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Eine gesunde Beziehung fördern > Teil 3: Ungesunde Beziehungen zu spirituellen Lehrern
> 14 Übertragung und Regression
Übertragung und Regression kommen in den meisten menschlichen Beziehungen vor. In der klassischen Psychoanalyse nach Freud, beschrieben von Menninger in „Theorie der psychoanalytischen Technik“, werden sie als Werkzeuge genutzt. Der Patient liegt auf einer Couch, der Analytiker sitzt hinter ihm, außerhalb seines Blickfeldes, ein wenig wie ein Elternteil, der für ein Baby in der Wiege unsichtbar ist. Der Patient öffnet sich dem Analytiker, der aber seinerseits die meiste Zeit still bleibt und nicht reagiert. Der Patient fühlt sich frustriert und überträgt auf den Analytiker das Bild eines Elternteils oder sonst einer schwierigen Figur aus seiner Kindheit, die ihm nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hat. Der Patient wünscht sich Hilfe, da er sie aber nicht bekommt, regrediert er in kindliche Verhaltensmuster.
Die Regression verläuft gewöhnlich in Stufen. Der Patient hat gehorsam den Anweisungen des Analytikers entsprochen und seine innersten Gedanken und Gefühle enthüllt. Dennoch hat er es scheinbar nicht geschafft, den Analytiker zufrieden zu stellen. Er hat keine Belohnung dafür erhalten, dass er ein „braver“ Patient war. Das dem Patienten scheinbar verweigerte Objekt regrediert von Hilfe zu Aufmerksamkeit, zu Anerkennung, zu Zustimmung, zu Liebe, zu Zuneigung. Das Gefühl regrediert von Wollen zu Begehren, zu absoluter Forderung, zu Verlangen. Die Frustration darüber, das begehrte Objekt nicht zu erhalten, regrediert auf ähnliche Weise von Ärger zu blinder Wut.
Die Wut des Patienten kann überkochen und zu einer Art infantilem wütenden Trotzanfall werden. Offensichtlich wird er vom Analytiker nicht geliebt. Der Patient wünscht die Schwachstelle des Analytikers zu finden, um ihn zu verletzen. Es ist möglich, dass er nicht nur das Bild eines lieblosen Elternteils auf den Analytiker überträgt, sondern auch das Bild eines teilnahmslosen Partners. Folglich versucht der Patient, mit dem Analytiker zu flirten, ihn zu verführen. Wenn er zurückgewiesen wird, verursacht er einen Skandal, indem er behauptet, der Analytiker habe versucht ihn zu verführen. Übertragung und Regression können äußerst facettenreich sein.
Bestenfalls erreicht der Patient irgendwann eine Krise und lässt die kindische Wut hinter sich. Er erkennt, dass der Ausdruck seines Schmerzes und seiner Wut nicht automatisch dazu führt, als „böses“ Kind gebrandmarkt und verlassen zu werden. Der Analytiker agiert stets mit der gleichen Stabilität und Ruhe, die die gesamte Beziehung auszeichnen. Langsam aber sicher lernt der Patient, vernünftige Erwartungen zu haben, und findet Wege, wie andere sie erfüllen können. Der Patient wird zu einem reifen Erwachsenen.
Im Sinne des post-freudianischen Gebrauchs ist die Regression in eine frühe Lebensphase nicht in jedem Falle degenerativ; sie kann auch eine Verbesserung darstellen. Jemand kann in ein kindisches, unreifes Verhaltensmuster regredieren, wie Freud es beschrieben hat. Es kann sich aber auch um eine geistig offene, unschuldig kindliche Art des spielerischen Umgangs mit der Welt handeln. Eine solch positive Regression geschieht idealerweise in einer gesunden Schüler-Mentor-Beziehung. Das Beispiel des Lehrers inspiriert den Schüler, rigide Denk- und Verhaltensmuster abzulegen, die ohnehin nur Leiden schaffen. Degenerative Regression und Übertragung jedoch kommen besonders häufig in ungesunden Schüler-Mentor-Beziehungen vor, besonders wenn der Mentor nicht so reagiert, wie der Schüler es gerne hätte.
Ein Schüler mag den Lehren seines Mentors gehorsam folgen und versuchen, ihn mit Opfergaben, Dienstleistungen und seiner Praxis zufrieden zu stellen. Der Mentor jedoch bleibt völlig ungerührt – nach den Worten des Kadam-Geshes Sharawa gleicht er einem Tiger, der Gras anschaut. Der Mentor mag mit vielen anderen Schülerinnen und Schülern beschäftigt sein, häufig reisen und nur wenig oder gar keine Zeit für persönliche Aufmerksamkeit gegenüber jedem seiner Schüler haben. Ein Schüler, der zu übertriebener Abhängigkeit, Unterwerfung oder Rebellion neigt, kann von diesen Umständen psychologisch überfordert sein.
Wenn wir uns selbst in solchen Situationen finden, können wir leicht in eine degenerative Regression fallen. Vielleicht projizieren wir das Bild eines unaufmerksamen Elternteils oder eines teilnahmslosen Liebespartners auf unsere Lehrerin oder unseren Lehrer. Wir möchten, begehren, ja verlangen vielleicht sogar Anerkennung, Aufmerksamkeit, Hilfe, Liebe, Lob und Zuneigung. In unserer Erwartung frustriert, fühlen wir uns ärgerlich und wütend, vielleicht aber auch schuldig. Wegen unserer niedrigen Selbstachtung trauen wir uns nicht, unseren Zorn zum Ausdruck zu bringen, um nicht als „schlechte“ Schüler gebrandmarkt und abgelehnt zu werden. Noch schlimmer ist es, wenn wir schreckliche Angst haben, dass unsere Gefühle einen „Bruch der Guru-Hingabe“ darstellen und wir folglich in der Hölle brennen werden, wie viele buddhistische Texte sagen. Dabei ist die tatsächliche, lebendige Hölle eigentlich in uns, wenn wir darum kämpfen, Frustration, Wut und Schuldgefühle zu unterdrücken. Buddhistisch gesprochen ist eine Hölle kein Ort, wo man für Ungehorsam bestraft wird, sondern die Erfahrung einer Qual, geschaffen von unseren eigenen verwirrten, destruktiven Gedanken und Handlungen.
Die Unterweisungen des Fünften Dalai Lama zur Guru-Meditation können uns helfen, Probleme mit Regression und Übertragung zu lösen. Wenn wir in dem höllengleichen Geisteszustand gefangen sind, den dieses Verhalten erschafft, müssen wir zuerst einmal erkennen, dass es erlaubt und sogar unbedingt nötig ist, unsere Angst und Schuldgefühle unserem Lehrer gegenüber abzulegen. Angst und Schuldgefühle helfen niemandem. Haben wir erst einmal unsere emotionalen Verspannungen gelöst. Etwa mit Hilfe der Meditationsmethoden zur Beruhigung des Geistes, können wir die störenden Gefühle zulassen und versuchen, sie zu begreifen. Dann können wir uns fragen: „Woher kommen diese Gefühle? Was will ich eigentlich wirklich sagen?“ Die Situation bietet uns eine ausgezeichnete Möglichkeit, mehr über uns selbst zu lernen.
Wenn wir das Phänomen der Übertragung und der degenerativen Regression erkennen, müssen wir uns als Nächstes die Fehler ins Bewusstsein rufen, die wir in unserem Mentor erkennen. Dann müssen wir zwischen dem tatsächlichen Verhalten unseres Lehrers und den auf ihn projizierten Bildern unbefriedigender Eltern oder enttäuschender Liebespartner unterscheiden. Indem wir unsere Frustration anerkennen, müssen wir begreifen, dass die Unzugänglichkeit unseres Mentors von Ursachen und Umständen abhängt, etwa der Tatsache, dass er viele Verantwortlichkeiten hat. Der Mangel an Aufmerksamkeit, den wir erfahren ist keine Ablehnung und bedeutet nicht, dass wir schlechte Schülerinnen oder Schüler sind. Unsere Schuldgefühle bestätigen oder beweisen auf keinen Fall unsere inhärente Unzulänglichkeit.
So können wir uns zu den Wurzeln unserer zornigen Frustration vorgraben und die Verwirrung beseitigen, die sie erzeugen – mit anderen Worten, wir meditieren über Leerheit und abhängiges Entstehen. Auf diese Weise kommen wir zu tragfähigeren Ergebnissen, als wenn wir uns vom Zorn befreien wollten, indem wir ihm freien Lauf lassen. Unterdrücktem Zorn freien Lauf zu lassen verstärkt einfach die Gewohnheit des Zorns. In den meisten Fällen braucht die Meditation über die Leerheit zorniger Frustration etliche Wiederholungen und viel Vertiefung, bevor sie die Intensität und Häufigkeit des Problems vermindern kann. Resultate stellen sich stets nur auf nichtlineare Weise ein und Wunderheilungen sind äußerst selten.
Ein weiterer Grund für Übertragung und degenerative Regression ist wohl kulturspezifisch. Vom Standpunkt der westlichen Kultur ist das Universum gerecht und fair, entweder weil Gott sein Schöpfer und Lenker ist oder weil wir an eine geregelte Gesetzgebung gewöhnt sind. Wenn wir also den Anweisungen unserer Mentoren gefolgt sind und gewissenhaft praktiziert haben, glauben wir, uns das Recht auf Anerkennung und Lob verdient zu haben. Wenn unsere Mentoren uns dann aber nicht geben, was wir gerechterweise verdient zu haben glauben, finden wir, dass sie uns unfair behandeln. Das kann dazu führen, dass wir uns frustriert und verletzt fühlen und sogar in Zorn geraten. Vielleicht regredieren wir zu den Gefühlen eines kleinen Kindes, das schreit, wie unfair es sei, dass es jetzt nicht länger aufbleiben dürfe, obwohl es seine Hausaufgaben alle erledigt hat.
Nach dem Ansatz der kontextuellen Therapie haben wir das Recht, uns schlecht zu fühlen, wenn unsere Mentoren uns scheinbar unfair behandeln. Allerdings haben wir nicht das Recht, uns zu rächen. Um den Schmerz zu überwinden, müssen wir aber auch unser Recht anerkennen, uns wegen der aufrichtigen Praxis, die wir getan haben, glücklich zu fühlen. Selbst wenn niemand sonst unser Recht auf Glück anerkennt, gibt uns unsere Selbstbestätigung bereits die Stärke, die Grenzen unserer Mentoren zu verstehen und zu vergeben. Ferner erlaubt sie uns auch, den Respekt und die Wertschätzung anzuerkennen, die unseren Mentoren wegen ihrer guten Qualitäten und ihrer Güte verdient haben. Darüber hinaus kann die Sicherheit und Ruhe, die wir aus unserer Selbstbestätigung gewonnen haben, uns die Klarheit und Offenheit des Geistes verleihen, um zu erkennen, dass unsere Mentoren tatsächlich unsere Mühen würdigen, nur anders, als wir erwartet haben.
Das Thema der Anerkennung durch einen spirituellen Mentor ist für Menschen des Westens besonders heikel, weil die klassischen Texte über die Schüler-Mentor-Beziehung wiederholt betonen, dass man seinen Mentor zufrieden stellen müsse. Die Ritualtexte enthalten ständig Gebete wie: „Möge ich meinen Guru zufrieden stellen. Mögen alle Buddhas mit mir zufrieden sein.“ Das Problem liegt darin, wie man herausfinden soll, wann der Mentor zufrieden ist. Unterschiedliche Kulturen konditionieren die Menschen zu unterschiedlichen Ausdrucksformen ihrer Zufriedenheit. Wenn Westler mit den tibetischen Bräuchen nicht vertraut sind, können sie vielleicht überhaupt nicht erkennen, wie ein traditioneller tibetischer Mentor seine Zufriedenheit mit einem Schüler zum Ausdruck bringt.
Niedrige Selbstachtung ist für die meisten Tibeter kein Thema, sondern eher übersteigertes Selbstvertrauen und Arroganz. Daher wird ein traditioneller tibetischer Mentor es vermeiden, einen Schüler von Angesicht zu Angesicht zu loben, da dies sein übersteigertes Selbstwertgefühl nur noch verstärken würde. Ein Mentor würde seine Schüler höchstens gegenüber anderen loben, und auch das nur, wenn sie nicht dabei sind. Außerdem haben Tibeter im Gegensatz zu Westlern nie das Gefühl, dass eine Empfindung nur dann wirklich sei, wenn sie auch ausgesprochen wird. Die meisten tibetischen Paare würden niemals “ich liebe dich” zueinander sagen und brauchten auch kein „ich liebe dich“, um sich sicher und geliebt zu fühlen. Tibeterinnen und Tibeter bringen ihre Liebe zum Ausdruck, indem sie füreinander sorgen. Aus diesem Grund würde ein tibetischer Mentor die Anerkennung für die Anstrengungen eines Schülers und seine Zufriedenheit mit ihm immer nur indirekt zeigen, zum Beispiel indem er ihn ernst nimmt und ihm weiterführende Belehrungen erteilt.
Schließlich fühlen Tibeter auch keine Notwendigkeit, dauernd oder auch nur häufig mit einem Menschen zusammen zu sein, um eine enge Beziehung aufrechtzuerhalten. Im traditionellen Tibet unternahmen die Menschen oft lange Karawanenreisen, bei denen sie oft für mehrere Jahre hintereinander von ihren Lieben getrennt waren. Nur wenig Zeit mit einem Schüler zu verbringen, ist also normal und kein Zeichen von Missfallen oder Abweisung.
Jemanden auf seine Fehler aufmerksam zu machen und ihn liebevoll auszuschimpfen ist in Tibet eine verbreitete Art, Fürsorge und Wohlwollen zu zeigen. Tibeter warnen einen nahestehenden Menschen vor möglichen Fehlern und machen ihm allgemein das Leben schwer, damit er lernen und wachsen kann. Wenn einem nicht viel am anderen läge, nähme man wohl kaum so viel Mühe auf sich. Dieses Verhaltensmuster ist nicht nur für traditionelle tibetische Mentoren typisch, sondern ebenso für traditionelle tibetische Väter.
Die meisten Menschen des Westens verstehen die traditionelle tibetische Art, gründlich falsch. Statt das Gefühl zu haben, dass ihr tibetischer Mentor mit ihnen zufrieden ist, glauben sie, sein Missfallen erregt und ihn enttäuscht zu haben. Häufig projizieren sie auch unangenehme Erfahrungen mit ihren Eltern auf Situationen mit ihrem Mentor. Die Folge ist, dass sie regredieren und pubertär reagieren. So können sie zum Beispiel den tibetischen handfesten väterlichen Rat als westliches beurteilendes und bevormundendes Missfallen deuten. Vielleicht sehen sie den Rat als harte Kritik und als Bedrohung ihrer Integrität, Individualität und Unabhängigkeit. Warnungen vor möglichen Fehlern deuten sie vielleicht als Zeichen, dass ihr Mentor ihnen weder traut noch sie respektiert. Statt den Schülern zu helfen reif zu werden, untergräbt die tibetische Art vielleicht noch ihr geringes Selbstwertgefühl. Die Folge ist, dass die Schüler entweder rebellieren oder sich noch miserabler fühlen. Sie gewinnen das Gefühl, dass ihr Mentor keine Güte besitzt.
Darum ist manchmal ein zusätzlicher Schritt nötig, um Überzeugung von den guten Qualitäten des Mentors und Wertschätzung für seine Güte zu entwickeln. Die Schüler müssen lernen die Anerkennung und Zuneigung, die ihnen entgegengebracht werden, auf eine andere als die kulturell gewohnte und für universell gehaltene Art und Weise zu verstehen.
Die um den Ansatz der kontextuellen Therapie erweiterte Guru-Meditation würde dann die folgenden Stufen umfassen: Zuerst müssen wir, ähnlich wie bei der Mitfreude in der siebenfachen Anrufung, unsere eigene Praxis selbst anerkennen und gut finden. Und wenn unsere Mentoren uns dann nicht die Art der Anerkennung oder Zeichen der Zufriedenheit mit unserer Praxis geben, die wir erwartet haben, müssen wir uns diese Tatsache bewusst eingestehen. Über die Tatsache zu klagen oder zu glauben, dass unsere Mentoren unsere Sitten übernehmen müssten, wird uns nur deprimieren. Schließlich waren unsere Erwartungen unrealistisch. Darum müssen wir als Nächstes erkennen, dass die kulturellen und persönlichen Grenzen unserer Mentoren in Abhängigkeit von einer Vielzahl von Ursachen und Bedingungen entstanden, aber keinerlei inhärente Makel beweisen. Auf diese Weise konzentrieren wir uns auf die Leerheit der Fehler unserer Mentoren als inhärent existent.
Wenn unsere Mentoren traditionelle Tibeter sind, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie Tibeter den Eifer ihrer Schüler anerkennen und ihre Zufriedenheit zum Ausdruck bringen. Und wenn wir uns dann das Verhalten unserer Mentoren uns gegenüber noch einmal vor Augen führen, sind wir vielleicht schon viel besser in der Lage, ihre guten Qualitäten und ihre Güte so zu erkennen, wie sie eben sind. Dann können wir uns mit klarer Überzeugung auf diese deutlichen Zeichen konzentrieren. Und erst dann haben wir die Qualitäten und die Güte unserer Mentoren wirklich zu schätzen gelernt.
Es kann sein, dass wir die kulturellen und persönlichen Gebräuche unserer Mentoren akzeptieren können, uns aber trotzdem noch nach emotionalen Streicheleinheiten für unsere gute Praxis sehnen. Wenn wir sie nicht in der uns vertrauten Form von unseren tibetischen Mentoren bekommen können, glauben wir vielleicht, dass wir nur eine westliche Lehrerin oder einen westlichen Lehrer zufrieden stellen müssten, um endlich genug Aufmerksamkeit und Lob zu bekommen. Eine solche Einstellung führt unausweichlich zu Frustration und Leiden. Wir müssen begreifen, dass hinter unserem Wunsch nach Anerkennung und unserem Wunsch zu gefallen ein unbewusstes Streben nach Bestätigung steckt. Wenn wir nicht tiefer gehen und die Meditation über Leerheit anwenden, wird dieses ernsthafte Problem ungelöst bleiben.
Wie bereits erwähnt, können zwei typisch westliche Annahmen das Problem noch verschärfen: die Annahme, dass das Universum gerecht sei, und der unbewusste Glaube, dass wir aufgrund der Erbsünde grundsätzlich schuldig seien. Der Buddhismus stimmt der westlichen Ansicht, das Universum sei gerecht oder fair, nicht zu. Ebenso wenig behauptet der Buddhismus, dass das Universum ungerecht sei und alles nur per Zufall geschehe. Alles erscheint als Ergebnis eines äußerst komplexen Netzwerks von miteinander verbundenen Ursachen und Umständen, aber ohne eine unparteiische Quelle gerechter Gesetze oder einen gerechten Richter, der ihre faire Anwendung überwacht. Außerdem lautet die erste vom Buddha gelehrte Edle Wahrheit, dass das Leben Leiden beinhaltet. So folgen wir den Anweisungen unserer Mentoren vielleicht aufrichtig, erhalten aber – aus vielerlei Gründen – niemals Anerkennung für unseren Eifer. Wenn wir dann – aufgrund unseres Glaubens, das Universum müsse fair sein – Anerkennung oder ein Zeichen der Zufriedenheit erwarten, begehren oder gar fordern, schaffen wir nur zusätzliches Leiden.
Die Hoffnung, Anerkennung werde unseren Wert beweisen, geht letztlich von unserem Wert als unabhängig existierende Individuen aus. Diese Zwangsvorstellung entsteht aus einer Täuschung in Bezug auf unsere Existenzweise.
Letztlich müssen wir begreifen, dass es, obwohl wir als Individuen existieren, kein solides „Ich“ in uns gibt, das inhärent unzulänglich sein kann und das Bestätigung braucht oder andere zufrieden stellen muss, um sich würdig oder real fühlen zu können. Obwohl Anerkennung letztlich sinnlos ist, dürfen wir uns keinesfalls dafür verurteilen, wenn wir sie trotzdem brauchen. Solange wir uns noch innerhalb der Beschränkungen kulturspezifischen Denkens und Glaubens bewegen, ist Anerkennung durchaus notwendig. Ohne entsprechende Anerkennung dürfte der Ausbruch aus diesen Beschränkungen für die meisten Menschen schlicht zu schwierig sein.
Bekommen wir keine Anerkennung von unseren Mentoren, Eltern, Liebespartnern oder Freunden, ist Selbstanerkennung definitiv eine große Hilfe. Aber wir müssen vorsichtig sein, wenn wir sie anwenden. Geben wir unsere Selbstanerkennung im Überschreiten kultureller Grenzen zu früh auf, können wir wieder mit einem schlechten Selbstwertgefühl enden. Und uns zu schämen oder dumm zu fühlen für das, was wir früher empfanden, verstärkt die geringe Meinung, die wir ohnehin von uns selbst haben, nur noch weiter. Mit einem tiefen Verständnis von Leerheit müssen wir uns nicht einmal mehr selbst vergeben, dass wir dumm gehandelt haben.
In einer gesunden Beziehung zu einem spirituellen Mentor folgen die Schüler den Anweisungen ihrer Lehrer, praktizieren eifrig und unterstützen sogar finanziell und sonst wie in ihrem Alltag, ohne jedes Bedürfnis nach Anerkennung oder Lob. Schließlich tun die Schüler all dies, um sich selbst und anderen langfristig zu nutzen, und nicht wegen ein paar Streicheleinheiten. Wenn wir also versuchen, unsere Mentoren zufrieden zu stellen, so geht es uns nicht um Selbstbestätigung durch Anerkennung, ein Dankeschön oder irgendein Zeichen ihres Gefallens. Wir versuchen, unsere Mentorinnen und Mentoren zufrieden zu stellen, um in unserer Fähigkeit zu wachsen, anderen zu helfen.
In der Psychoanalyse kann ein Analytiker auf die Übertragung und degenerative Regression eines Patienten mit einer Gegenübertragung reagieren. Nehmen wir an, ein Patient überträgt das Bild eines stets beschäftigten Vaters und regrediert in die Forderung nach Aufmerksamkeit. In seiner Gegenübertragung kann der Analytiker nun das Bild eines fordernden Vaters projizieren und sich defensiv oder genervt verhalten. Dabei muss man berücksichtigen, dass sowohl die Übertragung als auch die Gegenübertragung unbewusste Prozesse sind. Andere Ergebnisse der Gegenübertragung können darin bestehen, dass Schützerinstinkte geweckt werden, dass man berechnend, geschmeichelt oder enttäuscht reagiert oder ein romantisches Interesse am Gegenüber entwickelt. Analytiker lernen in ihrer Ausbildung jedes Anzeichen einer möglichen unbewussten Gegenübertragung zu erkennen, um sie nicht ausagieren zu müssen.
Wenn spirituelle Schülerinnen und Schüler Bilder von Vater, Mutter oder Liebespartnern auf den Mentor übertragen und in pubertäre Verhaltensmuster regredieren, reagieren qualifizierte Mentorinnen und Mentoren ohne Gegenübertragung. Selbst wenn die Schüler unvernünftige Forderungen stellen oder sogar ihre Liebe erklären, lassen qualifizierte Mentoren ihre Worte einfach durch sich hindurchgehen, ohne die Situation zu konkret und unabhängig existierenden Zwischenfällen aufzublasen. Indem sie Ruhe, Gleichmut und warmherzige Fürsorge aufrecht erhalten, werden qualifizierte Mentoren für ihre Schüler zu einem sanften Spiegel. Ein Spiegel wirft uns einen realistischen Eindruck von uns selbst zurück; aber niemals nimmt er die Merkmale dessen an, der sich in ihm spiegelt.
Gewöhnlich konfrontieren Mentoren die Schülerinnen und Schüler nicht mit ihren Projektionen oder tadeln sie wegen ihres unangebrachten Verhaltens. Tibetische Mentoren tadeln ihre Schüler nur, wenn sie sich anderen gegenüber unangemessen verhalten haben, denn wegen ihrer Bescheidenheit können sie angemessene Behandlung nicht für sich selbst einfordern. Mit ihrem konsequent makellosen Verhalten schaffen sie die förderlichen Umstände, die es den Schülern ermöglichen, achtsame Einsicht in die gegenwärtige Situation zu gewinnen. Schließlich können die Schüler sogar ihre projizierten Fantasien erkennen. Im Unterschied zu Psychoanalytikern zielen spirituelle Mentoren also nicht auf den Übertragungs- und Regressionsprozess. In Übereinstimmung mit guten Analytikern aber reagieren sie weise und mitfühlend auf den Prozess, sollte er dennoch eintreten.
Die meisten spirituellen Mentorinnen und Mentoren sind keine Erleuchteten und haben daher zumindest Reste störender Gewohnheitsmuster. Deshalb kann Gegenübertragung bei ihnen durchaus vorkommen. Wenn das geschieht, ergreifen Mentoren die gleichen Maßnahmen wie Analytiker. Sie versuchen, sich der Gefühle der Gegenübertragung bewusst zu werden, um sie nicht auszuagieren. Manchen spirituellen Lehrern mangelt es allerdings an bestimmten guten Qualitäten, weshalb sie die Impulse der Gegenübertragung gelegentlich doch ausagieren. So können spirituelle Lehrer sich als Reaktion auf Idealisierung, Schmeichelei oder romantische Annäherungsversuche durchaus gleichfalls romantisch und schmeichelnd verhalten.
Wenn wir mit Gegenübertragung konfrontiert werden, müssen wir die Ursachen des Problems sorgfältig untersuchen. Während der ersten Phase der Guru-Meditation der Sutra-Ebene müssen wir objektiv prüfen, ob der Fehler unserer Lehrerin oder unseres Lehrers eine Reaktion auf unsere eigene Übertragung und Regression ist oder ob er ganz und gar auf andere Ursachen zurückgeht. Wenn wir entdecken, dass unser eigenes Verhalten zumindest teilweise verantwortlich ist, müssen wir an der Überwindung dieses Verhaltens arbeiten. Wenn unsere Lehrer ihr unangemessenes oder sogar missbräuchliches Verhalten dann immer noch nicht einstellen, können wir Ashvagoshas Rat folgen und unseren Lehrern unter vier Augen höflich mitteilen, dass ihr unangemessenes Verhalten uns unangenehm ist und wir sie freundlich bitten, uns zu erklären, warum sie auf diese Weise handeln. Alternativ können wir auch den Kalachakra-Lehren folgen und einen respektvollen Abstand halten.
Lehrer öffentlich in Verlegenheit zu bringen, so dass sie ihr Gesicht verlieren, darf nur ein letztes Mittel sein, um extrem missbräuchliches Handeln zu unterbinden. Gedenken wir, solch drastische Maßnahmen zu ergreifen, müssen wir ganz sicher sein, dass es unser ausschließliches Motiv ist, andere und die Lehrer selbst vor zukünftigem Leid zu bewahren. Ist die öffentliche Beschuldigung eines Lehrers ein persönlich motivierter Rachefeldzug, wird sie mehr schaden als nutzen. Sie kann die Schüler des Lehrers, die von seinen Unterweisungen profitiert haben, in große Verwirrung stürzen. Die anderen Schüler können in einen Zustand spiritueller Hoffnungslosigkeit geraten, und wir selbst können in einen verbitterten, negativen Geisteszustand fallen. Missbräuchliches Verhalten, ob von Gegenübertragung ausgelöst oder nicht, kann nur durch empfindsame, weise und mitfühlende Maßnahmen beendet werden.
Eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Lehrer erfordert eine sichere Richtung (Zuflucht) im Leben, eine Bodhichitta-Motivation und vor allem ein korrektes Verständnis von Leerheit. Ohne diese Voraussetzungen kann jeder Versuch, eine Beziehung aufzubauen, in ungezügelter Übertragung und degenerativer Regression enden.
Die Beziehung zu einem spirituellen Mentor ist nicht dasselbe wie eine Beziehung zu einem Psychoanalytiker. Ein Mentor hält keine regelmäßigen Einzelsitzungen ab, um den Übertragungs- und Regressionsprozess zu überwachen und unter Kontrolle zu halten. Wenn also Übertragung und Regression auftreten, was häufig der Fall ist, kann die Guru-Meditation der Sutra-Ebene, ergänzt um Schritte aus der kontextuellen Therapie, helfen, das Problem zu beseitigen.
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