Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine Beziehung zu einem spirituellen Lehrer aufbauen:
Eine gesunde Beziehung fördern

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. „Zwischen Freiheit und Unterwerfung.
Chancen und Gefahren spiritueller
Lehrer-Schüler-Beziehungen“.
Übersetzung: Tom Geist. Berlin: Theseus Verlag, 2002.
Vollständige Überarbeitung der deutschen Übersetzung: Christian Dräger

Ursprüngliche englische Version:
Berzin, Alexander. Relating to a Spiritual Teacher:
Building a Healthy Relationship
.
Ithaca, Snow Lion, 2000.

Neuausgabe:
Wise Teacher, Wise Student:
Tibetan Approaches to a Healthy Relationship
.
Ithaca: Snow Lion, 2010

Teil 1: Spirituell Suchende und spirituelle Lehrer

1 Kulturelle Überlegungen

Kulturen haben einen großen Einfluss auf die Form der persönlichen Interaktion ihrer Mitglieder. So, wie die Eltern-Kind-Beziehung sich von einer Gesellschaft zur anderen verändert, so auch die Beziehung zwischen spirituell Suchendem und spirituellem Lehrer. Daher ist es nur natürlich, dass diese Beziehung sehr anders aussieht, je nachdem, ob beide Tibeter sind, beide Westler oder einer Westler und einer Tibeter ist. Problematisch wird es, wenn eine oder beide Seiten glauben, dass sie eine fremde Kultur imitieren oder eine fremde Lebensart annehmen müssten. So könnten westliche Studenten möglicherweise denken, dass sie wie Tibeter handeln müssten, oder dass tibetische Lehrer sich mehr wie Westler verhalten sollten. Andersherum könnten tibetische Lehrer erwarten, dass westliche Schüler sich genauso verhalten wie tibetische Schüler. Wenn jedoch jede Seite den jeweiligen kulturellen Hintergrund des anderen versteht und achtet, werden Flexibilität und Anpassung möglich. Das beseitigt häufig schon einige der möglichen Probleme. Um einige der Unterschiede besser verstehen zu können, wollen wir in der Folge das Profil eines spirituellen Suchenden aus jeder der beiden Kulturen erstellen.

Der typische spirituell Suchende im traditionellen Tibet

Traditionell waren die meisten tibetischen spirituell Suchenden, ebenso wie ihre Lehrer, zölibatär lebende Mönche oder Nonnen mit einer begrenzten Kenntnis des Familienlebens, die sie hauptsächlich in ihrer eigenen Kindheit gewannen. Auch bezüglich weltlicher Dinge verfügten die meisten nur über ein begrenztes Wissen. Praktisch alle waren noch Kinder als sie ins Kloster eintraten und konnten weder lesen noch schreiben. Im Tibet vor der chinesischen Invasion hatte sich niemals ein öffentliches Bildungssystem entwickelt, tatsächlich gab es so gut wie keine weltliche Bildung. Die wichtigsten Ausnahmen dieser Regel fanden sich in der Hauptstadt Lhasa, wo es eine Regierungsschule gab, deren Aufgabe es war, Zivilbeamte auszubilden, sowie eine medizinische und astrologische Hochschule. Zugang hatten üblicherweise nur die Kinder des Adels. Aber auch die monastische Ausbildung deckte ausschließlich Fächer ab, die direkt mit spirituellen Themen verbunden waren. Sogar in Klöstern, in denen auch Medizin und Astrologie gelehrt wurde, waren diese Themen aufs Engste mit buddhistischer Theorie und buddhistischem Ritual verknüpft.

Für Laien gab es nur sehr wenige Möglichkeiten, ein spirituelles Studium aufzunehmen. Das Studium mit einem ngagpa (tib. sngags-pa), einem verheirateten tantrischen Yogi, der sich der Meditation widmete und Rituale in den Häusern der Bevölkerung ausführte, war beinahe die einzige Möglichkeit, ein solches spirituelles Studium zu absolvieren. Ngagpas lehrten jedoch gewöhnlich nur Kinder aus ihren eigenen Familien und vielleicht zusätzlich ein paar Jugendliche aus der Nachbarschaft, die mit ihnen zusammenlebten. Wenn sie gelegentlich für mehrere Monate im weit entfernten Hause eines Förderers weilten, erteilten sie manchmal auch den Erwachsenen des Hauses und einzelnen Heranwachsende aus prominenten Familien der Gegend Belehrungen. Die Anzahl der Ngagpas in Tibet lässt sich jedoch kaum mit der Zahl der Mönche und Nonnen vergleichen. Laien als spirituell Suchende waren die Ausnahme und nicht die Regel.

Einige Ngagpas waren auch tulkus (tib. sprul-sku, reinkarnierte Lamas) und nicht ordinierte Thronhalter einer oder mehrerer klösterlicher Institutionen. Als solche lag es in ihrer Verantwortung, Ermächtigungen zu erteilen und wichtige Rituale zu leiten. Schon im Kindesalter als Reinkarnationen verstorbener tantrischer Meister erkannt, standen die Tulkus an der Spitze der tibetischen Gesellschaft. Mönchs- und Nonnenklöster ließen gewöhnlich keine Laienschüler zu. Wenn jedoch Ngagpa-Tulkus mit einer klösterlichen Institution verbunden waren, erhielten sie häufig einen Großteil ihrer Ausbildung dort. Ebenso besuchten ihre jüngeren Familienmitglieder und später auch ihre Kinder Klassen in diesen Mönchs- oder Nonnenklöstern. Auf diese Weise hatten die wenigen spirituell Suchenden im Laienstand stets engen Kontakt mit Mönchen und Nonnen.

Eintritt in ein Mönchs- oder Nonnenkloster im traditionellen Tibet

Traditionellerweise traten Tibeter bereits in einem sehr jungen Alter ins Kloster ein. Die Voraussetzung lautete, dass der Kandidat, bzw. die Kandidatin gesund sein mussten und alt genug, um eine Krähe verjagen zu können. Diese Fähigkeit weist darauf hin, dass das Kind über genug Selbstsicherheit verfügen musste, um fern von Zuhause leben zu können. Die meisten traten im Alter von sieben oder acht Jahren ins Kloster ein, manche Tulkus allerdings schon mit vier.

Die Entscheidung ins Kloster einzutreten beruhte immer auf einer gegenseitige Übereinkunft zwischen Eltern und Kind. Dabei konnte die Initiative von beiden Seiten ausgehen. Mönch oder Nonne zu werden war in Tibet nicht nur sehr angesehen, es war auch ein alltägliches Vorkommnis. Mehr als ein sechstel der Bevölkerung war ordiniert. Da es natürlich auch half die Zerstückelung des ererbten Besitzes zu verhindern, wenn man einige Kinder der Familie ins Kloster schickte, pflegte praktisch jede Familie diesen Brauch.

Obwohl Kindermönche und -nonnen sich auch den Kopf rasierten und Roben trugen, nahmen sie vor ihrer frühen bis mittleren Adoleszenz üblicherweise keine Novizengelübde und keine vollen Gelübde bis zum Alter von einundzwanzig Jahren. Im Gegensatz zu ihren christlichen Pendants hielten sie gewöhnlich den Kontakt zu ihren Familien aufrecht. Wenn sie während der Adoleszenz in heimatlichen Klöstern lebten, verbrachten sie häufig die Sommerferien zu Hause und halfen auf den Feldern oder bei den Herden.

Man könnte argumentieren, dass Kinder kaum als ernsthafte spirituell Suchende anzusehen sind. Natürlich wollten die meisten Kinder hauptsächlich ins Kloster, um die Kameradschaft und das Zusammenleben mit Gleichaltrigen zu genießen. Andere Kinder, die sich nach Wissen sehnten, waren ebenfalls lebhaft daran interessiert einer klösterlichen Institution beizutreten, da das Studium des Buddhismus der einzige Weg war, überhaupt eine Ausbildung zu erhalten. Das spirituelle Interesse manifestierte sich meist zuerst im spielerischen Nachahmen der älteren Mönche und Nonnen, wenn diese meditierten und ihre Rituale ausführten. Aufrichtiges spirituelles Interesse stellte sich meist im Laufe der Erziehung und mit zunehmender Reife ein. Viele Mönche und Nonnen entwickelten jedoch niemals ein derartiges Interesse und blieben einfach im Kloster wohnen, um dort ein sicheres Leben führen zu können.

Die jungen Mönche und Nonnen lebten traditionellerweise in den Häusern ihrer Lehrer. Wenn sie in große Klöster außerhalb ihrer Heimatregion eintraten, lebten die Schüler und Lehrer aus ein und derselben Gegend meist auf demselben Gelände zusammen und bildeten Untereinheiten innerhalb der großen Institutionen. Sie hatten ihre eigenen Tempel für das gemeinsame Gebet und waren – wie bei den meisten Bergvölkern üblich – durch Gebietsloyalität und einen gemeinsamen eigenen Dialekt eng miteinander verbunden.

Während ihrer Kindheit und Jugend übernahmen die Mönche und Nonnen gewöhnlich auch Haushaltsaufgaben und halfen den erwachsenen Schülern, ihre Lehrer zu bedienen. Sie unterlagen einer strikten Disziplin sowohl seitens ihrer Lehrer als auch durch die Klosterautoritäten. Schelte und Schläge gehörten zum Alltag, selbst für Tulkus. Trotzdem erfuhren die Kinder auch körperliche Zuneigung von den älteren Mitgliedern des Haushalts, die als Ersatzeltern fungierten. Die Lehrer erfüllten die elterlichen Funktionen, indem sie als Autoritätspersonen und Rollenmodelle dienten.

Wie sich der Eintritt in ein Mönchs- oder Nonnenkloster heutzutage im Exil vollzieht

Die tibetische Flüchtlingsgemeinschaft hat viele ihrer Hauptklöster für Mönche und Nonnen im indischen und nepalesischen Exil wiederaufgebaut. Diese neuen Institutionen halten viele der traditionellen Bräuche aufrecht, obwohl die Klöster in Südindien von den meisten ihrer körperlich tüchtigen Mitglieder gemeinschaftliche Feldarbeit verlangen. In ein Kloster einzutreten ist jedoch lange nicht mehr so verbreitet wie früher in Tibet. Hauptsächlich arme Familien und Neuankömmlinge schicken ein paar ihrer Kinder ins Kloster, vor allem aus finanziellem Druck. Häufig bekommen Novizen zumindest eine gewisse weltliche Bildung, bevor sie in die monastischen Institutionen eintreten, und viele warten mit diesem Schritt, bis sie erwachsen sind. Tulkus jedoch treten immer noch im zarten Kindesalter ein. Seit den frühen achtziger Jahren ist die moderne Schulbildung Teil der klösterlichen Erziehung, was allerdings nur für die großen Institutionen gilt.

Auch im Exil leben in den Haushalten von Tulkus und älteren Lehrern noch junge Schüler. Viele Mönche und Nonnen leben jetzt jedoch entweder in Schlafsälen, die mit einer Gemeinschaftsküche ausgestattet sind, oder mit ein paar anderen Mönchen bzw. Nonnen zusammen in kleinen Häusern. Die größeren Klöster haben immer noch regionale Abteilungen. Obwohl die wiedererrichteten Institutionen viele der Bequemlichkeiten des Westens vermissen lassen, verfügen sie doch über wesentlich mehr Hilfsmittel als damals im alten Tibet. Folglich erfordert der Haushalt sehr viel weniger körperliche Arbeit als früher. Dem Lehrer zu dienen, spielt deshalb heutzutage eine wesentlich weniger dominante Rolle in der Schüler-Lehrer Beziehung als jemals zuvor. Ein gewisses Maß an Dienstleistung gehört jedoch immer noch zum Standard.

Wie bereits im traditionellen Tibet erhalten Kindermönche und -nonnen auch heute keine besondere Behandlung. Tulkus im Kindesalter bekommen jedoch immer noch, genauso wie früher, besseres Essen und bessere Kleidung als alle anderen. Sie selbst und ihre Umgebung werden peinlich sauber gehalten. Sie werden von besonderen Dienern bedient und haben so gut wie keinen Kontakt mit den gewöhnlichen Klosterkindern, die als mögliche Spielgefährten für zu raubeinig und schmutzig gelten.

Die äußerst strikte Disziplin hat die Tulkus traditionell davor bewahrt, verwöhnt und verweichlicht zu werden. Die heutigen Tulkus, mit ihrem regen Kontakt zu westlichen Menschen, deren Kultur und ihrer Unterhaltungselektronik, haben allerdings größere Schwierigkeiten mit der Disziplin. Das trifft besonders dann zu, wenn Reisen in den Westen die Stabilität ihres Lebens zu Hause stören, ihre Ausbildung unterbrechen und kulturellen Konfliktstoff mit sich bringen.

Das traditionelle Training in tibetischen Klöstern

Die spirituelle Ausbildung der gewöhnlichen Mönche und Nonnen wie auch von Tulku-Mönchen und -Nonnen hat bis heute seine traditionelle Form bewahrt, mit dem einzigen Unterschied, dass früher nur Tulkus und besonders vielversprechende Jugendliche das Schreiben erlernten. Tulkus erhalten Privatunterricht, solange sie jung sind; die anderen Kinder lernen in Gruppen. Im traditionellen Tibet war die Position der Nonnen niedriger als die ihrer männlichen Pendants. Erst in letzter Zeit wurden Schritte unternommen, die Ausbildung und das Meditationstraining der Nonnen auf den Standard der Mönche anzuheben. Doch der Weg bis dahin ist noch weit.

Bis zum Alter von etwa dreizehn Jahren bestand die Ausbildung zum größten Teil aus Lese- und Schreibunterricht, dem Auswendiglernen von Texten und der Teilnahme an Ritualen. Die buddhistischen Gebete und Texte sind in der klassischen Sprache verfasst, die für einen durchschnittlichen Tibeter genauso unverständlich ist, wie etwa Latein oder Hebräisch für den durchschnittlichen Westler. Die Kinder erhalten so gut wie nie Erklärungen und Meditationsanweisungen. In diesen Bereichen können sie bessere Fortschritte erzielen, wenn sie älter geworden sind, wohingegen sich die Kraft des Auswendiglernens in der Kindheit auf dem Höhepunkt befindet.

In dieser Anfangsphase der Ausbildung beschränkt sich die Rolle des Lehrers darauf, die Disziplin durchzusetzen und die Kinder täglich zu prüfen. Die überschwängliche Energie der Kinder wird kanalisiert, indem sie die auswendig gelernten Texte mit voller Lautstärke herausbrüllen. Alle brüllen gleichzeitig, wobei jeder etwas anderes schreit. Das hilft ihnen dabei, die Fähigkeit zu entwickeln, sich trotz jeder Ablenkung konzentrieren zu können. Es hilft ihnen auch dabei, während der Schulstunden, die viele von ihnen langweilig finden, wach zu bleiben.

Jugendliche Mönche und Nonnen, einschließlich der Tulkus, studieren mittels der Debatte. Die Debatten sind ebenfalls außerordentlich lautstark und werden von rituellen Gesten akzentuiert; wobei verschiedene Debatten gleichzeitig nebeneinander stattfinden. Durch die Debatten lernen die Heranwachsenden logisch und eigenständig zu denken, alles in Frage zu stellen und Niederlagen zu überstehen. Die Heranwachsenden formen ihren Charakter auf dem Debattierfeld.

Unabhängig von dem universellen Rat, dass tantrische Praxis nichts für Anfänger sei, und trotz der langen Listen von Vorbedingungen, um Schüler eines tantrischen Meisters werden zu können, erhalten doch nahezu alle tibetischen Mönche und Nonnen bereits in jungen Jahren tantrische Ermächtigungen. Wenn die Schüler überhaupt meditieren, dann besteht die Praxis aus der Rezitation von Sadhanas – rituellen Texten tantrischer Visualisationen. Weil sie nicht über die für ein tantrisches Studium nötigen Qualifikationen verfügen, haben die meisten nur äußerst vage Vorstellungen, was sie mit ihrem Geist anstellen sollen, während sie die Texte rezitieren. Ebenso erlernen viele die tantrischen Rituale und machen Niederwerfungen, aber nur wenige sind sich der tieferen Bedeutung dieser Praktiken bewusst. Die meisten konzentrieren sich stattdessen darauf, durch diese Praktiken Selbstdisziplin zu entwickeln, den täglich zu wiederholenden Gelübden nachzukommen, die sie von ihren Lehrern erhalten haben, durch die Kraft der Rituale, Hindernisse zu beseitigen und gute Eindrücke für zukünftige Leben zu erzeugen.

Das traditionelle spirituelle Leben tibetischer Laien

Im alten Indien bestand die spirituelle Hauptaktivität von Laienbuddhisten darin, die Mönche und Nonnen, die auf ihrem täglichen Bettelgang an ihrem Haus vorbeikamen, mit Speise und Trank zu versorgen. Zweimal im Monat öffneten die Mönchs- und Nonnenklöster ihre Pforten auch für die Laien, die kamen und Belehrungen in Form moralischer Geschichten hörten. Sowohl Zuhause als auch in den Klöstern führten die Laienanhänger hingebungsvolle Übungen durch, indem sie etwa Räucherwerk entzündeten oder andere Gaben darbrachten. Zudem luden vor allem reiche Familien gelegentlich Gruppen von Mönchen oder Nonnen in ihre Häuser ein. Nachdem eine Mahlzeit gereicht worden war, empfing die Familie eine kurze Belehrung vom Ältesten der Ordinierten. Nur selten lernten die Förderer im Laienstand jedoch die tiefgründigeren Lehren kennen oder erhielten detaillierte Meditationsanweisungen, außer vielleicht, wenn sie zur königlichen Familie gehörten.

Wie auch in Tibet studierten zwar einige Laien mit buddhistischen tantrischen Yogis, sie bildeten aber eine kleine Minderheit. Der Brauch, auch buddhistischen Laien Meditation zu lehren, verbreitete sich erstmals im neunzehnten Jahrhundert in Sri Lanka und breitete sich von dort nach Burma aus. Beeinflusst vom protestantischen Modell der Laienkongregationen, die religiöse Unterweisung erhielten, entstand dieser Brauch mit der Wiederbelebung des Buddhismus nach seiner Unterdrückung durch Missionare während der britischen Kolonialherrschaft. Der Brauch, auch der allgemeinen buddhistischen Öffentlichkeit Meditation zu lehren, hat Tibet jedoch nie erreicht.

Tibetische Mönche und Nonnen gingen auch niemals auf Bettelgang zu den Häusern der Menschen; das mag an der Abgelegenheit der klösterlichen Institutionen und den harten Klimabedingungen gelegen haben. Stattdessen gingen die Laien gelegentlich in die Klöster, um Butter und Getreide zu spenden und hingebungsvolle Übungen wie Umwandlungen und Niederwerfungen zu praktizieren. Dieser Brauch ist auch heute noch in Tibet lebendig. Die heimische spirituelle Hauptpraxis bestand für die große Mehrheit aller Tibeter darin, Butterlampen und Weihrauch zu entzünden, Schalen mit Wasser darzubringen und Mantras zu rezitieren. Ein Mantra besteht aus einer Reihe von Wörtern oder Silben, die wiederholt rezitiert werden, wobei das Mantra mit einer bestimmten Buddha-Gestalt in Verbindung steht. Im alten Tibet waren schließlich fast alle Laien Analphabeten und daher nicht in der Lage, Dharma-Texte zu lesen. Nur durch Zuhören, Beobachten und Wiederholen konnten sie Wissen erwerben.

Die tibetischen Laien besaßen weder in Tibet noch im Exil Dharmazentren, in denen sie Buddhismus lernen konnten. Schulen der tibetischen Exilregierung beschäftigten gewöhnlich einen Mönch, der die täglichen Gebete der Kinder anleitete. Bis heute wurde noch nicht einmal damit begonnen auch Nonnen einzustellen. Der zuständige Mönch gab allerdings nur sehr rudimentäre buddhistische Belehrungen. Material für ein systematisches Studium des Buddhismus in umgangssprachlichem Tibetisch existiert schlichtweg nicht. Erst vor kurzer Zeit sind die ersten Dharmavorträge Seiner Heiligkeit des Dalai Lama in umgangssprachlichem Tibetisch gedruckt worden. Obwohl die buddhistischen Werte die ganze Gesellschaft durchdringen, so wie die christlichen den Westen färben, sind Laien, die sich tiefer im Buddhismus auskennen und selbst meditieren, fast immer ehemalige Mönche oder Nonnen.

Auch im alten Tibet hielten hochrangige Meister vor sehr großem Publikum Vorträge über die klassischen Texte und gaben tantrische Einweihungen. Die meisten dieser Veranstaltungen fanden jedoch in Klöstern statt und wenn überhaupt, konnten nur sehr wenige Laien teilnehmen. Gelegentlich führten Meister aber auch für die nicht-ordinierte Öffentlichkeit Langlebenszeremonien durch, gaben Ermächtigungen und erklärten grundlegende Lehren. Die Mehrzahl der Anwesenden machte jedoch nicht einmal den Versuch zu verstehen, was vorging und beteiligte sich folglich auch nicht aktiv an den Meditationen. Die vorherrschende Haltung war, dass dort Samen für Instinkte in zukünftigen Leben gesät würden, in denen man hoffentlich als Mönch wiedergeboren werden würde,

Im heutigen Exil liegen die wiedererrichteten Klöster nicht länger in so abgeschiedenen Gegenden wie früher in Tibet. Sie befinden sich innerhalb oder nahe den Laiengemeinschaften. Folglich haben die meisten Laien täglichen Kontakt mit Mönchen und Nonnen, erhalten aber immer noch keine spirituelle Anleitung von ihnen. Tibetische buddhistische Mönche und Nonnen hatten niemals das Anliegen, sich im Gemeindeleben zu engagieren und etwa in Schulen zu lehren oder Waisenhäuser, Krankenhäuser oder Altersheime zu unterhalten. Einige wenige dienen jedoch in der Regierung. Wie im alten Tibet besteht der spirituelle Kontakt der Laien mit den Ordinierten hauptsächlich immer noch darin, Mönche oder Nonnen zu sich nach Hause einzuladen, und diese dann dort Rituale durchführen zu lassen, oder darin, den Auftrag zu erteilen, solche Rituale in den Klöstern selbst durchzuführen. Bei den Ritualen geht es hauptsächlich darum, Hindernisse zu beseitigen oder den Erfolg der weltlichen Geschäfte des Sponsors zu erwirken.

Große Lehrer erklären gelegentlich Texte und geben Ermächtigungen für große Menschenmengen von sowohl Ordinierten als auch Laien. Dabei geben sie sich besondere Mühe, den anwesenden Laien allgemeine Dharma-Ratschläge zu erteilen, aber die Haltung der Zuhörer hat sich kaum geändert. Sie gehen hin, um „Segen“ zu erhalten und Samen für zukünftige Leben zu säen. Tibeter haben nicht die Angewohnheit, Fragen zu stellen, vor allem nicht in der Öffentlichkeit.

Der Vergleich mit westlichen spirituell Suchenden

Bei Abendländern, die sich zum tibetischen Buddhismus hingezogen fühlen, ist die Situation eine völlig andere. Nur wenige beginnen ihre buddhistische Ausbildung im Kindesalter, außer vielleicht diejenigen, die entsprechende Sonntagsschulen besuchen, die ihre zum Buddhismus übergetretenen Eltern für sie eingerichtet haben. So gut wie alle Westler kommen also erst zum Buddhismus, nachdem sie eine moderne Ausbildung durchlaufen haben und zumindest einige Bücher zum Thema gelesen haben. Und weil die Bücher in moderner Umgangssprache verfasst sind, können die westlichen Menschen aus ihnen lernen, ohne dass sie dafür einen Lehrer benötigen. Allerdings ist das Aufnahmevermögen der Westler gewöhnlich schwach ausgebildet, da sie die Texte weder auswendig lernen noch über jeden Punkt debattieren.

Sie gehen zu Dharma-Zentren statt in Klöster, und als Laien möchten sie die tiefgründigsten Lehren lernen und Meditations-Erfahrungen jetzt, in diesem Leben, machen. Obwohl sie, wie die Tibeter, tantrische Einweihungen bereits erhalten, lange bevor sie qualifiziert sind Tantra auch wirklich praktizieren zu können, wollen viele doch die vollen Unterweisungen erhalten und möchten augenblicklich die entsprechenden Übungen aufnehmen, ohne zu warten bis sie die erforderlichen Voraussetzungen erworben haben. Die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Westler ist kurz und ohne wiederholten äußeren Stimulus verlieren sie schnell das Interesse. So gut wie niemand denkt an zukünftige Leben oder gibt sich damit zufrieden, Samen für gute Instinkte zu säen. Einige Westler hegen tatsächlich die romantische Fantasie, dass sie Milarepa seien – der berühmte tibetische Yogi, der in einer Höhle meditierte und die Erleuchtung noch im selben Leben erlangte. Dabei vergessen sie natürlich die Härten, die Milarepa erduldete, um überhaupt Lehren zu erhalten. Tibeter wären niemals derart anmaßend.

Mit einigen Ausnahmen nehmen die wenigen Westler, die schließlich Mönche oder Nonnen werden, die Roben erst nach langem Studium und viel Meditationspraxis. Um Zugang zu den Lehren zu erhalten, müssen die Westler jedoch nicht dem Familienleben oder dem Leben als Single entsagen und die Roben nehmen. So gut wie kein westlicher Buddhist lebt mit seinem spirituellen Lehrer in dessen Haushalt. Einige hingegen leben in einem Dharma-Zentrum, wo eventuell auch der Lehrer lebt, gewöhnlich allerdings getrennt von den Schülerinnen und Schülern.

Da die meisten Abendländer einen egalitären Hintergrund haben, beanspruchen die westlichen Laien für sich, dieselben Möglichkeiten für sich in Anspruch zu nehmen, die auch Mönche und Nonnen erhalten. Sie haben auch keinerlei Toleranz für sexuelle Diskriminierungen oder andere Formen der Benachteiligung. Sie möchten alle Texte in ihren jeweiligen Sprachen verfügbar haben, und zwar umgangssprachlich und nicht im klassischen Stil. Selbst wenn Rituale auf Tibetisch rezitiert werden, sind die meisten dazu nur bereit, wenn sie genau wissen, was sie da rezitieren. Nur sehr wenige sind bereit, die Schriften zu rezitieren, vom Auswendiglernen ganz zu schweigen.

Anders als die Tibeter sind die meisten Westler sehr ungeduldig, wenn das Lernen nur langsam vor sich geht. Das hängt mit ihrem äußerst geschäftigen Lebensstil zusammen. Nur wenige Laien können mehr als einen oder zwei Abende die Woche und gelegentlich mal ein Wochenende erübrigen, um ein Dharma-Zentrum zu besuchen. Viele haben nur wenig freie Zeit, um während des Tages zu meditieren. An die Geschwindigkeit westlicher Annehmlichkeiten gewöhnt, wollen sie augenblicklichen, vollständigen Zugang zu den Lehren und schnelle Ergebnisse, besonders wenn sie für Dharma-Unterweisungen Geld bezahlen müssen. Tibeter würden diese Erwartungen kaum teilen.

Bei den gewaltigen Unterschieden zwischen Westlern und Tibetern ist es kein Wunder, dass es häufig zu Missverständnissen kommt, wenn spirituell Suchende und spiritueller Lehrer aus unterschiedlichen Gesellschaften stammen. Menschen mit einem tiefen Verständnis und vollkommener Wertschätzung beider Kulturen sind sehr, sehr selten.