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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung in die buddhistische Sexualethik: Sex mit dem Partner
von jemand anderem

Alexander Berzin
Dorfgemeinschaft Bordo, Italien, 1995
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Leicht redigiertes Kurstranskript

Man hat mich gebeten, heute über die buddhistische Sexualethik zu sprechen. Die Sexualität ist offensichtlich ein Thema, das viele hochgradig interessiert. Besonders, wenn man eng zusammenlebt, in einer Gemeinschaft auf dem Land, wie Sie es hier tun, kann es in Bezug auf Sexualität und sexuelle Beziehungen viel Verwirrung geben. Ein unweises Sexualverhalten – sei es das eigene, sei es das des Partners – kann viel Leiden produzieren. Es kann hilfreich sein, die Ratschläge zu betrachten, die der Buddhismus in diesem Bereich bietet.

Ich möchte die heutige Diskussion eher informell gestalten. Ich werde also eine Weile sprechen und wenn jemand zwischendurch Fragen hat, kann er oder sie diese gerne stellen. Außerdem scheint es mir angebracht, heute Nachmittag eine Diskussion mit Fragen und einem Ideenaustausch zu machen.

Das Erbe der westlichen Ethik

Im Allgemeinen unterscheidet sich der buddhistische Zugang zur Ethik sehr vom westlichen. In der westlichen Kultur finden wir grundsätzlich eine Mischung aus zwei ethischen Systemen, von denen das eine die Bibel und das andere das antike Griechenland zum Hintergrund hat.

Aus biblischem Hintergrund leiten sich eine Reihe von ethischen Gesetzen ab, die von einer höheren Autorität erlassen wurden. „Ethisch zu sein“ bedeutet hier grundsätzlich, dass man den Geboten gehorcht. Folgen wir den Geboten, so sind wir „gut“ oder „gute Menschen“ und werden im Himmel unsere Belohnung erfahren. Folgen wir den Geboten nicht, so sind wir „schlecht“ und werden hierfür nach dem Tode bestraft. Ethik ist hier also tatsächlich eine Frage des Gehorsams gegenüber dieser höheren Autorität. Immer fragen wir uns: „was muss oder sollte ich tun?“ Immer liegt diese Vorstellung des „Du sollst“ vor – „Ich muss dies tun, doch ich tue es nicht, deshalb bin ich schlecht und schuldig“. In dieser Weise werden wir unsicher und verlieren unser Selbstbewusstsein, da wir immer wissen wollen: „Was sollte ich tun?“

Im antiken Griechenland gab es ebenfalls eine Reihe von Gesetzen. Bei diesen handelte es sich allerdings nicht um die Gebote einer göttlichen Autorität, sondern vielmehr Gesetze, die von den Bürgern geschaffen wurden. Die Repräsentanten der Bürger versammelten sich in einer Legislatur, um zum Wohl und zur Pflege der Gesellschaft Gesetze zu erlassen. Ab dann ist wieder alles eine Frage des Gehorsams: wir müssen den Gesetzen gehorchen. Wenn wir dies tun, sind wir nicht bloß gute, moralische Menschen; nein, jetzt sind wir auch „gute Bürger“. Folgen wir den Gesetzen dagegen nicht, dann sind wir „schlechte“ Menschen und müssen eine Strafe zahlen oder ins Gefängnis gehen.

Unsere westliche Ethik ist also eine Kombination aus diesen Systemen, die beide im Gesetzesgehorsam begründet sind. Bei der buddhistischen Ethik verhält es sich vollkommen anders. Als Westler, die sich dem Buddhismus nähern, werden wir oft verwirrt, da wir erwarten, dass der Buddhismus uns sagt, was wir „tun und lassen müssen“. Wenn wir die ethischen Lehren des Buddhismus betrachten, tendieren wir daher dazu, sie als etwas in der Art von biblischen Geboten oder juristischen Gesetzen anzusehen.

Die buddhistische Ethik und die Entsagung

Die buddhistische Ethik hat einen vollkommen anderen Ausgangspunkt. Sie geht von Buddhas Hauptlehren aus – den Vier Edlen Wahrheiten bzw. den Vier Tatsachen des Lebens. Grundsätzlich gesagt ist das Leben hart und schwierig. Doch es gibt hierfür eine Ursache, und wenn wir uns von den Schwierigkeiten im Leben befreien wollen, so müssen wir die Ursache der Schwierigkeiten beseitigen. Dies ist der Zusammenhang, in dem Buddha lehrte, dass uns bestimmte Verhaltensweisen Probleme und Unglück schaffen. Wenn wir uns selbst Leiden ersparen wollen, müssen wir diese Verhaltensweisen vermeiden. Wenn es uns egal ist, wie viele Probleme wir uns selbst schaffen, dann ist das in Ordnung. Machen Sie einfach so weiter und verhaltet Sie sich weiter so! Jeder hat die Wahl.

Im Unterschied zur Bibel stellte Buddha keinerlei moralische Gebote auf. Er sagte nie: „Du musst dies tun, und wenn du es nicht tust, dann bist du böse.“ Vielmehr sagte Buddha: „ Wenn du dies tut, schaffst du dir selbst Schwierigkeiten. Wenn du diese Schwierigkeiten nicht willst, dann hör auf, dich so zu verhalten.” Verhält man sich weiterhin in einer Weise, die einem selbst Probleme schafft, dann macht das einen nicht zu einem „schlechten Menschen“, ebenso wenig wie es einen zu einem „guten Menschen“ macht, sich von diesen Handlungen zurückhalten. Wenn man sich weiter in einer Weise verhält, die einem selbst Probleme schafft, dann ist man dumm und das ist schade. Wenn man aufhört, sich so zu verhalten, dann ist man weise. Das ist alles.

In der buddhistischen Ethik spielt also die Wahl unserer Verhaltensweisen eine wichtige Rolle. Die buddhistische Schulung zielt darauf ab, konstruktive Geisteshaltungen zu entwickeln, wie beispielsweise die Entsagung. Nachdem wir unsere Probleme untersucht haben, kommen wir zum Schluss: „Das macht keinen Spaß. So etwas möchte ich nicht mehr.“ Dann entscheiden wir uns mit der Entsagung, voller Entschlossenheit, dass wir uns von diesen Problemen befreien müssen. Genauer gesagt fassen wir den Entschluss, uns selbst von ihnen zu befreien. Niemand außer uns selbst wird uns befreien. Deshalb müssen wir den Ursachen der Probleme, die in uns selbst liegen, entsagen. Wir werden es unterlassen, die Ursachen zu setzen, damit die Probleme, die aus ihnen entstehen, nicht mehr zustande kommen.

Nehmen wir als Beispiel, dass unsere Probleme aus unserer schrecklichen Wut oder aus unserer zwanghaften Anhaftung entstehen. Da wir wünschen, diese Probleme nicht mehr erleben zu müssen, entwickeln wir ihnen und ihren Ursachen gegenüber die Entsagung. Wir bauen eine entschlossene Geisteshaltung auf, in der wir denken: „Ich will versuchen, mich zu verändern. Ich bin bereit dazu, meine Reizbarkeit und meine Wut aufzugeben. Ich bin bereit dazu, meine Anhaftung aufzugeben. Ich will versuchen, dies zu schaffen.“ Wenn wir nicht die Bereitschaft haben, unsere negativen Charakterzüge aufzugeben, dann ist es uns unmöglich, wahre Fortschritte in der buddhistischen Praxis zu machen.

Wenn wir das Ritual einer Puja bloß rezitieren und durchführen, aber nicht dazu bereit sind, unsere Anhaftung oder unsere Wut aufzugeben, dann wird das kaum eine Wirkung auf unsere destruktiven Persönlichkeitszüge haben. Dies liegt daran, dass wir dann keine der positiven Geisteshaltungen, die wir in der Puja entwickeln, in unserem alltäglichen Leben anwenden werden. Das Ritual wird dann lediglich eine Art Nebenbeschäftigung sein, die wir zum Spaß machen, wie wenn wir uns jeden Abend eine Fernsehsendung anschauen. Sind wir also wirklich daran interessiert, uns von unseren Problemen zu befreien, dann erlangt das Thema der buddhistischen Ethik eine zentrale Bedeutung.

Ehrlichkeit den eigenen Zielen gegenüber

Bei der buddhistischen Praxis ist es wichtig, Heucheleien zu vermeiden. Wonach suchen die meisten Menschen, die mit dem Buddhismus in Kontakt kommen, wenn sie sich selbst ehrlich prüfen? Den meisten geht es nicht wirklich um die Erleuchtung und noch nicht einmal um die Befreiung. Die meisten Menschen wollen einfach ihre samsarische Situation – ihr normales, alltägliches Leben – etwas verbessern.

Nun, das ist in Ordnung. Buddha lehrte Methoden, mit denen man Samsara verbessern kann, indem man eine bessere Wiedergeburt erlangt. Das ist ein Teil der buddhistischen Lehren. Die meisten von uns glauben jedoch noch nicht einmal an zukünftige Leben wie sollten wir dann ein Interesse daran verspüren, diese zu verbessern? Uns geht es bloß darum, Samsara in diesem Leben zu verbessern, jetzt sofort. Auch das ist in Ordnung. Doch man sollte nicht unehrlich sein und niemandem etwas vormachen indem man sagt: „Ich arbeite daran, zum Wohl aller Wesen ein Buddha zu werden“, wenn dies tatsächlich überhaupt nicht das eigene Ziel ist. Die Ethik, der man folgen muss, um die Erleuchtung zu verwirklichen, ist selbstverständlich die selbe, die auch Samsara verbessert. Wenn wir aber ehrlich und realistisch in Bezug auf unsere Ziele sind, dann werden wir nicht so viele Schwierigkeiten haben, der buddhistischen Ethik zu folgen.

Einer der Punkte, mit denen wir uns hier beschäftigen müssen, ist, noch einmal, dass die meisten von uns sich dem Buddhismus aus einem jüdisch-christlichen Hintergrund nähern. Daher haben wir die Tendenz zu denken: „Ich muss mich um die Erleuchtung bemühen, denn dann bin ich ein guter Mensch, ein guter Schüler, ein guter Buddhist. Wenn ich nicht daran arbeite, die Buddhaschaft zu erlangen, und wenn ich nicht allen helfe, sondern bloß Samsara verbessern will, dann bin ich ein schlechter Mensch, ein schlechter Schüler und ein schlechter Buddhist.“ Hier liegt die Betonung wieder auf dem „Du sollst“. Wir orientieren uns an dem, was wir tun „sollten“.

Im Buddhismus ist es anders. Wir versuchen in einer für uns angebrachten Weise Fortschritte zu machen, auf der Ebene, auf der wir stehen. Es gibt kein „Du sollst.“ Es gibt kein „Wenn du dies tust, dann bist du ein guter Mensch, und wenn du dich auf einem früheren Stadium befindest, dann ist das schlecht.“ Wir können nicht sagen: „Es ist gut, ein Erwachsener und schlecht ein Kind zu sein. Daher musst du, auch wenn du ein spirituelles Kind bist, ein spiritueller Erwachsener sein und dich wie einer verhalten.“

Wenn man der buddhistischen Ethik folgen will ist das Wichtigste daher, dass man das Verhältnis zwischen verhaltensbedingter Ursache und Wirkung versteht. Das bedeutet Folgendes: wir müssen die Beziehung verstehen, die besteht zwischen unserem Verhalten und dem Maß an Glück oder Leid, das wir infolge unseres Verhaltens erleben. Das ist der zentrale Punkt. Wenn wir von der Existenz dieser Beziehung nicht überzeugt sind, dann gibt es keinen Grund, dem buddhistischen System der Ethik zu folgen.

Das destruktive Verhalten und seine Wirkungen

Betrachten wir das, was der Buddhismus als „destruktives Verhalten“ bezeichnet, dann ist es ein Verhalten, das von Wut, Anhaftung, Gier oder Unwissenheit motiviert wird. Dies sind die wichtigsten störenden Emotionen. Störende Emotionen sind geistige Zustände, die unseren inneren Frieden stören und uns unserer Selbstkontrolle berauben. Einige Erklärungen fügen dem hinzu, dass das destruktive Verhalten außerdem immer von einem doppelten Manko begleitet wird. Erstens von einem Mangel an ethischer Selbstachtung. Zweitens von einer mangelnden Rücksicht dafür, welches Licht unser Verhalten auf andere Menschen wirft – etwa auf unsere Eltern oder auf unsere spirituellen Lehrer. Aus der Sicht der Karmalehre steht fest, dass ein Verhalten, das durch diese störenden Emotionen und derartige Geisteszustände verursacht wird, zwangsläufig zu Leiden führt. Es wird als Leiden „zur Reifung kommen.“

Nun müssen wir diese Aussage verstehen. Es ist nicht so einfach. Wir sprechen nicht davon, welche Wirkungen unsere Handlungen auf jemanden anderes haben werden, da diese unsicher sind. Es kann etwa geschehen, dass wir jemandem voller Liebe Blumen schenken, und dann verursachen diese beim Beschenkten einen Allergieanfall und machen ihn sehr krank. Es kann geschehen, dass man das Auto einer Person stiehlt und sie dadurch äußerst glücklich macht, da sie den Wagen ohnehin loswerden wollte und nun das Versicherungsgeld kassieren und einen neuen Wagen kaufen kann. Es ist also unsicher, ob unsere Handlungen bei den anderen Glück oder Unglück schaffen werden. Obwohl wir uns natürlich bemühen, Anderen nicht zu schaden, wissen wir trotzdem nie, wie sie es erleben werden. Wir kochen einem Gast ein wundervolles Mahl und dann verschluckt er sich daran und stirbt. Wie können wir wissen, was passieren wird?

Nach Aussage der buddhistischen Lehren gibt es hingegen keine Zweifel darüber, wie sich unsere Handlung auf uns selbst auswirken werden. Hierbei geht es nicht um die unmittelbaren Wirkung unserer Handlungen: ein Vergewaltiger beispielsweise mag unmittelbar durchaus die für ihn genussreiche Erfahrung eine Orgasmus machen. Es geht also nicht um den Glückspegel, der sich als unmittelbares Ergebnis der Handlung ergibt. Vielmehr geht es um Dinge, die man langfristig erleben wird: um die langfristige Wirkung auf unseren Geist und auf das, was wir in Zukunft im Allgemeinen erleben werden. Diese ist das Ergebnis der Neigungen und Gewohnheiten, die wir in uns aufbauen.

Im Falle einer außerehelichen Affäre beispielsweise kann man momentan glücklich sein, wenn man mit dem anderen Partner zusammen ist. Doch selbst wenn wir die Partnerprobleme unerwähnt lassen, die man aufgrund eines solchen Verhaltens in zukünftigen Leben haben wird, wird man auch in diesem Leben zweifellos zahlreiche Schwierigkeiten in der eigenen Familie erleben. Es geht hier also nicht um das unmittelbare Vergnügen, das eine sexuelle Affäre verschaffen mag, sondern vielmehr um ihre langfristige Wirkung.

Die Motivation hinter dem sexuellen Verhalten

Der wichtigste Punkt, den man in der buddhistischen Sexualethik betrachten muss, ist die Motivation für das eigene Sexualverhalten. Als Handlung unterscheidet sich die sexuelle Aktivität nicht besonders vom Essen – in dem Sinn, dass es sich um zwei biologische Funktionen handelt, die damit zusammenhängen, dass wir diese Art von Körper haben. Diese Art von Körper wird notwendigerweise hungrig. Wir müssen ihn ernähren. In einer ähnlichen Weise produziert dieser Körper Sexualhormone, d.h. er hat Sexualfunktionen, mit denen wir irgendwie umgehen müssen. Es gibt allerdings einen großen Unterschied zwischen dem Befriedigen von sexuellem Appetit und dem Stillen von Hunger nach Nahrung: ohne Sex können wir leben, doch ohne Essen nicht.

Wie das Essen kann die sexuelle Aktivität von einer destruktiven, einer positiven oder einer neutralen Emotion oder Geisteshaltung motiviert werden. Aufgrund der Motivation wird die sexuelle Handlung oder die Handlung des Essens ebenfalls destruktiv, konstruktiv oder neutral. Wenn wir beispielsweise aufgrund einer enormen Gier und Anhaftung essen – d.h. uns einfach vollstopfen wie ein Schwein – dann ist das selbstdestruktiv. Wenn wir essen, weil wir die Energie und Kraft brauchen, um uns um unsere Familien zu kümmern – um zu arbeiten, und so weiter – dann ist das eine positive Motivation: Essen ist dann konstruktiv. Wenn wir einfach bloß essen, weil es Essenszeit ist und auch alle anderen essen, dann ist das ethisch neutral.

Dasselbe gilt für den Sex. Wenn wir aufgrund einer enormen Anhaftung und eines enormen Begehrens Sex machen, oder aufgrund von Hass – etwa wenn Soldaten die Frauen und Töchter ihrer Feinde vergewaltigen – dann ist das destruktiv. Wenn wir Sex haben, um unsere Zärtlichkeit auszudrücken, oder um jemand zu helfen – einer passenden Person – da wir hoffen, dass sie sich dadurch etwas besser fühlen wird, dann ist das konstruktiv. Wenn wir Sex haben, weil wir nicht einschlafen können und wir davon schläfrig werden und schneller einnicken können, dann ist das neutral.

So können wir – je nach Motivation – wegen der selben Handlung unterschiedliche Wirkungen erfahren. „Destruktiv“ bedeutet, dass eine Handlung uns zukünftige Probleme schafft. Die negativ motivierenden Emotionen, die den Sex bei den meisten Menschen destruktiv werden lassen, sind normalerweise die Anhaftung und das sehnsüchtige Verlangen. Woran wir im Zusammenhang der Entsagung arbeiten müssen ist nicht der Sexualakt selbst, sondern vielmehr die Anhaftung und das sehnsuchtsvolles Verlangen.

Nehmen wir ein Beispiel. Nehmen wir an, wir suchen den perfekten Orgasmus. Eine solche Suche bewirkt, dass wir mit den sexuellen Erfahrungen, die wir machen, immer unzufrieden sind. Immer suchen wir nach etwas Besserem. Immer wollen wir mehr und sind nie dazu in der Lage, wirklich zu genießen, was wir gerade haben. Eine solche Geisteshaltung macht uns frustriert und unglücklich. Sie führt dazu, dass wir nie eine befriedigende sexuelle Erfahrung machen.

Das selbe gilt, wenn wir immer nach dem perfekten Sexualpartner suchen: wir werden ihn nie finden, sondern immer unzufrieden sein. Unsere Geisteshaltung wird uns immer unglücklich machen. Eine sexuelle Aktivität, die von solchen Geisteshaltungen angetrieben wird, ist immer destruktiv – selbstdestruktiv. Wenn wir von etwas Destruktivem sprechen, meinen wir immer, das es selbst-destruktiv ist.

Das sind also die Dinge, die wir aufgeben müssen: die Mythen des perfekten Partners, des perfekten Orgasmus, sowie das sehnsüchtige Verlangen, das von diesen Mythen geschaffen wird. Unser sehnsüchtiges Verlangen beruht auf der naiven, verwirrten Vorstellung, dass irgendwo da draußen der „perfekte Partner“ ist, „mit dem ich den ‚perfekten Orgasmus’ haben werde“. Das ist ein Mythos, eine Art Feenmärchen. Das wird nie passieren. Tut mir leid.

Mit dem Partner von jemand anderem Sex haben

Wir müssen uns der Sexualität mit einer realistischeren Geisteshaltung nähern. In den Lehren, die die destruktiven Formen des Sexualverhaltens beschreiben, findet man alle möglichen Listen. Was allerdings auf all diesen Listen erscheint, ist Sex mit dem Partner einer anderen Person. Wir müssen versuchen zu verstehen, warum das destruktiv ist, warum es uns Probleme schafft. Diese destruktive Handlung kann sich in zwei Situationen ergeben: entweder wir haben bereits einen sexuellen Partner, oder wir haben keinen. Betrachten wir den ersten dieser Fälle.

Wenn wir sagen, es sei destruktiv, da wir in Schwierigkeiten mit unserem Partner geraten werden – es wird unseren Partner verletzen – oder wenn wir sagen, dass der Partner der anderen Person davon verletzt werden kann, so ist das eine der Ebenen des Leidens, die sich ergeben können. Doch sie ist nicht mit Sicherheit gegeben. Möglicherweise haben wir eine Beziehung, in der unser Partner mit so etwas einverstanden ist. Möglicherweise hat die andere Person eine Beziehung, in welcher der Partner hierzu OK. sagt. Das könnte möglich sein.

Doch wir müssen in Bezug auf diesen Punkt sehr feinfühlig sein. Unser Partner könnte zwar sagen: „Oh, es ist in Ordnung, wenn du mit jemand anderes Sex hast. Es macht mir nichts aus“; doch tatsächlich ist es möglich, dass er diese Aussage nur macht, weil er uns nicht verlieren will. Möglicherweise hat er Angst, uns zu verlieren und denkt daher, es sei besser einfach den Mund zu halten und uns sein Placet zu geben. Doch innerlich leidet er zutiefst. Es ist äußerst wichtig, unseren Partnern gegenüber feinfühlig zu sein, damit wir merken, ob sie wirklich ehrlich sind, wenn sie uns sagen, es sei in Ordnung.

Und wenn es nur in die eine Richtung in Ordnung ist, d.h. wenn es für unseren Partner in Ordnung ist, dass wir mit jemand anderem Sex haben, doch für uns nicht, wenn unser Partner mit jemand anderem Sex hat, dann ist da offensichtlich etwas nicht sehr ausgeglichen. Und wenn man in Bezug auf die Person, mit der man Sex hat denkt: „Nun, solange ihr Partner es nicht herausfindet – und er oder sie wird es nicht herausfinden – dann ist es in Ordnung“ dann ist das kurzsichtig. Der Partner der anderen Person findet es unausweichlich heraus.

Nach Aussage der buddhistischen Texte ist das Hauptergebnis, wenn man mit dem Partner einer anderen Person Sex hat, dass unsere eigenen Partnerbeziehungen instabil werden. Unsere eigenen Partner werden untreu sein. Auch wenn wir jetzt keinen Partner haben, kann dies in unseren zukünftigen Beziehungen geschehen. Obwohl unser Partner uns nicht unbedingt in diesem Leben untreu werden muss, kann unser Ehebruch in diesem Leben eine Scheidung und all die damit einhergehenden Probleme verursachen.

Nach Aussage der Texte ist etwas weiteres, das passiert, wenn wir mit dem Partner einer anderen Person Sex haben, dass dies eine Ursache dafür wird, dass wir sehr viele andere destruktive Handlungen ausführen. Beispielsweise müssen wir in Bezug auf unsere Affäre lügen. Möglicherweise gehen wir sogar bis zum Mord oder zum Diebstahl, wenn jemand beginnt, uns wegen der Affäre zu erpressen, damit sie unserem Partner nichts sagen oder uns unsere Arbeit verlieren lassen. Wir fühlen uns gezwungen, uns vom Erpresser zu befreien, damit er uns nicht bloßstellt. Eine ungewollte Schwangerschaft, die sich aus der außerehelichen Affäre ergibt, kann uns dazu führen, den Fötus abzutreiben. Solche Dinge können geschehen, obwohl es natürlich nicht sicher ist, dass sie geschehen werden.

Die Frage, ob es einen Unterschied macht, wenn man bereits einen sexuellen Partner hat oder nicht, scheint in der Charakterisierung unangebrachter Sexualpartner der klassischen buddhistischen Texte nicht erörtert zu werden. Es war damals möglicherweise unnötig, dies zu beachten, da die meisten in einem äußerst jungen Alter heirateten. Im modernen westlichen Kontext müssen wir hier jedoch explizit sein und müssen präzisieren, dass sich die negativen Konsequenzen, die ich gerade erwähnt habe, in beiden Fällen ergeben. Auch auf eine andere Art von Fall gehen die klassischen Texte nicht gesondert ein: wenn wir zwar mit einer Person Sex haben, die ein „angebrachter Partner“ wäre (d.h. der weder durch eine andere Partnerschaft, noch von Gelübden, noch „von seinen Eltern“ gebunden, d.h. zu jung ist), wir selbst aber in einer Partnerschaft stehen, dann müssen wir annehmen, so scheint mir, dass sich auch in diesem Fall die selben Arten leidhafter Konsequenzen ergeben würden.

Die Unzufriedenheit

Wenn wir die Sache tief betrachten entdecken wir, dass es die Unzufriedenheit ist, die unsere sexuelle Beziehung mit dem Partner einer anderen Person destruktiv macht. Wenn wir bereits einen Partner haben, ist es eine unterschwellige Unzufriedenheit mit unserem Partner, die uns dazu treibt, einen anderen zu suchen. Selbst wenn wir keinen Partner haben, werden wir dazu getrieben, mit dem Partner einer anderen Person Sex zu haben, weil wir uns nicht damit zufrieden geben, einen Partner unter denjenigen Menschen zu suchen, die für eine solche Beziehung angebracht wären. Vielleicht haben wir dies noch nicht einmal versucht.

Die Unzufriedenheit trägt die Hauptschuld an allen Formen unangebrachten Sexualverhaltens, die in den klassischen Texten erwähnt werden – dass man Sex in unangebrachten Körperöffnungen, zu unangebrachten Zeiten, an unangebrachten Orten und so weiter, hat. Der Punkt hinter alledem ist die Unzufriedenheit. Sagen wir zum Beispiel, dass wir nachts, wenn niemand an die Türe klopfen kommt, in der Privatsphäre unseres Schlafzimmers Sex haben können. Doch dies befriedigt uns nicht – es ist nicht aufregend genug. Deshalb entscheiden wir uns dazu, am helllichten Tag draußen im Hinterhof Sex zu machen, wenn irgendjemand vorbeikommen und uns sehen könnte, was zu Peinlichkeit oder einem Skandal führen könnte. Oder wir könnten mitten auf dem Wohnzimmerboden am hellichten Tag Sex machen, wenn die Kinder jederzeit hineinkommen und uns sehen könnten. Dies könnte für ein Kind ein starkes Trauma verursachen.

Die Unzufriedenheit kann viele Formen annehmen. Grundlegend gesagt sind wir unzufrieden mit dem, was wir haben, und wollen mehr. Zum Beispiel haben wir eine bestimmte etablierte sexuelle Etikette mit unserem Partner, wonach wir in bestimmten Positionen und Weisen Sex haben. Es braucht nicht puritanisch strikt zu sein, nach der Einstellung „Es gibt nur eine Position und damit basta“. Doch sagen wir, dass wir ein etabliertes Formenrepertoire haben.

Damit es sich um ein angebrachtes Repertoire handelt, darf ein solches als erstes keine Sexformen enthalten, die konventionell destruktiv für unseren Partner oder uns selbst sind. Ein sadomasochistisches Sexualverhalten, bei dem das etablierte Repertoire darin besteht, dass man seine Partner mit Ketten anbindet und foltert, bevor oder während man Sex mit ihnen hat, ist unakzeptabel. Oder wenn wir ungeschützt mit jemandem Sex haben, von dem wir uns eine sexuelle übertragende Krankheit einfangen könnten, oder dem wir eine solche Krankheit übertragen könnten, dann wäre das ebenfalls destruktiv und unakzeptabel. Bei den Formen unserer sexuellen Handlungen muss es sich um solche handeln, die auf der konventionellen Ebene vernünftig und gesund sind.

Natürlich kann es sowohl auf der individuellen wie auf der kulturellen Ebene zahlreiche Meinungen darüber geben, welche Formen von Sex vernünftig und gesund und welche dagegen destruktiv sind, doch wir wollen diese Diskussion beiseite lassen. Was den sexuellen Akt hier destruktiv macht, ist, dass wir mit unseren gegenseitig vereinbarten nichtdestruktiven Mustern unzufrieden sind und dass wir beispielsweise nach Anleitungen über exotischen, esoterischen Sex suchen und Hunderte verschiedener Positionen ausprobieren, um den Sex aufregender zu machen. Wir können sogar denken: „Lass uns im Kopfstand Sex machen!“ weil wir nach irgendeinem idealen Genuss suchen, den wir nie finden werden – nie. Wir suchen nach irgendeiner Art idealer sexueller Erfahrung, und das ist einfach ein Mythos, wie der Mythos des perfekten Partners und des perfekten Orgasmus. Keiner dieser Mythen wird sich je verwirklichen.

Die Unzufriedenheit: das ist die wahre Ursache der Probleme. Diese Sehnsucht nach mehr, mehr; nach etwas Besserem, etwas Besserem. Die Unzufriedenheit beruht darauf, dass man an einem „Ich“ haftet: „ICH, ICH, ich muss mehr haben.“ Besonders an Orten wie diesem hier, wo eine Gemeinschaft von Menschen mit warmer Zuneigung zueinander eng zusammenlebt, weit weg von der Stadt, und wo manchmal Menschen, die bereits eine Partnerbeziehung haben, mit den Partnern anderer Personen sexuelle Beziehungen eingehen, ist es wichtig, die Motivation, die hinter diesem Verhalten steht, zu untersuchen. Es ist wichtig, zu untersuchen, ob es nicht auf der Unzufriedenheit mit dem eigenen Partner und der Suche nach „besser, besser, besser“ beruht.

Wenn unser Sexualverhalten auf einer solchen Geisteshaltung basiert, dann ist es selbstzerstörerisch. Es wird unweigerlich Probleme und Unglück für uns schaffen. Ob es für unseren neuen oder unseren alten Partner Glück oder Unglück produziert, ist ein anderes Thema. Es wird für uns unausweichlich zu Leiden führen. Die Wahl liegt bei uns. Wenn wir weiter unglücklich und frustriert sein wollen – weil diese Art von Suche dazu verurteilt ist, zur Frustration zu führen – können wir einfach so weiter machen. In Ordnung. Aber es ist unsere eigene Entscheidung. Wenn wir dieses Unglücklichsein, diese Angst vor ständigen Frustrationen und die ewige Suche nach etwas Besserem aber beenden wollen, dann müssen wir uns von dieser Art von Aktivität zurückhalten.

Der „wunderschöne Körper“ und die Freie Liebe

Ein weiterer Punkt ist, dass man sich in Bezug darauf, was ein harmloses sexuelles Verhalten ist, etwas vormachen kann. Im Westen haben wir die Vorstellung des „wunderschönen Körpers.“ Der Körperkult ist möglicherweise ein Erbe des antiken Griechenlands und der Renaissance. Sie kennen die Einstellung: „der junge Körper ist so wunderschön und perfekt“, und daher betet man ihn fast an. Mit dieser Art von Einstellung dem Körper gegenüber betrachtet man das Sexmachen als etwas Wundervolles und Schönes. Man glaubt, dass es dem anderen und einem selbst wirklich große Freude bringen wird. Wir sprechen von der typisch westlichen Vorstellung der „freien Liebe“, die einige praktizieren.

Beispielsweise können wir uns bereits in einer sexuellen Beziehung mit einem Partner befinden und dann auf einer Party jemanden kennen lernen, den wir attraktiv und sexy finden. Möglicherweise denken wir dann: „Ich bin eigentlich nicht unzufrieden mit meinem Partner. Doch der Körper dieser Person ist so wunderschön; ich muss ihn streicheln. Wir müssen miteinander Liebe machen und die Schönheit unserer Körper zelebrieren. Es wird so wunderschön sein, Liebe zu machen.“ Wir können sogar denken „Es wird so spirituell sein, Liebe zu machen.“ Bei einer solchen Form naiven Denkens handelt es sich wirklich um einen Fall von Selbsttäuschung. Hinter unserem Glauben, dass Sex „frei“ und vollkommen unschuldig, wunderschön und sogar spirituell ist, kann sich ein großes Maß an Verlangen, Gier und Anhaftung verbergen, die durch unsere naive Verehrung der Schönheit des Körpers unterstützt werden.

Als Westler schätzen die meisten von uns die buddhistischen Lehren nicht sonderlich, bei denen man sich vergegenwärtigt, was unter der Haut liegt, wie etwa die Inhalte des Magens und der Därme, und so weiter. Wenn wir aber die Existenz von dem, was sich innerhalb des Körpers befindet, ignorieren, dann können wir dem Mythos der Schönheit des Körpers zum Opfer fallen, und der Körper wird zu einem Objekt zwanghafter Begierde.

Der Buddhismus erklärt das sehnsüchtige Verlangen als eine störende Emotion, die auf einer falschen Wahrnehmung des Objekts beruht. Genauer gesagt basiert das sehnsüchtige Verlangen auf einer Übertreibung der guten Qualitäten oder der Attraktivität seines Objekts. In dem Fall, in dem es sich beim Objekt um den Körper handelt, sieht das sehnsüchtige Verlangen etwas, das grundsätzlich unsauber ist, als sauber und wundervoll an. Versucht einmal, euch im Sommer eine Woche lang nicht zu waschen oder euch die Zähne nicht zu putzen, und dann werdet ihr sehen, wie sauber der Körper ist. Oder das sehnsüchtige Verlangen betrachtet etwas, das grundsätzlich Probleme verursachen wird, als die Quelle des letztendlichen Glücks. Oder etwas unbeständiges als beständig. Oder es betrachtet etwas, das keinen festen Kern hat, als etwas mit einem festen Kern. Wenn wir unter dem Einfluss von solchen Fehlauflassungen handeln, die auf Naivität beruhen, dann schaffen wir uns selbst Schwierigkeiten.

Also, noch einmal: wenn wir das Unglücklichsein vermeiden wollen, das aus unserem Sexualverhalten resultiert, dann müssen wir damit aufhören, Sex zu idealisieren. Das bedeutet nicht, das wir aufhören müssen, Sex zu haben. Aber idealisieren Sie ihn nicht. Mit anderen Worten, seien Sie was den Körper der anderen Person und Ihren eigenen angeht, realistisch. Es kommt oft vor, dass Füße schwitzen und schlecht riechen. So ist es nun mal. Tun Sie also nicht, als ob es so etwas nicht geben würde. Tun Sie nicht so, als sei der Körper immer so schön und wundervoll, wie wenn er direkt aus einem Hollywood-Film käme – es stimmt nicht!

Und Sex wird dieser anderen Person und uns selbst nicht das letztendliche Glück verschaffen. Wenn wir also denken: „Oh, ich werde mit dieser anderen Person Sex haben und das wird all ihre Probleme lösen und sie glücklich machen“ oder „Es wird all meine Probleme lösen und mich glücklich machen“ dann ist das ein Mythos. Ganz offensichtlich wird es dies nicht tun. Vielleicht bringt es der Person und uns eine zeitweilige Linderung unserer Spannungen – doch seien Sie diesbezüglich realistisch. Die Linderung ist nur zeitweilig. Sie ist nicht groß. Sie wird ganz offensichtlich nicht andauern. Wir sollten uns also diesbezüglich nichts vormachen.

Und wenn wir unsere Arme um die Person legen, wird der untere Arm nach einer Weile einschlafen. Es gibt allerlei unangenehme Dinge, die unausweichlich geschehen. Wir müssen all dies als Teile des allgemeinen Problems von Samsara akzeptieren. Wir haben diese Art von Körper, der mit Verwirrung vermischt ist und Probleme verursacht. Das selbe gilt für den Sex. Auch er wird unausweichlich mit Problemen verstrickt sein. Wenn wir also Sex romantisch verklären oder idealisieren, wird uns das viel Unglücklichsein verschaffen. Wir müssen realistisch sein.

Kurze Zusammenfassung

Mir scheint, dies sind einige der Kernpunkte der buddhistischen Sexualethik, die die Art betreffen, in der wir das Ausmaß an Problemen und Unglücklichsein auf ein Minimum reduzieren können, die wir durch uns unser Sexualverhalten selbst schaffen. Wir müssen in einer sehr ehrlichen Weise die Motivation prüfen, die hinter unserer sexuellen Aktivität steht. Dies gilt sowohl für die sexuelle Aktivität mit unseren eigenen Partner als mit den Partnern anderer, wenn wir zu dieser Art von Aktivität hingezogen werden. Wir müssen auch sorgfältig prüfen, wie wir Sex ansehen. Idealisieren wir ihn oder betrachten wir ihn in einer realistischeren Weise? Wenn wir daran interessiert sind, uns von unseren Problemen zu befreien – oder selbst wenn wir nicht an einem so hochfliegenden Ziel interessiert sind, sondern einfach Samsara verbessern und weniger Probleme in diesem Leben haben wollen – dann müssen wir versuchen, ein Sexualverhalten zu vermeiden, das durch eine störende Emotion oder irgendeine Fantasie motiviert wird. Ferner müssen wir natürlich unser Bestes geben, damit wir durch unser Sexualverhalten keine Probleme für die andere Person schaffen, obwohl es sehr schwierig ist, mit Sicherheit abzuschätzen, welche Wirkungen unsere Handlungen auf jemand anderes haben werden.

Erinnern Sie sich bitte daran, die buddhistische Ethik sagt nirgendwo: „Du sollst dies so tun und du sollst jenes nicht so tun.“ Es ist alles eine Frage davon, dass man wünscht, sich selbst keine Probleme zu schaffen und dass man ein realistisches Verständnis der Ursachen und Wirkungen des Verhaltens hat.

Die eigene Zuneigung zeigen

Ein letzter Punkt, bevor wir mit der Diskussionsrunde anfangen, ist die Frage, wie wir den anderen unsere Zuneigung zeigen. Ob wir uns in einer Beziehung befinden und einen Partner haben oder nicht, was ist die angebrachte Weise, jemand anderem gegenüber unsere Zuneigung auszudrücken, wenn diese sehr stark in uns aufkommt? Einige Menschen könnten denken, dass die einzige Weise, diese Zuneigung zu zeigen, irgendeine sexuelle Weise ist. Möglicherweise nicht, dass man mit dieser Person einen Sexualakt bis zum Orgasmus unternimmt, doch es könnte eine Interaktionsweise sein, die sexuell stimulierend ist – stimulierend für uns selbst, für den anderen, oder für beide. Doch offensichtlich würden wir nicht auf den Gedanken kommen, diese Methoden bei allen anzuwenden, für die wir Zuneigung verspüren. Ich habe beispielsweise für meinen Hund eine große Zuneigung, und ich drücke diese oft dadurch aus, dass ich ihn streichle. Ich könnte mir aber nie vorstellen, mit meinem Hund Sex zu haben oder meinen Hund sexuell zu stimulieren.

Dies wird zu einer interessanten Frage, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Art, wie man Zuneigung ausdrückt, kulturell beeinflusst ist. Wenn zum Beispiel westliche Menschen nach Indien oder in den Mittleren Osten gehen, werden sie manchmal von den Ausdrücken der Zuneigung der dortigen Menschen verwirrt. Das liegt daran, dass es in Indien und in den weitesten Teilen des Mittleren Ostens normal ist, wenn zwei Freunde des selben Geschlechts zusammen Hand in Hand spazieren, oder einfach so einander lange die Hand halten. Im Westen würde man über eine solche Verhaltensweise anders denken. In Indien und im Mittleren Osten hat es keine sexuelle Konnotation. In diesen Kulturen ist Händehalten eine angebrachte Art, seine Zuneigung und Freundschaft für jemanden vom gleichen Geschlecht auszudrücken. In der britischen oder amerikanischen Kultur dagegen hätte dies sexuelle Konnotationen und währe daher für Heterosexuelle ein unangebrachtes Verhalten.

Ein anderes Beispiel ist, dass in westeuropäischen Kulturen ein Mann eine Frau begrüßen kann, indem er sie – je nach Kultur – ein, zwei, drei, oder sogar vier Mal auf die Wangen küsst. Dies hat keine wie auch immer geartete sexuelle Konnotation. Tatsächlich drückt er nur seine Wange auf die ihre und berührt nicht tatsächlich ihr Gesicht mit seinen Lippen. In Indien dagegen würde ein Mann nie so etwas tun. In den islamischen Ländern des Mittleren Ostens grüßen sich die Männer gegenseitig in dieser Weise, und auch hier hat dies keinerlei sexuelle Konnotationen.

Ein weiterer Punkt ist, dass westliche Menschen diesen Drang dazu haben, zu sagen „Ich liebe dich“. Es ist als ob wir unsere Liebe zur Wirklichkeit machen könnten, indem wir sie in Worten ausdrücken. Es ist, als wenn die Worte der Liebe wahrhaftig Existenz verleihen könnten. Und wenn Du mir sagst, dass du mich liebst, dann würde dies auch die Liebe zur Realität werden lassen. Wenn man dagegen nicht „Ich liebe dich“ sagt, oder es nicht oft genug sagt, dann impliziert dies, dass man den anderen nicht wirklich liebt. Vom Gesichtspunkt der Leerheit ist es interessant zu sehen, wie wir uns in einer fälschlichen Weise vorstellen, dass Wörter die wahre Existenz unserer Emotionen kreieren oder beweisen können.

In der traditionellen indischen Gesellschaft dagegen sagen die Menschen nicht „Ich liebe dich“ zueinander – noch nicht einmal unter Ehepartnern oder den Kindern gegenüber. Auf Tibetisch gibt es noch nicht einmal einen Ausdruck für „Ich liebe dich“. Man zeigt die eigene Liebe und Zuneigung durch die eigenen Handlungen, nicht durch Worte.

Die Relevanz dieser Überlegungen ist, dass wir in Frage stellen können, ob wir wirklich mit einer Person Sex haben müssen, um ihr unsere starke Zuneigung auszudrücken. Denken wir, wir müssten dies tun, so handelt es sich möglicherweise um einen Fall von Selbsttäuschung. Und vielleicht ist unsere Motivation nicht nur in der Unwissenheit begründet, sondern im sehnsuchtsvollen Verlangen. Die Unwissenheit bestünde in diesem Fall in folgendem Gedankengang: „Ich möchte mit dir schlafen um dir zu zeigen und zu beweisen wie viel Zuneigung ich für dich habe. Dies ist der einzige Weg, in dem ich meine Liebe wirklich ausdrücken kann.“ Auch wenn wir nicht in einer so extremen Weise denken, empfinden wir möglicherweise den Drang, unsere Liebe dadurch auszudrücken, dass wir die Person leidenschaftlich auf die Lippen küssen. Es ist wichtig, über dieses Thema nachzudenken. Ist es wirklich ein Ausdruck und ein Zeichen unserer Liebe, wenn wir jemanden leidenschaftlich auf die Lippen küssen? Und ist es die einzige Weise, in der wir dies mitteilen können? Dies ist ein sehr interessanter Punkt, wirklich, besonders wenn wir die Motivation für unsere sexuelle Aktivität in einer immer tiefer gehenden Weise untersuchen.

Doch möglicherweise reicht dies als Anfangseinführung. Lassen Sie uns mit der Diskussion einiger dieser Themen beginnen.

Sex, Spaß und Abwechslung

Frage: Was ist mit dem Spaß? Sex macht auch Spaß, es ist etwas Wunderschönes für beide Menschen. Um bei der Analogie von der Nahrung und dem Hunger zu bleiben: ich möchte nicht jeden Tag bloß von Brot und Wasser leben. Daher versuche ich manchmal, ein gutes Essen zu kochen oder hier und da zum Essen auszugehen, einfach, um die Sache interessant zu machen, indem ich etwas Abwechslung hineinbringe. Ist dies nicht eine vernünftige Geisteshaltung, um gesund und glücklich zu bleiben?

Berzin: Ihre Frage enthält zwei Punkte. Der erste ist, dass Sex Spaß machen kann. Ja, Sex kann Spaß machen. Das Problem ergibt sich, wenn man Sex idealisiert und sich vorstellt, es sei die beste die Aktivität, um uns glücklich zu machen. Was in diesem Zusammenhang am wenigsten Probleme verursachen wird ist, wenn man den Sex als das was er ist genießt, ohne ihn zu etwas Größerem aufzubauschen. Sicher, Sex macht Spaß. Doch es handelt sich nicht um ewiges, ideales Glück. Essen ist angenehm und macht sogar Spaß; doch wenn man fertig gegessen hat, ist man nach ein paar Stunden wieder hungrig. Dasselbe gilt auch beim Sex.

Ihr zweiter Punkt betrifft die Analogie, nach der es uns Leid würde, wenn wir immer bloß Brot und Wasser essen müssten, und dass es daher natürlich wäre, manchmal etwas Interessanteres zu suchen. Wenn man Sex in einer solchen Weise ansieht, dann sagt das einiges über die Art von sexueller Beziehung, die man mit seinem Partner hat. Wenn einem diese sexuelle Beziehung wie Wasser und Brot vorkommt, dann muss mit ihr etwas verkehrt sein. Wenn man exotische Sexarten ausprobiert – die Analogie des guten Essens, das man kocht – oder zur Abwechslung mit einer anderen Person schläft – wie wenn man zum Essen ausgeht – dann wird dies das Problem nicht lösen, sondern vermutlich eher verschlimmern.

Entgegnung: Ich habe dieses Beispiel nur erwähnt, weil Sie eine Analogie zwischen dem Hunger nach Nahrung und dem sexuellem Appetit hergestellt haben. Brot und Wasser zu essen ist gut und wunderschön aber nicht jeden Tag, wenn man den Spaß am Leben behalten will.

Berzin: Dies bringt uns zu einer sehr interessanten Frage. Was ist Spaß? Es ist sehr schwierig, Spaß zu definieren. Möchte irgendjemand eine Definition für „Spaß“ vorschlagen? Um euch ein Beispiel zu geben: Ich erinnere mich an eine Gelegenheit, als ich mit meinem Lehrer Serkong Rinpoche in Holland war. Wir wohnten bei sehr reichen Leuten, die eine große Yacht besaßen, die in einem sehr kleinen holländischen See vor Anker lag. Eines Tages luden sie uns zu einer Fahrt ein: es war wie eine Segelfahrt in einer Badewanne. Das einzige, was wir tun konnten, war in einem Kreis rund um diesen kleinen See zu segeln, wobei wir in einer Schlange mit etwa fünfzig anderen großen Schiffen bleiben mussten, die dasselbe taten. Serkong Rinpoche richtete sich auf Tibetisch an mich, um einen einzigen Kommentar zu diesem ganzen Ereignis loszuwerden: „Das ist es, was sie als Spaß bezeichnen?“

Was also ist „Spaß”? Ist es Spaß, auf eine Achterbahn zu steigen, die einen vollkommen seekrank macht und einem den Schrecken in die Knochen jagt? Ist das wirklich Glück?

Unzufriedenheit und Langeweile

Wie auch immer, lassen Sie uns zum Thema „Sex und Sex interessanter gestalten“ zurückkehren. Dies bringt uns zur Diskussion der Frage, was Langeweile ist und wie Langeweile entsteht. Mir scheint, dass Langeweile entsteht, wenn man eine zu große Auswahl hat und deshalb viel Abwechslung erwartet. Im modernen Westen lernen wir schon als Kinder, Abwechslungsreichtum zu erwarten. Ein westlichen Kind wird ständig gefragt: „Was willst du? Was willst du heute anziehen? Was willst du heute Essen?“ Von einem frühen Alter an lernt ein westliches Kind aus einer großen Bandbreite an Möglichkeiten eine Wahl zu treffen. Natürlich entsteht beim Kind dadurch die Erwartung, dass ihm die Vielfalt und die Möglichkeit eine Auswahl zu haben, immer offen stehen wird.

Man betrachte zum Beispiel die westlichen Supermärkte und die Anzahl an Fernsehkanälen. Es gibt Hunderte von Wahlmöglichkeiten. Da man die Erwartung hat, dass man innerhalb dieser Vielfalt an Wahlmöglichkeiten etwas Interessantes finden wird, entsteht sehr schnell Langeweile, da wir nie zufrieden mit dem sind, was wir haben. Wir hoffen immer, etwas neues oder anderes zu finden, das interessanter oder noch leckerer sein wird.

Diese Erwartung nach Abwechslung und die Langeweile, die sie oft begleitet, scheint bis in die Geisteshaltung hineinzureichen, die man im Westen in Bezug auf die Sexualität hat. Als moderne Westler scheint uns der Abwechslungsreichtum in der Sexualität zu gefallen, da wir zur Langeweile tendieren, wenn wir immer die selbe Sache haben. Der Abwechslungsreichtum könnte sich auf die Positionen beziehen, die wir mit unserem Partner einnehmen, oder aber darauf, dass wir verschiedene Partner haben. Es ist also nötig, dass wir die Rolle bedenken, die die Langeweile in unserer Suche nach einem größerem Vergnügen beim Sex spielt. Wir müssen uns überlegen, was interessant und was nicht mehr interessant ist, wo die Grenzen liegen und warum.

Bei der Frage, wie wir im modernen Westen am besten mit der Erwartung und dem Bedürfnis nach Abwechslung umgehen können, die wir erworben haben scheint mir, dass ein Repertoire an Positionen mit unserem bestehenden Partner eher eine Möglichkeit sein kann als eine sexuelle Affäre außerhalb unserer Beziehung. Wenn man in der Sexualität mit dem eigenen Partner bei beidseitiger Einwilligung nicht bloß eine Position einnimmt, sondern ein Repertoire von mehreren, dann gibt das einem einen gewissen Abwechslungsreichtum. Doch selbst wenn man einen solchen Abwechslungsreichtum mit seinem Partner hat, kann dies zu Problemen führen, wenn man ständig nach einer neuen perfekten Weise des Liebemachens sucht. Eine solche Suche basiert auf der Unzufriedenheit und der ständigen Frustration, aufgrund derer wir nicht genießen, was wir haben. Diese Geisteshaltung ist die Ursache des Problems.

Ich glaube nicht, dass man sagen kann, es sei inhärent destruktiv, mit unserem Partner in einer Reihe verschiedener Positionen Sex zu machen und dass dies als Unglücklichsein und Leiden heranreifen wird. Das Problem sind die Geisteshaltungen der Langeweile, der Unzufriedenheit und die unendliche Suche nach etwas Interessanterem, nach etwas, das mehr Spaß bringt. Dies gilt ebenfalls, wenn wir uns denken, wir wollen mit einem anderen Partner etwas anderes versuchen, das hoffentlich mehr Spaß macht, auch wenn es bloß nur ab und zu ist und dann zu unserer gewöhnlichen sexuellen „ Ernährungsweise“ zurückkehren.

Frage: Könnten Sie etwas mehr zur Unzufriedenheit sagen?

Berzin: Unzufriedenheit und Erwartung sind eng miteinander verbunden. Sie entstehen daraus, dass man etwas projiziert und sich an etwas klammert, das nicht existiert. In diesem Fall haben wir die Projektion eines idealen, perfekten Partners. Ein perfekter Märchenprinzen oder eine perfekte Märchenprinzessin wird auf einem weißen Pferd zu uns kommen. Wir werden miteinander schlafen, während im Hintergrund Jagdhörner blasen und ein Feuerwerk den Himmel erhellt: wir haben den Jackpot gewonnen. So etwas ist eine totale Fantasie. Es wird nie passieren. Die Unzufriedenheit ergibt sich aus dem Glauben an den Mythos, an das Feenmärchen, dass der Märchenprinz oder die Märchenprinzessin da draußen auf uns warten, und das es einen Jackpot-Orgasmus gibt.

Die Erleichterung einer schwierigen Familiensituation

Bemerkung: Wenn man mit einer Person Sex hat, die unser Alltagsleben mit all seinen Alltagsproblemen nicht teilt, die nicht müde ist von einem langen Tag auf der Arbeit oder mit den Kindern, dann ist es viel einfacher. Es ist viel leichter, wenn man sich außerhalb der Beziehung mit seinem gewöhnlichen Partner bewegt. Es gibt einen großen qualitativen Unterschied in dieser Art von sexuellen Erfahrung mit jemand anderem.

Berzin: Nun, was ist die Motivation?

Antwort: Erleichterung – die eigene Situation leichter tragbar zu machen.

Berzin: Gut, auch hier denke ich, dass es verschiedene Weisen gibt, mit denen man eine Situation leichter tragbar machen kann. Man muss die Ursachen und Wirkungen in unsere Betrachtungen einbeziehen: man kann joggen gehen, Sport treiben, ins Kino gehen, im Badezimmer masturbieren, mit einer Prostituierten, einem Single, oder mit dem Partner einer anderen Person Geschlechtsverkehr haben. Was man sich bei dieser Suche nach einer Erleichterung der eigenen Situation fragen muss, ist, welche dieser Wahlmöglichkeiten weniger destruktiv ist, und welche dagegen mehr. Sind sie etwa alle gleich?

Eine Form des Ungewahrseins bzw. der Unwissenheit betrifft die karmischen Ursachen und Wirkungen. Wir könnten denken, dass unsere Handlungen keine Folgen haben, oder wir wollen einfach nicht an die Folgen denken. Wir müssen aber an die Folgen unseres Verhaltens in dieser Situation denken – nicht nur an die Folgen für uns selbst, sondern auch an die für unseren Partner, für den Partner der anderen Person, falls er oder sie einen hat, und an die Konsequenzen für alle Kinder, die hiervon betroffen werden. Ihr müsst sogar die Folgen beachten, die euer Verhalten auf die Gemeinschaft als ganze haben wird, da ihr in einer so kleinen Gruppe lebt. In einigen Fällen macht es uns sogar noch unglücklicher, eine exotische Frucht zu kosten und dann zu Brot und Wasser zurückzukehren.

Natürlich hängt viel von der Einzelsituation ab. Doch die Dinge, die wir wirklich im Blick behalten müssen sind: unsere Motivation, alle Betroffenen einschließlich ihrer Gefühle, und, auf einer grundlegenderen Ebene, die Beziehung zu unserem Partner. Wir müssen prüfen, welche Folgen jede Wahlmöglichkeit impliziert. Es ist nicht leicht. Ist es möglich, diese Erleichterung, dieses Leichtermachen der Situation zu erreichen, ohne unbedingt zu versuchen, eine sexuelle Affäre mit jemand anderem zu haben? Oder ist das die einzige Möglichkeit? Falls man denkt, es sei die einzige Möglichkeit, dann ist es wichtig, sich zu fragen, warum man dies denkt. Ist eine sexuelle Affäre eine Methode, um unsere Zuneigung zu dieser speziellen anderen Person auszudrücken, da wir tiefe Gefühle der Liebe zu ihr haben, oder werden wir einfach ins Bett gehen mit jedem, der willens und verfügbar ist? Das ist eine weitere interessante Frage.

Außerdem müssen wir überlegen, worauf wir mit unserer spirituellen Praxis abzielen. Verfolgen wir die vollkommene Befreiung bzw. die Erleuchtung? In diesem Fall wollen wir all das vermeiden, das Leiden verursacht oder unsere Fähigkeit, den anderen zu helfen, einschränkt. In diesem Fall würden wir uns also von jeder außerehelichen Affäre bzw. jeder Affäre außerhalb einer festen Beziehung zurückhalten, da sie mit Sicherheit zu mehr Problemen führen würde, die ihrerseits letztendlich bewirken, dass uns keiner mehr traut. Oder zielen wir darauf, Samsara zu verbessern? In diesem Fall sollten wir die Handlungsoption wählen, die am wenigsten destruktiv ist. Noch besser wäre es in diesem Fall, wenn wir eine ethisch neutrale Lösung finden könnten. Das selbe gilt sogar dann, wenn wir keinem spirituellen Pfad folgen.

Unbefriedigende Beziehungen

Frage: Wenn wir uns beispielsweise die Befreiung zum Ziel nehmen, bedeutet das dann, dass man in einer Situation ausharrt, in der man sich unbefriedigt oder wirklich unglücklich fühlt? Wie können wir wissen, wann es an der Zeit ist, eine Beziehung aufzugeben?

Berzin: Wenn eine Beziehung für alle Beteiligten destruktiv ist und wir nicht dazu in der Lage waren, diesen Zustand zu verbessern, dann ist es sicher an der Zeit, die Beziehung zu beenden. Die buddhistischen Lehren behaupten nirgendwo, dass wir in einer schlechten bzw. negativen Situation ausharren sollen. Doch es ist wichtig, mit der anderen Person ehrlich zu sein. Wenn man aus der Beziehung raus will, dann soll man aus der Beziehung raus. Bleiben Sie nicht in der Beziehung, während Sie gleichzeitig mit jemand anderem ein Verhältnis haben. Das wird die Situation aller Wahrscheinlichkeit nach einfach nur verschlimmern.

Antwort: Mir scheint, dass einer der Hauptgründe dafür, dass man unbefriedigende Beziehungen hat, ist, dass man sie mit der Vorstellung anfängt, dass sie für immer andauern werden. Wissen Sie, diese Vorstellung „bis dass der Tod uns scheidet“.

Berzin: Vom buddhistischen Standpunkt aus sehen wir die Dinge aus der Perspektive zahlloser vorangehender und zukünftiger Leben. Wenn man eine enge Beziehung zu jemandem hat, beschränkt sich dies nicht auf die engen Grenzen eines einzigen Lebens. Wenn wir eine starke Beziehung zu jemandem haben, dann liegt das an starken karmischen Verbindungen, die wir in vorangehenden Leben geknüpft haben. Ebenso werden diese karmischen Verbindungen nicht aufgehoben, wenn man sich trennt: die Trennung bedeutet nicht, dass man sich in zukünftigen Leben nie wieder treffen wird oder nie wieder eine Beziehung haben wird. Man kann jemanden nicht wegwerfen, wie man einen alten, angefaulten Kohlkopf wegschmeißt.

Wenn wir also mit unserem Partner zum Entschluss kommen, dass es am besten wäre, sich zu trennen, etwa durch eine Scheidung oder indem man nicht mehr zusammen lebt oder nicht mehr zusammen schläft, dann ist es am besten, das Ganze in einer positive Weise zu beenden, statt in einer negativen. Wenn möglich sollte man versuchen, danach irgend eine Art freundlicher Beziehung beizubehalten, auch wenn es nur eine positive Geisteshaltung gegenüber der anderen Person ist. Dies ist besonders wichtig, wenn auch Kinder im Spiel sind. Und wenn beide Expartner in derselben kleinen Gemeinschaft leben, dann muss man versuchen, freundlich zu sein, wenn man sich trifft. Ist man feindlich zueinander, dann wird das unausweichlich eine negative Wirkung auf die haben, die um einen herum leben.

Entgegnung: Habe ich richtig verstanden, dass die karmische Verbindung zu einer Person nicht endet, wenn man eine enge Beziehung mit dieser Person abschließt? Die Beziehung verändert einfach ihre Ausdrucksform? Die Verbindung ändert ihre Form, und deshalb hat man weiterhin eine Beziehung zu dieser Person, selbst wenn man ihr gegenüber gemein und böse ist? Und daher sagen Sie, dass es besser ist, weiterhin irgend eine Form positiver Beziehung zu dieser Person zu haben, doch in einer weniger intensiven, intimen Weise. Man lässt zu, dass sich die Form verändert, indem man sich vor Augen behält, dass es eine ganze Kette von Leben und eine Fortsetzung des Karmas gibt. Habe ich das richtig verstanden?

Berzin: Ja, obwohl das möglicherweise nicht einfach sein mag, vor allem wenn es unser Partner war, der die Trennung initiiert hat und wir immer noch verletzt oder traurig sind. Doch man muss diese Verletztheit irgendwie überwinden und versuchen, eine positivere Geisteshaltung zu entwickeln. Das wichtigste ist, dass wir mit unserem Leben vorankommen, ohne von Gedanken an die Vergangenheit gelähmt zu werden. Wir haben sowieso keine Wahl. Das Leben geht weiter.

Wenn wir uns weiterhin als Partner in einer unbefriedigenden oder schlechten Beziehung wahrnehmen, werden wir uns weiterhin verletzt fühlen und negative Gefühle gegen unseren ehemaligen Partner haben. Wenn wir dagegen ein neues Kapitel in unserem Leben begonnen haben und uns damit identifizieren – ob es sich bei diesem neuen Kapitel um ein Singleleben oder um ein Leben in einer anderen Beziehung handelt – dann werden wir einen viel stabileren emotionalen Rahmen haben. Wenn wir eine größere emotionale Stabilität haben und mehr Selbstbewusstsein in unsere Fähigkeit, unser Leben fortzuführen, dann werden wir auch in der Lage sein, eine wie auch immer geartete positive Geisteshaltung gegenüber unserem Expartner zu haben. Wir werden dazu in der Lage sein, uns mehr auf die positiven Qualitäten dieser Person zu konzentrieren, statt auf ihre Fehler und auf die Schwierigkeiten, die wir mit ihr gehabt haben.

Ein Gefühl der Verbundenheit zu allen ausdrücken

Frage: Sind wir nicht mit allen in irgendeiner Weise verwandt und verbunden? Wir machen einfach mehr aus dieser Verbindung, wenn wir uns mit einer bestimmten Person in einer Partnerbeziehung befinden.

Berzin: Das bringt uns zurück zu der Frage, die ich vorhin aufgeworfen habe: wie wollen wir diese Verbundenheit ausdrücken? Ist es notwendig, dies zu tun, indem man miteinander schläft, oder Hände hält, oder zusammen isst, zusammen ausgeht oder was?

Die Frage, wie man seine Zuneigung ausdrücken soll, ist wirklich schwierig. Wenn wir die Antwort betrachten, die der Dharma als richtig ansieht, liegt das daran, dass wir unsere Zuneigung in einer Weise ausdrücken müssen, die die andere Person am besten empfangen und ohne Fehlinterpretationen verstehen kann. Wir müssen der anderen Person unsere Zuneigung in einer angebrachten Weise zeigen, oder?

Bei einigen Wesen ist das einfach. Ich kann meinem Hund meine Zärtlichkeit ausdrücken, indem ich seinen Kopf streichle oder ihm einen Knochen gebe. Dies sind angebrachte Weisen, die der Hund verstehen und schätzen kann. Ich komme nicht auf den Gedanken, die Zuneigung für meinen Hund in der selben Weise auszudrücken, wie ich es einem Menschen gegenüber tun würde, obwohl ich vielleicht manchmal Lust hätte, meinen Hund zu umarmen. Aber mein Hund mag es nicht, wenn man ihn umarmt: das ist eine unangebrachte Weise, einem Hund die eigene Zuneigung zu zeigen. Unter Hunden dagegen, speziell wenn sie kurz davor stehen, miteinander Sex zu haben, ist es als Ausdruck der Zärtlichkeit üblich, dass das männliche Tier dem weiblichen in den Hals beißt. Für einen Menschen allerdings wäre dies eine sehr unangebrachte Weise, zärtlich zu seinem Hund oder zu einem anderen Menschen zu sein.

Genauso gibt es unter Menschen unterschiedliche angebrachte und unangebrachte Weisen, jemandem seine eigene Zuneigung zu zeigen, je nachdem man es mit Männern, Frauen, Kindern, Erwachsenen, Indern, Italienern, Deutschen, Engländern, Amerikanern, Japanern, und so weiter, zu tun hat: alle sind unterschiedlich. Die Unterschiede hängen nicht nur von der Person ab, der wir unsere Sympathie ausdrücken. Sie hängen auch davon ab, ob es sich um einen Mann, eine Frau, ein Kind oder einen Erwachsenen handelt, von der Stellung, die jeder von uns im Leben einnimmt, von den Umständen, in denen man sich trifft, von den Menschen, die zugegen sind, und so weiter. Oft allerdings haben wir unbewusst das Gefühl, dass „meine Gedanken in einer wahren, festen Weise existieren, und ich muss sie auf MEINE Weise ausdrücken.“ Hier gibt es ein großes ICH, ICH, ICH, das uns in einer zwanghaften Weise handeln lässt.

Das Haften an einem soliden „Ich“ ist äußerst schwer zu überwinden. Das liegt daran, dass wir uns selbst betrügen, indem wir denken, dass wir eine liebevolle Person sind, weil wir unsere Gefühle ausdrücken. Wir denken nicht daran, dass es der anderen Person unangenehm sein könnte, oder dass es destruktiv sein könnte. Uns scheint, dass wir ein liebevoller Mensch sind, und wenn der andere den Ausdruck unserer Liebe nicht akzeptiert, dann scheint es uns, dass er uns verwirft.

Wenn wir andererseits die eigene Zuneigung in einer Weise ausdrücken würden, die die andere Person akzeptieren kann, die aber nicht „MEINE EIGENE“ ist, dann würden wir uns unzufrieden fühlen. Dieser Ausdruck von Zuneigung erschiene uns selbst dann nicht als authentisch. Nehmen wir ein Beispiel: sagen wir, dass MEINE Art, einer Person meine Zuneigung auszudrücken darin besteht, dass ich einen Körperkontakt zu ihr herstelle, etwa indem ich sie umarme. Nehmen wir an, dies sei die einzige Art, die mir selbst als „echt“ erscheint. Das ergibt sehr große Schwierigkeiten, wenn ich ein Mann bin und ich zu einer traditionellen muslimischen Frau, mit der ich nicht verheiratet bin, Zuneigung empfinde.

Meditation ist notwendig, um mit plötzlich aufsteigendem Verlangen umzugehen

Frage: Wie steht es mit einer Situation, in der man mit dem Verlangen in dem Moment umgehen muss, in dem es plötzlich auftaucht? Zum Beispiel treffen wir jemanden; wir fühlen uns dieser Person nahe und verstehen uns in einer angenehmen Weise mit ihr. Dann geschieht es, dass wir uns voneinander angezogen fühlen und miteinander schlafen wollen. Das ist eine sehr gewöhnliche Situation, die, so scheint mir, jeder kennt. Es ist leicht, all den Gedanken, die Sie vorgetragen haben, zu folgen, sie zu verstehen und einverstanden zu sein. Doch in einem Moment wie dem, den ich gerade beschrieben habe, wollen wir diese Art von Gedanken nicht wahrhaben. Wir vertrauen uns den Emotionen an, die in uns aufwallen und denken, es sei in Ordnung, sich von ihnen mitreißen zu lassen. Wie können wir dann, just in dem Augenblick, mit diesen Emotionen umgehen? Wie Sie vorher sagten, ist die Sexualität selbst nicht das Problem; es ist die dahinterstehende Emotion, mit der wir arbeiten müssen.

Berzin: Nun, wissen Sie, dieses Problem ist nicht auf die Sexualität beschränkt. Wenn sich zum Beispiel die Kinder schlecht benehmen, werden wir in einem Augenblick wütend und schreien sie an, obwohl wir intellektuell wissen, dass dies nichts nützt; es ist nicht die beste Weise, mit der Situation umzugehen. Doch die Unmittelbarkeit der Situation ist so stark, dass wir einfach instinktiv wütend werden und schreien. Dasselbe passiert, wenn man mit jemanden schläft. Was den Umgang mit der momentanen Emotion angeht gibt es keine großen Unterschiede.

In beiden Fällen ist das einzige, was einem hilft, bereits viel meditiert zu haben. Durch die Meditation baut man eine gesündere Gewohnheit in sich auf. Sie besteht darin, dass man achtsam ist; sich dessen gewahr ist, was passiert; Gegenmittel anwendet, und so weiter. Wenn wir damit ausreichend vertraut sind, dann werden unsere neuen, positiven Gewohnheiten im selben Augenblick „ getriggert“, in dem das Verlangen auftaucht, und wir werden dazu in der Lage sein, diese neuen Gewohnheiten anzuwenden.

Das Syndrom des „ausgehungerten Hundes“ und das Füttern des Dämons

Es gibt einen anderen Faktor, der es einem erschweren kann, sexuelle Begierde zu kontrollieren, wenn sie plötzlich aufkommt, während man mit jemandem zusammen ist. Dies ist möglicherweise nicht für alle relevant, aber einige Menschen haben das Gefühl: „Hier ist die Gelegenheit, mit jemanden Sex zu haben“ und unbewusst fühlen sie sich wie ein ausgehungerten Hund. Egal, ob sie schon einen sexuellen Partner haben oder nicht, denken sie: „wenn ich diese Gelegenheit nicht nutze, werde ich keine andere mehr finden“. Auch wenn es sich nicht um die beste Wahl eines Partners handelt, nehmen sie einfach, was sie kriegen können. Eine Variante dieses Syndroms findet sich oft bei Menschen, die durch eine Midlife-Crisis gehen und das Gefühl haben, dass dies ihre letzte Chance ist, bevor sie zu alt und unattraktiv werden.

Wenn wir diese Art von Syndrom selbst erlebt haben, kann es äußerst aufschlussreich sein, zu untersuchen, warum wir uns wie ein ausgehungerter Hund fühlen. Wir müssen dieses Haften an einem soliden „Ich“ erforschen, dass unserem Ausgehungertsein nach Zuneigung zugrunde liegt – die Geisteshaltungen des „Ich verdiene Zuneigung“, „Warum bekommen alle Zuneigung, bloß ICH nicht“, „ Niemand liebt mich“ und so weiter.

Eine hilfreiche Methode, um dieses Syndrom zu überwinden, heißt „den Dämon füttern“ und wurde von Tsultrim Allione entwickelt. Es ist eine Adaptation der buddhistischen Chöd-Praxis, bei der man das Haften am Selbst abschneidet, indem man visualisiert, dass man den eigenen Körper an Dämonen verfüttert.

Die Methode besteht darin, dass man ein leeres Kissen vor sich platziert und sich diesem gegenüber setzt. Dann identifiziert man ein schwieriges emotionales Problem, das man hat – sagen wir beispielsweise, dass man nach Zuneigung ausgehungert ist. Aufgrund dieses Gefühls des Ausgehungertsein sind wir wie unter Zwang umhergeirrt, um andere Partner zu finden. Wir stellen uns vor, dass das Problem sich in uns versteckt, wie eine Art Dämon, der uns verfolgt – wir versuchen, dies zu spüren. Dann versuchen wir uns vorzustellen, wie der Dämon aussieht. Was für eine Form und was für eine Farbe hat er? Ist er schleimig? Hat er Tausende von Armen und Beinen, die alle nach jemandem greifen? Hat er scharfe Stacheln auf seinem Rücken und spitze Zähne? Ist er groß und fett oder klein und ausgemergelt?

Dann stellen wir uns vor, dass der Dämon aus uns heraustritt und sich auf das Kissen uns gegenüber setzt. Darauf fragen wir ihn: „Was willst du?“ Dann stellen wir uns entweder vor, dass der Dämon antwortet, oder wir setzen uns selbst auf das andere Kissen, schauen auf den Platz, an dem wir eben gesessen haben und antworten uns selbst: „Ich will Zuneigung. Ich möchte Zuneigung bekommen, ohne dass irgendjemand das unterbricht oder mir diese Zuneigung stiehlt“ – oder was auch immer sonst der Dämon will.

Falls wir den Sitz gewechselt hatten, kehren wir dann auf unseren ursprünglichen Platz zurück und beginnen in unserer Vorstellung, den Dämon zu füttern. Wir geben ihm, was auch immer er will – in diesem Fall körperliche Zuneigung – und wir geben sie ihm von dem, was wir selbst haben. Wir füttern ihn mit einer unendlichen Menge, bis er genug hat. Dies kann äußerst wirksam sein. Tsultrim Allione hat eine sehr positive Wirkung dieser Methode feststellen können, besonders bei AIDS- und Krebspatienten. Anscheinend trägt die Methode dazu bei, ihr Immunsystem zu stärken. Bitte probieren Sie sie jetzt aus, mit welchen Problemen auch immer Sie haben.

[Meditation]

Die Wirkung der Dämonenfütterung

Habt ihr zu dieser Praxis irgendwelche Fragen oder Kommentare?

Kommentar: Diese Übung hat mir das Gefühl gegeben, mich im Besitz eines großen Reichtums zu befinden. Ich habe mich wirklich dazu in der Lage gefühlt, alles geben zu können. Normalerweise fühle ich mich nicht so. Doch während ich diese Meditation gemacht habe, empfand ich wirklich, dass es so viel gibt, was ich geben kann. Ich denke, dass dies ein bedeutender Nebeneffekt ist. Zusätzlich dazu, dass man diesen Dämon füttert und dieses Problem bearbeitet, bringt es uns auch das Gefühl, dass es so viel Reichtum gibt, den wir zu verschenken haben.

Berzin: Dieses Gefühl des Reichtums ähnelt dem Gefühl, das man hat, wenn man in der Praxis des Tantras die Opfergaben segnet. Als erstes reinigen wir die Gaben, wie etwa Blumen, Weihrauch oder Nahrung, mit unserem Verständnis der Leerheit. Dann verwandeln wir sie in Nektar und in andere reine Formen. Schließlich vermehren wir sie, bis sie in ihrer Zahl unendlich sind, damit wir in einer grenzenlosen Weise Opfer darbringen können: die Opfergaben werden sich nie erschöpfen. Wenn wir diese Vorgehensweise wirklich internalisieren während wir Opfer darbringen, dann werden wir in dieser Übung des Dämonenfütterns spüren, dass wir eine unendliche Menge an Zuneigung oder Aufmerksamkeit zu verschenken haben, oder was auch immer unser spezieller Dämon will.

Kommentar: Ich fand auch, dass es sich sehr natürlich anfühlt, dem Dämon zu geben, was er will. Und wenn er es erhalten hat, dann geht er weg. Doch wie kommen wir dahin? Anfänglich identifizieren wir uns so stark mit dem Dämon in uns und wollen niemandem irgend etwas geben. Es ist wirklich merkwürdig.

Berzin: Es ist in der Tat merkwürdig. Es funktioniert, weil wir dem Dämon das geben, was wir selbst wollen und brauchen, und das ist sehr heilsam. Den anderen zu geben, was wir selbst brauchen: das ist hier die Lösung. Wenn wir zum Beispiel eine schlechte Beziehung zu einem unserer Eltern haben, oder zu beiden, dann ist die einzige Möglichkeit, dies wirklich zu überwinden, die, für unsere eigenen Kinder und für andere Kinder gute Eltern zu sein. Wir müssen ihnen geben, was wir selbst bekommen wollten – allerdings nicht in einer neurotischen Weise, sondern in einer positiven. Das kann sehr heilsam sein. Viele Menschen wenden diese Prozedur an, indem sie ihren Kindern die materiellen Vorteile und Möglichkeiten geben, die sie selbst als Kind nicht gehabt haben. Doch psychologisch wichtiger ist es, ihnen die Aufmerksamkeit und die Zuwendung zu schenken, die wir möglicherweise nicht bekommen haben.

Kommentar: Es gibt mir ein Gefühl der großen Zufriedenheit, dem Dämon etwas zu geben.

Berzin: Ich denke, das liegt daran, dass uns diese Praxis das Selbstbewusstsein verleiht, dass wir dazu in der Lage sind, etwas zu geben. Wir haben etwas, das wir anderen schenken können. Dazu in der Lage zu sein, es jemandem zu geben, der es akzeptiert, nämlich dem Dämon, verleiht uns ein größeres Selbstwertgefühl.

Ein tieferer Grund dafür, dass die Praxis funktioniert, ist, das man in einem gewissen Sinne, wie in der Chöd-Praxis, das Gefühl eines soliden „Ichs“ abschneidet. Man tut dies, indem man die eigenen Probleme mit dem Dämon identifiziert, der die Identität des soliden „Ichs“ darstellt. Wenn der Dämon beispielsweise geliebt werden will und wir ihm grenzenlose Liebe und grenzenloses Verständnis schenken, er zufrieden wird und weggeht, dann ist das solide „Ich“, das mit dem Dämon identifiziert wird, nicht mehr da. Das gibt uns Gelegenheit dazu, ein gesundes Ich-Gefühl zu verstärken. Wenn wir uns selbst gezeigt haben, dass wir dazu in der Lage sind, zu geben, dann wird unser Selbstwertgefühl, das auf diesem gesunden „Ich-Gefühl basiert, stärker. Dies erlaubt es uns, anderen in einer freien Weise zu geben, was wir selbst so verzweifelt gebraucht haben. Das ist der ganze Sinn der Chöd-Praxis: das solide „Ich“ abzuschneiden.

Kommentar: Bei der Übung war mein Dämon das Gefühl der Angst in mir, die macht, dass ich in einer zwanghaften Weise versuche herauszubekommen, was die anderen von mir erwarten. Ich habe dem Dämon den Freiraum gegeben, er selbst zu sein, ohne dass er anderen gefallen muss. Es war sehr befreiend.

Berzin : Das ist ein gutes Beispiel um zu zeigen, wie wir mit dem Problem umgehen können, das im Hintergrund steht, wenn wir außerhalb unserer Partnerbeziehung sexuelle Affären suchen. Möglicherweise haben wir das Gefühl, dass wir innerhalb der Beziehung immer das tun müssen, was der Partner von uns erwartet. Da man sich deshalb vollkommen eingeengt fühlt, sucht man zwanghaft nach einem Partner außerhalb der Beziehung, mit dem man sich entspannen kann. Wie es zuvor jemand gesagt hat, kann man dann Spaß haben, ohne mit all dem Druck und den Problemen, die man zuhause empfindet, konfrontiert zu sein. Wenn wir aber dem Dämon, und hierdurch uns selbst, den Raum gelassen haben, wir selbst zu sein, fängt das Gefühl des Eingeengtseins an, sich aufzulösen. Dann können wir sogar in schwierigen Situationen zuhause entspannter sein. Das erlaubt es uns auch, unserem Partner Freiraum zu lassen.

Solche Meditationspraktiken sind also äußerst hilfreich dabei, mit der Unzufriedenheit umzugehen, die sich in sexuelle Beziehungen einnistet und die uns dazu treiben kann, in einer zwanghaften Weise nach „mehr, mehr, mehr“ zu suchen. Dieser Zwang ist ein Dämon – füttern Sie deshalb den Dämonen!

Mit der körperlichen Anziehungskraft der Schönheit umgehen

Frage: Denken Sie, dass hinter unserer Unzufriedenheit in unseren Beziehungen fast immer das Angezogensein von anderen Menschen steht?

Berzin: Nein, nicht unbedingt. Solange wir die anderen Person nicht besitzen wollen, können wir eine enorme Freude in ihrer Schönheit finden, ohne dass dies je beklemmend wird. Genießen Sie einfach die Schönheit. Wir brauchen nicht alles, was wir wunderschön finden – etwa einen wundervollen Sonnenuntergang oder ein Lagerfeuer – anzufassen.

Es braucht nichts Verstörendes zu sein, wenn man Schönheit sieht und genießt. Aber wenn unser Geist voller Anhaftung ist, die auf dem Gefühl eines soliden „Ichs“ basiert, das möglicherweise empfindet, es habe gar keine Liebe, dann stört uns das tatsächlich dabei, der Schönheit einer anderen Person zu begegnen. Das bedeutet, dass wir diese Schönheit nicht in einer reinen Weise, frei von Verwirrung, genießen können.

In der Tantra-Praxis üben wir in Bezug auf die Opfergaben eine noch andere Art der Verwandlung. Wir stellen uns vor, dass wir sie in einer reinen Weise, ohne Verwirrung, genießen können. Dies als eine gesunde Gewohnheit zu entwickeln ist einer der Gründe dafür, dass man in tantrischen Ritualen so zahlreiche Opfergaben darbringt. Wir stellen uns vor, dass wir diese Opfergaben genießen, ohne geistigen Störfaktoren zu unterliegen, frei von Verwirrung, wie es ein Buddha tun würde. Und dann versuchen wir, sie tatsächlich in dieser Weise zu genießen. Mit einem ausreichenden Maß an Übung und Vertrautheit werden wir dazu in der Lage sein, die Schönheit anderer Menschen zu genießen, ohne dass wir, wenn wir sie sehen, unruhig werden. Wir haben nicht mehr das Gefühl, dass wir die andere Person berühren müssen, oder, dass wir eine sexuelle Begegnung mit ihr haben müssen. Mit dieser entspannteren und offeneren Geisteshaltung gewinnen wir tatsächlich mehr Freude.

Um nachzuvollziehen, was ich damit sagen will, denken Sie daran, wie entspannt man sich fühlt, wenn man die Ansicht eines wunderschönen Vogels genießt, den man auf einem Feld sieht, ohne in einer besitzergreifenden Weise zu denken „es ist meiner“. Wenn wir seine Schönheit besitzen wollen, verspannen wir uns. Wir versuchen ihn zu fangen, und wenn es uns gelingt, stecken wir ihn in einen Käfig in unserem Haus. Der arme Vogel ist nun in einem Gefängnis. Denken Sie, dass er sich dann besonders glücklich fühlt?

Der Drang, jemanden zu berühren

Frage: Wir haben es hier mit verschiedenen Sinnen zu tun. Man könnte das ganze so verstehen, dass Ansehen in Ordnung ist, Berühren dagegen nicht. Warum macht das Berühren solch einen großen Unterschied, besonders, wenn man die Hand um etwas legen und seine Form spüren kann?

Berzin: Das ist eine sehr interessante und wichtige Frage. Im Kontext der Analyse der Leerheit, wenn wir etwas berühren, wird es dann real? Wir müssen das tief untersuchen. Schließlich gibt es psychologisch gestörte Menschen, die in einer zwanghaften Weise denken, sie müssten alles berühren, etwa alle ausgestellten Kleider in einem Kleiderladen.

Und was das Halten von etwas in unserer Hand angeht, wenn wir über das Greifen unseres Geistes nach wahrer Existenz nachdenken, so ist dies eine Art, in der wir in einer starken Weise geistig an einem Objekt festhalten. Wenn wir zusätzlich zu diesem geistigen Festhalten körperlich etwas in der Hand halten, dann verstärkt das körperliche Greifen das geistige. Deshalb fühlen wir uns sicherer, wenn wir etwas festhalten, wenn wir jemanden umarmen oder wenn uns jemand umarmt. Wir fühlen uns sogar noch sicherer, wenn wir in eine Decke eingewickelt sind. Obwohl es in der buddhistischen Kognitionstheorie heißt, dass das Sehbewusstsein Formen ergreift, das Hörbewusstsein Töne, und so weiter, erfahren wir die Kognition nicht bewusst als ein körperliches Ergreifen des Objekts.

Es besteht ebenfalls ein großer Unterschied darin, ob es ein Stück Stoff ist, das man berührt und festhält, oder aber die Hand einer Person oder, dass man einen Teil ihres Körpers streichelt. Der Unterschied hängt zusammen mit dem biologischen und psychologischen Bedürfnis, das wir Menschen sowie die meisten Tiere nach Zuneigung und körperlichem Kontakt zu einem anderen Wesen haben. Die Ärzte haben erwiesen, dass ein Mangel an menschlichem Körperkontakt und an Zuneigung die Entwicklung eines Kindes ernsthaft behindert. Auch bei den Erwachsenen, speziell bei älteren Menschen, spielen Zuneigung und der Körperkontakt zu anderen Menschen über die Stärkung des Immunsystems eine wichtige Rolle für eine gute Gesundheit und ein langes Leben. Es gibt also biologische Faktoren, die zu unserer Sehnsucht danach, jemanden zu berühren oder zu halten, beitragen.

Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen einem gesunden Körperkontakt und der Besessenheit oder dem zwanghaften Verlangen nach Körperkontakt. Wir müssen weiterhin zwischen angebrachten und ungebrachten körperlichen Berührungsweisen in Bezug auf die große Vielfalt unterschiedlicher Menschen, die wir treffen und kennen, unterscheiden.

Der Drang dazu, die Freude des Orgasmus zu erfahren

Frage: Manchmal reicht es nicht, wenn man jemanden umarmt. Plötzlich leitet dies dazu über, das man miteinander schläft. Was können wir tun, wenn wir merken, dass das Umarmen nicht ausreicht?

Berzin: Wir müssen unseren Drang dazu, einen Orgasmus zu haben, sehr sorgfältig untersuchen. Wenn Männer einen Orgasmus haben, dann kündigt das das Ende ihres sexuellen Vergnügens an. Beim Orgasmus erfährt man die selige Befeiung einer Spannung, die sich vor und während dem Sexualakt aufgebaut hat. Allerdings beendet er nicht nur die Spannung, sondern auch die Seeligkeit. Wenn der Mann daher eine Verlängerung der seligen Erfahrung wünscht, ist ein Orgasmus kontraproduktiv. Eine Frau kann zwar multiple Orgasmen haben, d.h. die Seeligkeit endet nicht nach dem ersten von ihnen; trotzdem wird sich die selige Energie irgendwann nach ihrer Freisetzung erschöpfen.

Die interessante Frage ist dann: was wollen wir tatsächlich? Wollen wir einen Orgasmus, der das ganze Ereignis dann beendet, oder wollen wir die Streicheleinheiten und den Körperkontakt, der davor geschieht? Für zahlreiche Menschen ist letzteres wichtiger als ein tatsächlicher Orgasmus, besonders wenn man älter wird. Obwohl es keinen so dramatischen Höhepunkt darstellt, ist es in zahlreichen Weisen befriedigender. Nun mögen Sie sagen, dass man nach dem Orgasmus beieinander liegen und weiterhin Zärtlichkeiten austauschen kann. Das mag sein. Doch die meisten Raucher haben danach das Bedürfnis nach einer Zigarette und im allgemeinen schlafen die meisten Menschen danach rasch ein.

Es ist sehr interessant, einen Orgasmus mit einem Juckreiz zu vergleichen. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen Juckreiz konzentriert, während man Achtsamkeitsmeditation übt, entdeckt man, dass ein Juckreiz tatsächlich eine selige Empfindung ist. Doch sie ist zu selig, und deshalb haben wir den zwanghaften Drang, uns zu kratzen, um sie zu eliminieren. Es ist einfach zuviel und daher zerstören wir das selige Gefühl. Was beim Orgasmus geschieht, ist dem sehr ähnlich. Der sexuelle Genuss steigert sich, während man sich dem Gipfel eines Orgasmus nähert, und man wird zwanghaft dazu verleitet, die Seeligkeit bis zu einem Punkt zu bringen, an dem sie endet. Tatsächlich zerstören wir das selige Gewahrsein, wie wir einen Juckreiz zerstören. Es ist sehr interessant.

Unseren zwanghaften Drang nach der Erfahrung eines Orgasmus in dieser Weise zu analysieren, kann uns dabei helfen, uns mit angebrachteren Weisen zufriedenzugeben, in denen wir den Partnern anderer Personen unsere Zuneigung ausdrücken und von ihnen empfangen können, oder von Menschen im allgemeinen, die nicht unsere Partner sind. Jemand anderem seine Zuneigung auszudrücken braucht nicht zu einem Sexualakt und einem Orgasmus führen.

Mit sexuellen Spannungen umgehen

Bemerkung: Ich habe in der Zeitung gelesen, dass es im Körper zur Ausschüttung bestimmter süchtigmachender Hormone kommt, wenn man sich verliebt und in diesem euphorischen Geisteszustand Sex macht. Das wäre der Grund, weshalb wir nach diesen euphorischen Zuständen süchtig werden. In einer Beziehung, in der man den Partner nicht mehr liebt und Sex nichts Aufregendes mehr ist, sondern lediglich eine Routine, ist die Hormonausschüttung nicht so stark. Aus diesem Grund sucht man nach einem neuen „High“. Das treibt uns dazu, außerhalb der Beziehung einen anderen, aufregenderen Partner zu suchen.

Berzin: Denken Sie an das Beispiel von zwei Magneten. Wenn man zwei Magneten leicht auseinander hält, dann spürt man eine stärkere Spannung, in einem gewissen Sinne auch eine stärkere Erregung, als wenn sich die Magneten berühren. Wenn man die Art Hormonrausch sucht, den die Zeitungen beschreiben, dann kann es weit effektiver sein, sich einfach nur in der Gesellschaft einer Person zu befinden, die man attraktiv findet, die jedoch ein unangebrachter Sexualpartner wäre, als wenn man mit ihr intim ist.

Denken Sie bitte darüber nach: Wenn wir uns stark zu jemandem hingezogen fühlen und die Person anschauen, nimmt sie sehr viel vom Feld unserer Aufmerksamkeit ein. Wenn wir die Person dagegen lange umarmen, dann sehen wir die Wand oder das Bett, und nicht die Person; oder unsere Augen sind geschlossen. Wenn die Umarmung anhält, werden wir uns in den meisten Fällen nach einer Weile etwas langweilen. Unser Geist beginnt zu wandern. Es ist sehr schwer, unsere Aufmerksamkeit bei der anderen Person zu behalten. Möglicherweise beginnt man sogar, an jemand anderes zu denken. Wenn dagegen eine gewisse Distanz zwischen uns und der anderen Person wäre, dann wären wir sehr stark konzentriert auf sie. Dann besteht so etwas wie eine magnetische Spannung zwischen uns.

Der Trick besteht darin, diese magnetische Spannung zu genießen, ohne den zwanghaften Drang aufkommen zu lassen, sie zu zerstören, wie wir einen wachsenden Juckreiz oder die wachsende Spannung eines Orgasmus zerstören. Es ist wie das Überwinden von Kitzeligsein. Zahlreiche Menschen werden verrückt vor lauter Kitzligsein, doch tatsächlich hindert man sich dadurch daran, das angenehme Gefühl, gekitzelt zu werden, zu genießen. Wir müssen den Entschluss fassen, nicht kitzelig zu sein. Wenn wir verstehen, dass alles nur eine Frage unserer Geisteshaltung ist, identifizieren wir uns nicht mehr als kitzelige Person. Durch eine Veränderung unserer Geisteshaltung können wir uns entspannen und das kitzelnde Gefühl genießen.

Etwas ähnliches können wir mit der Spannung tun, die sich ergibt, wenn wir einen wunderschönen Fremden sehen, der uns erregt, oder mit der Spannung, mit der Person zusammenzusein, wenn sie zu einem Freund wird, oder sogar die Spannung einen liebevollen Kontakt mit ihnen zu haben. Wir können einfach das erregende Vergnügen genießen – ob wir es als “Hormonausschüttung beschreiben oder nicht – ohne, dass wir es durch ein unangebrachtes Sexualverhalten zerstören müssen.

Kommentar: Mir scheint, ich habe im Yoga eine ähnliche Erfahrung gemacht, wenn wir Partnerübungen machen. Manchmal berühren wir unseren Partner und es ist eine gute Art des Berührens. Wir nennen es „leere Berührung“. Es ist eine Art des Berührens mit Gewahrsein der Hand und der Gefühle, doch ohne Druck und ohne Zug – ein Berühren, das nicht von Attraktion oder Anhaftung verschmutzt ist. Man bleibt nur beim Kontakt und beim Gefühl der Verbundenheit, der Wärme und des guten Willens, die in der Berührung sind. Ich kann das sehr genießen, ohne das es sexuell wird.

Berzin: Das ist ein gutes Beispiel für das, wovon wir gesprochen haben. Wie Sie also sehen, sind solche Arten des Umgangs mit dem Drang zu einem unangebrachten Sexualverhalten möglich.

Vielleicht ist dies ein guter Punkt um unsere Diskussion zu beenden. Vielen herzlichen Dank.