Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine Beziehung zu einem spirituellen Lehrer aufbauen:
Eine gesunde Beziehung fördern

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. „Zwischen Freiheit und Unterwerfung.
Chancen und Gefahren spiritueller
Lehrer-Schüler-Beziehungen“.
Übersetzung: Tom Geist. Berlin: Theseus Verlag, 2002.
Vollständige Überarbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Relating to a Spiritual Teacher:
Building a Healthy Relationship
.
Ithaca, Snow Lion, 2000.

Neuausgabe:
Wise Teacher, Wise Student:
Tibetan Approaches to a Healthy Relationship
.
Ithaca: Snow Lion, 2010

Teil 1: Spirituell Suchende und spirituelle Lehrer

2 Die traditionelle Bedeutung eines spirituellen Lehrers

Begriffsklärung

Titel, besonders solche in fremden Sprachen, verwirren die Menschen im Westen oft. Häufig beschwören sie romantische Bilder herauf, die unangemessen sind. Verstärkt gilt das für die verschiedenen Titel spiritueller Lehrer, in der tibetischen Tradition zum Beispiel „Guru“, „Lama“, „ Tulku“, „Rinpoche“, „Geshe“ und „Khenpo“. Diese Titel sind rätselhaft genug, wenn sie für traditionelle asiatische Lehrer verwendet werden. Noch mysteriöser werden sie allerdings, wenn konvertierte Westler sich ihrer bedienen.

Die klassische chinesische Philosophie lehrt, dass Schwierigkeiten häufig auf eine Unklarheit der Begriffe zurückzuführen sind. Diese Einsicht passt ausgezeichnet auch auf Fragen der Übersetzung. Ungenau übersetzte Begriffe vermitteln den Menschen oft falsche Vorstellungen, besonders wenn die beiden betroffenen Sprachen sehr unterschiedlichen Kulturen entstammen. Wenn die Begriffe tatsächlich ihren beabsichtigten Bedeutungen entsprechen, können die Menschen die von den Worten repräsentierten Prinzipien leichter verkörpern. Konfuzius forderte daher eine „Klärung der Begriffe“. Wenn die Menschen wissen, wie ein Herrscher und ein Untertan oder ein Vater und ein Kind handeln sollten und wie die angemessene Beziehung zwischen ihnen aussieht, können sie versuchen dem entsprechenden Modell zu folgen. Wenn andererseits soziale Rollen sich verwirren und die Menschen keinen angemessenen Richtlinien folgen, kann es leicht zu Chaos und Desaster kommen. Wir können dieses Prinzip auch auf spirituell Suchende und spirituelle Lehrer anwenden. Wenn wir schlampig mit den Begriffen umgehen und es jedem selbst überlassen, sich Guru oder Schüler zu nennen, öffnen wir unglücklichen Beziehungen Tür und Tor.

Wir brauchen Maßstäbe. So wie Verbrauchergruppen ein wachsames Auge auf die Qualität von Produkten halten, so brauchen wir Qualitätsmaßstäbe im Umgang mit spirituellen Lehrern. Die hierarchische Struktur des tibetischen Buddhismus unterscheidet sich außerordentlich von der Struktur einer organisierten Kirche. Weder der Dalai Lama noch die Oberhäupter der vier Traditionen verfügen über die Autorität zu bestimmen, wer ein qualifizierter Lehrer und wer inkompetent ist. Darüberhinaus können wir heutzutage, aufgrund möglicher Gerichtsverfahren im Westen, weder von Individuen noch von Aufsichtsgremien erwarten, die Verantwortung dafür zu übernehmen, das ethische Verhalten anderer zu garantieren.

In seinem Buch: „Persönliche Anleitung meines vollkommen vortrefflichen Gurus“ hat der unverblümt sprechende Nyingma-Meister Paltrül das einzig vernünftige Vorgehen aufgezeigt: Spirituell Suchende müssen die Verantwortung selbst übernehmen. Scharlatane und Schurken mögen sich als große Lehrer darstellen. Vielleicht lassen sie sich sogar von Profis effektive Werbekampagnen für ihre Bücher und Vortragsreisen entwerfen. Nichtsdestoweniger entscheiden die Zuhörer, ob sie ihre Anhänger werden wollen oder nicht. Wenn wir die Maßstäbe kennen, vermögen Imitationen uns nicht länger zu täuschen. Wir werden uns ausschließlich mit authentischen Meistern zufrieden geben.

Die Ursprünge der Worte Guru und Lama

Um Einsicht in die subtilen Bedeutungsebenen buddhistischer Fachbegriffe zu gewinnen, müssen wir uns mit der Etymologie jeder ihrer Silben befassen. Im Sanskrit kann jede Silbe – manchmal sogar jeder Buchstabe – eines Wortes andere Begriffe implizieren, die diese Silbe oder diesen Buchstaben ebenfalls enthalten. Im Tibetischen kann jede Silbe eines Wortes auch für ein eigenes Wort stehen oder eine Silbe in einem anderen Begriff sein. Der erläuternde Tantratext „Ein Vajrakranz“ zum Beispiel deutet an, dass die fortgeschrittensten Stufen des tantrischen Pfades auf diese Weise in den ersten vierzig Sanskritsilben des Guhyasamaja-Tantra (Sammlung der verborgenen Faktoren) codeartig enthalten seien. Darum lassen Sie uns als ersten Schritt in Richtung einer Begriffsklärung, dieses traditionelle buddhistische Analysewerkzeug auf die verschiedenen Worte anwenden, die im Sanskrit und im Tibetischen für spirituelle Lehrer gebräuchlich sind.

Der bekannteste Sanskritbegriff für einen spirituellen Lehrer ist das Wort Guru. Obwohl in verschiedenen westlichen Ländern das Wort Guru großteils negativ belegt ist und das Oberhaupt von dubiosen Sekten bezeichnet, bedeutet der Begriff wörtlich, dass jemand auf jemanden gewichtig oder schwer ist. Das soll nicht heißen, dass Gurus unbedingt fett sein müssen, obwohl viele von ihnen in der Tat übergewichtig sind. Es bedeutet auch nicht, dass Gurus in Gesellschaft anderer erdrückend ernst sind. Die meisten buddhistischen Lehrer, besonders die tibetischen, haben einen großartigen Humor. Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama zum Beispiel macht viele Witze und lacht, wann immer ihm etwas komisch vorkommt, selbst während er die tiefgründigsten Themen lehrt. Die eigentliche Bedeutung des Begriffs erklärte Tsarchen, der Gründer der Sakya-Tsar-Tradition, in einem „Kommentar zu [Ashvaghoshas] ‚Fünfzig Verse [über den Guru]’“. Dort heißt es, Gurus seien gewichtig an Qualifikationen. Gu ist die Kurzform von guna, gute Qualitäten, und ru steht für ruchi, Ansammlung.

Gurus sind auch gewichtig im Sinne einer spürbaren Präsenz. Jeder, der sich mit einem wahren Guru in einem Raum befindet, vorausgesetzt er besitzt ein Minimum an Sensibilität, kann spüren, dass die herausragenden Qualitäten dieses Menschen die anderer bei weitem übertreffen. Da gu aber auch für guhya, verborgen, und ru für rupa, Körper, steht, reicht die volle Bandbreite der Qualitäten, die ein Guru verkörpert, weit über jede Vorstellung hinaus. Gurus sind also erhabene Wesen, da u auch für uttara, erhaben, steht.

Die Tibeter haben „Guru“ mit lama (tib. bla-ma) übersetzt. La bedeutet unübertrefflich oder vollendet, ma steht für Mutter. Lamas gleichen Müttern in dem Sinne, dass sie in sich das geboren haben, was vollendet ist. Mit anderen Worten, Lamas sind in der spirituellen Entwicklung außerordentlich weit fortgeschrittene Menschen. Darüber hinaus helfen Lamas anderen, ähnliche Zustände in sich zu gebären. Das Wort Lama hat allerdings noch viele andere Bedeutungen.

Als „das Unübertreffliche“ bezieht sich la auf Bodhicitta – ein Herz, das ganz und gar auf die Erleuchtung ausgerichtet ist und sich vollkommen verpflichtet hat, diese zum Wohle anderer zu erreichen. Bodhicitta entsteht aus Liebe und Mitgefühl. Erleuchtung ist die höchstmögliche Stufe spiritueller Selbstentwicklung und wird mit der Beseitigung aller negativen Spuren und der Verwirklichung aller positiven Potenziale erreicht. Ihre Verwirklichung ist gleichbedeutend mit Buddhaschaft und verleiht die Fähigkeit, anderen bestmöglich zu helfen. Ma bezieht sich auf Weisheit, die Mutter aller spirituellen Errungenschaften. Lamas verbinden also ein vollkommen hingebungsvolles Herz mit Weisheit und verfügen über die Fähigkeit, andere zu ähnlichen Errungenschaften zu führen. Da die Lamas solch herausragende Merkmale besitzen, sind sie gewichtig an guten Qualitäten.

Als Gurus sind Lamas auch stabile Persönlichkeiten, deren Präsenz andere beeindruckt, erhebt und inspiriert. Ein weiterer Gebrauch der Silbe la deutet auf diese Fähigkeit hin und enthüllt noch tiefere Ebenen an Bedeutung.

La als kosmische Kraft

Die frühen Tibeter gebrauchen la in einem Sinn, der dem alttürkischen Wort qut entspricht. Nach dem Glauben der alten Turkvölker Zentralasiens ist qut eine kosmische Kraft, die die Erde mit dem grenzenlosen Himmel verbindet. Ein heiliger Berg in der Mongolei dient als Anker dieser Kraft. Wer immer über diesen Berg herrscht, verkörpert sein qut. Dieser Mensch gewinnt dann folglich auch die Kraft und das Charisma, die Turkstämme zu einigen und Groß-Khan (der Große Herrscher) zu werden. Qut als eine integrative Kraft verleiht also Größe und Majestät. Diese Kraft ermöglicht einem Herrscher sein oftmals im Streit liegendes Volk zu einen und es zu einer machtvollen Nation zu ordnen.

Das Konzept von qut, als la, gelangte durch die zentralasiatische Astrologie in den tibetischen Kulturraum. In diesem Zusammenhang steht la für die Lebenskraft-Energie in jedem Menschen, die jeden einzelnen dazu befähigt, seine Angelegenheiten zu organisieren und zusammenzuhalten. Durch astrologische Berechnungen lässt sich die Stärke dieser Energie während verschiedener Perioden bestimmen. Wenn die Lebenskraft-Energie in einem Menschen stark ist, wird er stabil wie ein Berg. Ist sie hingegen schwach oder wird sie von schädlichen Kräften gestohlen, verliert das Individuum die Fähigkeit, normal zu funktionieren.

Eine weitere Dimension von la leitet sich von seinem Gebrauch in den Kalachakra-Lehren (Zyklen der Zeit) ab. Dort kommt es als Teil des feinstofflichen Energiesystems des Körpers vor. Unter den Komponenten dieses Systems gibt es einen Lebenskraft-Tropfen. Dieser subtile kreative Tropfen oder Energiefunken (tib. thig-le; Skt. bindu), im Sanskrit auch als Bodhicitta bezeichnet, durchläuft jeden Tag im Laufe eines Monatszyklus verschiedene Stellen des Körpers. Die Lebenskraft-Energie sammelt sich um diesen Tropfen herum an und macht damit die Stelle des Körpers, an der der Tropfen sich an diesem Tag gerade aufhält, zum wirksamsten Punkt für eine medizinische Behandlung mit Akupunktur oder Kauterisation.

Auch die frühen Tibeter übersetzten Bodhicitta mit la, zweifellos wegen der Ähnlichkeit zwischen dem Lebenskraft-Tropfen der indischen Physiologie und der Lebenskraft-Energie der zentralasiatischen Astrologie. Eine weitere vernunftmäßige Erklärung für diese Wahl der Übersetzung ist möglicherweise, dass Bodhicitta, in seiner Bedeutung als vollkommen hingebungsvolles Herz, als unübertreffliche Methode zum Erlangen der Erleuchtung gilt. Da la ebenfalls unübertrefflich bedeutet, kann es nach den Regeln der Poesie im Sanskrit wie im Tibetischen als Synonym für Bodhicitta gelten.

Die vollständige ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Lama

Wenn man die verschiedenen Bedeutungen von la zusammensetzt, erhält man ein vollständigeres Bild einiger der herausragenden Qualitäten, die Lamas besitzen und zu deren Entwicklung sie andere führen können. Lamas haben die Kraft ihr wildes Verhalten und ihre gestörten Emotionen zu zähmen, damit sie so stabil und fest wie ein Berg werden. Mit dieser Kraft können Lamas ihr Leben so organisieren, dass es allen nutzt. Diese Lebenskraft-Energie entspringt dem hingebungsvollen Herzen von Bodhicitta, das den Lamas die charismatische Fähigkeit verleiht, die jeweils heilsamsten und nützlichsten Veränderungen in anderen zu bewirken. Durch die Kraft ihrer spirituellen Entwicklung besitzen Lamas auch die Fähigkeit, ungezügelte Schüler zu zähmen und sind in der Lage, ihnen zu helfen, ihr Leben möglichst sinnvoll zu ordnen. Diese Kraft entspringt von Herzen kommender Liebe und Mitgefühl. Diese Aspekte von la machen die „Methoden“-Seite der Errungenschaften eines Lamas aus.

Ma, in der Bedeutung von Mutter, bezieht sich auf die in den Prajnaparamita-Sutras verkörperte Weisheit. Bei den Sutras handelt es ich um Texte, in denen der Buddha weitreichendes unterscheidendes Gewahrsein (tib. sherab, shes-rab; Skt. prajna), die „Vollkommenheit der Weisheit“, lehrt. Diese Texte und ihre Inhalte werden oft als die „Mutter aller Buddhas“ bezeichnet, da durch ihre Meisterung die Erleuchtung geboren wird. Als Lamas werden die Menschen bezeichnet, die die Meisterschaft über diese Texte und ihre Inhalte erlangt haben. Sie verbinden ihre Weisheit mit allen Aspekten der Methode. Gleich guten Müttern nähren die Lamas ihre Schüler und erziehen sie zu spirituell reifen Erwachsenen.

Ursprünglich bezeichnet das Wort Lama also einen überaus hoch entwickelten spirituellen Lehrer. Durch die mit den Bedeutungen der Worte Guru, la und ma bezeichneten Fähigkeiten, sind solche Menschen vollständig dazu in der Lage, Schüler auf dem ganzen buddhistischen Pfad bis hin zur Erleuchtung anzuleiten. Die Darstellungen in den klassischen Texten zum Umgang mit einem spirituellen Lehrer, beschreiben die optimale Beziehung zu einem solchen Menschen. Um Probleme in Lehrer-Schüler-Beziehungen zu vermeiden, müssen die spirituellen Lehrer den Bedeutungen der Titel Guru und Lama auch wirklich gerecht werden.

Andere Verwendungen des Wortes Lama

Im tibetischen Buddhismus entwickelten sich vier Haupttraditionen – Nyingma, Kagyü, Sakya und Gelug – die sich über Tibet hinaus auch in andere Gebieten des Himalaja, sowie in die Mongolei, in weite Teile Nordchinas, in die Mandschurei, in Teile Sibiriens und in verschiedene andere zentralasiatische Kulturen verbreiteten. Aufgrund dieser Vielfalt an Regionen entwickelte das Wort „ Lama“ allmählich auch andere Bedeutungen. Eine Ursache für Verwirrung in Bezug auf die sogenannten Guru-Hingabe, bildet die Annahme, dass die Praxis sich auf unterschiedliche Bedeutung des Begriffs „ Lama“ beziehe. Ein Überblick über die anderen Arten von Lamas kann uns wieder bei der Begriffsklärung helfen.

Viele ernsthaft Praktizierende der Kagyü- und Nyingma-Tradition unterziehen sich einem dreijährigen Meditationsretreat. Während dieser Zeit üben sie die wichtigsten Systeme der Buddha-Gestalten (tib. yi-dam) ihrer Linie. Indem sie sich einige Wochen oder Monate mit jedem Tantrasystem befassen, meistern sie die entsprechenden Rituale und machen sich mit der dazugehörigen Meditationspraxis vertraut. Die Oberhäupter einiger Untergruppen dieser Hauptlinien haben vor kurzem damit begonnen, den kompetentesten Teilnehmern solcher Retreats den Titel Lama zu verleihen. In der Gelug-Tradition werden Mönche, die das schwierige Training in einem der tantrischen Klosteruniversitäten in der Nähe von Lhasa erfolgreich abgeschlossen haben, tantrische Lamas (tib. lama gyüpa, bla-ma rgyud-pa) genannt. Diese Mönche führen Lama jedoch nicht als Titel, und die Menschen sagen auch nicht „Lama“ zu ihnen.

In beiden Fällen bezeichnet Lama einen Meister der Rituale. Obwohl diese Lamas auch Meditation geübt haben, haben sie doch nicht notwendigerweise irgendwelche spirituellen Verwirklichungen erlangt. Auch sind sie nicht unbedingt qualifiziert, andere auf dem buddhistischen Pfad anzuleiten. Nichtsdestoweniger können sie die Rituale korrekt ausführen und anderen beibringen, dies ebenfalls zu tun. Unter den Tibetern dienen diese Lamas als eine Art Dorfpriester. Sie reisen von Dorf zu Dorf und führen in den Häusern der Menschen Rituale aus. Diese Rituale sollen den Familien Wohlstand, Gesundheit und Glück bringen und dabei helfen, die Hindernisse für Erfolg zu beseitigen.

Unabhängig davon ob die Lamas nun hoch verwirklichte spirituelle Lehrer oder lediglich Ritual-Meister sind, können sie entweder Mönche oder Nonnen oder aber Laien sein. In Ladakh, wie auch bei den meisten mongolischen Gruppen der vorkommunistischen Zeit, wurde Lama jedoch einfach zu einem Synonym für Mönch. Das ähnelt dem indischen Brauch, buddhistische Mönche ehrerbietig guru-ji zu nennen. In diesem Sinne des Wortes ist ein Mönch, unabhängig von seiner Bildung in den Schriften, seinem Ritualtraining oder seinen spirituellen Errungenschaften, stets ein Lama.

Während der Vorherrschaft des Kommunismus in der Sowjetunion und der Mongolischen Volksrepublik zwangen die Autoritäten die buddhistischen Mönche dazu, ihre Roben abzulegen und ihre Gelübde zu brechen. Nonnen hatte es in diesen Gebieten nie gegeben. Aus Propagandagründen erlaubte Stalin schließlich die Wiedereröffnung einiger Klöster und gestattete einigen Mönchen dort ihre Rituale auszuführen. Es handelt sich bei diesen Mönchen gewöhnlich um Laien, die tagsüber die Roben wie Arbeitskleidung trugen und sie abends ablegten, wenn sie zu Frau und Kindern zurückkehrten. Auch sie wurden Lamas genannt. Selbst jetzt in der nachkommunistischen Zeit tragen diese Leute noch immer den Titel Lama. Häufig beraten sie andere Menschen, indem sie sich auf astrologische oder hellseherische Voraussagen stützen.

Menschen, die lediglich aufgrund des Umstandes als Lamas bezeichnet werden, weil sie als Ritualmeister, Mönche oder Laien die klösterlichen Rituale ausüben, verdienen Achtung. Selbst wenn die Stufe ihrer spirituellen Entwicklung nicht besonders fortgeschritten sein sollte, machen ihr Training, ihre Gelübde oder die Dienste, die sie leisten, sie zu würdigen Objekten der Hochachtung. Trotzdem bezieht sich die klassische Schüler- Mentor-Beziehung nicht auf Menschen, die lediglich in Bezug auf einen dieser ehrwürdigen Aspekte als Lama bezeichnet werden. .

Reinkarnierte Lamas: Tulkus und Rinpoches

Eine weitere gebräuchliche Verwendung des Wortes Lama bezieht sich auf Tulkus, also wiedergeborene Lamas. Obwohl Tulkus die Wiedergeburten weit fortgeschrittener tantrischer Praktizierender sind, müssen diese nicht notwendigerweise auch große spirituelle Lehrer gewesen sein, ebenso wenig Mönche oder Nonnen. Sie können zum Beispiel Meditierende im Laienstand gewesen sein, die als Einsiedler in Höhlen gelebt haben. Um eine neue Linie von Tulkus zu initiieren, sind gewöhnlich nur vier Bedingungen erforderlich: (1) Das Vorauswissen, dass die Entdeckung der eigenen zukünftigen Inkarnation nützlich für andere sein wird, (2) hochentwickeltes Bodhicitta als Motivation, (3) aufrichtige Wunschgebete in einer Form wiedergeboren zu werden, die anderen Nutzen bringt und in der sie als Tulku wiedererkannt werden und (4) ein bestimmter Grad an Meisterschaft über die erste Stufe der höchsten Tantraklasse.

Hier und im ganzen Buch werden wir den Begriff Höchstes Tantra verwenden, um sowohl auf das System des Anuttarayoga der Gelug-, Kagyü- und Sakya-Schulen zu verweisen, als auch auf das entsprechende, aus Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga (Dzogchen, tib. rdzogs-chen; die große Vollkommenheit) zusammengesetzte System der Nyingma-Schule. Auf der ersten Ebene des höchsten Tantra, der Erzeugungsstufe, erzeugen die Praktizierenden lebendige Visualisationen, um den Prozess von Tod, Zwischenzustand (Bardo, tib. bar-do) und Wiedergeburt zu simulieren.

Wenn ein großer Lehrer, der eine bestimmte Ebene der Verwirklichung auf der Erzeugungsstufe erreicht und damit die vorgeschriebenen Meditationen während seines Todesprozesses erfolgreich geübt hat, konsultieren seine Anhänger zuerst einen angesehenen tibetischen Meister, der für seine außersinnliche Wahrnehmung berühmt ist. Im Falle weit fortgeschrittener Praktizierender des Tantra, die nicht als Lehrer bekannt sind, stellen tibetische Meister unter Umständen von sich aus Untersuchungen an, ohne darum gebeten worden zu sein. Durch verschiedene Mittel der Divination, einschließlich der Analyse von Träumen, entscheidet der Meister, ob der fragliche Mensch die Absicht hatte, eine Linie von Tulkus zu initiieren. Sollte das der Fall sein, entscheidet der Meister weiter, ob das Auffinden der gegenwärtigen Inkarnation besonderen Nutzen bringen wird.

Die Hingabe der Anhänger eines Lehrers und ihr Enthusiasmus die Reinkarnation ihres Mentors zu finden, sind keine ausreichenden Gründe, um eine Suche in Auftrag zu geben. Einige der berühmtesten Lamas, Tsongkhapa etwa, haben keine Tulku-Linie gegründet. Darüber hinaus wurden einige Lamas, wie etwa einige aufeinanderfolgende Inkarnationen Shamar Rinpoches innerhalb der Karma-Kagyü-Tradition, aus politischen Gründen zu ihren Lebzeiten nicht wiedererkannt.

Hat ein großer Meister die Suche nach einem Tulku genehmigt und, durch weitere Divinationen, Hinweise zur Identität des Kindes und zum Ort der Suche gegeben, beginnen die Anhänger des betreffenden Lehrers oder eine vom gutheißenden Meister beauftragte Gruppe mit der Suche. Nachdem sie zwei bis drei vielversprechende Kandidaten im passenden Alter ausgemacht haben, wird noch einmal der die Suche leitende Meister befragt. Auf der Grundlage von Anzeichen, die das fragliche Kind selbst von seiner Identität gegeben hat, etwa indem es Personen oder Besitztümern aus dem vorherigen Leben erkennt, oder durch weitere Weissagungen, trifft der Meister schließlich seine Wahl.

Junge Tulkus verlassen ihre Geburtsfamilie gewöhnlich kurz nach ihrer Entdeckung und wachsen, wenn ihre Vorgänger Mönche oder Nonnen und berühmte Lehrer gewesen sind, im klösterlichen Privathaushalt (tib. bla-brang) des Vorgängers auf. Selbst wenn ihre Vorgänger nicht im Kloster gelebt haben oder aber im Kloster gelebt haben und keine berühmten Lehrer gewesen sind und somit über keinen Privathaushalt im Kloster verfügten, treten die jungen Tulkus dennoch in ein Kloster ein. Ihre Familien oder Sponsoren sorgen dann dafür, dass für sie ein Haus gebaut wird. Um ihre Rückkehr zu feiern, machen der Haushalt des Vorgängers oder die Familien und Sponsoren der jungen Tulkus dem mit der Reinkarnation verbundenen Kloster große Geschenke und überreicht allen Mönchen und Nonnen großzügige Opfergaben. Die Tulkus erben alle früheren Besitztümer und erhalten eine ganz besondere Ausbildung und ein spezielles Training.

Das Tulku-System ist niemals narrensicher gewesen. Gelegentlich haben selbst die größten Meister eingeräumt, dass sie sich in ihrer Entscheidung vielleicht geirrt haben könnten. Außerdem hat es auch in diesem System Korruption gegeben, wenn Meister sich aufgrund politischen Drucks oder Bestechung bereit erklärt haben, bestimmte Kandidaten zu bestätigen. Manchmal haben sogar Klöster mit sehr berühmten Lehrern, die große Schenkungen anzogen, einfach neue Linien geschaffen und Tulkus anerkannt, um weiter große Zuwendungen kassieren zu können.

Im Laufe der Zeit haben sich unter Tibetern, Mongolen, Bhutanern und Menschen verschiedener indischer Himalajavölker über tausend Reinkarnations-Linien von Tulkus gebildet. In den vergangenen Jahrzehnten reinkarnierten sich sogar einige Dutzend Tulkus im Westen und in China. Die Tibeter sprechen wiedergeborene Lamas gewöhnlich mit dem Ehrentitel Rinpoche (tib. rin-po-che) an, was „Kostbarer“ bedeutet. Allerdings sind nicht alle Rinpoches auch Tulkus. Amtierende und ehemalige Äbte und Äbtissinnen erhalten den Titel ebenfalls. Darüber hinaus nennen viele Schüler ihren spirituellen Mentor aus Ehrerbietung Rinpoche, selbst wenn er weder Tulku noch Abt ist.

Das Wort Tulku bezeichnet ein Netzwerk von Emanationen (Skt. nirmanakaya, Emanationskörper). Nicht nur voll erleuchtete Buddhas erzeugen die Erscheinung einer Reihe von Emanationen, sondern auch fortgeschrittene Praktizierende der höchsten Tantraklasse. Die Reihe der von ihnen erzeugten Emanationen nennt man ein Netzwerk von Emanationen der Pfadebene. Die Gründer einer Linie von Tulkus können also jede Ebene spiritueller Verwirklichung erreicht haben – von der Erzeugungsstufe bis hin zur Buddhaschaft. Daher müssen sie nicht einmal unbedingt die direkte nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Wirklichkeit (Leerheit, die Abwesenheit unmöglicher Existenzweisen) erlangt haben. Kurz, nur wenige der Gründer von Tulku-Linien waren erleuchtete Wesen.

Aus diesem Grunde besitzt die Mehrheit aller Tulkus zusätzlich zu einem weiten Netzwerk positiver Neigungen (Ansammlung von Verdienst) durchaus auch noch negative karmische Potenziale. Abhängig von den Umständen unter denen sie aufwachsen und von der Gesellschaft in der sie leben, kommen in jedem Leben ganz unterschiedliche Potenziale zum Tragen und zur Reife. Aus diesem Grunde handeln manche Tulkus auf völlig unerleuchtete Weise. Trotzdem können sie durch die Kraft der Meditation im Todesmoment und der Gebete des Gründers der Linie, in ihrer nächsten Inkarnation erneut als Rinpoches wiedergeboren werden und von Meistern, die darin einen besonderen Nutzen sehen, gefunden und wiedererkannt werden. Das kann sogar dann vorkommen, wenn der fragliche Tulku die Meditation im Todesmoment überhaupt nicht durchgeführt hat.

Lamaismus und die traditionelle soziale Rolle der Tulkus

Im Bereich des tibeto-mongolischen Kulturgebiets entstand um die Institution der Tulkus herum ein komplexes gesellschaftliches System. Die reinkarnierten Lamas wurden zu einer Art lokaler Feudalherren und waren im Besitz großer Ländereien in der Umgebung ihrer Klöster. Viele Bauern bewirtschafteten die Felder und führten einen Teil ihrer Ernte zum Unterhalt der Haushalte der Rinpoches und der ihnen unterstellten Klöster ab.

Abgesehen von unvermeidlichen Missbräuchen eines solchen Systems, sahen die meisten Menschen in diesem Arrangement einen guten Weg, um positives Potenzial (Verdienst) für sich selbst und ihre Familien zu schaffen. Die Tulkus übernahmen im Gegenzug die spirituelle und soziale Führung. Sie wurden zu Verkörperungen der lokalen Identität und zu Brennpunkten, um die herum sich regionale Loyalitäten entwickelten. Die Menschen hatten einen starken Glauben und behandelten ihre örtlichen Tulkus mit großer Ehrerbietung im Rahmen eines äußerst ausgefeilten Protokolls. Für Außenstehende muss es beinahe gewirkt haben, als beteten sie ihre Lamas an. Vielleicht traf das sogar für einige Menschen zu, denn viele glaubten, dass ihre Rinpoches über übernatürliche Kräfte verfügten.

Um diese Form des Buddhismus von den traditionellen chinesischen Schulen zu unterscheiden, prägten die Mandschu-Herrscher des späten siebzehnten Jahrhunderts den Begriff lamajiao (Lamaismus). Die chinesischen Formen des Buddhismus nannten sie einfach fojiao (Buddhismus). Diese Unterscheidung war zweifellos Teil ihrer Politik, mit der sie versuchten, die politische Loyalität der Tibeter und Mongolen in ihrem Reich zu gewinnen. Zu diesem Zweck versuchten sie den beiden ethnischen Gruppen ihre Gemeinsamkeit mit dem Mandschuvolk zu beweisen, weil sie sich schließlich auf eine gemeinsame Religion stützten, die sich von der der Han-Chinesen unterschied. Viele der frühen westlichen Gelehrten übernahmen diese Sprachregelung und verfestigen so eine künstliche Trennung.

Außerdem zwangen die Mandschus bestimmte Tulku-Linien dazu, als lokale Verwalter und Steuereintreiber in der kaiserlichen Regierung zu dienen. Um die Verehrung und den unbedingten Gehorsam der Menschen für die politisch nützlichen Lamas noch zu steigern, bezeichneten die Mandschus die Tulkus mit dem chinesischen Wort hefo, „lebendige Buddhas“. Einige westliche Gelehrte und Journalisten folgen diesem Brauch bis heute und schaffen damit nur noch mehr Verwirrung im Zusammenhang mit Lamas.

Wie Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama im Jahre 1988 anlässlich einer Konferenz der Tulkus im Exil bemerkte, qualifiziert das Tragen eines berühmten Namens noch keinen Tulku als spirituellen Mentor. Es deutet bloß darauf hin, dass er als Reinkarnation eines großen spirituellen Meisters der Vergangenheit mit einem großen positiven Potenzial geboren wurde. Jeder Tulku müsse aber durch seine spirituellen Errungenschaften in diesem Leben erst einmal beweisen, dass er fähig ist, die Funktion eines spirituellen Mentors zu erfüllen.

Schon wegen des ererbten Potenzials verdienen reinkarnierte Lamas aber natürlich Respekt. Dennoch können die Umstände es immer noch verhindern, dass sie ihre Potenziale voll entfalten oder optimal nutzen können. Wenn ein Rinpoche zum Beispiel noch ein Kind ist, können die Potenziale dafür sorgen, dass sich der Junge oder das Mädchen schnell entwickelt. Eine von den Anhängern vielleicht zur Schau gestellte exzessive Verehrung kann aber durchaus Umstände dafür schaffen, dass es dem Tulku schließlich nur noch um Machtpolitik oder den Aufbau eines Imperiums, einer immer größeren eigenen Anhängerschaft geht. In manchen Fällen können übermäßige Verehrung, verschwenderische Geschenke und hohe Erwartungen seitens der Anhänger die jungen Rinpoches sogar verderben oder negative Potenziale aktivieren, die dazu führen, dass sie später rebellieren. Die Begriffe reinkarnierter Lama und Lama klar voneinander zu unterscheiden kann helfen, Enttäuschungen zu vermeiden.

„Gottkönige“

Im Laufe der Jahrhunderte haben die spirituellen Führer Tibets einige der politisch einflussreichsten Tulkus als Emanationen von Buddha-Gestalten erkannt. So waren die Dalai Lamas und Karmapas zum Beispiel Emanationen Avalokiteshvaras; die Oberhäupter der Sakyas verkörperten Manjushri; und die Panchen Lamas und Shamar Rinpoches galten als Emanationen Amitabhas. Der Brauch ging auch über rein religiöse Persönlichkeiten hinaus und identifizierte die frühen tibetischen Könige als Avalokiteshvara, Konfuzius und die frühen Mandschu-Kaiser Chinas als Manjushri, Dschingis Khan und seine Nachfolger als Vajrapani, die russischen Zaren als Tara und sogar Königin Viktoria von England als Pelden Lhamo.

Politische Erwägungen mögen diese Entwicklung beeinflusst haben. Avalokiteshvara, Manjushri und Vajrapani sind die Buddha-Gestalten, die von den tibetischen Buddhisten als die speziellen Schützer Tibets, Chinas und der Mongolei angesehen werden. Nach tibetischer Denkweise muss daher jeder legitime Herrscher dieser Länder eine Emanation der entsprechenden Buddha-Gestalt sein. Das gilt für die Identität der frühen tibetischen Könige, der Dalai Lamas, der Mandschu-Kaiser Chinas und der mongolischen Khans. Nach Meinung einiger Gelehrter soll sogar der Name Mandschu von „ Manjushri“ abgeleitet sein.

Der Brauch politisch einflussreiche Lamas mit Buddha-Gestalten zu identifizieren, geht bereits auf das dreizehnte Jahrhundert zurück, als der zweite Karmapa, Emanation Avalokiteshvara, Kandidat für die Herrschaft über Tibet war. Kublai Khan, der erste Mongolenkaiser in China, übertrug die Herrscherrolle über Tibet jedoch den Oberhäuptern der Sakyas. In ihrer Rolle als Manjushri halfen die Oberhäupter der Sakyas das mongolische Reich zu einen, indem sie sowohl für die chinesischen, als auch für die tibetischen und mongolischen Buddhisten als spirituelle Oberhäupter fungierten.

Avalokiteshvara gehört zur Buddha-Familie von Amitabha. Daher waren die Linien der Panchen Lamas und der Shamar Rinpoches Emanationen Amitabhas, weil ihre Gründer die Mentoren des Dalai Lama und des Karmapa ihrer Zeit waren. Tara und Pelden Lhamo wiederum sind die traditionelle Helferin und die Beschützerin Avalokiteshvaras. Als also der Dreizehnte Dalai Lama sich um den Schutz der Russen und Engländer gegen die Chinesen bemühte, sprach er die Herrscher dieser Reiche mit den Ehrennamen der entsprechenden Buddha-Gestalten an, womit er indirekt auf ihre natürliche Rolle hinwies.

Für die Tibeter ist der Dalai Lama tatsächlich Avalokiteshvara. Er beschützt ihr Land und dessen Kultur und Religion. Der Dalai Lama verkörpert also nicht nur die Buddha-Gestalt, die für Mitgefühl steht; er verkörpert Tibet und den tibetischen Buddhismus selbst. Damit ist er das Symbol der Hoffnung aller Tibeter, dass ihre Nation und ihre Lebensart in den schweren Zeiten der chinesischen Okkupation bewahrt bleiben werden. Obwohl westliche Autoren und Journalisten dem Dalai Lama gern den Titel „Gottkönig“ verleihen, ist er doch kein Gott in irgendeinem westliche Sinn des Wortes.

Tibetischer Humor

Tibetische spirituelle Mentoren besitzen häufig einen äußerst schelmischen Sinn für Humor. Um ihrer warmherzigen Zuneigung auf spielerische Weise Ausdruck zu geben, nennen sie ihre westlichen Schüler manchmal „Lama“, „Rinpoche“ oder sogar „Dharma-Schützer“. Gelegentlich verstehen einige Westler diesen tibetischen Sinn für Humor nicht und verkünden, dass sie nun offiziell anerkannt worden seien. Da die meisten Tibeter viel zu höflich sind, um öffentliche Gegenerklärungen abzugeben, hat sich nicht selten aus einem harmlosen Scherz große Verwirrung oder sogar Machtmissbrauch entwickelt. Manche westliche Eltern nennen ihre Kinder manchmal auch voller Zuneigung „echte kleine Teufel“. Würde ein solches Kind dann später im Leben den Titel Teufel annehmen, wäre das wohl mehr als absurd.

Spirituelle Freunde

Das Wort, das im Begriff Guru-Hingabe gewöhnlich mit Guru übersetzt wird, ist tatsächlich weder Guru noch Lama. In Wirklichkeit ist es kalyana-mitra auf Sanskrit und geway-shenyen (tib. dge-ba’i bshes-gnyen) auf tibetisch, abgekürzt Geshe (tib. dge-bshes). In dieser Form kommt der Begriff ausschließlich im Kontext der Lehren des Mahayana (Großes Fahrzeug) über das Erlangen der Erleuchtung vor; Übersetzer geben es gewöhnlich mit spiritueller Freund wieder. Lassen Sie uns die Implikationen des Originalbegriffs näher betrachten, um jegliches Missverständnis auszuräumen.

Viele Übersetzer benutzen auch „tugendhaft“ als Äquivalent für kalayana oder gewa, die Komponente für „spirituell“ im Begriff spiritueller Freund. Ein „ tugendhafter Freund“, ein „Freund der Tugend“ oder ein „Freund, der andere zur Tugend führt“, wie man es auch ausdrückt, immer schleicht sich der subtile Geschmack ein, dass da jemand spröde, steif und selbstgerecht ist. Vielleicht wäre „konstruktiv“ eine passendere Übersetzung als tugendhaft. Im Buddhismus bedeutet konstruktives Verhalten, auf eine Weise zu denken, zu sprechen und zu handeln, die Gewohnheiten erzeugt, welche – auf lange Sicht – zu persönlichem Glück führen. Spirituelle Freunde sind demnach konstruktive Freunde, Freunde des Konstruktiven und Freunde, die andere zu konstruktivem Verhalten führen.

Um die tieferen Bedeutungsebenen eines spirituellen Freundes zu begreifen, muss man über ein gutes Verständnis des buddhistischen Konzepts vom konstruktiven Verhalten verfügen. Die tibetischen Schulen gründen ihre ethischen Systeme auf zwei indische Werke: „Ein Schatzhaus besonderer Wissensgebiete“ von Vasubandhu und „Eine Anthologie besonderer Wissensgebiete“ seines Bruders Asanga. Erst die Kombination ihrer Erklärungen gibt ein wirklich vollständiges Bild.

Konstruktive Handlungen sind Handlungen, die von konstruktiven Geisteszuständen motiviert sind. Solche Geisteszustände bestehen aus Ansammlungen positiver Geisteshaltungen und Qualitäten. Sie beinhalten das Vertrauen in den Nutzen positiven Verhaltens und einen Sinn für Werte, der sich aus dem Respekt für positive Qualitäten und für die Menschen, die solche Qualitäten besitzen, ableitet. Ebenfalls enthalten sind das unterscheidende Gewahrsein, dass destruktives Verhalten zu Unglück führt, ein Gefühl von Skrupeln, dass es einem erlaubt von schamlos negativem Verhalten Abstand zu nehmen, und ein Gefühl von Leistungsfähigkeit, dass man tatsächlich dazu in der Lage ist, sich solcher Aktivitäten zu enthalten. Darüber hinaus werden konstruktive Geisteszustände von einem Gefühl der Selbstachtung und der Sorge getragen, dem eigenen spirituellen Lehrer, der Familie oder Nation nicht durch destruktives Verhalten Schande zu bereiten. Auch die Abwesenheit bestimmter negativer Komponenten ist ein Merkmal konstruktiver Geisteszustände. Sie sind nämlich frei von Gier, Anhaftung, Feindseligkeit, Naivität oder anderen störenden Geistesfaktoren wie Flatterhaftigkeit, Dumpfheit, Rücksichtslosigkeit oder Faulheit.

Kurz, konstruktive Geisteszustände zeichnen sich durch eine starke Überzeugung vom Wert ethischer Prinzipien und der Fähigkeit, ihnen zu folgen aus. Solche Überzeugung und Fähigkeit führen ganz natürlicher Weise dazu, von negativem Verhalten Abstand zu nehmen. In ihrer Funktion als spirituelle Freunde sind spirituelle Mentoren Lehrer mit konstruktiven Geisteszuständen, die wiederum in eine konstruktive Art des Handelns, Redens und Denkens münden. Darüber hinaus sind sie in der Lage, ihre Schüler zu inspirieren, und ihnen beizubringen, in vergleichbarer Weise zu denken, zu reden und zu handeln.

Der Begriff konstruktiv bezieht sich auch auf die letztendlichen spirituellen Errungenschaften – dass heißt auf die endgültige Befreiung von den wiederkehrenden Problemen unkontrollierbarer Wiedergeburten (Skt. samsara), und noch darüber hinaus, auf die Erleuchtung eines Buddha. Das Erlangen eines dieser Zustände ist endgültig konstruktiv. Da aber kalyana-mitra in diesem Falle ein Begriff des Mahayana-Buddhismus ist, handelt es sich bei dem konstruktiven Zustand, zu dem die spirituellen Freunde ihre Schüler führen, ausdrücklich um die volle Erleuchtung, eben dem speziellen Ziel des Mahayana-Buddhismus,.

Das buddhistische Konzept von Freundschaft

Die zweite Komponente des Begriffs spiritueller Freund, auf Sanskrit mitra, ist das gewöhnliche Wort für Freund. Da die Wurzel des Wortes, maitri, Liebe bedeutet, leitet sich seine Bedeutung von der buddhistischen Definition der Liebe ab. Nach dieser Definition ist Liebe der Wunsch, dass andere glücklich sind und die Ursachen des Glücks besitzen. Da dieser Wunsch selbstlos ist, beinhaltet er nicht das greifende Anhaften an Menschen, die man liebt oder das Verlangen im Austausch etwas zurückzuerhalten, nicht einmal Gegenliebe, Zuneigung oder Wertschätzung. Auch benötigt man die Objekte dieser Liebe nicht, um ein Gefühl emotionaler Sicherheit zu empfinden oder um sein Selbstwertgefühl aufzubauen. Ein Freund ist demzufolge jemand, der eine reine, altruistische Haltung besitzt, und nicht jemand, der aus neurotischen Gründen zwanghaft versucht, anderen zu gefallen oder sie glücklich zu machen.

Die buddhistische Tradition definiert einen Freund weiter als jemanden, in dessen Gegenwart man sich schämen würde, destruktiv zu handeln, zu reden oder zu denken. In diesem Sinne ist ein wahrer Freund tatsächlich ein spiritueller Freund, jemand, der anderen hilft konstruktiv zu sein. Schließlich ist konstruktives Verhalten die Ursache für Glück, und das wiederum ist ja der wichtigste Wunsch, den ein Freund für einen anderen Menschen hegt. Ein irreleitender Freund dagegen zieht andere von konstruktivem Verhalten weg und bringt sie dazu, ihre Zeit entweder zu verschwenden oder sogar destruktiv zu handeln, zu reden und zu denken. Ein derartiges Verhalten führt zu Leiden und Unglück, das Gegenteil von dem, was die wahre Liebe wünscht.

Shenyen, die tibetische Übersetzung des Wortes mitra, bedeutet wörtlich Verwandter-Freund. In vielen asiatischen Kulturen sprechen die Menschen ihre älteren Mitbürger dadurch in besonders freundlicher Weise an, dass sie diese „Onkel“ oder „Tante“ nennen. Gleichaltrige bezeichnen sie als „Bruder“ oder „Schwester“ und Kinder als „ Sohn“ oder „Tochter“. Auf diese Weise wird ein Freund automatisch ein Teil der eigenen Familie. Dieses Vorgehen ist ausschließlich mit positiven Assoziationen verknüpft, bedeutet es doch, dass die Person mit den Menschen gleichgestellt wird, mit denen man enge, liebevolle und harmonische Beziehungen pflegt.

Die meisten Asiaten leben in ausgedehnten Großfamilien, wobei mehrere Generationen ihr ganzes Leben unter einem Dach zusammenleben. Häufig umgibt eine Mauer das Heim, um die Familie vor Schaden zu bewahren. Das Zusammensein mit Familienmitgliedern und Verwandten-Freunden bietet ein Gefühl der körperlichen und emotionalen Sicherheit und das Vertrauen, nicht angegriffen, beschimpft oder betrogen zu werden. Auf ähnliche Weise bilden auch spirituelle Mentoren und ihre Schüler eine Art spirituelle Familie, in der sich alle vollkommen heimisch fühlen. Mitglied einer asiatischen Familie zu sein – bei mediterranen Familien ist es übrigens ganz ähnlich – bedeutet, dass die Lebenskraft-Energien genährt und unterstützt werden. Mitglied der spirituellen Familie eines Mentors zu sein, funktioniert ähnlich. Es gibt einem die Kraft, ein vitales spirituelles Leben zu gestalten und aufrechtzuerhalten.

Obwohl spirituelle Mentoren älter, jünger oder im gleichen Alter wie ihre Schüler sein mögen, gelten sie doch stets als die spirituell Älteren. Das allgemeine tibetische Wort für Lehrer, gegen (tib. dge-rgan), in seiner abgekürzten Form gen (tib. rgan) häufig als vertraute Anrede gebraucht, heißt wörtlich tatsächlich „spiritueller Älterer“. Und „spirituell“ ist in diesem Zusammenhang wieder eine recht freie Übersetzung des Wortes für konstruktiv. Als spirituelle Ältere verdienen Mentoren den größeren Respekt, obwohl natürlich beide Seiten einander zutiefst achten. Die Schüler respektieren die verwirklichten Qualitäten des Lehrers, die Lehrer achten das Potenzial ihrer Schüler.

Spirituelle Freundschaft im strikten Sinne des buddhistischen Fachausdrucks impliziert nicht, dass die betroffenen Personen einander gleichgestellt sind, wie etwa im Falle von Kumpeln. In einer westlichen Freundschaft werden beide Personen als Freund bezeichnet, wohingegen hier nur der Lehrer spiritueller Freund genannt wird. Obwohl Dharma-Schüler auch im westlichen Sinne spirituell miteinander befreundet sein können, sind sie doch nicht spirituelle Mentoren oder Lehrer füreinander. Selbst wenn ihr Zusammensein beide dazu anregt, konstruktiv zu denken und zu handeln, können Dharma-Freunde sich doch nicht gegenseitig zu der Erleuchtung eines Buddha hinführen. Im besten Falle begleiten sie einander.

Die nächste westliche Analogie für einen spirituellen Freund im buddhistischen Sinne ist vielleicht der platonische Freund in seiner klassischen Bedeutung. Ein „platonischer Freund“, als reiferer und erfahrenerer Mensch, ist ein Lehrer und Mentor, dessen Gesellschaft einen jüngeren Menschen adelt und ihn auf die höchste Ebene spiritueller Ideale führt. Die liebevolle Beziehung zwischen beiden Partnern wird durch die Abwesenheit von Verliebtheit, Sexualität und niederen Emotionen charakterisiert. Im Gegensatz zur Gedankenwelt des antiken Griechenlands geht der Buddhismus jedoch nicht von einer Beziehung im Rahmen spiritualisierter idealer Schönheit, Güte und Wahrheit aus. Stattdessen formuliert er die Beziehung im Sinne familiärer Nähe und zielt mit ihr auf das Erlangen der Erleuchtung.

Geshes und Khenpos

Geshe, die abgekürzte Form des tibetischen Begriffs für einen spirituellen Freund, wurde in der Kadam-Tradition ursprünglich als ein Titel für große spirituelle Lehrer verwendet. Einfachheit, Bescheidenheit und verborgene Größe sind die besonderen Merkmale der Kadam-Geshes gewesen. Besonders bekannt für ihre Lehren des lojong (tib. blo-sbyong), dem Reinigen der Geisteshaltung (Geistestraining), verkörperten sie selbst all das, was sie lehrten.

Die Gelug-Tradition vereinigte die zersplitterten Kadam-Linien, reformierte ihre Verfälschungen und führte sie als ihr Nachfolger weiter. Später entlieh der Fünfte Dalai Lama den Titel Geshe und ersetzte damit die zuvor verwendeten Titel, die nach einem erfolgreichen Abschluss an den Klosteruniversitäten der Gelug-Tradition verliehen wurden. Bis heute ist es bei diesem Gebrauch des Begriffes geblieben. Bisher haben ausschließlich Mönche diesen Titel erworben. Im Exil haben jetzt allerdings auch Nonnen und Laien mit dem entsprechenden Studium begonnen.

Um ein Geshe zu werden, muss man Texte auswendig lernen und diese dann über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren anhand von Logik und Debatte studieren, wobei man verschiedene Ebenen intensiver Prüfungen durchläuft. Die Integration des Sinns der erlernten Texte in die eigene Persönlichkeitsentwicklung wird nicht vorausgesetzt, ebenso wenig erfordert die Ausbildung Erfahrung und Beschlagenheit in Sachen Meditation. Der Titel Geshe entspricht also in etwa einem Dr. phil. westlicher Universitäten. Und wie der westliche Titel, so garantiert auch der tibetische Titel nicht für das Lehrgeschick und den Charakter seines Inhabers. Viele Geshes verfügen natürlich über dieses Geschick und sind spirituell entwickelt. Ihr Titel jedoch beweist lediglich gelehrte Fachkenntnisse.

Dasselbe gilt für den Titel Khenpo (tib. mkhan-po), was soviel heißt wie „der Gelehrter“. Er entspricht dem Grad eines Geshes und wird den Graduierten der Kagyü- und Nyingma-Klosteruniversitäten verliehen. Diejenigen, die die Klosteruniversitäten der Sakya-Tradition durchlaufen, erhalten ebenfalls den Geshe-Grad. Sie benutzen den Titel Geshe gewöhnlich jedoch nur, wenn sie außerhalb ihrer Klöster unterwegs sind und lehren. In den Klöstern werden sie von den Mönchen gewöhnlich mit dem Titel Khenpo angesprochen. Auch der Abt eines Klosters ist ein Khenpo. Alle tibetischen Traditionen nennen einen Abt „ Ken Rinpoche“.

Auch wenn ein Geshe oder Khenpo bloß die Qualifikationen eines Professors besitzt, gebührt ihm Respekt für sein Wissen und seine Gelehrsamkeit. Wie im Falle von Lamas und Rinpoches sind auch Geshes und Khenpos nicht unbedingt spirituelle Mentoren mit der Fähigkeit, Schüler zur Erleuchtung zu führen. Nur wer dem ursprünglichen Sinn seines Titels und dessen Implikationen gerecht wird, besitzt diese Fähigkeit.

Zusammenfassung

Damit spirituelle Lehrer spirituelle Mentoren sein können und auch als solche handeln können, müssen sie gewichtig an positiven Qualitäten und Mitgefühl sein, und Bodhicitta mit einem tiefen Verständnis der Wirklichkeit verbinden. Darüber hinaus müssen sie auch über die Kraft verfügen, ihre Schüler zu inspirieren, diesen Zustand ebenfalls erreichen zu wollen. Sie müssen in dem Sinne spirituelle Freunde sein, dass sie in einer Weise konstruktiv denken, reden und handeln, die niemals einen langfristigen Schaden anrichtet, sondern letztlich nur Gutes bewirkt. Diese Handlungsweise ist niemals durch Gier, Anhaftung, Zorn oder Naivität motiviert. Sie entspringt stattdessen aus Liebe und Mitgefühl, die von Weisheit getragen werden. Die spirituellen Mentoren führen ihre Schüler ferner an konstruktives Verhalten heran, gleich Freunden, die zu vertrauenswürdigen, nahen Familienmitgliedern geworden sind. Letztlich führen spirituelle Mentoren ihre Schüler zu Befreiung und Erleuchtung.

Wenn spirituelle Lehrer über die zusätzlichen Qualitäten verfügen, die der zweiten Bedeutung von Lama entspricht, können sie als Mentoren ihre Schüler sogar noch effektiver inspirieren. Wenn zum Beispiel Laien, die als spirituelle Mentoren fungieren, ihre Arbeit im Rahmen einer klösterlichen Institution tun, gewinnen potenzielle Schüler eher Vertrauen in ihre Verantwortlichkeit und Autorität, als wenn sie unter anderen Bedingungen lehren würden. Wenn spirituelle Mentoren dann auch noch selbst Mönche oder Nonnen sind, geben sie kraftvolle Vorbilder. Im „Gekürzten Kalachakra-Tantra“ wird der Grund erklärt: Menschen, die monastische Regeln einhalten, verdienen als Repräsentanten der Sangha-Zuflucht automatisch Respekt – das heißt als Repräsentanten von Menschen, die eine direkte, nichtkonzeptueller Wahrnehmung der Wirklichkeit haben. Obwohl sowohl Laien als auch Ordinierte über diese Wahrnehmung verfügen können, repräsentiert nur die Gemeinschaft von Mönchen und Nonnen den Sangha als Zufluchtsobjekt. Der Gebrauch des Wortes Sangha für die Gemeinschaft von Mitgliedern eines speziellen Dharma-Zentrums oder auch für die Mitglieder mehrerer Dharma-Zentren, ist eine rein westliche Konvention.

Wenn spirituelle Mentoren Ritualmeister sind, die ein dreijähriges Meditationsretreat absolviert haben oder an einer der tantrischen Hochschulen studiert haben, denken die Leute gewöhnlich, dass dies ihre Qualifikation beweisen würde. Dasselbe gilt für diejenigen, die erfolgreich an einer Klosteruniversität studiert und den Titel Geshe oder Khenpo erhalten haben. Wenn schließlich Autoritäten spirituelle Mentoren als die Reinkarnationen großer tantrischer Meister erkannt haben, haben viele Menschen automatisch großes Vertrauen in ihre Fähigkeiten.

Andererseits können spirituelle Mentoren aber auch einfach lediglich Mönche, Nonnen oder Laien, sein, die in einer klösterlicher Umgebung dienen, oder aber sie sind Ritualmeister, Halter eines klösterlichen Titels, erkannte Reinkarnationen oder jede beliebige Kombination aus diesen Möglichkeiten. Diese Menschen verdienen sicherlich Respekt und mögen in der Lage sein, anderen viel beizubringen. Trotzdem sind sie ohne die weiteren Qualifikationen, die der vollen Bedeutung der Worte Guru, Lama und spiritueller Freund entsprechen, keine spirituellen Mentoren, die andere Menschen den ganzen Weg bis hin zur Erleuchtung leiten können. Wir können Desillusionierung und möglichen spirituellen Schaden vermeiden, wenn wir auf diese Weise die Begriffe klären.