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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Fragen der buddhistischen Sexualethik

Alexander Berzin
Morelia, Mexiko, September 1998
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Leicht redigiertes Kurstranskript

Legalismus und Humanismus: die ethischen Systeme des Westens

Thema des heutigen Abends ist die buddhistische Perspektive auf die Sexualethik. Allgemein gesagt versuchen wir im Buddhismus immer, dem mittleren Weg zu folgen. Ein Extrem besteht darin, dass man, mit einer Geisteshaltung, die die Sexualität als etwas Schmutziges und grundlegend Schlechtes ansieht, äußerst strikt und streng ist. Das andere Extrem, das wir vermeiden wollen, ist die Einstellung, wonach in Bezug auf Sex alles O.K. ist, nach dem Motto „Drück dich einfach aus“.

Der buddhistische mittlere Weg, der einen ethischen Umgang mit der Sexualität lehrt, vermeidet diese beiden Extreme. Um ihm folgen zu können, müssen wir allerdings die buddhistische Sicht der Ethik verstehen. Es gibt zahlreiche verschiedene ethische Systeme. Deshalb müssen wir vermeiden, dass wir unsere eigenen Systeme auf den Buddhismus projizieren. Die biblische Ethik etwa lehrt eine Reihe von Geboten, die von einer höheren Autorität, von Gott, erlassen wurden. Das ethische Verhalten ist hier eine Frage des Gehorsams den Geboten gegenüber. Wenn wir Gottes Geboten gehorchen, dann sind wir „gute Menschen“ und werden dafür belohnt. Wenn wir nicht gehorchen, dann sind wir „schlecht“ und werden dafür bestraft.

Ein weiteres großes ethische System, das wir im Westen geerbt haben, stammt aus dem alten Griechenland. Es ist dem biblischen recht ähnlich, doch werden hier die Gesetze nicht von Gott erlassen, sondern von einer gewählten Versammlung von Menschen, die an die Regierung gewählt wurden. Und auch hier ist Ethik eine Frage des Gehorsams: wenn wir den zivilen Gesetzen gehorchen, dann sind wir gute Bürger; missachten wir sie dagegen, dann sind wir „schlechte Bürger“, Kriminelle, und werden ins Gefängnis gesteckt.

Wir können feststellen, dass diese beiden legalistischen Systeme der Ethik Schuldgefühle implizieren und uns dazu bringen, Schuldgefühle zu empfinden. Mit anderen Worten: beide Systeme beruhen auf Urteilen. Es gibt bestimmte Handlungen, die als moralisch „schlecht“ verurteilt werden, und andere dagegen, die als moralisch „gut“ beurteilt werden. Wenn wir etwas „Schlechtes“ tun, dann sind wir schuldig. Wenn diese Form einer urteilenden ethischen Vorgehensweise auf die Sexualität übertragen wird, dann wird unser Sexualverhalten oft von Schuldgefühlen begleitet, selbst wenn uns niemand erwischt, wenn wir etwas „Unartiges“ tun. Der Grund ist, dass wir selbst zu Richtern werden und uns selbst verurteilen, sogar wenn niemand anderes dies tut.

Eine dritte Form westlicher Ethik ist die moderne humanistische Ethik. Sie beruht auf dem Prinzip, anderen kein Leid zuzufügen. Was auch immer wir tun mögen ist in Ordnung, solange wir niemandem Leid verursachen. Wenn wir anderen Leid zufügen, dann ist das unethisch. Gewöhnlich mischen wir die humanistische und die legalistische Ethik miteinander, und daher fühlen wir uns sehr schlecht und schuldig, wenn wir jemandem Leiden zufügen.

Die nichturteilende Ethik des Buddhismus

Die buddhistische Ethik unterscheidet sich grundlegend von allen drei bisher besprochenen Ethiksystemen. Sie basiert nicht auf dem Gesetzesgehorsam und erschöpft sich ebenso wenig im bloßen Versuch, den anderen nicht zu schaden. Natürlich versuchen wir nach besten Kräften, niemandem Leiden zuzufügen, doch es geht weit tiefer. Eine ethische Person ist man nach Ansicht des Buddhismus dann, wenn man Handlungen vermeidet, die von sehnsuchtsvollem Verlangen, von Wut oder Unwissenheit motiviert werden. Außerdem muss man hierzu ein „korrekt unterscheidendes Gewahrsein“ besitzen. Bei Letzterem handelt es sich um die Fähigkeit, zu unterscheiden, welche Motivationen und Handlung konstruktiv und welche dagegen destruktiv sind. „Konstruktiv“ und „destruktiv“ bedeutet hier Folgendes: bestimmte Motivationen und Verhaltensweisen bauen in unserem geistigen Kontinuum Tendenzen und Gewohnheiten auf, die uns als Folge irgendwann in der Zukunft Glück oder Leiden erfahren lassen.

Niemand hat Regeln darüber erlassen, was konstruktive und destruktiv ist. Es ist einfach die natürliche Funktionsweise des Universums, dass uns bestimmte Handlungen Leiden bringen und andere nicht. Wenn wir beispielsweise unsere Hand ins Feuer halten, dann werden wir uns verbrennen und es wird wehtun. Das ist eine destruktive Handlung, nicht wahr? Niemand hat hierüber eine Regel erlassen: es ist einfach die natürliche Art der Dinge. Wenn also jemand seine Hand ins Feuer stecken will, dann macht ihn das nicht zu einem schlechten Menschen. Vielleicht macht es ihn zu einem törichten Menschen, der Ursache und Wirkung nicht versteht, doch zu einem „schlechten“ Menschen macht es ihn mit Sicherheit nicht.

Wenn man versucht, der buddhistischen Ethik zu folgen besteht die grundlegende Richtlinie, darin, dass man versucht zu verstehen, welche Arten der Motivation und des Verhaltens destruktiv und welche dagegen konstruktiv sind. Mit anderen Worten müssen wir lernen, zwischen dem, was uns Unglück und dem, was uns Glück bringen wird, zu unterscheiden. Und dann liegt die Wahl bei uns; es liegt in unserer eigenen Verantwortung, was wir in Zukunft erleben werden. Es ist wie wenn wir etwas über die Gefahr des Rauchens erfahren: danach hängt es von uns ab, ob wir rauchen oder nicht. Wenn jemand destruktiv handelt und sich selbst Schaden zufügt, dann ist er ein angemessenes Objekt für Mitgefühl. Es wäre unangebracht und entspräche nicht der buddhistischen Einstellung, eine solche Person in einer abschätzig-selbstgerechten Weise zu bemitleiden oder zu verurteilen. Es ist traurig, dass sie die Realität nicht versteht.

Der Buddhismus hat die selbe Vorgehensweise auch in der Sexualethik: er ist nicht urteilend. Im Bereich der Sexualität sind einige Verhaltensweisen und Motivationen destruktiv und machen uns unglücklich, während andere konstruktiv sind und uns glücklich machen. Und auch hier liegt die Wahl wieder bei uns. Wenn wir uns wünschen, dass uns unser Sexualverhalten zahlreiche Probleme bringt, dann können wir alles machen, was uns durch den Kopf geht. Wenn wir dagegen keine Scherereien wollen, dann gibt es einige Dinge, die wir vermeiden müssen.

Wir können uns den Unterschied anhand eines Beispiels recht einfach klar machen. Wenn man mit einer Prostituierten ungeschützt Sex haben will, nun, dann ist das unwissend und äußerst töricht, denn man riskiert dabei, dass man sich vermutlich mit AIDS infiziert. Doch das macht einen nicht zu einem schlechten Menschen. Es ist unsere eigene Wahl. Wie Sie sehen, ist diese Einstellung dem Sex gegenüber recht anders. Hierin liegt der Schlüssel, um die buddhistische Zugangsweise zu verstehen.

Zwischen konstruktivem und destruktivem Verhalten unterscheiden

Um die buddhistische Sexualethik im Detail zu betrachten, müssen wir verstehen, was nach Auffassung des Buddhismus etwas Konstruktives von etwas Destruktivem unterscheidet. Allgemein gesagt unterscheidet der Buddhismus mit Verwirrung vermischte Handlungen von Handlungen, die frei von Verwirrung sind. Dies wird gewöhnlich als „befleckte“ und „unbefleckte Handlungen“ übersetzt. „Befleckt“ sind die Handlungen mit der Verwirrung über die Natur unserer selbst, über die Natur der anderen und über die Natur der Realität im allgemeinen. Die befleckende Verwirrung führt zu dem sehnsüchtigem Verlangen, zur Wut, oder einfach zur Unwissenheit, die dann unsere Handlungen motivieren.

Die Voraussetzung, um ohne Verwirrung handeln zu können ist, dass man eine nichtkonzeptuelle Erkenntnis der Leerheit erlangt – d.h. die Einsicht, dass sich unsere projizierten Fantasien der Realität auf nichts Wirkliches beziehen. Diese Art von Erkenntnis ist sogar auf einer konzeptuellen Ebene sehr schwierig zu verwirklichen. Aus diesem Grund gehen bei den meisten von uns alle Handlungen mit Verwirrung einher: sie entstehen aus der Verwirrung und werden von der Verwirrung begleitet. Dies sind die Arten von Handlungen, die mit dem zusammenhängen, was wir als „Karma“ bezeichnen. Sie sind die Ursachen, aufgrund derer wir weiterhin eine unkontrollierbare Reihe von mit Problemen gefüllten Wiedergeburten erleben – Samsara.

Verwirrte Handlungen können destruktiv oder konstruktiv sein, oder vom Buddha als weder destruktiv noch konstruktiv eingestuft worden sein. Destruktive Handlungen treten immer mit Verwirrung auf. Es sind diejenigen Handlungen, die als Unglücklichsein oder Leiden zur Reifung kommen. Konstruktive Handlungen, die mit Verwirrung vermischt sind, kommen als Glücklichsein zur Reifung, doch als eine Art von Glücklichsein, das nicht anhält und nie befriedigend ist. „Unbestimmte“ Handlungen können ebenfalls mit Verwirrung vermischt sein. Sie kommen als neutrale Gefühle zur Reifung, d.h. weder als Glück noch als Unglück.

Ein Beispiel für eine destruktive Handlung haben wir bereits gesehen: ungeschützter Sex mit einer Prostituierten. Ein solches Verhalten ist ganz klar mit Verwirrung in Bezug auf die Realität, mit Unwissenheit und normalerweise auch mit sehnsuchtsvollem Verlangen vermischt.

Betrachten wir als Beispiel für eine konstruktive, mit Verwirrung vermischte Handlung den Fall einer Mutter, die einen vierundzwanzigjährigen Sohn hat, für den sie immer versucht, etwas Liebes zu tun, wie etwa gute Mahlzeiten zu kochen. Ihren Sohn zu hegen und zu pflegen ist ein Akt der Liebe, eine konstruktive Handlung. Diese Handlung wird künftig als eine Erfahrung des Glücklichseins und des Wohlseins zur Reifung kommen. Allerdings kocht sie auch deshalb für ihn, weil sie sich dadurch nützlich und gebraucht fühlt. Dies ist der Punkt, an dem die Verwirrung ins Spiel kommt. Möglicherweise möchte der vierundzwanzigjährige Sohn nicht wie ein Kind verhätschelt werden. Wenn er nicht zum Essen nach Hause kommt, möchte er nicht wie folgt angesprochen werden: „Warum bist du nicht nach Hause gekommen? Ich habe so ein schönes Essen für dich gekocht. Du bist so rücksichtslos.“ Das Kochen der Mutter war mit der Verwirrung des Festhaltens an einem Ich vermischt: “Ich, ich, ich. Ich möchte mich nützlich fühlen, ich möchte gebraucht werden.“ Egozentrische Interessen unterlagen ihrer konstruktiven Handlung und ihrer freundlichen Motivation. Jede Form von Glücklichsein, das sie als Ergebnis ihrer freundlichen Handlung erleben mag, wird unsicher und instabil sein. Es wird nie anhalten und wird nie zufriedenstellend sein. Zusätzlich wird ihr ihre egozentrische Motivation unausweichlich Frustration, Unglücklichsein und Leiden bringen.

Eine unbestimmte, neutrale Handlung, wie zum Beispiel das Zähneputzen, kann mit Verwirrung vermischt sein, die in dem Glauben besteht, dass wir hierdurch unseren Atem wirklich sauber machen können und dass wir hierdurch wirklich gutaussehend werden können. Doch wir können unseren Atem letztendlich nie wirklich sauber machen, da unsere Zähne sehr schnell wieder schmutzig werden und unser Atem sehr schnell wieder riechen wird. Hier bestehen Verwirrung bezüglich der Realität, ein gewisser Grad an Unwissenheit und ein starkes egozentrisches Besorgstein über unser Aussehen. Obwohl Zähneputzen weder zum Glücklichsein noch zum Unglücklichsein führt – wir tun lediglich, was getan werden muss – halten wir hierdurch ebenfalls unsere samsarische Situation aufrecht. Für den Rest unseres Lebens werden wir unsere Zähne wiederholt putzen müssen. Versteht dies nicht falsch: es bedeutet nicht, dass es am besten ist, unsere Zähne nicht mehr zu putzen. Es ist einfach, dass die neutrale, wiederholte Handlung, mit der wir uns um unseren samsarischen Körper kümmern, wenn sie mit dem Haften an der Vorstellung eines soliden „Ichs“ vermischt ist, die samsarische Situation mit all ihren Problemen verewigt.

Das Reifen des Karmas und das Gesetz der Gewissheit

Wir müssen genauer verstehen, was der Buddhismus mit der Aussage meint, dass Handlungen, die mit Verwirrung vermischt sind, als Unglücklichsein, samsarisches Glücklichsein, oder weder als das eine oder das andere, als neutrale Gefühle, „zur Reifung kommen“. Dieses Prinzip betrifft all unsere gewöhnlichen Verhaltensweisen, einschließlich unseres Sexualverhaltens.

Der Buddhismus spricht vom Gesetz der Gewissheit des Karmas. Es ist gewiss, das destruktive Handlungen in Form von Leiden zur Reifung kommen, außer wenn wir uns von den von ihnen aufgebauten karmischen Tendenzen reinigen. Andersherum gilt, dass wenn man gegenwärtig die Erfahrung von Leiden macht, diese Erfahrung aufgrund karmischer Tendenzen zur Reifung kommt, die man in der Vergangenheit durch sein destruktives Verhalten aufgebaut hat. Das selbe Gesetz gilt für unser normales Glück und für unsere mit Verwirrung vermischten konstruktiven Handlungen.

Im Gesetz der Gewissheit ist das Wort, auf das es ankommt und das verstanden werden muss, das Wort „Reifung“. Wenn etwas als Leiden „zur Reifung kommt“ ist es nicht einfach, dass es als „Ergebnis“ das Leiden hat. Das liegt daran, dass unsere Handlungen viele Ergebnisse haben, wovon die meisten ungewiss sind. So ist es etwa ungewiss, ob wir während wir eine Handlung ausführen, die Erfahrung des Glücklichseins oder des Unglücklichseins machen werden. Betrachten Sie den Fall, bei dem man auf eine Kakerlake tritt. Man kann auf sie treten und dabei großes Vergnügen empfinden, während man etwas tötet, das man als etwas Furchtbares ansieht. Oder, man kann, während man sie zertritt, Schrecken und Eckel empfinden. Auch wenn man jemandem hilft, eine schwierige Aufgabe auszuführen, kann man entweder glücklich sein, oder aber voller Groll über die harte Arbeit.

Ebenfalls ungewiss ist es, was man sofort nach der eigenen Handlung empfinden wird. Nachdem man in ungeschützter Weise Sex mit einer Prostituierten hatte, kann man entweder glücklich sein, dass man Sex gehabt hat, oder aber voller Angst, dass man sich infiziert hat. Nachdem man jemanden Geld geschenkt hat ist es möglich, dass man voller Freude ist oder aber, dass man es bereut und unglücklich ist. Die kurzfristigen Ergebnisse unserer Handlungen sind ebenfalls ungewiss. Wenn man eine Bank überfällt kann man von der Polizei geschnappt werden, oder man wird nie erwischt. Wenn man in der eigenen Arbeit ehrlich ist, wird man möglicherweise befördert, worüber man glücklich ist, oder man wird trotz seines guten Arbeitens gefeuert, weshalb man sich furchtbar fühlt. All diese Ergebnisarten sind ungewiss. Das Gesetz der Gewissheit des Karmas befasst sich nicht mit ihnen.

Es ist noch nicht einmal gewiss, ob die eigene Handlung bei der Person, der gegenüber man sie ausführt, zu Glück oder Unglück führen wird – sei es während der Handlung, sofort danach, in ihrem kurzfristigen Nachfeld oder langfristig. Man kann jemanden in Bezug auf seine Fähigkeiten anlügen, indem man ihm sagt, er sei kompetenter, als dies tatsächlich der Fall ist. Möglicherweise macht das den anderen glücklich, sowohl während man mit ihm spricht als auch sofort danach. Kurzfristig und sogar langfristig kann ihm dies das Selbstbewusstsein geben, das er braucht, um Erfolg zu haben. Ebenso gut kann es jedoch den Effekt haben, dass dieser Mensch sich schlecht fühlt, da er weiß, dass man nur versucht, ihm zu schmeicheln und dass das, was man sagt, unwahr ist. Und auch wenn dieser Mensch einem glaubt kann er sich aufgrund dessen zuviel zumuten und deshalb zukünftig furchtbar bei seiner Arbeit scheitern. Wenn man ihm andererseits die Wahrheit sagt, dann fühlt er sich möglicherweise deprimiert und scheitert in all seinen Unternehmungen, da er nicht an sich selbst glaubt. Ebenso gut mag es sein, dass er sich freut, dass man ehrlich zu ihm ist und dass er sich darauf weniger schwierigen Aufgaben widmet, hierin sehr erfolgreich und dadurch glücklich wird.

So ist es also vollkommen ungewiss, was in Bezug auf diese beiden Ergebnistypen der eigenen Handlungen geschehen wird. Dies ist der Grund, weshalb wir sagen, dass die buddhistische Ethik nicht bloß darauf beruht, den anderen keinen Schaden zuzufügen. Es liegt daran, dass wir nie garantieren können, welche Wirkung unsere Handlung auf die anderen haben wird. Natürlich versuchen wir, den anderen keinen Schaden zuzufügen. Doch, außer wenn wir Buddhas sind, können wir nie wissen, welche Wirkungen wir verursachen werden.

Wenn wir also davon sprechen, dass destruktive Handlungen als Leiden zur „Reifung“ kommen beziehen wir uns auf einen komplexen Prozess, bei dem die Arten, in denen wir handeln, sprechen und denken bestimmte Tendenzen und Gewohnheiten in unserem geistigen Kontinuum aufbauen, die einen Einfluss auf unsere zukünftigen Erfahrungen haben. Hat man beispielsweise außereheliche Affären, so baut man in sich die Tendenz auf – oder verstärkt sie – immer mit den eigenen sexuellen Partnern unzufrieden zu sein und immer von einem zum anderen überzuwechseln.

Wenn man im eigenen Sexualleben rastlos und unzufrieden ist, so ist das eine Erfahrung des Unglücklichseins, nicht wahr? Wenn man nie mit den eigenen Ehepartnern zufrieden ist und in diesen Beziehungen unglücklich ist, dann wird man auch mit den eigenen Liebhabern unbefriedigt sein. Auch diese Beziehungen werden nicht andauern, und man wird weiterhin nach anderen suchen. Außerdem werden die eigenen Partner ebenfalls untreu sein. Warum sollten sie uns treu sein, wenn wir ihnen nicht treu sind? Es entstehen also zahlreiche langfristige Rückwirkungen und viele Probleme. Das ist gewiss, wenn man destruktiv handelt.

Die Motivationen für destruktives Verhalten

Betrachten wir etwas näher, was destruktiv ist – was wird die negativen Gewohnheiten entstehen lassen, die langfristig unsere zukünftigen Probleme verursachen. Der Hauptfaktor der bestimmt, ob eine Handlung destruktiv ist oder nicht, ist der Geisteszustand, von dem sie motiviert wird. Destruktive Handlungen werden möglicherweise von sehnsuchtsvollem Verlangen motiviert etwa von einer Sexbesessenheit, die jemanden dazu treibt, von einem sexuellen Abenteuer zum nächsten überzugehen. Sie können ebenfalls von Wut oder Feindseligkeit motiviert werden, wie im Fall eines Menschen, der zahlreiche Frauen vergewaltigt, da er Frauen hasst und ihnen wehtun will. Schließlich gibt es auch destruktives Verhalten, das von Unwissenheit motiviert wird – sei es die Unkenntnis des Gesetzes von Ursache und Wirkung, oder die Unkenntnis der Realität, wie im vorher zitierten Beispiel einer Person, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten unternimmt. Unwissenheit ist oft mit zwanghafter Begierde oder Feindseligkeit vermischt.

Es gibt noch weitere grundlegende Geisteshaltungen, die die destruktiven Handlungen ebenfalls immer begleiten. Erstens einen Mangel an ethischer Würde – es ist uns egal, welches Licht unser Verhalten auf uns selbst wirft. Zweitens einen Mangel an Rücksicht dafür, was für ein Licht unser Verhalten auf andere Personen wirft – etwa auf unsere Familien, unsere spirituellen Lehrer, unsere Landsleute, und so weiter. Was damit gemeint ist können wir nachvollziehen, wenn wir etwa an Präsident Clinton und seine außereheliche Affäre denken, die einen ziemlichen Skandal verursacht hat.

Weitere störende Emotionen, die diese destruktiven Motivationen begleiten, wie Eifersucht, sind ebenfalls destruktiv, genau wie die Handlungen selbst, die von ihnen motiviert werden. Dann würden wir auch allgemeiner sagen, dass Samsara – das sich unkontrollierbar wiederholende Wiedergeborenwerden – destruktiv ist.

Kausale und gleichzeitige Motivationen

Die buddhistische Darstellung von Ethik differenziert auch zwischen kausaler und gleichzeitiger Motivation. Es ist die kausale Motivation, die einen anfänglich zum Ausführen einer Handlung bringt. Die gleichzeitige Motivation tritt genau während der Zeit der Handlung auf. Bei Handlungen, die von Natur aus neutral sind – die also von Buddha weder als konstruktiv noch als destruktiv beschrieben wurden ist es die gleichzeitige Motivation, und nicht die ursprüngliche Kausalmotivation, die determiniert, ob die Handlung als Ganze konstruktiv oder destruktiv ist. Bei Handlungen, die Buddha als konstruktiv oder destruktiv beschrieb, ist die gleichzeitige Motivation diejenige, die einen größeren Einfuß auf die Schwere oder die Leichtigkeit des karmischen Ergebnisses hat.

Als Beispiel betrachte man den Fall, dass man mit dem eigenen Partner Sex hat. An und für sich gesehen ist dies eine ethisch neutrale Handlung. Bei der kausalen Motivation zum Haben von Sex kann es sich um einen konstruktiven Grund handeln: möglicherweise will man seinen Partner glücklich machen oder man möchte ein Kind. Wenn aber während man anfängt, den Sexualakt tatsächlich auszuführen, die Besessenheit von Genuss und Begierde zur dominanten gleichzeitigen Motivation werden, dann wird die Handlung trotz der ursprünglichen, positiven Kausalmotivation destruktiv. Wenn man besessen vom Sex Liebe macht, dann baut dies eine negative Gewohnheit auf, die langfristig Unglücklichsein verursachen wird.

Die Kausalmotivation selbst kann ebenfalls destruktiv sein. Sexbesessenheit kann sowohl dazu führen dass wir mit dem Sex beginnen als auch kann sie eine gleichzeitige Motivation sein. Aber die kausale Motivation kann auch neutral sein. Vielleicht möchten wir Sex haben, damit wir besser einschlafen können. Aber wenn wir dann mit dem Liebe machen beginnen, werden wir von Verlangen und unserer Besessenheit überwältigt. Und wieder ist der Sexualakt destruktiv geworden.

Zwanghaftes sehnsuchtsvolles Verlangen und falsche Erwägung

Da bei den meisten Menschen die störende Emotion, die eine sexuelle Handlung destruktiv macht, das zwanghafte sehnsuchtsvolle Verlangen ist, wollen wir näher betrachten, was dieser Geisteszustand impliziert. Sehnsuchtsvolles Verlangen ist eine störende Emotion, die auf etwas zielt, das man nicht besitzt. Es besteht im starken Wunsch, dieses etwas zu besitzen und basiert auf der Überschätzung der guten Qualitäten des Objekts. Dies kann sowohl geschehen, wenn man noch nichts von dem Objekt besitzt oder wenn man bereits etwas davon besitzt und gierig nach mehr ist. Anhaftung ist etwas ähnliches: eine störende Emotion, die auf etwas zielt, das man bereits besitzt. Sie besteht darin, dass man das Objekt nicht loslassen will, da man seine guten Qualitäten überschätzt.

Das sehnsuchtsvolle Verlangen lässt die tatsächlich bestehenden Qualitäten eines Objekts größer erscheinen, indem es Geisteshaltungen der folgenden Art produziert: „Du bist der schönste, vollkommenste Mensch der Welt“. Doch es tut noch mehr: zusätzlich projiziert es auch Qualitäten auf das Objekt, die dieses gar nicht besitzt. In der buddhistischen Terminologie sagt man, dass das sehnsuchtsvolle Verlangen von „falscher Erwägung“ begleitet wird.

Ein Beispiel falscher Erwägung im Bezug auf einen Sexualpartner wäre etwa, etwas schmutziges als rein zu betrachten. Auf einer sehr zahmen Ebene wird dies mit folgender Geisteshaltung exemplifiziert: „Dies ist die Tasse meines Geliebten, daher ist sie sauber und ich werde gerne daraus trinken. Wenn es die Tasse des Arbeiters ist, dann ist sie schmutzig; es wäre ekelerregend, sie mit meinen Lippen auch nur berühren zu müssen“. Wenn wir die Sache durchdenken, gibt es hier keinen Unterschied zwischen den beiden Tassen. Bei beiden handelt es sich um die Tasse einer anderen Personen, und aus beiden hat die andere Person bereits einen Teil getrunken.

Oder wenn Sie ein drastischeres Beispiel entschuldigen wollen: wir können uns vorstellen, es sei so wundervoll, wenn unser Liebhaber beim Küssen seine Zunge in unseren Mund steckt. Würde die selbe Person dagegen in unseren Mund spucken, was mehr oder weniger das selbe ist, dann fänden wir das ekelhaft. Wenn jemand seine Zunge in unseren Mund steckt, dann ist das ein Beispiel dafür, wie wir die guten Qualitäten von etwas übertreiben, indem wir es zu einer Handlung, die „wunderbar sexy“ ist, aufbauschen, und der falschen Annahme, sie sei sauber, oder zumindest nicht schmutzig.

Eine andere Form von falscher Erwägung ist es, Leiden als Glück anzusehen. Wenn unser Schatz beispielsweise unsere Hand reibt, finden wir, dass es wundervoll ist. Wenn er oder sie allerdings fünf Minuten lang denselben Punkt reibt, dann wird dieser ziemlich schmerzen. Nichts desto trotzt empfinden wir dies möglicherweise als Glück, so dass wir unseren Liebling nicht darum bitten, aufzuhören. Ich bin mir sicher, dass wir alle die folgende Erfahrung gemacht haben: wir legen uns engumschlungen mit jemandem hin und dann schläft unser Arm, der unter der anderen Person eingeklemmt ist, ein. Es wird sehr unangenehm, doch wir bleiben trotzdem liegen. Oder wir umarmen jemandem, während wir versuchen, neben der Person einzuschlafen, und dann ist die Position vollkommen ungemütlich und wir können nicht einschlafen, doch wir geben die Umarmung trotzdem nicht auf. Das ist, was mit „das Leiden als Glücklichsein ansehen“ gemeint ist ein Beispiel von falscher Erwägung, die die Sucht nach Körperkontakt und sexueller Innigkeit begleitet.

Biologisches Begehren versus zwanghaftes Begehren

An diesem Punkt ist es wichtig, zwischen dem zwanghaften sehnsuchtsvollen Verlangen und dem biologischen Verlangen zu unterschieden: es handelt sich um recht verschiedene Dinge. Es ist wie mit dem Essen. Wenn wir einen biologisch motivierten Hunger haben, dann ist es nicht destruktiv, unser Nahrungsbedürfnis zu befriedigen. Dies können wir tun, ohne die guten Qualitäten der Nahrung zu übertreiben oder dem Essen gegenüber eine falsche Wertschätzung zu entwickeln. Wenn wir jedoch eine zwanghafte Sehnsucht nach bestimmten Nahrungsmitteln haben, wie etwa nach Schokolade, und dieses Nahrungsmittel zum wundervollsten Ding auf Erden aufbauschen, um uns dann damit vollzustopfend, dann ist das destruktiv. Es wird zu zahlreichen Problemen führen: wir können übergewichtig werden und uns sogar durch übermäßiges Essen krank machen.

Genauso verhält es sich mit dem Sex. Das normale biologische Sexbegehren, das auf Hormonen beruht, ist etwas anderes, als ein zwanghaftes Sexbegehren. Der Buddhismus vertritt nicht den Standpunkt, dass es destruktiv wäre, den biologischen Drang zu befriedigen, wenn man seine guten Qualitäten nicht übertreibt. Wie das Essen ist das biologische Begehren ein Teil von Samsara: es entsteht, weil wir einen samsarischen Körper haben, und es wird unausweichlich auf irgendeiner Ebene Probleme schaffen. Selbst wenn wir zölibatär leben würden, würde der Drang zum Sex anhalten. Und wenn wir nicht zölibatär sind, werden wir nie genug Sex haben: nur einmal Sex zu haben wird uns nie reichen, genau, wie wenn wir nur einmal essen würden. Man will diese Dinge immer und immer wieder. Es handelt sich also um eine samsarische Situation, d.h., um eine Situation, die sich unkontrollierbar wiederholt und nie befriedigt. Das ist offensichtlich eine Form von Leiden.

Tatsächlich, wenn wir diejenigen tantrischen Gelübde betrachten, die sich auf sexuelles Verhalten beziehen, stellen wir fest, dass das wichtigste darin besteht, Sex nicht als Pfad zur Befreiung oder zur Erleuchtung anzusehen. Es handelt sich bloß um eine samsarische Handlung! Wenn man mit der modernen Vorstellung Sex hat, dass man, wenn man bloß den perfekten Orgasmus erreichen könnte, dies all unsere Probleme lösen würde, ist das ein gutes Beispiel dafür, wie wir die tantrischen Gelübde brechen. Eine solche Verhaltensweise ist die Äußerung einer vollkommene Verwirrung in Bezug auf die Realität und auf die Ursachen und Wirkungen des Verhaltens. Sogar wenn man keine tantrischen Gelübde abgelegt hat, wird das Vermeiden dieser Überhöhung von Sex für die meisten von uns, als buddhistische Übende, das Hauptaugenmerk sein. Denn schließlich gehen wir nicht einfach los und vergewaltigen die ganze Bevölkerung einer Stadt, die wir in einem Krieg erobert haben.

Historische Entwicklung dessen, was als unangebrachtes Sexualverhalten angesehen wird

Betrachten wir die Details der verschiedenen Formen unangebrachten Sexualverhaltens, die in buddhistischen Texten aufgezählt werden, stellen wir fest, dass mehr als fünf Mal hintereinander Sex zu haben als destruktiv angesehen wird, weil es als zwanghaft erscheint. Dies impliziert, dass es nicht zwanghaft ist, wenn man vier Mal hintereinander Sex hat. Nun ist es nicht klar spezifiziert, ob sich diese Aussage auf vier oder fünfmal während einer einzigen „Sexsitzung“ oder auf vier oder fünf aufeinanderfolgende Tage bezieht. Handelt es sich um den ersten Fall, wie es einige interpretieren, dann würde dies eine sehr merkwürdige Vorstellung davon implizieren, was „zwanghaft“ bedeutet. In einer ähnlichen Weise wird es als destruktiv bewertet, wenn man auch nur einmal masturbiert oder oralen Sex hat, weil dies als zwanghaft angesehen wird. Offensichtlich ist „Sexzwang“ ein komplexes Thema, bei dessen Definition kulturelle Kriterien eine Rolle spielen können.

Um diesen Punkt zu verstehen mag es hilfreich sein, die historische Entwicklung dessen zu verfolgen, was in der in der buddhistischen Literatur als eine destruktive oder unangebrachte sexuelle Handlung angesehen wird. Eine solche Untersuchung gibt uns einen Hinweis darauf, wie man die buddhistische Sexualethik in unserer modernen Gesellschaft interpretieren kann. Viele westliche Buddhisten würden gerne einige Aspekte der buddhistischen Ethik überarbeiten, um sie unserer heutigen Mentalität anzupassen. Wir müssen hiermit jedoch sehr vorsichtig sein. Wollen wir einen solchen Versuch überhaupt unternehmen, dann brauchen wir als Grundlage hierfür zwei Dinge: eine Kenntnis der buddhistischen Ethiklehren in ihrem Gesamtumfang und eine Kenntnis der historischen Entwicklung, die sie innerhalb der verschiedenen asiatischen Gesellschaften, in denen sich der Buddhismus verbreitet hat, durchgemacht haben und wie sie dort angewendet wurden.

In der frühen buddhistischen Pali- und Sanskritliteratur Sri Lankas und Indiens wird als unangebrachtes Sexualverhalten lediglich Sex mit einem unangebrachten Partner zitiert, wobei der Hauptschwerpunkt auf „unangebrachten Frauen“ liegt. Diese umschließen beispielsweise verheiratete oder verlobte Frauen, sowie Frauen, die durch jemand oder etwas anders „gebunden“ sind, wie eine unverheiratete Tochter, die durch ihrer Eltern „gebunden“ ist oder Nonnen, die durch ihre Gelübde gebunden sind. Wenn ein Mann mit einer dieser Kategorien von Frauen Sex gehabt hätte, wäre die Motivation normalerweise zwanghafte Begierde gewesen: Obwohl die Frau nach den damaligen kulturellen Standards ein unangebrachter Sexualpartner war, bestand der Mann doch darauf, mit ihr zu schlafen, da seine Begierde so zwanghaft war. Die Texte erwähnen nicht, ob der Mann bereits eine Partnerin hat oder was die Wünsche der unangebrachten Frau sein mögen.

Am Ende des ersten Jahrhunderts u. Z. fand in Kaschmir das vierte buddhistische Konzil statt. In dieser Zeit beherrschte eine zentralasiatische Dynastie das Gebiet vom nordwestliche Indien bis zum östlichen Iran. Zum Konzil kamen auch Vertreter der buddhistischen Gebiete im heutigen Afghanistan. Sie berichteten über bestimmte Gebräuche der persischen Kultur, die ihnen konträr zur buddhistischen Ethik erschienen. Sie fanden, dass diese Gebräuche in den buddhistischen Ethiktexten, die zu dieser Zeit zusammengestellt wurden, spezifisch erwähnt werden sollten. Ab diesem Zeitpunkt wurden allmählich verschiedene andere soziale Gepflogenheiten, die in bestimmten nichtindischen Kulturen als akzeptabel angesehen wurden, wie etwa Euthanasie und Inzest, in die Liste der destruktiven Verhaltensweisen eingefügt. Obwohl viele dieser Verhaltensweisen sicherlich auch schon in Indien vorgekommen sind, war nie offen darüber gesprochen worden. Aber die Tatsache, dass man sie in fremden Kulturen vorfand, bot die Gelegenheit, sie in den buddhistischen Texten explizit zu erwähnen, ohne sein „soziales Gesicht“ zu verlieren.

Was das unweise Sexualverhalten anging, wurde so die bereits ausführliche Liste unangebrachter Partner erweitert, so dass sie auch die eigene Mutter und die eigene Tochter einschloss. Schrittweise wurden auch andere Formen des Sexualverhaltens als unangebracht hinzugefügt. Zum Beispiel wurden bestimmte Körperöffnungen, wie der Mund oder der Anus, als unangebracht für den Sexualakt eingestuft – auch bei der eigenen Frau. Der dahinterliegende Grund war zweifelsohne, dass Sex in einer unangebrachten Körperöffnung von zwanghafter Begierde motiviert sein musste. Unbefriedigt vom vaginalen Sex mit der eigenen Frau entwickelte man sich zu einem sexuellen Forscher und Abenteurer mit dem Gefühl, man müsse jede Position und jedes Loch ausprobieren, um einen größeren Genuss zu finden.

Es wurden auch unangebrachte Perioden in die Liste miteingeschlossen; etwa, wenn eine Frau schwanger ist, oder während der Stillzeit. Mütter schliefen immer mit ihren Babys, und daher wäre es unangebracht gewesen, sie von ihren Babys zu trennen, um Sex zu haben. Dann gab es auch Orte, an denen es unangebracht war, Sex zu machen, etwa in einem Tempel, und unangebrachte Zeiten, wie bei Tageslicht, wenn irgendjemand in das Zimmer kommen konnte und dies zu Verlegenheit geführt hätte. Selbst heute schließt bei den Tibetern fast niemand seine Tür ab, wenn er in seinem Zimmer ist, und Tibeter klopfen nie, bevor sie eintreten. Homosexualität und Masturbation wurden auch bald in die Liste unangebrachter sexueller Verhaltensweisen aufgenommen.

Als die buddhistischen Texte auf Chinesisch übersetzt wurden, wurden die Konkubinen anderer Männer zur Liste unangebrachter Partner hinzugefügt. Dies ist ein klares Beispiel dafür, wie die Übersetzer und Meister die Ethiktexte anpassten, um den Bezug zur jeweiligen Gesellschaft zu schaffen, in die sich der Buddhismus neu verbreitete. Die traditionelle chinesische Gesellschaft erlaubte es den Männern, mehrere Frauen und Konkubinen zu haben. Dies wurde nicht als unangebracht angesehen. Unangebracht war bloß, mit der Konkubine eines anderen Mannes zu schlafen. Auch in Tibet waren Polygamie sowie die Polyandrie allgemein verbreitet. Mit mehreren Ehefrauen oder mit mehreren Ehemännern verheiratet zu sein wurde nie als Sex mit unangebrachten Partnern angesehen.

Während dieses ganzen Prozesses geschah es, dass mehr und mehr zur Liste der unangebrachten Partner und Verhaltensweisen hinzukamen. Heutzutage sähen es viele von uns gerne, wenn einiges von der Liste entfernt würden, doch tatsächlich wurden historisch gesehen immer nur Dinge hinzugefügt. Die schwierige Frage hiermit ist allerdings, ob diese Zusätze kulturell beeinflusst waren und die genannten Handlungen früher nicht als unangebracht angesehen wurden, oder ob sie immer als unangebracht angesehen, aber bloß nicht explizit genannt wurden. Oder wurden die Zusätze zu den Listen ad hoc gemacht, nur dann, wenn es innerhalb der buddhistischen Gemeinschaft bezüglich bestimmter Punkte zu Schwierigkeiten kam? Schließlich war dies die Art, in der Buddha die monastischen Gelübde schrittweise erweiterte.

Für Frauen unangebrachtes Sexualverhalten

Wenn wir danach fragen, welche weiteren Veränderungen auf den Listen der Typen von unangebrachten Sexualpartnern vorgenommen werden müssen, damit sie in Einklang mit dem modernen Westen kommen, dann können wir eine weitere Lehre aus der Geschichte der buddhistischen Texte gewinnen. Nach Aussage der Vinayatexte zur monastischen Disziplin ist es Mönchen nicht erlaubt, als Vermittler Heiraten mit bestimmten Kategorien von Frauen zu arrangieren. Die Listen dieser Frauenkategorien entsprechen denen der unangebrachten Sexualpartner für Laien. Unter den Vinayatexten von fünf der achtzehn Hinayanaschulen, die ich untersucht habe, befinden sich zwei Listen, die ausschließlich aus der Perspektive des Mannes verfasst sind: sie geben also nur Hinweise auf unangebrachte Frauen. Es handelt sich hierbei um die Vinayas von zwei der drei heute noch existierenden Hinayana-Traditionen: dem Theravada (der in Sri Lanka und Südostasien praktiziert wird) and Sarvastivada (dessen Mulasarvastivada-Zweig von den Tibetern und Mongolen praktiziert wird).

Nun, die Tatsache, dass die Vinayas dieser beiden Traditionen die Perspektive der Frauen auslassen, bedeutet nicht, dass es nach ihrer Ansicht nur für die Männer unangebrachte Frauen gibt, während es für die Frauen nichts von der Art eines unangebrachten Mannes gibt. Es ist bloß, dass in diesen beiden Traditionen die ethischen Kodizes nur aus der Perspektive eines Mannes niedergeschrieben wurden. Die anderen drei Vinaya-Traditionen dagegen geben spezifische Listen unangebrachter Männer, die ihren jeweiligen Listen unangebrachter Frauen entsprechen. Das impliziert, das Sexualethiken von den betroffenen Personen abhängig sind – Männer, Frauen und so weiter – und dass sie in Bezug auf jede Personenart spezifiziert werden müssen. Aufgrund der Aussage der Texte scheint mir also, dass es vollkommen vernünftig wäre, jeder Liste unangebrachter Sexualpartner die Sorten von Partnern zuzufügen, die aus der Perspektive der Frauen unangebracht wären.

Homosexualität

Aufgrund derselben Überlegung können wir sagen, dass die Texte all dieser Traditionen aus der Sicht eines heterosexuellen Mannes geschrieben wurden. Wenn also ein heterosexueller Mann bereits eine Partnerin hat und dann aufgrund von zwanghafter Begierde und Unbefriedigtheit nicht nur Sex mit allen möglichen Frauen hat, die noch unter Vormundschaft stehen oder die die Partnerin von jemand anderem sind, sondern auch mit Männern und Kühen und was sonst noch, dann ist das offensichtlich destruktiv. Doch zusätzlich dazu denke ich, dass wir auch das ganze System überholen können, damit wir auch davon sprechen können, was ein destruktives oder ein konstruktives Sexualverhalten für einen männlichen oder eine weibliche Homosexuellen, oder für Bisexuelle, wäre. Auch für solche Personen wäre es destruktiv, Handlungen zu unternehmen, wie mit dem Partner einer anderen Person zu schlafen, und so weiter. Mir scheint, es entspricht vollkommen dem Geist der buddhistischen Lehren über das abhängige Entstehen, wenn man sagt, dass alle ethischen Richtlinien in Relation zu jeder einzelnen Gruppe formuliert werden müssen, auf die sie sich beziehen.

Interessanterweise trifft sich Seine Heiligkeit der Dalai Lama während seiner Reisen manchmal mit Gruppen von Homosexuellen, besonders in San Francisco und New York. Diese Gruppen waren äußerst aufgebracht über die gewöhnliche buddhistische Darstellung der Homosexualität als eines unangebrachten Sexualverhalten. Seine Heiligkeit hat hierauf erwidert, dass er die Texte nicht alleine umschreiben kann, dass er aber denkt, dass diese Art von Problem von einem Rat erfahrenerer buddhistischer Mönche besprochen werden muss. Nur ein solcher Rat kann in Fragen des Vinayas und der Ethik Veränderungen einführen. Seine Heiligkeit empfiehlt dieselbe Prozedur in Bezug auf die Gleichstellung der Frau, besonders in monastischen Ritualen und Zeremonien. Auch diese Frage muss neu aufgegriffen und überdacht werden. So scheint es, dass Seine Heiligkeit ebenfalls der Ansicht ist, dass in der buddhistischen Darstellung der Sexualethik einiges problematisch ist und in Frage gestellt werden kann.

Sexuell unangebrachte Körperöffnungen

Auch beim Einschluss von Mund und Anus als unangebrachte Körperöffnungen hatte man zweifelsohne einen heterosexuellen Mann vor Augen, der bereits einen weiblichen Partner hatte. Aus buddhistischer Sicht wäre es die Langeweile und die Unzufriedenheit mit vaginalem Sex, die eine solche Person dazu gebracht hätte, oralen oder analen Sex zu machen. Ein solcher Mann hätte möglicherweise denken können, dass vaginaler Sex ein unzureichendes Mittel sei, um Vergnügen zu schenken und zu empfangen, oder aber dass es ein unzureichendes Mittel sei, um die eigene Liebe und Zuneigung auszudrücken. In beiden Fällen wäre das Verhalten von Unzufriedenheit motiviert gewesen, d.h. von einer Geisteshaltung, die unweigerlich zu Schwierigkeiten führt.

Dies wird allerdings zu einer viel komplizierteren Frage, wenn wir diese Formen des Sexualverhaltens in Bezug auf homosexuelle Paare betrachten. Die Frage ist, ob diese Körperöffnungen von Natur aus unangebracht sind oder aber nur spezifisch bezogen auf bestimmte Personen in bestimmten Situationen. Denen, die sagen, dass der Mund und der Anus als sexuelle Öffnungen problematisch seien, weil sie schmutzig sind, kann man entgegnen, dass dieser Einwand auch auf die Vagina bezogen werden könnte. Dies ist kein einfaches Thema.

Doch was, wenn es um die Sexualität einer Person geht, die vom Hals abwärts gelähmt ist? Die einzige Form von Sex, die einer solchen Person offen steht, ist Oralsex. So denke ich, um es noch einmal zu sagen, dass wir, was „angebracht“ und was „unangebracht“ ist, in Bezug auf spezifische Personengruppen unterscheiden müssen. Mir scheint nicht, dass man sagen könnte, es sei zwanghaft, wenn eine Person, die vom Hals abwärts gelähmt ist, Oralsex hat.

Masturbation

Ich denke, dass im Fall der Masturbation ähnlich argumentiert werden kann. Man muss die Haltung, die der Buddhismus hierzu traditionell einnimmt aus ihrem ursprünglichen sozialen Kontext heraus verstehen. Im alten Indien heirateten die Menschen zu der Zeit, zu der diese Aspekte der Ethik formuliert wurde, in der Pubertät oder sogar noch früher. Wenn wir also zwar verheiratet aber doch so sexbesessen sind, dass es uns nicht reicht, mit unserem Partner zu schlafen und wir daher masturbieren müssen, dann würde dies als eine Sexobsession angesehen.

Heutzutage heiraten die Menschen nicht zu Beginn der Pubertät. Manche Menschen bleiben bis spät im Leben oder sogar ihr ganzes Leben lang Singles. Wir müssen die Frage der Masturbation auch aus der Perspektive von solchen Menschen bedenken, die überhaupt keinen Partner haben, oder die keine feste sexuelle Beziehung mit jemand anderes haben. Wenn die anderen Alternativen sind, dass man entweder promisk ist, oder zu Prostituierten geht, oder vollkommen zölibatär lebt, dann erscheint der Status der Masturbation hier recht anders als im Falle einer verheirateten Person. Das selbe gilt für verheiratete Personen, deren Partner aufgrund einer schweren Krankheit monatelang im Krankenhaus liegen. Was sollen solche Menschen tun? Etwa zu einer Prostituierten gehen? Nein.

Ich denke also, dass es mit der buddhistischen Lehre im Einklang steht, alles entsprechend des Kontextes zu betrachten. Die Begründung ist die folgende. Erinnern Sie sich bitte: eine ethisch neutrale samsarische Handlung, wie etwa Sex, wird dadurch destruktiv, dass sie von einer negativen Emotion motiviert wird – der Unzufriedenheit, der Sexbesessenheit, und so weiter. Das ist es, was zu künftigen Probleme führt. Ein Sexualverhalten, dass nicht mit denselben zwanghaften störenden Emotionen vermischt ist, wird nicht die selbe Art von Problemen schaffen. Es wird bloß das allgemeine Problem verursachen, dass wir nie vollkommen zufrieden sein werden und dass wir zweifelsohne die Handlung wieder und wieder und immer wieder ausführen wollen. Und wir haben nie eine Garantie dafür, wie wir uns nach einem Sexualakt fühlen werden.

Prostitution

Wenn wir überlegen, wie die traditionelle buddhistische Darstellung des unangebrachten Sexualverhaltens für den modernen Westen adaptiert werden kann, ist einer der interessantesten Punkte zu betrachten, was nicht in ihr miteingeschlossen ist, und sich zu fragen, wie dies kulturell beeinflusst sein kann. Betrachten Sie beispielsweise die Diskussion von Sex zu einer Prostituierten. Sowohl in den indischen als in den tibetischen Texten ist es sogar für einen verheirateten Mann vollkommen in Ordnung, mit einer Prostituierten Sex zu haben, solange der Mann hierfür bezahlt. Eine Prostituierte wurde nur dann zu einem unangebrachten Sexualpartner, wenn sie jemand anderes gehörte und man nicht für sie bezahlt hatte. Noch verwirrender ist es, dass eine Tochter zu einem unangebrachten Sexualpartner wurde, wenn die Eltern nicht ihre Erlaubnis gaben, dass sie mit jemandem schlafen durfte. Wenn die Eltern dagegen ihre Erlaubnis gaben – wie es in Asien manchmal passiert, wenn arme Eltern ihre Töchter als Prostituierte verkaufen – dann wird kein Wort darüber verloren.

Wie zuvor erwähnt nahmen die chinesischen Übersetzungen die Konkubine einer anderen Person in die Liste unangebrachter Sexualpartner mit hinein. Das impliziert, dass es vollkommen o.k. für einen verheirateten Mann ist, mit seinen eigenen Konkubinen zu schlafen. Und bei den Tibetern ist es vollkommen in Ordnung, mehr als eine Frau oder mehr als einen Mann zu haben. Tatsächlich scheint es vollkommen in Ordnung zu sein, wenn ein verheirateter Mann mit irgendeiner Frau schläft, die nicht in die Kategorien unangebrachter Partner fällt, wie eine unverheiratete unabhängige Frau, die weder mit jemandem verlobt noch Nonne ist.

Für uns ist es schwierig, die Mentalität zu verstehen, die hinter diesen Dingen steht. Entweder waren in diesen Gesellschaften all diese Dinge vollkommen akzeptabel und den Frauen war es vollkommen recht, dass ihre Männer mit anderen Frauen schliefen, oder aber es war ihnen nicht Recht, aber sie hielten den Mund. Heute, in der modernen Welt, ist es jedoch mit Sicherheit anders. Und so scheint es, dass die Liste unangebrachter Formen des Sexualverhaltens wieder eher erweitert werden muss als verkleinert, damit all diese verschiedenen Formen von sexuellen Beziehungen, die Probleme schaffen, die destruktiv und die zwanghaft sind, mit eingeschlossen werden.

Die sexuelle Unbefriedigtheit und der Wunsch nach Abwechslung

Die Thematik des unangebrachten Sexualverhaltens betrifft also nicht nur falsche Erwägung und Verwirrung, wie die Frage, wie man bestimmte Körperöffnungen ansehen soll. In noch stärkerem Masse dreht es sich um die Unzufriedenheit und das übermäßige Begehren. Wir wollen mehr und mehr erforschen. Die meisten Menschen wissen, dass der Anus keine saubere Körperöffnung ist, und das Analverkehr aus gesundheitlichen Gründen gefährlich sein kann. Das Thema ist also die Besessenheit: Unzufriedenheit und Besessenheit. Deshalb denke ich, dass wir die Liste der unangebrachten Verhaltensweisen erweitern müssen, damit sie solche Dinge wie risikoreiche sexuelle Aktivitäten, sexuelle Aktivitäten, bei denen man sexuell übertragene Krankheiten weitergeben oder empfangen kann, und so weiter, mit einschließt.

Wenn wir außerdem über das Thema von Sex und Unzufriedenheit sprechen, müssen wir den kulturellen Kontext im Blick behalten. Wenn wir beispielsweise die durchschnittlichen traditionellen Inder oder Tibeter betrachten, sind die meisten von ihnen vollkommen zufrieden damit, ihr ganzes Leben lang genau das Gleiche zu essen – etwa Reis und Dhal (Linsen) oder Nudelsuppe. Moderne westliche Menschen sind anders. Sie sind gerne individuell und mögen Abwechslung. Es ist ein Teil unserer Kultur. So gilt das Gleiche auch für die Sexualität, genau wie für das Essen. Wenn es in unserer Gesellschaft normal wäre, jeden Tag das Gleiche zu essen und wir etwas anderes essen wollten, dann würde dies als ein Fall übermäßiger Begierde und der Besessenheit mit Essen angesehen werden. Dann ist es nachvollziehbar, das eine solche Gesellschaft der Sexualität gegenüber die Gleiche Geisteshaltung hat.

Was ich hiermit meine ist das Folgende: nehmen wir an, dass wir uns mit einem Partner über eine bestimmte Form des sexuellen Verhaltens einig sind. Natürlich können wir dies ausweiten, um die Realität mit zu berücksichtigen, die wir vorher besprochen haben. Ob unser Partner vom anderen Geschlecht oder vom selben Geschlecht als wir ist, ob wir oder unser Partner gelähmt sind, sogar wenn wir keinen Partner haben und unsere Form der Sexualität in der Masturbation besteht wir haben eine bestimmte Form der Sexualität. Wenn wir eine bestimmte Standartform des Sexualverhaltens haben, dann wäre es aus der traditionellen Perspektive der asiatischen Kultur ein Ausdruck von übermäßigen Begierde und Sexbesessenheit, wenn wir etwas anderes wollten.

Selbstverständlich, wenn es sich bei dieser Form von Sex um eine Form handelt, die der anderen Person oder uns selbst großen Schmerz und großen Schaden anrichtet, d.h. irgendeine Form von Sadomasochismus (in den Texten wird von Sex auf einem nasskalten, felsigen Boden gesprochen, während wir im Westen in Sachen Sadomasochismus fantasiereicher sind), dann handelt es sich natürlich nicht um eine gesunde Form von Sex. Das ist destruktiv. Doch auch im Falle in dem unsere gewohnte Art, mit jemandem Sex zu haben nicht in einer solchen Weise schädlich ist, möchten wir Westler doch etwas Abwechslungsreichtum in unserem Sexleben. Das braucht nicht zu bedeuten, dass wir eine Auswahl an Partnern haben, sondern einen Abwechslungsreichtum in der Art, in der wir unsere Liebe und unsere Zuneigung ausdrücken und mit einer andern Person zusammen Spaß haben. Daher scheint mir, dass wir dies beachten müssen, wenn wir davon sprechen, was aus einem westlichen Gesichtspunkt destruktiv ist. Ich denke, wir müssen zwischen unserem normalen, kulturell gegebenen Wunsch nach Abwechslungsreichtum und einem zwanghaften Verhalten, bei dem man aus Unzufriedenheit und Langeweile einfach alles ausprobiert, einen Unterschied machen.

Obwohl man sich in einer Paarbeziehung in gegenseitigem Einvernehmen auf ein sexuelles Repertoire einigen muss ist die Frage: „Was sind die Grenzen“. Kann das Repertoire die sogenannten „unangebrachten Körperöffnungen“ mit einschließen? Auf jeden Fall: was auch immer diese Grenzen sein mögen, wenn wir sie in einer vollkommen unbefriedigten und besessenen Weise überschreiten, dann beginnen wir, in problematische Bereiche und destruktive Sexualverhalten zu kommen. Das ist meine persönliche Meinung.

Thich Nhat Hanh's Richtlinien zum unangebrachten Sexualverhalten

Thich Nhat Hanh, ein moderner buddhistischer Meister aus Vietnam, hat eine sehr interessante und nach meiner Meinung hilfreiche Richtlinie für die buddhistische Sexualethik in unserer modernen Epoche vorgeschlagen. Er zog mit in Betracht, dass unsere Hochzeiten nicht von unseren Eltern arrangiert werden, wie bei den meisten Menschen im traditionellen Asien weiterhin der Fall ist, und dass wir unsere Ehepartner selbst aussuchen und die meisten vor der Hochzeit miteinander schlafen. Dies berücksichtigend sagte er, dass ein unangebrachter Partner jemand wäre, mit dem man nicht dazu bereit wäre, den Rest seines Lebens zu verbringen, wenn man dies müsste. In anderen Worten: wenn wir mit jemandem schlafen, dann sollte es sich um eine Person handeln, mit der wir, falls es die Umstände von uns verlangen (etwa weil die Person schwanger wird, etc.), dazu bereit sein sollten, den Rest unseres Lebens zu verbringen. Eine Person, mit der wir glücklich wären, dies zu tun – wir würden es nicht nur aus Pflichtbewusstsein tun. Es bedeutet nicht, dass wir den Rest unseres Lebens mit dieser Person verbringen müssen. Und auch das Beispiel mit der Schwangerschaft ist nur ein Beispiel, den natürlich gibt es ältere Singles, die keine Kinder mehr haben können, die aber weiterhin mit Partnern sexuelle Aktivitäten haben. Hier gilt die selbe Richtlinie.

Obwohl mir keine Textstelle bekannt ist, auf der dies basiert, denke ich, dass es sich hier um eine sehr nützliche Richtlinie für unsere modernen Zeiten handelt. Sie impliziert, dass man Gelegenheitssex vermeiden sollte mit Personen, die man einfach so trifft und mit denen man wegen seiner Sexbesessenheit schläft, und bei dem wir keine wirkliche Rücksicht auf die andere Person nehmen und keinen wirklichen Wunsch, mit ihr oder ihm eine tiefere Beziehung zu haben. In den meisten Fällen deckt diese Richtlinie auch die Frage des Sex mit einer Prostituierten ab, obwohl es natürlich Fälle geben könnte, in denen sich eine ernsthafte Liebesbeziehung zu einer Prostituierten entwickelt.

Sex nicht überschätzen

Es ist wichtig, Sex nicht überzubewerten. Nehmen wir zum Beispiel an, unsere Motivation sei es, als Ausdruck unserer Liebe jemandem ein zeitweilig Glück und eine zeitweilige Freude zu schenken – und nicht nur der andren Person, sondern auch uns selbst. Solange wir dann nicht in einer naiven Weise die damit verbundenen Unannehmlichkeiten ignorieren und die Existenz dessen, was man im Körper einer Person vorfindet – in anderen Worten, wenn wir eine realistische Sicht der Begrenztheit von Sexualität haben – und solange wir innerhalb der Grenzen bleiben, auf die wir uns im gemeinsamen Einvernehmen mit der anderen Person geeinigt haben, dann denke ich persönlich, dass hier keine grob destruktive Handlung vorliegt, außer, dass sie Samsara verlängert. Eine solche Art gesunder sexueller Beziehung mag tatsächlich für jemanden einen positiven Entwicklungsschritt darstellen, indem man hierdurch eine Geisteshaltung der Großzügigkeit und der Fürsorge, und des Zeigens von Zuneigung und der Anteilnahme entwickeln kann.

Sogar von der Masturbation sagen zahlreiche westliche Psychologen, dass sie ein Teil der gesunden Entwicklung des Kindes ist. Wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche in Kontakt mit der eigenen Sexualität kommt und sich selbst gegenüber zärtlich sein und dies genießen kann, dann ist dies hilfreich, damit er oder sie dann auch zu anderen in einer gesünderen Weise eine sexuelle Beziehung aufbauen kann. Natürlich ist dies eine sehr westliche Ansicht, doch mir scheint, dass sie eine bestimmte Gültigkeit hat, besonders wenn wir unsere Form der Kindererziehung betrachten. Westliche Babys haben nicht den fast ständigen Körperkontakt, den ein traditionelles asiatisches Baby erfährt. Die meisten traditionellen asiatischen Mütter tragen ihre Babys tagsüber in einem Tuch auf dem Rücken und lassen sie Nachts bei sich schlafen. Dagegen werden wir als westliche Babys typischerweise in einer Krippe oder einem Kinderwagen alleingelassen, und viele von uns fühlen sich von ihrem Körper entfremdet. Die Masturbation ist dann ein möglicher Schritt, durch den man diese Entfremdung überwinden kann. Doch noch einmal: es ist wichtig, den ganzen Bereich der Sexualität nicht überzubewerten.

Angst vor der Sexualität

Nun kann man sich die Frage stellen: Was, wenn man in einer zwanghaften Weise gegen Sex ist? Mit anderen Worten, wie steht es mit jemanden, der Angst vor der Sexualität hat oder frigide ist? Mir scheint, dass eine solche Geisteshaltung ebenfalls ungesund ist und Probleme schafft.

Doch wir müssen hier eine Unterscheidung treffen. Angst vor dem Töten zu haben ist etwas anderes als Angst vor der Sexualität zu haben. Wenn jemand Angst vor dem Töten hat, dann impliziert das nicht, dass es für die Person gesünder wäre, tatsächlich zu töten. Deshalb denke ich, dass wir differenzieren müssen zwischen einer zwanghaften Angst vor dem biologische Sexbedürfnis und der Angst vor der Sexbesessenheit. Ungesund, so scheint mir, ist die Angst vor dem biologischen Drang.

Dies ist ein wichtiger Punkt in Bezug auf Menschen, die sich dazu entscheiden, die Gelübde abzulegen, vollkommen zölibatär als Mönch oder Nonne zu leben. Wenn unser Verzicht auf Sex auf der Überzeugung basiert, dass jede Form von Sex destruktiv ist und wir einen vollkommenen Horror davor haben, dann wird diese Geisteshaltung ohne Zweifel zahlreiche Probleme schaffen. Ich denke, dass wir dies feststellen können. Wenn Mönche und Nonnen – nicht nur in der buddhistischen Tradition, sondern auch in den christlichen – diese Geisteshaltung haben, dann lässt sie das oft äußerst steif, voller schlechtem Gewissen und ähnlichen Dingen werden. Sie fühlen sich wegen ihrer biologischen Begierde nach Sex schuldig.

Doch aus der buddhistischen Perspektive wäre es angebrachter, sich vor der eigenen Besessenheit in Bezug auf Sex zu fürchten. „Fürchten“ (Engl. fear) ist hier nicht das richtige Wort. Auch die Furcht ist nicht die gesündeste Motivation, da sie impliziert, dass man aus seiner Besessenheit etwas Grosses und Solides macht. Das englische Wort „dread“ (auf Deutsch auch mit „Furcht“ übersetzt) passt hier besser, da es lediglich einen starken Wunsch impliziert, diese Besessenheit nicht zu haben Wenn man diese Besessenheit vom Sex überwinden will und sich aufgrund dessen entscheidet, Mönch oder Nonne zu werden, dann ist dies etwas ganz Anderes. Das ist eine gesündere Geisteshaltung. Personen mit einer solchen Motivation werden Mönch oder Nonne, da sie von den familiären Verpflichtungen usw. nicht abgelenkt werden wollen. Sie wollen sich in eine Situation begeben, in der ihre sexuelle Begierde auf ein Minimum reduziert wird. Sie wollen um sich herum keine Umstände, die sie sexuell stimulieren würden.

Abtreibung

Die letzten Themen, über die ich ein wenig sprechen möchte, sind Geburtenkontrolle und Abtreibung. Die Abtreibung fällt aus einer buddhistischen Perspektive in die Kategorie der destruktiven Handlung des Tötens. Man kann dies nicht abstreiten: man setzt hiermit dem Leben eines anderen Wesens ein Ende. Dennoch kann es unterschiedliche Motivationen geben, aufgrund derer man diesem Leben ein Ende setzt. Wenn es sich bei der Motivation um egoistischen Eigennutzen handelt, etwa wenn man die Verpflichtung scheut, sich um das Baby zu kümmern, oder um seine Figur bangt, oder etwas anderes von dieser Art, dann wird die Handlung hierdurch zu einer stark destruktiven Handlung des Tötens. Dies liegt daran, dass sowohl die Motivation wie auch die Handlung selbst destruktiv sind.

Wir müssen hier also wirklich die Kausalmotivation in Betracht ziehen. Was sind die Gründe, die uns zur Abtreibung bewegen würden? Wir können von Unwissenheit motiviert werden, etwa wenn wir denken, dass wir dem Baby kein gutes Zuhause bieten können, oder dass wir uns kein weiteres Kind erlauben können. Doch unsere Eltern oder andere Verwandte könnten dem Baby möglicherweise ein gutes Zuhause bieten, oder wir könnten das Baby zur Adoption freigeben.

Andererseits können wir in einer positiven Weise vom Mitgefühl motiviert sein. Wenn absehbar ist, dass das Baby ernsthaft missgebildet oder stark geistig behindert sein wird, dann denken wir möglicherweise an eine Abtreibung, um den Kind all die sich ergebenden Probleme und Leiden zu ersparen. Schließlich gibt es das Bodhisattva-Nebengelübde, das besagt, man solle es vermeiden, eine destruktive Handlung nicht zu begehen, wenn sie von Liebe und Mitgefühl motiviert ist. In solchen Fällen muss man allerdings vollkommen bereit dazu sein, jede Form von Leiden zu akzeptieren, die man selbst als Konsequenz dieser Handlung in zukünftigen Leben erfahren kann, um dem ungeborenen Kind das Leiden zu ersparen. Wenn man eine solche Geisteshaltung hat, werden die Konsequenzen des destruktiven Akt des Tötens weniger intensiv sein.

Dies ist allerdings eine vertrackte Angelegenheit, da wir weder irgendeine Ahnung haben, ob das Kind glücklich oder unglücklich sein würde, noch, ob und inwieweit das Kind nicht dazu in der Lage wäre, seine Handicaps zu überwinden. Außerdem ist es sehr schwierig, ausschließlich von Liebe und Mitgefühl bewegt zu werden. Unsere Motivation kann sich leicht mit dem egoistischen Wunsch vermischen, all die Probleme und Schwierigkeiten zu vermeiden, die wir als Eltern eines solchen behinderten Kindes haben.

Eine weitere sehr schwierige Situation ergibt sich, wenn man sich entscheiden muss, ob man als schwangere Frau sein eigenes Leben oder das des Fötus retten will. Falls die Schwangerschaft oder sogar der eigentliche Geburtsprozess nach einem sicheren medizinischen Urteil zum Tod der Mutter führen wird, dann kann es sich bei ihrer Kausalmotivation für das Einleiten einer Abtreibung um den Wunsch handeln, ihr eigenes Leben zu retten. Obwohl es sich bei einer solchen Motivation per definitionem um eine handelt, bei der die Sorge um einen selbst über die Sorge für das ungeborene Kind triumphiert, ist jeder Fall leicht unterschiedlich. Es gibt so viele Faktoren und Umstände, die die Entscheidung und die Schwere der daraus folgenden karmischen Konsequenzen beeinflussen würden.

Obwohl es zahlreiche verschiedene kausale Motivationen gibt, die ins Spiel kommen können, besagen die buddhistischen Lehren, dass es unsere gleichzeitige Motivation ist, die wirklich die Schwere der karmischen Konsequenzen beeinflusst. Aus diesem Grund müssen wir, wenn wir uns wirklich dazu entscheiden, aus welchem Grund auch immer eine Abtreibung einzuleiten äußerst vorsichtig mit dem sein, was sich just zu Beginn der Operation in unserem Geist und in unserem Herzen abspielt. Das ist von größerer Entscheidungskraft, als was uns dazu motiviert hat, in die Klinik zu gehen.

Man betrachte beispielsweise den Fall eines dreizehnjährigen Mädchens, das schwanger wird, da es von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Das Mädchen und die Familie können sich aufgrund eines großen Komplexes an Gründen dazu entscheiden, die Schwangerschaft abzubrechen. Was ich hier betonen will, ist die Geisteshaltung der Familie, speziell des Mädchens, während der Abtreibung. Es ist sehr wichtig, dass es sich nicht um eine Geisteshaltung des Hasses und der Feindseligkeit handelt, speziell dem Baby gegenüber, das abgetrieben wird. Das Baby trägt keine Schuld.

Und deshalb ist es äußerst wichtig, während der Abtreibung Gedanken der Liebe für das Kind, das abgetrieben wird, zu haben. Man sollte ihm alles Gute für ein künftiges Leben wünschen und sich in gewissem Sinne entschuldigen für die Situation, die sich ergeben hat. Das macht eine Abtreibung nicht zu einer konstruktiven Handlung. Töten ist töten. Doch mit Sicherheit reduziert es die leidhaften Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Mindestens denke ich, dass es fast unmöglich für eine Frau ist, eine Abtreibung zu haben und später in ihrem Leben nicht an der Frage zu leiden „Wie wäre dieses Baby gewesen? Wenn das Kind hätte leben dürfen, wäre es jetzt so und so alt“. Ich glaube, dass fast jede Frau, die eine Abtreibung gehabt hat, diese Art von Leiden erlebt hat. Wir können also sogar innerhalb dieses Lebens feststellen, dass eine Abtreibung eine destruktive Handlung ist, da sie zu Leiden führt. Schließlich ist die Definition einer destruktiven Handlung eine Handlung, die beim Ausführenden als Leiden reift.

Einige buddhistische Traditionen zelebrieren für die abgetriebenen Föten etwas wie einen Beerdigungsdienst. Dies ist äußerst hilfreich für die Mutter, die Familie und sicher auch für das abgetriebene Kind. Die Zeremonie basiert darauf, dass man dieses Wesen als ein fühlendes Wesen anerkennt. Man gibt ihm einen Namen und verabschiedet sich von ihm mit Gebeten für sein Wohl in künftigen Leben. Frauen, für deren Föten solche Zeremonien abgehalten wurden, fanden es sehr heilend und hilfreich.

Geburtenkontrolle

Das Thema der Abtreibung ist mit der Frage der Geburtenkotrolle verbunden. Die Frage, um die es hier geht ist: „Wann beginnt das Leben?“ Aus der Sicht der westlichen Naturwissenschaft ist die körperliche Materie des Embryos erst nach etwa 21 Tagen genügend entwickelt, um neuronale Informationsflüsse weiterzuleiten. Man könnte argumentieren, dass dies der Lebensanfang ist, da dies in einem gewissen Sinne den Anfang geistiger Aktivität markiert. Aus buddhistischer Sicht dagegen beginnt das neue Leben einer Person, dessen Kontinuität der subtilsten geistige Aktivität durch einen Zwischenzustand (Bardo) gegangen ist, in dem Moment, in dem sich diese mit der physischen Substanz des nächsten Körpers verbindet.

Dann ist die Frage: „Wann geschieht dies nach buddhistischer Ansicht?“ Die traditionelle Aussage des Buddhismus ist, dass das Bewusstsein des Bardowesens, das wiedergeboren wird, in den Mund des zukünftigen Vaters eintritt, in sein Spermium eingeht, und mit diesem in den Körper der Mutter übergeht. Also, dies bedarf offensichtlich einiger Erklärungen: Diese Darstellung ist aus dem „Guhyasamaja Tantra“ abgeleitet und wird dort gemacht, damit der Prozess der Erzeugung des Mandalas der Gottheiten im Schoss der visualisierten Partnerin analog zum Wiedergeburtsprozess verläuft. Aber soll diese Beschreibung als eine wörtliche Beschreibung für den Beginn eines Lebens verstanden werden?

Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat oft gesagt, dass er sehr gerne dazu bereit ist, buddhistische Erklärungen aufzugeben, die von der Wissenschaft als falsch wiederlegt werden, und die wissenschaftliche Erklärung anzunehmen. Wir müssen also die traditionell buddhistische Darstellung davon, wie und wann das Leben beginnt, unter Verwendung der Logik prüfen. Wie wir über diese Fragen entscheiden wird weitreichende Implikationen haben. Wenn das Bewusstsein des Kindes sich bereits vor dem Empfängnis im Sperma befindet, dann ist offensichtlich jede Form von Empfängnisverhütung eine Abtreibung. Aber was ist dann mit den Fällen, bei denen es zu keiner Befruchtung des Eis kommt? Und sogar wenn es befruchtet wird, nistet es sich möglicherweise nicht in der Gebärmutter ein. Hat das Bewusstsein irgendeine Vorahnung dessen, was geschehen wird, bevor es durch den Mund des Vaters eintritt? Oder gibt es irgendeine Sorte von karmischem Mechanismus, der bewirkt, dass es nicht in den Mund des Vaters eintritt, wenn es keine karmische Gewissheit gibt, dass eine erfolgreiche Empfängnis stattfinden wird? Und wie verhält es sich mit künstlicher Befruchtung, Retortenkindern und Klonen? Es wird schwierig, diese Dinge mit der buddhistischen Theorie zu erklären, außer, wenn wir sie unter die Kategorien der Geburten aus „Hitze und Wasser“ einordnen.

Je mehr wir untersuchen, wann das Leben beginnt, desto komplizierter wird die Frage. Nach der buddhistischen Lehre der zwölf Glieder des abhängigen Entstehens hat das Bewusstsein des zukünftigen Wesens lediglich das Potential für geistige Aktivität wenn es in die physische Basis des zukünftigen Körpers eintritt. Diese Aktivität hat noch nicht zu funktionieren begonnen. Erst mit dem nächsten Glied, dem Glied benennbarer Fähigkeiten mit oder ohne Form, beginnen die Potentiale des Bewusstseins schrittweise aktiviert zu werden und ihre Funktion aufzunehmen. Bedeutet dies, dass alle oder bloß einige der befruchteten Eier das Potential haben, sich zu einem Kind zu entwickeln? Wenn es nur einige sind, was muss dann aus einem wissenschaftlichen Gesichtspunkt gegeben sein, damit man diejenigen, die ein Entwicklungspotential haben von denjenigen, die keins haben (z.B. von denen, die sich nicht in der Plazenta einnisten), unterscheiden kann?

[Siehe: Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens.]

Wie wir also feststellen können, ist die folgende Frage schwer zu beantworten: „Wann tritt das Bewusstsein tatsächlich in die physische Substanz der nächsten Wiedergeburt ein, d.h. ab welchem Punkt ist es ein Tötungsakt, wenn man die Wiedergeburt unterbricht?“ Wenn die Empfängnisverhütung in einer solchen Weise geschieht, dass sie das Bewusstsein daran hindert, in die physische Substanz der nächsten Wiedergeburt einzugehen, dann ist das nach buddhistischer Auffassung kein Tötungsakt. Die ethische Frage des Tötens hat also nichts damit zu tun. Das einzige, was man vermeiden muss, ist ein unangebrachtes Sexualverhalten.

Was ein unangebrachtes Sexualverhalten angeht, muss vermeiden, dass man sich eine sexuell übertragene Krankheit einfängt oder eine solche weitergibt. Bedeutet das, dass alle Menschen, die solche Krankheiten haben, einschließlich derer, die Herpes haben, für den Rest ihres Lebens zölibatär bleiben müssen? Wenn es sogar für solche Menschen unethisch wäre, ein Kondom zu benutzen, dann wäre die einzige sich ihnen bietende Alternative das Zölibat.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat bemerkt, dass die Fragen der Abtreibung und der Empfängnisverhütung zahlreiche weitere Untersuchungen erfordern, bevor man wirklich etwas entscheiden kann. Ob wir also Empfängnisverhütung betreiben oder nicht – wir kommen wieder zur selben Frage wie zuvor: was ist die Motivation? Benutzen wir die Empfängnisverhütung, damit wir unsere Sexbesessenheit voll ausleben können? In diesem Fall ist unser Sexualverhalten mit Sicherheit destruktiv. Doch in diesem Fall ist es aufgrund der Besessenheit destruktiv, nicht aufgrund der Empfängnisverhütung.

Zusammenfassung

Kurz gesagt dreht sich im Buddhismus die ganze Frage der Sexualität um die Art von Geisteshaltung und Motivation, die man in diesbezüglich hat, und welche dieser Arten destruktiv sind und Probleme schaffen. Wollen wir Schwierigkeiten vermeiden, dann müssen wir diese destruktiven Geisteshaltungen vermeiden.

Wie ich zuvor gesagt habe denke ich, dass es etwas sehr Hilfreiches ist, in Bezug auf Sex eine realistische Geisteshaltung zu haben und ihm keine solche große Wichtigkeit zuzusprechen. Sex ist nicht dasselbe wie essen: er impliziert mehr als die bloße Befriedigung eines biologischen Bedürfnisses. Es handelt sich um ein Ausdrucksmittel der Liebe, der Fürsorge, des Trostes und so weiter. Um es aber noch einmal zusagen: wenn man sich vorstellt, man könne die Probleme aller durch guten Sex lösen, dann ist das Unwissenheit. Wenn man sich andererseits vorstellt, dass Sex etwas immanent „Schlechtes“ ist, dann ist das ebenfalls Unwissenheit. Seien Sie einfach realistisch in diesem Bezug. Haben Sie Fragen?

Die Illegalität der Abtreibung

Frage: Hier in Mexiko ist die Abtreibung gesetzlich verboten. Dennoch werden täglich Tausende und Abertausende von Abtreibungen vorgenommen. Mehrere Zehntausend Frauen sterben jedes Jahr wegen schlechtgemachter Abtreibungen. Hier ist also die Abtreibung nicht nur eine ethische Frage, sondern auch eine rechtliche Frage. Wie können wir damit umgehen?

Berzin: Wie ich versucht habe, zu erklären, wenn sich jemand dazu entscheidet aus welchem Grund auch immer eine Abtreibung vorzunehmen, ist es aus buddhistischer Sicht am wichtigsten, dass man den Grad an Destruktivität der Handlung als ganze minimiert, indem man an der Motivation arbeitet. Versuchen Sie zum Beispiel sehr darauf zu achten, dass während der Abtreibung die gleichzeitige Motivation nicht Feindseeligkeit gegenüber dem Fötus ist, und geben Sie ihm danach einen Namen und organisieren Sie eine ordentliche Bestattung. Dies wird dabei helfen, die Menge an Leiden zu minimieren, die durch das Beendigen dieses Lebens verursacht wird.

Das selbe Prinzip gilt in Bezug auf die Art und Weise, in der man eine Abtreibung vornimmt, wenn man sich dazu entscheiden, eine zu machen. Natürlich sollte man versuchen, sie in einer Weise zu gestalten, die sowohl aus medizinischen als aus rechtlichen Gesichtspunkten die Gefahr für die Mutter auf ein Minimum reduziert. Wir müssen äußerst genau untersuchen, was innerhalb unser Geldmöglichkeiten die medizinisch sicherste Art der Abtreibung ist. Natürlich kann es vorkommen, dass in Fällen extremer Armut hygienische naturwissenschaftliche Methoden nicht verfügbar sind, doch sicher sind auch dann bestimmte Methoden sicherer als andere.

Die rechtliche Frage ist eine andere Sache und recht komplex. Wir müssen die Destruktivität der Abtreibung an sich von der Destruktivität unterscheiden, die vorliegt, wenn man das Gesetz eines Landes bricht. Hier müssen zwei Fälle betrachtet werden: der eine liegt vor, wenn die illegale Handlung aus buddhistischer Perspektive destruktiv ist; der andere, wenn die illegale Handlung entweder konstruktiv oder ethisch neutral ist. Eine Abtreibung ist sowohl illegal als ethisch destruktiv. Wenn man dagegen in einer kommunistischen Diktatur den Buddhismus lehrt oder das eigene Auto in einer Zone stehen lässt, in der Parken verboten ist, dann mögen diese Handlungen zwar illegal sein, doch ethisch destruktiv sind sie nicht. In beiden Fällen stellt sich die Frage, ob wir zur Entstehung negativer Tendenzen und Gewohnheiten in unserem geistigen Kontinuum beitragen, die in zukünftigen Leben als Leiden zur Reifung kommen werden, wenn wir ein Zivilgesetz brechen?

Das Brechen eines Zivilgesetzes kann in diesem Leben zu Leiden führen, wenn man erwischt, verhaftet und bestraft wird. Dies wird als „menschengemachtes Ergebnis“ bezeichnet. Doch möglicherweise wird man nicht erwischt, und deshalb gibt es keine Gewissheit darüber, dass man irgendwelche rechtlichen Schwierigkeiten und Strafen erleben wird. Außerdem kann diese Handlung – wie jede Handlung – dazu beitragen, eine Gewohnheit aufzubauen, die uns dazu verleiten wird, ein bestimmtes Gesetz immer wieder zu brechen. Doch auch hierüber besteht keine Gewissheit: möglicherweise wird man ein bestimmtes Gesetz nur einmal brechen. Trotz alledem führt der Bruch eines Zivilgesetztes nicht zur Entwicklung derjenigen Tendenzen und Gewohnheiten, die in künftigen Leben als Leidenserfahrungen zur Reifung kommen werden.

Im Falle einer illegalen Handlung, die ethisch konstruktiv ist, ist es nicht so schwierig, sich zwischen der Möglichkeit einer Strafe in diesem Leben und Glück in zukünftigen Leben zu entscheiden. Was ethisch neutrale Handlungen angeht, können wir an das Bodhisattva-Nebengelübde denken, das darin besteht, dass man vermeidet, sich nicht nach den Neigungen der anderen zu richten, solange diese Neigungen nicht destruktiv sind. Wenn eine Gesellschaft die Dinge in einer bestimmten Weise tut, dann gibt es keinen Grund dazu, dies zu stören, indem wir die Dinge in unserer eigenen Weise tun, besonders, wenn unsere Weise von Eigeninteresse und einem Mangel an Rücksicht den anderen gegenüber motiviert wird.

Im Fall der Abtreibung, die nicht nur als ein Tötungsakt destruktiv ist, sondern dazu in diesem Land illegal ist, scheint es mir, einmal mehr, dass die allererste Handlungsrichtlinie darin bestehen muss, dass man die Unwissenheit vermeidet und dann versucht, das Ausmaß an leidhaften Konsequenzen zu minimalisieren. Die Entscheidung darüber, ob eine Abtreibung vorgenommen werden soll oder nicht, ist grundsätzlich die der Frau, obwohl bei dieser Entscheidung auch der Vater des Fötus und die Familie eine Rolle spielen können. Sollte die Entscheidung dann für eine Abtreibung ausfallen, dann muss man versuchen, sie in vollem Bewusstsein der möglichen rechtlichen Konsequenzen in einer Weise durchzuführen, die das Risiko von Unglück und Leiden in allen Gebieten – medizinisch, rechtlich und ethisch – minimalisiert.

Und wenn uns die Gesetze unvernünftig erscheinen, können wir natürlich daran arbeiten, sie zu verändern. Wenn das Gesetz allerdings auf dem Einfluss einer anderen Religion basiert, dann ist dies sehr delikat.

Keuschheit

Frage: Was ist Ihre persönliche Meinung zum monastischen Keuschheitsgelübde? Geht es nicht wider die Natur, die Keuschheit zu bewahren? Sollten wir als eine Gesellschaft nicht schon längst darüber hinaus sein?

Berzin: Die Keuschheit zu bewahren geht mit Sicherheit wider Samsara. Was das „wider die Natur“ angeht, müssen wir näher betrachten, was aus buddhistischer Sicht „natürlich“ ist. Biologische Dränge sind zwar, was wir im Westen als natürlich bezeichnen würden, doch aus buddhistischer Sicht handelt sich um Teile des Samsara-Mechanismus. Im Buddhismus geht es uns darum, uns von der Kontrolle dieser instinktmäßigen Dränge zu befreien, da diese das Leiden und die Probleme unserer sich unkontrollierbar wiederholenden samsarischen Existenz verewigen. Während wir uns von diesen biologischen Drängen befreien, wollen wir immer weniger abhängig von ihnen werden und nicht mehr von ihnen beherrscht werden. Solange wir nicht von ihnen beherrscht werden, können wir trotz unserer biologischen Dränge hilfreich für andere sein.

Zahlreiche westliche Menschen sehen nicht Gott nicht als heilig an, sondern die Natur. Das bedeutet, dass sie die Biologie als heilig ansehen. Sie denken, dass alles, was natürlich ist, automatisch gut sei. Der Buddhismus dagegen, ist natürlich entstehenden Dingen gegenüber misstrauisch, da zahlreiche störende Emotionen und Geisteshaltungen, genau wie der Drang, sich in einer destruktiven Manier zu verhalten, automatisch entstehen. Wir müssen vorsichtig unterscheiden.

Normalerweise werden entweder diejenigen Mönche und Nonnen, die ein sehr niedriges Bedürfnis nach Sex haben und daher keine großen Schwierigkeiten mit dem Zölibat haben, oder aber diejenigen, die vom Sex besessen sind, und die daher das Leiden überwinden wollen, dass ihnen ihre Besessenheit verschafft hat. Doch sogar im zweiten Fall möchte man nicht einfach biologische Bedürfnisse, wie etwa das Sexbedürfnis, unterdrücken. Wenn man das versucht, dann bleibt die Gefahr bestehen, dass man irgendwann explodieren und verrücktspielen wird. Solche Mönche und Nonnen arbeiten am sehnsüchtigen Verlangen und an der Anhaftung, die ihren sexuellen Drang zwanghaft und besessen machen. Mit den Tantra-Methoden der Transformierung feinstofflicher Energien kann man außerdem die sexuelle Energie umwandeln und sie in einer konstruktiveren Weise kanalisieren, um auf dem spirituellen Pfad voranzukommen. Allerdings ist es nicht so einfach, dies zu tun.

Mir scheint, wir müssen uns auch vor Augen halten, dass beispielsweise die Tibeter und Inder in einer körperlichen Weise ihre Zuneigung zu Menschen des selben Geschlechts ausdrücken, ohne dass dies sexuelle Konnotationen hat. Mönche untereinander und Nonnen untereinander legen beim Gehen häufig ihre Arme umeinander und halten sich bei der Hand. Diese Formen von Körperkontakt helfen ihnen, ihr Bedürfnis nach physischer Nähe und Zuneigung zu befriedigen. Ein vollkommenes Zölibat impliziert nicht, dass man jede Form von Körperkontakt zu anderen vermeidet oder seine Zuneigung überhaupt nicht mehr ausdrückt.

Frage: Wenn wir uns dazu entschleißen, mit jemandem einen sexuellen Kontakt zu haben, dann schafft diese Handlung selbst Karma. Was für Konsequenzen ergeben sich also aus der buddhistischen Perspektive in der Kette karmischer Ereignisse, die auf die Entscheidung folgen? Was sind die Vorteile des Zölibats?

Berzin: Wenn wir uns dazu entscheiden, mit jemandem zu schlafen und dann tatsächlich sexuell aktiv werden, dann schaffen wir mit Sicherheit eine starke Verbindung mit diesem Menschen eine Verbindung, die in zukünftigen Leben fortbestehen wird. Doch die Art der resultierenden Verbindung und Beziehung ist abhängig von der Art von sexueller Beziehung, die wir mit diesem Menschen haben, von unserer Motivation, von der Motivation und den Geisteshaltungen unseres Partners, und so weiter. Sie wird von zahlreichen Faktoren bedingt.

Nur weil man zölibatär ist, bedeutet das nicht, dass man alle Formen der karmischen Konsequenzen vermeidet, die mit der Sexualität zu tun haben. Es könnte vorkommen, dass ein zölibatärer Mensch sehr viel Zeit und Energie dafür verwendet, mit starker Sehnsucht und Anhaftung an Sex zu denken. Ein solcher Mönch könnte sich vorstellen, dass er mit jemandem schläft, ohne die Handlung auszuführen. Die karmischen Konsequenzen einer körperlichen Handlung schafft er hierdurch nicht, die karmischen Konsequenzen einer geistigen Handlung dagegen schon. Tatsächlich hängt alles von Geisteszustand ab, d.h. vom Maß an störenden Emotionen und Geisteshaltungen die man hat oder von denen man frei ist.

Widmung

Wir wollen mit einer Widmung enden. Wir denken: Was auch immer wir an Verständnis oder Einsicht gewonnen haben und was auch immer an positive Kraft beim Hören dieser Vorlesung und beim Nachdenken über ihre Inhalte gewonnen wurde immer weiter wachsen möge, so dass wir unsere Verwirrung über Sex überwinden können. Mögen wir dazu in der Lage sein, die Ebene oder die Art der Sexualität, zu der wir uns hingezogen fühlen, in einer gesunden Weise zu benutzen. Mögen wir dies vollbringen, indem wir Sex nicht zum wichtigsten Ding im Leben machen, sondern bloß als einen Teil des Lebens unter anderen. Mögen wir alle sexuelle Obsessionen, die wir haben mögen, überwinden, damit wir unsere Potentiale und Talente voller ausschöpfen können und unnötige Probleme vermeiden, damit wir dadurch uns selbst und den anderen bestmöglich helfen können. Danke.