Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Teil III: Gelübde und eng bindende Praktiken

8 Gezügeltes Verhalten und Praktiken der engen Bindung

Arten gezügelten Verhaltens

Eine weitere Verpflichtung aus der Kalachakra-Ermächtigung besteht darin, fünfundzwanzig Arten gezügelten Verhaltens zu bewachen. Nach Tsongkapa ist dieses Versprechen bei anderen Systemen des Anuttarayoga-Tantra nicht erforderlich, wohingegen Ngari Panchen erklärt hat, dass es allen höchsten Tantrasystemen einschließlich des Dzogchen gemein ist. In beiden Fällen besteht das gezügelte Verhalten darin, davon abzustehen, mit Absicht eine von fünfundzwanzig negativen Handlungen zu begehen, während man von sehnsüchtiger Begierde, Ärger oder törichter Verwirrung entweder bezüglich der Wirklichkeit oder auch der Ursache und Wirkung von Verhalten motiviert ist. Ein Mangel an Ehrgefühl muss die Handlung ebenfalls begleiten.

Die Handlungen werden in fünf Fünfergruppen unterteilt. Die erste Gruppe stimmt mit den Laiengelübden überein, die manchmal auch die fünf Prinzipien genannt werden. Die aufzugebenden Handlungen sind: (1) Ein Leben zu nehmen. Da das Abstehen vom Töten einer beliebigen Form lebenden Wesens später speziell in der Liste der gezügelten Verhaltensweisen aufgeführt wird, bezieht sich hier das Nehmen eines Lebens darauf, einem Menschen oder Tier körperlichen Schaden zuzufügen. Andere psychisch zu quälen ist ebenfalls beinhaltet.

(2) Lügen auszusprechen. Besonders ernst ist es, etwas Unwahres zu lehren, das wir erfunden haben. Lügen beinhaltet es ebenfalls, in der Geschäftswelt zu betrügen, zum Beispiel indem man ungerechtfertigte Preise fordert. Wenn andere in ungebührlicher Weise aus unserer Ehrlichkeit beim Aushandeln eines Vertrages Vorteile ziehen, dann liegt allerdings kein Fehler darin, eine harte Einigung herbeizuführen, solange unsere Motivation nicht in Gier besteht. Konkurrenzdenken ist nicht notwendig eine verstörende Einstellung.

(3) Zu nehmen, was nicht gegeben wurde. Das meint etwas zu stehlen, unabhängig von seinem Wert, und beinhaltet, Gebühren nicht zu zahlen und Geliehenes nicht zurückzuzahlen. Selbst die Benutzung des Computers von jemand anderem ohne dessen Erlaubnis ist eine Form des Nehmens von etwas Nichtgegebenem.

(4) Unangebrachtes sexuelles Verhalten. Bestimmte Zeiten, Orte und Körperteile sind für sexuellen Kontakt ungeeignet, weil das Verkehren an oder mit ihnen gewöhnlich aus exzessiver Begierde entsteht sowie aus der Unwilligkeit, in irgendeiner Weise Mäßigung bezüglich der Sexualität zu üben. Die unangebrachteste Form sexuellen Verhaltens ist allerdings die Beziehung zu Gatte oder Gattin von jemand anderem.

(5) Alkohol zu trinken. Streng genommen bedeutet das, noch nicht einmal einen Tropfen zu nehmen. Ein gleichartiges Verbot erstreckt sich auf narkotische und entspannende Drogen. Unabhängig von der Motivation umwölkt der Konsum von Alkohol und Drogen unser Urteilsvermögen, schwächt unsere Selbstkontrolle und führt oft zu destruktivem Verhalten, destruktiven Worten oder Gedanken.

Es gibt einige Situationen, in denen wir Alkohol zu uns nehmen können, wenn wir nicht von verstörenden Emotionen motiviert sind. Es liegt zum Beispiel kein Fehler darin, in einer Tsog-Puja den Alkohol zu kosten. Ein symbolisches Kosten zu verweigern ist vielmehr eine tantrische Hauptübertretung. Alkohol wird auch gelegentlich im Anuttarayoga-Tantra verwendet, um das glückselige Gewahrsein der Leerheit zu steigern, und zwar mit den gleichen Beschränkungen wie bei der ganz ähnlichen Verwendung der sexuellen Vereinigung. Zu trinken wird nie als spiritueller Akt angesehen oder als ein Pfad zur Befreiung oder Erleuchtung betrachtet und Alkohol wird auf dem Pfad auch nur verwendet, wenn es von tantrischer Meisterschaft über die Energiewinde begleitet wird, welche die Intoxikation verhindert, sowie von voller Aufrechterhaltung eines glückseligen Gewahrseins der Leerheit. Das meint der Ausspruch des Rime-Meisters Kongtrül aus dem neunzehnten Jahrhundert, wenn er sagt, dass diese Art gezügelten Verhaltens aufrechtzuerhalten nicht verbietet, Alkohol während einer Tsog-Puja zu kosten oder ihn zur Verstärkung unseres spirituellen Pfades zu nutzen, solange wir davon nicht betrunken werden. Er hat damit nicht einen kontrollierten oder gemäßigten Alkoholkonsum sanktioniert.

Einige der Leute, die es in Erwägung ziehen, die Kalachakra-Initiation zu nehmen, sind bereit, alle anderen Verpflichtungen einzuhalten, finden es aber schwer zu versprechen, nie wieder eine Gläschen zu trinken. Sie fragen sich, ob das bedeutet, dass sie die Initiation nicht als voller Teilnehmer nehmen können. Um diese Frage zu beantworten, können wir einen Blick auf die Gelübde und Übungen eines Bodhisattvas werfen, um daraus Richtlinien zu erhalten. Viele der Nebengelübde des Bodhisattvas enthalten den Zusatz, dass für den Fall, dass wir jetzt das Begehen einer bestimmten negativen Handlung aufgrund starker verstörender Emotionen noch nicht aufhören können, wir einen ernsteren Fehler vermeiden, indem wir diese Handlung verringern und ernsthaft an uns arbeiten, um sie in der Zukunft völlig ablegen zu können. Deshalb geben einige Lehrer potentiellen Initiationskandidaten, die diesem Problem gegenüberstehen, den Rat, dass sie im Falle einer überwältigenden Anhaftung, die zu groß ist, als dass sie Alkohol bereits jetzt aufgeben könnten, bei diesem Gelübde ihren Konsum zumindest einschränken und stetig vermindern müssen und das Trinken nicht mit den vier vervollständigenden Faktoren verbinden dürfen. Es ist allerdings wichtig, eine Neigung zum Alkohol nicht wegzudiskutieren. Selbst in Ländern, in denen die meisten Leute zum Essen Wein oder Bier trinken, gibt es fast immer einen höflichen und diplomatischen Weg, das Getränk abzulehnen, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen.

Die zweite der fünf Gruppen besteht aus fünf zusätzlichen destruktiven Handlungen. (6) Glücksspiel. Dies umfasst zu würfeln, Karten oder Brettspiele zu spielen mit dem Ziel, Geld zu gewinnen oder die Zeit zu vertreiben, oder aus einer Wettkampfhaltung heraus. Derartige zeitraubende Aktivitäten leiten unsere konstruktive Energie ab. Es liegt allerdings kein Fehler darin, Spiele zu erzieherischen Zwecken zu spielen oder um einen Kontakt zu Kindern oder kommunikationsgehemmten Menschen herzustellen.

(7) Ungebührliches Fleisch zu essen. Dies ist nicht das Versprechen, ein Vegetarier zu sein, obwohl diese Ernährungsweise als die beste gilt, wenn die Gesundheit und die Umstände diese zulassen. Stattdessen ist es das Versprechen, den Verzehr von Fleisch zu vermeiden, das von einem Tier stammt, von dem wir entweder vermuten oder wissen, dass es für unsere Konsumierung getötet wurde. Derartiges Fleisch wird als "ungebührlich" bezeichnet. Wie mit dem Alkohol und der sexuellen Vereinigung verwendet die Praxis des Anuttarayoga manchmal den Verzehr von Fleisch, soweit es kein ungebührliches ist, um das glückselige Gewahrsein der Leerheit durch die Belebung unserer Energien zu steigern. Fleisch zu essen wird jedoch nicht als ein Pfad betrachtet, der zur Befreiung oder Erleuchtung führt, und wird nur benutzt, wenn wir eine gewisse Ebene des glückseligen Gewahrseins der Leerheit erreicht haben sowie Meisterschaft über unsere Energiewinde, sodass diese durch das Fleisch nicht schwer werden. Wenn wir in diesem Kontext Fleisch essen ist es darüber hinaus wichtig, Gebete für das Tier zu sprechen, das geopfert wurde, und nicht aus dem Blick zu verlieren, das dieses Fleisch einmal das Fleisch eines lebenden Wesens war. Wie wir selbst hat es ebenfalls Befreiung von den Leiden ersehnt und ist dieser auch würdig.

(8) Schändliche Worte zu lesen. Dies bezieht sich auf das Lesen von Büchern und Artikeln und im modernen Kontext auch auf das Betrachten von Photos und Anschauen von Videomaterialien, die Ärger oder Anhaftung aufwallen lassen, während wir keine Kontrolle über diese verstörenden Emotionen haben. Derartige Aktivitäten erhöhen schlicht unsere Verblendungen. Wenn wir zum Beispiel über einen Bösewicht lesen, dann fangen wir an, diese Person zu hassen, und freuen uns, wenn der Held ihn tötet. Eine andere Formulierung dieser negativen Handlung besteht darin, dass man alles, was einem in den Sinn kommt, ausspricht, wobei sich dies insbesondere darauf bezieht, dass man Geschichten erzählt oder über Themen spricht, die Ärger hervorrufen oder Begierde vergrößern.

(9) Gaben im Zusammenhang der Ahnenverehrung darzubringen. Dies bezieht sich nicht auf das Anzünden einer Kerze oder das Ablegen einer Blume auf einem Grab in respektvoller Erinnerung an einen von uns gegangenen Verwandten, sondern eher auf Geisterverehrung. Jede Form von Geisterverehrung setzt unsere Praxis herab. Es führt dazu, dass wir Karma aus den Augen verlieren, sowie zu der Vorstellung, dass die Befreiung vom Leiden und das Erlangen von Glück davon kommt, dass man Naturgeister oder die Geister der Verstorbenen günstig stimmt. Die einzigen Situationen, in denen es angemessen ist, Gaben an Geister darzubringen, sind diejenigen, in denen wir dies motiviert durch Mitgefühl tun, um ihre Leiden zu erleichtern oder ihren Zorn zu besänftigen, wenn wir sie beleidigt haben. Es ist aber wichtig, zu verstehen, dass das Darbringen von Gaben und Gebeten, um übernatürliche Hilfe zu erhalten, konstruktive Handlungen nicht ersetzen kann, um die Leerheit zu verstehen und anderen Nutzen zu bringen.

(10) Extremen Praktiken zu folgen, zum Beispiel Tiere zu opfern und Blut darzubringen. Obwohl Rituale dieser Art heutzutage selten sind, ist es hilfreich zu untersuchen, ob wir das Wohl anderer opfern, um voranzukommen.

Die dritte Gruppe umfasst fünf Arten des Mordens. (11) Das Töten von Rindern, die hier Tiere symbolisieren. Nun mag man es relativ leicht finden, mit dem Jagen und Fischen aufzuhören, aber wesentlich schwieriger, aufzuhören Insekten zu töten. Wenn unsere automatische Reaktion auf einen Käfer darin besteht, ihn zu zerdrücken, bauen wir eine Gewohnheit auf, mit allem Lästigen im Leben auf eine gewalttätige Art und Weise umzugehen. Oft gibt es alternative Vorgehensweisen um Insekten von unserem Heim oder unseren Feldern zu entfernen. Und wenn es keine gibt und wir aus gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Gründen Schädlinge beseitigen müssen, dann ist es wichtig, dies nicht mit Ärger oder Hass zu tun.

(12) Das Töten von Kindern. Die Kommentare machen nicht klar, warum Kinder als eine eigene Sparte aufgeführt werden. Es mag mit Kindesmord an Mädchen in Ländern zu tun haben, in denen männliche Nachkommen bevorzugt werden. Oder, da die zehn Lebensstufen, die in den Lehren des inneren Kalachakra skizziert werden, beim Fötus beginnen, mag der Grund darin liegen, dass auch Abtreibung mitumfasst werden soll. Es mag bestimmte rechtfertigende Gründe für die Abtreibung geben, zum Beispiel die Gesundheit, aber das ist eine delikate Angelegenheit und hängt von den jeweiligen Umständen ab. Oft liegt der Grund allerdings in einer verstörenden Emotion oder Einstellung wie zum Beispiel Anhaftung an unsere eigene Annehmlichkeit, Ärger im Fall der Verursachung der Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung oder törichte Verwirrung wie zum Beispiel Abtreibung als ein Mittel der Geburtenkontrolle anzusehen. Unabhängig von der Motivation ist die Abtreibung allerdings ab einem bestimmten Punkt in der Entwicklung der Fötusmasse dennoch Nehmen von Leben. Wenn es keinen Weg gibt, das Nehmen des Lebens zu vermeiden, ist es am besten, das Ergebnis, d.h. sowohl die unmittelbaren psychologischen wie auch die langfristigen karmischen Auswirkungen zum Besseren hin zu beeinflussen durch starke Gedanken von Liebe und Mitgefühl für das ungeborene Kind. Es kann zum Beispiel hilfreich sein, dieses Leben anzuerkennen, indem man dem Kind einen Namen gibt und es durch eine angemessene Begräbniszeremonie ehrt.

(13) Das Töten von Frauen und (14) das Töten von Männern. Diese negative Handlung bringt uns zum Thema der Sterbehilfe, sowohl bei Menschen wie auch bei Haustieren. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Verabreichung einer tödlichen Injektion und dem Zurückhalten von medizinischer Unterstützung zur künstlichen Verlängerung eines unrettbaren Lebens. Vom karmischen Gesichtspunkt her ist letztere Möglichkeit, die einen natürlichen Tod zulässt, im Zusammenhang damit vorzuziehen, dass wir die Situation der Person oder Kreatur durch Schmerzmittel so erträglich wie möglich gestalten.

(15) Darstellungen des erleuchtenden Körpers, der Rede oder des Geistes des Buddhas wie zum Beispiel Abbildungen, Texte oder Reliquienmonumente (Stupas) zu zerstören oder diejenigen zu ermorden, die sich in der außergewöhnlichen ethischen Selbstdisziplin, außergewöhnlichen Konzentration oder dem außergewöhnlichen unterscheidenden Gewahrsein üben. Wenn wir aus irgendeinem Grund religiöse Texte entsorgen müssen, besteht der übliche Brauch darin, sie mit Respekt zu verbrennen.

Die vierte Gruppe besteht aus fünf Arten von Geringschätzung. (16) Freunde zu verabscheuen, die dem Dharma oder der Welt im allgemeinen Gutes tun. Wenn wir die Methoden, die diese Leute anwenden, um zu helfen, für nicht besonders geschickt halten und wir uns darüber emotional aufregen, dann kommt es schnell dazu, dass wir verneinen, dass diese Personen oder Methoden überhaupt Gutes tun. Diese hochmütige Einstellung führt leicht zu dem egoistischen Gedanken, dass nur wir am besten wissen, wie man anderen nutzt. Eine solche Einstellung behindert ernsthaft unsere Fähigkeit, jemandem zu helfen.

(17) Anführer und Ältere, die Respekt verdient haben, zu verabscheuen. Es mag uns nicht jedermanns Charakter zusagen, aber wenn unsere persönlichen Vorlieben unsere Unterscheidungskraft bezüglich wer Respekt verdient hat und wer nicht umwölken, dann verlieren wir schnell die Fähigkeit, die Realität zu erkennen.

(18) Spirituelle Meister oder Buddhas zu verabscheuen. Die Objekte umfassen hier nicht nur unsere eigenen spirituellen Meister, sondern erstrecken sich auch auf andere spirituellen Lehrer, auch wenn diese nicht voll qualifiziert sind. Fehler und Mängel an Lehrern festzustellen ist nicht das selbe wie sie in ihrer Person zu verabscheuen. In einigen Versionen besteht diese negative Handlung darin, sich gegenüber den Buddhas oder dem Dharma respektlos zu verhalten.

(19) Mitglieder der Sangha, also der hochverwirklichten Gemeinschaft zu verabscheuen. Obwohl die Hauptobjekte dieser negativen Handlung diejenigen sind, die eine unmittelbare, unbegriffliche Wahrnehmung der Leerheit haben, wird die Sangha konventionell von der klösterlichen Gemeinschaft repräsentiert. Einige Personen mögen Mönch oder Nonne zu unspirituellen Zwecken geworden sein. Dennoch ist es wegen dem, was ihre Roben repräsentieren,  unangebracht, ihnen Verachtung entgegenzubringen. In westlichen Kreisen hat das Wort "Sangha" die Bedeutung der Mitglieder eines buddhistischen Zentrums angenommen. Feindschaft innerhalb solcher Gemeinschaften gefährdet unser spirituelles Wachstum ernsthaft.

(20) Die uns vertrauen zu täuschen. Diese negative Handlung beinhaltet andere, die von unserer Hilfe abhängig sind, im Stich zu lassen und auch den Missbrauch von Machtpositionen.

Die letzte Gruppe sind die fünf Sehnsüchte, die darin bestehen, in angenehme (21) Anblicke, (22) Klänge, (23) Düfte, (24) Geschmäcke und (25) ertastende oder körperliche Empfindungen verliebt zu sein. Derartiges Vernarrtsein hält unsere Ausgerichtheit davon ab, ein unwandelbares glückseliges Gewahrsein der Leerheit zu erlangen. Dies stellt kein Askeseversprechen dar, sondern die Zusage, dass man vernünftige Grenzen setzt und Selbstkontrolle übt, zum Beispiel am Essenstisch.

Überblick über die Praktiken der engen Bindung

Zusätzlich zum Nehmen von Gelübden und, im Fall des Kalachakra, dem Versprechen, gezügeltes Verhalten zu beachten, sagen wir als aktiver Teilnehmer einer Ermächtigung des Anuttarayoga auch zu, dass wir bestimmte Praktiken bzw. Einstellungen aufrechterhalten werden, die uns eng mit dem Tantra verbinden. Diese werden auf Sanskrit samaya genannt und auf tibetisch damtsig, was manchmal als "Zusicherungen" oder "Ehrenworte" übersetzt wird. Ein Gelübde zu nehmen beinhaltet das Versprechen, sich entweder von einer natürlich destruktiven Handlung, wie zum Beispiel dem Töten, abzuwenden, oder von einem ethisch neutralen Verhalten, wie zum Beispiel nicht kontinuierlich über Leerheit zu meditieren, das schädlich für den spirituellen Fortschritt ist. Eine Praktik der engen Bindung anzuwenden bedeutet auf der anderen Seite, zuzusagen, dass man konstruktive oder ethisch neutrale Handlungen durchführen wird, die für den Fortschritt zuträglich sind, wie zum Beispiel freigebig zu sein oder ein keusches Verhalten aufrechtzuerhalten.

Die Kalachakra-Ermächtigung fordert von uns, eine Gruppe von Hilfspraktiken der engen Bindung anzunehmen, die allen Anuttarayoga-Systemen gemein ist, sowie auch eine, die dem Mutter-Tantra eigen ist, also den Anuttarayoga-Tantras, die Praktiken für das Erreichen des Geistes des klaren Lichts hervorheben. Die allgemeinen Zusagen sind Neuformulierungen oder Erweiterungen einiger der tantrischen Wurzelgelübde und Arten gezügelten Verhaltens, die in Begriffen von anzunehmenden Verhaltens ausgedrückt werden, anstatt von aufzugebenden Handlungen. Die dem Mutter-Tantra eigenen Zusagen helfen uns dabei, den Kurs auf das Erlangen eines glückseligen Gewahrseins der Leerheit mittels unseres Geistes des klaren Lichts beizubehalten. Es besteht keine Notwendigkeit, die Einzelheiten zu studieren, bevor wir die Ermächtigung erhalten.

Die Ermächtigung erfordert außerdem eine Zusage, bestimmte Praktiken anzunehmen und aufrechtzuerhalten, die enge Bindungen an die einzelnen Eigenschaften der Buddhafamilien erzeugen. Oft lediglich als "Buddhafamilien" übersetzt, beziehen sich diese Eigenschaften auf Aspekte der Buddhanatur, insbesondere die Aspekte des Geistes des klaren Lichts als unserem Grundlagen-Tantra, die es uns erlauben, die Erleuchtung zu erlangen. Wie schon im Falle der Aggregate wird jeder von ihnen in seiner gereinigten Form durch eine Buddhaform dargestellt. Wie bei den tantrischen Hauptgelübden gibt es zwei Versionen dieser Praktiken der engen Bindung: Eine, die allgemein von allen Systemen des Anuttarayoga-Tantra geteilt wird, und eine besondere des Kalachakra. Lassen Sie uns zunächst die allgemeinen Praktiken betrachten, wie sie in der Gelug-Tradition von Tsongkapa erklärt werden. Die drei anderen tibetischen Traditionen erklären sie auf ähnliche Weise mit einigen wenigen kleineren Variationen.

Allgemeine Praktiken für eine enge Bindung an die Eigenschaften der Buddhafamilien

Es gibt neunzehn allgemeine Praktiken, die uns eng mit den Eigenschaften der Buddhafamilien verbinden. Um eine enge Bindung zum spiegelgleichen tiefen Gewahrsein zu erzeugen, das von der Buddhaform Vairochana repräsentiert wird, nehmen wir eine sichere Ausrichtung (1) von den Buddhas, (2) dem Dharma und (3) der Sangha. Ebenfalls praktizieren wir die drei Arten ethischer Selbstdisziplin, die darin beinhaltet sind, (4) sich von destruktiven Handlungen abzuwenden, (5) in konstruktive Handlungen wie Studieren und Meditieren einzusteigen, um gute Eigenschaften zu entwickeln, und (6) zum Wohle anderer zu arbeiten. Viele Kagyü-Traditionen lehren, dass diese mit Vairochana verbundenen Praktiken Bindungen zum tiefen Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre herstellen. In der Nyingma-Tradition werden die ersten drei ersetzt durch die Entwicklung der anstrebenden und der handelnden Stufe des Bodhicitta. Eine sichere Richtung einzuschlagen, ethische Selbstdisziplin zu üben und Bodhicitta zu entwickeln führt zu immer weiter zunehmender, spiegelähnlicher Klarheit bezüglich der Wirklichkeitssphäre sowohl der Erleuchtung als auch des Kurses verhaltensmässiger Ursache und Wirkung, der zu ihr führt.

Vier Praktiken erzeugen enge Bindungen an die von Ratnasambhava repräsentierte Familieneigenschaft, dem tiefen Gewahrsein der Gleichheit der Dinge. Diese bestehen darin, auf vier Arten freigebig zu sein: Wir geben oder sind zumindest willens zu geben und zwar (7) materielle Dinge oder Reichtum, (8) Dharma-Belehrungen oder Ratschläge, (9) Schutz vor Furcht, vor allem indem wir anderen gegenüber gelassen und offen sind, sodass sie nicht zu befürchten haben, dass wir uns an sie hängen, sie zurückweisen oder ignorieren, und (10) Liebe, den Wunsch, dass andere glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen mögen. Indem wir überschwänglich geben erlangen wir ein immer weiteres Verständnis der Gleichheit von uns selbst und anderen.

Drei Praktiken erzeugen enge Bindungen zum tiefen Gewahrsein der Individualität der Dinge, repräsentiert von Amitabha. Diese bestehen darin, die Lehren (11) der drei Sutra-Fahrzeuge, (12) der äußeren Fahrzeuge der unteren Tantra-Klassen und (13) der vertraulichen Fahrzeuge der höheren Klassen des Tantra zu bewahren. Die Gesamtheit der Lehren des Buddha zu bewahren führt zu einer immer tieferen Wertschätzung der individuellen Brillanz und Geschicktheit der jeweiligen Technik.

Zwei Praktiken erzeugen enge Bindungen zu Amoghasiddhi und zum tiefen Gewahrsein davon, wie man Ziele erreicht. Diese beiden sind (14) das Bewachen unserer Gelübde und (15) das Darbringen von Gaben. An Stelle des Bewachens der Gelübde setzt die Nyingma-Tradition das Ausführen bestimmter Aktivitäten wie das Befrieden von Leiden und das Anregen der guten Eigenschaften anderer. Darüber hinaus unterteilt sie das Darbringen von Gaben in zwei Praktiken: Gaben im allgemeinen darbringen und das Darbringen von Tormas, modellierten Kuchen, die aus Gerstenmehl und Butter gemacht werden. In Übereinstimmung mit Gelübden zu handeln, Aktivitäten auszuführen, die denen eines Buddhas gleichen, und Gaben darzubringen führt zu immer größerer Weisheit und Geschicklichkeit bezüglich dessen, wie man alle Ziele erreicht.

Schließlich erzeugen vier Praktiken enge Bindungen zu Akshobhya und der Familieneigenschaft des tiefen Gewahrseins der Wirklichkeitssphäre. Viele der Kagyü-Systeme ersetzen dies durch das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein. Diese vier bestehen darin, (16) den Vajra und das dadurch symbolisierte glückselige Gewahrsein als unsere Methode beizubehalten, (17) die Glocke und das dadurch repräsentierte unterscheidende Gewahrsein der Leerheit als unsere Weisheit beizubehalten, (18) die Mudra bzw. das Siegel aufrechtzuerhalten, uns als ein Paar in Buddhaform und in Vereinigung zu visualisieren, was die untrennbare Einheit von Methode und Weisheit repräsentiert, und (19) uns in richtiger Weise einem spirituellen Meister anzuvertrauen. Eine Gewahrseinsebene aufrechtzuerhalten, die sowohl glückselig ist als auch klar die Leerheit wahrnimmt, und den Anweisungen eines vollqualifizierten tantrischen Meisters zu folgen führt zu einer immer umfassenderen Erkenntnis der Wirklichkeitssphäre, so klar, als ob man sie in einem Spiegel sehen würde.

Dem Kalachakra eigene Praktiken zur engen Bindung an die Eigenschaften der Buddhafamilien

Der Kalachakra-Initiation als voller Teilnehmer beizuwohnen beinhaltet  weiter eine zusätzliche Zusage, sechs Praktiken beizubehalten, die enge Bindungen zu sechs Eigenschaften der Buddhafamilien erzeugen. Wie schon bei den neunzehn allgemeinen Zusagen erzeugen die ersten fünf Praktiken enge Bindungen zu den fünf Arten tiefen Gewahrseins, repräsentiert durch die Buddhaformen Akshobhya, Amoghasiddhi, Ratnasambhava, Amithaba und Vairochana. Diese fünf sind der Reihe nach das Nehmen eines Lebens, das Aussprechen unwahrer Worte, das Stehlen des Besitzes anderer, die Aneignung von jemanden Anderes Gattin oder Gatten und der Verzehr von Alkohol und Fleisch. Das Guhyasamaja-System und die höheren Klassen des Nyingma-Tantra schließen diese fünf Zusagen ebenfalls ein. Dem Kalachakra ist allerdings die Darlegung einer sechsten Familieneigenschaft eigen: Der Geist des klaren Lichts selbst, repräsentiert durch die Buddha-Form Vajrasattva. Sich nicht über die Sexualorgane von Frauen lustig zu machen erzeugt eine enge Bindung mit dieser Eigenschaft. Ebenfalls einzigartig im Kalachakra ist die Darstellung von zwei Bedeutungsebenen für jede der sechs verbindenden Handlungen.

(1) Zunächst die interpretierbare Ebene: Hier bedeutet das Nehmen eines Lebens, ein gefährliches Wesen zu töten, zum Beispiel einen tollwütigen Hund, der Menschen beißt, wenn unsere Motivation ausschließlich aus Mitgefühl besteht und es keine anderen Mittel gibt, um den von ihm verursachten Schaden zu beenden. Das ist ähnlich wie bei einem der Nebengelübde des Bodhisattvas, nämlich nicht zu zögern, eine destruktive Handlung zu begehen, wenn Liebe und Mitgefühl dazu aufrufen. Diese Art des Tötens erfordert das tiefe Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre, damit man unterscheiden kann, was anzunehmen und was aufzugeben ist, und auch das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein, um den ganzen Umfang der Situation zu reflektieren. Es erfordert auch den selbstlosen Mut, als erblühender Bodhisattva zu akzeptieren, was auch immer an schmerzvollen Konsequenzen aus unserem Akt folgt.

(2) Unwahre Worte auszusprechen bedeutet zu erklären, wie Dinge erscheinen, was nicht damit übereinstimmt, wie sie existieren. Um zum Beispiel jemandem dabei zu helfen, eine schwierige Entscheidung zu treffen, wie im Falle eines Hauskaufs, simplifizieren wir die zu bedenkenden Eckwerte, obwohl die Angelegenheit in Wirklichkeit bei weitem komplizierter ist. Derartige täuschende Worte auszusprechen erfordert das tiefe Gewahrsein davon, wie man verschiedene Ziele erreicht.

(3) Den Besitz anderer zu stehlen bedeutet, Menschen, die mit ihren Besitztümern geizen, diese wegzunehmen, um ihnen dabei zu helfen, ihre Knauserigkeit zu überwinden, und um sie Notleidenden zu geben. Ein Beispiel hierfür ist die Besteuerung der Reichen über die Luxusgüter, um dann das Geld zur Ernährung der Armen zu verwenden. Zu nehmen, was nicht frei gegeben wurde, ersteht aus dem tiefen Gewahrsein der Gleichberechtigung der Menschen in Not.

(4) Sich jemanden Anderes Gattin oder Gatten anzueignen bedeutet, unter besonderen Umständen Menschen, die übermäßig an sie anhaften, die Frau oder den Mann wegzunehmen mit dem Ziel, ihnen dabei zu helfen, ihre Abhängigkeit zu überwinden. Diese Praktik der engen Bindung bedeutet nicht spezifisch, eine ehebrecherische Affäre zu haben. Auch  jemandes Ehemann für ein paar Tage unter Beschlag zu nehmen, damit er uns beim Wohnungsumzug hilft, kann seiner klammernden Frau helfen, sich mehr auf sich selbst zu verlassen. Jemand Anderem seine Gattin oder ihren Gatten wegzunehmen gründet auf dem tiefen Gewahrsein der Individualität, die eine bestimmte Person aussondert.

(5) Alkohol und Fleisch zu verzehren bedeutet, sie ohne Anhaftung für spezielle Zwecke zu nutzen. Bestimmte Medikamente haben eine Alkoholbasis und bestimmte Krankheiten, wie zum Beispiel Hepatitis, erfordern eine Ernährung, die Fleisch beinhaltet. Um wieder zu gesunden und um unseren Körper wieder zu stärken für die Meditationspraxis und den Dienst am anderen kann es nötig sein, dass wir diese Substanzen zu uns nehmen, selbst wenn wir sie normalerweise vermeiden. Unter solchen Umständen Alkohol und Fleisch zu sich zu nehmen erfordert ein spiegelgleiches tiefes Gewahrsein zur klaren Widerspiegelung unserer Situation und ein tiefes Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre, um in Übereinstimmung mit den Tatsachen zu handeln.

(6) Sich nicht über die Sexualorgane von Frauen lustig zu machen ist gleichbedeutend mit dem vierzehnten tantrischen Hauptgelübde, sich nicht über Frauen lustig zu machen. Die Glückseligkeit der Vereinigung, deren Entstehung von den weiblichen Sexualorganen abhängt, kann das glückselige Gewahrsein der Leerheit steigern und den Geist auf subtilere Ebenen bringen, sodass sich dieses glückselige Gewahrsein mit dem Geist des klaren Lichts verbindet. Auf diese Weise erzeugt es eine enge Bindung an den Geist des klaren Lichts, wenn wir uns nicht über die weiblichen Sexualorgane lustig machen.

Auf der letztendlichen Ebene sind die sechs Praktiken des Nehmens eines Lebens usw. spezielle Techniken, die mit den Yogas der vollständigen Stufe des Kalachakra kultiviert werden und im zentralen Energiekanal bei den sechs Hauptchakras angewendet werden. Diese Praktiken helfen dabei, die subtilen Energiewinde an diesen Chakras aufzulösen und ein unwandelbares glückseliges Gewahrsein der Leerheit mittels des Geistes des klaren Lichts zu erlangen. Ein Leben zu Nehmen bedeutet zum Beispiel die weißen subtilen kreativen Tropfen am Kronchakra festzubinden, als ob man das Leben der Energiewinde des orgastischen Abflusses nehmen würde. Da die sechs Chakras von den sechs Buddhaformen repräsentiert werden, erzeugen diese Praktiken mit jedem einzelnen enge Bindungen.

Im Guhyasamaja- und im Nyingma-System korrespondiert die Bedeutung der ersten fünf Praktiken der engen Bindung, ein Leben zu nehmen usw., zu ihrer letztendlichen Bedeutungsebene im Kalachakra. Sie werden entweder als der vollständigen Stufe des Guhyasamaja eigene Techniken dargestellt oder als dem Dzogchen eigen.

Das Yoga der sechs Sitzungen

Wenn wir als vollständiger Teilnehmer die Kalachakra-Ermächtigung oder eine beliebige andere Ermächtigung des Anuttara-Tantra innerhalb der Gelug-Tradition nehmen, verpflichten wir uns zu einer täglichen Praxis, die Yoga in sechs Sitzungen genannt wird. Yoga bedeutet "integrierende Übung" und im Yoga der sechs Sitzungen wiederholen wir eine Reihe von Versen und Praktiken sechs Mal täglich, damit uns dies dazu verhilft, die neunzehn Praktiken in unser Leben zu integrieren, die eine enge Bindung an die fünf Eigenschaften der Buddhafamilien erzeugen. Das Yoga in sechs Sitzungen ist nicht das Gleiche wie eine Sadhana. Sadhanas beinhalten alle Praktiken, die als Ursache dafür wirken, dass wir zur vollständigen Stufe vordringen können, wohingegen das Yoga in sechs Sitzungen nicht so weitreichend ist.

Der erste Text für ein Yoga in sechs Sitzungen wurde im siebzehnten Jahrhundert vom ersten Panchen Lama erstellt. Seine vollständigste Version beinhaltet Auflistungen der Gelübde des Bodhisattvas und der tantrischen Gelübde wie auch der relevanten Arten gezügelten Verhaltens und Praktiken der engen Bindung. Die Rezitation beinhaltet auch Verse, die hilfreich sind für die Erfüllung der Verpflichtungen der Zufluchtnahme, der Entwicklung der zugesagten Stufe des anstrebenden Bodhicitta und des Einhaltens der Ratschläge, die man in Fünfzig Verse über den spirituellen Lehrer findet. Dabei handelt es sich um einen Text über das richtige Verhalten gegenüber einem tantrischen Meister von Ashvaghosha II., einem indischen Meister des späten ersten Jahrtausends. Auf diese Weise stellt uns das tägliche Yoga in sechs Sitzungen einen fortwährenden Rahmen für die Praxis des Anuttarayoga-Tantra zur Verfügung. Wir versprechen, es für den Rest unseres Lebens beizubehalten.

Obwohl die anderen Traditionen des tibetischen Buddhismus nichts dem Yoga in sechs Sitzungen gleichwertiges besitzen, übertragen die Meister dieser Traditionen bei Ermächtigungen des Anuttarayoga-Tantra oder des höheren Nyingma-Tantra all jene Gelübde und Praktiken der engen Bindung, die im Geist gegenwärtig zu halten uns dieses Yoga hilft. Gelübde reinzuhalten bedeutet allerdings nicht, lediglich ihre Einzelheiten zu rezitieren. Unabhängig davon, aus welcher Linie wir die Ermächtigung erhalten, besteht unsere Hauptaufgabe darin, unser Leben in Übereinstimmung mit unseren Gelübden und Praktiken der engen Bindung zu gestalten.

Es gibt das Yoga in sechs Sitzungen in verschiedenem Umfang: Eine gekürzte, eine vollständige und eine dem Kalachakra eigene, ausgedehnte Version. Es gibt sogar eine Version in vier Zeilen zum Gebrauch in Notfällen. Egal welche Version wir benutzen rezitieren wir sie dreimal im Verlauf jedes Tages und dreimal jede Nacht unter Erzeugung der passenden Visualisationen, Gedanken und Empfindungen. Wir können den Text entweder laut oder still rezitieren, in Tibetisch oder in unserer eigenen Sprache. Den Text auf Tibetisch zu rezitieren, ohne ihn zu verstehen, ist allerdings kaum nutzbringend. Es ist nicht nötig, jedes Mal die selbe Version zu benutzen, und auch nicht, immer den gleichen Ablauf zu wählen. Weiter, wenn wir mehrere Anuttarayoga-Ermächtigungen innerhalb der Gelug-Tradition erhalten haben, erfüllt eine Runde der Rezitation eines Yogatextes sechs Mal pro Tag die Verpflichtung für sie alle zusammen. Daher müssen wir nicht wegen der Kalachakra-Ermächtigung täglich die lange Kalachakra-Version rezitieren und wir müssen auch nicht eine zweite Übung der sechs Sitzungen hinzufügen, wenn wir bereits täglich eine solche durchführen.

Wir können ein Yoga der sechs Sitzungen zu sechs getrennten Zeitpunkten während des Tages und des Abends rezitieren, aber die meisten Leute rezitieren eine der Versionen dreimal hintereinander jeden Morgen, bevor sie mit ihrem Tag beginnen, und dreimal hintereinander jede Nacht, bevor sie schlafengehen. Wenn wir auf diese Weise entweder die vollständige oder die Kalachakra-Version durchführen, dann brauchen wir bei der zweiten und dritten Rezitation nur bestimmte Verse zu wiederholen und nicht den ganzen Text.

Wenn wir einschlafen, während wir am Abend unseren Übungsblock rezitieren, dann können wir die ausgelassene Anzahl der Praxis des nächsten Tages hinzufügen. Wir minimieren diese Gefahr, indem wir nicht warten, bis wir kurz vor dem Zusammenbruch stehen, um dann erst zu beginnen. Wenn wir am Morgen in Eile sind, dann können wir auch nachts einen der Texte sechs Mal rezitieren, aber es ist besser, dies zu vermeiden. Wenn wir äußerst krank sind und gar nichts rezitieren können, dann liegt natürlich kein Fehler darin, unsere Übung in sechs Sitzungen ausfallen zu lassen. Wenn es uns aber irgend möglich ist, dann versuchen wir den Schwung dieser Praxis ohne Unterbrechung aufrechtzuerhalten. Es hilft uns, auf Erleuchtungskurs zu bleiben. Dementsprechend könnten wir, abhängig von unseren Terminen, die Wahl treffen, jeden Morgen die vollständige Version zu rezitieren und jede Nacht die gekürzte oder umgekehrt und gelegentlich die ausgedehnte Kalachakra-Version, zum Beispiel am Wochenende, wenn wir mehr Zeit haben.

Da das dreimalige Wiederholen der vierzeiligen Version nicht länger als ein, zwei Minuten dauert, ist es keine unerhörte Verpflichtung oder Belastung unseres Lebens, wenn wir versprechen, zumindest dies zweimal am Tag zu tun. Wenn wir jeden Morgen und Abend Zeit für das Zähneputzen haben, egal wie geschäftig wir sind, dann finden wir auch Zeit für eine tägliche Praxis der sechs Sitzungen. Tatsächlich ist es viel einfacher, diese Übung in unseren Tag einzubauen als irgendetwas anderes, weil wir sie zur Not auch im Auto an einer roten Ampel rezitieren können oder während wir darauf warten, die Straße überqueren zu können. Wir müssen also nicht zum Fanatiker werden, der einen besonderen Meditationsraum benötigt, Stille und Räucherstäbchen, damit wir uns jeden Tag und jede Nacht an unsere Verpflichtungen erinnern können durch die Praxis des Yoga in sechs Sitzungen.