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Eine Beziehung zu einem spirituellen Lehrer aufbauen:
Eine gesunde Beziehung fördern

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. „Zwischen Freiheit und Unterwerfung.
Chancen und Gefahren spiritueller Lehrer-Schüler-Beziehungen“.
Übersetzung: Tom Geist. Berlin: Theseus Verlag, 2002.
Vollständige Überarbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Relating to a Spiritual Teacher: Building a Healthy Relationship.
Ithaca, Snow Lion, 2000.

Teil 2: Die Dynamik einer gesunden Lehrer-Schüler-Beziehung

9 Der Umgang mit einem spirituellen Mentor auf der Ebene des Handelns

Vertrauen und Achtung für einen Mentor in Handlung übersetzen

Je mehr wir von den guten Qualitäten unseres Mentors überzeugt sind, desto mehr vertrauen wir auf ihn und seine Fähigkeiten uns richtig anzuleiten. Und je tiefer wir die Güte unseres Mentors schätzen, desto mehr Respekt entwickeln wir vor ihm. Eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor wächst aus dem Fundament von Vertrauen und Respekt.

Wenn sich die Beziehung entwickelt, übersetzen sich Vertrauen und Achtung ganz natürlich auch in unser Handeln. Asanga beschreibt die am häufigsten vorkommenden Formen in seinem „Filigran der Mahayana-Sutras“. Weil die Schüler fest an die guten Qualitäten ihrer Mentoren glauben und ihre hilfreiche Arbeit aufrichtig schätzen, macht es ihnen große Freude diese Arbeit zu unterstützen und jede nur mögliche Hilfe anzubieten. Ganz automatisch möchten sie ihre Achtung auf angemessene Weise zum Ausdruck bringen. Auf die sinnvollste Weise können Schüler ihr Vertrauen und ihre Achtung aber demonstrieren, indem sie den Anweisungen ihres Mentors folgen, besonders den Anweisungen in Zusammenhang mit ihrer spirituellen Praxis.

Die Arbeit eines Mentors unterstützen

Gemäß der klassischen Interpretation ist das Gewähren materieller Unterstützung die erste Art und Weise in der man seine Verbundenheit mit einem Mentor in Handlung ausdrückt. In vielen Texten heißt es ausdrücklich, dass Schüler ihrem Mentor ihren Reichtum, ihre Familie und sogar ihr Leben darbringen sollten. Ohne richtige Erklärung scheint diese Anweisung zu fordern, dass wir unserem Mentor unser ganzes Geld und allen Besitz geben und uns selbst und unsere Familien als Sklaven unterwerfen müssten, wie es bei Mitgliedern von Sekten manchmal der Fall ist. Und selbst wenn es nur bedeuten würde, dass wir unserem Mentor großzügige Geschenke zu machen hätten, bliebe bei den meisten Menschen des Westens schon ein schlechter Geschmack zurück.

Gemeint ist hier allerdings lediglich, dass die finanzielle und materielle Unterstützung der Arbeit eines Mentors eine natürliche Folge der Wertschätzung, des Respekts und des Vertrauens gegenüber diesem Menschen und seinen Bemühungen darstellt. Eine wie auch immer geartete Unterstützung ist allerdings nur dann aufrichtig und gesund, wenn sie auf völlig freiwilliger Basis geleistet wird. Ngoje Repa bestätigte diese Tatsache, als er betonte, dass die Unterstützung der Arbeit eines Mentors frei sein müsse von Berechnung und Scheinheiligkeit. Eine berechnende Gabe, um die Gunst des Mentors zu gewinnen oder andere Menschen zu beeindrucken, ist kein aufrichtiger Akt der Wertschätzung oder Achtung. Gleiches gilt für ein scheinheiliges Opfer, das aus Schuldgefühlen oder unter Gruppendruck gegeben aber von keinerlei aufrichtigen Empfindungen getragen wird.

Unserem Mentor unsere Familie und Lieben darzubringen, bedeutet natürlich nicht, sie in die Sklaverei zu verkaufen. Statt dessen bedeutet es zum Beispiel unseren Mentor in unserem Haus willkommen zu heißen und die Wärme, den Humor und die Gastfreundschaft der Familie mit ihm zu teilen, vorausgesetzt unser Mentor ist interessiert und auch die Familie hat nichts dagegen. Einen Lehrer bei passender Gelegenheit – etwa zu Feiertagen – nach Hause einzuladen, ist eine sinnvolle Art dem Mentor als Mensch grundlegende Unterstützung zuteil werden zu lassen. Gegründet auf unsere Wertschätzung und unser Vertrauen, öffnen wir die Tür zu unserem Heim und unserer Familie, in der Hoffnung, dass unser Mentor in der warmherzigen, menschlichen Umgebung richtige Entspannung genießen kann.

Der Fünfte Dalai Lama machte diese Punkte ganz klar. Er schrieb, obwohl buddhistische Standardquellen erklären, dass die Unterstützung des eigenen Mentors mit materiellen und familiären Mitteln die Netzwerke positiver Potenzial im Schüler stärken würden, diese Praktiken doch empfindsamen und aufrichtigen Nachdenkens bedürften. Wegen familiärer oder anderer Verantwortlichkeiten mag es unangebracht sein, dass der Schüler seinen wertvollsten Besitz weggibt oder teilt. Seinen Besitz für den Fortschritt auf dem spirituellen Pfad wegzugeben, sollte nicht ohne Zögern geschehen. Auch wird nicht geraten, alles wegzugeben. Wenn die Umstände es dem Schüler nicht gestatten, seinem Mentor diese Art von Unterstützung zukommen zu lassen, muss er das seinem Lehrer nur erklären und sich entschuldigen. Zu solchen Zeiten ist es wichtiger, sich aufrichtig zu wünschen eines Tages in der Lage zu sein, den Mentor und seine Arbeit auch auf diese Weise zu unterstützen.

Der fünfte Dalai Lama sagte weiter, dass Schüler, die in der Lage seien, ihren Mentor zu unterstützen, sich Gedanken über den passenden Ort, die passende Zeit und das rechte Maß machen müssten. Mit anderen Worten, es ist nicht nötig unter den gegenwärtigen Umständen die unvorstellbaren Akte selbstloser Großzügigkeit nachzuahmen, die außergewöhnliche Schüler beispiellosen Meistern in der Vergangenheit erwiesen haben. Die klassischen Texte zitieren diese extremen Beispiele lediglich zum Zwecke der Inspiration und nicht, um den Menschen unmögliche Aufgaben zu stellen, die über ihre gegenwärtigen Fähigkeiten hinausgehen.

Qualifizierte Menschen, deren Arbeit man schätzt, mit finanziellen und materiellen Mitteln zu unterstützen, entspricht darüber hinaus auch dem allgemeinen Brauch. So gewähren Universitäten zum Beispiel besonders begabten Studenten Stipendien, und viele Menschen machen wohltätigen Organisationen Schenkungen oder geben Spenden. Diese Art der Unterstützung sollte alle Stufen von Lehrern einbeziehen. Besonders wenn unsere spirituellen Lehrer ausschließlich von Spenden leben, ist es unsere Aufgabe, für die nötige finanzielle und materielle Unterstützung zu sorgen, wenn wir wollen, dass sie auch weiterhin lehren. Die Bemühungen unserer Lehrer freiwillig zu unterstützen, ist ein gesunder Ausdruck von Wertschätzung und Vertrauen.

Einem Mentor helfen

Die zweite gesunde Art und Weise unserem Mentor mit Handlungen zu dienen, besteht darin, ihm unsere Hilfe anzubieten und unseren Respekt zu zeigen. Wir können unserem Mentor zum Beispiel helfen, indem wir Reisearrangements für ihn treffen, ihn zu Verabredungen fahren, Briefe für ihn schreiben oder seine Lehren transkribieren und bearbeiten. Unseren Respekt können wir zeigen, indem wir pünktlich sind und jede Arbeit, für die wir uns verpflichtet haben, so schnell wie möglich fertig stellen. Ein weiterer Weg unseren Respekt aktiv zum Ausdruck zu bringen liegt darin, unseren Mentor mit unserer Kultur vertraut zu machen, wenn er aus einem anderen Kulturkreis kommt oder ihm alle Probleme zu erklären, die wir in unserem Dharmazentrum haben mögen. Auf diese Weise helfen wir unserem Mentor uns besser verstehen und helfen zu können.

„Nyenkur" (tib. bsnyen-bkur), ein zusammengesetztes Wort aus dem Tibetischen, das hier als „helfen und Respekt erweisen“ übersetzt wurde, wird meistens als „dienen und verehren“ übersetzt. Die zweite Übersetzung lässt aber eher auf eine hierarchisch, feudalistische Beziehung schließen. Folglich glauben viele westliche Sucher, dass die Beziehung zu einem spirituellen Mentor Servilität von ihnen verlangen würde, was manche – wohl aufgrund mangelnder Selbstachtung – auch noch angemessen finden. Für andere ist die Vorstellung von Dienerschaft und Unterwerfung eher abstoßend. Lassen Sie uns das Thema näher betrachten.

Tatsächlich ist die traditionelle tibetische Gesellschaft ein hierarchisch strukturiertes Feudalsystem gewesen. Viele Menschen, die über keine direkte Erfahrung einer derartigen gesellschaftlichen Struktur verfügen, beurteilen alle ihre Ausdrucksformen als repressiv und ausbeuterisch. Ihr Urteil ist von Vorurteilen geprägt und häufig ungerecht, obwohl manche Einschätzungen durchaus korrekt sein können. Wenn Menschen unter harten und schwierigen Umweltbedingungen leben, ohne über die bequemen Mittel der Moderne zu verfügen, ist die Form der Arbeitsteilung in einem erweiterten Haushalt die einzig realistische Lebensweise. Im optimalen Fall sorgt der Haushaltsvorstand für Schutz, Sicherheit und eine kluge Strategie im Umgang mit Problemen und Gefahren, während Diener für die körperlichen Bedürfnisse sorgen. Alle tragen zum allgemeinen Gedeih des Haushalts bei und alle Beteiligten behandeln sich gegenseitig mit Liebe und Respekt. Eine derartige Ordnung kann ein sehr harmonisches Sozialsystem hervorbringen. Ich habe diese Möglichkeit in meinem neunundzwanzigjährigen Zusammenleben mit traditionellen Tibetern in Indien selbst beobachten können.

Traditionelle tibetische Lehrer, speziell tantrische Meister, haben gewöhnlich sowohl Diener als auch Lehrlinge. Obwohl nicht alle Diener gleichzeitig auch Lehrlinge sind, kann eine Person durchaus beide Rollen spielen. Rigide Feudalgesellschaften werden zu Recht kritisiert, wenn sie keinen sozialen Wandel zulassen. Bei einer feudalen Beziehung zwischen Meister und Lehrling jedoch sind sowohl das Dienen als auch der Wandel selbstverständlich. Ein Lehrling wird irgendwann selbst zum Meister. Wenn im Haushalt eines monastischen Tulkus die gegenwärtige Inkarnation stirbt, wird der erste Diener des Lamas zum Haushaltsvorstand und übernimmt die Verantwortung für die Suche und die Erziehung der nächsten Inkarnation. Die meisten klösterlichen Gesellschaften Tibets, lassen also einen bestimmten Grad an sozialem Wandel zu. Nach heutigem westlichen Standard sind sie wohl nicht ideal, aber sie sind auch keine Hochburgen der Unterdrückung.

In den egalitären Gesellschaften des Westens nennen wir unsere Diener Assistenten, Sekretäre oder Hausmeister und zahlen ihnen ein Gehalt. Statt Lehrlingen haben wir freiwillige Praktikanten und Menschen im aktiven Arbeitstraining. Ein Hauptunterschied zwischen diesen Rollen im Westen und in der tibetischen Gesellschaft besteht allerdings darin, dass tibetische Diener und Lehrlinge gewöhnlich schon als Kinder in den Haushalt eines Meisters kommen. In den meisten Fällen wählen die jungen Menschen ihre Positionen nicht freiwillig; allerdings zwingt ihnen auch niemand gegen ihren Willen diese Rollen auf. Das Zusammenleben mit einem Lehrer ist nicht nur eine Ehre sondern auch eine der besten Möglichkeiten eine Bildung zu erhalten. Darüber hinaus ist der neue Haushalt Ersatzfamilie und materielle Lebensgrundlage. Außerdem übernehmen tibetische Kinder auch in ihren eigenen Familien generell wesentlich mehr Pflichten und Hausarbeiten als irgendein Kind im Westen. Sie müssen also im Haushalt ihres Lehrers nicht mehr arbeiten, als zuhause bei ihren Eltern.

Die schwindende Anzahl älterer Menschen, die noch im traditionellen Tibet aufgewachsen sind sowie die Einflüsse moderner Erziehung und sozialer Normen, führt zu einem rapiden Zusammenbruch des Systems der Dienerschaft bei den Tibetern im Exil. Obwohl einige Kinder in den Mönchs- und Nonnenklöstern immer noch mit ihren Lehrern leben und ihnen dienen, leben die meisten doch in Schlafsälen, fast wie in einem Internat. Niemand muss mehr Wasser vom Fluss holen oder nach Heizmaterial suchen. Das hat dazu geführt, dass die meisten der jüngeren Generation von Lehrern, besonders wenn sie außerhalb der monastischen Institutionen oder Laienhaushalte leben, lieber ohne Diener für sich selbst sorgen wollen.

Wenn sich die Situation der modernen Tibeter untereinander schon ändert, dann muss sie sich ganz gewiss auch zwischen Suchern des Westens und tibetischen oder westlichen Lehrern ändern. Das bedeutet nicht, dass die heutigen Schüler ihren Lehrern nicht mehr zur Hand gehen oder sie zum Essen einladen. Natürlich müssen sie diese Dinge auch weiterhin tun. Besonders wenn der Lehrer sehr viel lehrt, Schüler anleitet, schreibt, Zeremonien durchführt und so weiter und damit sehr beschäftigt ist, ist es durchaus angebracht, wenn einige Schüler das Kochen übernehmen und bei der Hausarbeit helfen, um die kostbare Zeit des Lehrers nicht zu verschwenden. Wenn der Lehrer andererseits aber viel Muße hat und der Schüler trotzdem dauernd persönlich für sein Wohl sorgt, obwohl auch andere Möglichkeiten zur Verfügung stünden, verwöhnt er den Lehrer nur und läuft zudem Gefahr seine eigene freie Zeit zu missbrauchen. Auch hier ist ein „mittlerer Weg“ nötig, der natürlich das Alter und die Gesundheit des Lehrers sowie die persönlichen Umstände des Schülers berücksichtigen muss.

Unserem spirituellen Lehrer im Rahmen eines „mittleren Weges“ zu helfen, ist ein gesunder Ausdruck unseren Glauben an seine Qualitäten und unsere Wertschätzung seiner Güte zum Ausdruck zu bringen. Und es entspricht normalem gesellschaftlichen Brauch. Die Menschen helfen ganz selbstverständlich denen, die sie achten und deren Güte sie schätzen. Daher handelt es sich beim Helfen um einen Rat mit allgemeiner Bedeutung, der alle Stufen von Lehrern einfasst, von Buddhismusprofessoren bis zu tantrischen Meistern.

Respekt erweisen

Der zweite Teil des zusammengesetzten Wortes, nyenkur, bedeutet Respekt erweisen in Worten und Verhalten. In traditionellen buddhistischen Kulturen erwiesen Schüler ihren spirituellen Mentoren Respekt, indem sie sich vor ihnen niederwarfen und ihre Häuser umwandelten. Auf diese Weise Respekt zu erweisen ist für die meisten westlichen Sucher unnatürlich und unangenehm. Weil sie den üblichen Bräuchen also nicht entsprechen, sind Niederwerfungen und Umwandlungen nicht als Praktiken für alle Gesellschaftsformen geeignet.

Der wesentliche Punkt ist aber auch nicht, in welcher Form wir unseren Respekt erweisen, sondern dass wir ihn auf irgendeine Weise überhaupt zeigen. Wir können zum Beispiel aufstehen wenn unser Mentor den Raum betritt, brauchen uns aber nicht niederzuwerfen oder zu verbeugen. Abhängig von den Teilnehmern, der Situation und der Begleitung in der wir uns befinden, kann eine formelle Ehrerbietung absurd, unangemessen oder linkisch wirken.

Bestimmte Formen der Höflichkeit sind allerdings universell. Dazu gehört es zum Beispiel sich zu waschen und angemessen zu kleiden, wenn man jemanden besuchen will, jemandem die Tür zu öffnen, jemanden zu seinem Platz zu führen, etwas Passendes zu trinken anzubieten und es in einem sauberen Glas oder einer sauberen Tasse zu servieren, still und aufmerksam zuzuhören, wenn jemand zu uns spricht, ihn nicht zu unterbrechen, höflich zu antworten und so weiter. Höfliches Verhalten und verbindliche Worte sind bei allen Stufen spiritueller Lehrer und auf allen Ebenen des Pfades angebracht.

Allerdings muss unsere Respektsbezeugung aufrichtig gemeint sein. Nach dem Text: „Ein Kommentar über die schwierigen Punkte in Bezug auf die Hilfe und Respektsbezeugung einem Guru gegenüber“, kann auch ein berechnender Schüler mit einem groben, weltlichen Geist einem spirituellen Mentor auf vielerlei Weise physisch helfen und dabei sogar äußerliche Formen der Höflichkeit an den Tag legen. Solange aber jemand einen Mentor nicht zutiefst und aufrichtig respektiert, zeigen seine Handlungen keinen wirklichen Respekt.

Den Rat eines Mentors annehmen

Alle klassischen Texte stimmen darin überein, dass man sein Vertrauen und seine Achtung am sinnvollsten demonstriert, wenn man den Rat seines Mentors anzunehmen bereit ist. Das ist die bedeutendste Art auf gesunde Weise mit einem spirituellen Mentor umzugehen. Viele Schüler missverstehen allerdings die Absicht dieser Lehre.

In einer gesunden Beziehung suchen wir den Rat unseres Mentors nur in wirklich wichtigen Fällen, die unsere spirituelle Entwicklung und Praxis betreffen. Würden wir unseren Mentor bitten, uns all unsere Entscheidungen abzunehmen, besonders auch die trivialen, würden wir einen Mangel an Reife an den Tag legen. Serkong Rinpoche wandte sich daher entschieden gegen Fragen wie: „Was soll ich aus meinem Leben machen?“ Außer wenn sie einen Rat bezüglich ihrer nächsten Praxis suchen, informieren reife Schüler ihren Mentor einfach über ihre persönlichen Pläne und fragen nur, ob der Lehrer in Zusammenhang damit irgendwelche Probleme sehen kann.

Eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor setzt also niemals die Verantwortung für das eigene Leben außer Kraft. Sie erzeugt auch keine psychische Abhängigkeit und verlangt nicht die unkritische Befolgung der Ratschläge des Mentors, als seien es militärische Befehle. Der Buddhismus verlangt niemals unterwürfigen Gehorsam, selbst nicht von einem Mönch gegenüber seinem Abt bzw. einer Nonne gegenüber ihrer Äbtissin. Schließlich ist eine der von Aryadeva aufgeführten Hauptqualitäten eines Schülers der gesunde Menschenverstand. Das bedeutet, dass man sowohl über Entscheidungsvermögen verfügt, als auch über die Freiheit der Wahl.

Gampopa bekräftigte Aryadevas Argument in „Einer kostbarer Girlande für den höchsten Pfad“. Dort listet der Kagyü-Meister „das eifrige Umsetzen des Rates vom Mentor mit unterscheidendem Gewahrsein und gläubigem Vertrauen“ als eine von zehn Eigenschaften auf, die den Schüler befähigen den Weg zu gehen. „Unterscheidendes Gewahrsein“ beinhaltet aber nicht nur den Gebrauch des gesunden Menschenverstandes in der Anwendung des Rates. Ebenso ist die Fähigkeit gemeint zwischen dem, was der Schüler tun kann und dem, was über seine momentanen Fähigkeiten hinausgeht unterscheiden zu können sowie zwischen einem Rat, der mit den Lehren des Buddha übereinstimmt und einem Rat, der dem Dharma widerspricht.

Ashvagosha machte diesen Punkt unzweideutig klar, besonders im Zusammenhang mit tantrischen Meistern. Wenn ein tantrischer Meister seinen Schüler bittet, etwas Unvernünftiges zu tun, was er überhaupt nicht leisten kann, dann muss der Schüler höflich erklären, warum er sich nicht danach richten kann. Diese Lehre bezieht sich auf spirituelle Lehrer aller Ebenen. Die indischen und tibetischen Kommentare dieses Punktes liefern die textliche Basis und erklären die Bedeutung. Wenn ein Mentor seinen Schüler um etwas bittet, was zwar in Übereinstimmung mit den Lehren des Buddha steht, aber für den Schüler nicht tragbar ist, oder was er nicht schafft, so sehr er sich auch anstrengen mag, muss der Schüler sich höflich entschuldigen. Verlangt der Mentor andererseits etwas, das dem Dharma zuwiderläuft – besonders wenn es mit dem Bruch von Gelübden verbunden ist – sollte der Schüler seinen Gleichmut bewahren und einfach nicht folgen. Wie Gampopa gesagt hat, muss man seinen moralischen Grund bewahren und darf seinen Halt nicht verlieren. Allerdings muss der Schüler auch in diesen Fällen stets höflich bleiben und seinem Mentor die Gründe erklären, warum er der Bitte nicht nachkommt. Schließlich wäre es möglich, dass der Mentor nur seine moralische Entschlossenheit prüfen will, wie es beim Buddha in einem seiner früheren Leben der Fall war, als sein Mentor ihn bat zu stehlen.

Kürzlich kamen einige Fälle an die Oberfläche, in denen scheinbar respektable spirituelle Lehrer ihre Schüler zu einer sexuellen Beziehung gezwungen hatten. Viele Westler reagierten mit tiefer Verwirrung. In den Texten, etwa in Kongtrüls „Lampe für der definitive Bedeutung“, lesen sie, dass gute Schüler alles tun müssen, was ihre tantrischen Meister ihnen auftragen, wie es auch Naropa tat, als Tilopa ihn aufforderte von einer Klippe zu springen. Allerdings hatte Tilopa auch die Kraft lebendige Fische zu essen, dann über den Gräten mit dem Finger zu schnippen, und den Fisch wieder zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus war Naropa schon Abt des Nalanda-Klosters und einer der gelehrtesten Menschen seiner Zeit. Wenn unsere Lehrer und wir auf einer ähnlichen Stufe stehen, dann ist das eine andere Sache. Wenn das aber nicht der Fall sein sollte, dann war der Buddha sehr eindeutig in seiner Aussage, dass der Rat für einen Bodhisattva einer hohen Stufe, nicht für Praktizierende auf niedrigeren Verwirklichungsstufen geeignet ist.

Die Autorität eines Mentors ehren

Wenn im Buddhismus gesagt wird, dass ein Mentor Autorität besitzt, dann bedeutet das nicht, dass er die autoritäre Kraft und das Recht hätte, seine Schüler herumzukommandieren und Gehorsam zu verlangen. Autorität bezieht sich hier auf die Tatsache, dass ein Mentor bekanntermaßen Wissen, Meisterschaft und andere gute Qualitäten besitzt. Die Autorität eines Mentors gründet sich auf seine Authentizität und nicht auf Macht, Zwang, Selbstgerechtigkeit oder den Willen Gottes.

Weil die Schüler klarsichtig und auf vernünftige Gründe gestützt glauben, dass die Qualitäten ihres Mentors authentisch sind, bringen sie ihm Vertrauen und Respekt als autoritativer Quelle für Beratung in spirituellen Angelegenheiten entgegen. Und weil sie bezüglich der Grenzen in der Kompetenz ihres Mentors frei von Naivität sind, blasen sie ihn nicht zu einer allmächtigen Gottesfigur auf, der man fraglos gehorchen muss. Naivität ist nicht die Absicht hinter den fortgeschrittenen Anweisungen, den eigenen Mentor als Buddha zu sehen.

Wenn ein Schüler enge Beziehungen zu mehr als einem spirituellen Mentor unterhält, bittet er nicht jeden seiner Mentoren wegen ein und derselben Angelegenheit um Rat. Mehr als einen Mentor zu fragen, beweist einen Mangel an Vertrauen in die Autorität eines jeden, als würde der Schüler solange weiterfragen, bis er die Antwort erhält, die er zu hören wünscht. Mit unterscheidender Weisheit muss der Schüler den richtigen Mentor als Ratgeber für ein spezifisches Problem wählen. Nur ein Idiot würde einen Rechtsanwalt um medizinische Beratung bitten.

Erst wenn wir tatsächlich Schüler eines spirituellen Mentors geworden sind, fragen wir um Rat bezüglich unserer spirituellen Praxis. Bevor wir diese Stufe der Verpflichtung erreicht haben, solange wir also noch Buddhismusstudenten, Dharmaschüler oder Meditations- bzw. Ritualpraktikanten sind, stellen wir keine Fragen dieser Art. Dann ist es passender unserem Buddhismusprofessor Fragen über die Lehre zu stellen, unseren Dharmaausbilder darüber, was eine bestimmte Lehre mit dem Leben zu tun hat und unserem Meditations- bzw. Ritualtrainer Fragen über die Körperhaltung zu stellen. Auch in diesen Fällen müssen wir unsere unterscheidende Weisheit einsetzen, indem wir nur Antworten akzeptieren, die mit dem Dharma im Einklang stehen.

Serkong Rinpoche warnte, dass selbst die gelehrtesten Meister sich gelegentlich versprechen, die Übersetzer häufig Fehler machen und die Schüler das Gesagte oft falsch hören. Wenn irgendetwas sich unpassend anhört, muss man es anhand der buddhistischen Standardtexte überprüfen. Wenn man einen Rat erhält, der nicht mit den Lehren in Einklang steht, muss man seinem Lehrer die Diskrepanz höflich erklären und um Erläuterung bitten.

Häufig gibt es aber Menschen, die den Buddhismus als spirituellen Pfad zur Selbsttransformation ernsthaft praktizieren wollen, obwohl sie noch keinen spirituellen Mentor gefunden haben. In diesem Fall hat man keine andere Wahl, als seinen Dharmaausbilder oder Meditationstrainer um Rat zu fragen, wie man auf einer ernsthafteren Stufe praktizieren kann. Jeder Rat, den man daraufhin erhält, gilt jedoch nur solange, bis man eine Beziehung zu einem qualifizierten spirituellen Mentor aufgebaut hat.

Einen Mentor nachahmen

Paltrül erklärte, dass potenzielle Schüler einen Menschen sehr genau prüfen müssen, bevor sie sich ihm als spirituellem Mentor verpflichten. Sind sie dann von der Qualifikation und Autorität des Mentors überzeugt und seine Schüler geworden, müssen sie sich mit akribischer Genauigkeit nach dem richten, was ihr Lehrer ihnen im Zusammenhang mit der Praxis rät. Schließlich müssen sie das Verhalten und die Verwirklichungen des Mentors nachahmen.

Manche Menschen nehmen diese Unterweisung wörtlich und glauben, sie müssten alles genauso machen wie ihr Mentor. Die Unterweisung bezieht sich aber in keinem Fall auf persönliche Angelegenheiten oder politische bzw. kulturelle Ansichten. Ist unser Mentor Tibeter und wir sind Westler, müssen wir keine tibetischen Bräuche übernehmen und Buttertee trinken. Auch müssen wir nicht auf traditionell patriarchalische Weise mit Frauen umgehen. Ebenso wenig müssen wir die gleichen Ermächtigung erhalten, die gleichen Text studieren und die gleichen Meditationspraktiken üben wie unser Mentor. Die Unterweisung den eigenen Mentor nachzuahmen, bedeutet lediglich, authentische Verwirklichungen zu erlangen und sich dann entsprechend zu verhalten. In dieser Angelegenheit muss man höchste Sorgfalt walten lassen. Paltrüls Schüler, Ngawang-Palzang erklärte in „Notizen zu ‚ Persönliche Unterweisungen meines vollkommenen Lehrers’“, dass es sowohl angeberisch als auch gefährlich wäre, würde man das Verhalten seines Mentors nachahmen, ohne vorher die gleiche Verwirklichungsstufe erreicht zu haben.

Klärung des Begriffs Hingabe

Der tibetische Begriff tenpa (tib. bsten-pa) beschreibt eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor. Die übliche Übersetzung lautet „Hingabe“, daher der Begriff Guru-Hingabe. Das Wort Hingabe verleitet jedoch zu einer missverständlichen Assoziation. Es beschwört das Bild eines hingebungsvollen Dieners oder eines glühenden Anhängers eines Gottes oder einer Sekte herauf. Es vermittelt außerdem das Gefühl einer Kombination von emotionaler Inbrunst und blindem Gehorsam.

Tenpa“ ist jedoch ein Verb und bedeutet jemandem in Gedanken und Handlungen nahe kommen und sich vertrauensvoll auf einen Menschen verlassen. Was es jedoch nicht bedeutet, ist, einem Scharlatan oder Schuft nahe zu kommen oder sich auf neurotische Weise auf jemanden zu verlassen, selbst wenn der Mensch die Kompetenz besitzt uns helfen zu können. Aus diesem Grunde habe ich es stets mit „aufbauen einer gesunden Beziehung“ übersetzt. Eine solche Beziehung baut man nicht nur zu einem spirituellen Lehrer auf, sondern auch zum Beispiel zu einem Arzt.

Nach dem Texte: „Ein Kommentar über die schwierigen Punkte in Bezug auf die Hilfe und Respektsbezeugung einem Guru gegenüber“, hat tenpa auch noch die Bedeutung von seinen „ Guru auf die rechte Weise erfreuen“. Die rechte oder gesunde Weise für einen Schüler seinem Mentor zu gefallen, besteht darin, dass er ihm nahe kommt, indem er sich nach seinem Vorbild richtet und seinem Rat folgt, den Geist zu transformieren und allen Wesen zu helfen. Jeder Versuch sich durch verschwenderische Geschenke einzuschmeicheln oder den Dharma nur zu üben, um dem Mentor zu gefallen, gehört nicht dazu. Wie der Buddha in „ Besondere Verse, nach Themen geordnet“, sagte: „ Man mag sein ganzes Leben einem spirituellen Mentor nahe sein. Wenn man jedoch den Dharma nicht lernt, den er unterrichtet, ist [die Erfahrung der Lehren so dürftig] wie der Geschmack des Eintopfs am Schöpflöffel.“

Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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