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Eine gesunde Beziehung aufbauen > Teil 2: Die Dynamik einer gesunden Lehrer-Schüler-Beziehung
> 10 Emotionale Blockaden in der Entwicklung von Vertrauen, Wertschätzung und Respekt überwinden
Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama hatte während seiner Minderjährigkeit zwei Regenten. Sie unterrichteten ihn ausführlich und gaben ihm zahlreiche tantrische Ermächtigungen. Sie gerieten aber auch in einen Machtkampf und ließen ihre Anhänger die Waffen gegeneinander erheben. Seine Heiligkeit erklärte, dass er auf seinem Meditationssitz keinerlei Probleme hatte, sich mit voller Überzeugung auf die guten Qualitäten zu konzentrieren, die jeder der beiden Regenten ja tatsächlich hatte. Auch fand er es nicht schwierig die Güte zu schätzen, die jeder der beiden ihm erwiesen hatte. Wenn er jedoch von seinem Meditationssitz aufstand, kritisierte er die politischen Intrigen seiner Regenten. Seine Heiligkeit sagte stets, dass er dabei keinerlei Widerspruch empfunden habe und es auch nicht emotional störend fand.
Manche Menschen des Westens sind bei einigen ihrer spirituellen Lehrer mit ähnlichen Situationen konfrontiert. So liegen einige berühmte Meister über den Status eines kontroversen Dharmabeschützers und die Folgen seiner Praxis miteinander im Streit. Sie missbrauchen ihre Positionen als spirituelle Mentoren und verbieten ihren Schülern, unter Androhung von Höllenstrafen, mit Lehrern der Gegenseite im Meinungsstreit irgendetwas zu tun zu haben. Andere berühmte Meister streiten über die Identifikation der Inkarnation der höchsten Lamas ihrer Linie. Einige Wenige sind gegen andere und ihre Besitzansprüche auf vererbte Besitztümer sogar polizeilich vorgegangen. Guru-Meditation der Mahyana-Ebene kann, so hat es Seine Heiligkeit der Dalai Lama erlebt, traumatisierten Dharmaschülern des Westens helfen, mit diesen schwierigen und verwickelten Problemen fertig zu werden. Sie kann auch denjenigen helfen, die von ihrem spirituellen Lehrer sexuell missbraucht oder aus Macht- bzw. Geldgründen ausgebeutet wurden. Schließlich kann diese Meditation auch allen Schülern verantwortungsloser Lehrer helfen, die zwar persönlich keinen Schaden erlitten, aber niedergeschmettert von den Taten ihrer Lehrer gehört haben.
Viele Schüler können mit derartig schwierigen Situation nicht fertig werden, ganz besonders dann, wenn sie bereits eine Schüler-Mentor-Beziehung zu beiden der nun im Streit liegenden Parteien aufgebaut haben. „Das gekürzte Kalachakra-Tantra“ erklärte, dass Schüler, die zu viele objektive Fehler bei ihrem spirituellen Mentor finden und keine enge Verbindung zu ihm mehr aufrechterhalten können, nicht länger mit ihm zusammenarbeiten müssen. Sie können einen respektvollen Abstand wahren, selbst wenn sie Ermächtigungen des höchsten Tantra von ihm erhalten haben.
Ob wir nun Abstand von verantwortungslosen Lehrern halten oder nicht, wichtig ist auf jeden Fall, dass wir aufhören auf ihrem verwirrenden Verhalten oder ihren Fehlern herumzureiten. Besessenheit von solchen Dingen vertieft nur unsere Verwirrung und spirituelle Verzweiflung. Wir müssen einen Heilungsprozess einleiten. Vielleicht gelingt es uns irgendwann sogar vom Nachdenken über die guten Qualitäten und die Güte unseres Lehrers profitieren zu können, ohne seine problematischen Seiten leugnen zu müssen.
Verletzte und verwirrte Schüler erleben häufig emotionale Blockaden, die sie daran hindern sich auf die guten Qualitäten umstrittener oder grober Lehrer zu konzentrieren. Im Laufe der Zeit und mit Unterstützung durch andere, können sie die aus ihrer traumatischen Erfahrung resultierenden manifesten emotionalen Probleme vielleicht überwinden. Der spirituelle Schaden geht jedoch häufig sehr tief. Das Problem zu leugnen oder zu unterdrücken hilft nicht viel. Um vollständige Heilung zu erfahren, müssen spirituell verletzte Schüler irgendwann in der Lage sein, die Mängel und Fehler ihres Mentors klarsichtig und frei von Naivität, Zorn oder Schuldzuweisung zu erkennen.
Der Fünfte Dalai Lama fügte der Guru-Meditation im Kadam-Stil noch einen vorbereitenden Schritt hinzu, der das Problem direkt angeht. Bevor die Schüler die guten Qualitäten und die Güte ihres Mentors erkennen und sich auf sie konzentrieren, bringen sie sich zuerst einmal seine Mängel und Fehler zu Bewusstsein und arbeiten an ihrer Sichtweise. Der Prozess ähnelt einem chirurgischen Eingriff. Das Säubern einer infizierten Wunde erfordert, dass man sie aufschneidet, obwohl das Anstechen des Abszesses und Freilegen der Infektion den Schmerz erst einmal deutlich verstärkt. Im Falle einer eiternden spirituellen Wunde kann die verborgene Entzündung in Leugnung oder unterdrückter Wut bestehen. Um die Infektion zu säubern muss die Wunde wieder geöffnet und der tiefer liegende Eiterherd an die Oberfläche gebracht werden, selbst wenn die Prozedur zeitweilig noch mehr emotionalen Schmerz freisetzt. Aber selbstverständlich muss diese Operation warten, bis die verletzte Person sich ausreichend vom Anfangstrauma erholt und die emotionale Stärke wiedererlangt hat, das Problem anzupacken.
Um die spirituelle Infektion aufstechen und heilen zu können, braucht es aber mehr, als dass die verletzte Person genügend emotionale Stärke wiedergewonnen hat. Die Operation selbst muss in einem förderlichen, geschützten Raum stattfinden, damit die Prozedur nicht selbst wieder traumatisch wird. In der Guru-Meditation stellen wir mit den vorbereitenden Praktiken den passenden geistigen Raum her, um die manchmal schmerzhafte Meditationsprozedur der Auseinandersetzung mit den Fehlern unseres Mentors und unserer Sichtweise zu halten und zu unterstützen. Mit den vorbereitenden Praktiken schaffen wir diesen Raum, indem wir unsere sichere Richtung im Leben stärken, unser Bodhichitta erneuern und uns durch die Praxis der siebenfache Anrufung an die Buddhas und die großen Meister der Vergangenheit und Gegenwart richten.
Wenn wir an die Fähigkeit der Drei Juwelen denken, unserem Leben eine sichere Richtung zu geben – und besonders, wenn wir uns auf das buddhistische Vorgehen der Arbeit an uns selbst zur Überwindung unserer emotionalen Probleme konzentrieren – können wir unseren spirituellen Anker wiederfinden. Wir brauchen diesen Anker, wenn wir unseren Glauben an den spirituellen Pfad verloren haben und ohne klare Richtung durchs Leben treiben. Wenn wir uns klarmachen, dass wir unsere eigenen emotionalen Wunden heilen müssen, um unsere Aufmerksamkeit vollständiger auf andere richten zu können, die der Hilfe bedürfen, können wir unsere Kräfte auf dem spirituellen Pfad wiederbeleben.
Die objektive Ausrichtung auf die guten Qualitäten der Buddhas und großen Meister der Vergangenheit und Gegenwart und das Erweisen von Respekt durch Niederwerfungen und Opfergaben hilft uns unseren Sinn für Werte zu stärken. Ohne einen Sinn für Werte werden wir in einem groben Lehrer keine guten Qualitäten erkennen können. Wenn wir die Enttäuschung und den Schmerz, die wir über die Fehler unseres Mentors empfinden, offen bekennen, können wir vielleicht etwas von der emotionalen Verspannung lösen, die unseren weiteren Fortschritt behindert. Unser Mentor ist dem Maßstab der Buddhas vielleicht nicht gerecht geworden. Trotzdem hilft uns die Freude an den guten Qualitäten und Taten der vergangenen und gegenwärtigen großen Meister, den deprimierenden Gedanken abzulegen, dass es überhaupt keine qualifizierten Meister gibt.
Indem wir dann die großen Meister bitten, nicht ins Nirwana einzugehen sondern zu lehren, öffnen wir unseren Herz und unseren Geist für das Fortschreiten auf dem spirituellen Pfad. Und indem wir die, durch die vorbereitende Praxis entstandene, positive Geisteshaltung dem Heilungsprozess widmen, können wir schließlich den Aufbau eines geschützten und förderlichen geistigen Raums abschließen. Diese vorbereitenden Übungen der Guru-Meditation – vorausgesetzt sie werden mit Aufrichtigkeit praktiziert – können uns helfen, die emotionale Stabilität zu gewinnen, die wir für die objektive Untersuchung der Fehler unseres Mentors brauchen.
Die chirurgische Prozedur der Meditation beginnt damit, dass wir uns die Mängel unseres Mentors vor Augen führen. Sind sie klar geworden, müssen wir klarsichtig untersuchen, ob unser Lehrer diese Mängel auch heute noch hat, ob er immer noch die gleichen Fehler macht. Vielleicht haben wir uns ja in längst vergangenen Geschichten verloren. Um zum Beispiel die Wunden eines Missbrauchs zu heilen, müssen wir herausfinden, ob der betreffende Lehrer seine Handlungen vielleicht bereut und sein Verhalten geändert hat. Eine derartige Feststellung entschuldigt das frühere Fehlverhalten des Lehrers natürlich nicht, aber für eine ehrliche Einschätzung der Situation müssen wir alle Faktoren berücksichtigen.
Die aufrichtige Untersuchung der Fehler unseres Mentors erfordert natürlich auch, dass wir uns auf Mängel und Fehler konzentrieren, die er tatsächlich hat. Wir müssen alle Defekte beiseite lassen, die wir aufgrund unserer störenden Emotionen oder Einstellungen vielleicht nur projizieren. Bei weniger schweren Problemen als spirituellem Missbrauch sind derartige Projektionen relativ häufig. Weil wir auf unsere Mitschüler eifersüchtig sind, könnten wir uns zum Beispiel einbilden, dass unser Mentor uns ignoriert, weil er nicht an unserem Wohl interessiert ist. Auch wenn es in Wirklichkeit so ist, dass der Lehrer den Bedürfnissen aller gerecht wird, ohne irgendwelche Vorlieben.
Darüber hinaus müssen wir auch zwischen wirklichen Fehlern, etwa unethischem Verhalten, und scheinbaren Fehlern unterscheiden, die nur eine anderen Art sind die Dinge zu tun, als wir es gewohnt sind. Häufig verwechseln Menschen diese beiden Seiten und halten alles, was ihnen an einem Lehrer nicht gefällt, für einen objektiven Fehler mit negativen Konsequenzen. Der Stil eines Mentors kann unbequem oder auch ineffizient sein, was uns bisweilen aufregt, so dass wir seine wahren Qualitäten aus den Augen verlieren. Aber darauf zu bestehen, dass das Verhalten unseres Mentors völlig mit unseren eigenen Neigungen übereinstimmen muss, beweist eine unrealistische Erwartungshaltung.
Ferner müssen die Fehler, auf die wir uns konzentrieren, sich auf die Fähigkeit unseres Mentors beziehen, uns auf dem spirituellen Pfad führen zu können. Und die Tatsache, dass unser Mentor nicht über die Kompetenz verfügt uns alles zu lehren, was wir brauchen, um ein Buddha zu werden, negiert nicht seine Fähigkeiten uns auf unserer gegenwärtigen Entwicklungsstufe nützen zu können. Durch diesen Prozess der Bestätigung der Fehler unseres Mentors als wirklich, aktuell und relevant können wir gestörte Ansichten und nicht mehr zeitgemäße oder irrelevante Aspekte aussortieren und loswerden.
Als nächstes müssen wir den Prozess untersuchen, durch den unser Geist täuschende Erscheinungen erschafft und diese dann projiziert. Karmische Hindernisse aufgrund unserer früher gemachten Erfahrungen und unseres psychologischen Profils können unseren Geist veranlassen Mängel in unserem Mentor erscheinen zu lassen, die mit unserer karmischen Wahrnehmung übereinstimmen, zum Beispiel, dass ihm nicht das Geringste an uns liegt. Unser Mangel an Bewusstsein für die Wirklichkeit und für das Gesetz von Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit unserem Verhalten lässt uns glauben, dass diese Erscheinungen korrekt sind. Durch unsere tief verwurzelte Gewohnheit, die Dinge ohne ein Bewusstsein der Wirklichkeit wahrzunehmen, lässt unser Geist die Fehler, die wir sehen, auf eine Weise existent erscheinen, die nicht in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ist. Es ist unser Geist, der sie uns als dauerhafte, inhärente und letztlich findbare Makel in unserem Lehrer erscheinen lässt, den wir daraufhin als einen mangelhaften oder abscheulichen Menschen sehen und zwar unabhängig von Ursachen, Umständen und einem konzeptuellen Hintergrund. Und schließlich lässt unser Mangel an Bewusstsein uns noch glauben, unser Mentor würde tatsächlich auf diese unmöglichen Arten und Weisen existieren.
Die Guru-Meditation verlangt nicht von uns, die korrekte konventionelle Erscheinung der eventuellen Fehler unseres Mentors zu leugnen. In Wirklichkeit könnte unser Mentor einfach zu beschäftigt sein, um uns, wann immer wir es wünschen, zur Verfügung zu stehen; vielleicht verhält er sich aber auch tatsächlich falsch. Statt dessen verlangt die Meditation wirklich von uns, unseren verwirrten Glauben an die zutiefst täuschenden Erscheinungsweisen der Seinsnatur unseres Mentors, mit den Fehlern, die er tatsächlich hat, endlich abzulegen. Wir müssen die logische Absurdität und damit die Unmöglichkeit verstehen, dass unser Mentor dank irgendwelcher dauerhafter, findbarer, innerer Defekte bestimmte Fehler besitzt, die ihn aus ihrer eigener Kraft, unabhängig von irgendetwas anderem zu einem inhärent schlechten Menschen machen.
Dieses Verständnis ermöglicht uns zu erkennen, dass die Mängel und Fehler unseres Mentors in Abhängigkeit von einer enormen Anzahl komplexer Faktoren entstanden sind. Dieses Verständnis schließlich macht den eigentlichen Heilungsprozess erst möglich. Dasselbe Verständnis versetzt uns auch in die Lage, die Fehler, die unser Mentor vielleicht wirklich hat, für den Augenblick zu ignorieren, und uns statt dessen in der Guru-Meditation auf seine guten Qualitäten zu konzentrieren und uns sogar von ihnen inspirieren zu lassen. Das alles ist völlig unabhängig davon, ob wir nun weiter mit unserem Mentor arbeiten oder ob wir uns entschlossen haben Abstand zu halten. Wenn wir von unserem Mentor Abstand halten, ermöglicht uns das Verständnis wie seine Mängel und Fehler zustande gekommen sind, diesen Abstand mit Respekt und innerem Frieden zu erleben.
In seinem Buch: „Invisible Loyalties“ („Unsichtbare Treuen“) schlägt der ungarische Gründer der kontextuellen Therapie, Boszormenyi-Nagy, einfühlsame Mittel und Wege vor, wie die psychischen Verletzungen von Opfern körperlicher Gewalt oder sexuellen Missbrauchs geheilt werden können. Die von ihm aufgezeigten Methoden gleichen in vielerlei Hinsicht dem Ansatz der Guru-Meditation der Sutra-Ebene. Seine Analyse kann unser Verständnis davon verstärken, wie die Meditation die Wunden von Schülerinnen und Schülern heilen kann, die von gewalttätigen Lehrern zutiefst verletzt worden sind.
Boszormenyi-Nagy erklärte, dass der erste Schritt im Heilungsprozess für Missbrauchsopfer darin besteht, dass sie ihren Schmerz anerkennen und ebenso ihr Recht sich schlecht fühlen zu dürfen. Tatsächlich sind sie ja gewaltsam verletzt worden, und wenn sie diese Wahrheit leugnen, verstärken sie nur ihre unterdrückte Wut und ihre Schuldgefühle. Und wenn wir persönlich von unserem spirituellen Mentor missbraucht worden sein sollten, oder aus verlässlicher Quelle erfahren haben, dass unser Mentor andere schlimm behandelt hat, müssen wir ebenfalls zuerst unseren Schmerz und unser „Recht“ uns schlecht fühlen zu dürfen anerkennen. Wir wurden ja tatsächlich schlecht behandelt oder fallen gelassen. Die Guru-Meditation kann in ihren vorbereitenden Übungen diesem Anerkenntnis gerecht werden, an der Stelle nämlich, wo wir unsere Schwierigkeiten offen bekennen.
Als nächstes wirft die kontextuelle Therapie Licht auf den Zusammenhang, aus dem der Missbrauch entstanden ist, sowohl von der Seite des Täters als auch von der des Opfers. Das heißt nicht etwa, dass man das falsche Verhalten oder das fehlerhafte Urteil seitens des Täters wegrationalisieren oder dass das Opfer die ganze Verantwortung übernehmen und sich schuldig fühlen sollte. Statt dessen sollten Missbrauchsopfer klar erkennen, dass die Situation in Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen entstanden ist. Dieser Prozess ähnelt der in der Guru-Meditation erreichten Schlussfolgerung, die durch den Abbau der täuschenden, von unserem Geist projizierten Erscheinungen von der Existenzweise unseres Mentors und seiner Fehler zustande kommt.
Missbrauchsopfer müssen auch erkennen, dass sie das Anrecht auf ein besseres Leben haben. In buddhistischem Vokabular ausgedrückt heißt das, dass das Anrecht auf Glück sich aus unserem eingeborenen Netzwerks positiver Potenziale als Teil der Buddhanatur ableitet. Dennoch müssen die Missbrauchsopfer dieses Glück auch verdienen, indem sie sich anständig verhalten. So haben zum Beispiel Kriegsflüchtlinge, einfach weil sie Menschen sind, ein Anrecht auf Unterkunft und Lebensunterhalt in ihren Gastländern. Dennoch müssen sie sich diese gute Behandlung auch verdienen, indem sie sich an die Gesetze halten und ein aufrechtes Leben führen. Auf ähnlich Weise müssen missbrauchte spirituelle Sucher die Notwendigkeit bekräftigen, den Richtlinien des Dharmas zu folgen.
Viele Missbrauchsopfer haben negative Selbstbilder. Sie geben sich entweder bewusst oder unbewusst selbst die Schuld für das Geschehene und haben vielleicht sogar das Gefühl, es nicht besser verdient zu haben. Selbst wenn sie doch das Recht auf eine bessere Behandlung empfinden, resignieren sie leicht wieder und lassen sich weiter missbrauchen. Ein ähnliches Verhaltensmuster entwickelt sich oft bei Opfern, denen gesagt wurde, dass sie etwas ganz Besonderes seien, und die sich auch so fühlen. Während der Missbrauchsbeziehung lässt ein aufgeblasenes Selbstwertgefühl sie nicht einmal bemerken, dass sie missbraucht werden. Häufig leugnen sie den Missbrauch und verteidigen den Täter, selbst wenn sie mit den Fakten konfrontiert werden. Wenn der Täter dann aber andere „Auserwählte“ findet, fühlen sie sich gedemütigt, erleben den plötzlichen Verlust ihres Selbstwertgefühls und sind zutiefst verletzt oder von wilder Wut erfüllt.
In allen diesen Fällen müssen die Opfer ihre Identifikation mit einem negativen Selbstbild aufgeben, um emotionale Stabilität zu finden oder wiederzufinden. Dieselben Richtlinien gelten für missbrauchte spirituelle Sucher zur Herstellung oder Wiederherstellung gesunder Beziehungen zu spirituellen Lehrern. Solange sie sich für unwürdig halten, bleiben sie anfällig für mögliche Manipulationen und Missbrauch.
Der nächste Schritt im Heilungsprozess der kontextuellen Therapie bezieht sich auf das, was das Missbrauchsopfer aus seiner Beziehung zu dem Missbraucher mitnimmt. Ist es bloß Wut, Bitterkeit und die Unfähigkeit in Zukunft noch irgendwem vertrauen zu können, oder kann das Missbrauchsopfer etwas Positiveres aus der Beziehung mitnehmen? In der Therapie konzentriert sich das Opfer auf die aus der Beziehung gewonnenen positiven Faktoren und hört auf, sich zwanghaft mit den negativen zu beschäftigen. Diese konstruktive Ausrichtung hilft dem Opfer zu einer Loyalität gegenüber den positiven Faktoren und macht es möglich, sie in sein Leben einzubauen. Im Falle einer inzestuösen Beziehung versetzt dieser Prozess das Opfer in die Lage, das Beste von den vergangenen Generationen zu übernehmen und es an seine Nachkommen weiterzugeben.
Darüber hinaus hilft der Prozess dem Opfer auch, nicht unbewusst mit unangebrachter Loyalität gegenüber den negativen Aspekten des Missbrauchers zu handeln. Eine derartige Loyalität kann dazu führen, dass das Opfer eine gewisse Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber entwickelt und aus Schuldgefühlen heraus sein Recht auf gesunde Beziehungen leugnet. In der Folge erlebt das Missbrauchsopfer häufig mentale Blockaden gegenüber emotionaler und körperlicher Intimität und zweifelt an seinem Recht auf Heirat und Kinder.
Mit Hilfe der Guru-Meditation kann ein missbrauchter Schüler sich ebenfalls auf die guten Qualitäten seines missbrauchenden Mentors konzentrieren und aufhören sich zwanghaft mit dem falschen Verhalten des Lehrers zu beschäftigen. Wenn er die positiven Dinge, die er tatsächlich aus der Mentor-Schüler-Beziehung zu diesem Lehrer gewonnen hat, anerkennt, wird der Schüler fähig, sich ihnen auf bewusste, positive Weise würdig zu erweisen, indem er die spirituelle Tradition seines Lehrers weiterführt und versucht sie an andere weiterzugeben. Auf diese Weise „verdient er sich das Recht“ sein spirituelles Leben fortzusetzen und gesunde Beziehungen zu anderen Lehrern aufzubauen. Herrschen beim Schüler hingegen Gefühle von Bitterkeit und Zorn vor, vielleicht noch verbunden mit unbewussten Schuldgefühlen aus dem Glauben, dass der Missbrauch aufgrund persönlicher Mängel und Fehler erfolgt ist – „ich bin als Schüler nicht gut genug gewesen“ – spricht er sich selbst das Recht auf eine weitere vertrauensvolle Beziehung ab. Derartig traumatisierte Dharma-Schüler sind häufig so frustriert, dass sie dem spirituellen Pfad den Rücken kehren.
Der Ansatz der Guru-Meditation im Stil der Kadam-Tradition, ergänzt durch Einsichten der kontextuellen Therapie, kann auch bei den Problemen hilfreich sein, die sich durch Lehrer ergeben, die in eine spirituelle Kontroverse verwickelt sind, auch wenn damit kein missbräuchliches Verhalten verbunden ist. Wenn unser spiritueller Mentor uns zum Beispiel nicht unter Androhung von Höllenstrafen befiehlt, einen speziellen Dharma-Schützer oder einen speziellen Kandidaten als Inkarnation eines großen Meisters zu verehren bzw. abzulehnen, findet kein Missbrauch im Zusammenhang mit diesen strittigen Fragen statt. Dennoch kann unser Mentor im Privaten den umstrittenen Schützer praktizieren oder ablehnen; er kann auch die Vor- und Nachteile dieser Praxis aufzeigen, solange er die Wahl uns selbst überlässt. Das Gleiche gilt im Zusammenhang mit der Unterstützung des einen oder anderen Tulku-Kandidaten. Vielleicht weicht unsere Meinung von der unseres Mentors ab, und wir stimmen eher mit der anderen Seite überein, haben aber das Gefühl, dass wir uns damit unloyal verhalten würden. Wir können die Beziehung jedoch gesund erhalten, wenn wir uns den guten Qualitäten unseres Mentors gegenüber loyal erweisen, indem wir sie in unser Verhalten übernehmen, während wir gleichzeitig die Aspekte, mit denen wir nicht übereinstimmen, ablehnen.
Derselbe Ratschlag gilt, wenn wir bereits eine Beziehung zu Lehrern beider im Streit liegenden Seiten aufgebaut haben. Beide Lehrer könnten nun versuchen ihre Macht auf uns auszuüben, indem sie verlangen, dass wir die Gegenseite ablehnen und aufgeben; beide könnten die Entscheidung aber auch uns überlassen, oder ein Lehrer verhält sich so, der andere anders. Es spielt eigentlich kaum eine Rolle. Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama erteilte den Rat, dass jeder sich seine eigene Meinung bilden müsse, gegründet auf die beschränkten Kräfte seiner Logik und Beweisführung und sein Verständnis der Schriftquellen. Wenn spirituelle Sucher ihre Entscheidung darauf gründen wollen, dass sie beide Lehrer als Buddhas sehen, oder wenn sie nur vom Blickpunkt der Leerheit oder des Geistes des Klaren Lichts argumentieren, werden sie niemals eine Entscheidung treffen können. Andererseits müssen sie vielleicht zu dem Schluss kommen, dass die Kontroverse für ihre Stufe der spirituellen Praxis bedeutungslos oder irrelevant ist, und können einen gleichmütigen Abstand zu der Angelegenheit halten.
Ob wir nun zu der Entscheidung kommen Abstand zu einem oder beiden Lehrern zu halten, oder ob wir eine Beziehung zu beiden aufrechterhalten, in jedem Fall können wir von der Guru-Meditation der Sutra-Ebene im Kadam-Stil profitieren. Wir müssen uns auf die guten Qualitäten jedes unserer Lehrer konzentrieren und aufhören uns zwanghaft mit ihren zerstörerischen und unverständlichen Handlungen zu beschäftigen.
In „Eine Lampe für die definitive Bedeutung“, stellt Kongtrül eine Verbindung zwischen einem wesentliches Element der Bodhichitta Meditation und der Guru-Meditation her. Eine Methode zur Entwicklung von Bodhichitta besteht darin, alle fühlenden Wesen als die eigene Mutter in einem früheren Leben zu erkennen und sich ihre Güte als Mütter zu vergegenwärtigen. Auch in der Guru-Meditation gilt es, sich die Güte des Mentors bewusst zu machen.
Viele Menschen des Westens haben jedoch große Schwierigkeiten, sich auf die Güte ihrer Mutter zu konzentrieren. Sie können in ihren Müttern keine Güte und Freundlichkeit finden, und häufig genug können sie nicht einmal in sich selbst irgendetwas Gutes entdecken. Obwohl sie sich verzweifelt nach Liebe und Güte sehnen, verhindern ihre mentalen Blockaden häufig, dass sie die Güte anderer – etwa ihres spirituellen Mentors – erkennen können. Gleichgültig wie viel Güte ihnen zuteil wird, niemals ist es genug.
Ein Grund dafür, dass wir die Güte unserer Mutter nicht schätzen können, mag darin liegen, dass sie es nicht schafft unserem Idealbild einer Mutter gerecht zu werden. Und wenn unser spiritueller Mentor Fehler hat und unserem Idealbild eines Lehrers nicht gerecht wird, können wir ebenfalls seine Güte nicht schätzen. Wie Kinder, die sich nach vollkommener Liebe sehnen, fühlen wir uns betrogen, wenn unser Mentor unsere Erwartungen nicht erfüllt.
Unsere emotionale Blockade in der Wertschätzung der Güte unseres nicht ganz vollkommenen Mentors kann sich aus Fehlern im geistigen Benennen ergeben. Die Madhyamaka-Philosophie erklärt, dass Worte und Konzepte für wahrnehmbare allgemeine Phänomene, wie etwa Güte, geistige Benennungen sind, die sich auf eine ganze Reihe spezifischer Beispiele beziehen. Wenn wir jedoch eine fixierte Vorstellung davon haben, was Güte ist, dann glauben wir fest, dass Güte sich nur auf eine spezielle Form von Güte beziehen kann. Unsere festen Vorstellungen berauben uns der Fähigkeit auch andere Formen rücksichtsvollen Verhaltens in unser Konzept der Güte mit aufzunehmen. Daher sind wir unfähig auch diese Formen des Verhaltens als gütig zu erkennen und benennen, und folglich können wir sie auch nicht schätzen.
So könnten wir zum Beispiel glauben, Güte bedeute warmherzige und körperliche Zuneigung zu zeigen. Nun mag unsere Mutter aus einer Reihe von Gründen nicht besonders warmherzig sein. Sie hat nur selten mit uns geschmust, als wir klein waren. Vielleicht hat sie ihre Zuneigung auf andere Weise gezeigt, indem sie sich zum Beispiel auf Genaueste um unsere körperlichen Bedürfnisse gekümmert hat. Das Verhalten unserer Mutter entsprach jedoch nicht unseren fixen Vorstellungen von Güte. Und weil wir unsere begrenzten Vorstellungen von Güte strikt für die wesentlichen Merkmale einer ideal gütigen Mutter halten, können wir die körperliche Fürsorge, die unsere Mutter uns angedeihen ließ, nicht als gütig erkennen und benennen.
Ein ähnlicher Fehler in der geistigen Benennung kann uns nun daran hindern, die Güte unseres Mentors zu erkennen und zu schätzen. Vielleicht haben wir feste Vorstellungen von einem idealen spirituellen Mentor – jemand, der seine ganze Zeit ausschließlich uns widmet, mit liebevoller Wärme und Zuneigung wie unsere ideale Mutter oder unser vollkommener Vater es tun würden. Vielleicht hat unser spiritueller Mentor nun aber viele andere Schüler und ist jemand, der seine Zuneigung nicht unbedingt körperlich zeigt. In einer Gesellschaft, die auf jede mögliche sexueller Belästigung hypersensibel reagiert, mag unser Mentor sich auch wohler fühlen, etwas reservierter mit dem Zeigen seiner Zuneigung umzugehen. Seine Güte zeigt sich eher darin, dass er sich mit größter Sorgfalt um unsere spirituellen Bedürfnisse kümmert und uns – seine nicht gerade vollkommenen Schüler – mit nie ermüdendem Enthusiasmus lehrt. Um die Güte unseres Mentors zu erkennen und entsprechend zu schätzen, müssen wir unsere begrenzten Konzepte von Güte lockern und erweitern. Außerdem ist korrektes geistiges Benennen eine Voraussetzung für jede richtige Begriffsbestimmung.
Vielen Menschen des Westens, besonders aus der jüngeren Generation, fällt es schwer Respekt zu erweisen. Sie respektieren einfach nichts und niemanden, vielleicht weil sie nichts für vertrauenswürdig halten. Sie wurden stets von anderen im Stich gelassen oder ihr Vertrauen wurde betrogen, häufig bereits von ihren berufstätigen Eltern, die durch die Anforderungen des modernen Lebens gezwungen waren, sie als Kleinkinder bei Fremden in einer Kinderkrippe zurückzulassen. Sie haben erleben müssen, dass Versprechen und Verträge häufig gebrochen wurden und wie oft politische und spirituelle Führungspersönlichkeiten an Skandalen beteiligt waren. Sie halten jeden, der einer Führungspersönlichkeit vertraut oder an die Worte eines solchen Menschen glaubt für hoffnungslos idealistisch und naiv. Häufig mangelt es ihnen sogar an Respekt für sich selbst. Ihre unbewussten Gefühle werden sichtbar in der Haltung: „Alles geht, letztlich spielt nichts eine Rolle.“
Man denke nur an die Opfer von Kindesmissbrauch. Menschen, die von ihren Eltern in der Kindheit missbraucht wurden, haben gewöhnlich keinerlei Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit dem Verhalten. Gleichgültig, was sie taten, ihre Eltern betranken sich und missbrauchten sie. Sie wurden niemals entsprechend ihres Verhaltens behandelt. Selbst wenn sie sich bestens benommen hatten, wurden sie missbraucht oder geschlagen. Diese Opfer müssen ihren Glauben an die korrekte Wirkungsweise von Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit dem Verhalten wiederfinden.
Ursache und Wirkung, oder Karma, funktioniert auf äußerst komplexe, nichtlineare Weise. Die Art und Weise wie Eltern auf Situationen reagieren wird nicht allein von den jeweiligen Situationen bestimmt, sondern ebenso von ihrem Persönlichkeitsprofil und ihrer persönlichen Geschichte, von anderen Geschehnissen des Tages, wirtschaftlichen Notwendigkeiten und so weiter. Daher ist auch das Verhalten des Kindes nicht der einzige bestimmende Faktor für den Missbrauch durch die Eltern. Häufig erzeugen sie durch ihr Verhalten Umstände, die tiefere psychologische Mechanismen in ihren Eltern auslösen. Um ihre Selbstachtung zu finden, müssen missbrauchte Kinder ein erweitertes Verständnis der vielen Faktoren gewinnen, die zum Missbrauchsverhalten ihrer Eltern beigetragen haben.
Die Guru-Meditation fordert uns ebenfalls auf, die ganze Bandbreite von Ursachen und Umständen zu begreifen, die nicht nur zu den Qualitäten unseres Mentors, sondern auch zu seinen Fehlern geführt haben. Je besser wir Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit dem Verhalten verstehen, desto klarsichtiger werden wir gegenüber unserem Mentor. Klarsichtiges Vertrauen in einen Mentor ist frei von jeder Naivität.
Zu erwarten, dass ein zum Missbrauch neigender Elternteil wie ein idealer Elternteil handeln würde, ist schlicht naiv. Ein missbrauchtes Kind hat ganz recht, wenn es dem anderen keine Vollkommenheit zutraut. Wenn wir unseren Mentor idealisieren, machen wir uns blind gegenüber der Arbeitsweise von Ursache und Wirkung, die zum tatsächlichen Verhalten unseres Mentors beiträgt. Wenn unser Mentor unseren Idealen nicht gerecht wird, trauen wir ihm nicht länger und finden es sehr schwierig ihm Respekt zu erweisen. Wenn wir jedoch zumindest die Prinzipien von Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit dem Verhalten verstehen, haben wir das Vertrauen, dass unser Mentor sich entsprechend verhalten wird. Wir werden nicht enttäuscht sein.
So mögen wir zum Beispiel den Dharma zwar aufrichtig üben, aber unser Mentor ist schlicht zu müde oder zu beschäftigt, um uns zu empfangen. Wenn wir erwarten, dass unser Mentor stets zur Verfügung steht, sobald wir einen Rat wollen, ist unsere Erwartung naiv. Wenn wir das Unmögliche erwarten, wird unser Mentor uns unweigerlich enttäuschen. Wenn wir jedoch Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit dem Verhalten verstehen, glauben wir an etwas viel Vernünftigeres. Wir glauben, dass unser Mentor uns genug Zeit und Aufmerksamkeit widmet, wenn die Umstände es erlauben.
Vernünftiges Vertrauen entsteht aus rationalem Denken, nicht aus Naivität oder idealistischen Träumen. Mit einem solchen Vertrauen beschimpfen wir unseren Lehrer nicht als schlechten Mentor, weil er keine Zeit für uns hat. Ebenso wenig setzen wir uns selbst herab, indem wir uns vorstellen, dass unser Mentor keine Zeit für uns hat, weil wir schlechte Schüler sind. Auf diese Weise ermöglicht vernünftiges Vertrauen klarsichtigen Respekt für den eigenen Mentor und für einen selbst.
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