Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Teil III: Gelübde und eng bindende Praktiken

7 Tantrische Gelübde

Überblick

Wenn wir bei einer Kalachakra-Ermächtigung oder einer anderen Initiation des Anuttarayoga-Tantra noch nicht bereit sind, tantrische Gelübde zu nehmen oder uns zu einer täglichen tantrischen Meditationspraxis zu verpflichten, dann bedeutet das nicht, dass wir lediglich Beobachter der ganzen Prozedur sein können. Wir können zum Beispiel nur Zuflucht nehmen oder zusätzlich formell die anstrebende Stufe des Bodhichitta entwickeln und die damit verbundenen Verpflichtungen einhalten. Darüber hinaus mögen wir noch die Bodhisattvagelübden nehmen. Oder wenn wir schon zuvor Zuflucht oder sowohl Zuflucht als auch Bodhisattvagelübden genommen haben, können wir sie erneuern und stärken. Es ist nicht so, dass wir nur zwei Alternativen haben: Entwerder alle Gelübdegruppen zu nehmen, die angeboten werden, oder überhaupt keine. Um allerdings die Ermächtigung zu erhalten, ist es notwendig, die gesamte Gruppe der tantrischen Gelübde zu nehmen.

Wie schon mit den Bodhisattvagelübden gibt es auch hier tantrische Haupt- und Nebengelübde, von denen wir versprechen, sie bis zur Erleuchtung zu halten. Sie setzen sich ebenfalls auf unserem Bewusstseinsstrom in zukünftige Leben fort. Die Gelug-, Kagyü- und Sakya-Tradition übertragen diese Gelübde bei jeder Ermächtigung in eine der beiden höheren Tantra-Klassen – Yoga oder Anuttarayoga - entsprechend ihrem vierfachen Klassifikationsschema, während die Nyingma-Tradition sie bei jeder Ermächtigung in eine der vier höheren Tantra-Klassen überträgt – Yoga, Anuttarayoga, Anuyoga und Atiyoga (Dzogchen) – entsprechend ihres sechsfachen Schemas.

Die meisten Einzelheiten unserer Besprechung der Bodhisattvagelübden betreffen auch die tantrischen Gelübde. Die tantrischen Wurzelgelübde bestehen darin, sich von vierzehn Handlungen zurückzuhalten, die, wenn mit den vier vervollständigenden Faktoren begangen, eine Hauptübertretung darstellen und den Verlust der tantrischen Gelübde hervorbringen. Wenn unser Leben nicht von diesen tantrischen Gelübden gestaltet wird, dann können wir keinerlei Erreichung oder Verwirklichung aus der tantrischen Praxis gewinnen. Das liegt daran, dass unserer Praxis dann der notwendige unterstützende Rahmen fehlt. Mit Ausnahme einer einzigen Hauptübertretungshandlung, nämlich – wie bei den Hauptgelübden des Bodhisattvas – dem Aufgeben des Bodhichitta, führt jede Übertretung der restlichen dreizehn lediglich zu einer Schwächung der tantrischen Gelübde, solange die vier vervollständigenden Faktoren nicht alle vorhanden sind. Sie beseitigt sie nicht von unserem Bewusstseinsstrom. Die tantrischen Nebengelübde bestehen darin, von acht schweren Handlungen abzustehen, deren Begehung unsere Praxis behindert. Der Schaden, den wir anrichten, verhält sich proportional zu Anzahl und Stärke der vervollständigenden Faktoren, die diese begleiten. Dennoch sind wir durch die Begehung einer der acht niemals unsere tantrischen Gelübde los, selbst für den Fall, dass alle vier vervollständigenden Faktoren anwesend sind.

Im „Kalachakra-Tantra“ sind die meisten der vierzehn tantrischen Hauptgelübde spezifischer definiert als in anderen Tantrasystemen. Mit der Kalachakra-Ermächtigung versprechen wir, sowohl die allgemeinen Hauptgelübde wie auch ihre besonderen Ausgestaltungen im Kalachakra einzuhalten. Dies ist relevanter Rat für Praktizierende aller höheren Tantra-Systeme. Zur Bestätigung hat Ngari Panchen, ein Meister der Nyingma-Tradition aus dem sechzehnten Jahrhundert, erklärt, dass die tantrischen Hauptgelübde, die bei einer Dzogchen-Ermächtigung genommen werden, eine Mischung der allgemeinen und der Kalachakra-Version darstellen, die in den anderen drei tibetischen Linien getrennt beschrieben werden. Lassen Sie uns dennoch den Kommentaren der Gelugpa-Autoren Tsongkapa und Kädrub Norsang-Gyatso folgen, um die beiden Versionen klar zu differenzieren.

Die allgemeinen tantrischen Hauptgelübde

Die vierzehn tantrischen Hauptgelübde, die bei allen Ermächtigungen in ein System des Anuttarayoga-Tantra genommen werden, bestehen darin, sich von den folgenden Handlungen zurückzuhalten:

(1) Unseren Vajrameister zu verhöhnen oder zu verspotten. Das Objekt ist jeder Lehrer, von dem wir entweder Ermächtigung in eine der Tantra-Klassen erhalten haben, eine volle oder teilweise Erklärung eines ihrer Texte oder mündliche Anweisungen für eine ihrer Praktiken. Verspotten und Verhöhnen solcher Meister bedeutet, ihnen Verachtung zu zeigen, ihnen Fehler nachzusagen oder sie lächerlich zu machen, sich respektlos oder unfreundlich ihnen gegenüber zu verhalten oder zu denken oder zu sagen, dass ihre Belehrung oder ihr Rat nutzlos waren. Nachdem wir sie zuvor mit Hochachtung, Verehrung uns Respekt angesehen haben, vollenden wir diese Hauptübertretung, wenn wir diese Einstellung aufgeben, sie als unsere Lehrer zurückweisen und sie mit überheblicher Verachtung behandeln.

Derartige verächtliche Handlungen unterscheiden sich ziemlich vom Befolgen des Ratschlags im „ Kalachakra-Tantra“, demzufolge wir einen respektvollen Abstand halten sollten und nicht länger mit einem tantrischen Lehrer studieren oder zusammensein sollten, bezüglich dessen wir entschieden haben, dass er für uns nicht geeignet oder nicht ausreichend qualifiziert ist, bzw. der sich in unangebrachter Weise verhält. Einen Lehrer zu verachten oder herabzusetzen, der uns ausschließlich Dinge gelehrt hat, die nicht einzig im Tantra vorkommen, wie zum Beispiel Mitgefühl oder Leerheit, oder der uns lediglich die Zuflucht übertragen hat oder die Pratimoksha- oder Bodhisattva-Gelübde, erzeugt, technisch gesprochen, nicht diese erste Hauptübertretung. Eine derartige Handlung behindert dennoch ernsthaft unseren spirituellen Fortschritt.

(2) Die Worte eines Erleuchteten zu übertreten. Die Objekte dieser Handlung sind genauer die Inhalte einer Belehrung eines erleuchteten Wesens, welche die Pratimoksha-, Bodhisattva- oder tantrischen Gelübde betreffen, unabhängig davon, ob diese Person der Buddha selbst ist oder ein späterer großer Meister. Diese Übertretung zu begehen bedeutet nicht einfach nur, ein bestimmtes Gelübde aus einer dieser Gruppen zu übertreten für den Fall, dass wir es genommen haben, sondern dies unter Anwesenheit zweier zusätzlicher Faktoren zu tun. Diese sind, voll anzuerkennen, dass das Gelübde von jemandem herstammt, der alle geistigen Hindernisse beseitigt hat, und die Sache herunterzuspielen, indem man denkt oder sagt, dass es zu verletzen keine negativen Konsequenzen bringt. Andere Anordnungen als die in einer der drei von uns genommenen Gelübdegruppen

herunterzuspielen und zu übertreten, obwohl wir wissen, dass sie von einem Erleuchteten übermittelt wurden, oder aber Ratschläge, von denen wir nicht erkannt haben, dass sie von einem Erleuchteten stammen, führt nicht zu einer tantrischen Hauptübertretung. Dennoch erzeugt dies Hindernisse auf unserem spirituellen Pfad.

(3) Aus Ärger heraus an unseren Vajrabrüder und -Schwestern Fehler zu suchen. Unter Vajrabrüdern und -Schwestern versteht man diejenigen, die tantrische Gelübde halten und vom selben tantrischen Meister eine Ermächtigung in das System einer Buddhaform irgendeiner der Tantraklassen erhalten haben. Die Ermächtigungen müssen nicht zum selben Zeitpunkt erhalten worden sein und müssen auch nicht die gleiche Tantraklasse betreffen. Diese Übertretung tritt auf, wenn wir im vollen Bewusstsein, dass eine bestimmte Person unser Vajrabruder oder -Schwester ist, diese wegen Fehlern, Mängeln, Fehlgriffen, Übertretungen verspotten oder verbal beleidigen und sie verstehen, was wir sagen. Dabei ist es unerheblich, ob sie diese besitzen oder begangen haben oder nicht. Die Motivation muss entweder in Feindseligkeit, Ärger oder Hass bestehen. Einer Person mit dem Wunsch, ihr zu helfen, ihre Schwächen in freundlicher Weise zu zeigen, ist kein Fehler.

(4) Die Liebe für die fühlenden Wesen aufzugeben. Liebe ist der Wunsch, dass andere glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen mögen. Die Übertretung ist, irgendeinem Wesen, einschließlich des schlimmsten Serienmörders, das Gegenteil zu wünschen – also jemandem zu wünschen, dass er des Glücks und seiner Ursachen beraubt sein möge. Die Ursachen des Glücks sind ein volles Verständnis der Realität und des karmischen Gesetzes von Verhaltensursache und   -Wirkung. Zumindest würde man einem Mörder wünschen, eine ausreichende Erkenntnis dieser Punkte zu erlangen, sodass er seine Greultaten in zukünftigen Leben nie mehr wiederholt und so schließlich Glück erlebt. Obwohl es keine tantrische Hauptübertretung darstellt, jemanden zu ignorieren, dem zu helfen in unserer Macht steht, ist es eine Übertretung, zu denken, wie wundervoll es doch wäre, wenn ein bestimmtes Wesen nie glücklich werden würde.

(5) Bodhichitta aufzugeben. Dies ist das gleiche wie die achtzehnte Hauptübertretung des Bodhisattvas und kommt dem Aufgeben der anstrebenden Stufe des Bodhichitta gleich, wobei man denkt, dass man unfähig sei, die Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen zu erreichen. Auch ohne die Anwesenheit der vier vervollständigenden Faktoren leert uns ein solcher Gedanke sowohl von den Bodhisattva- als auch den tantrischen Gelübden.

(6) Unsere eigenen Lehren oder die anderer lächerlich machen. Das ist das gleiche wie die sechste Hauptübertretung des Bodhisattvas, das Aufgeben des heiligen Dharma, und bezieht sich darauf, dass wir behaupten, dass eine der schriftlichen buddhistischen Lehren nicht Worte des Buddhas sind. "Lehren anderer" bezieht sich auf die Sutras des Shravaka, Pratyekabuddha- oder Mahayana-Fahrzeugs, während "unsere eigenen" die Tantras sind, die auch in die Mahayanagruppe gehören.

(7) Unreifen vertrauliche Lehren zu enthüllen. Vertrauliche Lehren betreffen die eigentlichen, spezifischen Praktiken der Erzeugungs- und vollständigen Stufe für die Erkenntnis der Leerheit, die nicht als Allgemeingut mit weniger fortgeschrittenen Praxisebenen geteilt werden. Sie beinhalten Details bestimmter Sadhanas und von Techniken zur Erlangung eines äußerst glückseligen tiefen Gewahrseins der Leerheit mittels des Geistes des klaren Lichts. Diejenigen, die dafür unreif sind, sind Menschen, welche die angemessene Ermächtigungsstufe bislang nicht erhalten haben. Dabei ist es unerheblich, ob sie zu diesen Praktiken Vertrauen hätten, wenn sie sie kennen würden. Diese Hauptübertretung entsteht, wenn wir eine dieser vertraulichen Prozeduren, die nicht mit anderen geteilt werden sollen, jemandem, von dem wir ganz genau wissen, dass er oder sie noch nicht reif ist, ausreichend detailliert erklären, sodass er oder sie genug Informationen besitzt, um die Praxis auszuprobieren, und diese Person die Anweisungen verstanden hat. Die einzige Ausnahme besteht dann, wenn eine große Notwendigkeit für eindeutige Erklärungen besteht, zum Beispiel wenn dies hilft, Fehlinformationen und verzerrte, antagonistische Ansichten über Tantra zu vertreiben. Auch ein Erklären der tantrischen Theorie im allgemeinen auf Gelehrtenart, unzureichend für Praxis, ist ebenso keine Hauptübertretung. Nichtsdestoweniger schwächt dies die Effektivität unserer tantrischen Praxis. Es liegt allerdings kein Fehler darin, vertrauliche Lehren interessierten Beobachtern während einer tantrischen Ermächtigung zu enthüllen.

(8) Unsere Aggregate zu verschmähen oder zu verachten. Jeder Moment unserer Erfahrung ist aus fünf Aggregaten oder Aggregatfaktoren aufgebaut und zwar: Formen physischer Phänomene wie Sichtbares oder Klänge, Empfindungen von Glück und Leid, Unterscheidung einer Sache von einer anderen, weitere Geistesfaktoren wie Liebe oder Hass und Bewusstseinsarten wie ein visuelles oder ein geistiges Bewusstsein. Kurz, unsere Aggregate umfassen unseren Körper, unseren Geist und unsere Gefühle. Normalerweise sind diese Aggregatsfaktoren mit Verwirrung verbunden, was gewöhnlich übersetzt wird, indem man sie als "verunreinigt" bezeichnet. Durch die Praxis des Anuttarayoga-Tantra beseitigen wir diese Verwirrung bezüglich der Realität und transformieren so vollständig unsere Aggregate. Anstatt dass jeder Erfahrungsmoment aus fünf mit Verwirrung verbundene Faktoren besteht, wird jeder Moment schließlich zu einem Gebilde aus fünf Arten tiefen Gewahrseins, die von der Verwirrung abgetrennt sind und die die zugrunde liegende Natur der fünf Aggregate darstellen. Diese sind: Das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein, das tiefe Gewahrsein der Gleichheit der Dinge, das tiefe Gewahrsein der Individualität, das tiefe Gewahrsein dessen, wie man ein Ziel erreicht, und das tiefe Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre. Jedes der fünf wird durch eine Buddhaform repräsentiert, Vairochana usw. Das werden wir weitergehend in Kapitel elf besprechen.

Damit diese Transformation stattfinden kann werden bei einer Anuttarayoga-Tantra-Ermächtigung hierfür Samen gepflanzt. Während der Praxis der Erzeugungsstufe kultivieren wir diese Samen, indem wir uns unsere Aggregate bereits in ihrer gereinigten Form vorstellen durch ihre Visualisation als die entsprechenden Buddhaformen. Während der Praxis der vollständigen Stufe bringen wir diese Samen zur Reife, indem wir mit unseren Aggregaten bestimmte yogische Techniken anwenden, um den Geist des klaren Lichts zu manifestieren, mit dem wir dann die fünf Arten tiefen Gewahrseins verwirklichen. Die achte Hauptübertretung besteht entweder darin, unsere Aggregate zu verachten, indem wir denken, dass sie ungeeignet sind, in dieser Weise transformiert zu werden, oder darin, sie vorsätzlich aus Abscheu oder Verachtung heraus zu schädigen. Tantra zu praktizieren erfordert nicht, dass wir die Sichtweise des Sutras verneinen oder zurückweisen müssen, nach der es einen fehlerhaften Gedanken darstellt, den Körper als rein und von seiner Natur her als Glück zu betrachten. Es ist ziemlich offensichtlich, dass unser Körper ganz natürlich dreckig wird und uns Leiden bringt, zum Beispiel Krankheit und körperlichen Schmerz. Dennoch entdecken wir im Tantra, dass der menschliche Körper auch noch eine tiefere Natur besitzt, die ihn befähigt, auf vielen verschiedenen Ebenen auf dem spirituellen Pfad genutzt werden zu können, um anderen umfassender zu helfen. Wenn wir uns dieser tieferen Ebene nicht bewusst sind oder nicht zugeben, dass es sie gibt, dann hassen wir unseren Körper, denken, dass unser Geist nichts wert ist und halten unsere Gefühle für etwas Böses. Wenn wir eine derartige Einstellung niedrigen Selbstwertgefühls haben oder zusätzlich unseren Körper oder Geist missbrauchen mittels masochistischem Verhalten, einem unnötig gefährlichen oder bestrafenden Lebensstil oder indem wir sie mit Drogen verseuchen, die körperlich oder psychisch abhängig machen, dann haben wir diese tantrische Hauptübertretung begangen.

(9) Die Leerheit abzulehnen. Leerheit bezieht sich hier entweder auf die allgemeine Lehre der Prajnaparamita-Sutras, dass alle Phänomene und nicht etwa nur Personen leer davon sind, in fantasierter und unmöglicher Weise zu existieren, oder auf die speziellen Mahayana-Lehren der Chittamatra- oder einer der Madhyamaka-Schulen bezüglich dem Leersein der Phänomene hinsichtlich einer bestimmten fantasierten Existenzart. Solche Lehren abzulehnen bedeutet, sie zu bezweifeln, ihnen nicht zu glauben und sie zu verschmähen. Ganz egal auf welches Mahayana-Philosophiesystem wir uns während unserer tantrischen Praxis stützen, müssen wir doch auf jeden Fall volles Vertrauen in die Leerheitslehren besitzen. Wenn wir die Leerheit im Verlauf unserer Praxis ablehnen oder eine Prozedur außerhalb dieses Kontextes durchführen, könnten wir ansonsten zum Beispiel glauben, dass unsere Visualisationen konkret und echt sind. Derartige Fehlvorstellungen führen lediglich die Leiden Samsaras fort und mögen auch zu geistiger Unausgeglichenheit führen. Es mag entlang des Weges nötig sein, unser Philosophiesystem von Chittamatra zu Madhyamaka zu steigern oder innerhalb der Madhyamaka-Schule von Svatantrika zu Prasangika und in diesem Verlauf die Leerheitslehren unseres alten Philosophiesystems zu widerlegen. Darlegungen zu verwerfen, die weniger ausgefeilt sind, bedeutet allerdings nicht, dass wir dann ohne eine korrekte Sichtweise der Leerheit aller Phänomene dastehen, die für unsere Verständnisebene angebracht ist.

(10) Sich gegenüber übelwollenden Menschen liebevoll zu verhalten. Übelwollende Menschen verachten entweder unseren persönlichen Lehrer, spirituelle Meister im allgemeinen oder die Buddhas, das Dharma oder die Sangha oder verursachen einem von diesen Schaden oder eine Verletzung. Obwohl es unangemessen ist, den Wunsch aufzugeben, dass eine derartige Person glücklich sein  und die Ursachen des Glücks besitzen möge, begehen wir eine Hauptübertretung, wenn wir uns ihnen gegenüber liebevoll verhalten oder liebevoll mit ihnen sprechen. Derartige Handlungen umfassen freundlich mit ihnen zu sein, sie zu unterstützen, indem wir Waren kaufen, die sie herstellen, Bücher, die sie schreiben, usw. Wenn wir rein von Liebe und Mitgefühl motiviert sind und die Mittel besitzen, ihr destruktives Verhalten zu beenden und sie in einen positiveren Zustand zu führen, würden wir das natürlich tun, auch wenn dies bedeuten mag, dass wir zu  kraftvollen Methoden greifen müssen. Wenn uns diese Eigenschaften allerdings fehlen, begehen wir keine Verfehlung, indem wir solche Personen einfach boykottieren.

(11) Nicht kontinuierlich über Leerheit zu meditieren. Wie schon bei der neunten Hauptübertretung kann Leerheit entweder entsprechend dem Chittamatra- oder dem Madhyamakasystem aufgefasst werden. Wenn wir einmal ein Verständnis einer solchen Sichtweise erlangt haben, besteht die Hauptübertretung darin, mehr als einen Tag und eine Nacht verstreichen zu lassen, ohne über sie zu meditieren. Es ist der übliche Brauch, zumindest dreimal im Verlauf des Tages und dreimal während der Nacht über Leerheit zu meditieren. Mit derartiger Praxis müssen wir fortfahren, bis wir uns von allen Hindernissen befreit haben, welche die Allwissenheit verhindern – ein Punkt, von dem an wir für alle Zeiten die Leerheit direkt vergegenwärtigt halten werden. Wenn wir eine Grenze aufstellen und denken, dass wir genug über Leerheit meditiert haben, bevor wir noch das Ziel erreicht haben, werden wir es niemals erlangen.

(12) Die, die Vertrauen haben, abzuschrecken. Dies bezieht sich darauf, absichtlich andere Leute von einer bestimmten tantrischen Praxis abzubringen, zu welcher sie Vertrauen haben und für die sie ein geeignetes Gefäß, mit korrekter Ermächtigung usw., darstellen. Wenn wir die Ursache dafür setzen, dass ihr Wunsch, in diese Praxis einzusteigen, aufhört, dann ist diese Hauptübertretung komplett. Wenn sie aber jetzt noch nicht bereit sind für eine derartige Praxis, dann liegt kein Fehler darin, in realistischer Weise zu skizzieren, was sie zuvor noch meistern müssen, auch wenn das entmutigend erscheinen mag. Andere in dieser Weise heranzuführen, sie und ihr Interesse ernst zu nehmen, anstatt sie als unfähig herabzusetzen, lässt ihr Selbstbewußtsein anschwellen, sodass sie Fortschritte machen.

(13) Sich nicht korrekt auf die Substanzen zu stützen, die uns stark mit der tantrischen Praxis verbinden. Die Praxis des Anuttarayoga-Tantras beinhaltet, an regelmäßigen Darbringungszeremonien teilzunehmen, sogenannten Tsog-Pujas. Innerhalb dieser Zeremonien kostet man Alkohol und Fleisch, die auf bestimmte Weise gesegnet wurden. Diese Substanzen symbolisieren die Aggregate, die Elemente des Körpers und im Kalachakra auch die Energiewinde – Faktoren also, die normalerweise verstörend sind, die aber ihrer Natur nach fähig sind, tiefes Gewahrsein zu verleihen, wenn sie von Verwirrung getrennt sind und auf dem Pfad genutzt werden. Die Hauptübertretung besteht darin, diese Substanzen als widerlich anzusehen, sie aus dem Grund abzulehnen, dass man ein Nichttrinker oder ein Vegetarier ist, oder aber im Gegenteil sie in großen Mengen mit Begeisterung und Anhaftung zu sich zu nehmen.

(14) Sich über Frauen lustig zu machen. Das Ziel des Anuttarayoga-Tantra besteht darin, Zugang zum klaren Licht zu finden und es für das Erkennen der Leerheit nutzbar zu machen, um so schnell wie möglich die Verwirrung und daraus entstandene Instinkte und damit die Hauptfaktoren zu beseitigen, die uns von der Befreiung und der vollen Fähigkeit, anderen zu nutzen, abhalten. Ein glückseliger Gewahrseinszustand ist für das Erreichen des Geistes des klaren Lichts äußerst förderlich, da er uns in immer tiefere, intensivere und verfeinertere Ebenen des Bewusstseins und der Energie hineinzieht. Darüber hinaus wird ein glückseliges Gewahrsein, wenn es die Ebene des klaren Lichts erreicht und sich mit vollem Verstehen auf die Leerheit ausrichtet, zum machtvollsten Werkzeug für die Bereinigung der Verwirrungsinstinkte.

Während des Prozesses zur Erlangung der vertieften Konzentration erfahren wir immer öfter glückseliges Gewahrsein als Ergebnis davon, dass wir unseren Geist von Dumpfheit und Erregtheit befreit haben. Das gleiche passiert, während wir ein immer tieferes Verstehen und Erkennen der Leerheit erlangen, und dies ist ein Ergebnis davon, dass wir unseren Geist von verstörenden Emotionen und Einstellungen gereinigt haben. Indem wir diese beiden kombinieren erleben wir immer intensivere und verfeinertere Ebenen der Glückseligkeit im Zusammenhang damit, dass wir immer stärkere Konzentration auf immer tiefere Verständnisse der Leerheit erlangen. Im Anuttarayoga-Tantra steigern Männer ihre Glückseligkeit des konzentrierten Gewahrseins der Leerheit sogar noch darüber hinaus, indem sie sich auf Frauen stützen. Diese Praxis beinhaltet, sich entweder auf eine tatsächliche Frau zu stützen, die zur Vermeidung von Verwirrung als weibliche Buddhaform visualisiert wird, oder, im Falle von verfeinerteren Fähigkeiten, allein auf lediglich visualisierte. Frauen steigern ihre Glückseligkeit aufgrund von Männern auf ähnliche Weise, indem sie sich auf die Tatsache ihres Frauseins stützen. Daher ist es eine tantrische Hauptübertretung, eine bestimmte Frau, Frauen ganz allgemein oder eine weibliche Buddhaform herabzusetzen, sich über sie lustig  oder sie lächerlich zu machen oder sie als minderwertig zu betrachten. Wenn wir unsere niedrige Meinung oder Verachtung mit der Absicht, alles Weibliche lächerlich zu machen, direkt gegenüber einer Frau äußern und sie versteht, was wir gesagt haben, dann haben wir diese Hauptübertretung vollendet. Obwohl es unangemessen ist, sich über Männer lustig zu machen, stellt dies keine tantrische Hauptübertretung dar.

Tantrische Hauptübertretungen des Kalachakra

Die tantrischen Gelübde, die bei einer Kalachakra-Ermächtigung übertragen werden, beinhalten die folgenden spezifischeren Formulierungen der vierzehn Hauptübertretungen.

(1) Den Geist unseres Vajrameisters zu stören. Hier besteht die Übertretung anstatt im Verhöhnen und lächerlich Machen unseres tantrischen Meisters darin, einen spezifischen Rüge zu verursachen. Aus verstörten Emotionen und Einstellungen heraus, nicht etwa zu einem altruistischen Zweck, handeln oder sprechen wir in destruktiver Weise und denken überhaupt nicht daran, davon abzulassen. Wenn unser Lehrer davon erfährt und um uns zu zähmen Missfallen ausdrückt, dann ist diese Hauptübertretung vollständig.

(2) Die Anordnungen unseres Lehrers zu übertreten. Dies ist bestimmter als das Trivialisieren und Übertreten eines Gelübdes, das von einem Erleuchteten gelehrt wurde. Hier besteht die Übertretung darin, dass wir auf versteckte Weise eine der zehn destruktiven Handlungen begehen oder eines unserer Gelübde brechen und zwar nachdem unser Vajrameister ausdrücklich gesagt hat, dies nicht zu tun. Die Motivation muss in einer verstörten Emotion oder Einstellung bestehen, nicht in irgendeinem altruistischen Ziel. Wie schon mit der vorhergehenden Hauptübertretung müssen wir unseren tantrischen Meister als heiliges Wesen erkennen, ganz genau wissen, dass ein solches Verhalten ihm oder ihr missfällt, und uns nichts dabei denken, sie zu begehen. Hier ist es nicht nötig, dass unser Lehrer von unserem Fehlverhalten erfährt oder sein Missfallen zeigt.

(3) Aus Ärger heraus an Vajrabrüder und -Schwestern Fehler zu suchen. Dies ist das gleiche wie in der Liste der allgemeinen tantrischen Hauptübertretungen.

(4) Die Liebe für die fühlenden Wesen aufzugeben. Dies ist ebenfalls das gleiche wie bei der entsprechenden allgemeinen  Hauptübertretung. Der Kommentar fügt den Zusatz hinzu, dass die Übertretung nur begangen wird, wenn die Liebe für ein bestimmtes Wesen, wenn sie einmal verloren wurde, länger als einen Tag und eine Nacht nicht zurückkehrt. Sich aufzuregen und die Liebe für jemanden zu verlieren für lediglich eine kürzere Zeitspanne ist keine Hauptübertretung.

(5) Bodhichitta aufzugeben. In Entsprechung zur allgemeinen tantrischen Hauptübertretung, den Wunsch zu verwerfen, die Erleuchtung zum Wohle aller zu erreichen, verwerfen wir hier die subtilen kreativen Tropfen, die es uns durch die Praxis der vollständigen Stufe des Kalachakra erlauben, diese Erleuchtung durch ein unwandelbares, glückseliges Gewahrsein zu verwirklichen. Ein solches Gewahrsein erreicht man nur dadurch, dass man den Geist des klaren Lichts manifestiert und ihn als ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit erzeugt. Nachdem man dieses machtvolle Werkzeug erlangt hat, wird im zentralen Energiekanal eine immer stabilere Basis dafür aufgebaut, indem man dort mittels yogischer Techniken 21.600 subtile Tropfen aufstapelt – entsprechend der Anzahl an Kalachakra-Stunden im Jahr und Atemzüge pro Tag. Einmal aufgestapelt verbleiben diese unsichtbaren Tropfen bis zur Erleuchtung unerschütterlich an ihrem Platz, weshalb man das höchste, glückselige Gewahrsein, das auf ihnen gründet, als "unwandelbar" bezeichnet. Ein derartiges Gewahrsein ermächtigt das Verständnis der Leerheit mittels des Geistes des klaren Lichts, stufenweise alle Verwirrungsinstinkte und karmischen Winde in der effektivsten Weise, die überhaupt möglich ist, zu vertreiben. Diese Tropfen verschwinden erst, wenn wir ein Buddha werden, da wir auf dieser Stufe nicht länger jene Art von physischem Körper haben, der subtile Tropfen oder einen Zentralkanal hat.

Egal ob Mann oder Frau, verlieren wir immer dann, wenn wir den Energieabfluss erleben, der den sexuellen Orgasmus begleitet – und zwar unabhängig davon, ob grobstoffliche Flüssigkeiten ausgeschüttet werden – subtile kreative Tropfen, die "Bodhichitta" oder "Tropfen der Jasminblume" genannt werden. Diese Tropfen stellen die Grundlage für das Erlangen eines unwandelbaren glückseligen Gewahrseins dar. Da ein derartiger Abfluss das effektivste Mittel für das Erreichen der Erleuchtung einfach wegwirft, wird dies als "Aufgeben des Bodhichitta" bezeichnet. Damit diese Hauptübertretung vollständig auftritt müssen wir allerdings die Natur des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins verstehen und dennoch diese subtilen Tropfen in irgendeiner Weise abfließen lassen, obwohl es keine besondere Notwendigkeit dafür gibt, und zwar mit dem Gedanken, Erleuchtung durch die Seligkeit des gewöhnlichen Abflusses während des Orgasmus zu erreichen. Die vier vervollständigenden Faktoren brauchen diese Handlung nicht zu begleiten.

Der Abfluss von orgastischer Energie oder Flüssigkeiten während gewöhnlicher sexueller Handlungen stellt solange keine tantrische Hauptübertretung dar, wie wir ihn nicht als etwas spirituelles ansehen, insbesondere als ein Mittel, um Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen. Dennoch schwächt jedes Erleben eines orgastischen Abflusses unabhängig davon, wie wir ihn betrachten, die Gestalt, die wir mit den Hauptgelübden des Kalachakra unserem Leben zu geben versuchen. Es steht dem Ziel entgegen, zu versuchen, mittels der Kalachakra-Technik des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins so schnell wie möglich die Erleuchtung zu erreichen.

Es ist wichtig, in dieser Angelegenheit realistisch und nicht melodramatisch zu sein. Dieses Gelübde zu nehmen bedeutet nicht, kinderlos zu bleiben oder kein weiteres Baby haben zu können. Es verurteilt uns auch nicht dazu, aufzuhören, die ganz normale Sexualität zu genießen, und uns ihretwegen schuldig zu fühlen. Es bedeutet allerdings, die Seligkeit des orgastischen Abflusses im Licht des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins zu sehen und uns zum Überdenken unserer Werte zu verpflichten. Kurz, wenn wir keine Kontrolle über unsere orgastischen Energien haben, dann betonen wir mit diesem Gelübde, die Seligkeit des orgastischen Abflusses im Rahmen gewöhnlicher sexueller Handlungen nie als spirituelle Erfahrung, als einen Weg zur Lösung unserer Probleme oder als einen Pfad zur Erleuchtung zu betrachten.

(6) Zu vertreten, dass die Sicht der Wirklichkeit im Sutra der im Tantra unterlegen ist. Dies ist spezieller als das Sich-Lustig-Machen über unsere eigenen Philosophiesysteme oder die anderer, indem man die Meinung äußert, dass eine Lehre des Sutra- oder Tantra-Fahrzeugs nicht von den Worten des Buddha herstammt. Hier ist es eine Übertretung, speziell die Erklärungen der Leerheit, wie sie in den Prajnaparamita-Sutras zu finden ist, als unterlegen gegenüber denen herabzusetzen, die in den Tantras zu finden sind, obwohl man weiterhin beide als authentische Lehren des Buddha akzeptiert. Die Motivation muss Ärger sein, zum Beispiel wegen sektiererischen Ansichten, und nicht einfach nur Unwissenheit.

(7) Unreifen vertrauliche Lehren zu enthüllen. Dies ist ähnlich wie bei den allgemeinen Hauptübertretungen mit der Ausnahme, dass es sich speziell auf Lehren über das höchst glückselige Gewahrsein bezieht, den intensivsten von vier Graden der Freude, die im Zentralkanal erlebt werden.

(8) Unsere Aggregate zu missbrauchen. Während sich die allgemeine Hauptübertretung darauf bezieht, dass wir  unsere Aggregate entweder einfach verschmähen oder darüber hinaus missbrauchen, bezieht sie sich hier insbesondere auf letzteres. Wir nehmen unsere Aggregate als in der Natur von Buddhaformen und tiefem Gewahrsein wahr und erkennen, dass wenn wir sie verletzen wir unser glückseliges Gewahrsein zerstören und unsere Fähigkeit beeinträchtigen, mehr zu erzeugen. Dennoch wollen wir ihnen immer noch Schaden oder Schmerz zufügen und zwar nicht, um jemand anderem damit zu helfen. Diese Übertretung ist vollständig, wenn wir tatsächlich einen Akt der Selbstbestrafung begehen und als Ergebnis eine Verminderung derjenigen Ebene körperlichen und geistigen glückseligen Gewahrseins erleben, die wir erreicht haben.

(9) Kein Vertrauen in die Reinheit der Phänomene zu haben. Die dem entsprechende allgemeine tantrische Hauptübertretung besteht im Zurückweisen der Leerheit, wie sie in der  Chittamatra- oder einer der Madhyamaka-Lehrrichtungen gelehrt wird. Hier bedeutet die Übertretung nicht nur, die Leerheit zurückzuweisen, sondern an ihrer Stelle eine selbstgemachte Sicht der Wirklichkeit anzunehmen, die wir selbst ersonnen haben oder jemand anderes. Das umfasst nicht, dies zum Wohle anderer zu tun, wie wenn wir zum Beispiel die Leerheitslehren simplifizieren, um Anfängern eine erste Idee zu geben.

(10) Trügerische Liebe zu besitzen. Während die allgemeine tantrische Hauptübertretung davon spricht, sich liebevoll gegenüber übelwollenden Leuten zu verhalten, besteht die Übertretung des Kalachakra darin, liebevolle Worte an andere zu richten, während wir böswillige Gedanken ihnen gegenüber in unserem Herzen verbergen. Noch ausgedehnter begehen wir diese Übertretung, wenn wir heuchlerisch sind beim Einhalten einer engen Bindung zu den tantrischen Praktiken, zum Beispiel indem wir täglich einen Sadhana-Text rezitieren oder an Pujas teilnehmen, ohne Vertrauen zu haben, vorgeben, fromm zu sein, und gleichzeitig im Verborgenen in einer destruktiven Weise handeln, die unseren Versprechen entgegensteht.

(11) Über das glückselige Gewahrsein, das jenseits von Worten ist, begrifflich zu denken. Die entsprechende allgemeine tantrische Hauptübertretung besteht darin, dass man nicht kontinuierlich über die Leerheit meditiert. Hier ist es spezieller: Wir nehmen das unwandelbare glückselige Gewahrsein nicht an, wenn wir es im Rahmen der Praxis der vollständigen Stufe erleben. Wenn dieses Gewahrsein auftritt, ist es eine Übertretung, unentschieden hin- und herzuschwanken und es nicht auf kontinuierliche Meditation über Leerheit auszurichten.

(12) An reinen Wesen Fehler zu finden. Die entsprechende allgemeine Übertretung ist das Zerstören des Vertrauens anderer Leute in eine bestimmte tantrische Praxis, sodass sie sich von dem Wunsch abwenden, sich mit ihr zu beschäftigen. Hier besteht die Übertretung darin, entmutigende Worte insbesondere an Meditierende, die eine tantrische Praxis beherrschen, zu richten, ihnen aus Eifersucht ins Gesicht Fehler vorzuwerfen und sich über sie lustig zu machen. Diese Übertretung liegt vollständig vor, wenn sie diese Worte verstanden haben und als Ergebnis davon deprimiert werden.

(13) Die Substanzen zurückzuweisen, die uns stark mit der tantrischen Praxis verbinden, und (14) sich über Frauen lustig zu machen. Diese beiden sie die gleichen wie in der Liste der allgemeinen tantrischen Hauptübertretungen. Die Betonung liegt bei letzterem allerdings auf der Verachtung von Frauen im allgemeinen.

Ausgewählte Punkte aus den tantrischen Nebengelübden

Die allgemeinen tantrischen Hauptgelübde und diejenigen, die dem Kalachakra eigen sind, bringen beide ein Versprechen mit sich, von acht schwerwiegenden Handlungen abzustehen, welche die Meditationspraxis schwächen und den Fortschritt auf dem Pfad des Anuttarayoga-Tantra behindern. Wie schon bei den sechsundvierzig Nebengelübden des Bodhisattvas resultiert das Begehen einer dieser acht schwerwiegenden Handlungen nicht im Verlust der tantrischen Gelübde, selbst wenn alle vier vervollständigenden Faktoren anwesend waren. Obwohl wir diese tantrischen Nebengelübde später im Detail studieren können, lassen Sie uns jetzt einige ihrer Punkte betrachten, die oft Leute vor den Kopf stoßen, die das Nehmen der Kalachakra-Initiation überlegen.

Eines der tantrischen Nebengelübde besteht darin, sich nicht auf einen unqualifizierten Sexualpartner zu stützen. Ein Mann kann sein glückseliges unterscheidendes Gewahrsein steigern, indem er sich auf die Glückseligkeit und den Genuss aus der Vereinigung mit einer Frau stützt, ohne orgastischen Abfluss. Eine Frau kann das gleiche erreichen in Vereinigung mit einem Mann, ebenfalls ohne orgastischen Abfluss, indem sie sich auf die Tatsache ihres eigenen Frauseins stützt. Selbst wenn wir uns nicht auf einer Ebene befinden, auf der wir irgendeine Stufe glückseligen Gewahrseins der Leerheit erreicht haben, und auch wenn uns die durch Meisterschaft über unsere Energiewinde mittels yogischer Techniken erlangte Fähigkeit fehlt, den Orgasmus während der Vereinigung zu vermeiden, würden wir als Person mit tantrischen Gelübden diese Ebene ganz natürlich bewundern und von Herzen wünschen, sie zu erreichen. Es ist notwendig, dass wir unser Sexualleben in dieser Perspektive sehen.

Damit sich dieser Entschluss nicht abschwächt ist es wichtig, dass unser Sexualpartner unsere Einstellung zur Sexualität teilt. Ein unqualifizierter Partner ist jemand, der Sexualität nicht aus der tantrischen Perspektive betrachtet. Genauer ausgedrückt muss unser Partner eine Ermächtigung erhalten haben, tantrische Gelübde aufrechterhalten und eine enge Bindung zu den Praktiken einhalten. Am wichtigsten ist, dass er oder sie das fünfte Hauptgelübde des Kalachakra reinhalten muss und den gewöhnlichen Sex und die Seligkeit des orgastischen Abflusses nicht als etwas spirituelles ansehen darf oder als einen Pfad zur Befreiung oder Erleuchtung. Darüber hinaus darf ein potentieller Partner nicht zur sexuellen Vereinigung gezwungen worden sein, weder durch Gewalt noch durch subtilen, psychologischen Druck. Ein Beispiel für letzteres ist es, wenn wir der Person damit schmeicheln, dass sie spirituell fortgeschritten sei, zu sagen, dass er oder sie uns, einem großen tantrischen Bodhisattva, dabei hilft, auf dem Pfad fortzuschreiten und anderen mehr zu helfen.

Wenn wir selbst die Sexualität aus der tantrischen Perspektive sehen und unser Sexualpartner einfach nur Liebe und Geborgenheit teilen möchte, dann brauchen wir nicht das Gefühl zu haben, dass sich unsere beiden Einstellungen gegenseitig ausschließen. Das Steigern des glückseligen Gewahrseins der Leerheit mittels der Vereinigung mit einem Partner baut auf der Grundlage auf, Liebe und Unterstützung miteinander zu teilen. Wenn unser Partner allerdings ausschließlich von Gier und Anhaftung an fleischliche Genüsse besessen ist oder das Erreichen eines gesunden Orgasmus als Heilmittel allen psychologischen Durcheinanders ansieht, ist es sehr einfach, die Beute solcher Emotionen oder Ideen zu werden und unsere Perspektive zu verlieren.

Wenn wir bereits einen Sexualpartner haben und dann mit Tantra anfangen, während sie oder er nicht in gleicher Weise  eingestiegen ist, würden wir natürlich diesen Partner nicht aufgeben oder außereheliche Beziehungen zu jemandem aufnehmen, der tantrische Gelübde hält. Wir müssen unseren Partner auch nicht zum Buddhismus konvertieren oder sie oder ihn drängen, eine Initiation zu nehmen. Auf der anderen Seite ist es unfair, diese Person für unsere spirituelle Praxis auszubeuten oder bezüglich unserer Gefühle unehrlich zu sein und widerwillig Sex zu haben als Pflichterfüllung. Die Situation erfordern Freundlichkeit, Geduld, Verständnis und vor allem eine vollkommene Abwesenheit von Unaufrichtigkeit bezüglich unserer Ebene der Verwirklichung und Praxis. Wenn unser Partner dafür offen ist, können wir ihn behutsam dazu ermutigen, durch effektive Methoden, nicht gewöhnlichen Sex, Fehler zu überwinden und Potentiale zu verwirklichen. Auf solchen Wegen versuchen wir, unsere beiden Einstellungen zur Sexualität wenn schon nicht gleich, so doch zumindest verträglich zu machen.

Ein weiteres tantrisches Nebengelübde lautet, nicht in die Vereinigung zu gehen ohne die drei Erkenntnisse, welche darin bestehen, dass wir unseren Geist, unsere Sprache und unseren Körper von der Verwirrung unterscheiden und als von ihr abgetrennt betrachten. Ohne eine derartige Einstellung steigert die Glückseligkeit der Vereinigung lediglich unsere Begierde und Anhaftung statt unser glückseliges Gewahrsein der Leerheit. Erstens ist unser Geisteszustand während der Vereinigung ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit, ganz egal, auf welcher Ebene wir dieses aufrichten können. Wir hegen dabei keine gewöhnlichen Gedanken oder Sorgen, zum Beispiel darüber, welchen Rang unsere sexuelle Darbietung im Vergleich zu der anderer Leute einnimmt. Zweitens benennt unsere Sprache die Phänomene als das, was sie konventionell sind, und zwar nicht als das, was ein verwirrter Geist wahrnimmt, sondern ein Geist, der ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit ist. Wegen der Verwirrung und ihrer Begleiterin Anhaftung benennen wir Sexualorgane als begehrenswerte Objekte zur Erlangung der flüchtigen Seligkeit eines orgastischen Abflusses. Frei von Verwirrung benennen wir sie in einer reineren Weise als Objekte, die uns dazu verhelfen, ein glückseliges unterscheidendes Gewahrsein der Leerheit zu steigern. Und drittens erscheinen der Körper von uns selbst und der unseres Partners in Gestalt von Buddhaformen, die unser Geist entstehen lässt, während er gleichzeitig auf einer tieferen Ebene ein glückseliges Gewahrsein der Leerheit aufrechterhält. Da der Geist, der diese Erscheinung erzeugt, kein Geist sehnsüchtiger Begierde ist, ist diese Visualisierung in keiner Weise das gleiche, wie wenn wir uns und unseren Partner als zwei sexy Filmstars phantasieren.

Wiederum ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir eine tantrische Hauptübertretung begehen, selbst wenn wir diese reine Betrachtungsweise unseres Geistes, unserer Sprache und unseres Körpers während der sexuellen Vereinigung aufrechterhalten, wenn wir die Seligkeit des orgastischen Abflusses, die wir in diesem Kontext erleben, als etwas spirituelles ansehen oder als ein Mittel, um Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen. Dies tritt auf, ob wir diesen orgastischen Abfluss absichtlich verursachen oder ihn unabsichtlich erleben. Darüber hinaus ist es essentiell, dass, selbst wenn wir unseren eigenen Körper und den unseres Partners in reiner Gestalt als Buddhaform visualisieren, wir unsere konventionelle Existenz als Person nicht aus den Augen verlieren bzw. die unseres Partners. Wir müssen immer feinfühlig bleiben für unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die unseres Partners. Dies ist relevant, ob unser Partner unsere Einstellung und Visualisation teilt oder aber nicht mit tantrischer Praxis arbeitet.

Ein anderes tantrisches Nebengelübde, das viel Verwirrung stiftet, lautet, sich nicht länger als sieben Tage unter Shravakas aufzuhalten. In diesem Kontext ist ein Shravaka jemand, der Tantra trivialisiert oder sich darüber lustig macht. Mit solchen Leuten längere Zeit zusammenzubleiben entmutigt uns bezüglich unseres Pfades, insbesondere wenn sie in aktiver Weise gegenüber unserer Meditationspraxis feindlich eingestellt sind. Es liegt allerdings kein Fehler vor, wenn wir es uns nicht aussuchen können, mit wem wir zusammenleben. In solchen Situationen wie auch, wenn wir in einer Umgebung leben, die nicht unterstützend oder wohlgesinnt ist, ist es daher entscheidend, unsere tantrische Praxis und unsere tantrischen Überzeugungen vollkommen privat zu halten.