Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Kalachakra-Initiation

Ursprüngliche deutsche Veröffentlichung:
Berzin, Alexander. "Kalachakra – Das Rad der Zeit".
Übers. Sönam Tharchin (Wolfgang Exler).
München: Barth Verlag, 2002.

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
Berzin, Alexander. Taking the Kalachakra Initiation.
Ithaca, Snow Lion, 1997.

Neuausgabe:
Introduction to the Kalachakra Initiation.
Ithaca: Snow Lion, 2010.

Teil I: Einführung und Übersicht

1 Einführung in Tantra

Die Notwendigkeit einer realistischen Herangehensweise

Ein Buddha zu werden, also jemand, der vollständig erwacht ist, bedeutet alle Fehler zu überwinden und alle Potentiale zu verwirklichen mit dem Ziel, anderen zu helfen. Angesichts all des Leides in der Welt müssen wir dringend die effektivste Methode finden, um dieses Ziel zu erreichen. Die Kalachakra-Initiation stellt eine Gelegenheit dar, auf eine solche Methode zu treffen. Das tibetische Wort für Initiation, wang, bedeutet Macht und eine Initiation ist präziser eine Ermächtigung. Sie überträgt die Macht und Fähigkeit, in bestimmte Meditationspraktiken zum Erreichen der Erleuchtung einzutreten, um so ein Buddha zu werden mit dem Ziel, anderen so umfassend wie möglich zu helfen.

Kalachakra ist ein Meditationssystem der höchsten Ebene des buddhistischen Tantras, dem Anuttarayoga. Manche Leute haben seltsame Vorstellungen über Tantra und meinen, mit großen Erwartungen, dass eine Initiation einen Eingang in eine magische Welt des exotischen Sex und der Superkräfte darstellt. Wenn sie herausfinden, dass dies nicht der Fall ist, dass die tantrische Praxis stattdessen komplex und fortgeschritten ist und ernsthafte Bemühung und das Halten von vielen Gelübden erfordert, werden sie verängstigt und wenden sich ab. Keine dieser Reaktionen, weder Aufregung noch Angst, ist angebracht. Wir müssen an Tantra und die Kalachakra-Initiation in einer feinfühligen Weise herangehen. Wie mein Hauptlehrer Tsenschab Serkong Rinpoche einmal sagte: "Wenn man Phantasiemethoden praktiziert, erhält man Phantasieergebnisse. Wenn man realistische Methoden praktiziert, erhält man realistische Ergebnisse."

Was ist Tantra?

Das Wort Tantra meint einen immerwährenden Strom der Kontinuität. Immerwährende Ströme wirken auf drei Ebenen: Als Grundlage, Pfad und Ergebnis. Auf der Grundlage-Ebene ist der immerwährende Strom unser Geist – genauer seine subtilste Ebene, genannt das ursprüngliche klare Licht, welches die Kontinuität durch alle unsere Leben hindurch gewährleistet. Wie ein reiner Laserstrahl bloßer Klarheit und bloßen Gewahrsein, unverfälscht durch die groben Oszillationen begrifflicher Gedanken oder verstörender Emotionen, liegt es jedem Moment unseres Erlebens zugrunde, ob wir wach sind oder schlafen. Wenn wir den Geist mit einem Radio vergleichen, das immer spielt, dann ist seine subtilste Ebene dem vergleichbar, dass das Gerät einfach an ist. Ein Radio bleibt an während des ganzen Prozesses, wenn wir eine Station verlassen, uns zwischen den Bandlagen befinden und auf eine andere Frequenz einstellen. In der gleichen Weise stellt sich unser subtilster Geist niemals ab und ist so die Grundlage unseres Erlebens des Todes, des Bardo  (dem Zustand zwischen den Wiedergeburten) und des Empfangens eines neuen Lebens. Weder die Station, noch die Lautstärke, noch nicht einmal statische Störungen beeinträchtigen die Tatsache, dass das Radio an ist. Ebenso beeinflussen weder der Wiedergeburtszustand, noch die Intensität des Erlebens, noch nicht einmal die "flüchtigen Befleckungen" durchlaufender Gedanken oder Stimmungen unseren Geist des klaren Lichts. Dieser subtilste Geist setzt sich sogar in die Buddhaschaft fort und stellt die Grundlage für das Erlangen der Erleuchtung zur Verfügung.

Weiter ist auch jeder Strom der Kontinuität individuell, sowohl vor wie nach der Erleuchtung. Alle Radios sind nicht ein und das selbe Radio, obwohl jeder Empfänger in der gleichen Art und Weise arbeitet. Daher gibt es nicht etwa einen universellen Geist des klaren Lichts, ebenso wenig ein Grundlagen-Tantra, an dem jeder Geist von uns teilhat.

Die zweite Ebene von Tantra, der immerwährende Pfad-Strom, bezieht sich auf bestimmte Methoden um ein Buddha zu werden, namentlich Meditationspraktiken, die Buddhaformen verwenden. Diese Methode wird manchmal als "Gottheiten-Yoga" bezeichnet. Die dritte Ebene, der immerwährende Ergebnis-Strom, ist die endlose Kontinuität an Buddha-Körpern, die wir mit der Erleuchtung erlangen. Umfassende Hilfe für andere benötigt Körper im Sinne von Netzwerken von Erkenntnis, Weisheit, Erfahrung und Ausformungen, um jedem Wesen und jeder Situation gerecht zu werden. Kurz, Tantra beinhaltet einen immerwährenden Strom der Praxis mit Buddha-Formen, um unseren immerwährenden Geist-Strom von seinen flüchtigen Befleckungen zu reinigen mit dem Ziel, auf seiner Grundlage den immerwährenden Strom der Körper bzw. Netzwerke eines Buddha zu erlangen. Texte, die diese Themen behandeln, werden ebenfalls Tantras genannt.

Gottheiten Yoga

Manchmal entsteht bei den Leuten Verwirrung wegen der tantrischen Praxis, sich auf Gottheiten zu stützen, welche in einigen Sprachen als "Götter" übersetzt werden. Diese Gottheiten sind jedoch keine allmächtigen Schöpfer oder Wesen in begrenzten, mit himmlischen Freuden angefüllten Wiedergeburtszuständen. Stattdessen handelt es sich dabei um sowohl männliche als auch weibliche außergewöhnliche Ausformungen, in denen Buddhas sich manifestieren mit dem Ziel, Menschen mit unterschiedlichen Neigungen dabei zu helfen, ihre Fehler zu überwinden und ihre Potentiale zu verwirklichen. Jede dieser Buddha-Formen stellt sowohl den voll erleuchteten Zustand dar wie auch einen seiner speziellen Aspekte wie Mitgefühl oder Weisheit. Avalokiteshvara ist zum Beispiel eine Manifestation des Mitgefühls und Manjushri ist die Verkörperung der Weisheit. Kalachakra stellt die Fähigkeit dar, mit allen Situationen zu jeder Zeit umgehen zu können. Eine Meditationspraxis, die um eine dieser Formen und den dadurch dargestellten Aspekt aufgebaut ist, stellt eine klare Ausrichtung und einen Rahmen zur Verfügung, die einen schnelleren Fortschritt in Richtung der Erleuchtung ermöglicht, als Meditation ohne sie.

Um das Leiden anderer so schnell wie möglich zu lindern bedarf es der effektivsten Methode, um die erleuchteten Möglichkeiten des Körpers, der Rede und des Geistes eines Buddhas zu erreichen. Die Grundlage dafür, dies zu erlangen, besteht in einem starken Anstreben, von Begrenzungen frei zu werden, in Liebe und Mitgefühl, die nicht wankelmütig sind, in ethischer Selbstdisziplin, in strenger Konzentration, in einem starken Verständnis der Wirklichkeit und im geschickten Umgang mit verschiedenen Mitteln, um anderen zu helfen. Sobald wir diese in einen funktionierenden Zustand versetzt haben, müssen wir sie verbinden und vervollkommnen, damit sie Früchte tragen. Tantra stellt eine solche Technik zur Verfügung, namentlich das Gottheiten-Yoga. Wie beim Durchführen der Generalprobe für ein Theaterstück stellen wir uns vor, dass wir bereits den ganzen Strauß dieser erleuchtenden Fähigkeiten als eine Buddha-Form besitzen, alle zusammen, alle gleichzeitig. Derartiges Vorgehen wirkt als effektive Ursache für die Integration dieser Eigenschaften und das schnellere Erreichen einer solchen Ausformung.

Dies ist eine fortgeschrittene Technik. Es ist schlecht möglich sich vorzustellen, dass man sämtliche Fähigkeiten eines Buddha gleichzeitig besitzt, bevor man nicht zuerst jede einzeln geübt hat. Wir müssen jede einzelne Szene lernen und proben, bevor wir das gesamte Stück durchgehen können. Daher ist es sowohl unangebracht wie auch unweise, tantrische Praxis zu versuchen ohne vorhergehende, beträchtliche Meditationserfahrung.

Training der Vorstellungskraft

Tantrische Praxis macht sich die Vorstellungskraft zu nutze – ein machtvolles Werkzeug, das wir alle besitzen. Sich wiederholt das Erreichen des Ziels vorzustellen ist eine Methode, die zwingend dazu führt, es schneller zu verwirklichen. Nehmen wir zum Beispiel einmal an wir sind arbeitslos. Wenn wir uns jeden Tag erneut vorstellen, dass wir eine Arbeit finden, werden wir damit schneller Erfolg haben, als wenn wir mit Depressionen und Selbstmitleid dabei verweilen, dass wir ohne Arbeit sind. Das liegt daran, dass wir eine positive Einstellung zu unserer Situation behalten. Mit einer negativen Einstellung mangelt es uns an Selbstbewußtsein selbst dafür, eine Arbeit zu suchen. Erfolg und Fehlschlag hängen im Leben von unserem Selbstbild ab und im Tantra arbeiten wir an der Verbesserung unseres Selbstbildes unter Verwendung der Buddha-Formen. Die Vorstellung, dass wir bereits Buddhas sind, stellt ein äußerst kraftvolles Selbstbild zur Verfügung, um negativen Gewohnheiten und Gefühlen der Unfähigkeit entgegenzuwirken.

Dabei benutzt die Technik des Tantra nicht einfach die Kraft des positiven Denkens. Wenn man die Vorstellungskraft nutzt ist es essentiell, praktisch zu sein und eine klare Unterscheidung von Phantasie und Wirklichkeit zu besitzen. Sonst können ernsthafte psychologische Probleme auftreten. Dementsprechend betont jeder Lehrer und jeder Text, dass eine unentbehrliche Voraussetzung für die tantrische Praxis eine einigermaßen stabile Ebene des Verständnisses von Leerheit ist – der Abwesenheit von phantasierten und unmöglichen Existenzweisen – und von abhängigem Entstehen – dem Entstehen aller Dinge abhängig von Ursachen und Umständen. Jeder ist fähig, eine Beschäftigung zu erlangen, weil niemand als völlig inkompetenter "Verlierer" existiert, und das Finden einer Arbeit hängt vom persönlichen Einsatz und der Wirtschaftslage ab.

Einige Leute weisen tantrisches Gottheiten-Yoga als eine Form der Selbsthypnose zurück. Uns vorzustellen, dass wir bereits ein Buddha sind, ist jedoch keine Form von Selbsttäuschung. Wir alle besitzen die Faktoren, die uns erlauben dieses Ziel zu erreichen – wir alle besitzen die "Buddhanatur". Mit anderen Worten: Weil jeder von uns einen Geist hat, ein Herz, Kommunikationsfähigkeiten und physische Energie, besitzen wir alle Rohmaterialien, die man benötigt, um die erleuchteten Fähigkeiten eines Buddha zu erzeugen. So lange wir erkennen, dass wir noch nicht wirklich auf dieser Stufe sind, und uns nicht selbst aufblasen mit Illusionen von Großartigkeit, können wir mit diesen Buddha-Formen ohne psychologische Gefahren arbeiten.

Im Tantra stellen wir uns dann vor, dass wir bereits die Form, Umgebung, Fähigkeiten und Freuden eines Buddha besitzen. Der physische Körper eines Buddha besteht aus durchscheinendem, klarem Licht, fähig anderen unermüdlich zu helfen, und ist nie in irgend einer Weise unzulänglich. Uns selbst so als Buddha-Form mit grenzenloser Energie vorzustellen macht uns jedoch nicht zum "Workaholic" oder Märtyrer, der unfähig ist nein zu sagen. Natürlich ruhen sich tantrische Praktizierende aus, wenn sie müde sind. Nichtsdestoweniger hilft das Aufrechterhalten dieser Art von Selbstbild, die selbstauferlegten Grenzen zu dehnen. Jeder hat eine fast endlose Menge an Energie zur Verfügung, die man in Notfällen anzapfen kann. Niemand ist zu verausgabt, um zu seinem Kind zu laufen, wenn es hingefallen ist und sich verletzt hat.

Zusätzlich empfinden wir während wir Tantra praktizieren die Umwelt, die uns umgibt, als völlig rein und förderlich für jedermanns Fortschritt. Sich dies vorzustellen bedeutet nicht, ökologische und soziale Themen zu ignorieren. Allerdings hören wir auf,  bei negativen Aspekten zu verbleiben, um anderen und uns selbst zu helfen, Depressionen und Verzweiflung zu überwinden. Eine ausreichend starke Motivation und effektive Methoden zur Umwandlung von Einstellungen führen unabhängig von der Örtlichkeit zu spirituellem Fortschritt. Anstatt uns unaufhörlich zu beschweren und den Weltuntergangsverkünder zu spielen, versuchen wir uns und der Welt Hoffnung zu geben.

Wir stellen uns auch vor, dass wir anderen von Nutzen sind, indem wir handeln wie ein Buddha. Wir empfinden, dass wir einfach durch unsere Art zu sein mühelos auf jedermann um uns herum einen positiven, erleuchtenden Einfluss ausüben. Wir können verstehen, was das heißt, wenn wir uns schon einmal in der Gegenwart eines großen spirituellen Wesens befunden haben, wie zum Beispiel Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas oder Mutter Teresa. Die meisten Menschen, auch wenn sie nur leicht empfänglich sind, fühlen sich inspiriert und bewegt, sich edler zu verhalten. Wir stellen uns vor, dass wir eine ähnliche Auswirkung auf andere haben. Rein unsere Gegenwart oder sogar das Erwähnen unseres Namens beruhigt andere, bringt ihnen Frieden im Geist und Freude und regt sie dazu an, zu neuen Höhen vorzudringen.

Schließlich stellen wir uns vor, dass wir fähig sind, Dinge in der reinen Art zu genießen, in der dies ein Buddha tut. Unsere übliche Art des Genusses ist vermischt mit Verwirrung, was oft als "verunreinigtes Vergnügen" übersetzt wird. Immer sind wir kritisch, nie zufriedengestellt. Wir hören Musik und können sie nicht voll genießen, weil wir andauernd daran denken, dass die Tonreproduktion nicht so gut ist, wie sie auf der Anlage unseres Nachbarn wäre. Ein Buddha erfreut sich hingegen an allem ohne auch nur einen Hauch von Verwirrung. Wir stellen uns vor, dies ebenso zu tun, zum Beispiel wenn wir die Gaben von Licht, Räucherwerk, Speise und so weiter in den verschiedenen Ritualen genießen.

Nutzung der Visualisation zur Ausdehnung unserer Fähigkeiten

Viele der Buddha-Formen haben viele körperliche Merkmale in einer Auswahl von Farben. Kalachakra besitzt zum Beispiel einen Regenbogen aus vier Köpfen und vierundzwanzig Armen. Dies mag zunächst seltsam erscheinen, aber es gibt tiefgehende Gründe dafür. Alle Formen, die man sich im Tantra vorstellt, haben mehrere Zwecke und jeder ihrer Teile und Farben hat viele Symbolebenen. Ihre Komplexität spiegelt die Natur des Ziels wider, ein Buddha zu werden. Buddhas müssen die gesamte Ansammlung ihrer Verwirklichungen und Qualitäten aktiv und gleichzeitig im Geist halten, damit sie sie effektiv nutzen können, um anderen zu helfen. Darüber hinaus müssen Buddhas sich der Myriaden von persönlichen Details derjenigen bewusst sein, denen sie helfen, damit sie immer das tun können, was angezeigt ist.

Dies ist kein unerreichbares Ziel. Bereits jetzt behalten wir viele Dinge gleichzeitig im Geist. Wenn wir zum Beispiel ein Auto fahren sind wir uns der Geschwindigkeit bewusst, des Abstands, den wir benötigen, um zu bremsen oder um ein anderes Fahrzeug zu überholen, der Geschwindigkeit und Position der Autos um uns herum, der Fahrregeln, des Zwecks und Ziels unserer Reise, der Verkehrsschilder und so weiter. Zum selben Zeitpunkt koordinieren wir unsere Augen, unsere Hände und Füße, werden aufmerksam auf seltsame Motorgeräusche und können sogar noch Musik hören und uns unterhalten. Tantrische Visualisation hilft diese Fähigkeit auszudehnen.

Ohne eine Methode ist es sehr schwierig, uns darin zu trainieren, vierundzwanzig Erkenntnisse und Qualitäten gleichzeitig im Geist zu behalten, wie zum Beispiel Unbeständigkeit, Mitgefühl, Geduld und so weiter. Eine Merkhilfe mit Worten, wie zum Beispiel ein Ausdruck, der aus den Anfangsbuchstaben der einzelnen Posten zusammengestellt wurde, ist hilfreich für das Erinnern einer Abfolge. Jede Erkenntnis und Qualität in einer graphischen Form darzustellen, wie im Falle der  vierundzwanzig Arme einer Buddha-Form, macht es allerdings wesentlich einfacher, sich alle auf einmal gegenwärtig zu halten. Denken wir an die Situation eines Lehrers einer Klasse mit vierundzwanzig Kindern. Für die meisten Menschen ist es ziemlich schwierig, die Persönlichkeit und besonderen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes im Geist zu behalten, wenn sie daheim die Stunde planen. Eine Liste ihrer Namen zu Rate zu ziehen mag einigermaßen hilfreich sein, aber tatsächlich vor der Klasse zu stehen und die Kinder zu sehen lässt sofort und lebhaft alle Faktoren im Geist aufsteigen, die nötig sind zur Gestaltung der heutigen Stunde.

Ein Mandala, wörtlich ein symbolisches Universum, ist ein weiteres Hilfsmittel in dem Prozess, mit dem wir unsere Vergegenwärtigung ausdehnen und alles in einer reinen Weise sehen wollen. In diesem Zusammenhang bezieht sich Mandala auf den Palast und die umgebenden Gegenden, in denen eine Buddha-Form lebt. Wie die Teile unseres Körpers so korrespondiert auch jedes Merkmal der Architektur zu einer Verwirklichung oder einer positiven Eigenschaft, die wir aktiv im Geist behalten müssen. Als ein Palast ist ein Mandala tatsächlich eine dreidimensionale Struktur. Ein Mandala aus farbigem Sand oder auf Stoff gemalt ist wie der Bauplan eines Architekten von diesem Gebäude. Niemand visualisiert während Ermächtigungen und der nachfolgenden Meditationspraxis die zweidimensionale Zeichnung, sondern nur die dadurch repräsentierte Struktur.

Die Praxis der Erzeugungsstufe und der vollständigen Stufe

Das Anuttarayoga-Tantra besitzt zwei Praxisphasen. Die erste, die Erzeugungsstufe, beinhaltet komplexe Visualisationen. In der täglichen Meditation stellen wir uns eine Folge von Ereignissen vor. Diese beinhalten die Selbsterzeugung als eine oder mehrere Buddha-Formen innerhalb der symbolischen Welt eines Mandalas und das Aufbringen eines Verständnisses oder Empfindens verschiedener Punkte wie Leerheit und Mitgefühl im Geist. Um die Beibehaltung der Folge zu unterstützen lesen wir gewöhnlich oder rezitieren wir aus dem Gedächtnis eine Sadhana, die so etwas wie der Text für diese tägliche Visualisations-Oper ist.

Die zweite Praxisphase ist die vollständige Stufe, manchmal als "Vollendungsstufe" übersetzt. Als Ergebnis der Anstrengungen, die man im vorhergehenden Schritt gemacht hat, ist jetzt alles vollständig, um der Prozedur zu folgen, die tatsächlich das Ziel, ein Buddha zu werden, hervorbringt. Da wir die Stärke unserer Vorstellungskraft trainiert haben, nutzen wir sie als Schlüssel, der unser subtiles Energiesystem aufsperrt – die unsichtbaren Kanäle und Kräfte in unserem Körper, die sich auf unsere Stimmungen und Geisteszustände auswirken. Ohne Einübung der vorhergehenden Erzeugungsstufe bleibt dieses System unverfügbar für die Meditationsnutzung. Wenn wir uns allerdings einmal den Zugang verschafft haben, dann bringt das bewusste Bewegen subtiler Energien durch ihre Kanäle unseren subtilsten Geist des klaren Lichts an die Oberfläche. Meditationsarbeit mit dieser Ebene des Geistes erzeugt dann die unmittelbare Ursache für das tatsächliche Erlangen der physischen Körper und des Geistes eines Buddha. Der Prozess ist nicht länger einer der Vorstellung.

Erfolg richtet sich  im Tantra, wie bei allem im Leben, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Unser letztendliches Ziel ist die umfassendste Fähigkeit, anderen zu nutzen. Um dieses Ziel eines Ergebnis-Tantras – eines immerwährenden Stroms an Buddha-Netzwerken – zu verwirklichen, müssen wir unser Grundlagen-Tantra umwandeln – die immerwährende Kontinuität unseres ursprünglichen Geistes des klaren Lichts. Wir müssen es dazu bringen, als ein Netzwerk der Weisheit zu funktionieren, das ein ausgedehntes Netzwerk erleuchtender Formen erscheinen lässt. Dies erfordert ein Pfad-Tantra, einen immerwährenden Strom an Praxis der vollständigen Stufe und Erzeugungsstufe. Mit ersterer verschaffen wir uns Zutritt zum Geist des klaren Lichts durch Arbeit mit unserem subtilen Energiesystem, während wir mit letzterer die Werkzeuge für die Erfüllung dieses Vorhabens erhalten, indem wir die Kraft unserer Konzentration und Vorstellung trainieren. Auf diese Weise agiert jede Stufe tantrischer Praxis als Ursache für das Erreichen ihrer nachfolgenden Phase.

Die Rolle des Erhaltens einer Ermächtigung und des Nehmens von Gelübden

Als Teil unseres Grundlagen-Tantra besitzen wir alle die Arbeitsmaterialien, aus denen wir die Netzwerke eines Buddha formen können. Alle Potentiale, die wir benötigen, sind beinhaltet in unserem Geist des klaren Lichts – dem Hauptaspekt unserer Buddhanatur, dem wichtigsten Faktor, der es jedem von uns erlaubt, ein Buddha zu werden. Bevor wir diese Potentiale verwirklichen können müssen wir sie allerdings aktivieren. Dies ist die Funktion des Erhaltens einer Ermächtigung und darin liegt ihre Notwendigkeit. Eine Einweihung, die von einem voll qualifizierten Meister übertragen wird, beseitigt zuerst die anfänglichen Hindernisse, die den Zutritt und die Benutzung dieser Buddhapotentiale verhindern. Dann erweckt sie diese Fähigkeiten und verstärkt sie. Diese zweiteilige Prozedur wird genannt das "Erhalten von Reinigung und Pflanzen von Samen". Der Prozess funktioniert allerdings nur, wenn wir uns vorstellen oder fühlen, dass er stattfindet. Eine Ermächtigung benötigt eine aktive Teilnahme sowohl des Lehrers als auch des Schülers.

Ein spiritueller Meister ist in diesem Prozess unerlässlich. Ein Ritual in einem Buch zu lesen oder seine Durchführung auf einem Video zu verfolgen ist nicht kraftvoll genug, um die Buddha-Potentiale zu aktivieren. Wir müssen persönlich an einer Live-Erfahrung teilnehmen. Es ist nicht schwierig, dies zu akzeptieren. Wir alle kennen den Unterschied zwischen dem Hören einer Aufnahme bei uns zu Hause und der Teilnahme an einem Live-Konzert. Indem wir uns persönlich einem voll qualifizierten Meister aussetzen, der eine Ermächtigung überträgt, erlangen wir Inspiration, Zuversicht, Vertrauen und eine Quelle der Anleitung, um die nachfolgende Praxis des Tantra aufrecht zu erhalten. Auch errichten wir eine starke Verbindung nicht nur mit dem Lehrer, der die Initiation übermittelt, sondern mit der ganzen Überlieferungslinie der Meister, von denen die Praxis sich herleitet und die zurückführt bis zum Buddha selbst. Zu wissen, dass immer wieder Menschen spirituellen Erfolg mit diesen Techniken erlangten, ist psychologisch sehr wichtig und stellt uns ein großes Gefühl der Zuversicht zu dieser Praxis zur Verfügung. Wenn wir eine Ermächtigung erhalten, dann schiffen wir uns nicht zu einem trivialen Unternehmen ein. Wir phantasieren nicht über uns selbst, Mickey Mouse in Disneyland zu sein. Wir treten in eine lange Linie von ernsthaft Praktizierenden ein, die die Gültigkeit der tantrischen Techniken über Jahrhunderte hinweg bewiesen haben.

Ohne ein Spalier zum Wachsen erhebt sich eine Weinrebe nie vom Boden. In gleicher Weise ist eine klare Struktur für die Entwicklung der Buddha-Potentialien essentiell, wenn sie einmal aktiviert sind. Dies ist der Zweck der in einer Anuttarayoga-Ermächtigung abgelegten Gelübde und aufgenommenen Verpflichtungen: Sie stellen die für allen nachfolgenden Fortschritt benötigte unterstützende Struktur zur Verfügung. Tantrische Praxis ist kein gelegentliches Hobby und ist auch nicht auf das Meditationskissen beschränkt. Die persönliche Umwandlung, die wir im Tantra vorhaben, umfasst jeden Aspekt des Lebens. Wie können wir ohne klare Richtlinien vorankommen? Diese Richtlinien werden zur Verfügung gestellt von den Zufluchts-Verpflichtungen und den Bodhisattva- und tantrischen Gelübden.

Zufluchtnahme gibt dem Leben eine sichere und positive Richtung. Wir streben es an, unsere Mängel zu beseitigen und unsere Potentiale zu verwirklichen wie es die Buddhas getan haben und es hochverwirklichte Praktizierende tun. Durch die Bodhisattva-Gelübde halten wir uns selbst von negativem Verhalten ab, das diesem Ziel entgegensteht. Wir geloben, uns von den Handlungen fern zu halten, die unserer Fähigkeit anderen zu helfen schadet. Das Einhalten der tantrischen Gelübde stellt sicher, dass wir in den Vielschichtigkeiten der tantrischen Praxis nicht vom Weg abkommen. Kurz, es ist ein wundervolles Geschenk und nicht etwa eine drückende Last, dass der Buddha diese Richtlinien der Gelübde und Übungen übermittelt hat. Wir müssen nicht erst aus unseren Fehlern lernen, welches Verhalten wir annehmen oder vermeiden müssen, um die Erleuchtung zum Wohle aller zu erreichen.

Eine Ermächtigung durch eine geschmackvolle Zeremonie zu erhalten gibt uns einen Bezugspunkt, auf den wir zurückblicken können als den Anfang unserer formalen Verpflichtung auf den tantrischen Pfad. Wenn wir die Hauptübergänge im Leben mit uralten Ritualen kennzeichnen, dann nehmen wir sie wesentlich ernster als wir das tun würden, wenn wir sie einfach vorübergehen lassen. An Bord des tantrischen Fahrzeugs zu gehen und sich zu einer fortgeschritteneren Phase buddhistischer Praxis einzuschiffen ist ein solcher Hauptübergang. Die Ermächtigung mit ihren Prozeduren für die Bindung an den tantrischen Meister und das Nehmen der Gelübde kennzeichnet dieses Ereignis in einer erinnerungswürdigen Weise.

Verpflichtung

Viele Menschen haben Angst davor, sich zu etwas zu verpflichten – ob das nun ein Partner ist, ein Beruf oder ein spiritueller Pfad. Den Verlust ihrer Freiheit fürchtend gehen sie an jede Verpflichtung mit Unentschiedenheit und Zögerlichkeit heran. Andere haben das Gefühl, dass eine Verpflichtung eine moralische Pflicht darstellt, und dass sie, wenn sie diese brechen, böse Menschen sind. Indem sie keine falsche Entscheidung treffen wollen und nicht riskieren wollen, "böse" zu sein, haben sie Schwierigkeiten, irgend einen großen Schritt im Leben zu tun. Wieder andere betrachten Verpflichtungen als etwas zeitlich begrenztes und lassen sich auf sie nur ein, wenn es eine Rettungsklausel gibt, wie zum Beispiel die Möglichkeit einer Scheidung. Sie gehen Verpflichtungen nur oberflächlich ein und brechen sie leicht, sobald sie einige Unbequemlichkeiten erfahren.

Derartige Einstellungen sind, insbesondere wenn man sie auch beim Verpflichten zu einer tantrischen Praxis, gegenüber einem spirituellen Meister oder zum Halten von Gelübden hat, ein Hindernis für spirituellen Fortschritt. Ein mittlerer Weg ist erforderlich. Einerseits ist es unweise, sich in etwas hineinzustürzen, bevor man die Folgen ernsthaft untersucht hat. Andererseits müssen wir im Leben Entscheidungen treffen, sonst werden wir nie irgendwo hinkommen. Der Weg zur Beseitigung der Unentschlossenheit besteht darin, dass man ehrlich seine Fähigkeit und seine Bereitschaft, sich zu verpflichten, einschätzt, dass man klar erkennt, zu was wir uns verpflichten, und dass man die Beziehung zwischen Verpflichtung und Freiheit tiefgehend versteht. Wir brauchen Zeit und Weisheit.

Entsprechend verschiedener Verpflichtungsstufen gibt es zwei Arten,  einer Initiation beizuwohnen. Wir können entweder als aktiver Teilnehmer oder als interessierter Beobachter kommen. Aktive Teilnehmer nehmen alle mit der Praxis verbundene Gelübde, tun ihr bestes, um die Visualisationen durchzuführen, und erhalten daher tatsächlich die Ermächtigung. Im Anschluss formen sie ihr Leben in Übereinstimmung mit den Richtlinien ihrer Gelübde und führen zumindest die anfänglichen Stufen tantrischer Meditation durch. Wenn wir zum Beispiel eine Anuttarayoga-Ermächtigung der Gelug-Tradition erhalten, fangen wir eine tägliche Meditationspraxis an, die als Yoga in sechs Sitzungen bekannt ist. Diejenigen, die sich für einen solchen Schritt nicht bereit fühlen, wohnen als Beobachter bei und erhalten die Ermächtigung nicht wirklich.

Ein Beobachter zu sein beinhaltet keinerlei Schande oder Schuld. Es ist bei weitem weiser, auf diese Art beizuwohnen, als vorschnell Verpflichtungen aufzunehmen, die wir später bereuen. Interessierte Beobachter müssen sich aber auch nicht nur zurücklehnen und der Zeremonie als einem unterhaltsamen anthropologischem Spektakel zuschauen. Vielmehr ist dies eine großartige Gelegenheit, um viel aus dem Erlebnis zu ziehen. Sowohl der Teilnehmer, wie auch der Beobachter finden die Initiation daher bedeutungsvoller, wenn sie zuvor die grundlegenden Tatsachen über das  Tantra verstehen.

Die Auswahl eines Tantra-Systems

Angenommen wir haben eine grundlegende buddhistische Einstellung, eine funktionierende Grundlage an Einsicht und einen zuversichtlichen Glauben an die Effektivität und Notwendigkeit der Techniken des Anuttarayoga-Tantra. Wenn wir uns bereit fühlen, eine Ermächtigung zu erhalten, oder wenn wir als interessierter Beobachter beiwohnen möchten, dann ist die nächste Frage, welches Anuttarayoga-System wir wählen sollen. Die Auswahl ist groß, zudem in einer fremden Sprache, und den meisten von uns mangelt es an einer engen Beziehung zu einem spirituellen Meister, den wir um Rat fragen könnten. Manchmal haben wir allerdings keine große Wahl, weil qualifizierte Meister nur selten in unsere Gegend kommen und sogar noch seltener eine Ermächtigung zu dieser höchsten Klasse des Tantra geben.

Die wichtigsten Punkte, die wir vor dem Nehmen einer Initiation bedenken müssen, sind die Qualifikationen des Lehrers. Selbst wenn uns eine unqualifizierte Person die Initiation in ein Tantra-System gibt, an deren Erhalt wir starkes Interesse haben, ergibt sich aus der Teilnahme keinerlei Nutzen. Jeder, der Rituale eingeübt hat, kann rezitieren und die Bewegungen einer Initiationszeremonie durchführen, aber mangels ausreichender Qualifikation überträgt jemand, der nur etwas vorgibt, nichts auf uns. Selbst wenn der Lehrer der richtige ist, wird unsere Wahl des Tantra-Systems manchmal durch das diktiert, was andere erbeten und organisiert haben. Dennoch ist Verfügbarkeit kein optimales Kriterium für die Auswahl eines Tantra-Meditationssystems. Manchmal liegt unsere Priorität beim Errichten einer starken Verbindung zu diesem Lehrer, nicht notwendig mit der Buddha-Form bezüglich derer er oder sie die Ermächtigung überträgt. Am besten ist es jedenfalls, sowohl den richtigen Lehrer zu treffen als auch das richtige Tantra-System. Um herauszubekommen, ob dieses System das Kalachakra ist, müssen wir etwas darüber wissen.