Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Gelug-Kagyü-Tradition der Mahamudra

Erstveröffentlichung auf Englisch als:
H. H. the Dalai Lama and Berzin, Alexander: The Gelug/Kagyü Tradition of Mahamudra. Ithaca: Snow Lion, 1997.

Teil 1: Eine Einführung in Mahamudra und ihre praktische Anwendung im Leben

Alexander Berzin, Juli 1996
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

3. Verhindern, dass die vorbereitenden Praktiken fade und wirkungslos werden


Gründe, warum die vorbereitenden Praktiken fade und wirkungslos werden

Beim Praktizieren der vorbereitenden Übungen stellen wir manchmal fest, dass sie uns langweilig werden. Der Fehler liegt in erster Linie an unserer mangelnden Motivation. Die beste Maßnahme, um dies zu vermeiden, ist es, uns ständig unsere Gründe, warum wir diese Praktiken ausführen, wieder in den Sinn zu rufen. Wenn wir als Westler diese Praktiken wie eine Pflichtübung ausführen, so wie wir in der Armee Befehle befolgen, vergeht uns mit Sicherheit die Lust daran. Oder wenn wir einfach nur mechanisch durch den Ablauf gehen, ohne ein Verständnis davon oder Gefühl dafür, warum wir dies tun, dann sind sie uns mit Sicherheit langweilig und wirkungslos geworden. Auf der anderen Seite – auch wenn es verschiedene Stufen von spiritueller Motivation geben kann – wenn wir ernsthaft versuchen, ein hingebungsvolles Bodhicitta-Herz zu entwickeln, bleiben wir immer achtsam gegenüber den Schwierigkeiten anderer Menschen und verspüren den tiefen Wunsch, etwas Konstruktives zu tun, um ihnen zu helfen. Dies bewegt uns zum Handeln, um uns so vollständig wie möglich weiterzuentwickeln, und dies beginnt mit den vorbereitenden Übungen. Solch eine Einstellung macht unsere vorbereitenden Praktiken dann wichtig und relevant für unser Ziel.

Manchmal jedoch messen wir den vorbereitenden Übungen – obgleich wir eine korrekte und aufrichtige Motivation haben – übermäßig viel Bedeutung bei. Wir lassen sie in unserem Geist zu etwas Monströsem ,da draußen’ heranwachsen. Dann verfallen wir wahrscheinlich in eines von zwei Extremen: Entweder betrachten wir die vorbereitenden Übungen mit einer verzerrten und antagonistischen Einstellung, gewöhnlich als ,falsche Sichtweise’ übersetzt. Wir machen sie schlecht und verwerfen sie, in der Annahme, dass sie reine Zeitverschwendung seien. Wir haben das Gefühl, sie seien nur für Anfänger, aber nicht für uns und dass wir daher direkt zur Haupt-Mahamudra-Praxis kommen sollten.

Das andere Extrem ist, die vorbereitenden Übungen zu einer riesigen Tortur zu machen, wie etwas aus einer griechischen Sage – wie Herkules, der die seit Jahrhunderten nicht gereinigten phrygischen Stallungen ausmistet. Überwältigt von der Aussicht, unseren Geist von all unserem geistigen Müll freizuräumen, haben wir das Gefühl, dass uns das nie gelingen wird. Solch eine Einstellung macht die vorbereitenden Übungen zu einer Horrorschau, und natürlich vergeht uns die Lust, weil wir auf der Stelle entmutigt sind und das Gefühl haben, wir werden nie vorankommen.

Mit den vorbereitenden Übungen kreativ umgehen

In den Texten werden viele unterschiedliche Arten von vorbereitenden Übungen erwähnt. Obgleich es Listen und Instruktionen für vier, fünf, acht oder neun Standardübungen gibt, kann jegliche sich wiederholende positive Handlung als vorbereitende Übung dienen, vorausgesetzt, wir haben die richtige Motivation. So hatte Buddha zum Beispiel einmal einen Schüler, der äußerst schwer von Begriff und unfähig war, auch nur irgendetwas, dass ihm beigebracht wurde, zu verstehen oder im Gedächtnis zu behalten. Doch er hatte den aufrichtigen Wunsch, zu lernen und sich zu verbessern. Was tat der Buddha? Er wies den Burschen an, den Tempel zu fegen, tagein, tagaus, wobei er wiederholen sollte: „Schmutz hinfort, Schmutz hinfort!“ Darüber hinaus richtete er es ein, dass der Tempel immer voller Staub war. Dies war die vorbereitende Übung, die der Buddha diesem Schüler aufgab. Allmählich war der dummköpfige Junge in der Lage zu verstehen, dass der Schmutz, den er versuchte davonzufegen, tatsächlich die Verwirrung in seinem eigenen Geist war. Bald konnte er alles verstehen, und am Ende wurde er ein Arhat – ein befreites Wesen.

Neun Jahre lang hatte ich das Privileg, der Übersetzer und Sekretär meines verstorbenen Lehrers, Tsenzhab Serkong Rinpoche, zu sein. Ich scherzte oft, dass meine vorbereitende Übung darin bestand, in seinem Namen hunderttausend Briefe zu schreiben und hunderttausend Telefonate zu machen, um zu helfen, seine Vortragsreisen in der ganzen Welt zu organisieren. Obgleich das in gewissem Sinne vielleicht ein Scherz war, glaube ich doch, dass es in anderer Hinsicht auch stimmte. Ich habe diese Aufgaben glücklich erledigt und für ihn so gut übersetzt, wie ich konnte, weil ich sah, dass dies die effektivste Weise war, wie ich anderen von Nutzen sein konnte, nämlich indem ich meinem Lehrer half, sie zu lehren. Gewiss verwandelte diese Geisteshaltung diese Unzahl von Briefen und Anrufen in eine Methode, um Hindernisse zu schwächen und positive Kraft und Potentiale aufzubauen, um später selbst zum Lehrer zu werden.

Das Wesentliche der vorbereitenden Übungen ist nicht die Form, die sie annehmen, sondern der Prozess, dem wir uns mit ihrer Hilfe zu unterziehen versuchen. Nicht der Inhalt oder die Struktur der Praxis, sondern der Zustand des Geistes, den wir vor, während und nach der Praxis erleben, ist der wesentliche Faktor. In diesem Lichte betrachtet kann selbst das hunderttausendfache Wechseln der Windel unseres Babys zu einer tiefgründigen vorbereitende Übung werden. Wir müssen praktisch und kreativ sein. Nicht jeder hat die Zeit, hunderttausend Niederwerfungen zu machen, und eine Mutter zu sein, die sich verantwortungsvoll um ihr Baby kümmert, sollte mit Sicherheit kein inhärentes Hindernis sein, dass einen von spiritueller Praxis abhält und am Fortschritt hindert. Wir müssen die Essenz verstehen.

Was tun wir, wenn wir wieder und wieder die Windeln des Babys wechseln? Wenn wir es vom Standpunkt des Aufbauens und Reinigens betrachten – einem tibetischen Synonym für vorbereitende Übungen – reinigen wir uns von gewissen negativen Einstellungen. Wir arbeiten nämlich daran, die Faulheit und Selbstsucht zu überwinden, mit denen wir denken: „Ich möchte nicht mit dem Unrat eines anderen in Berührung kommen. Ich möchte mir meine Hände nicht schmutzig machen.“ Diese Einstellung zu verringern hilft uns auch, die Stärke der geistigen Hindernisse zu vermindern, mit der wir mit den persönlichen Problemen anderer Menschen nicht in Berührung kommen und nichts damit zu tun haben wollen, weil wir uns auch im übertragenen Sinne nicht die Hände schmutzig machen wollen. Zudem bauen wir positive Kraft auf. Im Laufe des Prozesses, in dem wir uns um die Bedürfnisse unseres Babys kümmern, bauen wir eine immer größere Fähigkeit und Bereitschaft auf, uns in Zukunft um andere zu kümmern.

Jegliche Aktivität in einen spirituellen Pfad verwandeln

Die Praxis der vorbereitenden Übungen ist nicht nur auf die anfänglichen Stadien unseres spirituellen Pfades beschränkt, und dann ist sie beendet. Wir müssen uns kontinuierlich von Hindernissen reinigen und positive Kraft ansammeln, den ganzen Pfad entlang. Wir setzen den Prozess fort, bis wir unser Ziel erreicht haben, völlig gereinigt und fähig zu sein, unser gesamtes Potential zum Wohle der anderen zu nutzen. Da dies solch ein langfristiger und zentraler Prozess ist, ist es wichtig zu erkennen, dass wir mit der richtigen Einstellung und Motivation jegliche sich wiederholende positive oder neutrale Handlung, die wir zu Hause oder im Büro ausführen, in eine vorbereitende Übung verwandeln können, die effektiv alle geistigen Blockaden abtragen und positive Kraft aufbauen kann.

Wir lesen in vielen buddhistischen Standardwerken, wie wir selbst die banalsten Handlungen in einen spirituellen Pfad verwandeln können. Wenn wir zum Beispiel einen Raum betreten, können wir uns vorstellen, dass wir von Samsara oder unkontrollierbar wiederholter Wiedergeburt frei werden und ins Nirvana eintreten, einen Zustand der Erlösung und Freiheit von Leid. Wir können uns dabei auch vorstellen, dass wir alle Wesen dabei mitnehmen. Wir müssen mit den Dharma-Belehrungen kreativ umgehen und dieses Prinzip auf unsere persönlichen Lebensumstände anwenden und alles, was wir tun, in eine vorbereitende Übung verwandeln.

Nehmen wir zum Beispiel an, wir würden in einem Büro arbeiten und den ganzen Tag seitenlange Papiere tippen. Wenn wir dies lediglich als unseren Job betrachten und es langweilig und bedeutungslos finden und es hassen, wird es uns kaum mehr als ein bisschen Geld, Kopfschmerzen und viel Frustration bringen. Das gleiche kann der Fall sein, wenn wir wiederholte Niederwerfungen machen. Wir haben nicht viel davon, wenn wir sie wie eine unangenehme Pflicht auf der Arbeit betrachten, die wir erledigen müssen. Wir bekommen nur Rückenschmerzen und noch nicht einmal Geld! Doch wenn wir das ganztägige Tippen mit der Einstellung betrachten: „Ich stelle Dinge klar, so dass jemand anderem etwas effektiv mitgeteilt werden kann”, stellen wir fest, dass es keinen Unterschied macht, wie trivial der Inhalt dessen ist, was wir tippen. Es ist der Prozess, der wichtig ist – wir stellen etwas klar und machen es verfügbar für die Kommunikation mit anderen. Mit solch einer Einstellung und Motivation dient unsere tägliche Büroroutine effektiv als vorbereitende Praxis.

Um mit den buddhistischen Lehren kreativ umzugehen, müssen wir alles, was wir gelernt haben, zusammenbringen. In diesem Beispiel, unsere Büroarbeit zu einer vorbereitenden Praxis zu machen, verbinden wir die Lehren über das Aufbauen und Reinigen mit der Mahamudra-Richtlinie, uns nicht im Inhalt unserer Erfahrung zu verfangen, sondern einfach beim Prozess zu bleiben. Dann bringen wir das mit dem Lojong zusammen – der Methode zur Reinigung unserer Einstellungen oder dem ,Geistestraining’, mit dem wir negative Situationen in positive und der Praxis förderliche verwandeln. Wenn wir unterschiedliche Teile der Lehren auf diese Weise zusammenfügen, können wir die Antwort darauf, wie wir den Dharma auf den Alltag anwenden können, selbst herausfinden. So lassen wir unsere buddhistische Praxis lebendig werden und unser Interesse frisch bleiben.

Das Etablieren und Stärken zweier erleuchtungsbildender Netzwerke

Ein weiterer möglicher Grund dafür, warum uns unsere vorbereitende Praxis und der Dharma im Allgemeinen irgendwann fade und wirkungslos erscheint, ist folgender: Wir gehen die Etablierung und Stärkung der zwei erleuchtungsbildenden Netzwerke von positiver Kraft und tiefem Gewahrsein so an, als würden wir Rabattmarken im Supermarkt sammeln. Wir sammeln mit jedem Einkauf mehr und mehr Rabattmarken an, die wir in ein Büchlein kleben, das wir in einer Schublade aufbewahren. Wenn wir am Ende genügend Büchlein vollgeklebt haben, können wir sie gegen ein Küchengerät eintauschen. Wenn wir also Zeit und Energie damit verbringen, wiederholt Niederwerfungen zu machen, fühlen wir uns, als würden wir im Supermarkt Geld ausgeben, um mehr Rabattmarken zu erhalten. Sie haben zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Relevanz für unser Leben, doch sie können später gegen den Gewinn eingelöst werden, die Erleuchtung.

Das, was wir im Laden kaufen, können wir essen; doch mit der eben genannten Geisteshaltung erkennen wir keinen unmittelbaren Effekt in unseren Niederwerfungen, abgesehen von wunden Knien und einem schmerzenden Rücken. Wenn wir jedoch alle Handlungen unseres Tages, besonders die wiederholten, in vorbereitende Übungen verwandeln, ziehen wir auch den sofortigen Nutzen daraus, dass jeder Moment unseres Tages bedeutungsvoll wird. Unsere Lebensqualität steigt dem entsprechend an und wir werden glücklicher, weil wir nie das Gefühl haben, unsere Zeit zu verschwenden. Dieses positive Selbstwertgefühl verstärkt unseren Enthusiasmus für die vorbereitenden Standardpraktiken wie das Ausführen von Niederwerfungen. Wenn wir auf diese Weise alle Lehren so zusammenbringen, dass wir sie auf unseren Alltag anwenden, wird unsere Praxis nicht fade und wirkungslos werden.

Die Dharma-Lehren zusammenfügen

Der Versuch, alles, was wir über den Dharma gehört haben, zusammenzufügen und weitere Implikationen zu entdecken, ist ein sehr spannender und herausfordernder Prozess. Einer der größten Vorteile daran, Buddhas Lehren in aller Ausführlichkeit gehört, gelesen und studiert zu haben ist, dass wir dadurch alle Einzelteile des ,Dharma-Puzzlespiels’ erhalten. Jetzt können wir sie wirklichkeitsgetreu zusammenfügen. Das Schöne daran ist, dass die Teile nicht bloß auf statische Weise zusammenpassen, wie ein Kinder-Puzzle mit einem Bild darauf, sondern dass jedes Teil mit jedem anderen auf unzählige Arten und Weisen zusammenpasst. Die Verbindungen untereinander sind viel multidimensionaler und haben ein größeres dynamisches Wachstum als die des weltweiten Internet-Netzes.

Die Mahayana-Sutras liefern wunderbare Bilder von dieser gegenseitigen Verbindung aller Facetten des Dharma. Sie beschreiben Szenen von Milliarden von Buddhafeldern in Milliarden von Buddha-Universen, wobei jedes Feld alle anderen durchdringt und jedes Milliarden von Buddhas enthält. In jeder der Milliarden von Poren eines jeden dieser Buddhas gibt es eine weitere Milliarde von Buddhafeldern, in denen wiederum jedes andere Feld widergespiegelt wird. Wir lesen dies, und es ist uns als westlicher Buddhist oft peinlich, dass die Schriften solch blumige, anscheinend absurde Abschnitte enthalten. Wir beschließen, dass wir keine Sutras mehr lesen wollen.

Doch diese Sutras präsentieren tatsächlich ein großartiges Bild dafür, wie alle Lehren zusammenpassen und sich gegenseitig durchdringen. In jeder Belehrung über jeden Aspekt des Dharma können wir jeden anderen Aspekt der Lehren widergespiegelt sehen. Genau wie Milliarden von Buddha-Universen in jede winzige Pore eines Buddha passen, passen Milliarden von Buddhas Belehrungen in jedes Wort des Dharma. Alles steht gegenseitig in Beziehung und passt zusammen, wie das Bild des Netzes von Brahma, in dem jeder Punkt, an dem sich die Fäden kreuzen, mit einem Spiegel versehen ist, der jeden anderen Spiegel des Netzes widerspiegelt.

Wir werden diese Bilder nicht wirklich zu schätzen wissen, wenn wir einfach nur darüber lesen. Wir können sie nur würdigen, indem wir alle Teile des Dharma-Puzzles selbst zusammenfügen. Langsam wird sich das Bild herausschälen, genau wie es in den Mahayana-Sutras beschrieben wird. Dies ist die Art und Weise, wie wir unseren vorbereitenden Übungen wieder Leben einhauchen können. Wir können versuchen, jeden Aspekt des Dharma in jedem klitzekleinen Teil der vorbereitenden Übungen reflektiert zu sehen, während wir alles im Leben zu einer vorbereitenden Übung machen.

Wenn wir unser Leben ernsthaft nach dem Dharma ausrichten, sind wir zuversichtlich, dass alles, was der Buddha gelehrt hat, Sinn macht – nicht unbedingt wörtlich, doch indem es uns zu einer tieferen, tiefgründigen Bedeutungsebene führt, die uns hilft, uns selbst vom Leid zu befreien, und uns befähigt, anderen effektiver dabei zu helfen, dasselbe zu erreichen. Mit dieser dynamischen und pragmatischen Einstellung zum Dharma versuchen wir zu entdecken, was Buddha mit allen seinen Lehren gemeint hat, und schauen, wie sie für unseren persönlichen spirituellen Pfad relevant sein können. Wenn Buddha etwas gelehrt hat, hatte er zweifelsohne damit die Absicht, anderen zu nutzen, einschließlich uns selbst.

Um eine anleitende Anweisung von Tsenzhab Serkong Rinpoche in meinen Worten wiederzugeben: Manchmal beschwerte sich einer seiner westlichen Schüler über eine der so genannten ,Phantasiegeschichten’ in den Lehren über Karma, wie die Beschreibung des Mannes, dem ständig ein Elefant folgte, der Gold ausschied. Als Resultat seines unerschöpflichen Vorrats an Reichtum wurde er ständig von Neidern geplagt, die versuchten, das wundersame Tier zu stehlen. Doch wie sehr der bedrängte Mann auch versuchte, den Elefanten zu verschenken oder loszuwerden: Dieser verschwand wie vom Boden verschluckt von dort, wo er ihn gelassen hatte, und tauchte direkt hinter ihm wieder auf. Serkong Rinpoche pflegte zu sagen: „Wenn Buddha eine gute Geschichte hätte schreiben wollen, hätte er sich sicher etwas Besseres einfallen lassen können als das! Buddha gab dieses Beispiel, um uns etwas zu lehren. Nimm es nicht nur wörtlich. Es gibt eine Bedeutung dahinter. Versuche sie selbst herauszufinden.”

Rinpoches Antwort zeigt auch, wie ein buddhistischer Lehrer den angemessenen Ton für die nützlichste Beziehung zu einem Schüler setzt. Ein geschickter Meister sorgt einfach für die Umstände, durch die wir wachsen können. „Hier sind die Puzzlestücke. Setze sie zusammen. Finde es selbst heraus.“ Indem er auf diese Weise lehrt, hilft ein spiritueller Meister – oder eine Meisterin – dem Schüler, nicht an ihm hängen zu bleiben, auf ihn fixiert oder von ihm – oder ihr – abhängig zu werden. Der wichtige Punkt für den Schüler ist, sich auf den Prozess zu fokussieren, alle Lehren zusammenzubringen und sich einen Reim darauf zu machen. Der Lehrer sorgt für die Information, die Umstände und möglicherweise die Inspiration, damit der Schüler Einsicht und Verwirklichung erlangt. Das wichtigste Augenmerk liegt immer auf dem spirituellen Wachstum des Schülers.

Vermeiden, in die Lehren vernarrt zu werden

Die einzelnen Teile der Dharma-Belehrungen zusammenzufügen und zu versuchen, die tiefere Bedeutung von allem zu verstehen, kann eine sehr erhebende Erfahrung sein. Doch wir müssen uns davor hüten, in das Extrem zu verfallen, uns vor Ehrfurcht überwältigt fühlen: „Es ist alles so wunderschön.“ Wenn wir anfangen, uns in die Lehren zu verlieben, kann es leicht passieren, dass wir auf einen Pfad geraten, den die Mahayana-Sutras als ,Hinayana-Arhattum’ bezeichnen. Arhats sind befreite Wesen, die sich selbst aus den sich unkontrollierbar wiederholenden, problemerfüllten Wiedergeburten befreit haben. Obgleich lebendige Hinayana-Schulen wie das moderne Theravada dem nicht zustimmen würden, beschreiben die alten Mahayana-Sutras solche Wesen als so verzückt von ihrer Freiheit, dass sie das Leid der anderen völlig aus den Augen verlieren und daher in einem glückseligen Zustand der Untätigkeit verweilen, sozusagen verloren in der Glückseligkeit des Nirvana. Anhänger des Theravada würden dem widersprechen und sagen: Da ein Arhat von allen störenden Emotionen befreit ist, würde ein solcher Arhat sicherlich keinerlei Anhaftung an die Glückseligkeit des Nirvana haben. Anhänger des Mahayana würden argumentieren, dass das Problem nicht Anhaftung ist. Es mangelt Arhats an ausreichend starker Sorge um andere, um die Trägheit zu überwinden, die sie einfach nur ruhig bleiben lässt.

Wie dem auch sei, ganz gleich wie wir diese Extremposition nun auch bezeichnen und ob ein Theravada-Arhat dies tatsächlich erlebt oder nicht, würden wir alle übereinstimmen, dass es mit Gewissheit kein Teil des Pfades zur Buddhaschaft ist, sich davon verzaubern zu lassen, wie schön die Lehren zusammenpassen. Wenn unsere Wertschätzung der Schönheit des Dharma uns andererseits dazu führt, dass wir fühlen: „Wie großartig dies ist, um anderen zu helfen!“ stehen wir auf viel stabileren Füßen auf dem Pfad. Dies ist ein wichtiger Unterschied.

Es ist sehr leicht, sich zu dem, was wir hier einen ,Pfad im Arhat-Stil’ nennen, verführen zu lassen. Wir fangen an, so viele tiefgründige Dinge zu sehen und zu verstehen, und sie sind alle so wunderbar. Unser Geist wird so gelassen und erhoben, dass wir nicht von unserem Meditationssitz aufstehen wollen. Es ist so genüsslich und berauschend, mit unserem Kopf in den Wolken lediglich dazusitzen, dass es auf das gleiche hinausläuft als ständen wir unter Drogen. Wir verlieren jegliches Gewahrsein gegenüber allem anderen. Das ist eine große Gefahr.

Was kann uns aus diesem Zustand der Verzückung aufwecken? Wenn wir antworten: „Ein Gefühl von Mitgefühl, der Gedanke an andere“ und dann meinen, dass unsere Vertrautheit mit Mitgefühl aus vorangegangener Meditation ausreicht, ein Gefühl für oder Interesse an anderen hervorzubringen, haben wir vielleicht trotzdem noch Schwierigkeiten. Einige Meditierende – zum Beispiel aus der Zen-Tradition – erleben, dass Mitgefühl als Teil ihrer Buddha-Natur ganz natürlich erscheint. Doch die meisten Praktizierenden brauchen in diesem Zustand einen auslösenden Umstand, um Mitgefühl in sich zu erwecken. Wenn wir meinen, dass es in diesem Zustand ausreicht, uns einfach in unserer Vorstellung an alle leidenden Wesen zu erinnern, um unser Interesse wachzurufen, werden wir wahrscheinlich enttäuscht sein. In solch einem Rauschzustand den Gedanken an andere konzeptuell zu erzeugen erscheint uns als so künstlich, dass es uns an ausreichender Energie mangelt, um mit einer Visualisation Mitgefühl in uns zu entfachen. Ein viel effektiverer Auslöser für das Erwecken von Mitgefühl und das, was uns von unserem bequemen Meditationssitz aufstehen lässt, ist es, andere tatsächlich zu sehen oder zu hören – ihnen direkt zu begegnen, nicht nur als Konzept oder in der Vorstellung.

Betrachten wir uns die klassischen Geschichten von Bodhisattvas und Mahasiddhas – jene, die darauf aus sind, Erleuchtung zu erlangen, um anderen zu nutzen, und jene mit tatsächlichen Errungenschaften – wo haben sie meditiert, sobald sie einmal eine stabile Ebene der Verwirklichung erreicht hatten? Sie meditierten an geschäftigen Wegkreuzungen – an Orten voller Menschen. Sie setzten sich nicht einfach zur Ruhe und zogen sich für immer in eine entlegene Höhle zurück. Verschwinden wir in ein Retreat hoch in den Bergen und entschließen, dort so lange zu bleiben, bis wir unseren spirituellen Pfad vollendet haben, dann werden wir wahrscheinlich nie wieder herunter kommen wollen. Doch wenn wir, sobald unsere Meditation stabil ist, an einem verkehrsreichen Ort weitermeditieren, wo wir ständig von Menschen umgeben sind, die wir klar und deutlich sehen und hören können, werden wir leichter dazu wachgerüttelt werden, anderen direkt zu helfen.

Wir müssen jedoch sehr vorsichtig damit sein, was wir darunter verstehen, uns von Mitgefühl aus unserem meditativen Zustand wachrütteln zu lassen. Es ist nicht so, als würden wir aus einem köstlichen Schlummer geweckt werden und uns ärgern, dass unsere Ruhe gestört wurde. Wenn wir korrekt meditiert haben, hängen wir nicht sehr an unserem meditativen Zustand, auch wenn wir wie trunken davon sein mögen. Anhaftung an unsere eigene Gelassenheit und mangelndes Gewahrsein gegenüber anderen sind zwei unterschiedliche Hindernisse, die nicht unbedingt gemeinsam auftreten. Wenn wir die gröbsten Ebenen der Anhaftung überwunden haben, erleben wir keinen Unwillen und kein Verlustgefühl, wenn wir uns mit frischem Gewahrsein gegenüber anderen und dem dadurch ausgelösten Mitgefühl aus unserer meditativen Versenkung erheben.

Zudem gibt es einen subtilen aber äußerst wichtigen Unterschied zwischen glückseliger guter Laune und heiterer Gelassenheit auf der einen und traumtänzerischer ,Abgehobenheit’ auf der anderen Seite. Ersteres ist ein klarer, frischer und wacher Geisteszustand, während letzteres eine subtile Form geistiger Trägheit ist. Der Geist mag sich darüber im Klaren sein, wie alle Lehren zusammenpassen, und er hat vielleicht ein gutes Verständnis und einen stabilen Fokus, doch wenn er von dieser Erkenntnis wie berauscht ist, ist er nicht frisch. Sein Mangel an Frische liegt wiederum an einem Mangel an Gewahrsein. Doch hier handelt es sich nicht um Gewahrsein anderen gegenüber sondern um Gewahrsein gegenüber dem Zustand unseres Geistes und der Wachheit, seinen Fokus wieder ins ,Hier und Jetzt’ zubringen, wenn er die Frische verloren hat.

Ein gelassener, erhobener, glückseliger Zustand des Geistes ist nun nicht unbedingt ein Hindernis dabei, anderen zu helfen. Wenn er Frische besitzt, kann er auf jeden Moment des Lebensgeschehens reagieren. Er muss nicht unbedingt dazu führen, dass wir – dem Leid anderer Menschen völlig zum Trotz – auf unserem Gesicht ein idiotisches Grinsen haben.. Ein Geist von ,abgehobener’ Verzückung andererseits ist träge und unsensibel, sowohl gegenüber der Welt als auch dem eigenen Zustand. Er führt zu Gleichgültigkeit. Wir stecken einfach „da oben in unserem Kopf“ und reagieren einfach auf nichts. Daher betont Tsongkhapa immer wieder, dass subtile geistige Trägheit die größte Gefahr für richtige Meditation darstellt, weil man sie leicht mit Shamatha verwechseln kann – einem heiteren, stillen und zur Ruhe gekommenen Geist, manchmal als ,geistige Stille’ oder ,ruhiges Verweilen’ übersetzt.

Die gleiche Gefahr der Trunkenheit kann auftreten, wenn wir uns in der Mahamudra-Meditation auf die Natur des Geistes ausrichten. Es kann geschehen, dass wir einfach da bleiben möchten, fokussiert, und nicht aufstehen wollen. Um dieses Risiko zu vermeiden, betonen die Mahamudra-Lehren nachdrücklich die Erkenntnis der Untrennbarkeit von Erscheinung und Geist. Was hier von Bedeutung ist, ist nicht die Erscheinung der Wand vor uns, sondern die Erscheinung von leidenden Menschen vor unseren Augen. Wenn wir Mahamudra richtig praktizieren, können wir über die Natur des Geistes und der Wirklichkeit meditieren und dabei immer noch damit beschäftigt sein, anderen zu helfen. Wir bleiben nicht einfach nur auf den Geist selbst ausgerichtet, sondern darauf, dass seine Natur untrennbar von Erscheinung ist. Ein Gleichgewicht zwischen Geist und Erscheinung zu bewahren ist daher recht heikel und absolut wesentlich.

Es gibt also nicht nur geistige Hindernisse, die uns davon abhalten, in meditative Zustände einzutreten, sondern auch Hindernisse, die uns zu weit gehen lassen und uns davon abhalten, unsere meditativen Zustände mit dem gewöhnlichen Leben zu verbinden. Dies ist eine andere Art auszudrücken, dass es nicht nur Hindernisse gibt, die uns von der Erkenntnis der tiefsten Ebene der Wirklichkeit abhalten, sondern auch Hindernisse, die uns davon abhalten, diese Ebene gleichzeitig mit der konventionellen Ebene zu sehen. Diese zählen zu den Hindernissen, die Befreiung beziehungsweise Allwissenheit verhindern. Eine richtige Beziehung zu einem spirituellen Lehrer kann sehr wirkungsvoll dazu beitragen, diese beiden Arten von Hindernissen zu überwinden. Das ist besonders der Fall, wenn wir tatsächlich daran beteiligt sind, uns um unseren Lehrer zu kümmern. Wir können nicht einfach nur dasitzen und meditieren und das Gefühl haben: „Wie wunderschön!“ Wir müssen aufstehen und Tee kochen oder einen Anruf beantworten.

Das gleiche gilt dann auch für unser gewöhnliches Leben. Uns um unsere Familie zu kümmern kann demselben nützlichen Zweck dienen, wie uns um unseren spirituellen Lehrer zu kümmern. Wenn wir in unserem Alltag täglich unterbrochen und aufgefordert werden: „Mach das Abendessen! Bring mir ein Glas Wasser! Tue dies, tue das!“ können wir es in etwas verwandeln, das spirituell nützlich ist. Wir können es zu einer vorbereitenden Praxis machen, die uns hilft, ein Hindernis zu überwinden, dass später auf dem spirituellen Pfad erscheinen würde – das Hindernis, einfach nur auf unserem Meditationskissen sitzen, uns glückselig fühlen und nicht aufstehen zu wollen.

In dem wir diese Art der Verwandlung von Geisteshaltungen praktizieren, fangen wir an, auf einer weiteren Ebene zu würdigen, wie die Güte anderer Wesen bei weitem die Güte der Buddhas übertrifft. Allein ein anderes leidendes Wesen zu sehen lässt uns größere Fortschritte darin machen, unser Mitgefühl weiterzuentwickeln und die tiefste und konventionelle Ebene der Wirklichkeit gleichzeitig wahrzunehmen, als alle Buddhas zu sehen. Die Güte der anderen, uns darum zu bitten, etwas für sie zu tun, ist unvergleichlich. Wie Shantideva es deutlich ausdrückte: „Nichts bereitet Bodhisattvas größeren Gefallen, als wenn andere sie darum bitten, etwas für sie zu tun.“