Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine Beziehung zu einem spirituellen Lehrer aufbauen:
Eine gesunde Beziehung fördern

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. „Zwischen Freiheit und Unterwerfung.
Chancen und Gefahren spiritueller
Lehrer-Schüler-Beziehungen“.
Übersetzung: Tom Geist. Berlin: Theseus Verlag, 2002.
Vollständige Überarbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Relating to a Spiritual Teacher:
Building a Healthy Relationship
.
Ithaca, Snow Lion, 2000.

Neuausgabe:
Wise Teacher, Wise Student:
Tibetan Approaches to a Healthy Relationship
.
Ithaca: Snow Lion, 2010

Teil 1: Spirituell Suchende und spirituelle Lehrer

6 Warum es im Höchsten Tantra notwendig ist, einen spirituellen Mentor zu haben

Die besondere Rolle der mündlichen Übertragung im Tantra

Mündliche Übertragung und die Inspiration durch einen spirituellen Mentor spielen im Tantra eine noch wichtigere Rolle als in der Sutra-Praxis. Das geht aus der Struktur der tantrischen Texte selbst hervor, wie auch aus der unverzichtbaren Aufgabe, dass man in fast jeder Meditationspraxis einen Meister der Überlieferungslinie nach dem anderen um Inspiration ersucht.

In „Einer erhellenden Lampe“, erklärt der indische Meister Chandrakirti die in „Einer Anthologie des Vajra-Tiefen-Gewahrseins“ skizzierten sechs alternativen Bedeutungen und vier Ebenen der Interpretation von Texten. Das zweite Werk gehört zu den erklärenden Tantras des Guhyasamaja und dient zum Verständnis der „Vajra-Ausdrücke“ der höchsten Klasse tantrischer Wurzeltexte. Außer im „Kalachakra-Tantra“, dem „klaren Tantra“, ist die Sprache dieser Texte absichtlich verworren gehalten, und in jedem Wort verbergen sich mehrere Ebenen von Bedeutungen. Ein Vajrabegriff kann (1) explizit und auf etwas hinweisend sein, (2) angedeutet und implizit, (3) metaphorisch und (4) nicht-metaphorisch sein. Darüber hinaus kann die Sprache (5) konventionell sein (6) oder von unsinnigen und unkonventionellen Begriffen Gebrauch machen. Schließlich kann ein Vajra-Ausdruck auch noch (1) wörtliche, (2) gemeinsame, (3) verborgene und (4) endgültige Ebenen von Bedeutung haben.

In „Einer ausführlichen Erklärung von [Chandrakirtis] ‚Erhellende Lampe’“ , erklärt Sherab-sengge, der Gelug-Gründer des tiefer gelegenen Tantrischen Kollegs, warum die „verborgenen Tantras“ ihre Bedeutung auf eine derart komplexe Weise verschlüsseln. Obwohl viele zusammenwirkende Faktoren vorhanden sein müssen, steht und fällt der Erfolg auf dem tantrischen Pfad letztlich mit der Inspiration und positiven Energie, die man aus einer gesunden Beziehung zu einem tantrischen Meister gewinnt. Um sicherzustellen, dass die Schüler eine solche Beziehung auch tatsächlich aufbauen, ist die Sprache der Tantras absichtlich verschleiert. Wenn sich ein Schüler bei mündlichen Übertragungen und Unterweisungen, und für das Erfahren von Inspiration, nicht auf seinen tantrischen Meister stützt, kann der Schüler die erklärenden Tantras nicht zu den Wurzeltexten in Beziehung setzen, um sich daraus die innere Bedeutung der tantrischen Praxis herzuleiten.

Verschiedene Methoden, um Schüler zu inspirieren

Schüler auf dem Pfad des Tantra können von ihrem Mentor die Inspiration zur Aktivierung ihrer Buddhanatur nicht nur durch das Hören der Worte mündlicher Übertragung, sondern durch all ihre Sinne erhalten. Tantrische Meister segnen winzige Kräuterpillen, chinlab (dasselbe Wort wie für Inspiration), und geben sie ihren Schülern, damit diese die Pillen kosten und herunterschlucken können. Dasselbe geschieht mit Teigkugeln aus gerösteter Gerste, die im Rahmen bestimmter Zeremonien ausgegeben werden, um die Schüler dazu zu inspirieren, ein langes Leben zu leben, dass der eigenen Entwicklung und dem Helfen anderer Lebewesen gewidmet ist. Die positive Einstellung, mit der die Schüler diese Dinge zu sich nehmen, stärkt ohne jeden Zweifel ihr Immunsystem.

Tantrische Meister inspirieren ihre Schüler aber auch noch dadurch, dass sie ihren Kopf berühren, was sie entweder mit Statuen tun, die Reliquien der Linienmeister enthalten oder indem sie ihnen mit ihrer Hand eine „Hand-Ermächtigung“ (einen Handsegen) geben. Darüber hinaus segnen sie auch in spezieller Weise geknotete rote Bändchen und Amulette, die die Schüler zu ihrem Schutz um den Hals tragen. Dass sie den Kopf ihrer Schüler berühren oder ihnen Talismane geben, soll nicht etwa Aberglauben oder die Hoffnung auf Magie nähren. Mit dieser Handlung beabsichtigen sie, den Schülern Vertrauen einzuhauchen, damit diese nicht zögern, die Potenziale ihrer Buddhanatur zu aktivieren.

Die Nyingma- und Kagyü-Traditionen sprechen von „Befreiung durch Hören, Sehen und Berührt-Werden“ . Befreiung bedeutet in diesem Zusammenhang, durch sinnliche Erfahrungen zur Aktivierung der eigenen Buddhanatur inspiriert zu werden. Dadurch wird die spirituelle Praxis besonders wirksam und führt so schnell wie möglich zur Erleuchtung. Der tibetische Titel des berühmten Tibetischen Totenbuchs lautet wörtlich übersetzt: „Befreiung durch Hören [der rezitierten Worte dieses Textes] im Bardo“. Damit die Schüler Befreiung durch Sehen erlangen können, zeigen Nyingma-Lamas ihnen besondere Statuen des Gründers ihrer Linie, Guru Rinpoche, Padmasambhava. Die Karmapas, die höchsten Meister der Karma-Kagyü-Tradition, vollziehen zu diesem Zweck die Schwarzhut-Zeremonie. Die Schüler erlangen Inspiration nicht nur, weil sie sehen, dass der Karmapa seinen schwarzen Hut trägt, der das Symbol aller Verwirklichungen der gesamten Übertragungslinie ist, sondern auch weil sie sich in der Präsenz eines verwirklichten Meisters in vollkommener meditativer Versenkung befinden. Tantrische Meister verteilen die gesegneten Kräuterpillen, Langlebens-Teigkugeln, Handsegen, Schutzbändchen und Amulette auch an die breite Öffentlichkeit. Ebenso präsentieren die tantrischen Meister auch einem allgemeinen Publikum die besonderen Statuen der Liniengründer und gestatten der Allgemeinheit die Zeremonien zu besuchen. Da jedoch die Mitglieder der allgemeinen Öffentlichkeit keine engen Beziehungen zu diesen tantrischen Meistern haben, erfahren sie auch nicht die gleiche Tiefe der Inspiration wie die persönlichen Schüler dieser Meister.

Die unvermeidliche Notwendigkeit, sich einem tantrischen Meister anzuvertrauen

Obwohl alle Formen des tibetischen Buddhismus einen kombinierten Pfad von Sutra und Tantra lehren, stimmen sie doch alle darin überein, dass nur die Methoden der höchsten Tantraklasse die letzten Hindernisse zur Erleuchtung beseitigen können. Das höchste Tantra umfasst Praktiken zur Arbeit mit den feinstofflichen Energiesystemen des Körpers, und Wege, die feinste Ebene des Geistes, klares Licht genannt, zu erreichen. Im System der Nyingmas wird diese Ebene des Geistes reines Gewahrsein (rigpa, tib. rig-pa) genannt. Der Einfachheit halber wollen wir durchgängig den Begriff Geist des klaren Lichts gebrauchen, der auch das reine Gewahrsein einbezieht.

Das hervorstechendste Merkmal, das im höchsten Tantra die Erleuchtung ermöglicht, ist die Ausrichtung darauf, dass jeder Mensch den Zugang zum individuellen Geist des klaren Lichts finden kann und diesen Geist dazu benutzen kann, Leerheit zu verstehen. Nur diese subtilste Ebene des Geistes kann mit den ganzen Fähigkeiten eines Buddhas arbeiten. Ausschließlich diese Ebene des Geistes setzt sich bis zur Erleuchtung fort und wird zum erleuchtenden, vollkommen weisen, alle Wesen liebenden Bewusstsein eines Buddha. Die unmittelbare Vorraussetzung, die wir direkt vor der Erleuchtung erlangen müssen, ist ein aktivierter Geist des klaren Lichts, der die leere Natur der Wirklichkeit ununterbrochen wahrnimmt, oder der, wie es in der Dzogchen-Terminologie heißt, „sein eigenes Gesicht erkennt“.

Obwohl der Geist des klaren Lichts eines jeden Menschen sich zum Zeitpunkt des Todes ganz natürlich vollständig zeigt, begreift der Verstorbene zur Zeit seines Todes gewöhnlich nicht, was vor sich geht. Zudem ist es äußerst schwierig einen Zugang zum Geist des klaren Lichts herzustellen, solange wir noch am Leben sind. Obwohl er jedem Augenblick unserer Erfahrung zugrunde liegt und jeden Augenblick unseres Erlebens begleitet, kann er niemals aktiv funktionieren, solange noch gröbere Ebenen des Geistes am Werk sind. Momente des unwillkürlichen, heftigen Einsaugens von Energie, etwa der Augenblick direkt vor dem sexuellen Höhepunkt, beim Niesen oder Gähnen kommen der Enthüllung dieser allerfeinsten Ebene des Geistes nahe. Allerdings zerstört die im darauf folgendem Moment stattfindende explosive Lösung der Energie sofort jede Möglichkeit diesen Moment einzufangen und in seiner Richtung weiterzugehen. So wie das Beschießen von Materie mit einem Atom einer kontrollierten Energie bedarf, um das Potenzial des Atoms freizusetzen, erfordert auch der Eintreten in den Zustand des Geistes des klaren Lichts und das Nutzbarmachen des Geistes des klaren Lichts eine intensive kontrollierte Energie, um die Leerheit zu erkennen.

Die Erfahrungen, die man während der Ermächtigungen in das höchste Tantra sammelt, verstärken die Potentiale unseres Geistes des klaren Lichts und aktivieren ihn dazu, weitere Fortschritte zu machen. Tantrische Zeremonien können jedoch nicht aus sich selbst heraus Energie einhauchen, ebenso wenig wie die komplexen Visualisationen oder inneren Yogas fortgeschrittener Tantra-Praktiken. Wir brauchen qualifizierte tantrische Meister und gesunde Beziehungen zu ihnen, um unsere Potenziale vollständig zum Leben zu erwecken. Ausschließlich die Kombination all dieser Faktoren kann die für den Zugang, den Erhalt und die Anwendung unseres Geistes des klaren Lichts nötige enorme Energie erwecken.

Der fünffache Praxispfad der Mahamudra (großes Siegel) der Drigung-Kagyü-Schule zeigt diesen Punkt ganz deutlich. Der Gründer der Tradition, Drigungpa, erklärte, dass zunächst zwei Merkmale notwendig seien, damit die Schüler ihren Geist des klaren Lichts erkennen können: Zuerst müssen sie Bodhichitta erzeugen und sich dann, diese Geisteshaltung beibehaltend, selbst als Buddhagestalten visualisieren. Ohne ein drittes Merkmal jedoch, eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor, fehlt den Schülern die Inspiration, die sie dazu benötigen, die gewaltigen Wolken konzeptuellen Denkens zu durchbrechen, damit sie ihren Geist des klaren Lichts erkennen können.

Der Geist des klaren Lichts als eine Art der Buddhanatur

Weil der Geist des klaren Lichts sich von einem Leben zum nächsten fortsetzt, bis hin zur Erleuchtung, ist sein Kontinuum die eigentliche Grundlage für die verschiedenen Aspekte der Buddhanatur. Aus diesem Grund betrachten die Nyingma-, Kagyü- und Sakya-Traditionen den Geist des klaren Lichts als die tiefste Buddhanatur. Der Geist des klaren Lichts trägt aber die anderen Aspekte der Buddhanatur nicht nur in seinem Strom mit sich, so wie ein Fluss Lastkähne flussabwärts trägt. Die Netzwerke guter Qualitäten, positiver Potenziale und tiefen Gewahrseins bilden selbst natürliche Merkmale des Geistes des klaren Lichts. In diesen Zusammenhang können wir Gampopas Erklärung stellen, dass eine gesunde Beziehung zu einem spirituellen Mentor die Buddhanatur aktiviert und damit eine Bedingung der tatsächlichen Ursache für das Erlangen der Erleuchtung darstellt. Eine gesunde Beziehung zu einem tantrischen Meister ist die Bedingung für die Aktivierung und Nutzung des Geistes des klaren Lichts mit allen seinen Qualitäten, Potenzialen und Arten des Gewahrseins.

Der innere Guru

Häufig hören wir von äußeren und inneren Gurus. Ein äußerer Guru ist ein Mensch, der als spiritueller Mentor dient. Ein innerer Guru hingegen ist weder eine geheimnisvolle Stimme im Kopf des Schülers, die ihm Anleitung gibt, noch irgendein Mystiker in einer Höhle des Himalajas, der telepathische Botschaften sendet. In seinem Text: „Eine goldene Gierlande ausgezeichneter Erklärungen“, erklärt Tsongkhapa, dass der innere Guru, auf der Ebene der Sutra-Lehren, das auf dem Beschreiten des spirituellen Pfades allmählich wachsende Mitgefühl sei. Inspiriert durch Mitgefühl entwickelt der Schüler Bodhichitta, das – einem Guru gleich – von guten Qualitäten erfüllt ist und ihn inspiriert, diese Fähigkeiten selbst auch zu entwickeln.

In dem Text „Die vollständige Erfüllung der Hoffnungen der Schüler“, deutet Tsongkhapa darauf hin, dass, auf der Ebene des höchsten Tantra, das tiefste Bodhichitta des Schülers selbst sein innerer Guru ist. Der Erste Panchen Lama verdeutlichte diesen Punkt in seinem Gelug-Klassiker: „ Opferzeremonie zu den spirituellen Meistern“ („ Lama Chöpa;Guru Puja). Dort bezeichnet er das tiefste Bodhichitta als Samantabhadra (das vollkommen Ausgezeichnete), was in der Nyingma-Tradition eine Bezeichnung für das reine Gewahrsein ist. Im Rahmen der Erklärungen dazu, dass das tiefste Bodhichitta als ein innerer Guru dient, macht er damit deutlich, dass das tiefste Bodhichitta eines Schülers sein eigener Geist des klaren Lichts ist, der die Leerheit erkennt.

Da der Geist des klaren Lichts, als eine Art der Buddhanatur, darüber hinaus das Potenzial besitzt, sein eigenes Gesicht zu erkennen und so Leerheit zu verwirklichen, kann der Geist des klaren Lichts eines Schülers auch als innerer Guru dienen, und zwar sogar schon bevor er eine Selbstverwirklichung erlangt. Diese erweiterte Bedeutung des Begriffs innerer Guru folgt dem buddhistischen Analysewerkzeug, das als „der Ursache den Namen des Ergebnisses geben“ bekannt ist.

Tantrische Ermächtigung erfordert also sowohl einen äußeren als auch einen inneren Guru. Die Inspiration seitens eines äußeren Gurus sorgt, zusammen mit den Verwirklichungen des Schülers während der Zeremonie, für die „ursächliche Ermächtigung“, die dann in tatsächliche Verwirklichungen reift. In der Nyingma-Tradition wird dieser Mechanismus erläutert. Der Reifeprozess findet nur statt, weil ein innerer Guru – als tiefste Buddhanatur – „grundlegende Ermächtigung“ erteilt. Als Grundlage für alle Verwirklichung umfasst der Geist des klaren Lichts sämtliche hervorragenden Qualitäten, die später zur Buddhaschaft heranreifen.

Als innerer Guru ist der Geist des klaren Lichts auch die ultimative Quelle der Inspiration. Das können wir auf zweierlei Weise verstehen. Die Gelug-Schule betrachtet die Inspiration, nach genauer Untersuchung, als eine subtile Form von Energie (lung, tib. rlung; Skt. prana). Zu diesem Schluss kommt die Gelug-Schule dadurch, dass sie ihre eigene besondere Darstellung der indischen Prasangika-Madhyamaka-Schule mit den Guhyasamaja-Lehren kombiniert. Die tiefste Quelle inspirierender Energie ist die subtilste lebenserhaltende Energie, die wiederum als körperliche Unterstützung für den Geist des klaren Lichts fungiert. Da diese subtilste Energie untrennbar vom Geist des klaren Lichts fließt, kann man nur Zugang zu dieser subtilen Energie finden, wenn man auch Zugang zur subtilsten Ebene des Geistes findet.

Die Nyingma-, Kagyü- und Sakya-Tradition folgen dem Stil der indischen Mahasiddhas (große verwirklichte Yogis) und bedienen sich einer mehr poetischen Beschreibung. Sie bezeichnen den Geist des klaren Lichts als „die Grundlage aller Dinge“ (Skt. alaya). In der Fachsprache des Dzogchen sind die Wellen der Inspiration „das strahlende Spiel“ des Geistes des klaren Lichts. So wie der helle Glanz der Sonne eine Qualität ist, die von der Sonne selbst nicht trennbar ist, so ist die Inspiration eine untrennbare Qualität des Geistes des klaren Lichts.

Warum wir einen Wurzelguru benötigen

Die Praktiken der Mahamudra und des Dzogchen richten den Geist auf seine eigene Natur hin aus, um Leerheit zu erkennen. Damit sich der Geist in nicht-dualistischer Weise auf den eigenen Geist hin auszurichten kann und dadurch seine leere Natur zu erkennen, bedarf es eines außergewöhnlich klaren und energiegeladenen Geistes, der die Ausrichtung des Geistes bewerkstelligt und ein ähnlich klaren und energiegeladenen Geist, auf den sich die Aufmerksamkeit richten kann. Ansonsten wäre der sich konzentrierende Geist zu schwach und das Objekt seiner Konzentration zu verschleiert, als dass es auch nur die geringste Hoffnung auf Erfolg geben könnte.

Die Mahamudra-Traditionen der Kagyü-Schule und der Gelug/Kagyü-Schule bieten beide sowohl eine Sutra-Form als auch eine tantrische Form dieser Praxis an. Die Mahamudra der Sakyas und das Dzogchen der Nyingmas behandeln nur die tantrische Ebene. Bei der Mahamudra-Praxis auf der Ebene der Sutra-Lehren richtet man mit den gröberen Ebenen des Geistes seine Aufmerksamkeit auf die eigene Natur dieser gröberen Geistesebenen hin aus. Das führt dazu, dass man sich mit der Ebene des geistigen Bewusstseins, auf der das konzeptuelle Denken stattfindet, sowohl auf das Sinnesbewusstsein als auch auf sein eigenes Bewusstsein konzentriert. Beim Mahamudra der tantrischen Ebene und beim Dzogchen richtet man den Geist des klaren Lichtes auf seine eigene Natur hin aus. Um mit den Methoden von Mahamudra und Dzogchen Erfolg zu haben, benötigt man dabei einen noch klareren und energiegeladeneren Geist als dies auf der Sutra-Ebene erforderlich ist.

Zugang zum Geist des klaren Lichts zu finden, erfordert im Allgemeinen mehr Inspiration als irgendeine Form des Sutra-Pfades. Eine gesunde Beziehung zu einem tantrischen Meister verleiht einem die zusätzliche Energie, die dafür notwendig ist. Da es sich bei einem Wurzelguru um die Art von spirituellem Mentor handelt, der einen Schüler am nachhaltigsten inspiriert, macht man bei den Praktiken des höchsten Tantra schneller Fortschritte, wenn der eigene tantrische Meister auch der eigene Wurzelguru ist. Für die Praxis der Tantra-Mahamudra und des Dzogchen jedoch ist eine tragfähige und tief empfundene Beziehung zu einem tantrischen Wurzelguru unverzichtbar. Daher stellt Sakya Pandita in seinem Werk „Der tiefgründige Pfad des Guru-Yoga“ fest, dass die Bitte um Inspiration den Schüler nur dann zur Erleuchtung bringen kann, wenn er sie an seinen die Ermächtigung erteilenden tantrischen Wurzelmeister richtet. Richtet er diese Bitte an irgendeinen anderen Mentor, von dem er keine Ermächtigung erhalten hat, kann sie ihm, im besten Falle, Glück im gegenwärtigen Leben und ein kleines bisschen Inspiration bringen.

Was ist das letztendliche Ziel der sich schrittweise vertiefenden Beziehungen zu unterschiedlichen spirituellen Lehrern?

In seinem Text: „Klare Verse“, unterscheidet Chandrakirti zwischen auslegbaren und eindeutigen Phänomenen. Auslegbare Phänomene existieren nicht auf die Art wie sie zu existieren scheinen. Sie bedürfen der Interpretation. Ihre korrekte Interpretation führt zu eindeutigen (definitiven) Phänomenen, die genau so existieren, wie sie zu existieren scheinen. In seiner Schrift „Eine Lampe, die klar die Ander-Leerheit der Madhyamaka-Tradition erhellt“, erläutert der Achte Karmapa den Geist des klaren Lichts als ein eindeutiges Phänomen. Gröbere Ebenen des Geistes und Erscheinungen sind deshalb auslegbar, weil sie nicht auf die Weise existieren wie sie erscheinen, auch wenn sie einen tiefer zum Geist des klaren Lichts führen.

Lassen Sie uns die Erörterung des Achten Karmapa um auslegbare und eindeutige Phänomene auf unser gegenwärtiges Thema erweitern. Die Beziehungen zu einem Buddhismusprofessor, einem Dharmaausbilder, einem Meditations- oder Ritualtrainer, einem Zufluchts- oder Gelübdemeister und einem Mahayana-Meister existieren nicht auf die Art und Weise wie sie erscheinen. Sie scheinen eine vollständige Aufeinanderfolge von Beziehungen zwischen Lehren und Schülern zu bilden, die ausreicht, um einen spirituell Suchenden zur Erleuchtung zu bringen. Die genannte Abfolge von Beziehungen führt jedoch zu jeweils tiefer gehenden Beziehungen.

Die auslegbare Abfolge von Beziehungen richtet sich zuerst darauf, eine Beziehung zu einem Wurzelguru als einen tantrischen Meister aufzubauen. Eine gesunde Beziehung zu einem tantrischen Meister bringt den Schüler dann in Kontakt mit seinem inneren Guru, seinem eigenen Geist des klaren Lichts. Die korrekte Beziehung zum inneren Guru führt zu einer Verwirklichung der Leerheit durch den Geist des klaren Lichts. Diese Verwirklichung ist die eindeutige Beziehung zwischen einem spirituell Suchenden und einem spirituellen Lehrer. Diese Verwirklichung zu erlangen, so bestätigt es Dragpa-Gyaltsen in seinem Werk „Die drei Wege der Inspiration“, ist das endgültige Ziel von sich stufenweise vertiefenden Beziehungen zu spirituellen Lehrern. Indem sie die Netzwerke guter Qualitäten, positiver Potenziale und tiefen Gewahrseins eines Schülers vollständig aktiviert, beseitigt die Verwirklichung die Hindernisse zur Befreiung und Erleuchtung; das geschieht entweder in Stufen oder auf einmal. Auf diese Weise wird ein Schüler zu einem Buddha, der allen Wesen Nutzen bringt.

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Beziehungen zu spirituellen Meistern zunehmend fortgeschrittenerer Ebenen aufzubauen, ist in sich selbst ein Stufenweg zur Erleuchtung. Die angemessene Beziehung zu einem Buddhismusprofessor, einem Dharmaausbilder und einem Meditations- bzw. Ritualtrainer bereiten den Weg für den Aufbau einer gesunden Beziehung zu einem spirituellen Mentor. Sich ernsthaft auf einen Mahayana-Meister als seinen spirituellen Mentor festzulegen, führt tiefergehend dazu, eine enge Bindung (damtsig, tib. dam-tshig; Skt. samaya) zu einem tantrischen Meister herzustellen. Das Aufrechterhalten der engen Bindung an den tantrischen Meister, verleiht den Methoden des höchsten Tantra die nötige Energie, um den Zugang zum Geist des klaren Lichts zu bewirken – d.h. zum inneren Guru, dem spirituellen Lehrer der definitiven Ebene. Eine weitere engen Bindung zum inneren Guru aufrechtzuerhalten, führt dazu, dass man die Leerheit mit Hilfe des Geistes des klaren Lichts verwirklicht. So führt das rechte Anvertrauen an den inneren Guru zur Erleuchtung.

Alle vier Traditionen des tibetischen Buddhismus akzeptieren als höchstes Ziel jeder Schüler-Mentor-Beziehung, dass diese Form der Beziehung eben die Vorzüge hervorbringt, die man ihr in der Praxis des höchsten Tantra zuspricht. Und obwohl jede Ebene der Beziehung zu einer entsprechenden Stufe in der Entwicklung des Schülers passt, enthalten die fortschreitenden Stufen doch auch die verborgene Absicht, uns auf allmählich auf immer tiefere Beziehungen vorzubereiten. Jede tibetische Darstellung der Schüler-Mentor-Beziehung bedarf also der Interpretation. Eine Beschreibung dessen, was oberflächlich betrachtet eine Beziehung für einen Anfänger oder einen Schüler der Sutra-Ebene zu sein scheint, ist nicht unbedingt als wörtlich zu nehmende Darstellung auf dieser Stufe gemeint. Wie bei den Vajra-Ausdrücken eines tantrischen Wurzeltextes mag die Erklärung eine eigentlich noch tiefere Ebene der Beziehung verschleiern und nur auf jener Ebene nicht-metaphorisch zu verstehen sein.

Ein letzter wichtiger Punkt bedarf noch der Erwähnung. In seinem Werk „Eine umfassende Darstellung der aufeinander folgenden Stufen des Pfades“, sagt Tsongkhapa, dass, obwohl im Tantra die effektivsten Methoden zum Erlangen der Erleuchtung gelehrt wird, der tantrische Pfad nicht unbedingt für jeden der geeignete Pfad sein muss. Aus dieser Aussage können wir folgern, dass das Studium mit einem spirituellen Lehrer nur dann zum Aufbau einer Beziehung zu einem tantrischen Meister führt, wenn wir Erleuchtung durch tantrische Methoden zu erlangen suchen. Wenn unsere spirituellen Ziele bescheidener sind oder andere Methoden der Praxis unseren Bedürfnissen eher entsprechen, ist die Beziehung zu einem Lehrer als einem tantrischen Meister nicht nur irrelevant, sondern kann sich – aufgrund von gegenseitigen Missverständnissen – sogar als katastrophal erweisen.