Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Startseite > E-Bücher > Veröffentlichte Bücher > Die Kalachakra-Initiation > 11 Der zweite Tag der eigentlichen Ermächtigung

Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Part IV: Anleitungen für die Kalachakra-Initation

11 Der zweite Tag der eigentlichen Ermächtigung

Theoretische Grundlage für Ermächtigungen

Ganz allgemein gibt es drei Phasen für Ermächtigungen, die entlang des Pfades zur Erleuchtung auftreten. Die erste ist die ursächliche Ermächtigung, die Reifung hervorbringt, und sie wird mit solchen Prozeduren wie der Kalachakra-Initiation übertragen. Sie reinigt die gröbsten Ebenen der Hindernisse und setzt Samen, die in Gestalt einer erfolgreichen Praxis der Erzeugungsstufe und vollständigen Stufe heranreifen. Auf diese Weise agiert sie als eine Ursache des zukünftigen Erreichens der Erleuchtung. Die zweite Ermächtigungsphase ist die Pfadermächtigung, die Befreiung hervorbringt, und sie tritt mit fortschreitender Meisterschaft in den Praktiken der vollständigen Stufe auf. Da Meisterschaft in jedem Schritt der vollständigen Stufe tatsächlich Hindernisse beseitigt und uns von ihnen befreit, ermächtigt sie zu den daraus folgenden Verwirklichungen, was uns immer näher an die Erleuchtung bringt. Die dritte Ermächtigungsphase ist die resultierende Ermächtigung des Befreit-Seins und sie besteht in der tatsächlichen Erlangung der Erleuchtung. Die Erleuchtung beseitigt alle Allwissenheit verhindernde Hindernisse völlig und ermächtigt uns dazu, anderen in unbegrenzter Weise zu nutzen. Darüber hinaus gibt es die Ermächtigung durch unsere Grundlage. Das bezieht sich auf den Geist des klaren Lichts, der jede dieser drei Phasen ermächtigt. Innerhalb des tibetischen Buddhismus wird dies am ausführlichsten im Rahmen von Dzogchen dargelegt, der Großen Vollständigkeit.

Der Geist des klaren Lichts wurde nie von irgendwelchen Hindernissen oder Blockaden befleckt. Von Natur aus von diesen frei wird er nur zeitweilig von karmischen Winden und verstörenden Emotionen und Einstellungen verdunkelt. In diesem Sinne ermächtigt bzw. ermöglicht die natürliche Reinheit des Geistes des klaren Lichts die Beseitigung all der flüchtigen Befleckungen. Wenn die Verdunkelungen die Natur des Geistes des klaren Lichts ausmachen würden, dann könnten sie nie bereinigt werden und die Erleuchtung könnte nie erlangt werden. Darüber hinaus liegen alle Eigenschaften eines Buddhas vollständig im Geist des klaren Lichts vor, obwohl sie nicht wirksam sind, solange der Geist verdunkelt ist. Einfach ausgedrückt liegen diese Eigenschaften vollständig in Form von Spuren oder Potentialen vor, die als Buddhanatur bezeichnet werden, also als Faktoren, die die Erleuchtung ermöglichen. Daher ermächtigt bzw. ermöglicht der Geist des klaren Lichts alle Eigenschaften, die mit der Erleuchtung erlangt werden.

Während der Initiationen des zweiten Tages werden wir als Teilnehmer aufgefordert, zu fühlen, dass unser Geistesstrom, also das Kontinuum unseres Geistes des klaren Lichts, von bestimmten Hindernissen gereinigt und mit bestimmten Samen bepflanzt worden ist. Wir müssen verstehen, was das eigentlich meint, damit wir während er Zeremonie etwas Bedeutsames empfinden können. Der Schlüssel dazu liegt in dem Verständnis der gegenseitig abhängigen Beziehung zwischen ursächlicher und fundamentaler Ermächtigung. Lassen Sie uns dies zunächst auf der Ebene betrachten, die allen Anuttarayoga-Systemen einschließlich des Kalachakras gemeinsam ist.

Die Beziehung von Buddhanatur und Ermächtigung zur Reinigung von Hindernissen

Jeder Faktor unserer Buddhanatur, zum Beispiel das tiefe Gewahrsein von jedermanns Gleichheit, erzeugt, wenn er mit Verwirrung verbunden ist, einen Baustein unserer gewöhnlichen Erfahrung – in diesem Fall das Aggregatpacket unserer Empfindungen von Glück oder Traurigkeit. Verwirrt bezüglich der tatsächlich gleichartigen Natur von uns selbst und allen anderen und folglich mit mangelndem Gleichmut, handeln wir stolz oder geizig. Weil wir uns selbst als höherstehend betrachten, sind wir nicht bereit zu teilen. Diese Selbstbezogenheit umwölkt und verdunkelt das zugrundeliegende Gewahrsein der Gleichheit, mit dem wir uns und andere gleichzeitig beachten können. Aus dem Mangel an Ausgeglichenheit heraus erleben wir sich laufend verändernde Stimmungen – das Aggregat der Empfindungen.

Dieses Aggregat mittels einer ursächlichen Ermächtigung zu reinigen bedeutet nicht, das es für immer von Verwirrung oder vom Stolz und Geiz gesäubert ist, der durch die Verwirrung erzeugt wird. Stattdessen bringt uns die ursächliche Ermächtigung zu dem Aspekt der Buddhanatur, der die Grundlage dieses Aggregats ist, unserem tiefen Gewahrsein der Gleichheit. Dieses wird von einer Buddhaform aus dem Mandala repräsentiert, in diesem Fall von Ratnasambhava. Indem wir uns erneut klar machen, dass unser Aggregat der Empfindungen die Natur von Ratnasambhava hat, bestätigen wir, dass seine Natur das tiefe Gewahrsein der Gleichheit ist. Die Kombination von ursächlicher und fundamentaler Ermächtigung lässt die Überzeugung entstehen, dass wir durch die Praxis der Erzeugungsstufe und der vollständigen Stufe und schließlich durch Pfad-Ermächtigung und resultierende Ermächtigung die Hindernisse von diesem tiefen Gewahrsein für immer beseitigen, die die Ursache dafür waren, dass es als ein Aggregat der mit Verwirrung verbundenen Empfindungen verbleiben musste.

Ursächliche und fundamentale Samen

Mit einer ursächlichen Ermächtigung einen Samen zu setzen, damit dieses tiefe Gewahrsein vollständig funktionieren kann, legt nichts Fremdes in unserem Geistesstrom des klaren Lichts ab. Das tiefe Gewahrsein der Gleichheit ist Teil von unser aller Buddhanatur. Es handelt sich um einen fundamentalen Samen, der bereits vorhanden ist. Wir wissen von seiner Anwesenheit, weil er bereits in begrenztem Maße funktioniert: Jeder kann verschiedene Dinge als  gleichermaßen zur selben Kategorie gehörig erfassen, zum Beispiel, dass verschiedene Hemden in einem Laden gleichermaßen unsere Größe haben. Der Same, der von der ursächlichen Ermächtigung eingepflanzt wird, verstärkt diesen fundamentalen Samen, sodass sie gemeinsam tiefes Gewahrsein des Pfades und des Ergebnisses auftreten lassen.

Ursächliche und fundamentale Samen wirken durch einen von zwei Mechanismen zusammen. Das liegt daran, dass es zwei Arten des fundamentalen Samens bzw. der Buddhanatur gibt: Verweilend und sich entwickelnd. Beide waren von je her integraler Bestandteil des Geistesstromes, im Fall von ersterem im selben verweilenden Aspekt und im Fall des letzteren als vorausgehende Formen, die sich entwickeln. Beide sind Faktoren, die die Verwirklichung der verschiedenen Netzwerke eines Buddhas ermöglichen. Verweilende Faktoren setzen sich in gereinigter Form als Buddha-Netzwerke in die Buddhaschaft hinein fort. Sich entwickelnde Faktoren wandeln sich in Buddha-Netzwerke um, sind aber in der Erleuchtung nicht länger vorhanden. Wie bei einem wirklichen Samen sind sie nicht mehr vorhanden, wenn die voll herangewachsene Pflanze gereift ist.

Obwohl über dieses Thema viel diskutiert wird, betrachten viele Meister die fünf Arten des tiefen Gewahrseins als verweilende Buddhanaturen. Das liegt daran, dass sie sich in die Buddhaschaft in gereinigter Form als die fünf Arten tiefen Gewahrseins eines Buddhas fortsetzen. Die Einpflanzung eines ursächlichen Samens beginnt den Prozess der Beseitigung der Befleckungen von diesen fünf und erlaubt es ihnen, reiner zu funktionieren. In diesem Sinne wirkt das Einpflanzen eines ursächlichen Samens als Umstand, durch den ein fundamentaler Same schließlich vollständig funktionieren kann.

Die sich entwickelnden Samen umfassen unsere reichhaltigen Bestände positiven Potentials und tiefen Gewahrseins. Mit der Erleuchtung wandeln sie sich in dieser Reihenfolge in unsere Netzwerke erleuchteter Formen (Rupakaya) und allesumfassenden Netzwerke (Dharmakaya) um, sind aber nicht länger anwesend. Das Einpflanzen von ursächlichen Samen während einer Ermächtigung hilft uns dabei, die fundamentalen Samen der beiden Bestände aufzubauen und bestimmte Hindernisse zu beseitigen, die das Stattfinden zukünftiger Entwicklung verhindern.

Der Prozess der Ermächtigung wird noch durch einen zusätzlichen Aspekt der Buddhanatur möglich gemacht. Dieser ist derjenige Aspekt des Geistes des klaren Lichts, der es ermöglicht, dass dessen verweilende und sich entwickelnde Faktoren vom erleuchtenden Wirken der Buddhas berührt werden können. Wegen diesem Aspekt beeinflusst das Einpflanzen von ursächlichen Samen während einer Ermächtigung die Transformation von fundamentalen Samen in Buddha-Netzwerke. Im Falle der verweilenden Faktoren berührt es sie in dem Sinne, dass es das Auftreten des Bereinigungsprozesses stimuliert. Im Falle der sich entwickelnden Faktoren stimuliert es die fundamentalen Samen zum Wachstum.

Anwendung auf die Kalachakra-Ermächtigung

Die im Kalachakra dargelegten vier subtilen Tropfen sind keine Aspekte der Buddhanatur und auch keine fundamentalen Samen. Vielmehr stellen sie Tore zu Aspekten des Geistes des klaren Lichts dar, die in der Buddhanatur beinhaltet sind und die als fundamentale Samen wirken. Die Tropfen des Körpers, der Rede, des Geistes und des tiefen Gewahrseins sind in dieser Reihenfolge Tore zu den Fähigkeiten des Geistes des klaren Lichts, grobe Erscheinungen, subtile Erscheinungen und Klang, unbegriffliche Zustände und glückseliges Gewahrsein auftreten zu lassen. Wenn karmische Winde sich an diesen vier Tropfen ansammeln und diese verdunkeln, dann lässt der gleichermaßen durch Verwirrung bezüglich der Wirklichkeit verdunkelte Geist die vier häufigsten täuschenden Erscheinungen auftreten, nämlich die Erfahrung der groben Erscheinungen des Wachseins, der subtilen Erscheinungen und Klänge des Träumens, des unbegrifflichen Zustandes des tiefen, traumlosen Schlafes und der Seligkeit des orgastischen Abflusses. Wenn alle Ebenen flüchtiger Verdunkelungen von den vier subtilen Tropfen beseitigt sind, dann lassen die fundamentalen Samen des Geistes des klaren Lichts, die das Auftreten-Lassen und so weiter ermöglichen, stattdessen die vier Netzwerke eines Buddhas entstehen.

Die vier Buddha-Netzwerke laufen parallel zu den vier täuschenden Zuständen und ersetzen sie. Die Erscheinungen des Nirmanakaya, einem Netzwerk von Emanationen, verdrängen die groben Erscheinungen des Wachseins. Die subtilen Erscheinungen und die Rede des Sambhogakaya, einem Netzwerk vollständig einsatzbereiter Formen, ersetzen die subtilen Erscheinungen und Klänge der Träume. Der allwissende, unbegriffliche Geist des Jnana-Dharmakaya, einem Netzwerk von allumfassendem tiefem Gewahrsein, ersetzt den blanken, unbegrifflichen Geist des traumlosen Tiefschlafs. Und das allwissende glückselige Gewahrsein des Svabhavakaya, dem grundlegenden Netzwerk, verdrängt die verwirrende Seligkeit des orgastischen Abflusses. Am Kalachakra ist die Darlegung einzigartig, dass dieses grundlegende Netzwerk das glückselige Gewahrsein des allwissenden Geistes eines Buddhas ist.

Das Einpflanzen von ursächlichen Samen mittels der Kalachakra-Ermächtigung fängt an, Verdunkelungen von den vier subtilen Tropfen zu beseitigen, und wirkt für die fundamentalen Samen, die diesen vier zugrundeliegen, als Umstand dafür, die unmittelbaren Ursachen für die Buddha-Netzwerke während der Praxis der vollendeten Stufe auftreten zu lassen. Wenn wir die Erleuchtung erlangen, besitzen wir nicht länger diese vier Tropfen. Sie lösen sich zusammen mit dem Rest unserer körperlichen Form in einen Regenbogen auf und die fundamentalen Samen, die durch sie gewirkt hatten, wandeln sich in die vier Buddha-Netzwerke um. Daher ist dies der Mechanismus zur Bereinigung der vier subtilen Tropfen, um die vier Buddha-Netzwerke zu erlangen.

Erfahren von glückseligem Gewahrsein der Leerheit während einer Ermächtigung

Die ursächliche Ermächtigung pflanzt zwei Samen. Der eine ist eine bewusste Erfahrung, der andere ist ein Samen, eine Spur oder ein Potential, das die Erfahrung in unserem Geistesstrom zurücklässt und das durch die Kultivierung mittels der Meditationspraxis zur Reife heranwächst. Im Anuttarayoga-Tantra einschließlich des Kalachakra besteht die bewusste Erfahrung immer in einem glückseligen Gewahrsein der Leerheit. Es ist ein derartiges Gewahrsein, das die eigentliche Reinigung des Geistesstroms von Verwirrung und Hindernissen bewirkt, was die Erlangung aller guten Eigenschaften ermöglicht.

Der siebte Dalai Lama hat dargelegt, dass es für die meisten Leute schwierig ist, während der Initiation ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit zu erzeugen, insbesondere wenn sie wenig Meditationserfahrung besitzen. Dennoch ist es essentiell, etwas Konstruktives zu empfinden, damit die Ermächtigung eintreten kann. Daher empfiehlt er, dass wir in irgendeiner zur Verfügung stehenden Weise ein Gefühl von Glück erzeugen soll und dann diesen glücklichen Geisteszustand auf diejenige Verständnisebene der Leerheit ausrichtet, auf der wir uns befinden. Auch wenn wir nur ein sehr schwaches glückseliges Gewahrsein der Leerheit erzeugen können, so ist dies doch eine bewusste Erfahrung, die als Bezugspunkt für unsere nachfolgende Praxis dienen kann. Ohne irgendeine aktive, bewusste Erfahrung bleibt uns keinerlei Spur von etwas, mit dem wir in der Meditation arbeiten können. Wenn wir aber eine solche Erfahrung während der Ermächtigung machen und sie sehr einfach wieder ins Gedächtnis rufen können, dann besitzen wir einen wirksamen Samen, den wir kultivieren können. Uns an die Menschenmenge, den Glanz des Rituals oder unsere Verwirrung während unserer Verlorenheit in den Visualisationen zu erinnern wird uns kaum dabei helfen, Fortschritte auf dem Pfad zur Erleuchtung zu machen.

Wenn wir zum Beispiel nach dem Werfen der Blume in das Mandala keinerlei besondere Freude dabei verspüren, wenn wir mit einer Blumengirlande bekrönt werden, dann können wir uns  an einen beliebigen freudvollen Moment erinnern, wie die Geburt eines Kindes oder die Rückkehr eines geliebten Menschen. Für ein zugängliches Verständnis der Leerheit von inhärenter Existenz, auf das wir uns in diesem Geisteszustand ausrichten können, lassen Sie mich das Beispiel wiederholen, das ich während einer Folge von Vorträgen benutzt habe, gegeben während der Kalachakra-Initiation, die Seine Heiligkeit der gegenwärtige Dalai Lama in Rikon in der Schweiz im Juli 1985 übertragen hat.

Ein Verständnis der Leerheit erzeugen

Das Wetter war äußerst heiß und jemand hatte mir freundlicher Weise eine gekühlte Dose Mineralwasser auf den Tisch vor meinem Platz gestellt. Wenn wir etwas wie zum Beispiel diese Dose Mineralwasser als mit inhärenter, auffindbarer Identität existierend erfassen, dann glauben wir, dass es als das, was es ist, aufgrund einiger auffindbarer Eigenschaften von seiner eigenen Seite her existiert. Wir stellen uns vor, bewusst oder unbewusst, dass da etwas auf der Seite des Mineralwassers vorliegt, auf das man deuten kann und das ihm seine feste, dauerhafte Identität gibt. Wir könnten denken: "Diese Mineralwasserdose steht vor meinem Sitzplatz. Es ist meine und nicht deine. Fasse sie ja nicht an!". Oder: "Diese Dose ist eiskalt. Ich hasse es, Kaltes zu trinken. Und schau mal: Sie hat einen Ringverschluss, an dem ich mir regelmäßig den Finger schneide. Was für eine abscheuliche Mineralwasserdose!". Auf diese Weise stellen wir uns vor, wie diese Mineralwasserdose dasteht, herausfordernd, auf dem Tisch, und sie existiert mit einer festen, inhärenten Identität als etwas äußerst Störendes von ihrer eigenen Seite her, unabhängig von der freundlichen Absicht der Person, die sie gebracht hat. Indem wir projizieren, erfassen und dann glauben, dass sie wahrhaft in der Weise existiert, in der unser Geist sie erscheinen lässt, regen wir uns extrem auf und erzeugen uns selbst einen elenden Zustand.

Aber wie existiert diese Dose Mineralwasser wirklich? Auf der tiefsten Ebene existiert sie leer davon, inhärent widerlich und enttäuschend zu sein. Die paranoide Sicht der Dose, nämlich dass sie gehässig dasitzt und versucht, uns auf die Nerven zu gehen, ist vollkommen Phantasterei. Sie beinhaltet eine phantasierte, unmögliche Existenzweise und hat keinerlei Bezug zu irgendetwas Realen. Eine Dose Mineralwasser kann nicht die Absicht haben, unseren Magen zu belasten, nur weil sie kalt ist. So etwas wie eine inhärent lästige Dose Mineralwasser gibt es nicht. Wenn eine Dose Mineralwasser von ihrer eigenen Seite aus enttäuschend oder belästigend wäre, dann müsste sie für jedermann enttäuschend sein. Ich bin mir sicher, dass mir an diesem heißen Nachmittag viele Leute zugehört haben, die liebend gerne dieses Mineralwasser gehabt hätten und es keineswegs als eine Enttäuschung oder Belästigung betrachtet hätten. Dementsprechend ist die Leerheit eine völlige Abwesenheit von seltsamen, unmöglichen Existenzweisen, die wir phantasieren und auf Personen, Objekte und Situationen projizieren.

Während der Ermächtigung ist es allerdings nützlicher, wenn man ein Verständnis der Leerheit von etwas erzeugt, das für das Geschehen relevanter ist als eine Dose Mineralwasser. Die Wirklichkeit der Ermächtigungssituation besteht zum Beispiel nicht darin, dass da irgendein exotisches Ereignis auf der Bühne abläuft und dass wir davon völlig getrennt und entfremdet im Publikum sitzen, unfähig dem Geschehen zu folgen. Es ist nicht so wie in einem Kindermalbuch, in dem dicke, breite Linien um den spirituellen Meister oben auf seinem Thron und um uns unten im Publikum gezeichnet sind, die uns zu völlig beziehungslosen Wesen machen, die aus sich selbst heraus existieren. Eine solche Situation ist vollkommene Phantasterei und völlig abwesend.

In Wirklichkeit ist die Situation während der Ermächtigung äußerst offen und die Gesetze von Ursache und Wirkung sind mit Sicherheit am arbeiten. Der Meister sagt und macht verschiedene Dinge und wir machen als Antwort darauf eine Erfahrung. Durch diesen Austausch setzen wir Samen, die die Grundlage für zukünftigen Erfolg in der Praxis bilden. Selbst wenn wir lediglich an die Abwesenheit von dicken, breiten Linien um uns selbst und unseren Meister herum denken und uns darauf mit einem glücklichen Geisteszustand ausrichten, zum Beispiel mit der Freude der Erleichterung, dass dem so ist, erhalten wir Ermächtigung für das Wachstum unseres Verstehens und unserer Einsicht. Ermächtigung tritt nicht durch Magie auf, sondern entsteht abhängig von den Handlungen unseres Lehrers, unseren darauf antwortenden Gefühlen, dem Einpflanzen von ursächlichen Samen als Ergebnis dieser beiden, den fundamentalen Samen und dem Aspekt des Geistes des klaren Lichts, der es ermöglicht, dass diese Samen von erleuchtendem Einfluss berührt werden können. Es ist daher nicht nötig, in der Initiation die verfeinertste Erfahrung von Leerheit und Glückseligkeit zu machen. Dennoch benötigen wir ein gewisses Erlebnis, auf dem wir aufbauen können.

Theoretische Grundlage für die sieben Ermächtigungen des Eintretens wie ein Kind

Der zweite Tag der eigentlichen Ermächtigung beginnt damit, dass die Teilnehmer in der Form von Vajravega und die Beobachter als einfacher Kalachakra in der schwarzen östlichen Eingangshalle im Erdgeschoss des Palastes stehen, so wie am Ende des vorherigen Tages. Als Beobachter bleiben wir für den Rest der Ermächtigung in dieser Halle und sind Zeuge der nachfolgenden Ereignisse. Als Teilnehmer beginnen wir die Prozedur, indem wir die sieben Ermächtigungen des Eintretens wie ein Kind erbitten, und unser Lehrer Kalachakra wirft Gaben in ein Feuer, um alles Unglückverheißende und dem Entgegenstehende zu beseitigen. Diese sieben Ermächtigungen sind analog zu verschiedenen Stufen der Kindheit und reinigen mehrere Aspekte von Körper und Geist. Die Analogie passt gut, da wir ja am Anfang der Vorbereitungszeremonie als spirituelles Kind unseres Lehrers Kalachakra geboren wurden. Die Wasser-Ermächtigung ist analog dazu, dass unsere Eltern uns das erste Bad bereiten. Die Kronen-Ermächtigung ist analog dazu, dass sie unser Haar auf unsere Kopfspitze zu einem Knoten hochbinden. Die Ohrenquaste – ein Streifen, der von unseren Ohren herabhängt – ist analog dazu, dass sie unsere Ohrläppchen durchstechen. Vajra und Glocke sind analog dazu, dass sie uns zum Lächeln bringen und uns unsere ersten Worte beibringen. Das gezügelte Verhalten ist analog dazu, dass sie uns unsere ersten angenehmen Sinnesobjekte zu genießen geben. Der Name ist analog dazu, dass sie uns einen formellen Namen geben, ein indischer Brauch, der in einer Zeremonie ungefähr ein Jahr nach der Geburt durchgeführt wird. Und die Ermächtigung der nachfolgenden Erlaubnis ist analog dazu, dass uns unsere Eltern das Lesen beibringen.

Die sieben Ermächtigungen werden in vier aufeinander folgenden Gruppen übertragen, um die Befleckungen der vier subtilen Tropfen zu reinigen und um Samen zu setzen für das Erlangen des Vajra-Körpers, der Vajra-Rede, des Vajra-Geistes und des Vajra-Tiefen-Gewahrseins. Diese sind gleichbedeutend mit den vier Buddha-Netzwerken, obwohl die vier höheren und höchsten Ermächtigungen die eigentlichen Samen setzen, die zu diesen Netzwerken heranreifen. Die ersten drei Gruppen bestehen jeweils aus zwei Ermächtigungen, während die letzte nur eine einzige beinhaltet. Jede der Gruppen wird von dem Gesicht unseres Lehrers Kalachakra übertragen, das in der Farbe mit dem entsprechenden Tropfen übereinstimmt. Das bedeutet, dass wir für jede Gruppe zu der Seite des Mandalas gehen, die mit jenem Gesicht farblich übereinstimmt, und dass wir wie in der Vorbereitungszeremonie eine innere Ermächtigung erhalten, in dem wir durch den Mund dieses Gesichts hindurchgehen. Wir sitzen dann in der Eingangshalle jener Seite des Palastes in Form des jeweiligen Paares, wobei die männlichen Figuren die gleiche Farbe haben wie die Seite des Palastes, auf der wir sitzen, und der Reihe nach Vajra-Körper, Vajra-Rede, Vajra-Geist und Vajra-Tiefes-Gewahrsein heißen. Dementsprechend erhalten wir die ersten beiden Ermächtigungen vom weißen Körper-Gesicht im Norden, die nächsten beiden vom roten Rede-Gesicht im Süden, die nächsten beiden vom schwarzen Geist-Gesicht im Osten und die letzte vom gelben Tiefes-Gewahrsein-Gesicht im Westen. Wir kommen von einer Seite des Mandalas zur nächsten, indem wir im Uhrzeigersinn den gleichen Korridor entlanggehen, durch den wir auch schon am Vortag gegangen sind, als wir den männlichen Buddhas Niederwerfungen dargebracht haben. Als Paar umarmen wir immer einen Partner, der die Farbe der Seite hat, die der Palastseite, an der wir uns aktuell aufhalten, gegenüberliegt, also Schwarz zusammen mit Gelb und Weiß mit Rot. Diese Verbindungen harmonisieren symbolisch Elemente, die sich normalerweise gegenseitig zerstören: Wind bläst die Erde weg und Erdmauern blocken den Wind ab, Wasser löscht Feuer und Feuer lässt Wasser verkochen.

Jede der sieben Ermächtigungen reinigt auch einen Aspekt unseres gewöhnlichen Körpers oder unseres gewöhnlichen Geistes, der mit der Verdunkelung der vier Tropfen verbunden ist. Die ersten beiden Ermächtigungen bereinigen der Reihe nach die fünf Elemente und die fünf Aggregate. Wenn sich die karmischen Winde am Körper-Tropfen sammeln und wir mit den Atomen unserer körperlichen Elemente sowie den Aggregatfaktoren unserer Erfahrung beschäftigt sind, dann lässt der Geist des klaren Lichts die Erscheinungen des Wachseins auftreten. Dies hält ihn davon ab, einen Vajra-Körper auftreten zu lassen, der leer von Atomen ist. Die nächsten beiden Ermächtigungen reinigen der Reihe nach die zehn Energiewinde und den rechten und linken Energiekanal. Wenn sich die karmischen Winde am Rede-Tropfen sammeln und die zehn Energiewinde durch unseren rechten und linken Energiekanal kursieren, dann erleben wir die Erscheinungen der Träume. Dies hält diese Winde davon ab, in den Zentralkanal einzutreten, sich am Zentrum der sechs Chakras aufzulösen und die Vibration unseres subtilsten Klanges zu verstärken, sodass er zu Vajra-Rede wird.

Die nächsten beiden Ermächtigungen reinigen der Reihe nach die sechs kognitiven Sensoren und ihre Objekte und die sechs Funktionsteile des Körpers und ihre Aktivitäten. Wenn sich die karmischen Winde am Geist-Tropfen sammeln und sich so zeitweilig von den kognitiven und funktionalen Aktivitäten zurückziehen, dann erleben wir die Erscheinungen des traumlosen Tiefschlafs. Dies hält sie davon ab, sich noch weiter zurückzuziehen und sich am Zentrum der sechs Chakras im zentralen Energiekanal aufzulösen, damit unser Geist des klaren Lichts den Vajra-Geist auftreten lässt. Die letzte der sieben Ermächtigungen des Eintretens wie ein Kind reinigt das Aggregat des tiefen Gewahrseins und das Element des Bewusstseins. Wenn sich die karmischen Winde am Tropfen des tiefen Gewahrseins sammeln, dann lassen dieses Aggregat und dieses Element die Seligkeit des orgastischen Abflusses auftreten, während unser Geist des klaren Lichts die Erscheinung dieser Erfahrung des Höhepunkts auftreten lässt. Dies verhindert unsere Verwirklichung des Vajra-Tiefen-Gewahrseins, dem glückseligen Gewahrsein, dass leer von irgendeinem derartigen Abfluss oder Ende ist.

Darüber hinaus pflanzt jede dieser sieben Ermächtigungen ursächliche Samen für die Transformation des jeweiligen gereinigten Faktors, zum Beispiel der fünf körperlichen Elemente und Aggregate, in Buddhaformen des Mandalas. Es ist notwendig, dass wir klar verstehen, was das im Kontext des Kalachakra bedeutet. Wenn unsere vier subtilen Tropfen mit den karmischen Winden befleckt sind und unser Geist des klaren Lichts zeitweilig mit Verwirrung verbunden ist, dann lässt diese subtilste Ebene unseres Geistes innere Zyklen von gewöhnlichen Elementen, Aggregaten und so weiter auftreten, die unser Leiden in Samsara weiterlaufen lassen. Wenn wir unsere Tropfen von diesen Befleckungen bereinigen und die Verwirrung durch ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit ersetzen, dann lässt unser Geist des klaren Lichts stattdessen alternative Zyklen von Buddhaformen auftreten, um anderen zu nutzen. Dies geschieht, weil der Geist des klaren Lichts kontinuierlich Erscheinungen auftreten lässt. Dieses Merkmal ist einer der Aspekte der Buddhanatur.

Diese Transformation beginnt mit Erhalt der Kalachakra-Initiation. Während der ursächlichen Ermächtigung, bei der Gelegenheit des Empfindens der körperlichen Wahrnehmung, mit einem Ritualgegenstand berührt zu werden, also zum Beispiel von Wasser aus einer Vase, von einer Krone und so weiter, erlangen wir eine bewusste Erfahrung des glückseligen Gewahrseins der Leerheit auf der Ebene, auf der es uns möglich ist. Diese Erfahrung setzt ursächliche Samen dafür, dass wir später durch Pfadermächtigung und resultierende Ermächtigung unseren Geist des klaren Lichts manifestieren und ihn als unwandelbares, glückseliges tiefes Gewahrsein der Leerheit erzeugen können. Diese zukünftige Erlangung aktiviert die Funktion des Geistes des klaren Lichts, Erscheinungen hervorzubringen, als einem fundamentalen Samen, sodass er die eigentlichen Buddhaformen auftreten lässt anstatt gewöhnlicher körperlicher Elemente, Aggregate und so weiter. Auf diese Weise setzt jede der sieben Ermächtigungen Samen, damit wir fähig sind, eine gewaltige Menge positiven Potentials für diese zukünftige Erlangung aufzubauen. Im Initiationsritual erklärt unser Lehrer Kalachakra, dass mit jeder fortschreitenden Ermächtigung wir soviel Potential aufbauen, wie es die Bodhisattvas tun, während sie fortschreitend die Bhumis bzw. Ebenen des Geistes entwickeln, nachdem sie die Leerheit mit dem Geist des klaren Lichts erkannt haben.

Die gemeinsame Struktur der sieben Ermächtigungen

Die Prozedur jeder dieser Ermächtigungen ist kompliziert. Die Visualisationen sind äußerst komplex und es ist schwierig, sie auszuführen, wenn wir nicht gut darin geübt sind. Dennoch teilen diese sieben Ermächtigungen eine gemeinsame Struktur. Einen Überblick über diese Struktur zu besitzen ist hilfreich dafür, der Initiation folgen zu können. Jede Ermächtigung verwendet einen Ritualgegenstand, bestimmte Merkmale unseres Körpers oder Geistes und eine Gruppe von Gestalten des Mandalas. Lassen Sie uns das Beispiel der ersten der sieben verwenden, das der Wasser-Ermächtigung. Sie verwendet das Wasser in einer Vase, unsere fünf körperlichen Elemente und die fünf weiblichen Buddhas.

Zunächst ziehen wir unseren Geist davon ab, das Wasser und unsere körperlichen Elemente in einer gewöhnlichen Weise erscheinen zu lassen. Dies wird durchgeführt, indem man sich auf ihre Leerheit ausrichtet, ihre völlige Abwesenheit von unmöglichen, phantasierten Existenzweisen. Wir erzeugen dann eine Erscheinung von ihnen in einer reinen Form, als die fünf weiblichen Buddhas, die jeweils einen männlichen Partner umarmen. Dabei ist es nicht so wichtig, fähig zu sein, alle Einzelheiten zu visualisieren. Wichtiger ist, jede Art von verwirrten, verstörenden Gefühle zu beseitigen, die wir darüber haben mögen, wie das Wasser und unsere Elemente existieren, zum Beispiel, dass das Wasser wegen Chlor inhärent faulig schmeckt oder dass unser Körper inhärent zu schwer ist, wie viel Gewicht wir auch immer abnehmen. Stattdessen erzeugen wir das Gefühl, dass das Wasser und unsere körperlichen Elemente reine Behältnisse  sind, repräsentiert von den weiblichen Buddhas, die die Fähigkeit beinhalten, glückseliges Gewahrsein der Leerheit zu übertragen, wenn sie miteinander in Kontakt kommen. Um dieses Gefühl zu verstärken, löst unser Lehrer Kalachakra Wesen des tiefen Gewahrseins in das Wasser und unsere Elemente in Form weiblicher Buddhas auf, wie er es mit uns selbst als Vajravega während des ersten Tages der eigentlichen Ermächtigung gemacht hat.

An diesem Punkt gibt es drei Gruppen von weiblichen Buddhas: Die fünf eigentlichen Buddhas im Mandala, die fünf, die vorher das Wasser in der Vase waren, und die fünf, die die Elemente unseres Körpers waren. Zuerst kommen die Eigentlichen des Mandalas von ihren Sitzplätzen und geben den weiblichen Buddhas des Vasenwassers Ermächtigung. Letztere wandeln sich dann zurück in Wasser, voll ermächtigt, durch das Empfinden seiner Berührung glückseliges Gewahrsein der Leerheit zu übertragen. Die fünf weiblichen Buddhas kommen erneut aus dem Mandala und berühren mit der Vase unsere Kopfkrone. Wir erleben glückseliges Gewahrsein der Leerheit, während Nektar aus der Vase fließt und auf die fünf weiblichen Buddhas unseres Körpers die Ermächtigung überträgt. Unser Lehrer Kalachkra trägt dann Wasser aus einer Muschelschale auf fünf Punkte unseres Körpers auf und gibt uns einen Schluck zu trinken. Das wirkt als ein Umstand dafür, dass unser glückseliges Gewahrsein der Leerheit sogar noch weiter verstärkt wird. Abschließend emanieren die fünf weiblichen Buddhas des Mandalas eine Replik ihrer selbst, die mit den weiblichen Buddhas unseres Körpers verschmilzt und dadurch unsere Erfahrung stabilisiert.

Diese grundlegende Struktur wiederholt sich mit allen sieben Ermächtigungen des Eintretens wie ein Kind. Butön gibt die selbe Prozedur an wie der siebte Dalai Lama mit der Ausnahme, dass er keine Partner in Verbindung mit den weiblichen Buddhas des Wassers oder unseres Körpers erwähnt. Kongtrül folgt Butön in diesem Punkt bezüglich der Gestalten des Wassers, erwähnt aber die Umwandlung der Körperelemente in die weiblichen Buddhas zu Beginn der Prozedur überhaupt nicht. In dieser Version lösen sich in die weiblichen Buddhas des Wassers lediglich Wesen des tiefen Gewahrseins auf und es gibt keine Erwähnung davon, dass sie Ermächtigung erhalten und sich in das Vasenwasser zurückwandeln. Ohne Erwähnung der weiblichen Buddhas aus dem Mandala berühren gesondert eingeladene ermächtigende Gestalten unseren Kopf mit der Vase und betupfen unsere fünf Körperstellen. Lediglich mit der Erfahrung des glückseligen Gewahrseins der Leerheit wird die Transformation unserer Elemente in die fünf weiblichen Buddhas erwähnt, aber es gibt keinerlei Erwähnung ihrer Partner. Gesondert eingeladene Buddhas und Bodhisattvas lösen sich in der Form der fünf partnerlosen weiblichen Buddhas in die weiblichen Buddhas unseres Körpers auf und zwar ohne von den weiblichen Buddhas des Mandalas emanierte Repliken. Wenn wir eine Kalachakra-Initiation entsprechend dem Text von Butön oder Kongtrül erhalten, können wir entweder nur soviel visualisieren, wie der Autor explizit beschreibt, oder die unbesprochenen Details einfügen.

Wenn es für uns zu schwierig ist, sich alle diese Visualisationen vorzustellen, dann ist es am besten, wenn man einfach einen glücklichen Geisteszustand erzeugt und ihn auf dasjenige Verständnis der Leerheit ausrichtet, das wir jeweils besitzen. Wenn wir frustriert sind, weil wir nicht fähig sind, mit all den stattfindenden Schritten mitzuhalten, und wir den ganzen Ablauf als inhärent zu kompliziert auffassen und als nicht mitvollziehbar, dann verlieren wir diese Gelegenheit, ursächliche Samen für unsere zukünftige Praxis einzupflanzen. Es ist daher äußerst wichtig, sich auf die Essenz des Ermächtigungsprozesses auszurichten: Das Erlangen einer bewussten Erfahrung glückseligen Gewahrseins der Leerheit und das Gefühl des Selbstvertrauens, dass wir nun einen Bezugspunkt für die weitere Kultivierung in zukünftiger Meditation besitzen. Wenn wir als interessierter Beobachter anwesend sind, dann ist es hilfreich, sich unsere fundamentalen Samen vergegenwärtigt zu halten und aus dem Erleben der Zeremonie die Inspiration zu ziehen, dass zukünftige spirituelle Entwicklung definitiv möglich ist. Wenn wir uns darauf ausrichten, wie da nichts Magisches oder Seltsames an Initiationen ist, und uns darüber freuen, dann haben wir diesem Fundament bereits ein paar Steine hinzugefügt.

Letzte Anhangsprozeduren

Es gibt einige zusätzliche Schritte, die an die letzte der sieben Ermächtigungen des Eintretens wie ein Kind angehängt werden, die Ermächtigung der nachfolgenden Erlaubnis. Diese Ermächtigung ist, obwohl sie den gleichen Namen trägt, nicht das Gleiche wie die Zeremonie der nachfolgenden Erlaubnis, die manchmal an einem zusätzlichen Tag nach der gesamten Ermächtigung angehängt wird. Hier stellt unser Lehrer Kalachakra nach den mit den vorherigen sechs Ermächtigungen gemeinsamen Prozeduren ein Dharmarad vor unseren Sitz, legt einen Text in unseren Schoß und gibt uns eine Muschelschale in die rechte und eine Glocke in die linke Hand. Wir sprechen einen Vers nach zur Verstärkung unserer Verpflichtung, mit Methode und Weisheit, der Essenz des Dharma, zu üben, um anderen umfassend zu helfen. Dann wandeln wir uns von einem gelben Vajra-Tiefen-Gewahrsein mit schwarzer Partnerin in einen vollen blauen Kalachkra mit gelber Partnerin um und erhalten die drei Hauptmantras des Kalachkra, die wir jeweils dreimal wiederholen. Diese Transformation wird weder von Butön noch von Kongtrül erwähnt. Schließlich wird uns eins nach dem anderen Augenmedizin, ein Spiegel und ein Bogen mit Pfeilen gegeben, was der Reihe nach Samen für das Erlangen eines begrifflichen Verständnisses der Leerheit, einer nachfolgenden Erkenntnis aller Dinge als illusionsgleich und einer unbegrifflichen, direkten Wahrnehmung der Leerheit während der vollständigen Versenkung setzt.

Der nächste Schritt, der an die Ermächtigung der nachfolgenden Erlaubnis angehängt wird, ist die Vajrameister-Initiation. Dies sollte man nicht mit der großen Vajrameister-Ermächtigung verwechseln, welche die letzte Gruppe von Initiationen ist, die nach den höchsten vier Ermächtigungen übertragen wird, wenn die Kalachakra-Initiation in ihrer umfassendsten Form gegeben wird. Die Vajrameister-Initiation überträgt enge Bindungen für Körper, Rede und Geist. Hierfür sind die Ermächtigungsgegenstände ein Vajra und eine Glocke. Wir selbst und der Vajra wandeln uns in je einen blauen Vajrasattva um und die Glocke transformiert sich in eine blaue Prajnaparamita. Sie haben alle keine Partner. Der Lehrer Kalachakra löst Wesen des tiefen Gewahrseins in alle drei auf. Die fünf weiblichen Buddhas geben dem Vajrasattva und der Prajnaparamita, die zuvor Vajra und Glocke gewesen sind, Ermächtigung und sie transformieren sich zurück in diese Ritualgegenstände. Dann gibt man uns den Vajra und die Glocke zu halten, ersteren als enge Bindung für den Geist und letztere für die Rede. Einen Vajra zu halten symbolisiert, unseren Geist eng mit dem glückseligen tiefen Gewahrsein der Leerheit zu verbinden, während das Halten einer Glocke ausdrückt, dass wir unsere Rede eng damit verbinden, immer diese Erkenntnis der Leerheit zu lehren. Indem wir unseren Körper in Gestalt von Vajrasattva als die Erscheinung betrachten, die glückseliges tiefes Gewahrsein der Leerheit ganz natürlich auftreten lässt, verbinden wir unseren Körper eng mit dieser Erscheinung. Das Erleben von glückseligem Gewahrsein der Leerheit, während wir uns diese drei engen Bindungen vergegenwärtigen, ermächtigt uns dazu, sie in der Zukunft umzusetzen.

Butön lässt die Glocke sich in eine gelbe Vishvamata transformieren – für die die blaue Prajnaparamita ja ein allgemeines Substitut darstellt, wie wir in der Vorbereitungszeremonie gesehen haben – und macht keinerlei Erwähnung von unserer Umwandlung in Vajrasattva vor dem Erhalt der engen Bindung für unseren Körper. An dieser Stelle entstehen wir dann als ein Paar und umarmen Vishvamata, anstatt als einzelne Figur aufzutreten. Kongtrül kürzt die Vajrameister-Ermächtigung ab und erwähnt keinerlei Umwandlung des Vajras, der Glocke oder von uns selbst. Darüber hinaus skizziert er lediglich das Erhalten enger Bindungen für Geist und Rede, und nicht für den Körper.

Von den bislang besprochenen Initiationen ist die Vajrameister-Ermächtigung eine, die insbesondere Hinwendung zu den tantrischen Gelübden und den Übungen der engen Bindung erfordert. Von den neunzehn Übungen der engen Bindung, die allen Anuttarayoga-Systemen gemein sind, stellt das Aufrechterhalten der engen Bindungen von Geist und Rede, die mit dieser Ermächtigung erzeugt werden, die ersten drei der vier Übungen dar, die Bindungen an die Familieneigenschaft von Akshobya, dem tiefen Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre, herstellen. Daher ist es sehr passend, dass das Kalachakra-Ritual die Vajrameister-Ermächtigung innerhalb der Initiation der nachfolgenden Erlaubnis durchführt, um den Tropfen des tiefen Gewahrseins zu reinigen. Angebrachter Weise schließt unser Lehrer Kalachakra diese siebte Ermächtigung des Eintretens wie ein Kind mit der Erklärung der speziellen Übungen ab, die dem Kalachakra eigen sind und enge Bindungen zu den sechs Buddhafamilien erzeugen.

Schließlich legt unser Lehrer Kalachakra dar, dass die gesamte Gruppe der sieben Initiationen uns zur Praxis der Erzeugungsstufe ermächtigt und teilt uns dann zum Zwecke zukünftiger astrologischer Rückbeziehung die exakte Zeit und das Datum der Ermächtigung mit. In der Erklärung der vierzehn tantrischen Hauptgelübde des Kalachakra legt er kurz die Prozedur dar, mit der wir sie wiederherstellen können für den Fall, dass wir sie vollständig verloren haben. Diese Methode besteht darin, das Mantra der männlichen Hauptfigur derjenigen Buddhafamilie 36.000 Mal zu wiederholen, mit der wir die engste Verbindung besitzen und die durch die Blume, die wir am vorigen Tag in das Mandala geworfen haben, angedeutet worden ist. Dann müssen wir die sieben Ermächtigungen des Eintretens wie ein Kind erneut nehmen. Dies kann entweder bei einer Initiation geschehen, die ein tantrischer Meister überträgt, oder im Falle, dass wir ein Kalachakra-Klausur vollständig durchgeführt haben, während der wir hunderttausende Mantras rezitiert haben, bei einer Zeremonie der Selbstinitiation, die wir selbst leiten. Wir wiederholen dreimal unsere Zustimmung, dieser Prozedur zu folgen, bringen dann ein Mandala als Ausdruck unserer Dankbarkeit dar und beschließen damit die Kalachakra-Initiation.

Abschließende Hinweise

Wenn wir die Kalachakra-Ermächtigung in der Gelug-Tradition erhalten haben, beginnen wir als Praktizierende ein tägliches Programm des Yogas in sechs Sitzungen, um die gepflanzten ursächlichen Samen zu nähren und um die erhaltenen Reinigungen erneut zu stärken. Wenn wir die Ermächtigung von einer anderen Tradition erhalten haben, halten wir einfach unsere Gelübde und befolgen unsere Übungen der engen Bindung, um das selbe zu erreichen. In beiden Fällen beleben wir diesen fortdauernden Prozess, indem wir uns wiederholt jeden Tag und jede Nacht auf ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit ausrichten. Dies ist sehr wichtig, insbesondere wenn wir uns gestresst fühlen oder gefangen im Feuer einer verstörenden Emotion. Indem wir zu unserer Grundlage des klaren Lichts zurückkehren und uns dann erneut als ein Kalachakra zusammenstellen, behalten wir einen beständigen Kurs Richtung der Erleuchtung und dem umfassenden Nutzen anderer in unserem Leben bei.

Wenn wir einer Kalachakra-Initiation als Beobachter beiwohnen, dann ist es wichtig, unser Erlebnis nicht zu vergessen. Obwohl wir keinerlei formelle Verpflichtung zu einer täglichen Praxis übernommen haben, erhalten wir fortdauernden Nutzen, wenn wir dem Beispiel der Leute von Shambhala folgen, die sich im Kalachakra-Mandala vereinigten, um eine einzige Kaste zu bilden. Dementsprechend ist es äußerst hilfreich, sich dem Weltfrieden und der Harmonie zu verpflichten, indem wir in reiner Weise den ethischen Lehren der Religion oder des Bekenntnisses folgen, zu denen wir uns zugehörig fühlen. Mit einer derartigen Verpflichtung hat die Kalachakra-Initiation tiefgreifende positive Auswirkungen für jedermann.