verheerenden Konsequenzen erfahren zu müssen. Das hat Ashvagosha deutlich gezeigt. Die Schüler müssen ihr destruktives Verhalten oder Denken vor ihren Mentoren bekennen, es als Fehler erkennen und sich entschuldigen. Bei der Entschuldigung müssen sie Bedauern – nicht Schuld – über ihr Verhalten verspüren, müssen versprechen, ihr Bestes zu tun, es nicht zu wiederholen, und ihre sichere Ausrichtung im Leben sowie ihre Bodhichitta-Motivation bekräftigen. Um das aus der Beziehung entstandene positive Potenzial zu stärken und die enge Bindung zu bestätigen, müssen die Schüler ihren Mentoren auch noch eine kleine Opfergabe darbringen, als Symbol für Wertschätzung und Respekt. Und selbst wenn der Mentor zwischenzeitlich verstorben sein sollte, können die Schüler dies alles immer noch vor einem Bild ihres Lehrers ausführen, wobei sie sich vorstellen, dass die Lehrer tatsächlich anwesend sind. Westliche Schüler müssen allerdings sorgfältig das Missverständnis vermeiden, dass die Opfergabe an ihren Mentor eine Art Ablass darstellt, mit dem sie sich von ihren Sünden freikaufen können.
Die Bedeutung des Sanskritwortes für Hölle, naraka, ist „freudloser Zustand“. Die tibetische Übersetzung, nyelwa (tib. dmyal-ba), bezeichnet einen Ort, den man nur schwer wieder verlassen kann. Bei dem buddhistischen Konzept einer Hölle handelt es sich also um einen Zustand geistiger und körperlicher Qual, in dem es keinerlei Freude gibt und in dem man sich gefangen fühlt, ohne Hoffnung auf Entkommen. Obwohl die klassischen Texte sehr lebendige Beschreibungen enthalten, ist der springende Punkt der Geisteszustand und das ihn begleitende körperliche Gefühl.
Folgt man einem irreführenden Lehrer, kann man Katastrophen ungesunder Praxis oder spirituellen Missbrauchs erleben, durch die man den ganzen Enthusiasmus für den spirituellen Pfad verliert. Auf diese Weise können aus geistig aufgeschlossenen Suchenden verbitterte Zyniker werden, völlig verschlossen gegenüber jedem weiteren Schritt in Richtung Befreiung und Erleuchtung. Dem freudlosen desillusionierten Geisteszustand solcher Menschen ist nur schwer beizukommen. Er ist eine lebendige Hölle. Wir können das verstehen, indem wir uns die Verletzungen vorstellen, die wir uns in einer ungesunden Beziehung mit einem scheinbar aufrichtigen Partner oder Freund zuziehen können, der unser Vertrauen missbraucht hat. Diese verheerende Erfahrung kann uns so niederschmettern, dass wir uns emotional verschließen und uns vor jeder neuen Beziehung fürchten. Vielleicht leugnen wir sogar den Wert von Beziehungen überhaupt.
Ähnlichen Qualen erleben Schüler, die zuerst von den tatsächlichen Qualitäten ihrer Mentoren überzeugt sind und ihre tatsächliche Güte zu schätzen wissen, die aber dann, aus was für Gründen auch immer, ihre Meinung ändern. Sobald das geschieht, leugnen sie zwanghaft alle Qualitäten und jede Güte ihrer Mentoren, projizieren erfundene Fehler oder reiten auf morbide Weise auf den tatsächlichen Fehlern herum. Vielleicht empfinden sie nur noch Verachtung für ihre Mentoren, handeln aus Boshaftigkeit negativ und brechen ihre Gelübde in der Hoffnung, dass sie ihre Mentoren damit verletzen können.
Ein ähnliches Phänomen kann uns mit unseren echten Freundinnen und Freunden oder liebevollen, gütigen Partnern passieren. Vielleicht kommt es aus tiefen psychologischen Gründen, etwa geringem Selbstwertgefühl und Paranoia, in uns zu einem Sinneswandel. Weil wir uns unwürdig fühlen, Güte oder Liebe zu empfangen, leugnen wir nun die Aufmerksamkeit oder Zuneigung, die wir tatsächlich erfahren haben. Aus Angst, verlassen zu werden, weisen wir die Partnerin oder den Partner ab, um dem Schmerz aus dem Weg zu gehen, später selbst abgewiesen zu werden. Vielleicht versuchen wir sogar, unseren Partner zu verletzen oder ihn dazu zu zwingen, uns zu verlassen, indem wir uns fürchterlich aufführen oder sogar ein Verhältnis anfangen.
Ein solcher Geisteszustand ist wirklich eine Qual. Er schafft eine persönliche Hölle, die völlig freudlos ist und der man nur schwer entfliehen kann. Er kann sogar unser Immunsystem schwächen und so eine Krankheit auslösen oder eine schon bestehende verschlimmern. Nach den buddhistischen Erklärungen von Karma werden die Ergebnisse der meisten negativen Handlungen erst in einem zukünftigen Leben manifest. Wenn jemand allerdings eine äußerst destruktive Tat gegen einen Menschen richtet, der außerordentlich gute Qualitäten besitzt oder besonders gütig ist, können die Ergebnisse auch schon in diesem Leben reifen. Die höllischen Konsequenzen verdrehten und antagonistischen Denkens und Handelns gegenüber unseren Mentoren werden häufig schon kurz nach der Tat sichtbar.
Weil es vielen spirituellen Suchenden des Westens an Klarheit fehlt, welche Gedanken und Handlungen zu höllischen Ergebnissen führen, fürchten sie sich stets davor, etwas zu tun, was in die Katastrophe führen könnte. So mögen sie zum Beispiel tatsächliche Fehler in ihren Mentoren erkennen, etwa Fehleinschätzungen, missbräuchliches Verhalten oder Verstrickung in spirituelle Machtpolitik. Sie denken aber, jede Handlung ihrer Mentoren müsse makellos sein, weil sie Mentoren für voll erleuchtete Wesen halten.
Wenn Schüler das Konzept der Guru-Hingabe und die Aufforderung, den Guru als Buddha zu sehen, falsch verstehen, kann das wie eine Gehirnwäsche wirken und sie glauben, sie müssten die Wahrheit leugnen. Dieser Konflikt führt unvermeidlich zu Ängsten und Verspannungen. Sie haben Angst, von ihren Dharma-Freunden zurechtgewiesen zu werden, wenn sie etwas ansprechen, was sie am Lehrer des Dharma-Zentrums stört oder was ihnen nicht richtig erscheint. Folglich sprechen sie nicht über die Fehler, die sie sehen, weil sie fürchten, als schlechte Schüler und als Häretiker gebrandmarkt zu werden, die in der Hölle schmoren werden.
Außerdem fühlen sich manche Schüler schuldig, wenn sie auch nur für einen Augenblick anzweifeln, dass ihr Mentor wirklich ein erleuchtetes Wesen ist. Es ist typisch für Suchende im Westen, dass sie das Gefühl haben, es sei etwas mit ihnen nicht in Ordnung, wenn sie die Allwissenheit ihres Mentors in Frage stellten. Auf diese Weise verstärkt die Furcht vor Bestrafung das westliche Gefühl von inhärenter Schuld und Unzulänglichkeit sowie ein geringes Selbstwertgefühl. Zusätzlich wird das Schuldgefühl noch durch ein Gefühl der Hilflosigkeit vergrößert, denn laut Bibel währt die Hölle ewig und es gibt keinen Ausweg.
Nach den buddhistischen Lehren führen ausschließlich spezifische, äußerst negative gegen einen Mentor gerichtete Gedanken und Handlungen in einen höllischen Geisteszustand. Und gleichgültig wie schrecklich – kein höllischer Zustand währt ewig. Durch Bedauern und offenes Bekennen der eigenen Fehler können Schüler eine qualvolle spirituelle Katastrophe vermeiden oder von ihr genesen. Trotzdem stellen viele westliche Schüler den Nutzen einer Kontemplation der höllischen Konsequenzen eines verzerrten Umgangs mit dem spirituellen Mentor in Frage. Dabei gehört diese Kontemplation bei der Guru-Meditation der Sutra-Ebene standardmäßig zu den vorbereitenden Schritten.
Wie bereits erklärt, leitet sich die westliche Ethik vom Glauben an von Gott oder der weltlichen Obrigkeit erlassene Gesetze ab. Gehorsam gegenüber dem Gesetz definiert jemanden als guten, der Belohnung würdigen Menschen oder Bürger. Ungehorsam hingegen macht den Menschen schlecht, und er verdient Bestrafung. Daher sehen viele Suchende des Westens die Diskussion von Höllen unbewusst als Beschreibung der Strafe dafür, dass die Regeln blinder Guru-Hingabe nicht eingehalten wurden.
In der buddhistischen Ethik geht es niemals um Gehorsam und moralische Urteile. Menschen erschaffen ihr eigenes Leiden, wenn sie – motiviert von Begehren, Anhaftung, Wut oder Naivität – destruktiv handeln. Wenn sie sich der Auswirkungen negativen Verhaltens erst einmal bewusst geworden sind und die Erfahrung weiteren Leids verhindern wollen, müssen sie versuchen, diese Art des Handelns künftig zu vermeiden. Die Beschreibungen der Höllen in buddhistischen Texten sind also nicht dazu gedacht, Schuldgefühle zu erzeugen oder Menschen mit geringer Selbstachtung zum Gehorsam zu scheuchen. Die Beschreibungen sollen die Menschen lediglich mit den Konsequenzen selbstzerstörerischen Handelns vertraut machen.
Bei der ganzen Diskussion muss man aber auch die Eigenheiten traditioneller Tibeter berücksichtigen. Die meisten von ihnen leiden nicht gerade unter geringem Selbstwertgefühl. Die Beschreibungen der Höllen bringen sie also nicht dazu, sich schuldig zu fühlen oder bei dem Gedanken, heilige Gesetze zu missachten, panisch zu erschrecken. Die Unterweisungen über die Höllen können sie aber dazu bringen, ihr arrogantes, ungezügeltes Verhalten ein wenig einzuschränken. Menschen des Westens können von ihrem Beispiel lernen.
Moderne spirituelle Suchende des Westens lehnen die Idee göttlicher Bestrafung gewöhnlich ab, trotzdem werden noch viele von Schuldgefühlen und einem geringen Selbstwertgefühl geplagt. Wenn sie sich nicht vor einem Bruch der Guru-Hingabe fürchten, kompensieren sie ihr schlechtes Selbstwertgefühl häufig durch ungezügelte Arroganz. So werfen sie einem Lehrer infolge eines Prozesses von Übertragung und Regression dreist überholtes, rückwärts gewandtes Denken vor, wenn er etwas lehrt, das ihnen nicht gefällt, zum Beispiel Einzelheiten über das Leiden in den Höllen. Wie Heranwachsende, die sich ihren Eltern überlegen fühlen, sind solche Schüler hochmütig und haben das Gefühl, die Aussagen der westlichen Wissenschaft seien viel besser als der primitive tibetische Aberglaube, der ja doch nur Benzin ins Feuer der Schuldgefühle und der geringen Selbstwertgefühle gieße.
Denken wir auf diese Weise, täten wir besser daran, uns mit der psychologischen Wahrheit der höllischen Zustände zu befassen, die durch Verzerrung der Schüler-Mentor-Beziehung hervorgerufen werden. Wenn wir diese qualvollen Zustände vermeiden wollen, müssen wir ein korrektes Verständnis der Lehren über die gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor gewinnen.
Heutzutage herrscht viel Verwirrung über Dharma-Schützer und Tulku-Kandidaten. Ein großer Meister unterstützt die eine Meinung, ein anderer die gegenteilige. Viele der Probleme, die westliche Schüler mit diesen Kontroversen haben, sind auf ihren Mangel an Klarheit über die Lehren und auf ungesunde Beziehungen zu ihren spirituellen Mentoren zurückzuführen, die wiederum aus dieser Unklarheit entstanden. So sind viele Schüler der festen Überzeugung, sie müssten die Meinung ihres Lehrers loyal unterstützen, aus lauter Angst, andernfalls einen Bruch der Guru-Hingabe zu begehen. Sie würden ihren Mentor dann nicht mehr als Buddha sehen und folglich in der Hölle schmoren.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir während unserer ganzen Beziehung zu einem spirituellen Mentor unser unterscheidendes Gewahrsein und unseren gesunden Menschenverstand aufrechterhalten müssen. Wenn wir in einigen Punkten nicht mit unserem Lehrer übereinstimmen, bedeutet das ja nicht, dass wir nicht mehr an die grundlegenden guten Qualitäten unseres Mentors glauben. Es heißt auch nicht, dass wir die Lehre aufgegeben hätten, ein Mentor sei von unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachtet sowohl ein gewöhnlicher Mensch als auch ein Buddha. Was die problematische Kontroverse angeht, müssen wir zu einer eigenen Schlussfolgerung gelangen. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie wir das entscheiden können.
Im Falle von Meditationserfahrungen kann mehr als ein Gesichtspunkt richtig sein. So unterscheiden sich zum Beispiel Kedrubje, Gyaltsabje und Kedrub Norzang-Gyatso, drei Gelug-Meister von gleicher Gelehrsamkeit, in ihrer Meinung, wie viele subtile Energietropfen man im zentralen Energiekanal stapeln müsse, um den Pfad des Sehens zu erreichen – den Zustand, in dem man die nicht-konzeptuelle Erfahrung von Leerheit macht. Jede ihrer Beschreibungen ist auf der Grundlage persönlicher Meditationserfahrung richtig. Aber mit Sicherheit hat nicht jeder Schüler der drei Meister die gleichen Meditationserfahrungen gemacht wie sein Meister.
In anderen Fällen kann eine Seite objektiv unrecht haben, unabhängig vom Standpunkt und von der persönlichen Meditationserfahrung. Schüler können aber nur auf der Basis vertieften Studiums und verbesserten Geschicks in der Logik zu einer richtigen Schlussfolgerung gelangen. Wie dem auch sei, ob es nun zutrifft, dass ein kontroverser Schützer ein Buddha ist oder dass ein bestimmter Kandidat die echte Inkarnation eines Lamas ist oder nicht, es gibt keinerlei Grund, die jeweils andere Seite zu diskreditieren.
Mit gültiger Meditationserfahrung und Logik lassen sich bestimmte Fragen entscheiden, zum Beispiel, ob die Leerheitssicht der Chittamatra-Schule alle Hindernisse zur Befreiung und Erleuchtung beseitigen kann oder nicht. Äußerst verborgene Fragen wie Karma und Wiedergeburt lassen sich damit jedoch nicht entscheiden. In diesen Fällen empfiehlt Dharmakirti in seinem „Kommentar zu [Dignagas ‚Kompendium] gültig wahrnehmenden Geistes’“, muss man sich auf gültige Informationsquellen verlassen. Er argumentiert folgendermaßen: Erfahrung und Logik können alles bewerten, was der Buddha über offensichtliche und verborgene Phänomene wie Konzentration und Leerheit erklärt hat. Die einzige Motivation des Buddha zu lehren war sein Mitgefühl für andere, der Wunsch, dass sie Leid vermeiden mögen. Diese Motivation war ausreichend ernsthaft und stark, so dass er selbst die feinsten Eindrücke von Verwirrung überwinden konnte. Deshalb kann man sicher sein, dass der Buddha eine gültige Informationsquelle darstellt. Daher ist auch alles gültig, was der Buddha über äußerst verborgene Phänomene erklärte.
Wenn Schüler sich aber einzig auf gültige Informationsquellen stützen, um kontroverse Themen zu entscheiden, können sie in den buddhistischen Schriften und den gesammelten Werken der großen Meister Abschnitte finden, um so gut wie alles zu rechtfertigen. Wenn die Schüler jetzt auch noch Ermächtigungen von tantrischen Meistern beider Seiten der Kontroverse erhalten haben und sie als allwissende Buddhas und damit als gültige Informationsquellen gesehen haben, können sie überhaupt nicht mehr entscheiden, wer denn nun recht hat.
In „Einer Lampe für die definitive Bedeutung“, sagt Kongtrül Rinpoche, dass tantrische Meister, die die Übertragung ihrer Linie halten, keiner weiteren Überprüfung mehr bedürfen. Suchende können ihrer Gültigkeit als qualifizierte Mentoren vertrauen, weil die Übertragung einer Linie zu halten bedeutet, die authentischen Lehren zu verstehen und zu verkörpern. In manchen Fällen können aber auf beiden Seiten einer Kontroverse Linienhalter sein. Also hilft uns auch Kongtrüls Kriterium hier nicht weiter.
Buddha hat in vier Richtlinien gelehrt, auf was man sich verlassen sollte: (1) Verlasse dich nicht auf den Ruhm oder die Reputation eines Lehrers, sondern auf das, was er zu sagen hat. (2) Verlasse dich nicht auf die Eloquenz seiner Worte, sondern auf ihre Bedeutung. (3) Verlasse dich nicht auf die interpretierbare Bedeutung der Worte, die tiefer führen soll, sondern auf die definitive Bedeutung, zu der die Worte führen sollen. (4) Um die definitive Bedeutung auszumachen, verlasse dich nicht auf die gewöhnlichen Ebenen des Geists, sondern auf das tiefe Gewahrsein, das keine widersprüchlichen Erscheinungen hervorbringt.
Das bedeutet nicht, dass man sich auf das tiefe Gewahrsein dessen, was endgültig wahr ist, verlässt, um die Richtigkeit einer Aussage festzustellen, bei der es um das geht, was konventionell wahr ist. Ein Geist, der gültig die tiefste Wahrheit etwas erkennt, kann lediglich die Gültigkeit der Erscheinungs weise eines konventionellen Phänomens bestätigen. Man braucht einen Geist, der die konventionelle Wahrheit eines Phänomens erkennt, um die Gültigkeit dessen zu bestätigen, was konventionell ist.
Die endgültige tiefste Wahrheit eines Phänomens ist seine Existenzweise im Sinne von entweder Leerheit oder dem Geist Klaren Lichts. Sämtliche Phänomene existieren als Erscheinungen des Geistes Klaren Lichts im Rahmen der Leerheit. Wenn man also etwas vom Ergebnisstandpunkt eines Buddhas her erklärt, dann ist nicht nur ein spezieller Schützer oder ein spezieller Tulku-Kandidat eine Emanation des erleuchteten Geistes Klaren Lichts, sondern sämtliche Wesen existieren auf diese Weise. Darum kann die Argumentation vom endgültigen oder tiefsten Gesichtspunkt aus die Frage nach der konventionellen Identität eines Schützers oder eines Kandidaten nicht beantworten.
Dharmakirti gab noch ein weiteres Kriterium, das bei der Lösung des Dilemmas vielleicht hilfreicher ist und Ängste vor einem möglichen Bruch der Guru-Hingabe wirksamer zerstreuen kann. Wenn der Buddha in seinen Lehren einen Punkt immer wieder betont, müssen alle seine Schüler ihn als seine wahre Absicht ernst nehmen. Wenn hingegen ein Punkt nur in gewissen dunklen Texten erscheint, bedarf er entweder der Interpretation, oder er ist nur für ganz bestimmte Menschen gedacht und nicht für die allgemeine Öffentlichkeit.
In allen seinen Lehren hat der Buddha stets betont, dass spirituelle Suchende sich auf die Zuflucht (sichere Ausrichtung) zu den Drei Juwelen und auf die Ansammlung konstruktiven Karmas stützen müssen, um sich vor Leid zu schützen. So gut wie nirgends hat der Buddha empfohlen, dass Suchende ihr Leben Dharma-Schützern anvertrauen oder sich auch nur auf sie verlassen sollen. In Situationen, in denen man ein Problem nicht entscheiden kann, zum Beispiel die Frage, ob ein spezieller Dharma-Schützer ein erleuchtetes Wesen ist oder nicht, ist es am besten, Abstand zu halten und keine Meinung zu haben. Das Thema Dharma-Schützer ist für die Praxis zum Erlangen der Erleuchtung nicht wirklich wichtig. Am wichtigsten ist es, sich an die Hauptlehren des Buddha über sichere Ausrichtung und Karma zu halten.
Der gleiche Rat gilt auch für die Frage, welchen von mehreren Kandidaten man als Reinkarnation eines großen Meisters akzeptieren soll. Der Buddha sprach wiederholt von der Notwendigkeit, dass ein spiritueller Mentor über Gelehrsamkeit, Verwirklichung und ein gutes Herz verfügt. Über die Wichtigkeit eines bestimmten Titels oder Besitzes hat er nicht gesprochen. Streitereien im Zusammenhang mit Tulku-Kandidaten hat es in der tibetischen Geschichte immer wieder gegeben, zum Beispiel bei dem Sechsten Dalai Lama und der Wiedergeburt des Drugpa-Kagyü-Meisters Pema-karpo. Es gibt keine Möglichkeit, diese Fragen rational zu lösen. Am besten erweist man beiden Kandidaten großen Respekt, bleibt gleichmütig gegenüber ihrer Identität und lässt die Lamas die Streitereien über die Hierarchie und den Klosterbesitz allein austragen. Das einzige angemessene Interesse eines Schülers kann nur darin liegen, Unterweisungen von den Kandidaten zu erhalten, sobald sie entsprechend qualifiziert sind. Welchen Titel und Besitz jeder der Kandidaten hat, ist ohne Einfluss auf die Qualität seiner Belehrungen.
Der Buddha hat die Gesetze von Karma nicht erschaffen; er hat auch niemandem verboten, destruktiv zu handeln. In seinen Unterweisungen über Karma und ethische Disziplin hat er lediglich dargestellt, welche Handlungen verheerende Folgen haben, für uns selbst, und – entweder direkt oder indirekt – auch für andere. Jeder Mensch muss sein eigenes unterscheidendes Gewahrsein benutzen und selbst entscheiden, wie er handeln will. In diesem Zusammenhang hat der Buddha unterschieden zwischen Handlungen, die natürlich destruktiv sind, wie etwa das Töten, und Handlungen, deren Vermeidung nur einer bestimmten Gruppe von Menschen zu einem ganz besonderen Zweck empfohlen wird. Ein Beispiel dafür ist die Regel, dass Ordinierte nach Mittag nicht mehr essen sollen, weil sonst die Klarheit ihres Geistes für die Meditation am Abend und in der Frühe eingeschränkt würde.
Nun wollen wir zwei Beispiele von Handlungen untersuchen, die nicht natürlich destruktiv sind, sondern deren Vermeidung der Buddha bestimmten Gruppen zu einem ganz besonderen Zweck empfohlen hat. Die zu meidenden Handlungen sind: (1) Mönche und Nonnen in der Gemeinschaft der buddhistischen Ordinierten als Gleiche zu behandeln und (2) sich homosexuell zu betätigen als buddhistisch Praktizierende, die das Gelübde abgelegt haben, unheilsames sexuelles Verhalten zu vermeiden. Wenn traditionelle Mentoren mit der Autorität der Lehren des Buddha betonen, dass diese Handlungen für Mitglieder der betroffenen Gruppen Probleme nach sich ziehen, können westliche Schülerinnen und Schüler das häufig nur schwer akzeptieren. Trotzdem wissen sie nicht, wie sie reagieren sollen. Sie fürchten, einen Bruch der Guru-Hingabe zu begehen, wenn sie anderer Meinung sind als ihr Lehrer und auf der Gleichberechtigung von Frauen oder Homosexuellen bestehen. Um den Konflikt zu lösen, müssen sie Sinn und Zweck verstehen, die dem Rat des Buddha zugrunde liegen.
Als der Buddha seine Ordensgemeinschaft aufbaute, zögerte er zuerst, auch Nonnen zuzulassen. Weil er ein so starkes Mitgefühl für alle Wesen hatte, war es ihm sehr wichtig, dass die Gesellschaft die Methoden, die er zur Beseitigung des Leidens lehrte, nicht in ein schlechtes Licht rücken oder gar ablehnen konnte. Die indische Gesellschaft seiner Zeit hätte aber unvermeidlich sexuelles Fehlverhalten unterstellt, wenn seine Ordensgemeinschaft aus Mönchen und Nonnen bestanden hätte, die frei hätten miteinander umgehen können und gleiche Behandlung erfahren hätten. Daneben verfügten auch viele der Mönche nicht über die Reife, auf nicht-sexistische Weise mit Frauen umzugehen. Um also Respektlosigkeit und Ärger gegenüber seiner Gemeinschaft und den daraus folgenden Misskredit gegenüber seinen Lehren abzuwenden, gründete er die Gemeinschaft der Nonnen als eigenständige Institution, welche der Institution der Mönche unterstellt war. Zusätzlich formulierte er einige zusätzliche Gelübde für die Nonnen, um sicherzustellen, dass die monastische Ethik über jeden Verdacht erhaben blieb. Die Ordensgemeinschaft hat sich bis zum heutigen Tag an diese Vorgaben gehalten.
Unter der Kushan-Regierung im Kashmir des dritten Jahrhunderts kam die indische Gesellschaft massiv mit der persischen Kultur in Kontakt. Die Gebräuche der Perser jener Zeit unterschieden sich beträchtlich von den indischen, besonders was das allgemein akzeptierte Sexualverhalten anging. Der Vorgabe des Buddha folgend, dass Respekt für seine Gemeinschaft immer auch Respekt für seine Lehren nach sich zog, erweiterte Vasubandhu die traditionelle Liste unpassender Formen des Sexualverhaltens. Er fügte sexuelle Praktiken hinzu, welche die indische Gesellschaft seiner Zeit für fremdartig und „unzivilisiert“ hielt, wie etwa Inzest und Homosexualität.
Ob und in welchem Ausmaß die allgemeine indische Bevölkerung und besonders die indischen Buddhisten diese Sexualpraktiken auch schon vor dem Kontakt mit der persischen Kultur praktizierten, steht hier nicht zur Debatte. Es geht darum, dass Vasubandhu sich gegen diese Formen des Sexualverhaltens aussprach, um Ansehen und Ehrbarkeit der buddhistischen Gemeinde und ihrer Lehren zu verbessern. In der buddhistischen Ethik ging es schließlich schon immer darum, Handlungen zu vermeiden, die Probleme verursachen; und die Billigung oder gar Ausübung sexueller Bräuche, die von der Gesellschaft als unkultiviert angesehen wurden, hätte mit Sicherheit zu Streit und Ärger geführt. Und da sowohl der chinesische als auch der tibetische Buddhismus die Praxis ethischer Selbstdisziplin auf die Schriften Vasubandhus gründen, steht in ihren Übertragungslinien die Homosexualität immer noch auf der Liste des unangebrachten Sexualverhaltens.
Der Buddha hat aber auch klar gemacht, dass seine Gemeinschaft kleinere Regeln der Disziplin, das heißt Handlungen, die nur für bestimmte Gruppen aus bestimmten Gründen gelten, in Zukunft durchaus ändern kann. Um eine Regel zu ändern, müsste ein Konzil ordinierter Älterer die Angelegenheit sorgfältig beraten und zu einem Konsens gelangen. Die modernen Gesellschaften des Westens missbilligen die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen. Wenn die buddhistischen Gepflogenheiten diese Vorurteile für rechtens halten, könnte dies die buddhistische Gemeinschaft in der Gesellschaft in Verruf bringen, und damit wären auch die Lehren des Buddha diskreditiert. Um also der Vorgabe des Buddha gerecht zu werden und Streit und Ärger zu vermeiden, müsste ein Konzil von Älteren die Angelegenheit neu bewerten. Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama unterstützt die Einberufung eines solchen Konzils, obwohl es, wie er zugab, nicht leicht sein wird, einen Konsens zu finden.
Die Angelegenheit ist also nicht offiziell geklärt. Deshalb haben die meisten buddhistischen Meister, die ja für die kontinuierliche Reinheit ihrer jeweiligen Linien verantwortlich sind, das Gefühl, dass sie die traditionellen Lehren bewahren müssen. Und es wäre in ihrer Position auch unverantwortlich, wenn sie weniger täten. Aber selbst wenn unser Mentor sich auch so verhält, ist es immer noch kein Bruch der Guru-Hingabe, wenn wir anderer Meinung sind. Zu einem Bruch kommt es nur, wenn unsere gegenteilige Meinung zu der verdrehten, antagonistischen Sichtweise entartet, unser Mentor sei ein intoleranter Reaktionär.
Westliche Anhänger und Schüler, die aufgrund solcher Fragen verwirrt oder ungeduldig sind, müssen verstehen, dass der Buddhismus keine Autoritätsreligion ist. Keine Einzelperson hat das Recht oder die Autorität, die Lehren zu verändern – weder das Oberhaupt einer Linie noch irgendein anderer spiritueller Mentor. Darum ist es einfach unangebracht, die Zustimmung eines traditionellen tibetischen Lamas einholen zu wollen, wenn es um die Stellung der Frau oder die eigene sexuelle Orientierung geht. Jeder Mensch muss versuchen, die der buddhistischen Ethik zugrunde liegenden Prinzipien zu verstehen. Dann müssen wir unser Unterscheidungsvermögen einsetzen, um zu entscheiden, wie man Probleme und Ärger am besten vermeidet.
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