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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Bedeutung des Dalai Lama in der modernen Welt

Alexander Berzin
Riga, Lettland, August 2013
Übersetzung ins Deutsche: Annette Panić
Lektorat: Monika Dräger

Heute Abend möchte ich gern über die Bedeutung des Dalai Lama in der modernen Welt sprechen. Denn wenn der Dalai Lama in der heutigen Welt irgendeine Rolle spielen kann, sollte es eine relevante Rolle sein, die für möglichst viele Menschen von Bedeutung und Nutzen ist und sie sollte nicht bloß der Unterhaltung oder Befriedigung unserer Neugier dienen, weil wir ihn als etwas wie einen Superstar betrachten. Das ist es nicht wirklich, worum es bei dem Dalai Lama geht. Der einzige Zweck im Leben des Dalai Lama besteht darin, anderen nützlich zu sein.

Anderen dienen

Obwohl es eine Reihe von anderen Menschen in der Welt geben mag, die von sich behaupten, sich völlig dem Wohl der anderen verschrieben zu haben, finde ich bei Seiner Heiligkeit – wir nennen ihn normalerweise „Seine Heiligkeit“ – wirklich großartig, dass er vollkommen aufrichtig ist. Diese Ehrlichkeit ist etwas, das andere spüren und erfahren können, wenn sie sich in seiner Gegenwart befinden, ihm zuhören und erkennen, was er tatsächlich macht. Er spricht immer darüber, dass er drei wichtige Aufgaben hat, die er durch sein Leben fördern möchte. Eine Aufgabe ist die Förderung der säkularen Ethik, die zweite ist die Förderung der religiösen Harmonie und die dritte Aufgabe besteht darin, sich um das Wohl Tibets und der tibetischen Bevölkerung zu kümmern, da dies die Rolle ist, die ihm auferlegt wurde.

Ethik

Die säkulare Ethik und die religiöse Harmonie sind Themen, über die er oft redet und der Grund dafür liegt darin, dass es in der Welt einen großen Bedarf an Ethik gibt. Durch diesen Mangel an Ethik gibt es so viel Korruption, so viel Unehrlichkeit und einen so großen Mangel an Einvernehmen zwischen den Menschen. Der Dalai Lama hat einen sehr umfassenden, offenen Geist und er spricht und denkt immer im Sinne dessen, was für die sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde von Nutzen ist. Unter diesen sieben Milliarden Menschen gibt es einige, die Gläubige einer bestimmten Religion sind und andere, die Nicht-Gläubige sind und wir benötigen ein gewisses ethisches System – eine ethische Grundlage – die von allen akzeptiert werden kann. Das nennt er „säkulare Ethik“, was nicht bedeutet, gegen eine Religion oder gegen ein System zu sein, sondern Respekt gegenüber allen Glaubenssystemen zu haben. Das basiert auf etwas, das er „grundlegende menschliche Werte“ nennt. Manchmal bezeichnet er sein Thema nicht als säkulare Ethik, sondern als Förderung grundlegender menschlicher Werte, welche auf einfacher Biologie beruhen. Die Zuneigung und Sorge einer Mutter zu ihrem Neugeborenen, das sind Dinge, die nicht nur für Menschen ganz grundlegend und ursprünglich sind, sondern auch für Tiere: sich um andere zu kümmern. Wir sehen das auch im Leben des Dalai Lamas selbst und das ist es, was die Botschaft des Dalai Lama so bewegend macht.

Zeitplan

Seine Heiligkeit reist mit einem Zeitplan um die Welt, der absolut unglaublich ist, wenn man darüber nachdenkt. Er ist 78 Jahre alt und kommt auf diesen Weltreisen an viele verschiedene Orte, wobei er oft nur einen Tag an einem Ort verbringt, wie hier in Lettland. Sein Zeitplan ist brutal, wenn man wirklich darüber nachdenkt. Ich bin mit Seiner Heiligkeit zusammen als Vermittler, als Übersetzer usw. gereist und ich weiß, wie dieser Zeitplan aussieht. Es ist unglaublich: es gibt mehrere Vorlesungen an einem Tag, es gibt Pressekonferenzen und es gibt persönliche private Treffen – er hat kaum Zeit zum essen. Dann kommt noch dazu, dass er jeden Morgen um 3:30 Uhr aufsteht, unabhängig von Änderungen der Zeitzone oder ähnlichem, und jeden Morgen etwa vier Stunden tiefe Meditation praktiziert. Er hat so viel Energie und er ist immer voller Humor und interessiert sich für jeden, den er trifft. Es ist wirklich erstaunlich, wenn man ihn sieht und beobachtet, denn wen er auch trifft, er ist immer hocherfreut diese Person zu treffen: „Hier ist noch ein menschliches Wesen, wie wunderbar!“

Liebe

Im Buddhismus sprechen wir von dieser herzerwärmenden Liebe, die das Herz mit Wärme erfüllt, wenn man jemanden trifft und man ist einfach so glücklich, andere zu treffen und man ist wirklich an ihrem Wohlergehen interessiert. Das kann man im Austausch des Dalai Lama mit allen anderen sehen, wenn er einfach nur durch die Menge geht, wie er die Menschen ansieht und in welcher Weise er jedem Menschen, den er sieht, seine volle Aufmerksamkeit widmet. Das macht deutlich, dass er tatsächlich an ihrem Wohl und am Wohl aller anderen gleichermaßen interessiert ist. Deshalb betrachtet er die Förderung menschlicher Werte, säkularer Ethik usw. als bestmöglichen Nutzen für alle. Er denkt nicht einfach nur in einem beschränkten Rahmen, in „rein buddhistischer“ Weise. Es liegt ihm sehr am Herzen, eine Form der Ausbildung auf säkularer Ebene in die Bildungssysteme der ganzen Welt einzuführen, in der man Kindern die Vorteile von Ehrlichkeit, Freundlichkeit und einfach grundlegende menschliche Werte vermittelt, die weltweit von sehr großem Nutzen sein könnten.

Religiöse Harmonie

Was religiöse Harmonie betrifft, sieht er, dass weltweit so viele Schwierigkeiten durch Auseinandersetzungen verschiedener religiöser Gruppen entstehen. Es gibt Misstrauen, es gibt Angst – all die verschiedenen Faktoren, die zu Problemen führen können. Er sagt: was wir wirklich brauchen ist Bildung – wieder dieser Schwerpunkt auf Bildung – nicht nur in säkularer Ethik, sondern auch, dass wir voneinander lernen. Eigentlich ist es das Unbekannte, vor dem wir uns wirklich fürchten und dann kommen unsere Projektionen hinzu, unsere Fantasien, über diese anderen Gruppen, diese anderen Religionen. Er sagt: in diesen Treffen von religiösen Anführern, an denen er teilnimmt, kommen die Menschen zusammen und dann lächelt man einfach und ist wirklich sehr nett zueinander, man betet oder macht eine stille Meditation zusammen usw. Nun, das ist sehr schön, aber es ist nicht sehr produktiv. Einfach zu sagen: „Nun, wir reden alle über die gleichen Dinge. Wir sind alle gleich“ und immer nur auf die Gemeinsamkeiten hinzuweisen, führt auch nicht dazu, dass wir etwas voneinander lernen.

Im Juni dieses Jahres hat sich Seine Heiligkeit mit einigen Sufi-Meistern aus der muslimischen Tradition des Sufismus getroffen und Seine Heiligkeit sagte, er wolle dort etwas über die Unterschiede, nicht nur über die Gemeinsamkeiten lernen. Er meinte, wir sollten uns nicht wegen unserer Unterschiede schämen, denn durch die Unterschiede können wir etwas voneinander lernen, was uns vielleicht bei unseren eigenen Bemühungen der Weiterentwicklung nützen könnte. Er sagt, dass alle Religionen das gleiche Ziel haben und dieses Ziel besteht darin, den Anhängern der jeweiligen Religion ein glücklicheres Leben zu gewährleisten. Dieses Ziel wird zweifellos von allen geteilt, aber die Methoden sind verschieden und das ist unumgänglich, denn die Menschen sind verschieden.

Er sagt: „Wenn wir alle versuchen, unseren Anhängern das Entwickeln von Liebe und Güte usw. zu vermitteln, welche Methoden benutzen Sie dafür? Welche Methoden benutzen wir? Das ist etwas, was wir von voneinander lernen können. Schauen Sie sich die Unterschiede an und schätzen Sie diese Unterschiede als Gelegenheiten, etwas zu lernen. Veranstalten Sie Treffen mit wirklich sehr ernsthaft Praktizierenden jeder der Religionen, lassen Sie sie zusammenkommen und ihre Erfahrungen miteinander teilen, nicht in einem großen Rahmen vor vielen Menschen, sondern untereinander, so dass wir wirklich auf der Ebene ernsthaft Praktizierender reden können. Das würde von großem Nutzen sein.“

Wissenschaft

Wie Sie sehen, besteht seine vorrangige Verpflichtung darin, allen von Nutzen zu sein. Natürlich hat er gegenüber den tibetischen Menschen eine besondere Verantwortung, eine besondere Verantwortung innerhalb der tibetischen Traditionen des Buddhismus, aber es geht ihm nicht ausschließlich darum. Das kann man sehr deutlich an seiner Einstellung gegenüber der Wissenschaft erkennen. Seine Heiligkeit hatte seit der Kindheit ein wirklich sehr großes Interesse an der Wissenschaft, an mechanischen Dingen und wie sie funktionieren. Er hat sich mit Wissenschaftlern getroffen seit ... ich weiß nicht seit wie vielen Jahren, aber es geht wahrscheinlich zurück bis in die frühen 80-iger Jahre, und er möchte von den Wissenschaftlern etwas lernen.

Eines der grundlegenden Prinzipien im Buddhismus besagt, dass die Ursache unserer Probleme darin liegt, dass wir nicht realistisch sind, dass wir nicht verstehen, dass wir die Realität nicht erkennen und so entwerfen wir alle möglichen Fantasiebilder. Das grundlegende Ziel besteht darin, realistisch zu sein, was natürlich Mitgefühl mit ins Spiel bringt, denn realistisch gesehen müssen wir alle miteinander leben und wenn man miteinander leben muss – und das gilt für jeden auf dieser Erde – muss man miteinander auskommen. Das ist einfach nur grundlegender Realismus.

Er sagt, wenn die Wissenschaftler etwas aufzeigen können, was einer Sache widerspricht, die wir in den buddhistischen Lehren finden, zum Beispiel die Beschreibung des Universums, wie das Universum begann usw., sei er gerne bereit, dies aus den buddhistischen Lehren zu streichen. Das westliche wissenschaftliche Verständnis über die Funktionsweise des Gehirns, all die verschiedenen chemischen Zusammenhänge, die funktionellen Bereiche des Gehirns usw., all das wäre eine sehr gute Ergänzung zum buddhistischen Verständnis. Es steht nicht im Widerspruch dazu.

In ähnlicher Weise gibt es im Buddhismus sehr viel Wissen, welches mit den Wissenschaftlern geteilt werden kann. (Dieses Wissen) ist in den Kategorien der buddhistischen Wissenschaft, des buddhistischen Wissens und der buddhistischen Philosophie. Zum Beispiel gibt es eine sehr detaillierte Darstellung der Emotionen – wie die gesamte innere Welt der Emotionen funktioniert und wie wir mit ihnen umgehen können – all das ist in der buddhistischen Analyse sehr wissenschaftlich organisiert. Das ist auch für westliche Wissenschaftler sehr hilfreich. Er hat das Studium der Wissenschaften in den Klöstern eingeführt und es dem Lehrplan hinzugefügt, dem die Mönche und Nonnen folgen. Er hat die Übersetzung verschiedener wissenschaftliche Lehrbücher, die sich mit den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft befassen, von der englischen in die tibetische Sprache beauftragt. In dieser Hinsicht ist er für jemanden, der Anführer einer großen Weltreligion ist, unglaublich weltoffen und er ist sehr aufrichtig. Man kann es an der Art der Tätigkeiten sehen, an den Schritten, die er unternimmt.

Auf andere Traditionen zugehen

Seine Heiligkeit möchte auf die islamische Welt zugehen. Und deshalb hat er mein eigenes buddhistisches Archiv gefördert und unterstützt, um die grundlegenden buddhistischen Lehren und nur die allgemeinen Artikel, die grundlegende menschliche Werte, Ethik usw. beinhalten, in die islamische Sprache zu übersetzten, was wir getan haben. Der Islam wurde in so großem Ausmaß dämonisiert und das ist wirklich sehr bedauerlich. Es ist sehr wichtig, diese Menschen in die Welt mit einzubeziehen und sie nicht als eine Bedrohung auszuschließen. Es ist wichtig, ihnen einige Informationen über den buddhistischen Glauben zu geben – wir sollten gewiss nicht versuchen, sie zu konvertieren oder ähnliches – aber wir sollten einfach grundlegende Informationen mit ihnen teilen und wir können auch ihre Informationen weitergeben. Bildung ist die Methode, um Verständnis zu entwickeln. Durch Verständnis entwickelt man Vertrauen und Freundschaft.

Innerhalb des Buddhismus gibt es die tibetische Form des Buddhismus. Sie stammt aus Indien und wird „Mahayana“-Tradition genannt. Dann gibt es die Theravada-Traditionen, die in Südostasien praktiziert werden. Leider wissen beide Seiten sehr wenig voneinander. Der Dalai Lama hat eine amerikanische buddhistische Nonne, mit der ich befreundet bin, beauftragt und unterstützt sie dabei, eine sehr detaillierte vergleichende Studie zu machen. Sie vergleicht diese beiden Richtungen miteinander und findet für die verschiedenen Praktiken heraus, wie die Mahayana-Version und wie die Theravada-Version aussieht. Und er möchte, dass es in die südostasiatischen Sprachen übersetzt wird. Er möchte das Wissen weitergeben; das ist wirklich sehr wichtig.

Ordination für Frauen

Wenn wir die Entwicklung der monastischen Tradition bei den Tibetern betrachten, sehen wir, dass die Linie der Ordination von Nonnen, voll-ordinierten Nonnen, Tibet aus verschiedenen – hauptsächlich geografischen – Gründen nicht erreicht hat. In früheren Zeiten war es für eine ganze Gruppe von indischen Nonnen einfach zu schwierig, zu Fuß bis nach Tibet zu reisen. Die Ordination wurde nie übertragen und so wurde diese Linie unterbrochen. Man braucht eine Gruppe von zehn voll-ordinierten Nonnen, um die Linie weiter übertragen zu können und das ist nicht geschehen.

Und wiederum hat der Dalai Lama alle diese Studien und Projekte usw. gefördert, um zu sehen, wie es möglich sein könnte, diese Linie wieder zu beginnen, damit Frauen, die in der tibetischen Tradition voll-ordnierte Nonnen werden möchten, die Möglichkeit bekommen, dies zu tun. Man kann sehen, wie sich diese Fürsorge nicht nur in Worten, sondern auch in Geld, Ermutigung und bei der Hilfe, Möglichkeiten und Einrichtungen zu schaffen usw., ausdrückt, um all diese Bereiche auszuweiten, die so vielen anderen, so vielen Menschen von Nutzen sein können.

„Ich bin nur ein einfacher Mönch“

Eine der liebenswertesten Eigenschaften Seiner Heiligkeit besteht meiner Meinung nach darin, wie vollkommen bodenständig und einfach, und nicht im Mindesten überheblich oder arrogant er ist. Er sagt immer: „Ich bin nur ein einfacher Mönch. Ich bin ein ganz normaler Mensch, genau wie Sie.“ Wenn er jemanden trifft, sagt er: „Wann immer ich jemanden treffe, sehe ich ihn als menschliches Wesen. Wir kommunizieren von Mensch zu Mensch, nicht von Dalai Lama zu irgendeinem normalen Menschen. Nicht von Tibeter zu irgendeinem Ausländer. Nicht auf der Ebene dieser zweitrangigen Unterschiede, sondern auf dieser erstrangigen Ebene: einfach von Mensch zu Mensch.“

Er möchte sofort mit jeglichen Fantasien aufräumen, die Menschen haben könnten, er sei eine Art Gott, König oder er habe besondere magische Kräfte, oder er sei eine Gottheit oder etwas Ähnliches. Er kommt zu diesen riesigen Versammlungen – er spricht immer vor großen Menschenmengen, vor zehntausenden von Menschen – und er ist einfach vollkommen entspannt, fühlt sich wie zu Hause. Er ist nicht im Mindesten befangen. Wenn es ihn juckt, kratzt er sich, genau wie jeder andere normale Mensch. Er versucht nicht, eine Show aufzuführen. Wenn er den Präsidenten eines Landes treffen wird und gerade Gummi-Badelatschen trägt, dann ist es eben so. Er möchte niemanden beeindrucken und versucht es auch nicht; das ist einfach das, was er gerade trägt.

Humor

Alles geschieht mit Humor. Es ist wirklich ziemlich erstaunlich, wie er bestimmte Dinge auf humorvolle Weise sagen kann und – wie wir sagen: „damit durchkommt!“ Es ist erstaunlich. Einmal hielt er eine Vorlesung an einem Veranstaltungssort und er hatte einen Sitz, der wirklich sehr unbequem war. Am Ende der Rede sagte er zu den Organisatoren – und natürlich auch zu allen im Publikum – dass alle Arrangements wunderbar seien usw., „Aber bitte geben Sie mir nächstes Mal einen besseren Sitzplatz, dieser Sessel war wirklich unbequem!“ Er sagte es jedoch auf so leichte und liebenswürdige Weise, dass jeder irgendwie lachten musste und es somit ok war. Niemand fühlte sich deswegen beleidigt. Erstaunlicherweise kommt es auch vor, dass er andere ausschimpft.

Ein Besuch bei Vaclav Havel

Ich war bei Seiner Heiligkeit, als er von Vaclav Havel eingeladen wurde. Ich habe vergessen, ob er der Ministerpräsident oder der Präsident der Tschechischen Republik war, als es noch die Tschechoslowakei gab. Seine Heiligkeit war die zweite Person, die er eingeladen hatte. Die erste Person war Frank Zappa, der Rockstar, aber die zweite Person war der Dalai Lama. Havel wollte, dass Seine Heiligkeit ihm und seinem Kabinett beibrachte, wie man meditiert und er sagte: „Wir haben keine Erfahrungen; wir haben keine Ahnung, wie man eine Regierung führt, wir sind alle völlig gestresst und können nicht schlafen. Könnten Sie uns bitte beibringen, wie wir ruhiger werden können? Ansonsten werden wir es niemals schaffen, eine Regierung, ein neues Land zu leiten.“

Vaclav Havel war ein sehr bodenständiger, ein sehr geerdeter Menschentyp. Er lud Seine Heiligkeit und die Minister in den Sommerpalast ein – ich weiß nicht, wie man es nennen würde, aber es war so eine Art Retreatplatz, eine Art Schloss außerhalb von Prag. Er war selbst nie dort gewesen. Es war ein riesiges Gebäude und alle verliefen sich, während sie durch die Hallen gingen, da niemand diesen Ort genau kannte. Er sagte zum Dalai Lama: „Das war das Bordell der kommunistischen Anführer.“ Normalerweise benutzt man diese Art von Sprache und solche Worte nicht gegenüber dem Dalai Lama, aber er war auf diese Weise sehr bodenständig. Dann setzten sich alle einschließlich des Dalai Lamas in einem dieser großen Zimmer auf dem Boden, sie trugen Trainingsanzüge – nicht der Dalai Lama – aber Havel und seine Minister trugen Trainingsanzüge und der Dalai Lama brachte ihnen grundlegende Atem- und Energie-Meditationsübungen zum Beruhigen bei.

Normalerweise isst Seine Heiligkeit abends nicht, er befolgt seine Mönchsgelübde ziemlich strikt, abends nichts zu essen, aber er ist auch sehr flexibel und Havel hatte ein Abendessen für Seine Heiligkeit in diesem Sommerpalast vorbereiten lassen und Seine Heiligkeit willigte ein, mit ihm gemeinsam zu essen. Ich war auch dabei, als eine Art lebendiges Wörterbuch an der anderen Seite des Tisches. Die Diskussion verlief in Englisch, aber eine sehr bemerkenswerte Tatsache in dieser Konversation war, dass der Dalai Lama Vaclav Havel ausschimpfte! Vaclav Havel war ein Kettenraucher und rauchte am Tisch, während der Dalai Lama neben ihm saß, was man meiner Meinung nach wirklich nicht tut. Er war der Präsident eines Landes, aber Seine Heiligkeit fühlte sich vollkommen frei, ihn auszuschimpfen und sagte: „Sie rauchen zu viel, sie werden davon Krebs bekommen und krank werden usw. und Sie müssen wirklich weniger rauchen.“ Meiner Meinung nach war das eigentlich sehr nett, sehr liebenswürdig von Seiner Heiligkeit. Tatsächlich hat Vaclav Havel später Lungenkrebs bekommen. Ich habe das nur als Beispiel erwähnt, wie es Seiner Heiligkeit im Wesentlichen darum ging, was für die andere Person von Nutzen sein würde. Es geht ihm nicht darum, was die anderen über ihn denken werden.

Intelligenz und Gedächtnis

Dazu kommt noch, dass er zweifellos der intelligenteste Mensch ist, den ich jemals getroffen habe. Er hat ein absolut fotografisches Gedächtnis. Wenn er unterrichtet merkt man, dass er von all den verschiedenen Traditionen derjenige von Allen ist, der den größten Umfang buddhistischer Lehren beherrscht. Er kann aus all diesen Texten zitieren. Die Tibeter lernen in ihrer Ausbildung all die verschiedenen wichtigen Texte, die sie studieren, auswendig. Die meisten Menschen haben vielleicht 1000 Seiten auswendig gelernt, aber der Dalai Lama – es ist unglaublich, wie viele dieser Kommentare er auswendig gelernt hat. Wenn er unterrichtet, zitiert er eine kleine Passage hier und eine kleine Passage dort usw., was sehr schwierig ist. Wenn man einen Text auswendig gelernt hat, ist es für die meisten Menschen so, dass sie eigentlich den ganzen Text rezitieren müssen, denn auf diese Weise haben sie ihn auswendig gelernt und nicht so, dass sie ein Wort oder einige Worte aus der Mitte des Textes bekommen und dann rezitieren können, was direkt danach kommt. Auf diese Weise funktioniert das fotografische Gedächtnis des Dalai Lama. Das ist natürlich das Zeichen großer Intelligenz: man kann Dinge kombinieren und sehen, wie verschiedene Dinge zusammenpassen und das Muster erkennen. Wie können Menschen wie Einstein e = mc² herausfinden? Weil sie die Fähigkeit haben, alle möglichen Dinge zu kombinieren, das Muster zu finden und es aufzuzeigen. Der Dalai Lama kann dies mit dieser riesigen Menge an Wissen und Literatur im tibetischen Korpus vollbringen.

Und er hat nicht nur bei Texten ein fotografisches Gedächtnis, sondern auch bei Menschen. Das habe ich selbst miterlebt. Es ist unglaublich. Er erinnert sich an verschiedene Menschen, die er getroffen hat. Er konnte jemanden treffen … ich war dabei, als ein alter Mönch aus Tibet kam und dann nach Dharamsala zu Besuch kommen konnte. Seine Heiligkeit sah ihn an und sagte: „Oh!“ Da war dieser alte Mann und Seine Heiligkeit sagte: „Oh, ich erinnere mich an dich. Vor dreißig Jahren haben wir auf meinem Weg nach Indien in deinem Kloster halt gemacht, es wurde eine Zeremonie abgehalten und du musstest einen Teller mit Opfergaben hochhalten und ich erinnere mich, dass es für dich so schwierig war, ihn während der gesamten Zeremonie hochzuhalten. Erinnerst du dich?“ Hier ist der Mönch, dreißig Jahre später und Seine Heiligkeit erkennt ihn und erinnert sich. Es ist unglaublich. Mein wichtigster Lehrer Serkong Rinpoche war einer der Lehrer Seiner Heiligkeit und er erzählte: wenn Seiner Heiligkeit als Kind etwas beigebracht wurde, wenn entweder Serkong Rinpoche oder einer der anderen Lehrer ihm etwas beibrachte, musste man es ihm jeweils nur einmal erklären, man musste es niemals wiederholen. Seine Heiligkeit verstand es und hat sich alles eingeprägt.

Errungenschaften

Er ist einer der außergewöhnlichsten Menschen unserer Zeit, aber worin liegt seine Bedeutung? Seine Bedeutung liegt darin zu erkennen, was man als menschliches Wesen erreichen kann. Wie er selbst sagt, hat er viel harte Arbeit investiert, um sich selbst weiterzuentwickeln und wir können das auch tun. Sehen Sie sich die Art und Weise an, wie er mit verschiedenen Problemen umgeht. Können Sie sich vorstellen, von mehr als einer Milliarde Menschen der Erde als Staatsfeind Nr. 1 angesehen zu werden? Seine Heiligkeit lacht einfach darüber, denn er weiß, dass es nicht wahr ist, dass er keine Hörner auf dem Kopf hat oder ähnliches. Aber wie würden wir damit umgehen, wenn wir als Staatsfeind Nr. 1 abgestempelt würden, als Dämon im Mönchsgewand?

Ihn deprimiert es nicht, überhaupt nicht. Er sagt selbst, dass er wirklich noch nie deprimiert war! Tatsächlich ist es ziemlich schwierig für ihn zu verstehen, was es bedeutet, deprimiert zu sein. Das ist interessant, nicht wahr? Genauso sagt er – und ich war dabei, als er es sagte – er gestand, dass er [damals] noch nie davon gehört hatte, dass Menschen ein niedriges Selbstwertgefühl oder Selbsthass haben könnten. Ihm war so etwas noch nie begegnet. Er hat es zweifellos noch nie selbst erlebt und er hatte noch nicht einmal davon gehört.

Er bleibt optimistisch und realistisch und kümmert sich um die Realität der Situationen. Über die gegenwärtig entstandenen Situationen und Probleme der Welt sagt er: „Die Probleme der Welt wurden durch die Menschheit geschaffen und können durch die Menschheit gelöst werden“ und er selbst unternimmt etwas dagegen. Er fördert grundlegende menschliche Werte, bringt ein Gefühl für Ethik in die Bildung der Kinder, versucht religiöse Harmonie zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen zu bewirken, um voneinander zu lernen, damit es nichts gibt, wovor man Angst haben müsste. Er arbeitet aktiv daran, dieses Wohlergehen der ganzen Welt und der Menschen zu fördern, während er selbst völlige Demut und die Qualität vollkommener Bodenständigkeit bewahrt, mit der Einstellung: „ich bin nichts besonderes“. Das ist es, was so liebenswert ist. Dazu kommen noch dieser Humor und diese unglaubliche Energie – das ist wirklich erstaunlich.

Seine Sekretäre und Ratgeber sagen immer: „Ihre Heiligkeit, schonen Sie sich etwas mehr. Reisen Sie nicht so viel.“ Seine Heiligkeit reist und ist mit einem unglaublichen Zeitplan unterwegs: jede Minute des Tages ist mit einem Termin nach dem anderen ausgefüllt. Er ist zum Beispiel mit dem Flugzeug für eine Woche oder zehn Tage unterwegs, dann geht es zurück nach Indien – er fliegt diese lange Strecke zurück nach Indien – und dann weiter mit Flugzeug oder Auto – mit dem Auto dauert es etwa 12 Stunden bis nach Dharamsala – und dort bleibt er vielleicht eine Woche und dann geht es weiter auf eine andere Reise. So ist es ständig. Sie sagen also: „Bitte, Ihre Heiligkeit, schonen Sie sich“ und Seine Heiligkeit sagt: „Nein“. Er sagt: „Solange ich die Energie habe es zu tun, werde ich weiter so reisen, denn es ist anderen von Nutzen.“

Die Bedeutung liegt meiner Meinung nach darin, dass er uns Hoffnung gibt. Hier ist jemand, der wirklich ernsthaft ist und der sehr hart arbeitet. Wenn er darüber redet, wie wir den Fortschritt der Menschheit erzielen können, redet er in sehr realistischen Begriffen: Bildung, gegenseitiges Verstehen und Ethik. Das ist realistisch; wir reden nicht über irgendwelche Wundermittel. Wenn er in unser Land oder in unsere Stadt kommt, ist es gewiss eine ganz wunderbare Möglichkeit und eine lohnende dazu, die Gelegenheit zu nutzen und Seine Heiligkeit den Dalai Lama tatsächlich persönlich zu erleben.

Welche Fragen haben Sie?

Fragen

Teilnehmer: Welche Sprachen kennt oder spricht Seine Heiligkeit?

Alex: Nun, Seine Heiligkeit spricht englisch, wie er sagt ist es gebrochenes Englisch, aber er spricht Englisch und natürlich spricht er seine eigene Sprache, Tibetisch. Er versteht ein wenig Chinesisch, denn das Gebiet, in dem er geboren wurde, befindet sich in der Nähe eines großen, von Chinesen bevölkerten Gebietes und so hat er als kleines Kind ein wenig Chinesisch gelernt, aber nur ein paar Worte. Ich würde denken, dass er mittlerweile auch einige Worte Hindi versteht.

Teilnehmer: Wie gelingt es Seiner Heiligkeit, all seine spirituellen Pflichten als spirituelle Autorität der Tibeter, sowie auch sehr praktische Dinge, wie das Organisieren des Lebens all dieser Flüchtlinge miteinander zu vereinen?

Alex: Nun, ich vermute, dass einer der Schlüssel darin liegt … Wie Sie erwähnt haben, hat er nicht nur umfangreich studiert und auch umfangreiche Meditationspraktiken ausgeübt, sondern war auch das Oberhaupt der Exilregierung, obwohl er diese Position auf sehr mutige und sehr intelligente Weise, mit großer Vorausschau, aufgegeben und in der tibetischen Exilregierung die Demokratie eingeführt hat. Nichtsdestotrotz war er für viele Jahre verantwortlich und organisierte – oder überwachte – all die verschiedenen Bemühungen, um die Flüchtlinge anzusiedeln und die verschiedenen Institutionen aufzubauen usw. Ich glaube, die eigentliche Strategie, die er nutzte, lag darin, wirklich sehr realistisch zu sein. Nicht das ganze als fürchterliches Monstrum zu sehen und zu denken: „das ist zu viel, ich kann das nicht bewältigen, es ist unmöglich.“ Sobald man eine Situation so ansieht: „Ich Armer. Ich kann das unmöglich tun, es ist zu viel für mich“, dann ist man verloren. Man tut einfach, was getan werden muss auf wohl organisierte Weise. Er hat eine unfassbare Intelligenz und ein unfassbares Gedächtnis, so dass er in der Lage ist, sich all die verschiedenen Projekte, für die er zuständig ist, merken zu können, wie der gute Anführer eines multinationalen Unternehmens, der alles im Auge behalten muss und mit Intelligenz weiß, wie die Dinge deligiert und erledigt werden müssen. Er erledigt die Dinge einfach; es ist keine große Sache.

Oft sage ich scherzhaft, dass das Kalachakra System wirklich sehr hilfreich dabei ist, wenn man lernen will, eine große Menge verschiedener Sachen machen zu können. Im Kalachakra Mandala, wenn Ihnen das etwas sagt, visualisiert man 722 Figuren. Vielleicht kann der Dalai Lama 722 Figuren visualisieren, ich kann es mit Sicherheit nicht, aber im Allgemeinen geht es darum, dass sich eine ungeheure Menge an Figuren in Gruppen und Haufen um uns herum befinden und dass wir das Gefühl haben, unser Selbstbild schließe alles, das gesamte Mandala, mit ein. Es gibt Gottheiten, die jedem der 360 Tage des Mondjahres zugeordnet sind, die jeder der astrologischen Konfigurationen, jedem der verschiedenen Aspekte des Körpers und des Körpersystems zugeordnet sind, Gottheiten die alles umfassen. Wenn wir uns selbst mithilfe dieses Systems der Praxis auf so umfangreiche und komplexe Weise betrachten, ist es nichts besonderes, wenn eine neue Aufgabe oder eine neue Angelegenheit auf uns zukommt; man sieht sie einfach als eine weitere Gruppe von 10 Figuren dort drüben, in diesem Bereich des Mandala. Hier ist noch eine und dort drüben gibt es noch einen Haufen. Ich kann damit umgehen, weil ich mit der großen Komplexität der ganzen Sache umgehen kann. Alles ist integriert und funktioniert reibungslos; wir haben keine Angst, auch nicht vor neuen Aufgaben, die dazukommen. Wir machen keine große Sache aus irgendwelchen Dingen.

Es stimmt, dass das Leben komplex ist und das Leben einiger Menschen ist komplexer, als das anderer, aber unser Leben ist komplex. Anstatt vor der Komplexität Angst zu haben, begrüßen wir die Komplexität: je mehr, je besser. Warum nicht? Mit dieser Einstellung kann ich … zum Beispiel kann ich selbst persönlich auf meiner Weibseite mit 20 Sprachen arbeiten. Es ist nichts besonderes, ich kann noch mehr Sprachen hinzufügen, wenn es sein muss. Noch eine Sprache hinzufügen, warum nicht? Ich habe keine Angst davor. Das ist ein kleines Projekt im Vergleich zu all den Dingen, mit denen sich der Dalai Lama befasst. Ich denke, dass es auf diese Weise möglich ist. Nicht zu lamentieren: nein „ich Armer“, nein „das ist unmöglich“, sondern es einfach zu tun. Wie meine Mutter sagen würde: „einfach geradeaus und durch.“ Tun Sie es einfach! Nicht: „hmm … hin- und herzuschwanken … soll ich es tun?“ und sich Sorgen zu machen usw. Tun Sie es einfach!

Teilnehmer: Könnten Sie bitte erklären, warum der Dalai Lama „Seine Heiligkeit“ genannt wird, obwohl er selbst betont, dass er ein einfacher Mensch ist?

Alex: Nun, der Dalai Lama nennt sich selbst nicht Seine Heiligkeit. Ich weiß nicht, wer mit diesem englischen Begriff zuerst angefangen hat, aber es kam wahrscheinlich aus einer Art christlichen Anrede und dann hat es sich im Englischen festgesetzt. Die Menschen benutzen es als Ausdruck des Respekts, wie z.B. „Seine Hoheit“ für einen König. Im Tibetischen gibt es viele Ehrentitel, die für den spirituellen Lehrer benutzt werden und so gibt es besondere Titel, die für den Dalai Lama benutzt werden. Was bedeutet „Seine Heiligkeit“? Nichts was man wörtlich nehmen sollte, es ist einfach ein Brauch, den die Menschen angenommen haben und er kann sie nicht dazu bringen, damit aufzuhören ihn so zu nennen, aber zweifellos mag er es nicht, dass die Menschen ihn wie eine Art Gott verehren.

Teilnehmer: Da Sie Tibetisch sprechen, könnten Sie vielleicht etwas in Englisch vorschlagen, was im Gegensatz zu „Seiner Heiligkeit“ angemessener klingen würde, etwas aus dem Tibetischen sozusagen.

Alex: Der wichtigste Titel, der benutzt wird ist „Kundün“, was soviel wie „die Höchste Präsenz“ bedeutet.

Teilnehmer: Die Höchste Präsenz?

Alex: Ja. Ich weiß nicht, wie man das in andere Sprachen übersetzen würde; das ist nicht so einfach. Präsenz bedeutet, dass er sich inkarniert und all die guten Eigenschaften der höchst entwickelten Wesen repräsentiert. Man befindet sich in der Präsenz von jemandem, der wirklich hochverwirklicht ist, die Höchste Präsenz. Ich habe versucht, das einzuführen, aber niemand war daran interessiert.

Gibt es noch irgendwelche Fragen? Gut. Dann können wir hier vielleicht enden. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind und ich hoffe, dass dies von Nutzen war. Vielen Dank.