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Sich mit einem spirituellen Lehrer verbinden:
Eine gesunde Beziehung aufbauen

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Zwischen Freiheit und Unterwerfung. Chancen und Gefahren spiritueller Lehrer-Schüler Beziehungen". Übers. Tom Geist. Berlin: Theseus Verlag, 2002.

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Relating to a Spiritual Teacher: Building a Healthy Relationship. Ithaca, Snow Lion, 2000.

Teil 1: Spirituelle Sucher und spirituelle Lehrer

4 Die unterschiedlichen Arten spiritueller Lehrer und spiritueller Sucher

Prämissen

Die Menschen in Dharmazentren haben häufig Schwierigkeiten mit der Beziehung zu spirituellen Lehrern, selbst qualifizierten. Manche empfinden überhaupt nichts für den ansässigen Lehrer, selbst wenn es sich um einen Geshe oder Lama handelt. Andere bleiben völlig unbeeindruckt von einem zu Besuch weilenden Lehrer, obwohl alle anderen ihn mit äußerster Hingabe behandeln. Sie begegnen der Lehre, die verlangt, spirituelle Lehrer als Buddhas zu sehen, mit Unverständnis. Vielleicht weil sie glauben, alle Lehrer auf diese Weise sehen zu müssen und das von Anfang an. Folglich haben sie das Gefühl, dass sie etwas falsch machen.

Der erste Schritt zur Auflösung dieses Problems besteht darin, sich einige empirische Fakten bezüglich der Lehrer-Schüler-Beziehung vor Augen zu führen. (1) Nahezu alle spirituellen Sucher entwickeln sich schrittweise auf dem spirituellen Pfad. (2) Die meisten Praktizierenden studieren im Laufe ihres Lebens mit mehreren Lehrern, zu denen sie ganz unterschiedliche Beziehungen aufbauen. (3) Nicht alle spirituellen Lehrer haben dieselbe Stufe der Verwirklichung erlangt. (4) Die passende Art der Beziehung zwischen einem bestimmten Lehrer und einem bestimmten Schüler hängt von der jeweiligen spirituellen Stufe beider Beteiligten ab. (5) Die Schüler vertiefen ihre Beziehung zum Lehrer gewöhnlich in Übereinstimmung mit ihrem eigenen Fortschreiten auf dem spirituellen Pfad. (6) Da ein und derselbe Lehrer unterschiedliche Rollen im spirituellen Leben verschiedener Schüler spielen kann, kann die geeignetste Art der Beziehung zu diesem Lehrer für jeden Schüler ebenfalls unterschiedlich sein. Die Darstellungen in diesem Buch folgen den oben aufgestellten Prämissen.

Terminologie

Die sechs oben aufgeführten Punkte beruhen auf einer Unterscheidung, die Gampopa in seinem „ Kostbaren Schmuck für die Befreiung“, gegründet auf die Prajnaparamita-Literatur, getroffen hat. Im Verlauf ihres Fortschritts zur Erleuchtung erwerben spirituelle Sucher die Fähigkeit, Unterweisungen von Lehrern zu erhalten und zu verstehen, die in ihrer Erkenntnis der Leerheit zunehmend tiefgründiger werden. Das heißt, dass sowohl spirituelle Lehrer als auch Sucher sich in Stufen einteilen lassen. In der Folge wollen wir die Stufen spiritueller Lehrer nach gewissen Kriterien unterscheiden, nämlich den zunehmend tieferen Inhalten, Sichtweisen und Absichten ihrer Unterweisungen. Und im Zusammenhang mit jeder Art eines spirituellen Lehrers werden wir auch die entsprechenden Schüler vorstellen.

Um Klarheit in die Diskussion zu bringen, wollen wir uns auf bestimmte Konventionen einigen. So werden wir jemanden, der Informationen über Buddhas Lehren von einem neutralen Standpunkt aus weitergibt, einen „Buddhismus-Professor“ nennen. Eine Person, die mit einem solchen Buddhismusprofessor studiert, aber darüber hinaus nicht aktiv wird, wäre dann ein „Student des Buddhismus“. Jemanden, der, auf persönliche Erfahrung gegründet, die Lehren vom Standpunkt ihrer praktischen Anwendung im Leben verkündet, werden wir einen „Dharma-Ausbilder“ nennen. Jemand, der praktischen Buddhismus von einem solchen Dharmaausbilder lernt, wäre demnach ein „Dharma-Schüler“. Jemanden, der andere in den praktischen Aspekten von Meditation oder Ritual schult, werden wir einen „Meditations- oder Ritualtrainer“ nennen. Der entsprechende spirituelle Schüler wäre dann ein „Meditations- oder Ritualpraktikant“.

Den Begriff spiritueller Mentor werden wir in der Mahayana-Bedeutung für jemanden gebrauchen, der andere auf dem Stufenweg zur Erleuchtung führt. Jemand, der von einem spirituellen Mentor auf dem Stufenweg zur Erleuchtung geführt wird, wäre dessen „Schüler“, beginnend mit einem Sucher, der vor allem nach spirituellen Zielen ausschließlich im gegenwärtigen Leben oder auch für zukünftige Generationen strebt. Wenn jemand unter den spirituellen Mentoren die sichere Ausrichtung des Mahayana oder Laien- bzw. Mönchs- und Nonnengelübde verleiht, so werden wir ihn „Zufluchts- oder Gelübde-Meister“ nennen. Jemand, der von einem solchen Gelübdemeister Zufluchts- oder Befreiungsgelübde erhält, gehört zur Gruppe der „Zufluchts- oder Gelübde-Nachkommen“ dieses Meisters.

Einen Mentor, der die Methoden zur Entwicklung von Bodhichitta lehrt und spirituelle Sucher auf dem Bodhisattvapfad führt, werden wir einen „Mahayana-Meister“ nennen. Diejenigen, die von ihm oder ihr angeleitet werden, wären dann entsprechend „Mahayana-Schüler“. Einen Mahayanameister, der die Schüler durch die Methoden des Tantra zur Erleuchtung führt, werden wir einen „Tantrameister“ nennen. Ihm entspräche dann der „Tantraschüler“. Einen Lehrer, der das Herz des Suchenden am stärksten dem Dharma zuwendet, werden wir einen „Wurzel-Guru“ nennen. „Spiritueller Lehrer“ und „ spiritueller Sucher“ werden als allgemeine Oberbegriffe gebraucht.

In den klassischen Texten sprechen die Präsentationen der Beziehung zwischen einem spirituellen Sucher und einem spirituellen Lehrer nur über bestimmte Kategorien von Mentoren und Schülern. Sie gehen nicht auf frühere Stufen von Lehrern oder Suchern ein. Auf der einen Seite sprechen sie über spirituelle Mentoren, die hauptsächlich Mahayanameister, Tantrameister oder Wurzelgurus sind. Auf der anderen Seite beschäftigen sie sich hauptsächlich entweder mit Mahayana- oder Tantraschülern. Die Beziehung zwischen einem Zufluchts- oder Gelübdemeister und seinen Zufluchts- oder Gelübdenachkommen, wird gewöhnlich in einem anderen Zusammenhang behandelt: den Betrachtungen zur monastischen Disziplin. Die Betonung liegt dabei aber so gut wie ausschließlich auf der Beziehung zu einem Gelübdemeister für Mönchs- und Nonnengelübde.

Buddhismus-Professoren

Viele am Buddhismus interessierte Menschen haben keinen spirituellen Lehrer, der sie anleiten könnte. Sie studieren den Buddhismus lediglich mit Hilfe von Büchern, Kassetten, Videos oder dem Internet. Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama hat die Richtigkeit dieser Art des Lernens ausdrücklich bestätigt. Passende Themen für diese Art des Studiums wären etwa Vergänglichkeit, Karma, Mitgefühl oder Leerheit. Die meisten Menschen des Westens, die ein Interesse am Buddhismus entwickeln, ziehen ihre ersten Informationen tatsächlich aus Büchern – nicht nur aus buddhistischen Büchern sondern auch aus Werken der New-Age-Literatur sowie aus Romanen oder Sachbüchern mit buddhistischen Inhalten. Selbst Unterhaltungsfilme zum Beispiel über Tibet können das Interesse der Leute entzünden.

Aber weder Bücher noch Audio- oder Videokassetten können Fragen beantworten. Und gleichgültig wie interaktiv ein Computerprogramm sein mag, es kann auch nicht alle Antworten geben. Dazu ist nur ein lebendiger Lehrer in der Lage. Nachdem man also einige Anfangsinformationen über den Buddhismus gesammelt hat, besteht der nächste Schritt darin, einige Vorträge zu besuchen.

Manche belegen vielleicht einen Kurs bei einem Buddhismusprofessor an der Universität, um weitere Einzelheiten zum Thema zu erfahren. Ein gutes Grundlagenwissen über die Geschichte des Buddhismus, die prägenden politischen Einflüsse sowie kulturellen Adaptionen, denen er im Laufe seiner Verbreitung ausgesetzt war, hilft, romantische Illusionen zu vertreiben. Es stellt die Sache in einen Zusammenhang und liefert die intellektuellen Werkzeuge, um sich durch große Mengen Materials zu arbeiten und die Essenz zu finden. Buddhismusprofessoren unterrichten ihre Studenten meist auch in den Inhalten der Buddhalehre. Gewöhnlich nehmen sie dabei einen neutralen Standpunkt ein, wie bei der objektiven Erklärung der Inhalte irgendeiner der Weltreligionen.

Einige gelehrte Lehrer, Geshes oder Khenpos in Dharmazentren vermitteln die Inhalte der Buddhalehre gelegentlich auf die gleiche Weise wie Universitätsprofessoren. Und selbst wenn diese Lehrer erklären, wie der Dharma im Leben anzuwenden ist, widmen die Buddhismus-Studenten dem nur wenig Aufmerksamkeit. Sie hören hauptsächlich zu, um Informationen zu sammeln. Für Buddhismus-Studenten sind also auch Geshes oder Khenpos lediglich Buddhismusprofessoren. Wenn wir als Suchende den Buddhismus als Methode zur spirituellen Selbstentwicklung studieren wollen, müssen wir mit einem Lehrer arbeiten, der als Dharmaausbilder fungiert.

Dharma-Ausbilder

Die Unterscheidung zwischen Buddhismusprofessoren und Dharmaausbildern geht auf drei Ebenen unterscheidenden Gewahrseins zurück, die der Buddhismus lehrt. (1) Das unterscheidende Gewahrsein der korrekten Information entspringt aus dem Hören von Vorträgen vertrauenswürdiger Lehrer oder dem Lesen von Büchern verlässlicher Autoren. (2) Das auf korrektem intellektuellem Verstehen gegründete unterscheidende Gewahrsein entspringt aus dem Nachdenken über die korrekten Informationen, die man gesammelt hat. (3) Das auf korrekter erfahrungsgemäßer Einsicht gegründete unterscheidende Gewahrsein entspringt aus der Meditation über das, was intellektuell korrekt verstanden wurde. Spirituelle Lehrer können Suchende auf Arten und Weisen lehren, die sich auf eine oder mehrere dieser drei Ebenen unterscheidenden Gewahrseins stützen.

Buddhismusprofessoren geben gewöhnlich Informationen weiter, die sie aus Texten oder westlich wissenschaftlicher Forschung gewonnen haben. Zusätzlich können sie versucht haben die Bedeutung der Lehren intellektuell zu ergründen und daher eventuell auch aus intellektuellem Verständnis und intellektueller Einsicht lehren. Dharmaausbilder verfügen ebenfalls über ein gewisses Maß an Kenntnis der Schriften und lehren entsprechend. Zusätzlich beruhen ihre Erklärungen jedoch auf aus Erfahrung entstandenem Verständnis, das sie aus der praktischen Umsetzung der Lehren und dem Versuch gewonnen haben, sie in ihr eigenes Leben zu integrieren. Auch Buddhismusprofessoren können natürlich über auf Erfahrung beruhender Einsicht verfügen, gewöhnlich jedoch teilen sie diese Einsichten anderen nicht mit.

Bei Dharmaausbildern kann es sich um fortgeschrittene spirituelle Sucher eines Dharmazentrums handeln, die über mehr Wissen und Erfahrung verfügen als die anderen. Auf einer höheren Ebene können Dharmaausbilder auch ansässige oder durchreisende Lehrer sein. Vielleicht verfügen sie auch über einen Universitätsabschluss in buddhistischen Studien oder einen monastischen Rang, obwohl nichts davon Voraussetzung ist. Als Dharmaschüler können wir von ihnen allen lernen wie man den Buddhismus im Alltag anwendet.

Meditations- oder Ritual-Trainer

Suchende, die über eine intellektuelle Kenntnis der buddhistischen Methoden zur Selbst-Transformation hinauszugehen wünschen, müssen sich selbst in den Praktiken üben. Das Training umfasst die Meditation und, bei bestimmten Aspekten der Lehren, das Ausüben ritueller Praktiken. Bei der Meditation geht es entweder darum, einen heilsamen Geisteszustand zu erzeugen oder den Geist in seinem natürlichen positiven Zustand zur Ruhe kommen zu lassen. Durch häufige Wiederholung wird dieser Geisteszustand zur Gewohnheit und zu einem integralen Teil der Persönlichkeit. Die Ritualpraxis fügt der Meditation körperliche und verbale Formen hinzu und sorgt für eine Anbindung an die Tradition. Sie kann den Aufbau eines Schreins ebenso beinhalten wie das Darbringen von Opfergaben, Niederwerfungen, Rezitation von Texten oder den Umgang mit den traditionellen Ritualobjekten Vajra, Glocke und Handtrommel. Das Gefühl von Kontinuität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Praktizierenden, die dieselben Riten vollzogen haben und noch vollziehen, vermittelt eine Empfindung von Unterstützung, Sicherheit und Vertrauen.

Verschiedene Menschen in einem Dharmazentrum können in der Lage sein uns in den grundlegenden Aspekten von Meditation und Ritual zu schulen. Wieder kann es sich bei ihnen um fortgeschrittenere spirituelle Sucher oder um ansässige bzw. durchreisende Dharmaausbilder handeln. Manche Zentren haben Spezialisten für das Meditations- oder Ritualtraining von Anfängern. Diese Personen haben unter Umständen Dreijahres-Retreats abgeschlossen. Sie können uns nicht unbedingt mehr als die elementarsten Dharmalehren erklären, aber sie sind erfahren und kompetent darin Menschen in den Anfangsstufen von Meditation oder Ritual oder beidem zu unterrichten.

Spirituelle Mentoren

Die buddhistischen Lehren unterscheiden zwischen blitzartigen Einsichten (tib. nyams) und stabilen Verwirklichungen (tib. rtogs-pa). Eine blitzartige Einsicht zieht noch keine signifikante Veränderung des Lebens nach sich, kann jedoch in die richtige Richtung weisen. Eine stabile Verwirklichung hingegen, sei sie nun partiell oder vollständig, bringt tatsächlich eine bemerkbare und dauerhafte Verbesserung hervor. Unsere Unterscheidung zwischen Dharmaausbildern und spirituellen Mentoren beruht auf diesem Unterschied. Dharmaausbilder können über Einsicht oder Verwirklichung verfügen, spirituelle Mentoren hingegen müssen ein gewisses Maß an stabiler Verwirklichung aufweisen.

Eine weitere Unterscheidung beruht auf den zwei Arten auf die der Buddha das, was er erreicht hatte, an andere weitergab. Er kommunizierte seine Erleuchtung nämlich verbal und durch die Wirkungen seiner Verwirklichungen. Buddhismusprofessoren und Dharmaausbilder lehren hauptsächlich durch verbale Unterweisung. Damit aber ein spiritueller Lehrer Suchende umfassend anleiten kann, muss er die Lehren auch in seine Persönlichkeit integriert haben; er muss sie sozusagen verkörpern. Denn nur dann kann er als spiritueller Mentor seine Schüler umfassend inspirieren und lehren und zwar durch sein lebendiges Beispiel. Wegen der offensichtlichen persönlichen Entwicklung eines Mentors haben spirituelle Sucher genug Vertrauen sich ihm als Schüler anzuvertrauen, um selbst ähnliche Stufen der Selbst-Transformation erreichen zu können. Spirituelle Mentoren helfen also den Schülern ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Haben wir genug praktisches Wissen bezüglich der Lehrern erlangt, indem wir mit Dharmaausbildern gearbeitet haben und ausreichende Vertrautheit mit den pragmatischen Aspekten durch die Arbeit mit Meditations- oder Ritualtrainern, sind wir vielleicht bereit den nächsten Schritt zu tun. Wir mögen bereit sein Schüler eines spirituellen Lehrers zu werden und ihn als unseren spirituellen Mentor zu betrachten. Um als spiritueller Mentor fungieren zu können, braucht ein Lehrer die Qualitäten eines Gurus, Lamas und spirituellen Freundes, unabhängig von dem Titel, den er tatsächlich führt. Ein solcher Lehrer kann bereits unser Buddhismusprofessor, Dharmaausbilder oder Meditations- bzw. Ritualtrainer gewesen sein. Außerdem kann unser spiritueller Mentor auch der Lehrer anderer Schüler sein, die nicht unbedingt zu unserer Universität oder unserer Dharmagruppe gehören müssen.

Um aber überhaupt Schüler eines spirituellen Mentors werden zu können, muss man selbst zuerst einmal dem Namen Schüler gerecht werden. Das heißt im Besonderen, dass am Buddhismus interessierte Sucher sich dem buddhistischen Pfad formell verpflichten müssen. Dieser Schritt beinhaltet das Ablegen von Gelübden, destruktives Verhalten möglichst zu unterlassen und sich in konstruktivem Verhalten zu üben. In seinem Text „Ozean unendlichen Wissens“ erklärt Kongtrül, ein berühmter Gelehrter der (nicht-sektiererischen) Rime-Bewegung, drei Ebenen spiritueller Mentoren. Die Unterscheidung beruht darauf welche der drei Arten von Gelübden ein Schüler in Gegenwart des Mentors ablegt: Pratimoksha-, Bodhisattva- oder Tantragelübde. Buddhistische Gelübde ziehen stets eine Langzeitverpflichtung nach sich. In der tibetischen Tradition nimmt man die Laien- sowie Mönchs- und Nonnengelübde für den Rest seines gegenwärtigen Lebens, wohingegen die Zufluchts-, Bodhisattva- und Tantragelübde für alle Leben bis zur Erleuchtung gelten. Folglich ist eine Schüler-Mentor-Bindung, die sich im Zusammenhang mit diesen Hauptgelübden bildet, von einer tiefe Ernsthaftigkeit geprägt.

Zufluchts- oder Gelübde-Meister

Diejenigen, die sich dem buddhistischen Pfad verpflichten wollen, geben ihrem Leben eine sichere Ausrichtung im Sinne der Drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Volles Engagement beinhaltet darüber hinaus auch das Ablegen entweder der Laien- oder der Mönchs- bzw. Nonnengelübde zur individuellen Befreiung. Engagierte Laienbuddhisten versprechen sich aller oder einiger der folgenden destruktiven Handlungen zu enthalten: Töten, Stehlen, Lügen, Schwelgen in unangebrachter Sexualität, und Nehmen von Rauschmitteln.

Das Ablegen der Zufluchts- und Befreiungsgelübde ist sozusagen die Wasserscheide eines buddhistisch spirituellen Lebens. Obwohl die klassischen Texte verschiedene außergewöhnliche Methoden beschreiben mit denen bestimmte Schüler und Schülerinnen zu Lebzeiten des Buddha die Mönchs- oder Nonnengelübde ablegten, ist heutzutage die Präsenz spiritueller Älterer nötig. Obwohl Kongtrül von Gelübdemeistern speziell im Rahmen der Mönchs- bzw. Nonnengelübde spricht, müssen die Schüler auch die Zufluchts- und Laiengelübde in der Gegenwart von spirituellen Älteren ablegen. Daher werden wir den Rahmen der Definition Kongtrüls von Gelübdemeistern erweitern und auch diejenigen einschließen, in deren Gegenwart Schüler Mahayana-Zuflucht oder Laiengelübde ablegen. Da die meisten Menschen des Westens, die dem buddhistischen Pfad folgen, Haushälter bleiben, wollen wir unsere weitere Diskussion auf die Gelübdemeister der sogenannten „vormonastischen“ oder Laiengelübde beschränken.

Im Rahmen des tibetischen Buddhismus sind Zufluchts- oder Gelübdemeister notwendigerweise Ältere des Mahayana. Darüber hinaus müssen sie spirituelle Mentoren sein, die ihre eigenen Gelübde eine bestimmte Mindestanzahl von Jahren fehlerlos gehalten haben. Diese Qualifikation verleiht dem Ereignis Gewicht und Authentizität, wenn die Gelübdemeister ihre Nachkommen an die Tradition anbinden, die sich bis zu den unmittelbaren Schülern des historischen Buddha zurückverfolgen lässt.

Zufluchts- und Gelübdemeister müssen nicht ein und dieselbe Person sein. Obwohl sie natürlich im Rahmen unserer Gelübde zu unseren Lehrern werden, müssen sie darüber hinaus nicht auch gleichzeitig unsere spirituellen Mentoren sein. Das Ablegen der Zufluchts- oder Befreiungsgelübde in Gegenwart eines Gelübdemeisters verbindet uns mit dem Buddhismus im Allgemeinen. Es bindet uns nicht an die spezielle tibetische Schule des Gelübdemeisters, da alle tibetischen Traditionen dieselbe indische Überlieferungslinie von Gelübden weitergeben. Wir werden einfach Praktizierende des Buddhismus – Laien oder Mönche bzw. Nonnen – und nicht Mitglieder der Nyingma-, Sakya-, Kagyü- oder Gelug-Schule.

Einige spirituelle Sucher nehmen formell Zuflucht während sie noch Studenten des Buddhismus, Dharmaschüler oder Meditations- bzw. Ritualpraktikanten sind. Andere tun diesen Schritt schon während sie noch vollkommene Neulinge im Buddhismus sind und noch so gut wie nichts über die Lehren wissen. Häufig handelt es sich dabei um eine Momententscheidung aus einem gewissen Gruppendruck heraus, motiviert vom Charisma des Lehrers, der die Zufluchtszeremonie durchführt. Die bloße Teilnahme an einem Ritual macht aber noch keine Zuflucht oder sichere Ausrichtung aus. Auch macht es den Teilnehmer nicht zum Schüler oder Zufluchtsnachkommen des Lehrers, der das Ritual ausführt. Eine echte Zufluchtnahme, das Annehmen einer sicheren Ausrichtung, setzt voraus, dass sowohl der spirituelle Lehrer als auch der Sucher über die Qualifikationen eines Gelübdemeisters und Nachkommen bzw. eines Mentors und Schülers verfügen. Ganz besonders wichtig ist ferner, dass der spirituelle Sucher eine richtige Motivation hat – mindestens die Furcht vor emotionalem Leid später im Leben. Darüber hinaus muss der Sucher nicht nur der festen Überzeugung sein, dass die Drei Juwelen einen sicheren Weg zeigen, um die gefürchteten Probleme zu vermeiden, sondern er muss auch über die feste Absicht verfügen, diese positive Richtung in sein Leben zu integrieren und die mit der Zuflucht verbundenen Versprechen und Gelübde einzuhalten.

Die Zufluchtszeremonie ist ein unverzichtbarer Bestandteil jeder tantrischen Ermächtigung. Da tibetische Lamas häufig auch ungenügend vorbereitete Schüler zur Teilnahme an Ermächtigungen zulassen, gestatten sie damit automatisch auch ungenügend vorbereiteten Schülern die Zufluchtnahme. Der traditionelle Grund für diese Vorgehensweise ist der Gedanke, dass die Teilnahme an einer derartigen Zeremonie einen Samen positiven Potenzials für zukünftige Leben im Schüler sät, auch wenn er eigentlich noch nicht über die notwendigen Voraussetzungen zur Zufluchtnahme verfügt. Der spirituelle Sucher muss nicht sämtliche Vorgänge verstehen. Allein die bloße Teilnahme legt schon Samen für die Zukunft, außer die Person hat negative Einstellungen, die es verhindern, dass sie positive oder zumindest neutrale Eindrücke vom Geschehen mitnimmt. Dennoch macht die Teilnahme eines Schülers an einer Ermächtigungszeremonie – um Samen für die Zukunft zu pflanzen oder den „ Segen“ zu erhalten – den entsprechenden Lama noch nicht zu seinem Zufluchtsmeister und natürlich erst recht nicht zu seinem tantrischen Mentor.

Mahayana-Meister

So wie die Zufluchtnahme das Eingangstor zum Buddhismus im Allgemeinen darstellt, ist die Entwicklung von Bodhichitta der Eintritt in den Mahayanapfad. Bodhichitta selbst hat zwei Stufen. Die bloße Entwicklung von Bodhichitta wird „anstrebendes Bodhichitta“ genannt: das Streben nach Buddhaschaft, um allen Wesen bestmöglich helfen zu können. Mit dem „ausübendes Bodhichitta“ verpflichtet ein Schüler sich – mit dem Ablegen der Bodhisattvagelübde – sich intensiv in den Methoden und der Weisheit zu üben, die zur Erleuchtung führen und anderen so gut er es vermag zu helfen. Wenn das anstrebende Bodhichitta sich intensiviert und zum ausübenden Bodhichitta der Tat wird, kann der Schüler die Bodhisattvagelübde auf verschiedene Weise ablegen. Am besten tut er es in Anwesenheit des spirituellen Mentors, der ihn im Mahayanaweg unterrichtete. Wenn der Schüler aufrichtige Anstrengungen unternommen hat, diesen Lehrer zu erreichen, aber aus welchen Gründen auch immer nicht die Bodhisattvagelübde von ihm erhalten kann, muss die ganze Sache nicht aufgeschoben werden. Wenn ein Schüler bereit ist, sich ganz und gar dem Verhalten eines Bodhisattva zu verpflichten, ist die Abwesenheit seines Mentors, der die entsprechende Zeremonie vollziehen könnte, kein Problem. In diesen Fällen kann der aufrichtige Schüler, wie der indische Mentor Shantideva in „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ erklärt, die Bodhisattvagelübde in Gegenwart von Buddhastatuen oder -Bildern nehmen. Sollten auch diese nicht verfügbar sein, genügt es, die Gelübde in Gegenwart visualisierter Buddhas und Bodhisattvas zu nehmen.

Kongtrül führte weiter aus, dass es sich bei Mahayanameistern um spirituelle Mentoren handelt, in deren Gegenwart Schüler die Bodhisattvagelübde ablegen. Da allerdings Atisha die Notwendigkeit betonte, dass Bodhichitta und die Bodhisattvagelübde von einem Mentor erklärt werden müssen, bevor die entsprechenden Gelübde erteilt werden können, können wir die Bedeutung eines Mahayanameisters noch weiter fassen. Im erweiterten Sinn sind Mahayanameister spirituelle Mentoren, deren Lehren über Mitgefühl und Bodhichitta in Schülern das Streben nach Bodhichitta hervorrufen und sie schließlich die Bodhisattvagelübde nehmen lassen. Diese Mentoren können, wenn sie vollständig qualifiziert sind, den Schüler den gesamten Weg bis zur Erleuchtung anleiten. Der Begriff Meister hat in diesem Zusammenhang nichts mit der Vorstellung von Meister und Untergebenem zu tun, sondern er bezieht sich ausschließlich auf die Meisterschaft des spirituellen Mentors über die Methoden, die zur höchstmöglichen Stufe der Entwicklung führen.

Tantrische Meister

Schüler des Mahayana durchlaufen den Weg zur Erleuchtung entweder über die Methoden des Sutra oder des Tantra. Die Sutras enthalten die grundlegenden Lehren des Buddha über das Erlangen positiver Qualitäten wie ethische Selbstdisziplin, Konzentration, Mitgefühl, Bodhichitta und Verständnis von Leerheit. In den Tantras legte der Buddha fortgeschrittene Methoden dar, um die Sutra-Übungen zu ergänzen und so die Erleuchtung wirksamer und schneller erreichen zu können. Diese Methoden konzentrieren sich auf den Gebrauch der Imagination, um das eigene Selbstbild durch das Modell einer Buddhagestalt zu verwandeln. Sämtliche Traditionen des tibetischen Buddhismus lehren Pfade zu Erleuchtung, die Sutra- und Tantra-Praxis kombinieren.

Wie bereits erwähnt ist das Tor zum Eintritt in den Tantrapfad im Allgemeinen der Erhalt einer Ermächtigung (wang, tib. dbang; Initiation) für eine spezielle Buddhagestalt durch einen spirituellen Mentor. Die Buddhagestalt kann zur Praxis einer beliebigen Tantraklasse gehören. Die Nyingma-Schule zählt sechs Tantraklassen, während die restlichen tibetischen Traditionen von vier sprechen. Die drei höchsten Klassen der Nyingma-Tantras entsprechen der höchsten Tantra-Stufe der anderen Schulen. In seiner allgemeinsten Form bezieht sich der Begriff tantrischer Meister auf einen spirituellen Mentor, der eine Ermächtigung irgendeiner der verschiedenen Tantraklassen erteilt. So benützt etwa Dragpa-Gyaltsen, der dritte der fünf Gründer der Sakyas, in seinem Werk „Klärung [von Ashvagoshas] ‚Fünfzig Versen’“ den Begriff tantrischer Meister auf genau diese Weise.

Kongtrül hingegen definierte tantrische Meister als die spirituellen Mentoren, vor denen die Schüler während der Ermächtigungen die tantrischen Gelübde ablegen, und die sie visualisieren, um vor ihnen diese Gelübde in der „Selbstinitiation“ zu erneuern oder zu stärken, nachdem sie die entsprechenden tantrischen Retreats vollendet haben. Nur eine Ermächtigung in die dritte (Yogatantra) oder die höchste Klasse des Tantra beinhaltet das Ablegen tantrischer Gelübde. Die tantrischen Gelübde enthalten unter anderem Versprechen der Schüler wie sie ihren tantrischen Meistern sehen und mit ihm umgehen wollen. So gesehen würde sich der Begriff tantrischer Meister, in einem eher technischen Sinne, nur auf spirituelle Mentoren der beiden höchsten Tantrastufen beziehen. Tsarchen zum Beispiel benutzte den Begriff in seinem Kommentar zu Ashvagoshas Text auf diese Weise.

Nach dem Text: „Ein Kommentar über die schwierigen Punkte in Bezug auf die Hilfe und Respektsbezeugung einem Guru gegenüber“, einem anonymen indischen Kommentar zu Ashvagoshas Werk, der vom Kagyü-/Nyingma-Übersetzer Gö Lotsawa in Tibet eingeführt wurde, beschränkt sich die Anweisung, den eigenen tantrischen Meister als Buddha zu sehen, speziell auf die höchste Tantrastufe. Von allen Lehren im Zusammenhang mit der Lehrer-Schüler-Beziehung ist diese Anweisung Ursache für die meiste Verwirrung. Da das höchste Tantra die klarsten Erläuterungen dieser speziellen Lehre bietet, wollen wir den Begriff tantrischer Meister nun ausschließlich im Lichte dieses anonymen Kommentartextes betrachten und unsere Diskussion entsprechend auf das höchste Tantra begrenzen.

Schränken wir die Bedeutung des Begriffs auf diese Weise ein, so gehen wir auch mit seinem Gebrauch im Zusammenhang mit der weit verbreiteten tantrischen Praxis des guru-yoga (lame-naljor, tib. bla-ma’i rnal-’byor) konform, wie Naropa, der indische Vorvater der Kagyü-Schule, sie in „ Verwirklichung durch den Guru“ festgelegt hat. Im tantrischen Guru-Yoga stellen sich die Schüler vor, dass sie durch verschiedenfarbiges Licht, das von ihrem tantrischen Meister ausgeht, die vier Ermächtigungen erhalten. Die vier Ermächtigungen kommen ausschließlich im höchsten Tantra vor. Daher werden wir den Begriff tantrisches Guru-Yoga stets in der Bedeutung Guru-Yoga des höchsten Tantra verwenden.

Da das höchste Tantra darauf ausgerichtet ist, die inneren Energien für spirituelle Zwecke nutzbar zu machen, wollen wir uns des Beispiels der Raumfahrt bedienen, um die Rolle des tantrischen Meisters zu erhellen. Die Buddhagestalten, deren Ermächtigungen die Schüler erhalten, gleichen Klassen und Modellen von Raumfahrzeugen, in diesem Fall für die spirituelle „innere Raumfahrt“ zur Erleuchtung. Die Fertigkeiten, die die Schüler auf dem Sutra-Pfad des Mahayana erwerben, dienen als Systeme, um die Raumschiffe fliegen zu können. Damit die Reise optimal vorangeht, braucht man nach dem Abheben (durch die Ermächtigung) nachfolgenden Schub (jenang, tib. rje-gnang; nachfolgende Erlaubnis) und Treibstoff durch Mantras (tib. sngags-btu; Mantrasammlung). Um dem Kurs des höchsten Tantrapfades folgen zu können, sind auch noch die Aktivierung (tib. lung; mündliche Übertragung) der entsprechenden Texte sowie steuernde Antriebsstöße (ti, tib. khrid, Erklärung) zur Erklärung der subtilen Punkte der Meditationspraktiken nötig. Tantrische Meister versorgen ihre Schüler mit all diesen spirituellen Erfordernissen.

In seiner Erklärung wie man sich tantrischen Meistern gegenüber verhält, erwähnte Ashvagosha ausdrücklich nur die Mentoren, die auch Ermächtigungen erteilen. Tsongkhapa klärt diesen Punkt in seinem Werk „Vollständige Erfüllung der Hoffnungen der Schüler“, einem Kommentar zu Ashvagoshas Text. Hier erklärt er, dass das Protokoll, welches im Zusammenhang mit Mentoren gilt, die Ermächtigungen erteilen, auch für andere tantrische Meister gültig ist, zum Beispiel diejenigen, die Texte erklären oder Richtlinieanleitungen (menngag, tib. man-ngag) geben. Der Grund dafür liegt darin, dass man, um Erklärungen oder Anweisungen einer Praxis des höchsten Tantra erhalten zu können, zwangsläufig eine Einweihung – und damit auch tantrische Gelübde – erhalten haben muss.

Tantrische Meister sind also spirituelle Mentoren, die unsere tantrischen Reisen in den inneren Raum starten, antreiben, auftanken, aktivieren und steuern. Als dauernde Quellen der Inspiration halten sie unsere Motoren am Laufen. Durch ihre kontinuierliche Überwachung und Unterweisung sorgen unsere tantrischen Meister auch für die „Bodenkontrolle“ und die verlässlichen Leitsysteme, die uns in die Lage versetzen unsere Ziele exakt und sicher zu erreichen.

Unser tantrischer Meister mag gleichzeitig auch unser Mahayanameister sein oder es ist ein anderer spiritueller Lehrer, mit dem wir nur gelegentlich Kontakt haben. Außerdem kann ein und derselbe tantrische Meister uns Ermächtigung, nachfolgenden Schub, Treibstoff durch Mantras, Aktivierung, steuernde Antriebsstöße, und anleitende Ausführung für eine bestimmte Buddhagestalt geben, oder wir erhalten die sechs Bestandteile sogar von unterschiedlichen Meistern.

Bevor wir tantrische Ermächtigungen erhalten, können die Mentoren uns mündliche Übertragungen der tantrischen vorbereitenden Übungen (ngöndro, tib. sngon-’gro) oder verschiedener Mantras geben. Vielleicht erklären sie auch die Theorie des allgemeinen oder sogar des höchsten Tantra, um unsere Missverständnisse auszulöschen. Der Erhalt einer solchen mündlichen Übertragung oder Erklärung errichtet jedoch noch keine tantrische Lehrer-Schüler-Beziehung. Die Beziehung entsteht durch das Nehmen der tantrischen Gelübde im Laufe einer vollständigen Ermächtigung.

Wurzelgurus

Wurzelgurus sind spirituelle Mentoren, die Herz und Geist der Schüler am nachdrücklichsten auf den buddhistischen Pfad richten. Sie sind die stärksten Quellen der Inspiration für die Schüler auf ihrer ganzen spirituellen Reise. Die Beziehung zu derartigen Lehrern dient als Wurzel für alle Verwirklichungen.

Die Mentoren, die den Schülern als Wurzelgurus dienen sind nicht unbedingt die ersten spirituellen Lehrer, die den Suchern begegnen oder diejenigen, die ihnen am meisten Dharmabelehrungen, oder Meditations- bzw. Ritualtraining gegeben haben. Auch muss es sich bei ihnen nicht um die Lehrer handeln, bei denen die Schüler Zuflucht oder Befreiungsgelübde genommen haben. Meistens finden sie sich aber unter den tantrischen Meistern. Die Diskussion über Wurzelgurus erscheint traditionell wieder vor allem im Zusammenhang mit der Praxis des höchsten Tantra.

Die Sakya-Tradition allerdings setzt die Begriffe spiritueller Mentor, tantrischer Meister und Wurzelguru gleich. Diese Mentoren dienen als Wurzeln für unseren Pfad, weil wir während der höchsten Tantraermächtigung in ihrer Gegenwart Zufluchts-, Befreiungs-, Bodhisattva- und tantrische Gelübde nehmen, und wegen der Erfahrungen und blitzartigen Einblicke, die wir währenddessen durch ihre Inspiration machen können.

Fortschritt durch stufenweise Beziehungen zu spirituellen Lehrern

Die Nyingma- und Kagyü-Tradition unterscheidet zwei Arten tantrischer Praktizierender: diejenigen, die sich stufenweise entwickeln und diejenigen, für die alles auf einmal geschieht. Kedrub Norzang-Gyatso, Tutor des Zweiten Dalai Lama, erklärt den Unterschied in seinem Text „Eine Lampe zur Klärung der Mahamudra, um die einheitliche Absicht der Kagyü- und Gelug-Tradition zu etablieren“. Die einen durchlaufen ihren spirituellen Pfad auf stufenweisen Schritten, während die anderen – dank enormer Ressourcen positiven Potenzials als Ergebnis stufenweiser Praxis in vergangenen Leben – die letzten Schritte auf einmal durchlaufen. Obwohl Nyingma- und Kagyü-Texte den Pfad zur Erleuchtung meist vom Blickpunkt derjenigen beschreiben, für die alles auf einmal geschieht, ist diese Klasse von Schülern doch extrem selten. Die überwältigende Mehrheit der Schüler entwickelt sich stufenweise.

Wenn Menschen des Westens mit dem tibetischen Buddhismus in Berührung kommen, lesen sie oft nur einige Bücher und – weil sie keine tiefen Erklärungen erhalten haben – halten sie sich dann für die Art von Praktizierenden, für die alles auf einmal geschieht. Weil sie nicht glauben, sich stufenweise entwickeln zu müssen, nicht einmal auf den frühen Stufen des Pfades, wollen sie sofort in die tiefste und fortgeschrittenste Form einer Beziehung zu einem spirituellen Lehrer springen. Da sie aber die Qualifikationen, Absichten und tiefgründige Dynamik einer solchen Beziehung überhaupt nicht begreifen, trägt ihnen ihre Naivität und ihr Mangel an Bewusstheit viel Verwirrung und Schmerz ein.

Beziehungen zu spirituellen Lehrern müssen langsam aufgebaut werden. Nur so kann das Vertrauen auf beiden Seiten natürlich wachsen. Die Schüler brauchen ein Vertrauen in die Qualifikationen des Lehrers, um sich sicher zu sein, dass sie nicht von ihm missbraucht werden. Die Lehrer brauchen Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Schüler, damit sie sichergehen können, dass sie die Lehren nicht missverstehen oder gar missbrauchen. Eines der Bodhisattvagelübde des Lehrers lautet schließlich, dass er nicht Leerheit an Unvorbereitete lehren wird. Und in einem der tantrischen Gelübde hat der Lehrer versprochen keine vertraulichen Lehren an diejenigen weiterzugeben, die nicht in der Lage sind sie für sich zu behalten.

Wenn wir also den Wunsch haben sollten Schüler eines tantrischen Meisters zu werden, müssen wir als Studenten eines Buddhismusprofessors oder Schüler eines Dharmaausbilders anfangen. Nur mit wachsender Reife können wir sichere Beziehungen zu schrittweise weiter fortgeschrittenen spirituellen Lehrern eingehen. Unser anfänglicher spiritueller Lehrer mag nicht über die Qualifikationen verfügen, unser tantrischer Meister, oder auch nur unser spiritueller Mentor werden zu können. Andererseits ist unser tantrischer Meister anfänglich vielleicht unser Buddhismusprofessor gewesen. Solange beide Seiten sich eindeutig an ihre jeweiligen Rollen halten und dem Verhaltenskodex der entsprechenden Beziehungsebene folgen, vermeiden wir Probleme.

Zusammenfassung

Als spirituelle Sucher müssen wir die spirituellen Lehrer danach auswählen, was wir zu lernen wünschen und was wir schon verdauen können. Vielleicht möchten wir den Buddhismus intellektuell kennen lernen, vielleicht möchten wir Dharmaunterweisungen für unser Alltagsleben oder praktisches Training in Meditation oder Ritual. Vielleicht ist uns an spirituellem Wachstum hin zu emotionalem Wohlergehen in diesem Leben gelegen, an günstigen Wiedergeburten, an Befreiung oder gar Erleuchtung, oder wir wünschen uns die völlige Selbsttransformation des Tantra als effektivsten Weg zur Buddhaschaft. Die passende Beziehung zu unserem Lehrer hängt ganz von unserem Ziel und unserer Entwicklungsstufe ab. Darüber hinaus müssen auch die spirituellen Lehrer aufrichtig abwägen, was sie spirituellen Suchern anzubieten haben.

Wie Wönpo Sherab-Jungne, Neffe des Gründers der Drigung-Kagyü-Tradition in seinem Werk: „Ein großer Kommentar zu [Drigungpas] ‚Einzige Absicht des geheiligten Dharma’“ andeutet, haben die meisten Lehrer, objektiv gesehen, noch nicht Befreiung oder Erleuchtung erlangt. Solange jedoch die spirituellen Lehrer nicht vorgeben diese Ziele bereits erreicht zu haben, und solange sie unbeirrt nach ihnen streben, können sie uns helfen ihren gegenwärtigen Zustand zu erreichen. Wenn also Lehrer nicht so tun, als könnten sie über ihre gegenwärtigen Fähigkeiten hinaus lehren, und wenn spirituelle Sucher keine Rollen auf die Lehrer projizieren, die über ihre Qualifikation herausgehen und für sich selbst keine Ebenen von Entwicklung in Anspruch nehmen, die sie noch nicht erreicht haben, sparen sich beide Seiten eine Menge Probleme.

Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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