Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Teil I: Einführung und Übersicht

2 Kalachakra im Überblick

Zeitzyklen und Karma

Das Wort Kalachakra bedeutet "Zeitzyklen" und das Kalachakra-System präsentiert drei Arten solcher Zyklen – äußere, innere und alternative. Die äußeren und inneren Zyklen handeln von der Zeit, wie wir sie für gewöhnlich kennen, während die alternativen Zyklen aus den Praktiken bestehen, durch die man Befreiung von diesen beiden erlangt. Die Strukturen der äußeren und inneren Zyklen sind analog, ähnlich zu den Parallelen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, wie sie in der westlichen Philosophie diskutiert werden. Dies bedeutet, dass dieselben Gesetze, die ein Universum regieren, auch die Atome, den Körper und unsere Lebenserfahrungen betreffen. Die Praktiken der alternativen Zyklen folgen ebenfalls dieser Struktur, damit wir mit diesen Kräften in effektiver Weise umgehen und sie überwinden können. Derartige Nachahmung ist tatsächlich eines der Kennzeichen von Anuttarayoga-Tantra-Techniken.

Zeit wird im Buddhismus als Maß der Veränderung definiert. Zum Beispiel ist ein Monat das Maß jenes Wechsels, der entweder äußerlich mit dem Mondumlauf um die Erde entsteht, oder innerlich in einer Frau, die von einer Menstruation zur nächsten geht. Solche Wechsel sind zyklisch in der Hinsicht, dass sich ein Muster wiederholt, obwohl die Ereignisse jedes Zyklus' nicht vollständig identisch sind. Im Äußeren durchläuft das Universum kosmische, astronomische, astrologische und historische Zyklen. Auf einer inneren Ebene geht der Körper durch physiologische Zyklen, von denen viele auch entsprechende mentale und emotionale Zyklen hervorbringen. Ebenso wie sich Universen formen, ausdehnen, zusammenziehen, auflösen und sich dann erneut bilden, gehen auch die einzelnen Wesen durch kontinuierliche Wiedergeburten, in denen sich Empfängnis, Heranwachsen, Alter und Tod wiederholen.

Normalerweise übt das Vergehen von Zeit eine schwächende Wirkung aus. Während wir altern wird unser Sehen, Hören, Gedächtnis und unsere körperliche Stärke schrittweise schwächer und schließlich sterben wir. Aufgrund von zwanghafter Anhaftung und Verwirrung darüber, wer wir sind und wie wir existieren, nehmen wir eine Wiedergeburt an ohne irgendwelche Kontrolle über ihren Prozess oder ihre Umstände und jedes Mal müssen wir alles wieder neu lernen, was wir zuvor bereits gewusst haben. Mit der Entfaltung jedes unserer Leben im Verlauf der Zeit, reifen die karmischen Potentiale unserer früheren Taten zu den geeigneten astrologischen, geschichtlichen und lebenszyklischen Momenten als die verschiedenen Ereignisse heran, die wir erleben. Einige davon sind angenehm, viele aber sind es nicht. Es scheint so, als hätten wir wenig Wahlmöglichkeit bezüglich dem, was im Leben passiert.

Kurz gesagt, beschreiben die äußeren und inneren Zyklen der Zeit Samsara – die mit Problemen und Schwierigkeiten befrachtete, unkontrollierbar immer wieder neu auftretende Wiedergeburt. Diese Zyklen werden durch Energieimpulse am Laufen gehalten, die im Kalachakra-System als "Winde des Karma" bezeichnet werden. Karma ist eine Kraft, die zutiefst mit dem Geist verbunden ist und die wegen Verwirrung bezüglich der Realität auftritt. Da wir der Vorstellung erlegen sind, dass wir selbst, die anderen und alle Dinge um uns herum in der Weise existieren, in der sie unser Geist erscheinen lässt – nämlich als ob eine feste, beständige Identität vorhanden wäre, die aus dem Inneren der Wesen oder Dinge herstammt -, handeln wir auf der Grundlage dieser Verwirrung mit Anhaftung, Ärger und verbohrter Dummheit. Wir denken zum Beispiel "Ich bin ganz sicher soundso, jene Objekte oder Personen sind unverrückbar soundso, ich muss diese Dinge als mein Eigentum besitzen und diejenigen loswerden, die mich stören" und so weiter. Jede körperliche, sprachliche oder geistige Handlung, die auf der Basis einer derartig sturen und verwirrten Denkweise begangen wird,  baut karmische Potentiale und Gewohnheiten auf. Unter den geeigneten Umständen reifen diese Potentiale oder "karmischen Samen" in der Form von zwingenden Impulsen heran, solche Taten zu wiederholen und uns in Situationen zu begeben, in denen wir ähnlichen Handlungen ausgesetzt sind. Dies können wir leicht sehen, wenn wir das impulsive Verhalten, das hinter den von uns erlebten persönlichen und historischen Ereignissen steht, sorgfältig untersuchen. Wie viele Menschen stolpern etwa von einer schlechten Ehe zur nächsten, wie viele Staaten von einer Krise in die nächste?

Tatsächlich lassen karmische Potentiale eine breite Ansammlung von Impulsen auftreten, die sich auf unser Leben auswirken. Kollektive karmische Potentiale, die aus den früheren Handlungen einer großen Anzahl von Lebewesen herstammen – uns selbst mit eingeschlossen – , lassen zum Beispiel den Impuls auftreten, durch den ein Universum mit spezifischen Umwelten und Lebensformen zur Entfaltung kommt, innerhalb derer wir selbst und diese anderen Lebewesen im weiteren Verlauf wiedergeboren werden. Diese kollektiven Potentiale lassen auch diejenigen Impulse auftreten, welche die physikalischen und biologischen Gesetze antreiben, die dieses Universum regieren – ein Spektrum, das von den Wettermustern seiner Planeten bis hin zu den zyklischen Lebensgewohnheiten jeder Spezies reicht. Sie sind auch der Grund für die Impulse, die hinter den instinktiven Verhaltensmerkmalen im Alltag einer jeden Lebensform stehen.

In diesem Kontext lassen an der geeigneten Stelle in den inneren Zyklen jedes Lebewesens – nämlich nach jedem Tod – die individuellen karmischen Potentiale den Impuls auftreten, Wiedergeburt in einer spezifischen Umgebung mit einem bestimmten Körper anzunehmen. Dieser Impuls steht in Beziehung zu einem bestimmten Punkt der Evolution im äußeren Zyklus eines Universums. Wir können nicht als Dinosaurier in einem urzeitlichen Wald wiedergeboren werden, wenn diese Lebensform und -Situation bereits ausgelöscht ist. All diese Faktoren, die aus dem Karma reifen, arbeiten harmonisch zusammen, um den "Behälter" zu bilden, innerhalb dessen wir das Heranreifen von anderen persönlichen karmischen Potentialen erleben, welche in Form von getriebenem Verhalten hinter den Ereignissen des Lebens stehen. In einer Nation geboren, die sich im Krieg befindet, werden wir gezwungenermaßen Soldat, wir bombardieren feindliche Dörfer und eines Tages werden wir im Kampf getötet. Die vielen Ebenen äußerer und innerer Zeitzyklen sind auf komplexe Art miteinander verschlungen.

Kurz gesagt, hat Zeit weder Anfang noch Ende. Es hat immer Wechsel gegeben und wird ihn immer geben, Veränderung, die als zeitlicher Ablauf bezeichnet werden kann. Universen, Zivilisationen und Lebensformen entstehen und vergehen immer wieder. Die Formen, die sie annehmen, hängen von den Handlungen ab und damit vom Geist derer, die ihnen vorangehen. Dies ist auch der Grund dafür, warum Körper und Geist der Lebewesen und ihre Umwelt stets harmonisch zusammenpassen: Man wird als Fisch geboren, um die Ereignisse des Lebens in Wasser zu erleben, oder als Mensch in luftiger Umgebung und nicht umgekehrt. Weil aber der Geist der Wesen unter dem Einfluss von Verwirrung steht, haben die Körper, Mentalitäten und Umwelten, die aus den von ihnen begangenen karmischen Handlungen resultieren, für sie eine beengende, schädliche Wirkung. Diese Faktoren begrenzen ihre Fähigkeiten, sich selbst und anderen zu nutzen. Die im Mittelalter zur Zeit der Pest lebenden Menschen konnten gegen die Schrecken, denen sie sich ausgesetzt sahen, wenig ausrichten.

Befreiung von den Zeitzyklen

Die alternativen Zeitzyklen sind mit einer stufenweisen Abfolge von Meditationspraktiken des Anuttarayoga-Tantra verbunden. Sie dienen nicht nur als Alternative zu den äußeren und inneren Zyklen, sondern als Weg, sich von ihnen zu befreien. Die Möglichkeit, sich von der Zeit zu befreien, heißt jedoch nicht, dass Zeit nicht wirklich existiere oder dass man außerhalb der Zeit stehen und anderen nutzen könnte. Zeit als Maß der Veränderung gibt es auch als Maß für die Zyklen der Handlungen eines Buddha. Befreiung von der Zeit bedeutet, uns von der Verwirrung und ihren Trieben zu befreien, die immer wieder Impulse bzw. Karma auftreten lassen, welche uns der Gnade der Zeit und ihres Wütens ausliefern. Wenn wir erst einmal frei sind, werden wir nicht länger von äußeren Ereignissen, die periodisch wiederkommen, nachteilig beeinflusst, wie von der Dunkelheit im Winter, Sonnenfinsternissen, Kriegen und so weiter. Noch werden wir durch jene Art Körper begrenzt, der unter der Kontrolle periodischer biologischer Kräfte steht, wie zum Beispiel von Hunger, sexuellen Bedürfnissen, Müdigkeit oder Altern. Als ein Ergebnis des völligen Verstehens der Wirklichkeit wird es stattdessen möglich, Zyklen von Ausformungen zu erzeugen, die anderen von Nutzen sind, jenseits irgendwelcher durch die Zeit aufgezwungener Grenzen.

Der Prozess beginnt mit der Kalachakra-Initiation. In der richtigen Weise ermächtigt, beginnen wir mit der Meditationspraxis der Erzeugungs- und Vollständigkeitsstufe mittels der Buddha-Form namens Kalachakra. Durch diese zwei Stufen gelangen wir zur subtilsten Ebene des Geistes und nutzen sie, um die Wirklichkeit zu sehen. Indem wir mit ihrer Hilfe ununterbrochen auf die Wirklichkeit ausgerichtet bleiben, beseitigen wir die Verwirrung und ihre Triebe für immer und erlangen so die Befreiung von äußeren und inneren Zeitzyklen. Dies ist möglich, weil unser Grundlagen-Tantra - unser individueller Geist des klaren Lichts – jedem Moment unseres Erlebens zugrunde liegt und, wie die Zeit, ohne Ende ist. Wenn unser subtilster Geist erst einmal von der tiefsten Ursache für das Auftreten der Energieimpulse befreit ist, die die Zeitzyklen und die Verhaftung daran weitertragen, dann lässt er stattdessen die erleuchteten Netzwerke eines Buddha, hier in der Form von Kalachakra, entstehen.

Die Verbreitung des Kalachakra

Für die Entscheidung, ob man die Kalachakra-Ermächtigung nehmen soll, ist es hilfreich, den Ursprung dieser Lehren und die Geschichte ihrer Verbreitung zu kennen. Dann entsteht in uns das Vertrauen, dass seine Methoden zu allen Zeiten untersucht wurden und sich als effektiv erwiesen haben.

Der Überlieferung nach hat der Buddha das „Kalachakra-Tantra“ vor über 2.800 Jahren im heutigen Andhra Pradesh in Südindien gelehrt. Die Beherrscher des Nordlandes Shambhala waren seine Hauptzuhörer und bewahrten diese Lehren in ihrer Heimat. Im zehnten Jahrhundert unternahmen zwei indische Meister in getrennten Expeditionen den Versuch, Shambhala zu erreichen. Auf dem Weg dorthin hatte jeder von ihnen eine reine Vision dieses Landes, in der sie die Übertragung der Kalachakra-Ermächtigung erhielten und eine Sammlung von Materialien. Beide verbreiteten diese Lehren in Indien mit nur geringen Unterschieden in ihren Darstellungen. Als eines der historisch letztentstandenen Tantra-Systeme erlangte Kalachakra schnell eine herausragende Stellung und Beliebtheit in den klösterlichen Universitäten der zentralen Gangesebene und kurze Zeit später auch in denen von Kaschmir. Schließlich entwickelten sich vier Praxisstile. Meister aus diesen Gegenden lehrten das Kalachakra in Nordburma, der malaiischen Halbinsel und in Indonesien, doch starb es bis zum vierzehnten Jahrhundert in diesen Gegenden wieder aus.

Zusammen mit tibetischen Übersetzern haben indische Lehrer Kalachakra auch nach Tibet übertragen. Es gab drei Hauptübertragungen zwischen dem elften und dreizehnten Jahrhundert, wobei jede Überlieferungslinie eine unterschiedliche Mischung von Aspekten der vier indischen Versionen weitergab und aufgrund der Übersetzung weitere leichte Unterschiede eingeführt wurden. Überlieferungslinien, die unterschiedliche Komponenten dieser drei Übertragungen kombinieren, wurden bis auf den heutigen Tag erhalten, zuerst durch die Sakya- und Kagyü- und dann auch durch die Gelug-Tradition. Da die Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus nur indische Texte überträgt, die vor dem neunten Jahrhundert nach Tibet gebracht und übersetzt wurden, gibt es keine direkte Nyingma-Linie des Kalachakra. Allerdings haben spätere Nyingma-Meister, insbesondere die der unsektiererischen Rime-Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts, Kalachakra-Ermächtigungen aus den anderen Linien erhalten und weitergegeben, ebenso wie auch die niedergeschriebenen Kommentare zu allen Aspekten der Lehren. Darüber hinaus gibt es einen Kalachakra-Stil des Dzogchen bzw. der Praxis der Großen Vollständigkeit.

Innerhalb der vier tibetischen Traditionen ist das „Kalachakra-Tantra“ bei den Gelugs von herausragendster Bedeutung. Studium, Praxis und Rituale des Kalachakra erfuhren erstmals im fünfzehnten Jahrhundert besondere Aufmerksamkeit in Tashilhünpo, dem Kloster der frühen Dalai Lamas und später der Panchen Lamas in Zentraltibet. Mitte des siebzehnten Jahrhunderts verbreitete es sich in das von den Mandschu bald darauf als "Innere Mongolei" bezeichnete Gebiet, wo die Mongolen das erste Kloster-Kollegium bauten, das speziell der Kalachakra-Praxis gewidmet war. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gab es Kalachakra-Kollegien am Kaiserhof der Mandschus in Beijing, dann in Tashilhünpo, Amdo (Nordosttibet) und schließlich der sogenannten "Äußeren Mongolei". Während des neunzehnten Jahrhunderts übertrugen die Tibeter und die Mongolen der Inneren und Äußeren Mongolei das Kalachakra an die Burjat-Mongolen Sibiriens und diese wiederum verbreiteten es am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter den Kalmük-Mongolen an der Wolga und zu den sibirischen Turkvölkern von Tuva. Wie schon in anderen mongolischen Gebieten und in Amdo, widmeten sich auch in diesen Regionen große Abteilungen der Hauptklöster der Kalachakra Praxis.

Der Enthusiasmus der Mongolen und der Menschen aus Amdo und Tuva für Kalachakra erklärt sich vielleicht daraus, dass sie jeweils ihr Land mit dem sagenhaften Nordland Shambhala identifizierten. Auch viele Russen haben durch ihren Kontakt mit den Burjaten und Kalmüken mehr als ein Jahrhundert lang diesem Glauben angehangen. Zum Beispiel haben Madame Blavatsky und Nikolai Roerich Shambhala eine besondere Rolle in der Theosophie und im Agni Yoga zugesprochen, den esoterischen Traditionen, die jeder von ihnen jeweils begründete. Der Gesandte des Dreizehnten Dalai Lama am russischen Kaiserhof, Agvan Dorjiev, überredete den letzten Zaren, Nikolai den Zweiten, zur Errichtung eines buddhistischen Tempels in St. Petersburg, indem er ihm die Verbindung von Rußland mit Shambhala aufzeigte.

Kalachakra erhielt ebenfalls besondere Aufmerksamkeit in den medizinischen und astrologischen Instituten aller vier Traditionen des tibetischen Buddhismus in Tibet selbst, der Mongolei und anderen Teilen Zentralasiens. Das liegt daran, dass die Berechnungen für die Erstellung des tibetischen Kalenders und das Feststellen der Planetenpositionen, sowie ein großer Teil der tibetischen Astrologie und ein gewisser Umfang des tibetischen medizinischen Wissens von den äußeren und inneren Kalachakra-Lehren herstammt. Sowohl der mongolische Kalender, wie auch die astrologischen und medizinischen Systeme wurden in der Folge von den tibetischen abgeleitet. Daher ist Kalachakra so etwas wie die buddhistische Entsprechung zu einem Schutzpatron dieser Wissenschaften.

Kalachakra und die Linie der Dalai Lamas

Viele Menschen fragen sich, welche Verbindung zwischen Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama und Kalachakra besteht und warum er diese Initiation so oft gibt. Seine Heiligkeit behauptet bescheiden, dass es keine besondere Beziehung zwischen der Linie der Dalai Lamas und Kalachakra gibt, obwohl die Dalai Lamas als Inkarnationen eines der Herrscher von Shambhala angesehen werden. Nichtsdestoweniger zeigten der Erste, Zweite, Siebte, Achte und der gegenwärtige Vierzehnte Dalai Lama großes Interesse am Kalachakra-System. Seit der Zeit des Siebten Dalai Lama, am Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, sind Ritual und Meditationspraxis von Kalachakra die Spezialität des Namgyal Klosters gewesen, dem persönlichen Kloster der Dalai Lamas im Potala Palast in Lhasa.

Bezüglich der Anzahl, wie oft die Kalachakra-Ermächtigung während der Lebenszeit eines Meisters gegeben werden darf, gibt keine Begrenzung und es gibt auch keinen besonderen Grund, warum Seine Heiligkeit der gegenwärtige Dalai Lama sie so häufig überträgt. Seine Heiligkeit sagte, dass er sie gerne zu geben bereit ist, wenn er darum gebeten wird, vorausgesetzt, dass die Umstände förderlich sind. Seit 1970 hat er die Ermächtigung an zahlreichen Orten in Indien wie auch Nordamerika, Europa, der Mongolei und Australien übertragen. Auch haben einige andere große Meister der Gelug-, Kagyü-, Sakya- und Nyingma-Tradition sie weitverbreitet übertragen. Es macht wenig Unterschied, von welcher Linie die Kalachakra-Initiation erhalten wird. Sie alle ermächtigen uns, das umfassende Feld seiner Lehren zu studieren und zu praktizieren.

Kalachakra und Weltfrieden

Man hört immer davon, dass die Kalachakra-Ermächtigung für den Weltfrieden nützlich sei. Einige Leute ziehen sogar Kalachakra anderen Anuttarayoga-Tantra-Systemen aufgrund dieser Assoziation vor. Was ist aber nun genau die Verbindung von Kalachakra und Frieden und warum nehmen so viele Menschen teil? Obwohl Ermächtigungen anderer Tantras nur für eine geringe Anzahl von Schülern zur selben Zeit gedacht sind, gibt es eine historische Tradition, die Kalachakra-Initiation auf große Menschenansammlungen zu übertragen. Buddha gab sie zuerst dem König von Shambhala und seiner Begleitung von sechsundneunzig Nebenherrschern. Von ihren Nachfolgern wurde sie weiter auf die gesamte Bevölkerung von Shambhala mit dem Ziel übertragen, sie gegen die Gefahr einer möglichen Invasion zu vereinigen und die Vernichtung abzuwenden. Das ist der Ursprung der Verknüpfung der Kalachakra-Ermächtigung mit dem Weltfrieden und Grund für die Tradition, sie auf eine große Anzahl von Teilnehmern zu übertragen.

Nach der Kalachakra-Darstellung von geschichtlichen Zyklen, fallen barbarische Horden periodisch über die zivilisierte Welt her und versuchen, alle Möglichkeiten für spirituelle Praxis zu eliminieren. Eine zukünftige Invasion ist für das Jahr 2424 des gegenwärtigen Zeitalters vorhergesagt, von dem gesagt wird, dass in ihm ein neuer brutaler Weltkrieg stattfinden wird. Zu dieser Zeit wird von Shambhala aus Hilfe kommen, um die Barbaren zu schlagen. Ein neues goldenes Zeitalter wird heraufziehen, das für die spirituelle Praxis besonders förderlich sein wird, insbesondere für die Praxis von Kalachakra. All jene, die zuvor die Kalachakra-Initiation erhalten haben, werden zu dieser Zeit auf der siegreichen Seite wiedergeboren. Obwohl die höchste Motivation beim Nehmen der Ermächtigung darin besteht, befähigt zu werden, die Kalachakra-Methoden jetzt anzuwenden, um noch in diesem Leben die Erleuchtung zu erlangen, sind die Menschen traditionell in Scharen zur Initiation herbeigeströmt, um karmische Samen mit dem Ziel zu pflanzen, sich mit dem zukünftigen goldenen Zeitalter zu verbinden und die Praxis dann zu vollenden.

Shambhala

Da Shambhala eine herausragende Rolle im Kalachakra-System spielt, sind die meisten Menschen neugierig zu erfahren, was Shambhala tatsächlich ist und wo es sich befindet. Es gibt keinen Zweifel daran, dass der westliche Romanschreiber James Hilton den Mythos von Shangri-la – einem versteckten irdischen Paradies – aus einer Verdrehung des Namens "Shambhala" abgeleitet hat . Obwohl es einen Ort auf dieser Welt geben mag, der Shambhala repräsentiert, ist dieser nicht das eigentliche sagenhafte Land. Shambhala kann auf diesem Planeten nicht gefunden werden, auch nicht in einer entfernten Welt. Allerdings handelt es sich dabei um einen Bereich von Menschen, in dem alles förderlich für spirituelle Praxis ist, insbesondere für die von Kalachakra.

Meditationsmeister haben sowohl auf Sanskrit wie auch auf Tibetisch Anleitungen für die Reise nach Shambhala verfasst. Sie beschreiben diese Reise als nur bis zu einem gewissen Punkt körperlich. Der dort Angekommene muss danach Millionen von Mantras und andere spezielle Praktiken wiederholen, um am letztendlichen Ziel anzukommen. Die Reise nach Shambhala ist daher vor allem eine spirituelle. Das Ziel des Nehmens einer Kalachakra-Initiation ist nicht, Shambhala zu erreichen oder dort wiedergeboren zu werden, sondern wie bei allen buddhistischen Praktiken des Mahayana oder "Großen Fahrzeugs", die Erleuchtung hier und jetzt zum Wohle aller zu erlangen. Die Ermächtigung pflanzt hierfür die Samen, die uns befähigen, dieses Ziel auch zu erreichen, und hilft uns, einige der gröberen inneren Hindernisse zu reinigen, die sein Erlangen verhindern.

Nötige Vorbereitungen für den Erhalt der Ermächtigung und Selbsteinschätzung

Angenommen wir entwickeln auf der Grundlage, dass wir etwas über die besonderen Inhalte seiner Lehren, seine Geschichte und seinen Bezug zum Weltfrieden wissen, Interesse an Kalachakra. Dennoch müssten wir erst noch entscheiden, ob wir zum Erhalt der Ermächtigung und der Ausführung ihrer Praxis tatsächlich bereit sind oder ob es besser ist, als gut informierter und bewundernder Beobachter teilzunehmen. Die vernünftigste Vorgehensweise ist die, unsere Entscheidung auf den Grad unserer Vorbereitung zu gründen. Zwar sind hunderttausende von Niederwerfungen, Wiederholungen des Hundert-Silben-Mantras von Vajrasattva und so weiter äußerst hilfreich, doch besteht die Hauptvorbereitung im Üben des Lam Rim – den gestuften Pfaden des Verhaltens, Kommunizierens, Denkens und Fühlens, die zur Erleuchtung führen.

Der erste Schritt besteht darin, eine sichere, vernünftige und positive Richtung im Leben einzuschlagen, wie sie von den Buddhas, ihren Lehren und der Gemeinschaft derer, die in dieser Richtung weit fortgeschritten sind, zum Ausdruck gebracht werden. Was gewöhnlich als "Zuflucht nehmen" übersetzt wird, bedeutet, in dieser Richtung an uns selbst zu arbeiten, um einerseits unsere Probleme zu überwinden und andererseits die Fähigkeiten und Qualitäten zu erlangen, die notwendig sind, anderen so umfassend wie möglich helfen zu können. Indem wir unserem Leben diese Richtung geben, handeln wir auf der Grundlage von Verstehen und Vertrauen auf die Gesetze von Ursache und Wirkung in bezug auf unser Verhalten. Um Leiden und Probleme zu vermeiden unterlassen wir es, zerstörerisch zu handeln, und um Glück zu erleben handeln wir in einer konstruktiven Art und Weise.

Die wichtigste Vorbereitung für Tantra-Praxis ist die Entwicklung der drei grundlegenden Einstellungen des Pfades oder Lebensansichten: Entsagung, Bodhichitta und das Verständnis von Leerheit. Entsagung ist die Bereitschaft, Probleme und ihre Ursachen aufzugeben und gründet auf dem starken Entschluss, von den Leiden frei zu werden, die sie mit sich bringen. Weil wir zum Beispiel völlig davon angewidert sind, einsam und frustriert zu sein, sind wir entschlossen und bereit, nicht nur unsere ungesunden Beziehungen zu anderen aufzugeben, sondern auch unsere negativen Persönlichkeitsstrukturen sowie unser verwirrtes und verzerrtes Selbstbild, wodurch unsere Beziehungen so unerfüllt werden. Bodhichitta ist ein Herz, das sich ganz dem Erreichen der Erleuchtung – der Beseitigung aller Unzulänglichkeiten und der Verwirklichung aller Potentiale – zum Wohle aller verschrieben hat. Es ist motiviert von Liebe und Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen sowie von einem Gefühl der Verantwortung, ihnen soviel wie möglich bei der Überwindung ihrer Probleme und dem Erlangen von bleibendem Glück zu helfen. Leerheit bedeutet die Abwesenheit von phantasierten Existenzweisen.

Für gewöhnlich betrachten wir uns selbst, die anderen und alle Phänomene als in einer unmöglichen Weise existierend, welche nicht der Wirklichkeit entspricht. Wir erzeugen mit unserem Geist Phantasien auf unterschiedlichen Subtilitätsebenen und projizieren sie auf uns selbst und auf alles und jeden um uns herum. Einerseits bilden wir uns zum Beispiel ein, dass wir als ewiger Verlierer geboren wurden, dass wir es nie fertig bringen werden, eine befriedigende Beziehung zu irgendwem aufzubauen und beizubehalten, und dass die andere Person oder die äußeren Umstände niemals Fehler gemacht haben, wenn die Sache schief geht. Auf einer noch subtileren Ebene sind wir ganz auf uns selbst fixiert und denken, dass wir als ein festes "Ich" existieren, das sich in unserem Kopf befindet, und wir befürchten, dass es niemand mögen und jeder ablehnen wird. Indem wir diese Hirngespinste mit der Wirklichkeit verwechseln, handeln wir aus der Unwissenheit und Unsicherheit heraus, die diese erzeugt haben. Sogar noch bevor irgendein Konflikt auftritt, sind wir so nervös und gehemmt, dass dies das Fehlschlagen der Beziehung sicherstellt. Unser Verhalten bildet und verstärkt nicht nur ein Muster karmischer Potentiale für Probleme, die in zukünftigen Beziehungen reifen, sondern es führt auch zum Heranreifen vergangener Potentiale in Form von Zurückweisung in der Gegenwart.

Bevor wir mit der tantrischen Praxis beginnen können, müssen wir zumindest bezüglich der gröbsten Ebenen unserer Projektionen verstehen, dass sie sich auf nichts Reales beziehen. Niemand wird als Verlierer geboren und keine Beziehung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ein solches Verständnis entwickelt sich aus einer Sicht der Wirklichkeit, der "korrekten Sichtweise" der Leerheit, in Übereinstimmung mit mindestens einem der Mahayana-Philosophiesysteme, die der Buddha gelehrt hat – dem Chittamatra- oder einem der verschiedenen Madhyamaka-Systeme. Entsprechend diesen Systemen sind nicht nur wir selbst, sondern alles leer davon, in phantasierter Art und Weise zu existieren. Die jeweiligen Systeme unterscheiden sich hauptsächlich in der Subtilitätsebene der Phantasien, die sie ansprechen.

Als weitere Vorbereitung für die Ausübung von Tantra sind Vertrauen und Zuversicht in die tantrischen Methoden allgemein und insbesondere in die der höchsten Tantraklasse, dem Anuttarayoga, dahingehend nötig, dass diese die effizientesten und wirksamsten Mittel zur Erreichung der Erleuchtung darstellen. Jeder, der dieses zuversichtliche Vertrauen hat und über den geistigen Bezugsrahmen der drei grundlegenden Pfade sowie einen Lam-Rim-Hintergrund verfügt, wird als "geeignetes Gefäß" für den Erhalt der Kalachakra-Ermächtigung bezeichnet. Es ist an uns, zu beurteilen, ob wir ausreichend vorbereitet sind.

Überblick über die Initiation

Der Initiationsprozess zieht sich über mehrere Tage hin, wobei der erste Tag eine Vorbereitungszeremonie ist, gefolgt von üblicherweise zwei oder drei Tagen der eigentlichen Ermächtigung. Der wichtigste Teil der einleitenden Prozeduren ist das Zuflucht-Nehmen und das Nehmen der Bodhisattva- und der tantrischen Gelübde. Ohne aktiv alle drei genommen zu haben, können wir die Ermächtigung nicht erhalten, obwohl wir natürlich zuschauen und großen Nutzen daraus ziehen können. Die Ermächtigung selbst gestaltet sich als ein komplexer Vorgang, bei dem wir uns vorstellen, wie wir uns in eine Reihe spezieller Ausformungen verwandeln, bevor wir in das Mandala der Buddha-Form Kalachakra eintreten und darin eine Abfolge von Reinigungen sowie das Erwecken und Verstärken von Potentialen für einen zukünftigen Erfolg mit der Praxis erleben. Das Mandala ist ein enormer vielstöckiger Palast, in und um den sich einschließlich eines Hauptpaars im Zentrum 722 Gestalten versammelt haben. Der Meister, der die Ermächtigung überträgt, erscheint gleichzeitig als alle diese Gestalten und nicht nur als die im Zentrum. Daher visualisieren wir durch den gesamten Prozess hindurch uns selbst, unseren Lehrer und unsere Umgebung in einer äußerst besonderen Weise.

Die Schritte der Initiation sind extrem verschlungen und wenn man damit nicht vertraut ist, können die beinhalteten Visualisationen ziemlich verwirrend sein. Wenn wir aber, als geeignetes Gefäß, die Gelübde mit voller Ernsthaftigkeit nehmen und mit starkem Vertrauen zumindest fühlen, dass all die Visualisationen tatsächlich auftreten, dann können wir zuversichtlich sein, dass wir die Ermächtigung erhalten. Wenn wir erst einmal diese Basis gelegt haben, besteht der nächste Schritt darin, nach weiteren Anweisungen zu suchen und sie zu erhalten und dann so ernsthaft wie möglich zu versuchen, den vollständigen Pfad zur Erleuchtung zu beschreiten, wie er im „ Kalachakra-Tantra“ präsentiert wird.