Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Betrachtungen des Dalai Lama über eine realistische Herangehensweise an den Buddhismus: Vorträge vor ehemaligen westlichen Einwohnern Dharamsalas

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Dharamsala, Indien, 2 -3 November, 2010
Transkribiert von Sean Jones und Michael Richards
Bearbeitet von Luke Roberts und Alexander Berzin
Übersetzung ins Deutsche: Anke Klinkenberg
Lektorat: Monika Dräger
Mit Erläuterungen gekennzeichnet in violett zwischen eckigen Klammern

Teil drei: Buddhismus im einundzwanzigsten Jahrhundert

Wie man ein Buddhist des 21. Jahrhunderts ist

Ich sage immer den Tibetern und auch den Chinesen und Japanern, auch den Ladakhis und allen Buddhisten des Himalayas – ich sage ihnen immer, dass wir jetzt im 21. Jahrhundert leben, und auch Buddhisten des 21. Jahrhunderts sein sollten. Das bedeutet, ein besseres Wissen über moderne Erziehung, moderne Wissenschaft und diese Dinge und auch die Nutzung moderner Möglichkeiten zu haben, aber gleichzeitig von den buddhistischen Belehrungen über unbegrenzten Altruismus, Bodhichitta und der Sicht von gegenseitiger Abhängigkeit (Interdependenz) pratityasamutpada [abhängigem Entstehen] vollständig überzeugt zu sein. Dann können sie wahre Buddhisten sein und gleichzeitig zum 21. Jahrhundert gehören.

Kürzlich war ich in Nubra [Ladakh] und unterwegs hielt ich zum Essen an. Einige Einheimische kamen – einigen von ihnen kannten wir seit zwanzig oder dreißig Jahren – und so habe ich mich mit ihnen unterhalten. Ich sagte ihnen, dass wir Buddhisten des 21. Jahrhunderts sein sollten und dass Studieren sehr, sehr wichtig sei. Dann fragte ich sie: „Was ist Buddhismus?“ und sie sagten: „ Buddham saranam gacchami. Dharmam saranam gacchami. Sangham saranam gacchami. [Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha.] Das ist Buddhismus.“ Das ist zu einfach. Dann fragte ich sie, was der Unterschied zwischen Buddha, Jesus Christus und Mohamed sei. Sie sagten: „Kein Unterschied.“ Das ist nicht richtig. In Bezug darauf, dass sie große Lehrer der Menschen sind, sind sie gleich. Aber in Bezug auf ihre Belehrungen gibt es große Unterschiede. Buddhismus ist nicht-theistisch. Ich habe sie einmal gefragt, ob Buddhismus eine Form des Atheismus sei oder nicht, und sie meinten, Atheismus bedeutet „Anti-Gott“. Buddhismus ist nicht Anti-Gott – der Buddhismus respektiert alle Religionen – aber Buddhismus ist nicht-theistisch in dem Sinne, dass es keinen Schöpfer gibt, kein Konzept eines Schöpfers. So gibt es auf der Seite der Belehrungen, auf der philosophischen Seite, große Unterschiede zwischen Buddhismus und diesen anderen Religionen, aber die Dorfbewohner hatten das Gefühl, sie seien gleich.

Das erinnert mich an etwas: In Tibet gab einmal ein Lama eine Unterweisung und die Leute fragten ihn: „Wo sind die drei Juwelen? Wo ist Buddha?“ Er schwieg für einige Zeit, dann zeigte er zum Himmel und sagte: „Oh, Buddha ist in einem Kristallpalast im Himmel, umgeben von strahlendem Licht.“ Das ist nicht wahr. Buddha ist letztendlich hier in unseren Herzen – die Buddhanatur.

Daher möchte ich Ihnen sagen, dass wir zu der wirklichen Grundlage des Buddhadharma vordringen müssen [den Lehren des Buddha]. Das ist so, als wenn Sie die Hauptnahrungsmittel hätten – Reis oder Mehl oder, im Falle der Tibeter, Tsampa – und dann etwas Gemüse. Schönes Gemüse, wirklich sehr gut. Aber ohne das Hauptnahrungsmittel, bloß ein bisschen Gemüse – nur ein paar Beilagen – das ist nicht ausreichend. Und es ist wichtig, das zu verstehen.

Der Stamm und die Zweige der Tradition

Normalerweise beschreibe ich den tibetischen Buddhismus als reine Nalanda-Tradition [in dem Sinne, dass der tibetische Buddhismus das Erbe der Belehrungen der siebzehn großen Meister der alten indischen Klosteruniversität von Nalanda ist]. Das ist das Grundlegende. Ich erkläre unseren buddhistischen Gruppen, einschließlich denen in Ladakh, auch die Analogie von dem Stamm und den verschiedenen Zweigen. Die Nalanda-Tradition ist wie der Stamm eines Baumes. Und [die tibetischen Traditionen] Nyingma, Sakya, Kagyu, Gelug, Kadam, Jonang – alle diese sind wie die Zweige.

Kürzlich war ich im Dorzong-Zentrum, einem Drugpa-Kagyü-Zentrum. Deren Rinpoches haben in der Regel ein sehr gutes Studienprogramm, nicht nur für ihre eigenen Mönche, sondern auch für junge tibetische Laien-Studenten. Ich befragte Dorzong Rinpoche über ihr Programm, und es ist ein sehr gutes. Also sprach ich zu ihnen über den Baumstamm und die Zweige, und wie, soweit es um die Einheit geht, Sakya, Nyingma, Kagyu, Gelug, Kadam und Jonang alle bis zu den Wurzeln gehen. Da gibt es keine Unterschiede. Aber wenn zu viel Betonung auf die Zweige gelegt wird, dann stechen die kleinen Differenzen hier und da zu sehr hervor. Diese Zweige sind wichtig; da gibt es einige besondere Dinge, wie dzogchen [die große Vollkommenheit] und mahamudra [das große Siegel] und bei den Sakya lamdray [der Weg und seine Resultate] seltong-zungjug [das verbundene Paar von Klarheit und Leerheit]. Jedes von ihnen ist gut, aber sie sind alle mit dem Stamm verbunden. Dann ist es vollständig. Aber wenn sie die grundlegenden Lehren vernachlässigen und nur diese Zweige berücksichtigen, dann ist es nicht vollständig und dann besteht auch die Gefahr von Fehlinterpretationen.

Es gibt da also den Stamm, die Nalanda-Meister. Ich beschreibe normalerweise siebzehn Nalanda-Meister. Deren Texte sind die Erklärungen über den grundlegenden Buddhismus. Die anderen sind die Zweige.

Warum Skepsis wichtig ist

Gemäß [der Lehren des] Stammes – der Grundlage der buddhistischen Lehren – ist Skepsis äußerst wichtig. Nun, ich glaube und hoffe, dass ich Buddhist bin, aber ich glaube nicht mehr an den Berg Meru. Die zwei Wahrheiten und die vier edlen Wahrheiten sind die wirklichen Erklärungen für den Kosmos, die Galaxien und den Urknall. Dies ist die wirkliche Lehre des Buddha und des Buddhismus.

Die Darlegung der klassischen Texte gruppiert sich um die vier Grundlagen des Vertrauens herum (tib. rton-pa bzhi). [Gründe dein Vertrauen nicht auf die Person, gründe es auf seine oder ihre Lehren; gründe dein Vertrauen nicht auf seine oder ihre Worte, sondern auf deren Bedeutung; gründe dein Vertrauen nicht auf deren zu interpretierende Bedeutung, sondern auf deren endgültige Bedeutung; (um diese zu verstehen) gründe dein Vertrauen nicht auf dein Unterteilungen machendes Bewusstsein, gründe es auf dein tiefes Gewahrsein.] Die klassischen Texte erwähnen, dass die wirkliche Zielgruppe dieser Bücher, ihre ernsthaften Leser, eine kritische Herangehensweise haben müsse. Sie müssen untersuchen, ob der Inhalt des Buches etwas für ihr Leben Relevantes ist oder nicht. Welchen zeitweiligen Nutzen hat es? Und langfristig, welchen Nutzen hat es? Die ernsthaft interessierte Leserschaft muss eindeutig die Relevanz des Textes erkennen, bevor sie seinen Lehren folgt.

Das ist ganz genau die Nalanda-Herangehensweise. Die Zuhörer oder Leserschaft muss skeptisch sein. Skepsis führt zu Fragen, Fragen führen zu Untersuchungen, Untersuchungen führen zu Antworten. Das ist die logische Herangehensweise.

Die Widerlegung des Glaubens an den Berg Meru und die Ortsbestimmung der Höllen

Als ich vor vierzig Jahren in Sar Ashram war, sagte ich bei einer Gelegenheit, „…dass Buddha nicht auf diesen Planeten kam, um eine Landkarte zu erstellen. Es ist keine buddhistische Angelegenheit, ob es den Berg Meru gibt oder nicht. Das spielt keine Rolle.” Genau so. Wir haben die Freiheit, Vasubandhus Erklärungen [im Abhidharmakosha, „ Ein Schatzhaus spezieller Themen des Wissens“] abzulehnen. Wir müssen zwischen wörtlicher und symbolischer Bedeutung unterscheiden. Beim Kalachakra [Tantra] wird gesagt, dass der Berg Meru und andere Dinge den menschlichen Körper symbolisieren, vom Kopf bis zu den Fußsohlen. Es gibt viele ähnliche tantrische Erklärungen. Diese Symbole haben also eine bestimmte Bedeutung, einen bestimmten Zweck.

Und hinsichtlich der Höllen, hinsichtlich der Vorstellung der Höllen: Ich finde es sehr schwierig, das, was in Vasubandhus Abhidharmakosha gesagt wird, zu akzeptieren: dass zwanzig Meilen [Tib. pagtse (dpag-tshad), Skt. yojana] unter Bodhgaya acht verschiedene Höllenbereiche sind. Ein pagtse ist sehr viel länger als ein Kilometer. Wenn Sie immer tiefer und tiefer gehen, dann existieren die Höllen wahrscheinlich in Amerika. Aber es ist schändlich zu sagen dass Amerika eine Hölle sei. Also sind diese Dinge nicht schwierig zu widerlegen.

Es gibt drei Wege, um etwas zu verstehen: durch Sinneswahrnehmung, durch Schlussfolgerung basierend auf Überlegung und dadurch, dass man sich auf die Kompetenz der Schriften verlässt. Dies bedeutet [im Falle der Schriften] sich auf eine dritte Person zu verlassen. Ich sage den Menschen oft, dass es wie beim eigenen Geburtstag ist. Wir haben keine Möglichkeit herauszufinden, was unser tatsächlicher Geburtstag ist. Wir müssen uns auf eine dritte Person verlassen, zum Beispiel auf unsere Mutter. Und um die Angabe einer dritten Person zu akzeptieren, müssen wir erst beweisen, dass diese Person ehrlich und zuverlässig ist und einen normalen Verstand hat. Also müssen wir einen anderen Bereich überprüfen, den die dritte Person gesagt hat, etwas, das wir untersuchen können. Wenn wir prüfen und finden, dass es stimmt, wissen wir, dass diese Person ehrlich ist und keinen Grund hat zu lügen oder Dinge vorzugeben. Dann können wir die Aussagen dieser Person glauben.

Und genauso mag es mysteriöse Phänomene geben, die jenseits unserer Verständnisebene sind und mit denen wir keine Erfahrung haben. Wenn es Leute gibt, die sagen, sie haben diese Phänomene tatsächlich erfahren, können wir ihre Schriften überprüfen und sehen, ob sie in Bezug auf andere Dinge zuverlässig sind. Wenn das so ist, können wir uns auf die Erklärungen dieser dritten Person über Dinge, die jenseits unseres Verständnisses sind, verlassen. Diese Art der Herangehensweise müssen wir bei Erklärungen in buddhistischer Literatur anwenden.

Nun, nach pramana – Logik und Erkenntnistheorie – [gibt es verschiedene Arten von Beweis und Widerlegung. Eine Art von Widerlegung beinhaltet ein Phänomen, das wahrnehmbar sein sollte, es aber nicht ist]. Zum Beispiel haben, nach dem Abhidharmakosha, die Sonne und der Mond denselben Abstand zur Erde und, indem sie den Berg Meru umkreisen, kommt es zu Tag und Nacht. Scheinbar erleben wir tatsächlich den Schatten des Berges Meru [während der Nacht], aber wenn wir seinen Schatten erfahren, sollten wir auch den Berg sehen können. Im antiken Indien hatte Vasubandhu nicht die Möglichkei, zu prüfen, ob es einen Berg Meru gab. Aber heute haben wir Raumfahrtschiffe, daher sollten wir ihn sehen können. Falls es den Berg Meru gäbe, sollten wir ihn sehen können. Aber da wir ihn nicht sehen können, können wir sagen, dass er nicht existiert.

So gibt es Widerlegungen, die beinhalten, dass man nicht in der Lage ist, das Phänomen zu beobachten, welches man versucht zu beweisen oder wovon man das Gegenteil beobachtet. Dignaga und Dharmakirti erwähnten diese Dinge eindeutig in ihren Texten. Wenn man unsere eigene buddhistische Erkenntnistheorie nutzt, ist die Nichtexistenz des Berges Meru leicht zu beweisen. Es gibt keine Probleme, diese Dinge zu widerlegen.

Einmal in Südindien, bei einem großen Treffen von Mönchsstudenten – ich glaube mehr als zehntausend (Studenten aller wichtigen monastischen Institute waren dort versammelt) – erwähnte ich meine Sicht der Wichtigkeit von Wissenschaften und dass wir Wissenschaften lernen müssen, moderne Wissenschaften. Und dann erwähnte ich, dass ich nicht an den Berg Meru und all diese Dinge glaube. Dann sagte ich, „Oh, aber bitte betrachten Sie mich nicht als Nihilisten.“ Am ersten Tag meiner Belehrungen ging es mehr um die Beziehung zwischen buddhistischer Wissenschaft und westlicher Wissenschaft. Dann am zweiten Tag sprach ich über buddhistische Lehren. Ich war also am ersten Tag mehr innovativ bei meinen Unterweisungen und am zweiten Tag waren es mehr traditionell religiöse Unterweisungen. Also auf jeden Fall ist es kein Problem diese Dinge zu widerlegen.

Mögliche Gefahren der Hingabe zum Guru

Wenn wir jetzt zu den Wurzeln gehen, da wird die Bedeutung der Hingabe nicht betont. Aber wenn wir in die Zweige gehen, wie Mahamudra oder Dzogchen, dann ist Guru-Hingabe sehr wichtig. Dies verdirbt tatsächlich einige dieser Lamas und dann werden ihre Zentren Sekten. Warum? Weil die grundlegenden buddhistischen Lehren vergessen werden und sich bloß auf diese Zweige konzentriert wird.

Wie Naropa, der Hauptlehrer von Marpa, die Hauptpersönlichkeit der Kagyü-Linie. Naropa war einer der großen Gelehrten des Nalanda-Instituts. Später dann praktizierte er Tantrayana und sah aus wie ein Bettler oder Sadhu. Naropa hatte nur deshalb das Potential, diese Dinge zu praktizierten, weil er alle wichtigen Texte studiert hatte, die in der Nalanda-Tradition zur Verfügung standen. Aber jetzt machen einige Praktizierende im Westen – bei den Tibetern genauso, bei den Ladakhis ebenfalls – ohne die Grundlagen des Buddha-Dharma zu kennen, alles was ihnen ihre Lamas sagen. Sogar wenn ihr Lama sagt „Westen ist Osten“, glaubt er oder sie: „Oh, das ist der Osten.“ Das ist entgegen der Nalanda-Tradition.

Natürlich ist die Person, die in den Grundlagen des Buddhismus vollständig qualifiziert ist, anders als ein Lama, der einfach auf einem hohen Thron sitzt – so wie ich auf einem hohen Thron sitze – aber dessen wirkliche Erfahrung sehr begrenzt ist. Nun sieht es vielleicht so aus, als wäre ich ein bisschen eifersüchtig auf diese Lamas! Aber nach meiner Erfahrung, glaube ich, haben sie kein korrektes, vollständiges Wissen, und sie betonen einfach diese Zweige. Das schafft eine Menge Missverständnisse. Es ist wichtig, das zu verstehen.

Buddhismus dem Westen anpassen

Die Idee, einen westlichen Buddhismus zu haben, ist richtig, völlig richtig. Sie wissen, dass Buddhismus ursprünglich aus Indien kommt. Dann, als er verschiedene Orte erreichte, vermischte er sich mit lokalen Traditionen und wurde zum tibetischen Buddhismus, chinesischen Buddhismus, japanischen Buddhismus, in dieser Art.

Einige der Musikinstrumente, die in unseren tibetischen Klöstern verwendet werden, entstammen nicht der Nalanda-Tradition, sondern der chinesischen Richtung. Es gibt ein Instrument genannt gyaling (rgya-gling) [die tibetische Schalmei oder Oboe], wörtlich „Chinesische Flöte“. Und in einigen dieser Klöster kleiden sich die Leute, die diese Instrumente spielen, wie Chinesen. Witzig, nicht wahr? Dies ist nicht Teil des Buddhismus, dies ist lediglich ein kultureller Aspekt. Genauso sollte man in der westlichen buddhistischen Gemeinschaft moderne Instrumente verwenden und nach der Melodie eines westlichen Liedes beten. Das ist in Ordnung. Das ist kein Problem.

Doch was die Idee der vier edlen Wahrheiten, des Altruismus und alle diese betrifft: Sehen Sie, der Buddhismus befasst sich mit Emotionen, und heute sind die menschlichen Emotionen die gleichen, wie die menschlichen Emotionen vor 2600 Jahren. Die Emotionen der Menschen sind, glaube ich, in den letzten drei- oder viertausend Jahren die gleichen geblieben und werden in den nächsten paar Jahrtausenden die gleichen bleiben. Nach zehn- oder zwanzigtausend Jahren, wird sich eine neue Art von Gehirn entwickelt haben, und dann werden die Dinge vielleicht ein bisschen anders sein. Aber das ist zu weit weg. Es ist nicht nötig, die Lehren für unsere Generation zu ändern, für die zweite Generation, die dritte Generation – es ist dasselbe menschliche Gehirn und sind dieselben menschlichen Emotionen. Sie können Wissenschaftler danach fragen, Gehirnspezialisten, und sie werden sagen, „Es wird mindestens für die nächsten Jahrhunderte dasselbe Gehirn sein. Keine Veränderung.“ Genauso. Also müssen die grundlegenden buddhistischen Lehren authentisch sein.

Vor einiger Zeit habe ich in Frankreich „New Age“ erwähnt – sie nehmen etwas von hier, etwas von da, etwas von dort, und das Endergebnis ist nicht authentisch. Das ist nicht gut. Ich denke, wir müssen die wirkliche Nalanda-Tradition erhalten. Das ist sehr wichtig. Aber kulturelle Aspekte können wir verändern.

Das Problem, fortgeschrittene Belehrungen falsch zu verstehen

Nun glaube ich, dass ich vielleicht etwas konstruktive Kritik habe. Im Westen habe ich einige Leute getroffen, die nur wenig wissen, aber das Gefühl haben: „Toll, ich verfüge über das vollständiges Wissen!“ Dann, erfinden sie Lehren aufgrund ihres begrenzten Wissens und ihrer falschen Vorstellungen. Natürlich ist dies genauso bei Tibetern möglich, insbesondere bei den Leuten, die die großen buddhistischen Texte nicht studiert haben.

Es gibt ein Beispiel, von dem ich denke, dass ich es mit Ihnen teilen kann. Unmittelbar nach einem großen Erdbeben besuchte ich San Francisco. Mein Fahrer war damals nicht vom State Department. Es war ein privates Auto und der Fahrer gehörte einem der Dharmazentren an, deren Mitglieder Dzogchen praktizierten. Beiläufig fragte ich ihn, „Was fühlten Sie, als das Erdbeben passierte?“ Und er sagte, “Oh, das war eine großartige Gelegenheit, Dzogchen zu praktizieren, weil es ein Schock war, ein großer Schock.“

Aber in einem Schockzustand ohne Gedanken zu sein – wenn er meinte, das wäre unverfälschte Dzogchenpraxis, dann wäre es sehr einfach: lassen Sie sich einen Schlag geben und Sie können Dzogchen praktizieren! Dzogchen ist nicht so einfach. Ich habe selber Dzogchen praktiziert. Es ist sehr schwierig, wirklich schwierig.

Es gibt ein Sprichwort: „Ein bisschen Wissen ist gefährlich.“ Darin liegt ein bisschen Wahrheit, also seien Sie vorsichtig. Studieren Sie. Und verlassen Sie sich nicht auf die Anweisungen eines Lamas, verlassen Sie sich auf authentische, zuverlässige Bücher. Das ist wichtig. Verlassen Sie sich nicht auf meine Worte. Studieren Sie die authentischen Texte, die von Nagarjuna, Aryadeva und all den buddhistischen Meistern geschrieben wurden. Die Lehren sind über Jahrhunderte von diesen großen Gelehrten geprüft worden. Arya Asanga schrieb und debattierte mit anderen Philosophen. Zum Beispiel wurden einige von Nagarjunas Schriften ein wenig von Arya Asanga kritisiert und dann untersuchten andere Meister Arya Asangas Arbeit und kritisierten diese. Diese großen Texte, die von diesen Meistern geschrieben wurden, wurden über Jahrhunderte untersucht und getestet, daher sind sie wirklich verlässlich.

Und dann gibt es die doha, die spirituellen Lieder [die spontanen spirituellen Lieder von vollendeten Meistern]. Diese Meister sind ausgesprochen einzigartige Praktizierende, wie Naropa oder Tilopa, die die Nalanda-Tradition sorgfältig studiert haben. Dann haben sie durch ihre Praxis alles weltliche Leben aufgegeben, einschließlich des monastischen Lebens, und lebten ausschließlich als Bettelmönche und Yogis. Und dann haben sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrung entsprechend ihrem eigenen tiefen Verstehen in einfachen Worten diese Gedichte verfasst. Also besteht die Gefahr von Missverständnissen, wenn jemand lediglich die Grundkenntnisse der Tradition kennt [und nicht mehr].

Die Nyingma-Tradition beschreibt ein System von neun Yanas [Fahrzeugen]. Die ersten drei Yanas – das Shravaka-Yana, das Pratyekabuddha-Yana, und das Bodhisattva-Yana [die drei Sutra Fahrzeuge] – basieren hauptsächlich auf dem Verständnis der vier edlen Wahrheiten. Und dann die nächsten Yanas – Kriya-, Upa- und Yoga- [Fahrzeuge, die mit den drei äußeren Klassen des Tantra verbunden sind] – betonen die Praxis von Reinheit. Und dann die letzten drei Yanas – Maha-, Anu- und Ati- [Fahrzeuge verbunden mit den drei inneren Stufen des Tantra] – betonen die Praxis der Kontrolle des eigenen Geistes.

Die wirkliche Bedeutung hinter diesen drei letzten Yanas ist es, den Emotionen zu erlauben, sich zu entwickeln. Und dann, statt von den Emotionen versklavt zu werden, ist ihr Haupt-Geist fähig, die letztendliche Natur der Emotion zu betrachten. Das ist das klare Licht. In den letzten drei Yanas werden die zerstörerischen Emotionen also nicht als etwas angesehen, was Sie überwinden müssen, sondern Sie betrachten diese zerstörerischen Emotionen und sehen die Wirklichkeit. Das ist also auf der Grundlage von tieferer Erfahrung, und dies ist eine ganz andere Art der Praxis als die der früheren Stufen. Also sind einige der Lehren von Praktizieren der höheren Stufen, die bereits diese Stufen durchlaufen haben, auf unserem Niveau sehr schwer zu praktizieren. Diese neun Stufen sind nicht einfach.

Sollten wir im Namen der Menschlichkeit handeln oder im Namen des Buddhismus?

Kürzlich war ich in Patna im Staate Bihar. Sie haben das riesige Bauwerk eines buddhistischen vihara, einen buddhistischen Tempel, errichtet. Sie erwarben einige Relikte aus verschiedenen buddhistischen Ländern; und auch ich bot ihnen einige Relikte an. Der Ministerpräsident erwähnte bei dieser Veranstaltung, dass der Staat Bihar durch Buddhas Segen Fortschritte machen werde. Daraufhin sagte ich ihm – weil ich in kenne, er ist ein sehr enger Freund – „Wenn Buddhas Segen helfen könnte, den Staat Bihar zu entwickeln, wäre das schon viel früher passiert, denn Buddhas Segen war schon da. Bis ein leistungsfähiger Ministerpräsident kommt, wird es keine Entwicklung geben. Buddhas Segen muss durch eine menschliche Hand ausgeführt werden.“

Gebete haben keine wirkliche Wirkung, obwohl Gebete etwas sehr schönes sind, aber etwas machen ist etwas anders, nicht wahr? Wirkliche Wirkung erfordert Handlung. Darum sagt man im Buddhismus „ Karma, Karma.“ Karma impliziert „Handlung“. Also müssen wir aktiv sein.

Handlung sollte mit dem Glauben ausgeführt werden: „Ich bin einer von ungefähr sieben Milliarden menschlicher Wesen. Ich habe die Verantwortung, mich ernsthaft um das Wohlergehen von fast sieben Milliarden menschlicher Wesen zu kümmern.“ In der Art. Wenn wir ein buddhistisches Gebet sprechen, sagen wir immer, es sei für alle fühlenden Wesen. Kein Buddhist spricht Gebete nur für Tibeter. Beten Sie niemals so. Oder nur für diese Welt – es gibt unendlich viele Welt, viele fühlende Wesen. Und dann müssen wir das zur Anwendung bringen, sonst werden unsere Gebete heuchlerisch. Beten auf der Grundlage eines großen „wir“, aber unser tatsächliches Karma – mit unseren tatsächlichen „ Handlungen“ – auf einem starken Gefühl von „wir´“ und „die anderen“ zu gründen ist heuchlerisch.

Nun, sollten unsere Taten im Namen der Menschlichkeit oder im Namen des Buddhismus ausgeführt werden? Wenn Sie versuchen, grundlegende menschliche Werte auf der Basis von buddhistischen Belehrungen zu fördern, dann wird es eng und kann nicht allgemeingültig sein. Indiens Jahrtausende alte Tradition beinhaltete den Pluralismus aller Religionen, und das war säkular – keine Bevorzugung einer bestimmten Religion, Achtung für alle Religionen. Neben den einheimischen Religionen sind schließlich alle großen Weltreligionen in Indien angekommen. So haben während der letzten zweitausend Jahre alle großen religiösen Traditionen in diesem Land zusammen existiert. Daher haben sie selbstverständlich, aufgrund dieser Realität, eine säkulare Ethik entwickelt. Das ist sehr gut. Es gibt so viele Religionen, dass wir keinen Druck auf den religiösen Glauben ausüben dürfen. Daher ist der einzige praktikable, realistische Weg ganz einfach eine säkulare Ethik – ohne Verbindung mit einer Religion.

Ich bin vollständig überzeugter Buddhist. Wenn sich jemand für Buddhismus interessiert, bin ich manchmal glücklich, aber ich versuche nie den Buddhismus zu verbreiten. Religiöser Glaube ist eine private Angelegenheit. Säkulare Ethik ist die Angelegenheit aller menschlichen Wesen. So sollten wir, die buddhistische Gemeinschaft – neben unserer eigenen täglichen Praxis als Buddhisten – mehr in dieser Richtung denken.

Ich schätze wirklich die Arbeit unserer christlichen Brüder und Schwestern. Ich denke, sie haben den größten Beitrag zur Bildung auf diesem Planeten geleistet. Sie finden keine andere Religion, die das tut. Kürzlich machte in Indien die Ramakrishna-Bewegung etwas [im Bereich der Erziehung der Massen], aber alle anderen religiösen Gruppen bleiben in ihren eigenen Tempeln und sammeln Geld. Sie sehen, wir müssen aktiv werdenbei der Förderung einer besseren, gesünderen Welt. Auf diesem Niveau, glaube ich, haben unsere christlichen Brüder und Schwestern den Menschen einen überragenden Dienst erwiesen. Aber gleichzeitig missionieren sie auch, führen Konvertierungsarbeit durch, und das ist ein Problem.

Einmal in Salt Lake City, luden mich die Mormonen in ihr Hauptquartier ein. Ich traf ihre Führer, später hielt ich dort einen öffentlichen Vortrag. Ich sagte, wenn Missionare in Gebiete gingen, wo es keine stabile religiöse Tradition gibt, dann wäre es gut, die Leute dort zum Christentum zu bekehren. Wenn es dort keine stabile Philosophie gibt, ist es sehr gut. Aber in Gebieten, die bereits einen stabilen Glauben haben, führen Konvertierungen zu Konflikten und Schwierigkeiten.

Manchmal bieten sie Geld an, wenn sie diese Konvertierungen durchführen. Bei jeder Konvertierung, die stattfindet, geben sie fünfzehn Dollar. Mongolen sind dabei ziemlich raffiniert: sie nehmen jedes Jahr daran teil, und so erhalten sie jedes Jahr fünfzehn Dollar!