Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > E-Bücher > Veröffentlichte Bücher > Die Kalachakra-Initiation > 10 Der erste Tag der eigentlichen Ermächtigung

Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Part IV: Anleitungen für die Kalachakra-Initation

10 Der erste Tag der eigentlichen Ermächtigung

Vorbereitende Schritte

Die eigentliche Ermächtigung beginnt damit, dass die Schüler ihren Mund ausspülen und Niederwerfungen machen, wie am Tag zuvor. Als Teilnehmer und auch als Beobachter stellen wir uns uns selbst immer noch als einen einfachen Kalachakra vor, der sich vor der schwarzen östlichen Vorhalle des Mandalapalstes befindet, und unseren Lehrer als einen vollständigen Kalachakra. Der Lehrer, Kalachakra, beginnt, indem er erklärt, wie man die Träume der vorherigen Nacht analysiert. Träume von spirituellen Meistern, dem Mandala, oder davon, wie wir uns waschen, neue Kleidung anziehen, einen Hügel hinaufgehen oder einen Tempel betreten, sind glücksverheißend und weisen auf zukünftigen Erfolg mit der Praxis hin. Träume davon, wie wir geschlagen werden, einen Hügel hinab gehen oder rückwärts gehen, oder von blutroten Blumen, die Verletzung bedeuten, sind schlicht das Gegenteil davon. Stolz zu werden wegen wünschenswerten Zeichen und niedergeschlagen zu werden wegen unheilverkündenden verursacht Störungen für unsere Praxis. Daher müssen wir uns unabhängig von unserem Traum an die Leerheit und das abhängige Entstehen erinnern. Erfolg und Misserfolg der spirituellen Praxis existieren nicht inhärent, vorherbestimmt und vollkommen festgelegt, sondern entstehen in Abhängigkeit von den Anstrengungen, die wir unternehmen. Um Störfaktoren zu vertreiben bringt unser Lehrer Kalachakra ein Torma, also einen rituellen Kuchen dar. Diese Darbringung symbolisiert die Macht des Verständnisses der Leerheit, Aberglaube und Verwirrung zu vertreiben. Ob wir ein Teilnehmer oder ein Beobachter sind, jedenfalls müssen wir unseren Geist von dummen Gedanken freispülen.

Wenn wir aufgrund der Umstände die Vorbereitungszeremonie verpasst haben und die Ermächtigung erst an dieser Stelle beginnen, dann haben wir keine größeren Probleme. Wir werden im weiteren erneut als eine Buddhaform erzeugt werden und viele der Prozeduren wiederholen. Dennoch haben wir die Szene des Films verpasst, in der wir Kusha-Gras erhalten und unsere Träume erforschen. Da dies kein essentieller Teil der Ermächtigung ist, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen und müssen auch nicht versuchen, den Film zurückzudrehen, indem wir jetzt nach etwas Kusha-Gras fragen. Und obwohl wir kein rotes Band um unseren Arm tragen, halten wir uns so gut wie möglich die Liebe für alle Wesen gegenwärtig.

Die Zeremonie setzt sich fort, indem wir ein Mandala darbringen und Mantras rezitieren, um uns auf diese Weise über die Gelegenheit, die Ermächtigung zu erhalten, zu freuen. Wiederum erbitten wir sichere Ausrichtung, die Übungen der zusichernden Stufe des anstrebenden Bodhichitta und die Bodhisattva-Gelübde. Karmavajra übergibt einigen der Hauptschüler Ritualgewänder und diese ziehen sie an als eine Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Vergegenwärtigung, in Gestalt einer Buddhaform zu erscheinen. Da der wichtigste Punkt im Visualisieren und Empfinden besteht, dass wir nicht in unserer gewöhnlichen Gestalt erscheinen, müssen wir nicht enttäuscht sein, wenn wir nicht ebenfalls eine neue Garnitur Kleidung erhalten. Jedermann erhält allerdings einen roten Streifen und eine Blume. Den Streifen legen wir uns um die Stirn als symbolische Augenbinde und die Blume bewahren wir sicher in unserem Schoß oder unserer Tasche für spätere Verwendung während des Rituals. Wie schon zuvor erwähnt besteht kein Fehler darin, wenn wir als Beobachter ebenfalls einen Streifen und eine Blume nehmen.

Die Augenbinde wird während des ersten Teils des Ermächtigungsrituals getragen, in dem wir noch nicht autorisiert sind, das Mandala zu sehen. Während der anfänglichen Schritte verbleiben wir, in Worten des Rituals, außerhalb des Vorhangs, der vor dem Eingang hängt, und das bedeutet in der östlichen Vorhalle außerhalb der Palastmauern. Während des Rests dieser Phase befinden wir uns innerhalb des Vorhangs, was innerhalb des Gebäudes bedeutet. Zum passenden Zeitpunkt ziehen wir die Augenbinde weg und sind dann fähig, alle Einzelheiten des Mandalapalastes zu sehen. Die Aufgabe der Visualisation wird von diesem Punkt an anspruchsvoller, da die eigentliche Ermächtigung beginnt. Dennoch müssen wir unser Hauptgewicht auf das Gefühl davon legen, wer und wo wir sind und was mit uns dort passiert.

Die Visualisation als Paar und das Nehmen der Gelübde

Nachdem wir die Augenbinde angelegt und die Prozedur des Vortages wiederholt haben, bei der wir den Zweig des Neembaumes geworfen hatten und Reinigungswasser zu trinken erhalten hatten, stellen wir uns uns selbst, wenn wir ein Teilnehmer sind, als umgewandelt vor von der einzelnen Buddhaform Kalachakra in einen Kalachakra, der eine Partnerin umarmt. Diese Partnerin hat ein Gesicht, zwei Arme und zwei Beine, steht aufrecht und ist abhängig von der Ritualtradition entweder vollständig blau oder gelb. Im Allgemeinen stellt der weibliche Teil des Hauptpaares Vishvamata dar, die normalerweise gelb ist. Mit dem Paar eng verbunden sind zehn weibliche Gestalten, die "machtvolle Herrinen" (Shakti) genannt werden und die die zehn weitreichenden Einstellungen bzw. "Vollkommenheiten" repräsentieren. Acht von ihnen umgeben das Paar in einem Kreis, während zwei untrennbar mit Vishvamata verschmolzen sind. Obwohl jede der zehn Vishvamata ersetzen könnte, wird dies am häufigsten von der blauen Gestalt getan, die das weitreichende unterscheidende Gewahrsein bzw. die "Vollkommenheit der Weisheit", Prajnaparamita, repräsentiert.

Da wir uns als Initiand während des überwiegenden restlichen Verlaufs der Ermächtigung als das eine oder andere Paar visualisieren, ist es wichtig zu wissen, wie man diese Art von Visualisation durchführt. Es ist dabei nicht etwa so, dass sich männliche Teilnehmer vorstellen, dass sie der männliche Teil des Paares sind, wohingegen Frauen sich als den weiblichen vorstellen, oder dass wir uns in Vereinigung mit einer anderen Person sehen. Jeder von uns ist beide Teile des Paares gleichzeitig, obwohl die visuelle Ausrichtung aus der Perspektive des männlichen Teils geschieht. Gefühle von Männlichkeit, Weiblichkeit oder einer androgynen Vereinigung von beidem sind völlig irrelevant.

Wenn wir verheiratet sind oder mit einem Partner zusammenleben, dann sind wir mit dem Gefühl vertraut, ein Paar zu bilden. Wenn es eine gesunde Beziehung ist, dann verschmelzen wir nicht mit der anderen Person und verlieren uns auch nicht in ihr, sondern behalten unsere individuelle Perspektive. Wir benutzen eine ähnliche Art von Gefühl hier in diesem Kontext, wenn wir uns vorstellen, dass wir ein Kalachakra-Paar sind, aber unsere Perspektive als dem männlichen Teil beibehalten.

Die Visualisation, ein Paar zu sein, dass für immer in Vereinigung ist, kennzeichnet den Geist, der untrennbar Methode und Weisheit verbindet. Auf einer Ebene beziehen sich Methode und Weisheit auf Mitgefühl und das unterscheidende Gewahrsein der Leerheit. Auf einer anderen Ebene beziehen sie sich auf glückseliges Gewahrsein und wiederum auf unterscheidendes Gewahrsein der Leerheit. Auf einer weiteren Ebene beziehen sie sich auf unwandelbares, glückseliges Gewahrsein der Leerheit und leere Formen. Wenn wir uns als ein Paar vorstellen, dann bedeutet das daher, zu empfinden, dass wir drei Ebenen einer vollkommenen Verbindung verkörpern: Von positiven Empfindungen gegenüber anderen und dem Verstehen der Wirklichkeit, von Freude und Weisheit und von  Geist und Körper. Ebenso wie ein gewöhnliches Selbstbild davon, ein Paar zu bilden, psychologisch unterstützend ist, weil es uns mit Gefühlen wie Selbstvertrauen, Wohlbefinden und Freude erfüllt, agiert ein derartiges Abbild darüber hinaus, wenn es von Verwirrung abgetrennt wurde, als eine äußerst förderliches Fundament und Behältnis für die Kultivierung des glückseligen Gewahrseins der Leerheit.

Jemand fragte einmal Tsenshab Serkong Rinpoche, wie man sich als ein Paar visualisiert während man geht, Niederwerfungen macht oder irgendeine Routinehandlung durchführt. Kommt uns dann nicht der Partner in die Quere? Rinpoche antwortete, dass die Vorstellung, dass wir unseren Alltag in Vereinigung mit einem Partner leben, in gewisser Weise dem Tragen von Kleidung ähnlich ist. Ob wir sitzen, gehen oder die Wohnung putzen, immer haben wir unsere Kleidung an. Wir wissen und fühlen, dass wir angezogen sind. Weil sie uns immer begleitet, egal wohin wir gehen oder was wir tun, wird unsere Kleidung so sehr ein Teil von uns, dass wir sie nicht mehr als etwas Getrenntes betrachten. Während des ganzen Tages halten wir uns für die Gesamtpackung unseres Körpers und der Kleidung. Wenn wir uns vorstellen, ein Kalachakra-Paar zu sein, dann betrachten wir ganz ähnlich den männlichen und den weiblichen Teil nicht als getrennt. Wir richten uns auch nicht besonders auf den weiblichen Teil aus, wenn wir zu den verschiedenen Abschnitten des Mandalas gehen und Ermächtigung erhalten, außer insofern, als dass wir der Weisheit der Leerheit gewahr bleiben, die er repräsentiert. Wenn wir zu verstehen versuchen, wie man mit der Visualisation, ein Paar zu sein, arbeitet, dann müssen wir uns daran erinnern, dass es dieser Praxis um ein Selbstbild geht und nicht um eine tatsächliche Beziehung mit einer anderen Person.

Wenn wir der Ermächtigung als Beobachter beiwohnen und ebenfalls etwas visualisieren wollen, dann bleiben wir in der einfachen Form für den Rest der Zeremonie. Dies reicht aus, um unsere gewöhnliche Selbstsicht abzublocken und uns den Geist des klaren Lichts als ein Behältnis für die Eindrücke aus der Welt von Kalachakra gegenwärtig zu halten. Eine derartige Visualisation hilft uns dabei, Geist und Herz offen zu halten, sodass wir den größten Nutzen aus dieser Erfahrung ziehen können.

Unser Lehrer Kalachakra frägt die Schüler nun nach ihrer Familieneigenschaft, d. h. ob sie Hinayana oder Mahayana ist, und wonach sie suchen. Als Teilnehmer antworten wir, dass wir vom Glück begünstigte Wesen mit Mahayana-Buddhanatur sind und dass wir das höchst glückselige Gewahrsein der Buddhaschaft zum Wohle aller suchen. Dann nehmen wir ein weiteres Mal sichere Ausrichtung und die Bodhisattva-Gelübde. Als Beobachter können wir sie, wenn wir wollen, ebenfalls erneut nehmen. Nur Vollteilnehmer machen allerdings den nächsten Schritt: Sie erbitten und nehmen die tantrischen Gelübde und versprechen, die fünfundzwanzig Arten gezügelten Verhaltens einzuhalten. Beobachter schauen einfach zu und sind Zeuge.

Das allesumfassende Yoga

Die nächste Prozedur, das allumfassende Yoga, verstärkt zwei der grundlegendsten Voraussetzungen für tantrische Praxis: Das konventionelle und das tiefste Bodhichitta. Bodhichitta ist ein Herz bzw. ein Bewusstsein, das auf Bodhi, den letztendlichen Zustand, abzielt. Diesen Geist auf der konventionellen oder "relativen" Ebene zu halten bedeutet, auf die Erleuchtung abzuzielen mit der Absicht, sie zu verwirklichen und allen Wesen mittels dieser Verwirklichung zu nutzen. Ihn auf der tiefsten oder "letztendlichen" Ebene zu halten meint, sich auf die Leerheit auszurichten, also die Natur der Erleuchtung und aller Wesen und Phänomene. Die Erleuchtung ist leer davon, in irgendeiner phantasierten, unmöglichen Weise zu existieren. Alle Fähigkeiten, die wir mit ihrer Verwirklichung erlangen, entstehen abhängig als Ergebnis davon, dass wir reichhaltige Bestände positiven Potentials und tiefen Gewahrseins aufbauen, indem wir uns auf andere Wesen und die verschiedenen Aspekte unserer Buddhanatur stützen.

In gewisser Weise können wir Bodhichitta als ein ausgreifendes Herz und Bewusstsein ansehen. Wenn wir es auf einer konventionellen Ebene kultivieren, dann weiten wir unser Herz aus, um alle anderen und das Ziel des Erleuchtungszustandes zu umfassen, sodass wir ihnen vollkommen helfen können. Wenn wir Bodhichitta der tiefsten Ebene entwickeln, dann dehnen wir unseren Geist aus, sodass er die Leerheit aller Phänomene umfasst. Mit dem allumfassenden Yoga dehnen wir Herz und Bewusstsein an genau diesem Punkt, gerade bevor wir den Mandalapalast betreten, mit diesen beiden Bodhichittas aus. Wir repräsentieren sie durch eine flach an der Stelle unseres Herzens liegende, weiße Mondscheibe und ein aufrecht darauf stehendes, weißes Vajrazepter. Eine Replik eines gleichen Mondes und Vajras im Herzen unseres Lehrers Kalachakra löst sich in ihnen auf und macht ihre Realisation fest und stabil. Zusammen mit unserer Visualisation, dem Gefühl, ein Kalachakra-Paar zu sein, und den Gelübdegruppen formen diese beiden Bodhichittas das Behältnis des Geistes des klaren Lichts für den Erhalt der Ermächtigung. Als Beobachter erhalten wir ebenfalls großen Nutzen davon, sie an dieser Stelle zu erzeugen. Wir müssen die beiden Bodhichittas als integralen Bestandteil unserer Einstellung während der restlichen Prozeduren aufrechterhalten, ob wir ein Teilnehmer oder ein Beobachter sind. Dennoch hören wir auf, Mond und Vajra in unserem Herzen zu visualisieren, wenn die Szene zur nächsten Stufe des Rituals wechselt.

Vertraulichkeit

Vor und nach dem Betreten des Mandalas machen wir eine Zusage der Vertraulichkeit. Das vervollständigt den Prozess, in dem wir unseren Geist des klaren Lichts in den geeignetsten Behälter für die Ermächtigung umformen. Wenn ein Behälter so gemacht ist, dass er undurchlässig ist, dann kann er alles, was man hineinschüttet, aufnehmen ohne auch nur einen Tropfen zu verlieren. Ebenso bewahren wir dadurch, dass wir die Prozeduren der Ermächtigung und die nachfolgende tantrische Praxis privat halten, deren Effektivität. Geheimhaltung wird im Tantra nicht deshalb betont, weil etwas schmutziges oder schlechtes verborgen werden soll, sondern weil Visualisationen und andere Prozeduren für die innerste spirituelle Transformation ihre Kraft verlieren, wenn wir sie publik machen. Es ist für unsere Meditationspraxis völlig vernichtend, wenn wir den Leuten mitteilen, dass wir uns als eine Gottheit mit vier Gesichtern und vierundzwanzig Armen visualisieren, und sie dann Witze über uns reißen oder uns vorhalten, dass wir verrückt sind. Wir gehen dann in eine Verteidigungshaltung über oder fangen an, an uns selbst zu zweifeln, und unsere Meditationspraxis fällt flach aufs Gesicht.

Aus diesem Grund müssen wir es für uns behalten, wenn wir tantrischen Methoden und Praktiken anwenden, welche auch immer. Wenn sich Leute nach unserer Meditation erkundigen, dann ist es am besten, allgemein zu bleiben, indem wir zum Beispiel erklären, dass wir an unserem Selbstbild arbeiten, eine positivere Einstellung zu entwickeln versuchen und unsere Vorstellungskraft trainieren. Am besten geben wir eine einfache Antwort. Niemand muss unbedingt die Einzelheiten der von uns angewandten Methode wissen oder was wir visualisieren. Tatsächlich besteht eines der tantrischen Nebengelübde darin, keine Show mit vertraulichen Dingen zu machen. Aus diesem Grund ist es unangebracht, Gemälde oder Statuen tantrischer Gestalten mit zornvollen Gesichtern und in sexueller Umarmung an vorstechenden Orten in unserer Wohnung auszustellen, an denen sie jedermann sehen kann und peinliche Fragen über sie stellen bzw. anzügliche Bemerkungen machen kann. Je privater unsere Praxis ist, desto wertvoller wird sie. Wenn wir das, was wir tun, Leuten erklären, die nicht ausreichend offen im Geist sind, um es zu verstehen, dann kann es weiter sein, dass wir in ihnen die Entwicklung seltsamer Vorstellungen verursachen. Oft ist Schweigen der beste Weg, um Verwirrung und Missverständnisse zu vermeiden. Auch für einen Beobachter ist es wichtig, die Erlebnisse, die er während der Ermächtigung macht, privat zu halten und sie nicht mit Leuten zu erörtern, die sie falsch auslegen würden.

Eintritt in das Mandala mit verbundenen Augen

Das Behältnis unseres Geistes des klaren Lichts nun vollständig vorbereitet, betreten wir den Mandalapalast durch den schwarzen, östlichen Eingang. Mit verbundenen Augen, geführt vom Assistenten Kalachakras, umrunden wir ihn  dreimal im Uhrzeigersinn, um unsere Hochachtung zu zeigen. Das machen wir in einem ebenerdigen Korridor, der zwischen der Wand und einer hohen, breiten Plattform liegt, auf der viele Gestalten sitzen und stehen. Dann bringen wir sechsmal je drei Niederwerfungen dar, je ein Mal an die männlichen Häupter der fünf Buddhafamilien, die manchmal die fünf "Dhyani-Buddhas" genannt werden, und ein Mal an unseren Lehrer Kalachakra selbst. Die fünf männlichen Buddhas sitzen im vierten Stockwerk des Mandalas. Die Farbe der Seite, auf der jeder von ihnen jeweils sitzt, stimmt mit der Farbe seines Körpers und dem Element überein, das mit der  Eigenschaft seiner Buddhafamilie assoziiert ist. Akshobhya ist allerdings mit der zentralen Hauptgestalt verschmolzen. Wir werfen uns vor den fünf männlichen Buddhas in der weiträumigen Eingangshalle nieder, die sich in der Mitte derjenigen Mandalaseite befindet, die zu dem jeweiligen Buddha korrespondiert. Die Niederwerfungen vor Akshobhya und vor unserem Lehrer Kalachakra werden in der schwarzen, östlichen Eingangshalle dargebracht. Als Teilnehmer wandeln wir uns jedes Mal in die einfache Gestalt des männlichen Buddhas um, vor dem wir uns niederwerfen. Wir stellen uns jedes Mal vor, dass danach eine Replik des jeweiligen Buddhas aus dem vierten Stockwerk hervorkommt und sich in uns auflöst.

Die Anordnung der männlichen Buddhas, ihre Farbe und die Richtung, in der sie verweilen, sind im Kalachakra anders als in anderen Systemen des Anuttarayoga-Tantra. Symmetrie ist dumm. Kalachakra ordnet die Dhyani-Buddhas der Farbe und Richtung ihres zugehörigen Elements zu. Die Niederwerfungen vor ihnen werden in der Reihenfolge der zunehmenden Grobheit ihres Elements durchgeführt. Dies ist der Grund dafür, dass im Kalachakra-Ritual die Richtungen immer in der Reihenfolge Zentrum, Osten, Süden, Norden und Westen aufgeführt werden. Wenn wir uns die Karte von Nordamerika gegenwärtig halten, dann verlieren wir uns nicht. Nachdem wir uns zuerst vor dem grünen, mit dem Raum assoziierten Akshobhya und dann vor dem schwarzen, mit dem Wind assoziierten Amoghasiddhi niedergeworfen haben, gehen wir im Uhrzeigersinn den Korridor entlang ins roten Mexiko und werfen uns vor dem roten Ratnasambhava nieder, der mit dem Feuer verbunden ist. Immer im Uhrzeigersinn gehend und im Erdgeschoss verbleibend, schreiten wir fort ins weiße Kanada, um unsere Hochachtung gegenüber dem weißen, mit dem Wasser assoziierten Amitabha auszudrücken, und gehen dann den ganzen langen Weg bis ins gelbe Kalifornien zum gelben Vairochana, der zu Erde korrespondiert. Wir bleiben ein gelber Vairochana, gehen die Runde zurück ins schwarze New York und bringen Niederwerfungen an unseren Lehrer Kalachakra dar.

Wenn das alles zu schnell geht und wir nicht mitkommen, dann gibt es dennoch keinen Grund zur Panik. Das hauptsächliche Gefühl, das wir erzeugen und auf das wir uns ausrichten müssen, besteht darin, das wir die Häupter der Familien, die im Palast leben, mit Zeichen tiefsten Respekts begrüßen. Wenn sich dann die Replik der jeweiligen Gestalt in uns auflöst, fühlen wir uns willkommen und inspiriert, zu bleiben. Wenn wir uns als Beobachter höflich verhalten wollen, dann stellen wir uns ebenfalls Niederwerfungen oder irgendein anderes passendes Zeichen des Respekts vor, während wir ein einfacher Kalachakra bleiben.

Bevor er weitergeht, erinnert uns unser Lehrer Kalachakra ein weiteres Mal an unsere Zusage, die Dinge vertraulich zu behandeln und insbesondere die wichtigste Hausregel einzuhalten, nämlich ihn nie herabzusetzen. Das ist das erste tantrische Hauptgelübde. Es ist extrem wichtig, denn wenn wir als Schüler der Meinung sind, dass unser spiritueller Meister nicht weiß, wovon er spricht, dann ist es unmöglich, dass wir in irgendeiner Weise Vertrauen zu dem haben, was er lehrt. Der richtige Zeitpunkt für die Prüfung der Geeignetheit eines tantrischen Meisters liegt vor dem Erhalt einer Ermächtigung, nicht danach. Wie Tsenshab Serkong Rinpoche zu sagen pflegte: Führe dich nicht wie ein Verrückter auf, der auf das Eis eines gefrorenen Sees hinausläuft und sich dann umdreht und mit einem Stock prüft, ob das Eis ihn auch tragen wird. Unser Lehrer Kalachakra bestätigt, dass wir ihn zuvor gründlich überprüft haben und dass wir in die Ermächtigung hineingehen in vollem Bewusstsein dessen, was wir tun. Als voller Teilnehmer müssen wir die Schritte, die wir zu tun vorhaben, ernst nehmen. Auch als Beobachter brauchen wir eine vernünftige Einstellung. Wir wohnen nicht bei, um den Lehrer zu beurteilen oder zu kritisieren, sondern um einen Eindruck vom Tantra zu bekommen und insbesondere von Kalachakra, weil wir ein ernsthaftes Interesse haben.

Stabilisierung unserer Visualisation

Ganz allgemein stellen wir die Szenerie für den Erhalt der Ermächtigung auf, indem wir uns zunächst in einer Gestalt visualisieren, die gewöhnlich als "Verpflichtungswesen" übersetzt wird. Dies ist eine Gestalt, die uns eng mit einer Buddhaform verbindet. Sie dient als Behältnis für den Erhalt der Ermächtigung. Der tantrische Meister ruft dann Wesen tiefen Gewahrseins hervor, die gewöhnlich als "Weisheitswesen" übersetzt werden, und wir stellen uns vor, wie sie mit unserer Visualisation verschmelzen, um diese stabiler zu machen. Das Kalachakra-System stellt eine klare Erklärung des hierin beinhalteten Mechanismus zur Verfügung.

Wie wir schon im Zusammenhang mit dem inneren Kalachakra gesehen haben, geht der Atem während des Tageslaufs vordringlich durch das eine oder andere Nasenloch. Während des Wechsels von einem Nasenloch zum anderen geht allerdings eine gewisse Anzahl von Atemzügen gleichmäßig durch beide. Diese werden als Atemzüge des tiefen Gewahrseins bezeichnet und treten in den zentralen Energiekanal ein. Normalerweise geht keiner der anderen Atemzüge durch diesen Kanal. Die Praxis der vollständigen Stufe wandelt alle Atemzüge und Energiewinde in solche des tiefen Gewahrseins um, indem sie besondere yogische Techniken benutzt, um sie in den Zentralkanal zu ziehen. Dadurch, dass wir sie dort am Zentrum der sechs Hauptchakras auflösen, manifestieren wir den Geist des klaren Lichts, den wir dann für die Erzeugung von tiefem Gewahrsein der Leerheit verwenden.

Die Atemzüge und Energiewinde, die in den Zentralkanal eintreten, werden Atemzüge des tiefen Gewahrseins genannt, weil sie zu diesem tiefen Gewahrsein der Leerheit führen. Sie werden von Vajravega repräsentiert, der kraftvollen Form Kalachakras. Die Visualisation, in der wir Wesen des tiefen Gewahrseins hereinholen und mit den visualisierten Wesen der engen Bindung verschmelzen, symbolisiert das Einleiten der Atemzüge und Energien des tiefen Gewahrseins in den Zentralkanal und ihre dortige Auflösung zur Erlangung des tiefen Gewahrseins der Leerheit. Das tiefe Klare-Licht-Gewahrsein der Leerheit lässt leere Formen Kalachakras entstehen. Da leere Formen im Vergleich zu bloßen Visualisationen bei weitem stabilere Behältnisse für den Erhalt einer Ermächtigung und das Erreichen der Erleuchtung sind, verstärkt das vorgestellte Verschmelzen der Weisheitswesen mit den Verpflichtungswesen unsere Fähigkeit, die folgende Ermächtigung aufzunehmen.

Das Anrufen der Wesen des tiefen Gewahrseins

Die nächste Prozedur, das Anrufen der Wesen des tiefen Gewahrseins, beginnt passend mit der Umwandlung von uns selbst in die visualisierte Form eines blauen Vajravega mittels Meditation über Leerheit. Diese Umwandlung vollziehen wir nur, wenn wir ein Teilnehmer sind. Vajravega sieht wie die vollständige Gestalt Kalachakras aus, nur dass sein vorderes Gesicht grimmig ist und er zwei zusätzliche Arme hat, sodass es insgesamt sechsundzwanzig sind. Wir stellen uns die passenden Element- und Planetenscheiben an unserem Nabel, dem Herzen, der Kehle und der Stirn in der Farbe des subtilen Tropfens vor, der am jeweiligen Ort zu finden ist, also gelb, schwarz, rot und weiß. Licht strahlt von den Keimsilben aus, die unsere vier Planetenscheiben markieren, und ebenso auch vom Herzen unseres Lehrers Kalachakra. Es kehrt zurück und bringt gelbe, schwarze, rote und weiße Buddhaformen mit sich, die Vajra-Tiefes-Gewahrsein, Vajra-Geist, Vajra-Rede und Vajra-Körper genannt werden. Diese Formen lösen sich in die Silben am Ort der korrespondierenden Tropfen in unserem Körper auf, was das Hereinziehen von Atemzügen und Winden des tiefen Gewahrseins in den Zentralkanal symbolisiert und ihre Auflösung bei den Chakras, die mit den vier subtilen Tropfen verbunden sind.

Dies ist die erste Stelle, an der merkliche Abwandlungen in den verschiedenen Kalachakra-Initiationsriten auftreten. Butön erwähnt kein Licht, das von den vier Punkten auf unserem Körper ausstrahlt, sondern beschreibt es als ausschließlich vom Herzen unseres Lehrers Kalachakra ausgehend. Kongtrül folgt in diesem Punkt Butön und erwähnt darüber hinaus keine Visualisation am Nabel für Vajra-Tiefes-Gewahrsein. Aus diesem Beispiel können wir ersehen, dass die Unterschiede zwischen den Initiationstraditionen wirklich sehr fein sind. Die meisten Unterschiede sind einfach Kurzfassungen der Prozeduren, die im Text des siebten Dalai Lamas ausgeführt werden. Tantrische Meister, die die Kalachakra-Ermächtigung nach einem solchen abgekürzten Text übertragen, fügen je nach den Umständen die vollständigeren Einzelheiten hinzu oder auch nicht.

In allen Versionen des Rituals fahren wir mit diesem Schritt des Anrufens der Wesen des tiefen Gewahrseins fort, indem wir unter unseren Füßen Wind- und Feuerscheiben visualisieren. Das Ritual benutzt diese in einer Abfolge von Ereignissen, die entworfen sind, um den Prozess des Entzündens von Tummo zu simulieren, der inneren Flamme am Nabelchakra, die, wenn entzündet, die Energiewinde dazu bringt, in den Zentralkanal zu fließen. Wenn dann unser Lehrer Kalachakra seine Glocke erklingen lässt, fällt ein Regen von Wesen des tiefen Gewahrseins in Gestalt von Kalachakras und Vajravegas herab und schmilzt in unseren Körper. Um die Auflösung der Winde des tiefen Gewahrseins in unsere sechs Chakras hinein zu bestätigen, stellen wir uns vor, dass jedes Chakra mit einer Keimsilbe in der passenden Farbe markiert ist.

Die Abfolge der Visualisationen dieses Schritts ist schwierig auszuführen, wenn wir nicht erhebliche Meditationserfahrung besitzen. Wenn wir nicht mitkommen, dann richten wir uns hauptsächlich auf das Gefühl von einem Regen aus Gestalten und Energie aus, der auf uns herabfällt und sich in unserem tiefsten Inneren auflöst. Wir fühlen, wie zusammen mit diesem Regen sich alle unsere Energien sammeln und ebenfalls absorbiert werden. Als Ergebnis wird unsere Gestalt als Buddhaform gefestigt und fähiger, die folgende Ermächtigung aufzunehmen. Wir verwerfen alle Empfindungen, die wir vielleicht haben, dass unsere Gestalt lediglich ein zweckmäßiger Anschein ist. Stattdessen fühlen wir uns stark, lebendig und in gewissem Sinne authentischer, so wie ein Erdboden, der nach einem Frühlingsregen feucht und fruchtbar geworden ist. Als Beobachter schätzen wir diesen Prozess und fühlen uns in seiner Dynamik wohl, nehmen aber nicht an ihm teil, so wie jemand, der an einem verhängten Eingang sitzt und die Frische riecht, die auf einen Regen folgt.

Abschließende Prozeduren vor dem Erhalt der Hauptermächtigungen

Nachdem wir für einen Moment unsere Augenbinde hochgezogen haben, um festzustellen, welche Farbe wir als erstes sehen – was auf bestimmte zukünftige Verwirklichungen hinweist -, umrunden wir im selben Korridor wie zuvor erneut das Mandala dreimal im Uhrzeigersinn. Unser Lehrer Kalachakra nimmt dann die Gestalt seines Assistenten an und kommt vom vierten Stock zu dem Standort herunter, an dem wir als Teilnehmer in  Gestalt von Vajravega stehen, also in die schwarze, ebenerdige Eingangshalle. Um dies zu symbolisieren, erhebt sich der die Ermächtigung übertragende Meister von seinem Thron und stellt sich vor das Sandmandala. Dort rezitiert er Verse, bekannt als Worte der Wahrheit, so dass die Schüler einen klaren Hinweis erhalten auf die Eigenschaft der Buddhafamilie, mit der sie die stärkste Affinität besitzen. Als Beobachter schauen wir dem zu und stehen in Gestalt eines einfachen Kalachakra im hinteren Teil der selben Halle.

Die Hauptschüler und ein Repräsentant für den Rest der Anwesenden kommen dann nach vorne und halten mit beiden Händen die Blume, die ihnen zu Beginn des Tages übergeben wurde, über die Zeichnung eines vereinfachten Mandalas, die auf einem Tablett liegt. Sie lassen die Blume fallen während sie ein Mantra rezitieren und kehren dann zu ihren Plätzen zurück. Der Abschnitt des Mandalas, in den sie fällt, weist auf diejenige Eigenschaft der Buddhafamilie hin, die ihnen am nächsten steht. In Zukunft betonen wir als Teilnehmer von den neunzehn Praktiken der engen Bindung, die wir durch tägliches Yoga in sechs Sitzungen aufrechterhalten, besonders die Praktiken, die uns eng mit dieser Eigenschaft verbinden. Wenn die Blume zum Beispiel in das südliche Segment fällt, dann unternehmen wir besondere Anstrengungen bezüglich der vier Arten der Freigebigkeit, die eine enge Verbindung mit dem tiefen Gewahrsein der Gleichheit aller Wesen erzeugt. Wir machen auf diesem Weg am einfachsten Fortschritte hin zur Erleuchtung. Als Schüler erhalten wir auch einen vertraulichen Namen, der eine Abwandlung des Namens der männlichen Hauptgestalt dieser Buddhafamilie ist. In unserem Beispiel würden wir von Ratnasambhava den Namen Ratnavajra erhalten.

Dieser vertrauliche Name wird nur benutzt, wenn wir ihn beim Nehmen oder Verstärken unserer Gelübde während unserer nächsten Kalachakra-Ermächtigung wiederholen müssen sowie in unserer Sadhanapraxis bis zu jenem Zeitpunkt. Er wird in keinem anderen Zusammenhang benutzt. Da die meisten tantrischen Praktizierenden viele Male Ermächtigung erhalten, entdecken sie bei jeder dieser Gelegenheiten neue Verbundenheiten und erhalten neue Namen. Daher werden die bei einer spezifischen Ermächtigung erhaltenen nicht als andauernde betrachtet, sondern nur als auf unsere gegenwärtigen Bedürfnisse hinweisend. Bei jeder neuen Kalachakra-Initiation wechseln wir unseren Namen und betonen andere Praktiken der engen Bindung, wenn die Blume in ein anderes Segment fällt als zuvor.

Unser Lehrer Kalachakra gibt uns dann unsere Blume zurück und wir legen sie auf unseren Kopf. Aus dem Umstand der Empfindung, wie die Blume unseren Kopf berührt, erfahren wir ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie man dieses Gewahrsein erzeugt und was wir als Beobachter am besten an diesem und ähnlichen Punkten während der restlichen Ermächtigung empfinden können. Unser Lehrer Kalachakra kehrt nun in den vierten Stock des Mandalapalastes zurück und setzt sich erneut auf seinen Thron. Wir legen die Augenbinde ab und stellen uns vor, dass wir alle Einzelheiten der Mandalawelt deutlich sehen. Unser Lehrer Kalachakra stellt uns alle Gestalten vor und beschreibt sie und wir rezitieren bestimmte Worte, um uns eng mit ihnen allen zu verbinden. Der erste Tag der eigentlichen Ermächtigung endet für gewöhnlich hier.