Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Teil III: Gelübde und eng bindende Praktiken

6 Zufluchtsverpflichtungen und Bodhisattva-Gelübde

Das Studium der Verpflichtungen und Gelübde

Die meisten Leute, die daran denken, die Kalachakra-Initiation als aktive Teilnehmer statt als Beobachter zu nehmen, interessieren sich sehr für die Gelübde. Sie möchten wissen, worin ihre Verpflichtungen bestehen, damit sie ihre Fähigkeit diese einzuhalten realistisch einschätzen können. Derartige Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit sind äußerst lobenswert. Dennoch studieren traditionell die angehenden Praktizierenden, bevor sie sie nehmen, nur die Laien- und Bodhisattva-Gelübde und lernen nicht die Details der klösterlichen oder tantrischen Gelübde, bis sie tatsächlich gelobt haben, sie zu halten. Die Idee ist hier, dass die Entsagung für den Eintritt in das klösterliche Leben so stark ist und das Bodhicitta so zur Ausübung einer tantrischen Praxis drängt, dass wahrhafte Sucher bereit sind, alles dafür zu tun. Heutzutage sind die Leute allerdings besonders kritisch und vorsichtig. Es gibt im Überfluss Fehlinformation und Verwirrung zum Thema Tantra. Aus diesem Grund haben die großen buddhistischen Meister die Veröffentlichung klarer Erklärungen aller Gelübdegruppen sanktioniert zum Zwecke des Studiums und der Untersuchung durch diejenigen, die ernsthaft daran interessiert sind, sie zu nehmen. 

Verhalten, das nach der formalen Zufluchtnahme zu übernehmen ist

Da die Zuflucht die Grundlage für alle buddhistischen Gelübde darstellt, besteht die erste Verpflichtung, die wir als Teilnehmer einer Kalachakra-Initiation auf uns nehmen, in der Zufluchtnahme. Zuflucht nehmen bedeutet, dem Leben in förmlicher Weise eine sichere und positive Richtung zu geben, wie sie vom Dreifachen Juwel verdeutlicht wird – den Buddhas, dem Dharma und der Sangha -, und zu versprechen, diese eingeschlagene Richtung unerschütterlich beizubehalten, bis sie uns zur Erleuchtung führt. Formal Zuflucht zu nehmen in einer Ermächtigung ist gleichwertig mit einer Zufluchtnahme in einer separaten Zeremonie mit einem Lehrer. Das Abschneiden einer Haarlocke und der Erhalt eines Dharmanamens sind keine essentiellen Bestandteile der Prozedur und werden weggelassen, wenn man Zuflucht in der Initiation nimmt, selbst wenn es das erste Mal ist.

Wenn wir in formaler Weise unser Leben ausrichten mit der sicheren und positiven Richtung der Zuflucht, dann verpflichten wir uns zu drei Gruppen von Handlungen, die für die Beibehaltung dieser Richtung hilfreich sind. Die erste Gruppe besteht aus acht Handlungen, die sich auf das Verhalten im allgemeinen beziehen. Diese acht sind: (1) In Entsprechung zum Annehmen der sicheren Ausrichtung von den Buddhas vertrauen wir uns aus ganzem Herzen einem spirituellen Lehrer an. Wenn wir keinen Zugang haben zu dem Meister, der die Ermächtigung überträgt, und bis jetzt keinen persönlichen Lehrer gefunden haben, der unsere Praxis anleitet, dann besteht die Verpflichtung darin, einen solchen zu finden.

Wenn wir formal in einer getrennten Zeremonie, die nicht Teil einer tantrischen Initiation ist, mit einem Lehrer Zuflucht nehmen, dann impliziert das nicht notwendiger Weise, dass wir uns verpflichten, diesem Lehrer als unserem persönlichen spirituellen Führer zu folgen. Natürlich ist es wichtig, immer Respekt und Dankbarkeit gegenüber dieser Person aufrechtzuerhalten, welche die Tür geöffnet hat zur sicheren Richtung in unserem Leben. Unsere Zuflucht bleibt aber das dreifache Juwel – während der Zeremonie repräsentiert durch eine Buddhastatue oder ein Gemälde – und nicht die jeweilige Person, die das Ritual leitet. Lediglich im Kontext einer tantrischen Initiation verkörpert der Lehrer die drei Juwelen der Zuflucht und nur hier erzeugt das Nehmen einer sicheren Richtung das formelle Band zwischen spirituellem Meister und Schüler. Darüber hinaus ist unsere sichere Richtung unabhängig vom Kontext die des dreifachen Juwels im allgemeinen und nicht die einer bestimmten Linie oder Tradition des Buddhismus. Wenn der Lehrer, der die Zufluchtszeremonie oder Initiation ausführt, von einer bestimmten Linie herkommt, dann macht uns das Erhalten der sicheren Ausrichtung oder Ermächtigung von ihm oder ihr nicht notwendig zu einem Anhänger der selben Linie.

Um die Dharma-Richtung im Leben aufrechtzuerhalten, (2) studieren wir die buddhistischen Lehren und (3) wenden sie an, um unsere störenden Emotionen und Einstellungen zu beseitigen. Akademische Studien sind nicht ausreichend. (4) Um die Richtung der Sangha-Gemeinschaft der hochverwirklichten Praktizierenden einzuschlagen, folgen wir ihrem Beispiel. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass man ins Kloster geht, sondern vielmehr, dass man ernsthafte Anstrengungen unternimmt, die vier wahren Tatsachen des Lebens – die "Vier edlen Wahrheiten" – in unmittelbarer und unbegrifflicher Weise zu erkennen. Diese sind: Das Leben ist schwierig; unsere Schwierigkeiten haben eine Ursache, nämlich Verwirrung bezüglich der Realität; wir können unsere Probleme beenden; um dies zu tun benötigen wir ein Verständnis von Leerheit im Sinne eines Pfad-Geistes.

(5) Wir machen das Arbeiten an uns selbst zur vorrangigen Aufgabe in unserem Leben. Das bedeutet, dass wir, anstatt uns andauernd zu beschweren und andere zu kritisieren, unsere Zeit und Energie der Beseitigung unserer Mängel und der Entfaltung unserer Talente und Potentiale widmen. (6) Wir übernehmen die ethischen Maßstäbe, welche die Buddhas aufgestellt haben. Diese Ethik basiert auf einer klaren Unterscheidung zwischen dem, was hilfreich ist, und dem, was schädlich ist für die positive Richtung im Leben. Der buddhistischen Ethik zu folgen bedeutet daher, von bestimmten Verhaltensweisen Abstand zu halten, weil sie destruktiv sind und unsere Fähigkeit beeinträchtigen, uns und anderen zu nutzen. Weiter nehmen wir andere Verhaltensweisen an, weil sie konstruktiv sind und uns helfen zu wachsen. (7) Wir versuchen, gegenüber anderen so offen und mitfühlend wie möglich zu sein. Selbst wenn unser spirituelles Ziel begrenzt ist auf das Erreichen der Befreiung von unseren eigenen Problemen, geht das nie auf Kosten von anderen. (8) Schließlich machen wir, um unsere Verbindung mit dem dreifachen Juwel aufrechtzuerhalten, besondere Darbringungen in Form von Früchten, Blumen, usw. an den buddhistischen Feiertagen, zum Beispiel am Jahrestag von Buddhas Erleuchtung. Religiöse Feiertage mit traditionellen Ritualen zu begehen hilft uns, uns als Teil einer größeren Gemeinschaft zu fühlen.

Aufzugebende Handlungen und Formen der Respektbezeugung

Die zweite Gruppe von Zufluchtsverpflichtungen besteht darin, in Verbindung mit jedem der drei wertvollen Juwelen bestimmte Handlungen aufzugeben und andere aufzunehmen. Die Handlungen, die aufzugeben sind, führen zu einer entgegengesetzten Richtung im Leben, während die anzunehmenden eine Achtsamkeit für das Ziel fördern. Die drei zu vermeidenden Handlungen sind: (1) Trotzdem man sichere Ausrichtung von den Buddhas genommen hat, nimmt man seine Hauptausrichtung von irgendwo anders her. Die wichtigste Sache im Leben ist nicht länger das Anhäufen von so vielen materiellen Dingen und unterhaltenden Erlebnissen wie möglich, sondern das Ansammeln von so viel guten Eigenschaften – zum Beispiel Liebe, Geduld, Konzentration und Weisheit -, wie wir nur können, um von größerem Nutzen für andere zu sein. Darin liegt kein Gelübde der Armut oder Abstinenz, sondern vielmehr eine Bestätigung, dass wir eine tiefere Ausrichtung im Leben besitzen.

Im engeren Sinne bedeutet diese Verpflichtung, keine letztendliche Zuflucht zu Göttern oder Geistern zu nehmen. Der Buddhismus und insbesondere seine tibetische Form beinhaltet oft rituelle Zeremonien, sogenannte Pujas, die an verschiedene Buddha-Formen oder wilde Schützer gerichtet werden, um Hindernisse zu vertreiben und konstruktive Ziele zu erreichen. Die Durchführung dieser Zeremonien stellt förderliche Umstände dafür zur Verfügung, dass negative Potentiale zu trivialen anstatt zu großen Hindernissen heranreifen und dass positive Potentiale früher statt später heranreifen. Wenn wir allerdings überwältigend negative Potentiale aufgebaut haben, dann sind diese Zeremonien für die Abwendung von Schwierigkeiten unwirksam. Götter, Geister, Schützer oder auch Buddhas günstig zu stimmen ist daher niemals ein Ersatz dafür, auf unser Karma aufzupassen: Destruktives Verhalten vermeiden und in konstruktiver Art handeln. Der Buddhismus stellt keinen spirituellen Pfad der Schützerverehrung dar, auch nicht der Buddhaverehrung. Die sichere Richtung des buddhistischen Pfades besteht in der Arbeit, selbst ein Buddha zu werden.

(2) Obwohl man sichere Ausrichtung vom Dharma genommen hat, Menschen oder Tieren Verletzungen oder Schaden zufügen. Eine der Hauptrichtlinien, die der Buddha gelehrt hat, besteht darin, anderen soviel wie möglich zu helfen und, wenn wir nicht helfen können, sie zumindest nicht zu verletzen. (3) Und obwohl wir sichere Richtung von der Sangha genommen haben, enge Verbindungen mit negativen Leuten einzugehen. Solche Kontakte zu vermeiden hilft uns, ein schnelles Abschwenken von unseren positiven Zielen zu vermeiden, solange wir in unserer Lebensausrichtung noch schwach sind. Das bedeutet nicht, dass wir in einer buddhistischen Gemeinschaft leben müssen, sondern sorgfältig zu sein bezüglich der Gesellschaft, in die wir uns begeben, und alle angemessenen und nötigen Maßnahmen zu treffen, um abträgliche Einflüsse zu vermeiden.

Zum Zeichen der Ehrerbietung übernehmen wir die folgenden drei Handlungen: (4) Wir zeigen Hochachtung für alle Statuen, Gemälde und anderen künstlerischen Darstellungen von Buddhas, (5) für alle Bücher, insbesondere Dharma betreffende Bücher, (6) und für alle Personen mit buddhistischen Kloster-Gelübden und auch für ihre Roben. Traditionell wird es als Zeichen der Respektlosigkeit angesehen, wenn man auf solche Objekte tritt oder über sie hinweg steigt, auf ihnen sitzt oder steht und wenn man sie unmittelbar auf den Boden legt ohne zumindest ein Stück Stoff unter sie zu legen. Diese Objekte sind nicht die eigentliche Quelle der sicheren Richtung. Dennoch repräsentieren sie die erleuchteten Wesen, ihre höchsten Erreichungen sowie die hochrealisierten Praktizierenden, die auf das Ziel hin bereits weit fortgeschritten sind, und sie helfen uns, diese drei im Geist zu behalten.

Allgemeine Zufluchtsverpflichtungen

Die dritte Verpflichtungsgruppe der Zuflucht besteht darin, sechs Übungen aufzunehmen, die sich auf das dreifache Juwel als ganzes beziehen. Diese sechs sind: (1) Erneuern unsere sicheren Ausrichtung, indem wir uns selbst kontinuierlich an die Eigenschaften der drei Zufluchtsjuwelen erinnern sowie an den Unterschied zwischen ihnen und anderen möglichen Lebensausrichtungen. (2) Aus Dankbarkeit für ihre Freundlichkeit und ihre spirituelle Unterstützung bringen wir jeden Tag den ersten Teil unserer heißen Getränke und Speisen dem dreifachen Juwel dar. Dies wird gewöhnlich in der eigenen Vorstellung gemacht, obwohl wir auch einen kleinen Teil unseres ersten heißen Getränks am Tag vor eine Buddhastatue oder ein -Gemälde stellen können, um ihn dann später selbst zu trinken. Wenn wir Speisen oder Getränke darbringen ist es nicht nötig, dass wir einen Vers rezitieren in einer fremden Sprache, die wir nicht kennen, es sei denn, dass wir sein Geheimnis inspirierend finden. Es ist ausreichend, einfach zu denken "Buddhas, bitte genießt dies.". Wenn die Leute, mit denen wir zusammen essen, keine Buddhisten sind, dann ist es am besten, diese Darbringung in einer diskreten Art und Weise durchzuführen, sodass niemand weiß, was wir tun. Aus unserer Praxis eine Show zu machen führt nur zu Unbehagen bei den anderen und zu ihrem Spott.

(3) Des Mitgefühls der drei Juwelen bewusst, ermutigen wir in indirekter Art und Weise andere dazu, ebenfalls in ihre Richtung zu gehen. Die Absicht hinter dieser Verpflichtung besteht nicht darin, dass wir zu Missionaren werden und versuchen, andere zu konvertieren. Dennoch gibt es Menschen, die bereit sind, etwas von uns anzunehmen, und die sich in ihrem Leben verloren haben, entweder ohne eine Richtung sind oder eine negative eingeschlagen haben. Diese Menschen finden es oft hilfreich, wenn man ihnen erklärt, welchen Stellenwert es für uns hat, eine sichere und positive Richtung zu haben, und welchen Vorteil wir selbst daraus erhalten haben. Ob andere Buddhisten werden oder nicht ist nicht der Punkt. Vielmehr kann unser eigenes Beispiel andere dazu ermutigen, etwas konstruktives mit ihrem Leben zu machen, indem sie an sich selbst arbeiten, um sich zu verbessern und zu wachsen.

(4) Wir erinnern uns der Vorteile, eine sichere Richtung zu haben, indem wir sie drei Mal während des Tages und drei Mal während der Nacht formell erneuern – gewöhnlich am Morgen kurz nach dem Aufwachen und am Abend vor dem Zubettgehen. Diese Bekräftigung wird normaler Weise durchgeführt, indem man wiederholt: "Ich nehme sichere Ausrichtung von den Lehrern, den Buddhas, dem Dharma und der Sangha." Die spirituellen Lehrer erzeugen kein viertes kostbares Juwel, sondern stellen den Zugang zu den drei dar. Im Kontext des Tantra verkörpert der spirituelle Meister sie alle drei.

(5) Wir verlassen uns auf unsere sichere Richtung, was auch immer geschieht. In Krisenzeiten ist die sichere Richtung die beste Zuflucht, weil sie mit Notlagen direkt umgeht, indem sie versucht, ihre Ursachen zu beseitigen. Freunde mögen uns ihre Zuneigung geben, aber unvermeidlich werden sie uns fallen lassen, es sei denn, dass sie erleuchtete Wesen sind. Sie haben selbst Probleme und sind in dem, was sie tun können, begrenzt. Immer an der Überwindung von Fehlern und Schwierigkeiten in einer vernünftigen und realistischen Weise zu arbeiten versagt hingegen nie in Stunden, in denen wir der Unterstützung bedürfen. (6) Dies führt zur letzten Verpflichtung, nämlich diese Richtung ein Leben lang nicht aufzugeben, ganz egal, was passiert.

Zufluchtnahme und das Befolgen anderer Religionen oder spiritueller Pfade

Einige Leute fragen sich, ob das Nehmen von Zufluchtsgelübden gleichbedeutend ist mit einer Konversion zum Buddhismus und also dem Verlassen ihrer eigenen  angestammten Religion für immer und ewig. Dies ist nicht der Fall, es sei den, dass wir dies wünschen. Im Tibetischen gibt es keinen Begriff, der das wörtliche Äquivalent für "Buddhist" wäre. Das Wort, das für einen Praktizierenden benutzt wird, bedeutet "jemand, der innerhalb lebt", nämlich innerhalb der Grenzen, die aufgestellt sind durch das Einschlagen einer sicheren und positiven Lebensrichtung. Ein derartiges Leben zu führen erfordert nicht, dass man ein rotes Schutzband um den Hals trägt, und auch nicht, dass man nie mehr einen Schritt in eine Kirche, eine Synagoge, einen Hindutempel oder einen konfuzianischen Schrein macht. Vielmehr bedeutet es, an uns selbst zu arbeiten, um unsere Fehler zu überwinden und unsere Potentiale zu verwirklichen – mit anderen Worten das Dharma wirklich umzusetzen -, genau so wie es die Buddhas getan haben und wie es die hochverwirklichten Praktizierenden, die Sangha, gerade tun. Wir unternehmen unsere hauptsächlichen Anstrengungen in dieser Richtung. Wie viele buddhistischen Meister einschließlich meines eigenen späten Lehrers Tsenshab Serkong Rinpoche gesagt haben, müssen wir, wenn wir die Lehren über Mildtätigkeit und Liebe anderer Religionen wie z.B. dem Christentum betrachten, zu der Schlussfolgerung kommen, dass ihnen zu folgen der Ausrichtung, die im Buddhismus gelehrt wird, nicht entgegensteht. Die humanitäre Botschaft aller Religionen ist gleich.

Unsere sichere und positive Ausrichtung der Zuflucht besteht hauptsächlich darin, von den zehn destruktivsten Handlungen abzustehen: Das Leben eines beliebigen lebenden Wesens zu nehmen; Nehmen, was nicht gegeben wurde; In unangebrachtem sexuellen Verhalten schwelgen; Lügen; Trennende Rede; Benutzung von verletzender und grober Sprache; Bedeutungsloses Geschwätz; Denken in begehrlicher, bösartiger oder verzerrter, antagonistischer Weise. Die buddhistische Lebensausrichtung anzunehmen beinhaltet lediglich, sich von denjenigen Lehren anderer religiöser, philosophischer oder politischer Systeme abzuwenden, die Handlung, Rede und Denken dazu ermutigen, eben diese zehn destruktiven Handlungen zu begehen oder etwas, das uns selbst und anderen Schaden bringt. Obwohl es kein Verbot gibt, zur Kirche zu gehen, bedeutet das Aufrechterhalten einer stetigen Ausrichtung darüber hinaus, dass wir nicht all unsere Energie auf diesen Aspekt unseres Lebens konzentrieren und dabei unsere buddhistischen Studien und die Praxis vernachlässigen.

Einige Leute fragen sich, ob die Zufluchtnahme als Teil einer tantrischen Zeremonie von ihnen verlangt, dass sie aufhören müssen, Zen zu praktizieren oder körperliche Übungssysteme wie zum Beispiel Hatha Yoga oder Kampfsport. Die Antwort lautet Nein, den sie stellen ebenfalls Methoden dar, mit denen wir unser positives Potential verwirklichen können, und sie beeinträchtigen unsere sichere Lebensausrichtung nicht. Alle großen Meister haben jedoch dazu geraten, Meditationspraktiken nicht zu vermischen und zu verfälschen. Wenn wir mittags Suppe und eine Tasse Kaffee nehmen wollen, dann schütten wir nicht den Kaffee in die Suppe und essen es vermischt. Sich jeden Tag mit mehreren verschiedenen Praktiken zu beschäftigen ist in Ordnung. Dennoch ist es am besten, sie in unterschiedlichen Sitzungen durchzuführen und dabei jede Praxis unter Beachtung ihrer individuellen Gebräuche zu vollziehen. Genauso wie es grotesk wäre, drei Niederwerfungen vor dem Altar zu machen, wenn wir eine Kirche betreten, ist es ebenfalls unangebracht, während einer Zen- oder Vipassana-Meditation Mantras zu rezitieren.

Handlungen um dem Verlust der Bodhicitta-Entschlossenheit vorzubeugen

Die erste Gruppe von Gelübden, die wir als Teilnehmer einer Kalachakra-Initiation und auch einer Ermächtigung irgendeiner Klasse des Tantras annehmen, sind die Bodhisattva-Gelübde. Ein Bodhisattva ist jemand mit Bodhicitta, einem Herz, das sich völlig anderen widmet und der Erlangung der Buddhaschaft mit dem Ziel, ihnen umfassend zu nutzen. Es gibt zwei Ebenen des Bodhicitta: anstrebendes und handelndes. Anstrebendes Bodhicitta besteht in dem starken Wunsch, unsere Fehler zu überwinden und unsere Potentiale zu verwirklichen, um allen zu nutzen. Handelndes Bodhicitta bedeutet, sich in Praktiken zu üben, die dieses Ziel herbeiführen, und die Bodhisattva-Gelübde zu nehmen, um von diesem Ziel abträglichen Handlungen einzuschränken. Der Unterschied zwischen den beiden Ebenen ist ungefähr der gleiche wie der zwischen dem Wunsch, ein Arzt zu werden, und dem tatsächlichen Eintritt in eine medizinische Hochschule. Das anstrebende Bodhicitta beinhaltet die Stufen des bloßen Wünschens, ein Buddha zum Wohle anderer zu werden, und des Versprechens, dieses Ziel niemals aufzugeben, bis es erreicht ist. Bevor wir in der Kalachakra-Ermächtigung die Bodhisattva-Gelübde nehmen, erzeugen wir in formeller Weise diese beiden Stufen des Anstrebens.

Die Zusicherung, das Bodhisattvaziel nie mehr aufzugeben, beinhaltet das Versprechen, sich in fünf Handlungsarten zu üben, die uns helfen, niemals unsere Entschlossenheit zu verlieren. (1) Sich jeden Tag und jede Nacht an die Vorteile der Bodhicitta-Motivation zu erinnern. Genauso wie wir jederzeit unsere Müdigkeit überwinden und neue Energie finden, wenn wir uns unserem Kind zuwenden müssen, überwinden wir alle Schwierigkeiten ganz leicht und nutzen all unsere Potentiale, wenn unsere vordringliche Motivation im Leben das Bodhicitta ist. (2) Erneuern und Stärken dieser Motivation, indem wir erneut unser Herz auf die Erleuchtung und die Anderen drei Mal am Tag und drei Mal in der Nacht ausrichten. (3) Bemüht sein, reichhaltige Bestände an positivem Potential und tiefem Gewahrsein aufzubauen, was üblicherweise als "Ansammlungen von Verdienst und Einsicht" übersetzt wird. Mit anderen Worten: Anderen so effektiv wie wir nur können helfen und zwar mit so viel tiefem Gewahrsein der Wirklichkeit wie möglich. (4) Niemals den Versuch aufzugeben, einem anderen zu helfen oder zumindest zu wünschen, dazu fähig zu sein, ganz egal, wie schwierig er oder sie sein mag. (5) Wir befreien uns von vier trüben Verhaltensarten und wenden statt dessen vier strahlende an.

Die vier Verhaltenspaare im fünften Versprechen sind die folgenden: (1) Wir hören auf jemals wieder unsere spirituellen Lehrer, unsere Eltern oder das dreifache Juwel zu täuschen. Stattdessen sind wir immer aufrichtig ihnen gegenüber, insbesondere bezüglich unserer Motivation und unseren Anstrengungen, anderen zu helfen. (2) Wir hören auf jemals wieder an Bodhisattvas Fehler zu finden oder sie geringzuschätzen. Stattdessen sehen wir jedermann auf reine Weise als unseren Lehrer an, da nur die Buddhas mit Sicherheit feststellen können, wer tatsächlich ein Bodhisattva ist und wer nicht. Auch wenn sich einige Leute auf grausamen und geschmacklose Art aufführen, lehren sie uns, sich nicht auf diese Weise zu verhalten. (3) Wir hören auf jemals wieder andere dazu zu bringen, etwas Positives, das sie getan haben, zu bereuen. Wenn jemand einen Brief für uns tippt und dabei zahlreiche Fehler macht und wir ihn mit Entrüstung anschreien, dann wird diese Person nie mehr ihre Hilfe anbieten. Stattdessen ermutigen wir andere, konstruktiv zu sein und im Falle, dass sie dafür offen sind, an der Überwindung ihrer Fehler zu arbeiten und ihre Potentiale zu verwirklichen, um für jedermann zuträglicher zu werden. (4) Schließlich hören wir auf jemals wieder heuchlerisch oder anmaßend zu sein im Umgang mit anderen, mit anderen Worten unsere Fehler zu verstecken und vorzugeben, Eigenschaften zu besitzen, an denen es uns tatsächlich mangelt. Stattdessen sind wir aus der Verantwortung heraus, anderen zu helfen, immer ehrlich und offen bezüglich unserer Begrenzungen und unserer Fähigkeiten. Es ist sehr unbarmherzig, mehr zu versprechen, als wir halten können, und so bei anderen falsche Hoffnungen zu wecken.

Die Wurzelgelübde des Bodhisattva

Das Nehmen der Bodhisattva-Gelübde beinhaltet das Versprechen, sich von zwei Gruppen negativer Handlungen zurückzuhalten: Achtzehn Handlungen, die, wenn begangen, eine Hauptübertretung, wörtlich einen "Wurzelabstieg", darstellen, und sechsundvierzig Arten fehlerhaften Verhaltens. Eine Hauptübertretung bedeutet den Verlust der Gesamtheit der Bodhisattva-Gelübde. Sie ist ein "Abstieg" in dem Sinne, dass sie zu einem Rückgang in der spirituellen Entwicklung führt und das Wachsen positiver Eigenschaften behindert. Das Wort "Wurzel" kennzeichnet sie als eine Wurzel, die beseitigt werden muss. Zur einfacheren Bezeichnung werden diese beiden Gruppen manchmal "Wurzel- und Nebengelübde" genannt. Sie geben uns hervorragende Anleitungen dafür, welche Verhaltensarten wir vermeiden sollten, wenn wir anderen so rein und umfassend wie möglich zu helfen wünschen.

Das Versprechen, die Bodhisattva-Gelübde einzuhalten, bezieht sich nicht nur auf dieses Leben, sondern auf alle folgenden Leben bis zur Erleuchtung. Dementsprechend setzen sich diese Gelübde auf unserem Bewusstseinsstrom in zukünftige Leben fort. Wenn wir die Gelübde in vorhergehenden Leben erhalten haben, dann verlieren wir sie nicht, indem wir jetzt eine Übertretung begehen, bevor wir sie nicht während dieses Lebens frisch genommen haben. Das erneute Nehmen der Gelübde zum ersten Mal in diesem Leben verstärkt die Energie unserer Anstrengungen in Richtung der Erleuchtung, die immer weiter gewachsen ist, seit wir die Gelübde zum ersten Mal genommen haben. Daher betonen die Mahayana-Meister, wie wichtig es ist, mit starken und intakten Bodhisattva-Gelübden zu sterben. Ihre andauernde Gegenwart auf unserem Bewusstseinsstrom fährt fort, positives Potential in zukünftigen Leben aufzubauen, sogar noch bevor wir sie neu beleben, indem wir sie wieder nehmen.

Folgen wir dem Kommentar des Gründers der Gelug-Richtung Tsongkapa aus dem fünfzehnten Jahrhundert über die Bodhisattva-Gelübde und schauen wir uns zuerst die achtzehn negativen Handlungen an, die eine Hauptübertretung darstellen. Jede hat mehrere Bedingungen, die wir kennen müssen.

(1) Uns selbst zu loben und/oder andere herabzusetzen. Diese Übertretung bezieht sich auf das Aussprechen derartiger Worte gegenüber jemanden in einer untergeordneten Stellung. Die Motivation muss entweder einen starken Wunsch nach Profit, Lob, Liebe, Respekt und so weiter von der angesprochenen Person beinhalten oder Eifersucht auf die herabgesetzte Person. Dabei macht es keinen Unterschied, ob das, was wir gesagt haben, zutrifft oder nicht. Menschen, die in ihrem Beruf damit werben, dass sie Buddhisten sind, müssen sehr sorgfältig sein im Zusammenhang mit dieser Übertretung.

(2) Dharma-Lehren und Besitz nicht mit anderen zu teilen. Hier muss die Motivation ganz speziell Anhaftung oder Geiz sein. Diese negative Handlung beinhaltet nicht nur krampfhaft die eigenen Notizen oder den Kassettenrekorder zurückzuhalten, sondern auch knauserig mit unserer Zeit zu sein und abzulehnen, wenn nach unsere Hilfe gefragt wird.

(3) Die Entschuldigungen anderer nicht anzunehmen oder andere zu schlagen. Die Motivation für alle beide muss Ärger sein. Das erste bezieht sich auf eine Situation, in der wir jemanden anschreien oder schlagen und entweder diese Person uns um Vergebung bittet oder jemand anderes uns dringend bittet aufzuhören und wir dies verweigern. Das zweite besteht einfach darin, jemanden zu schlagen. Manchmal kann es nötig sein, Kindern oder Haustieren einen leichten Klaps zu geben, um sie davon abzuhalten, auf die Straße zu rennen, und sie nicht zuhören. Es ist aber nie angebracht oder hilfreich, einen anderen aus Ärger heraus zu disziplinieren.

(4) Die Mahayana-Lehren zu verwerfen und stattdessen erfundene zu verbreiten. Dies bedeutet, die zutreffenden Lehren über einige Punkte bezüglich von Bodhisattvas, wie zum Beispiel ihr ethisches Verhalten, abzulehnen und an ihrer statt plausible, nichtsdestoweniger irreführende Anweisungen zu erfinden, zu behaupten, dass letztere authentisch wären, und sie andere zu lehren, um deren Befolgung zu erreichen. Ein Beispiel dieser Übertretung sind Lehrer, die in ihrem Eifer, keine zukünftigen Schüler abzuschrecken, über freizügiges ethisches Verhalten hinwegsehen und darlegen, dass jede Art von Handlung in Ordnung ist, solange sie nicht anderen schadet. Wir müssen kein Lehrer sein, um diese Übertretung zu begehen. Wir können sie auch in einer zwanglosen Konversation mit anderen begehen.

(5) Gaben ansichzunehmen, die für das dreifache Juwel bestimmt sind. Diese Übertretung besteht im Stehlen oder Unterschlagen – persönlich oder durch Anweisung an einen anderen – von etwas, was den Buddhas, dem Dharma oder der Sangha dargebracht wurde oder ihnen gehört, und danach diese Dinge als die unsere anzusehen. Sangha bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine beliebige Gruppe von vier oder mehr Ordinierten. Beispiele sind unter anderem das Unterschlagen von Geldern, die für den Bau buddhistischer Monumente, das Drucken von Dharma-Büchern oder die Ernährung einer Gruppe Mönche oder Nonnen gespendet wurden.

(6) Das heilige Dharma aufzugeben. Hier besteht die Übertretung darin, es zurückzuweisen, dass die Schriften des Shravaka-, Pratyekabuddha- oder Mahayana-Fahrzeuges die Worte des Buddha sind, oder – indem wir unsere Meinung äußern – andere dazu zu bringen, dies zurückzuweisen. Ein Shravaka ist jemand, der den Lehren eines Buddhas zuhört, solange diese noch vorhanden sind, während Pratyekabuddhas Praktizierende sind, die sich selbst entfalten und hauptsächlich während der dunklen Zeitalter leben, in denen das Dharma nicht mehr länger direkt zur Verfügung steht. Um spirituellen Fortschritt zu machen stützen sie sich auf intuitives Verstehen, welches sie durch Studium und Praktizieren erlangt haben, das sie in früheren Leben durchgeführt haben. Die Lehren für diese beiden stellen das Hinayana oder "bescheidene Fahrzeug" dar, das auf das Erreichen der eigenen Befreiung von Samsara abzielt. Das Mahayana-Fahrzeug betont Methoden zur Erlangung der vollen Erleuchtung. Zu verneinen, dass alle oder auch nur bestimmte Schriften eines dieser Fahrzeuge vom Buddha herstammen, ist eine Hauptübertretung.

Dieses Gelübde einzuhalten bedeutet nicht, eine historische Betrachtungsweise aufzugeben. Die Lehren des Buddha wurden jahrhundertelang mündlich übertragen, bevor sie niedergeschrieben wurden. Dementsprechend sind unzweifelhaft Korrumpierungen und Fälschungen aufgetreten. Die großen Meister, die den tibetisch-buddhistischen Kanon kompiliert haben, haben definitiv Texte abgelehnt, die sie nicht für authentisch hielten. Anstatt ihre Entscheidung jedoch auf Vorurteilen basieren zu lassen, haben sie das Kriterium Dharmakirtis zur Überprüfung der Tauglichkeit eines bestimmten Materials angewandt: Die Fähigkeit seiner Praxis, die buddhistischen Ziele einer besseren Wiedergeburt, der Befreiung oder der Erleuchtung herbeizuführen. Stilistische Unterschiede zwischen einzelnen buddhistischen Schriften und sogar innerhalb eines bestimmten Textes weisen oft auf Zeitunterschiede hin bezüglich der Niederschrift verschiedener Teile der Lehren oder der Übersetzung in verschiedene Sprachen. Daher ist das Studium der Schriften mittels der Methoden der modernen Textanalyse oft sehr fruchtbar und es gibt keinen Konflikt mit diesem Gelübde.

(7) Ordinierte zu entroben oder Handlungen zu begehen wie zum Beispiel ihre Roben zu stehlen. Diese Übertretung bezieht sich genauer auf das Schädigen von einem, zwei oder drei buddhistischen Mönchen oder Nonnen in irgendeiner Weise und zwar unabhängig von ihrem moralischen Zustand oder ihrer Ebene des Studiums oder der Praxis. Derartige Handlungen müssen von Feindseligkeit oder Bösartigkeit getragen sein. Sie beinhalten, sie zu schlagen oder verbal zu beleidigen, ihren Besitz einzuziehen oder sie aus ihrem Kloster auszustoßen. Ordinierte auszustoßen ist jedoch keine Hauptübertretung, wenn sie eines ihrer vier Hauptgelübde gebrochen haben: Nicht zu töten, insbesondere keinen anderen Menschen; nicht zu stehlen, insbesondere nichts, das der klösterlichen Gemeinschaft gehört; nicht zu lügen, insbesondere bezüglich von spirituellen Verwirklichungen; das Zölibat vollständige einzuhalten.

(8) Eine der fünf unmittelbar ins Elend führenden Taten zu begehen. Diese sind: Unseren Vater, unsere Mutter oder einen Arhat (ein befreites Wesen) zu töten, mit schlechten Absichten das Blut eines Buddha fließen zu lassen oder eine Spaltung in der klösterlichen Gemeinschaft zu verursachen.

(9) Eine verzerrte, antagonistische Sichtweise zu vertreten. Dies bedeutet, etwas zu verneinen, das wahr und von Wert ist, wie zum Beispiel die Gesetze von Ursache und Wirkung des Verhaltens, die sichere und positive Lebensausrichtung, Wiedergeburt und die Befreiung davon, und gegenüber diesen Ideen und denen, die sie vertreten, feindselig zu sein.

(10) Orte wie zum Beispiel Dörfer zu zerstören. Diese Übertretung beinhaltet, mit Absicht ein Dorf, eine Stadt, einen Distrikt oder eine Landgegend abzureißen, zu bombardieren oder dessen Natur schwer zu schädigen und diese in einem Zustand zu lassen, in dem es für Menschen oder Tiere ungeeignet, schadend oder schwierig ist, dort zu leben.

(11) Leerheit Personen zu lehren, deren Geist ungeübt ist. Das Hauptobjekt dieser Übertretung sind Personen mit Bodhicitta-Motivation, die im Augenblick noch nicht für ein Verständnis der Leerheit geeignet sind. Diese Personen würden verwirrt und verängstigt werden durch diese Lehre und im weiteren den Bodhisattvapfad zugunsten des Pfades der eigenen Befreiung aufgeben. Dies kann passieren als Ergebnis folgenden Gedankens: Wenn alle Phänomene leer von inhärenter, auffindbarer Existenz sind, dann existiert niemand und warum sollte man sich dann abmühen, zum Wohle anderer zu arbeiten? Diese Handlung beinhaltet auch, Leerheit jemandem zu lehren, der das missverstehen würde und daraufhin das Dharma vollständig aufgeben würde, zum Beispiel weil er denkt, der Buddhismus lehrt, dass nichts existiert, und ist daher völliger Unsinn. Ohne außersinnliche Wahrnehmung ist es schwierig festzustellen, ob der Geist eines anderen ausreichend geübt ist, sodass er die Lehren über die Leerheit aller Phänomene nicht falsch auslegen wird. Es ist daher wichtig, andere auf diese Lehren hinzuführen durch Erklärungen mit unterschiedlichen Ebenen an Komplexität und periodisch ihr Verständnis zu überprüfen.

(12) Andere von der vollen Erleuchtung abzubringen. Das Objekt dieser Handlung sind Leute, die bereits eine Bodhicitta-Motivation entwickelt haben und Richtung der Erleuchtung streben. Die Übertretung besteht darin, ihnen zu sagen, dass sie unfähig sind, die ganze Zeit mit Freigebigkeit, Geduld und so weiter zu handeln, also zu sagen, dass es für sie unmöglich ist, ein Buddha zu werden, und dass es daher für sie bei weitem besser wäre, lediglich ihre eigene Befreiung anzustreben. Diese Hauptübertretung ist allerdings unvollständig, bevor diese nicht tatsächlich ihr Ziel von der Erleuchtung wegrichten.

(13) Andere von ihren Pratimoksha-Gelübden abzubringen. Die Pratimoksha-Gelübde bzw. Gelübde zur eigenen Befreiung beinhalten Gelübde für Laien, Novizen und vollordinierte Mönche und Nonnen. Die Objekte sind hier Personen, die eine dieser Gruppen von Pratimoksha-Gelübden halten. Die Übertretung besteht darin, ihnen mitzuteilen, dass es für einen Bodhisattva keinen Sinn macht, die Pratimoksha-Gelübde zu halten, weil für Bodhisattvas alle Handlungen rein sind. Damit diese Übertretung vollständig wird, müssen sie tatsächlich ihre Gelübde aufgeben.

(14) Das Fahrzeug der Shravakas herabzusetzen. Die sechste Übertretung bestand darin, nicht anzuerkennen, dass die Schriften des Shravaka- oder Pratyekabuddha-Fahrzeuges authentische Worte des Buddha sind. Hier akzeptieren wir, dass sie es sind, verneinen aber die Effektivität ihrer Lehren und beharren darauf, dass es unmöglich sei, von den verstörenden Emotionen und Einstellungen frei zu werden mittels deren Anweisungen, zum Beispiel derjenigen, die Vipassana - Einsichtsmeditation – betreffen.

(15) Eine Erkenntnis der Leerheit vorzugeben, die fehlerhaft ist. Diese Übertretung begehen wir, wenn wir die Leerheit nicht vollständig erkannt haben, dennoch darüber lehren oder schreiben und dabei so tun, als ob wir sie erkannt haben. Dies tun wir aus Eifersucht auf die großen Meister. Es macht keinen Unterschied, ob irgendein Schüler oder Leser durch unser So-tun-als-ob genarrt wird oder nicht. Allerdings müssen sie verstehen was wir erklären. Wenn sie unsere Darlegung nicht begreifen ist die Übertretung unvollständig. Obwohl sich dieses Gelübde speziell auf das Vorgeben einer Erkenntnis der Leerheit bezieht, die in Wirklichkeit fehlerhaft ist, ist es offensichtlich, dass wir das gleiche vermeiden müssen, wenn wir über Bodhicitta oder andere Punkte des Dharma lehren. Dennoch liegt kein Fehler darin, die Leerheit zu lehren, bevor man sie vollständig erkannt hat, solange wir diese Tatsache offen klarmachen sowie den Umstand, dass wir lediglich von unserer aktuellen Ebene eines vorläufigen Verständnisses her erklären.

(16) Etwas, das dem dreifachen Juwel gestohlen wurde, anzunehmen. Diese Übertretung besteht darin, etwas als Geschenk, Darbringung, Gehalt, Preis, Bußgeld oder Bestechung anzunehmen, dass jemand anderes persönlich oder durch Anweisung eines Dritten von den Buddhas, dem Dharma oder der Sangha gestohlen oder unterschlagen hat, einschließlich von Dingen, die nur einem, zwei oder drei Mönchen oder Nonnen gehören.

(17) Unfaire Verhaltensstrukturen aufzubauen. Dies bedeutet, gegen ernsthafte Praktizierende aufgrund von Ärger oder Feindseligkeit ihnen gegenüber voreingenommen zu sein und andere mit geringeren oder gar keinen Verwirklichungen aufgrund von Anhaftung an sie zu bevorzugen. Ein Beispiel dieser Übertretung wäre, wenn wir als ein Lehrer unsere meiste Zeit den eher lässigen Privatschülern geben, die uns hohe Gebühren zahlen können, und dabei ernsthafte Schüler vernachlässigen, die uns nichts zahlen können.

(18) Bodhicitta aufzugeben. Dies bedeutet, den Wunsch aufzugeben, die Erleuchtung zu erlangen zum Wohle anderer. Bezüglich der beiden Ebenen des Bodhicitta – anstrebendes und handelndes - bezieht sich dies vor allem auf das Verwerfen der ersten. Wenn wir dies tun, haben wir die zweite ebenfalls aufgegeben.

Aufrechterhaltung von Gelübden

Wenn die Leute von derartigen Gelübden erfahren, dann haben sie manchmal das Gefühl, dass es schwierig ist, sie einzuhalten, und schrecken davor zurück, sie zu nehmen. Wir können aber diese Art Einschüchterung vermeiden, indem wir uns klar machen, was Gelübde sind. Es gibt zwei Wege, sie darzulegen. Der erste ist, dass Gelübde eine Einstellung sind, die wir bezüglich des Lebens einnehmen, um uns selbst von bestimmten negativen Verhaltensarten zurückzuhalten. Der andere ist, dass sie eine subtile Gestalt oder Form sind, die wir unserem Leben geben. In beiden Fällen benötigt das Aufrechterhalten von Gelübden Vergegenwärtigung, Wachsamkeit und Selbstkontrolle. Mit Vergegenwärtigung halten wir uns während des Tages die Gelübde im Geist anwesend. Mit der Wachsamkeit halten wir die Beobachtung unseres Verhaltens aufrecht, um zu überprüfen, ob es mit den Gelübden übereinstimmt. Wenn wir entdecken, dass wir sie übertreten oder kurz davor stehen, sie zu übertreten, dann üben wir Selbstkontrolle. In diesem Wege geben wir unserem Leben eine ethische Gestalt und erhalten sie aufrecht.

Gelübde einzuhalten und ihre Vergegenwärtigung aufrecht zu erhalten ist nichts besonders fremdartiges oder besonders schwieriges. Wenn wir Auto fahren, dann akzeptieren wir, bestimmten Regeln zu folgen, um die Zahl der Unfälle zu minimieren und die Sicherheit zu maximieren. Diese Regeln gestalten unser Fahren – wir vermeiden das Rasen und bleiben auf unserer Straßenseite – und skizzieren die praktischste und realistischste Art, unser Ziel zu erreichen. Mit einiger Erfahrung wird das Befolgen der Regeln so natürlich, dass ihre Vergegenwärtigung anstrengungslos wird und keine Last mehr darstellt. Genauso verhält es sich auch mit dem Aufrecherhalten von Bodhisattva- oder irgendwelchen anderen ethischen Gelübden.

Die vier vervollständigenden Faktoren des Verlusts der Gelübde

Wir verlieren unsere Gelübde, wenn wir ihre Gestalt vollständig von unserem Leben abfallen lassen oder aufhören zu versuchen, sie aufrecht zu erhalten. Das nennt man eine Hauptübertretung, einen Wurzelabstieg. Wenn dies auftritt, besteht der einzige Weg, diese ethische Gestalt zurückzugewinnen, darin, dass wir unsere Einstellung erneut formen, durch eine Bereinigungsprozedur wie die Meditation über Liebe und Mitgefühl gehen und die Gelübde erneut nehmen. Innerhalb der achtzehn Hauptübertretungen des Bodhisattvas sind es die Geisteszustände der neunten oder achtzehnten Übertretung – das Halten von verzerrten, antagonistischen Einstellungen bzw. das Aufgeben des Bodhicitta -, die sobald sie entwickelt wurden rein durch die Tatsache der Veränderung im Geist zum Verlust der ethischen Gestalt unseres Lebens führen, die von den Bodhisattvagelübden geformt wurde. Daher beenden wir auch alle Anstrengungen, sie aufrecht zu erhalten. Folglich verlieren wir augenblicklich alle unsere Bodhisattva-Gelübde und nicht nur das eine, das wir im besonderen verworfen haben.

Die anderen sechzehn Bodhisattva-Gelübde zu übertreten stellt keine Hauptübertretung dar, es sei denn, dass die Einstellung, die unseren Akt begleitet, vier vervollständigende Faktoren beinhaltet. Diese Faktoren müssen aufgebaut und beibehalten werden von dem Moment unmittelbar nach der Entwicklung der Motivation, das Gelübde zu brechen, bis zum Moment direkt nach Abschluss des Übertretungsaktes. Die vier vervollständigenden Faktoren sind: (1) Die negative Handlung nicht als abträglich anzusehen, in ihr nur Vorteile zu sehen und die Handlung ohne Reue durchzuführen. (2) Wir haben bereits zuvor die Gewohnheit zur Vollführung dieser Übertretung gehabt und verspüren nicht den Wunsch oder die Absicht, jetzt oder in Zukunft uns von ihrer Wiederholung abzuwenden. (3) Wir erfreuen uns an der negativen Handlung und vollziehen sie auch mit Freude. (4) Wir haben kein Ehrgefühl oder den Wunsch, das Gesicht zu wahren, was bedeutet, dass wir schamlos sind und es uns nicht interessiert, was sich unser Lehrer oder irgendjemand anderes denkt, und daher haben wir auch nicht die Absicht, den Schaden, den wir uns selbst zugefügt haben, zu reparieren.

Wenn die Übertretung eines der sechzehn Gelübde nicht von allen dieser vier Einstellungen begleitet wird, ist die Bodhisattvagestalt unseres Lebens immer noch vorhanden, ebenso auch die Bereitschaft, sie aufrecht zu erhalten, aber beides wurde geschwächt. Bei den sechzehn Gelübden macht es also einen Unterschied, ob wir sie brechen oder ob wir sie verlieren.

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, dass wir jemandem unser Buch nicht leihen aus Geiz und Anhaftung daran. Wir sehen darin nichts falsches – schließlich könnte diese Person Kaffee darüber verschütten oder es nicht zurückgeben. Wir haben es noch nie zuvor verliehen und haben auch nicht die Absicht, diese Vorgehensweise jetzt oder in Zukunft zu ändern. Darüber hinaus sind wir, wenn wir ablehnen, mit unserer Entscheidung sehr zufrieden. Wir schämen uns auch nicht, weil wir nein gesagt haben, trotz der Tatsache, dass wir jemand sind, von dem angenommen werden darf, dass er alle Wesen zur Erleuchtung führen will. Wie könnten wir da unwillig sein, jede uns zur Verfügung stehende Wissensquellen zu teilen? Nicht im mindesten verlegen interessiert es uns nicht, was unser Lehrer denken würde, wenn er oder sie von unserer Handlung wüsste. Und wir haben auch nicht die Absicht, irgendwie unseren selbstbezogenen Akt auszugleichen. Wenn wir alle diese Einstellungen haben, während wir es ablehnen, unser Buch zu verleihen, haben wir definitiv die Bodhisattvagestalt unseres Lebens verloren. Wir haben in unserer Mahayana-Übung völlig versagt und haben alle unsere Bodhisattva-Gelübde verloren. Wenn auf der anderen Seite einige dieser Einstellungen fehlen und wir dann unser Buch nicht verleihen, haben wir lediglich unsere Anstrengungen gelockert, die Bodhisattvagestalt unseres Lebens aufrecht zu erhalten. Wir besitzen die Gelübde noch, aber in einer geschwächten Form.

Schwächung von Gelübden

Wenn wir eines der sechzehn Gelübde übertreten, ohne dass einer der vier vervollständigenden Faktoren gegenwärtig ist, dann schwächen wir nicht wirklich unsere Bodhisattva-Gelübde. Wir verleihen zum Beispiel unser Buch nicht an jemanden, der darum gebeten hat, aber wir wissen, dass das grundsätzlich falsch ist. Wir haben nicht die Absicht, dies zu einem Verhaltensmuster zu machen, es macht uns auch nicht glücklich, nein zu sagen, und die Frage der Ehre und des Wahrens des Gesichts betrifft uns. Wir haben einen guten Grund dafür, das Verleihen abzulehnen, wie zum Beispiel dass wir das Buch dringend selbst benötigen oder dass wir das Buch bereits jemandem anderes versprochen haben. Unsere Motivation besteht weder in Anhaftung an das Buch noch in Geiz. Wir entschuldigen uns dafür, das Buch im Moment nicht verleihen zu können, erklären warum und versichern der Person, dass wir es so bald wie möglich herleihen werden. Um die Enttäuschung auszugleichen, bieten wir unsere Notizen an. Auf diesem Weg erhalten wir die Bodhisattvagestalt unseres Lebens vollständig aufrecht.

   Je mehr wir unter den Einfluss von Anhaftung und Geiz geraten, desto mehr fangen wir an, fortschreitend diese Form zu schwächen und unser Festhalten an den Gelübden zu lockern. Wenn alle vier vervollständigenden Faktoren vorhanden sind, befinden wir uns völlig unter dem Einfluss dieser beiden verstörenden Emotionen und das bedeutet, dass wir nicht länger dabei sind, sie zu beseitigen oder unser Potential zu verwirklichen, damit wir anderen nutzen können. Durch das Aufgeben der handelnden Ebene des Bodhicitta verlieren wir unsere Bodhicitta-Gelübde, die diese Ebene strukturieren.

Wenn wir das Gelübde aufrecht erhalten, uns davon zurückzuhalten, Dharmabelehrungen und andere Wissensquellen nicht zu teilen, dann befreit uns das nicht von Anhaftung oder Geiz bezüglich unserer Bücher. Es hält uns lediglich davon zurück, unter ihrem Einfluss zu handeln. Es mag sein, dass wir unser Buch verleihen oder weil wir es dringend selber brauchen im Moment nicht verleihen, und dennoch können wir daran anhaften und grundlegend ein Geizhals sein. Gelübde helfen jedoch im Kampf, durch den wir diese verstörenden Emotionen vernichten und Befreiung von den Problemen und Leiden erreichen, die sie mit sich bringen.

Das Stärken geschwächter Gelübde

Der erste Schritt, um unsere Bodhisattva-Gelübde zu reparieren, wenn wir sie geschwächt oder verloren haben, besteht darin, offen zuzugeben, dass unsere Übertretung ein Fehler war. Wenn wir schon beim tatsächlichen Bruch eines bestimmten Gelübdes das Gefühl hatten, dass dies nicht richtig war, dann geben wir unseren Fehler erneut zu. Dann erzeugen wir vier Faktoren, die als Gegenkräfte wirken. Diese vier Faktoren sind:

(1) Reue bezüglich unserer Handlung zu empfinden. Reue, zum Zeitpunkt der Übertretung oder danach, ist nicht das gleiche wie Schuldgefühle.  Reue ist der Wunsch, nicht so stark von den Geistesgiften beherrscht zu werden, sodass wir den Akt, den wir gerade durchführen oder den wir durchgeführt haben, nicht begehen müssten. Sie ist das Gegenteil davon, Vergnügen dabei zu empfinden oder sich später an der Handlung zu erfreuen. Schuld auf der anderen Seite ist das starke Gefühl, dass unsere Handlung wirklich schlecht ist oder war und dass wir daher wahrhaft schlechte Menschen sind. Indem wir diese Identifikationen als inhärent und ewig ansehen, halten wir sie in krankhafter Weise fest und lassen nicht los. Schuldgefühle sind aber nie eine geeignete oder hilfreiche Reaktion auf unsere Fehler. Wenn wir zum Beispiel etwas essen, dass uns krank macht, dann bereuen wir unsere Handlung: Wir haben einen Fehler gemacht. Die Tatsache, dass wir das gegessen haben, macht uns nicht inhärent böse. Wir sind für unsere Handlungen und ihre Auswirkungen verantwortlich, aber nicht schuld an ihnen in einem verurteilenden Sinn, der es uns unmöglich macht, irgendeine Form von Selbstwert oder Würde zu empfinden.

(2) Zu versprechen, dass wir unser Bestes tun werden, um den Fehler nicht zu wiederholen. Selbst falls wir eine solche Absicht bereits während der Übertretung des Gelübdes gehabt haben, erneuern wir bewusst unseren Entschluss.

(3) Zur Grundlage zurückzukehren. Dies bedeutet, unsere sichere und positive Lebensausrichtung zu erneuern und unser Herz erneut dem Erreichen der Erleuchtung zum Wohle aller zu widmen. Mit anderen Worten beleben wir unsere Zuflucht und die anstrebende Ebene des Bodhicitta neu und festigen sie.

(4) Heilmaßnahmen zu ergreifen, um unsere Übertretung auszugleichen. Derartige Maßnahmen umfassen Meditation über Liebe und Freigebigkeit, sich für unfreundliches Verhalten entschuldigen und andere positive Taten vollbringen. Da konstruktives Handeln ein Gefühl für Ehre und Gesichtwahrung erfordert, wirkt dies einem Mangel an einem solchen Gefühl entgegen, der vielleicht unsere negative Handlung begleitet haben mag. Selbst wenn wir uns zum Zeitpunkt der Übertretung beschämt und verlegen gefühlt haben, stärken diese positiven Schritte unseren Selbstrespekt und die Beachtung dessen, was unser Lehrer und andere denken würden.

So können wir jetzt also sehen, dass es ziemlich schwierig ist, die Bodhisattva-Gelübde vollständig zu verlieren. Solange wir sie ernsthaft respektieren und versuchen, sie als Richtlinien zu behalten, verlieren wir sie nie wirklich. Das liegt daran, dass die vier vervollständigenden Faktoren nie vollständig vorliegen, selbst wenn unsere verstörenden Emotionen uns dazu bringen, ein Gelübde zu brechen. Wenn wir unseren Fehler zugeben, die Gegenkräfte von Reue und so weiter zusammenbringen und die Gelübde erneut nehmen, dann können wir sogar für den Fall, dass wir verzerrte, antagonistische Einstellungen haben oder Bodhicitta aufgegeben haben, unseren Weg zurückgewinnen und wieder aufnehmen. Wenn wir versuchen zu entscheiden, ob wir die Gelübde nehmen sollen oder nicht, ist es daher vernünftiger, die Entscheidung auf einer Einschätzung unserer Fähigkeit zu gründen, fortwährende Anstrengung auf den Versuch zu verwenden, sie als Richtlinien beizubehalten, als auf unsere Fähigkeit, sie perfekt einhalten zu können. Dennoch ist es am besten, wenn wir unsere Gelübde nie schwächen oder verlieren. Obwohl wir nach einem Beinbruch wieder gehen können, bleibt vielleicht ein Hinken. 

Die Nebengelübde des Bodhisattvas

Die Nebengelübde des Bodhisattvas bestehen darin, sich von sechsundvierzig fehlerhaften Handlungen abzuwenden. Diese fehlerhaften Handlungen werden in sieben Gruppen unterteilt, die in ihrer Abfolge abträglich sind für die sechs weitausgreifenden Einstellungen und die Fähigkeit, anderen zu nutzen. Die sechs weitausgreifenden Einstellungen oder "Vollkommenheiten" sind Freigebigkeit, ethische Selbstdisziplin, geduldige Toleranz, positiver Enthusiasmus, geistige Festigkeit und unterscheidendes Gewahrsein. Ein Beispiel dieser fehlerhaften Handlungen ist den Ältern keinen Respekt zu zollen. Obwohl solche Handlungen den Fortschritt in Richtung Erleuchtung behindern, erzeugt ihre Begehung keinen Verlust der Bodhisattva-Gelübde, selbst wenn die vier vervollständigenden Faktoren vorhanden sind. Der Schaden, den wir unserem Bodhisattvapfad zufügen, ist dennoch desto geringer, je weniger Faktoren sie begleiten und je schwächer sie sind. Wenn es uns daher passiert, dass wir eine der fehlerhaften Handlungen begehen, ist es am besten, den Fehler so bald wie möglich zuzugeben und die Gegenkräfte wie im Fall der Wurzelgelübde des Bodhisattvas anzuwenden.

Diese Sechsundvierzig haben viele Details und viele Ausnahmen, bei denen es keinen Fehler darstellt, sie zu begehen. Diese können später eingehender studiert werden, wenn wir tatsächlich mit dem Bodhisattvapfad arbeiten. Ganz allgemein hängt jedoch der Schaden, den wir unserer Entwicklung der weitausgreifenden Einstellungen und dem Nutzen, von dem wir für andere sein können, zufügen, von der Motivation hinter der fehlerhaften Handlung ab. Wenn diese Motivation ein verstörter Geisteszustand ist wie zum Beispiel Anhaftung, Ärger, Gehässigkeit oder Stolz, dann ist der Schaden viel größer, als wenn es ein unverstörter, wenn auch abträglicher ist, zum Beispiel Gleichgültigkeit, Faulheit oder Vergesslichkeit. Bei Gleichgültigkeit fehlt es uns an ausreichendem Vertrauen oder Respekt bezüglich der Übungen, sodass wir uns nicht die Mühe machen, sie durchzuführen. Bei Faulheit vernachlässigen wir unsere Praxis, weil wir es vergnüglicher und einfacher finden, nichts zu tun. Und wenn es uns an Vergegenwärtigung mangelt, vergessen wir völlig unsere Verpflichtung, anderen zu helfen. Für viele der Sechsundvierzig gilt, dass wir keinen Fehler gemacht haben, wenn wir die Absicht haben, sie letztendlich aus unserem Verhalten zu entfernen, jetzt aber unsere verstörenden Emotionen und Einstellungen noch zu stark sind, um ausreichende Selbstkontrolle zu üben.