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Eine Beziehung zu einem spirituellen Lehrer aufbauen:
Eine gesunde Beziehung fördern

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. „Zwischen Freiheit und Unterwerfung.
Chancen und Gefahren spiritueller Lehrer-Schüler-Beziehungen“.
Übersetzung: Tom Geist. Berlin: Theseus Verlag, 2002.
Vollständige Überarbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Relating to a Spiritual Teacher: Building a Healthy Relationship.
Ithaca, Snow Lion, 2000.

Teil 3: Ungesunde Beziehungen zu spirituellen Lehrern

13 Übertriebene Abhängigkeit und Rebellion

Spirituelle Energie und übertriebene Abhängigkeit

Selbst nachdem man sich einem spirituellen Pfad verschrieben und eine Schüler-Mentor-Beziehung aufgebaut hat, kann es noch eine große Herausforderung sein, Energie und Motivation in der spirituellen Praxis lebendig zu erhalten. Daher brauchen Suchende viele Mittel, um über die unvermeidlichen Augenblicke hinweg zu kommen, in denen sie sich uninspiriert und unmotiviert fühlen. Wenn man das Gefühl hat, Hilfe zu brauchen, empfehlen die klassischen Texte den engen Kontakt mit anderen Praktizierenden und spirituellen Lehrern. An nahestehende oder bedürftige Menschen zu denken oder sich an eine spirituelle Reise nach Asien zu erinnern kann ebenfalls helfen, die spirituelle Energie zu vermehren.

Diese Methoden können unsere Begeisterung zeitweilig bis zu einem gewissen Grad wiederbeleben. Dennoch kann es sein, dass unsere Energie gering bleibt, besonders wenn wir auf uns allein gestellt sind. Das kann an einer übertriebenen Abhängigkeit von äußeren Faktoren liegen, besonders an einer ungesunden Abhängigkeit von anderen. Obwohl eine unterstützende Umgebung und gute Gesellschaft unsere spirituelle Praxis durchaus erleichtern, ist das allein noch nicht genug. Letztlich muss die motivierende und aufrichtende Energie für die Selbst-Transformation von innen kommen.

„Das Verbindungs-Sutra“ stellt diese Tatsache klar heraus: „Die Buddhas können weder die negativen Potenziale der anderen wegwaschen, noch können sie ihr Leiden beseitigen, wie man einen Dorn aus dem Fuß zöge. Sie können ihre Erkenntnisse nicht auf andere übertragen. Sie können nur den Weg zeigen, indem sie die Wirklichkeit lehren.“ Die Psychotherapie sagt etwas Ähnliches. Gleichgültig, was ein Therapeut auch tun mag, Einsicht und Verständnis müssen von Seiten der Patientinnen und Patienten kommen.

Außerdem können wir diese Wahrheit aus einer Erklärung ableiten, die Sakya Pandita in „Der tiefgründige Pfad des Guru-Yoga“ gab und in der es um die bereits erwähnte Analogie von der Sonne, dem Vergrößerungsglas und dem Reisig geht. Ohne Vergrößerungsglas, um die Strahlen der Sonne zu konzentrieren, reichte die Hitze der Sonne nicht aus, um Reisig zu entzünden. Dennoch kommt die Energie des Feuers letztlich aus dem Potenzial des Reisigs zu brennen. Gleichermaßen können die Wellen der Inspiration der Buddhas keinen Schüler für die Erleuchtung entzünden, ohne dass sie durch einen spirituellen Mentor gebündelt wären. Letztlich kommt die Energie der Erleuchtung aus den Netzwerken guter Qualitäten, positiver Potenziale und tiefen Gewahrseins in den Schülern selbst. Auf der tiefsten Ebene entspringt die Energie dem inneren Guru der Schüler – ihrem Geist Klaren Lichts.

Sakya Pandita bemerkte, dass feuchtes oder falsch geschichtetes Reisig nicht Feuer fangen kann. Wenn also der Geist eines Schülers ungeordnet oder getränkt von irrelevanten Gedanken, Vorurteilen oder Zweifeln ist, wird er nicht in Erleuchtung entflammen. Wirkungen entstehen stets in Abhängigkeit von einer Kombination aus Ursachen und Bedingungen. 

Kulturelle Faktoren übertriebener Abhängigkeit

Viele Menschen im Westen finden das Leben überwältigend komplex und verwirrend. Und weil Angst, Spannung und Sorgen ihren Geist erfüllen, finden sie keine inneren Kraftquellen. Das Reisig ist nass und ungeordnet. Ihr emotionaler Zustand ist instabil und nichts inspiriert sie. Mit der typisch niedrigen Selbstachtung westlicher Menschen sind sie sich ihrer selbst zutiefst unsicher. Sie haben Angst davor, Fehler zu machen, und so überlassen sie die Verantwortung für Entscheidungen lieber anderen. Verzweifelt sehnen sie sich nach jemandem, der weiß, was los ist und sich um alles kümmern kann, wie ein idealer Vater oder Gott.

Einige treten vielleicht in die Armee ein, um den Befehlen anderer folgen zu können, statt selbst denken zu müssen. Menschen mit einer eher spirituellen Neigung wenden sich vielleicht an ein Dharma-Zentrum. Und obwohl ihre spirituelle Sehnsucht durchaus aufrichtig sein mag, lässt das emotionale und kulturelle Gepäck, das sie mitbringen, sie nach Beziehungen zu Lehrern im Sinne von Vater- oder Autoritätsfiguren suchen. Sie möchten eine Beziehung zu einem Verantwortungsträger aufbauen, in der Hoffnung, damit die Verantwortung für Entscheidungen in ihrem Leben aus der Hand geben zu können. Viele hoffen, dass dies ihr Leben einfacher machen und ihre Probleme lösen werde.

Westlerinnen und Westler, die eine solch übertriebene Abhängigkeitsbeziehung eingehen, tun das aus freien Stücken. Niemand lässt sich gern von einem anderen zu etwas zwingen. Oft fühlt man sich in seiner Abhängigkeit sogar wohl. „Biblische Konzepte“ mögen unbewusst ihren Teil zu diesem typisch westlichen Verhaltensmuster beitragen. So kann zum Beispiel das Konzept der Erbsünde ein Gefühl inhärenter Schuld und ein niedriges Selbstwertgefühl verstärken. Dann glaubt man vielleicht, eine falsche Lebensentscheidung bewiese die eigene Unwürdigkeit, und dies führe dazu, von anderen als schlechter Mensch abgelehnt zu werden, ähnlich der Vertreibung aus dem Paradies. Es fühlt sich sicherer an, die eigenen Entscheidungen einer anderen Person zu überlassen.

Auch moderne westliche Bräuche der Kindererziehung können das doktrinär gestützte Gefühl verstärken, man werde abgelehnt oder verlassen, weil mit einem etwas grundsätzlich nicht stimme. Viele westliche Mütter stillen ihr Baby nicht mehr, tragen es nicht mehr den ganzen Tag auf dem Rücken umher oder schlafen nicht mehr bei ihm, wie es in traditionellen Gesellschaften üblich ist. Stattdessen füttern sie ihre Babys mit Fläschchen, halten sie tagsüber in Laufställen, Kinderwagen oder Kinderkrippen und lassen sie nachts allein in einer Wiege schlafen. Für die Babys muss es so aussehen, als wären sie aus dem Paradies vertrieben worden. Das kann nicht nur zu dem spezifisch westlichen Syndrom der Entfremdung vom eigenen Körper und den eigenen Gefühlen führen, sondern auch zu einer unbewussten Sehnsucht nach Verständnis, Zuneigung und sogar Erlösung. In diesem Syndrom gefangene westliche Suchende wenden sich nicht selten spirituellen Lehrern zu, in der unbewussten Hoffnung, dass diese ihre Bedürfnisse befriedigen. Die Dringlichkeit ihres unbewussten Antriebs kann zu übertriebener Abhängigkeit führen.

Gelegentlich treffen übertrieben abhängige westliche Suchende auf Tibeter, die ebenfalls übertrieben abhängig von spirituellen Meistern sind, und rechtfertigen auf dieser Basis dann ihr eigenes Verhalten. Die kulturellen Einflüsse und die Psychologie hinter der traditionell tibetischen Form übertriebener Abhängigkeit unterscheiden sich jedoch deutlich. Viele Tibeter scheuen davor zurück, die Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen, aus Angst davor, in der Gemeinschaft das Gesicht zu verlieren oder ihre Familie zu beschämen, wenn sie versagen. Es sind also hauptsächlich Bedenken gesellschaftlicher und familiärer Natur und nicht individuelle Ängste, die sie dazu treiben, Lamas die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übertragen.

Tibeter würden aber nicht irgendeinen Lama für diese Art übertriebener Abhängigkeit auswählen, sondern sie würden sich an den Lama oder Rinpoche wenden, der dem Kloster in ihrer Region vorsteht. Das kommt sogar bei Exiltibetern vor, für die geografische Grenzen in der Auswahl der Lamas eigentlich keine Rolle mehr spielen. Tibeterinnen und Tibeter haben nicht das Gefühl, unbedingt die Lamas ihrer Region wählen zu müssen: Sie denken, dass diese Wahl den sozialen Normen entspricht und einfach ganz natürlich passt. Druck ist dazu nicht nötig.

Ob eine übertrieben abhängige Beziehung nun in einem westlichen oder in einem tibetischen Zusammenhang vorkommt, in jedem Fall ist sie grundsätzlich ungesund. Sie stärkt die Reife nicht, die ein spiritueller Pfad zur Befreiung und Erleuchtung zu entwickeln sucht. Natürlich beinhaltet eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor, diese in spirituellen Dingen zu konsultieren. Außerdem geht es um Inspiration durch die Meister. Ein spiritueller Mentor ist jedoch kein Gott, kein allmächtiger Vater oder Feudalherr. Er kann nicht all unsere Probleme für uns lösen. Gehorsame Unterwerfung oder sklavische Ergebenheit kann uns weder Erlösung bringen, noch kann sie die Tatsache wettmachen, dass wir als Kinder scheinbar von unseren Eltern verlassen wurden, weil wir schlecht waren oder irgendetwas mit uns nicht stimmte. Genauso wenig kann sie uns davon befreien, Verantwortung für unsere Fehler zu übernehmen oder das Gesicht zu verlieren. Spirituelle Suchende, seien sie aus dem Westen oder aus Tibet, die an einem übertriebenen Abhängigkeitssyndrom leiden, müssen sich auf die Buddhanatur konzentrieren und daran arbeiten, die Beziehungen zu ihren spirituellen Lehrern von diesem ungesunden Aspekt zu befreien. 

Übertriebene Abhängigkeit und westliche Ethik

In seinem Text: „Errichten von Methode und unterscheidendem Gewahrsein“ erklärt der hoch verwirklichte indische Yogi Anangavajra, wie man sich auf gesunde Weise von einem spirituellen Mentor inspirieren lassen kann. Dabei ist einer der wichtigsten Faktoren die Charakterstärke, die durch Einhaltung der Gelübde und Bindung an die ethische Praxis gewonnen wird. Selbstkontrolle sorgt für die nötige Reife und Stabilität, um sich von einem spirituellen Mentor inspirieren zu lassen, ohne übertrieben abhängig zu werden. Das liegt daran, dass die Basis buddhistischer Ethik unterscheidendes Gewahrsein ist. Durch das Unterscheiden zwischen den Vor- und Nachteilen verschiedener Handlungen meiden die Praktizierenden zerstörerische Handlungen, die nur Schaden nach sich ziehen. Ethisches Verhalten hängt im Buddhismus also ausschließlich von einem selbst ab.

Im Gegensatz dazu leiten die westlichen Kulturen ihre Ethik aus einer Mischung biblischen und altgriechischen Gedankenguts ab. Ihre Ethik ist auf den Gehorsam gegenüber einer Autorität gegründet. Das strikte Befolgen von Gott befohlener oder von einem Gesetzgeber erlassener Gesetze macht ein Individuum zu einem ethischen Menschen. Das westliche Ethikgefühl unterstützt damit häufig eine psychologische Abhängigkeit von Lob und Tadel durch Autoritäten. Aus diesem Grund entdecken viele westliche spirituelle Suchende, dass zum Beispiel ihre Meditationsdisziplin von dem unbewussten Wunsch genährt wird, gute Schülerinnen und Schüler zu sein und die Anerkennung ihrer Mentoren zu gewinnen. Wenn die Energie für die spirituelle Praxis sich aus Schuld- und Angstgefühlen ergibt, ist die Schüler-Mentor-Beziehung ungesund und kann kein inspirierender, das Selbstvertrauen stärkender Lösungsweg mehr sein. 

Übertriebene Abhängigkeit von angeleiteter Meditation

Teil der Disziplin in tibetischen Klöstern ist der Besuch strikt geregelter täglicher, monatlicher und jährlicher Versammlungen. Tagsüber und nachts treffen sich die Mönche und Nonnen zu festgesetzten Zeiten, manchmal alle zusammen, manchmal in kleineren Gruppen, um Gebete zu rezitieren und tantrische Rituale durchzuüben. Jedes Kloster und alle seine Untereinheiten sind für die regelmäßige Durchführung von Gebeten und Ritualen der Linie verantwortlich. Die tantrischen Ritualtexte beschreiben Serien von Visualisationen und angestrebte Bewusstseinszustände, wie etwa Bodhichitta und das Verständnis von Leerheit. Während die Teilnehmenden die Texte gemeinsam rezitieren, versuchen sie entsprechend zu visualisieren und in die angesprochenen Geisteszustände einzutreten. Wenn der Abt oder die Äbtissin und verschiedene andere Lamas dazu kommen, nehmen sie gewöhnlich in der ersten Reihe auf leicht erhöhten Sitzen Platz, aber nur als Teilnehmende; geleitet werden die gemeinsamen Rezitationen von einem Vorsänger. Niemand sitzt mit dem Gesicht zur Gruppe und leitet oder erklärt das Ritual.

Obwohl die Teilnahme an der Gruppenrezitation auch Meditation beinhaltet, haben die meisten Nonnen und Mönche noch eine persönliche Praxis, die sie für sich allein üben. Diese persönliche Praxis umfasst gewöhnlich Rezitation und Ausübung zusätzlicher tantrischer Rituale, für einige aber auch stille Sitzmeditation. Auch die tibetischen Laienpraktizierenden meditieren für sich allein. Der traditionelle tibetische Buddhismus kennt stille Gruppenmeditation nicht, weder mit noch ohne Anleitung. Wenn traditionelle tibetische Meisterinnen und Meister erstmals in den Westen kommen und gebeten werden, Gruppenmeditationen zu leiten, haben die meisten keine Ahnung, was die westlichen Schülerinnen und Schüler eigentlich von ihnen wollen.

Die tibetischen Praktizierenden üben die Meditation allein in ihrem Zimmer, nachdem ein Lehrer die Anweisungen sorgfältig erklärt hat. So gut wie nie meditiert der Lehrer zusammen mit seinen Schülern, nicht einmal zu Beginn des Trainings. Menschen des Westens hingegen brauchen zuerst jemanden, der mit ihnen meditiert, damit sie die möglichen Irrtümer und Barrieren überwinden können, die aus der Beschäftigung mit der Praxis einer fremden Kultur entstehen können. Daher beginnen die meisten Menschen im Westen in einer geleiteten Gruppe zu meditieren.

Viele Westler haben nicht die Disziplin, allein weiterzumeditieren, nachdem sie die Grundlagen gelernt haben. Darum finden sie, dass fortgesetzte Gruppenmeditation, vor allem wenn sie von einem Lehrer angeleitet wird, ihnen hilft, gute Gewohnheiten zu entwickeln. Ob es sich um stille Meditation handelt oder um die Rezitation eines Rituals in der Gruppe, die meisten finden es in jedem Fall hilfreich, wenn ein Lehrer den Vorgang am Anfang erklärt und dann die ganze Zeit mit meditiert. Besonders Menschen, die sich von den komplexeren stillen Praktiken überfordert fühlen, finden es hilfreich, wenn die Meditation angeleitet wird. Dabei erklärt der Lehrer mit eigenen Worten die Stufen der Visualisation, sowie die Inhalte und die Gefühle, die die Schüler zu erzeugen versuchen. Während sie zuhören, versuchen die Meditierenden sich diese Dinge vorzustellen und gleichzeitig alle zusätzlichen, unabhängigen Gedanken aufzugeben. Starke Gewöhnung an jede Art von Gruppenmeditation kann jedoch zu einer übertriebenen Abhängigkeit sowohl von der Praxis als auch von dem leitenden Lehrer führen.

In den meisten Fällen leiten die Lehrer Meditation aus Hilfsbereitschaft an. Da geleitete Meditation jedoch mit der Kraft der Suggestion arbeitet, besonders wenn stille Meditation Schritt für Schritt angeleitet wird, könnten Lehrer mit ausbeuterischen Tendenzen bewusst die Bildung einer übertriebenen Abhängigkeit betreiben. Der Missbrauch kann grobe Formen annehmen, wenn Lehrer die Schüler zu einer übertriebenen Guru-Verehrung manipulieren wollen, indem sie Bilder von sich selbst in die Meditation einbauen. In subtileren und wohlwollenderen Fällen der Ausnutzung von Macht kann ein Lehrer durchaus den aufrichtigen Wunsch haben, seinen Schülern zu nutzen. Dennoch kann hinter dem übertriebenen Gebrauch geleiteter Meditation der unbewusste Drang stehen, Energie und Selbsterfüllung aus der Tatsache zu gewinnen, dass man anderen auf eine aktive, nachweisbare Art und Weise von Nutzen ist.

Es besteht kein Zweifel, dass die Energie eines charismatischen Lehrers und die entsprechende Gruppendynamik viel dazu beitragen können, dass Anfänger in der Praxis schnell meditative Erfahrungen machen. Tatsächlich haben die meisten Anfänger große Schwierigkeiten, Meditation ohne eine solche Anleitung zu lernen. Spirituelle Entwicklung durch Meditation muss allerdings letztlich immer selbsterhaltend sein. Haben wir erst eine bestimmte Ebene von Disziplin und Erfahrung durch die angeleitete Gruppenmeditation erreicht, müssen wir diese Disziplin und Erfahrung durch eigenständiges Üben vertiefen. Ansonsten laufen wir Gefahr, süchtig nach geleiteter Praxis zu werden. Wenn wir von Anfang an auf diese Punkte achten, können wir die Fallen übertriebener Abhängigkeit von einem Lehrer oder sogar von Audiokassetten in der Meditationspraxis vermeiden.

Außerdem sollten wir untersuchen, was uns sowie unsere Lehrerinnen und Lehrer zur Teilnahme an geleiteter Meditation motiviert. Selbst wenn ein Lehrer versuchen sollte, Macht zu gewinnen, indem er andere führt, können wir trotzdem den Nutzen geleiteter Meditation erfahren, wenn uns nur der Sinn und Zweck klar genug ist. Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer versucht, spirituelle Suchende einer Gehirnwäsche zu unterziehen und sie in negative Denkrichtungen zu manipulieren, können wir das erkennen und uns einfach zurückziehen. Wenn die Lehrer jedoch überfürsorglich oder manipulativ versuchen, Suchenden zu helfen, können wir diesen Makel in den Abschnitt der Guru-Meditation der Sutra-Ebene einschließen, bei der es um die Fehler der Mentoren geht. 

Übertriebene Abhängigkeit von der Beantwortung aller Fragen

Der Buddha benutzte viele Methoden, um die Schüler auf dem spirituellen Pfad anzuleiten. Wenn Schüler Fragen stellten, bediente sich der Buddha manchmal der Art des Sokrates, mit Gegenfragen zu antworten. Er wollte ihnen damit helfen, Einsicht zu gewinnen und die Fragen kraft ihrer eigenen Vernunft selbst zu beantworten. Manchmal gab der Buddha auch nur Teilantworten und einen Hinweis auf den Rest. Auch diese Art des Antwortens ermutigte die Schüler, die Antworten durch logisches Denken oder persönliche Erfahrung selbst zu finden. Gelegentlich machte der Buddha aber auch von rätselhaften Mitteln Gebrauch und antwortete mit paradoxen oder scheinbar irrelevanten Aussagen, um die Schüler in tiefere Verständnisebenen zu stoßen. Bei anderen Fragen wiederum blieb der Buddha einfach stumm, weil jede Antwort, die Schüler, deren Vorurteile noch zu groß waren, nur verwirrt hätte. Bestimmte Fragen hingegen beantwortete der Buddha klar, präzise und zuverlässig, um Verwirrung zu zerstreuen. Der Buddha war also ein Meister der „geschickten Mittel“.

Qualifizierte spirituelle Mentoren verwenden dieselbe Vielfalt an Methoden, um die Schüler anzuleiten und ihre Fragen zu beantworten. Manchmal geben Lehrer eher autoritäre als autoritative (zuverlässige) Antworten. Damit erschweren sie das freie Hinterfragen und Denken. Statt den Schülern zu helfen, unterscheidendes Gewahrsein zu entwickeln, verstärken sie eine übertriebene Abhängigkeit durch kategorische Antworten. Die Situation hängt von der bewussten und unbewussten Motivation des Lehrers und seinem Können im Einsetzen geschickter Mittel ab.

Bestimmte spirituelle Suchende neigen eher zu einer Abhängigkeit von dogmatischen Lehrern als andere. Sie finden das Leben so verwirrend, dass sie alles gern klar umrissen und sicher hätten. Sie wollen nicht selbst denken müssen. Eine solche Einstellung ist für ein spirituelles Wachstum alles andere als förderlich. Wenn ein spiritueller Lehrer nur teilweise oder rätselhafte Antworten auf Fragen gibt, müssen wir verstehen, dass es sich dabei um eine Lehrmethode handelt. Die Wertschätzung dieser Methode hilft uns, Frustration und Ungeduld mit unbefriedigenden Antworten zu vermeiden. Wenn andererseits ein Lehrer unseren Geist zu ersticken droht, müssen wir uns Buddhas Ratschlag aus dem „Sutra über [Reine Bereiche] in dichter Reihe ausgelegt“ vergegenwärtigen: „Nehmt meinen Dharma nicht aus reinem Respekt vor mir an, sondern untersucht und prüft ihn so, wie ein Goldschmied Gold prüft, indem er es reibt, schneidet und einschmilzt.“ 

Unterwerfung

Einige Menschen des Westens wollen sich ihren Lehrern ganz und gar hingeben und unterwerfen. Sie haben das Gefühl, sie könnten die Welt retten, wenn sie sich hingeben, ihr Herz öffnen und ihren Mentor durch sie handeln lassen. Psychologisch gesehen entsteht eine solche Haltung manchmal aus einer niedrigen Selbstachtung, die das Gefühl erzeugt, der eigene Wert wäre davon abhängig, einem spirituell höher stehenden Wesen zu „gehören“. Und obwohl diese Haltung bei Frauen gegenüber männlichen spirituellen Lehrern häufiger ist, entsteht sie doch manchmal auch bei Männern.

Sich einer idealisierten Person freiwillig zu unterwerfen und der Wunsch, jemandem zu gehören, der größer ist als man selbst, kann spirituelle Suchende sehr anfällig für die verschiedensten Arten des Missbrauchs machen. Und wenn sie dann tatsächlich missbraucht werden, sexuell oder auf andere Weise, verstärkt diese Erfahrung ihre geringe Selbstachtung weiter: Die Schülerinnen und Schüler glauben fest, die schlechte Behandlung tatsächlich verdient zu haben. Außerdem kann der Missbrauch dazu führen, dass sie ihr Herz für jeden anderen Menschen verschließen. Oberflächlich kann Unterwerfung wie ein Aufgeben des Ego und daher wie eine buddhistische Tugend wirken. Wenn die Unterwerfung jedoch unterbewusst auf einen Gewinn von Selbstwertgefühl und Selbstbestätigung zielt, weil man zu jemandem gehört, der größer ist als man selbst, unterminiert sie ein gesundes Selbstgefühl, statt es zu fördern. Ein echtes Selbstwertgefühl resultiert vor allem daraus, dass man seine eigenen Potenziale anerkennt und sie einsetzt, um anderen zu helfen, so gut man kann.

Westliche Schüler, die annehmen, der Buddhismus teile das biblische Verständnis von Ethik, stellen sich vielleicht vor, dass tibetische Lamas sie moralisch beurteilen. Das kann dazu führen, dass – völlig unangemessen – plötzlich das Schuldprinzip in die Dynamik der Beziehung gerät. Wenn Schüler nicht alles tun, worum ihr Mentor sie bittet, fühlen sie sich schuldig und unwürdig. Und weil sie Angst haben, als „schlechte Schüler“ abgelehnt zu werden, glauben sie, sich bedingungslos unterwerfen und stets gehorchen zu müssen.

Vom buddhistischen Standpunkt aus betrachtet, funktioniert das Gesetz von Ursache und Wirkung ohne eine höhere, urteilende Autorität. Buddhisten meiden destruktives Verhalten nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil sie das Leiden zu vermeiden suchen, das ungesundes Verhalten mit sich bringt. Wie oben bereits erklärt, ist der Gehorsam gegenüber Gesetzen, die von Gott oder einer gewählten Obrigkeit geschaffen wurden, lediglich eine kulturspezifische und keine universell gültige Tugend.

Eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor beinhaltet also niemals Unterwerfung oder auf Schuldgefühlen gegründeten Gehorsam. Es ist etwas völlig anderes, Schüler eines Mentors zu sein, als einem Mentor zu gehören. 

Geschlechtsspezifische Vorurteile

In den meisten traditionellen asiatischen Gesellschaften ist die Stellung der Frau geringer als die des Mannes. Dieses Vorurteil war in der indischen Gesellschaft zu Lebzeiten des Buddha weit verbreitet. Deshalb sahen sich der Buddha und seine Anhänger sogar gezwungen, entsprechende Regeln in die Klosterdisziplin aufzunehmen, um sich nicht den Zorn und die Verachtung der patriarchalen Gesellschaft zuzuziehen. Viele tibetische Mentoren, besonders wenn sie Mönche sind, teilen bewusst oder unbewusst bis heute das Erbe dieser Vorurteile, trotz der eindeutigen Lehre des Buddha, dass der Geist kein inhärentes Geschlecht hat. Ihre offene oder versteckte geringe Meinung von Frauen demütigt und entmutigt einen großen Teil der westlichen Schülerinnen. Die Situation führt häufig zu schweren Blockaden im spirituellen Fortschritt dieser Frauen.

Sich über die Vorurteile zu beklagen und zu erwarten, dass traditionelle Tibeter ihre Wertvorstellungen verändern, führt häufig nur zu noch mehr Frustration, Bitterkeit und Wut. Wie bei jedem anderen konventionellen Makel eines Mentors so ist auch das Herumreiten auf seinen geschlechtsspezifischen Vorurteilen kontraproduktiv. Es ist überaus wichtig, traditionelle tibetische Lehrer darauf aufmerksam zu machen, wie viel Leiden sie ihren Schülerinnen mit ihrer Einstellung zufügen. Trotzdem ist es meist unrealistisch, plötzliche, revolutionäre Veränderungen zu erwarten. Die Vorurteile zu leugnen oder Gefühle der Demütigung und des Schmerzes zu unterdrücken, sabotiert jedoch die spirituelle und emotionale Gesundheit der Schülerinnen.

Die Guru-Meditation der Sutra-Ebene stellt einen Zugang vor, der bis zur echten spirituellen Gleichberechtigung hilfreich sein könnte. Wenn unser Mentor an geschlechtsspezifischen Vorurteilen leidet, müssen wir uns zuerst selbst eingestehen, dass er diesen Fehler tatsächlich hat. Selbst wenn unser Mentor seine voreingenommene Haltung nicht als Fehler erkennen kann oder will, hilft unser eigenes offenes Erkennen schon, unseren Schmerz zu lindern. Danach müssen wir uns auf die Tatsache konzentrieren, dass dieser Fehler unseres Mentors leer davon ist, als inhärenter Makel zu existieren. Er entstand in Abhängigkeit von verschiedenen kulturellen und persönlichen Faktoren. Dieses Verständnis kann uns helfen, uns auf die guten Qualitäten und die Güte unseres Mentors zu konzentrieren, um die möglichen Vorteile aus der Beziehung bewahren zu können. 

Der Einfluss des altgriechischen Denkens vom Individuum

Ein weiterer unbewusster Einfluss auf das westliche Denken ist das altgriechisch geprägte Bild vom Helden, der die Überlegenheit der Götter herausfordert. In Übereinstimmung mit diesem Bild fühlen sich viele Menschen des Westens, und zwar sowohl Männer als auch Frauen, zur Rebellion gegen Autorität und Tradition getrieben. Dieser Drang kann sich in vielen Formen äußern.

So können Westler ihre Gleichheit zu demonstrieren versuchen, indem sie ständig ihre Kreativität und Kraft als unabhängige Individuen beweisen. Manche Menschen, die gegen die Traditionen ihrer Eltern oder ihrer Gesellschaft rebellieren, schließen sich Dharma-Zentren an, um auf diesem Weg, meist unbewusst, ihre Individualität zu beweisen. Andere glauben ihre Unabhängigkeit dadurch zu bestätigen, dass sie alternativen Moden folgen oder alternativen Bewegungen beitreten. Unbewusste rebellische Motive können jedoch die Chancen einer gesunden Beziehung zu einem spirituellen Lehrer gefährden.

Manche Schüler lehnen die ständige Anleitung ihres Mentors ab, nachdem sie das Gefühl haben, spirituell „erwachsen“ geworden zu sein. Spirituelle Mentoren lehren ihre Schüler, auf eigenen Beinen zu stehen und auf der Basis von Mitgefühl und Weisheit erleuchtete Entscheidungen zu treffen. Spirituell reife Entscheidungen treffen zu können bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass man den eigenen Mentor und seinen Rat als Bedrohung der eigenen Unabhängigkeit oder Individualität ablehnen muss. Wenn Schüler sich durch Überheblichkeit antreiben lassen, kommen sie unvermeidlich in Konflikt mit ihrem Mentor.

Der kulturell gestützte Drang, akzeptierte Kompetenzstandards herauszufordern und zu überwinden, kann sich auch in einem unbewussten Antrieb äußern, Erleuchtung erlangen und selbst der vollkommene Mentor werden zu wollen, um alle anderen zu übertreffen – als ginge es darum, eine Olympiade zu gewinnen. Das kann zu einer Art Wettbewerb mit dem eigenen Mentor führen, wobei kultureller Chauvinismus den Ehrgeiz noch verschärfen kann. So können manche Schüler und sogar einige ungenügend qualifizierte Lehrer zu dem arroganten Schluss kommen, dass ein moderner westlicher Zugang zum Buddhismus den überholten, abergläubischen, traditionellen Wegen eindeutig überlegen sei. Sie glauben daran, dass sie mit ihrem neuen Weg tatsächlich größere Meister werden als ihre eigenen Mentoren. Eine gesunde Schüler-Mentor-Beziehung erfordert jedoch eine bescheidene Wertschätzung der Güte des Mentors sowie einen tiefen Respekt für seine Qualitäten, sogar wenn man selbst schon ein Buddha geworden ist. 

Unterschiedliche Vorstellungen über die Freiheit zur Kreativität

Das tibetische Konzept der Kreativität unterscheidet sich grundlegend von westlichen Vorstellungen. Für traditionelle Tibeter spielt sich Kreativität wie für die meisten Asiaten hauptsächlich in der harmonischen Anwendung eines traditionellen Motivs auf individuelle Umstände ab. So versucht man zum Beispiel in der Tempelarchitektur, klassische Vorgaben in neue Landschaften einzupassen. Beim westlichen Verständnis von Kreativität geht es darum, etwas Neues zu erfinden – und eigentlich sollte es nicht nur neu sein, sondern auch in irgendeiner Hinsicht besser als alles bisher Geschaffene. Im kulturellen Kontext des Westens ist die Kreativität also unter anderem ein Mittel, seine Einzigartigkeit als Individuum darzustellen. Westliche Kreativität strebt häufig auch nach einem Schönheitsideal, das unbewusst mit Wahrheit und Güte gleichgesetzt wird. Diese Konzepte sind eindeutig Hinterlassenschaften des alten griechischen Gedankenguts.

Die indo-tibetische Kosmologie sieht die Geschichte als einen Prozess allmählicher Degeneration und nicht als einen Evolutionsprozess unvermeidlichen Fortschritts. Aus diesem Grund sehen traditionelle Tibeter einzigartige neue Ideen eher mit Misstrauen als mit Begeisterung.

Westliche Schüler, die kein Verständnis dieser kulturellen Unterschiede haben, rebellieren manchmal gegen traditionelle tibetische Mentoren, die keinen Sinn für Erfindungsgabe in Fragen des Dharma haben. Der tibetische Buddhismus ist jedoch durchaus offen für innovative Ideen in Form geschickter Mittel. Schließlich betonte der Buddha selbst die Notwendigkeit, den Dharma auf eine Weise zu lehren, die für unterschiedliche Persönlichkeiten und Kulturen jeweils am effektivsten ist. Allerdings müssen Neuerungen in der Art zu lehren oder die Dinge zu tun, immer dem Wohl der anderen dienen und nicht dem Ausdruck der eigenen Individualität oder der Suche nach der elegantesten Lösung. Wenn wir diese Unterscheidung im Sinn behalten und unsere Motivation für Veränderungen sorgfältig prüfen, können wir durchaus mit traditionellen tibetischen Lehrern zusammenarbeiten, ohne uns gleich in unserer Individualität bedroht fühlen zu müssen.

Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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