Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Innerhalb der religiösen Vielfalt Harmonie schaffen

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Nantes, Frankreich, 15. August 2008
Transkribiert und leicht redigiert von Alexander Berzin
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Die Gefahren sich verändernde Religionen

Es gibt viele verschiedene Religionen und Kulturen auf der Welt und jede Religion hat sich weiterentwickelt, um sich der jeweiligen Kultur anzupassen. Weil das so ist, empfehle ich stets, dass es das Beste sei, bei der Religion zu bleiben, in die man geboren wurde. Im Westen sind die meisten Menschen Christen, obwohl es auch einige Juden und einige Muslime gibt. Für sie, wie eigentlich für jeden Menschen, es ist nicht einfach, die Religion zu wechseln, und manchmal entsteht durch den Wechsel zu einer anderen Religion Verwirrung.

Es gibt ein Beispiel, was sich gerne erwähne. In den frühen sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts standen wir Tibeter großen Schwierigkeiten gegenüber. In dieser Zeit suchten uns viele christliche Organisationen auf, um uns zu helfen. Es gab da eine tibetische Frau, die mehrere kleine Kinder hatte und mit einer sehr schwierigen Lebenslage konfrontiert war. Dann tauchte ein christlicher Missionar auf und nahm ihre Kinder auf eine christliche Missionarschule auf. Eines Tages kam sie zu mir und erzählte mir, dass sie in diesem Leben eine Christin sein würde, aber im nächsten Leben wieder eine Buddhistin sein würde. Diese Aussage zeigte deutlich, dass sie in Bezug auf die Religionen etwas verwirrt war. Wenn sie im nächsten Leben in den Himmel kommen würde, dann hätte sie jetzt kein Interesse daran, Buddhistin zu werden; und wenn sie in die Hölle kommen würde, wäre sie nicht in der Lage, Buddhistin zu werden.

Es gab da auch eine alte polnische Frau, die ich aus dem Jahr 1956 kenne. Seit 1959 zeigte sie ernsthaftes Interesse an der Ausbildungssituation der Tibeter und gab mehreren tibetischen Studenten Stipendien. Sie entwickelte Interesse am Buddhismus. Aber vorher war sie in Madras eine Anhängerin der Theosophie gewesen. Sie besaß also bereits eine nicht-sektiererische Sichtweise, nahm jedoch den buddhistischen Glauben als ihre persönliche Religion an. Am Ende ihres Lebens schien ihr das Konzept eines Gottes wieder näher zu sein. Auch dieser Fall deutete auf Anzeichen von Verwirrung hin. Daher ist es am besten, wenn Sie bei Ihrer eigenen Religion bleiben.

Unter Millionen von Menschen wird es jedoch immer einige Menschen geben, die instinktiv ein Interesse an östlichen Religionen haben, insbesondere am Buddhismus. Diesen Menschen empfehle ich, sorgfältig über ihr Interesse nachzudenken. Wenn sie den Buddhismus für ihr eigenes Naturell geeigneter finden, gut, dann ist das in Ordnung. Wir Tibeter sind zu 99 % Buddhisten. Aber im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte lebten jedoch auch einige ladakhische Muslime in Tibet, die sich mit Tibetern verheirateten und deren Kinder dann zu Muslimen wurden. Es gab zudem auch einige Christen in der Region Amdo. In beiden Fällen war das in Ordnung so, kein Problem.

Ich sollte jedoch auch Folgendes sagen: Für Menschen, die eine neue Religion annehmen, ist es wichtig zu vermeiden, dass sie eine negative Sichtweise gegenüber ihrer ursprünglichen Tradition anzunehmen, was häufig ganz natürlicher Weise als ein Teil unserer menschlichen Natur geschieht. Selbst wenn Sie ihre Herkunftstradition für sich selbst nicht sehr hilfreich finden, so impliziert das jedoch nicht, dass diese Tradition ganz allgemein nicht sehr nützlich sei. Alle Religionen bieten der Menschheit Beistand an. Insbesondere wenn man mit schwierigen Situationen konfrontiert ist, vermögen alle Religionen den Menschen Hoffnung zu schenken. Aus diesem Grund müssen wir alle Religionen respektieren.

Von den Religion anderer Menschen etwas lernen

Die heutige Wirklichkeit unterscheidet sich zudem ein bisschen von der Realität der Vergangenheit. In der Vergangenheit blieben die Menschen unterschiedlicher Traditionen mehr oder weniger isoliert voneinander. Buddhisten lebten in Asien; Muslime lebten im mittleren Osten und einige in Asien; und im Westen waren die meisten Menschen Christen. Es gab also sehr wenig Kontakt untereinander. Aber jetzt haben sich die Zeiten geändert. Es gibt viele neue Einwanderungswellen; zudem gibt es die ökonomische Globalisierung und auch die wachsende Tourismusindustrie. Und heutzutage sind so viele Informationen zugänglich, einschließlich Informationen über den Buddhismus. Aufgrund dieser verschiedenen Faktoren ist unsere Weltgemeinschaft zu einer Einheit geworden: Zu einer multikulturellen, multireligiösen einzigartigen Einheit.

Es gibt heutzutage zwei Möglichkeiten Bezug darauf, was sich zukünftig ereignen könnte. Die erste Möglichkeit ist, dass sich aufgrund des engen Kontakts zwischen den unterschiedlichen Traditionen ein gewisses Gefühl von Unsicherheit in Bezug auf die eigene Überlieferung einstellt. Die andere Tradition kommt in einen engeren Kontakt mit uns, so dass wir uns möglicherweise ein wenig unwohl fühlen. Das ist die negative Möglichkeit. Die zweite Möglichkeit, die besteht, ist, dass aufgrund der bereits existierenden Realität vermehrter Kommunikation, auch die Möglichkeiten wachsen, dass es zu einer echten Harmonie zwischen den verschiedenen Traditionen kommt. Das ist die positive Alternative. Von daher müssen wir uns darum bemühen, wirkliche Harmonie hervorzubringen. Wenn wir die Religionen einmal beiseite lassen, die keine philosophische Grundlage haben, sondern nur den Glauben an die Verehrung der Sonne oder den Mond und diese Art von Dingen, wenn wir diese Bräuche einmal beiseite lassen und uns stattdessen die großen Weltreligionen anschauen das Christentum, das Judentum, den Islam, die unterschiedlichen hinduistischen und buddhistischen Traditionen, den Jainismus, den Taoismus, den Konfuzianismus usw. so hat jede dieser Überlieferungen ihre eigene Besonderheit. Daher können wir durch engen Kontakt mit diesen Traditionen neue Dinge voneinander lernen; wir können unsere eigene Überlieferung bereichern.

Wir tibetischen Buddhisten beispielsweise, blieben für lange Zeit abgesondert von der Welt hinter den Bergen des Himalajas; wir hatten keine Ahnung davon, was sich in der großen weiten Welt um uns herum ereignete. Aber jetzt hat sich die Situation vollständig verändert. Jetzt, wo wir beinahe 50 Jahre lang als heimatlose Flüchtlinge leben, haben wir neue Heimatländer gefunden und wir haben viele Gelegenheiten bekommen, um von anderen Traditionen anderer Länder etwas zu lernen. Das war äußerst nützlich. In der Vergangenheit haben wir in Indien Austauschprogramme entwickelt: Christlicher Brüder und Schwestern sind nach Indien kommen, um dort etwas von uns zu lernen; und einige unserer tibetischen Mönche und Nonnen sind in den Westen gegangen und haben dort Erfahrungen mit dem Christentum gemacht, dies geschah hauptsächlich in katholischen Klöstern. Wenn in dieser Weise ein enger Austausch stattfindet und wir unseren Geist nicht verschließen, sondern einen offenen Geist haben, dann können wir voneinander etwas lernen. Dadurch können wir füreinander Verständnis und Respekt entwickeln. Und, wie dem auch sei, wir befinden uns jetzt in einer neuen Wirklichkeit, daher denke ich, dass die Entwicklung von wechselseitiger Harmonie zwischen unterschiedlichen Religionen sehr wichtig ist. Das ist eine meiner Verpflichtungen, die ich bis zu meinem Tod auf mich genommen habe: Harmonie zwischen den Religionen zu stiften. Das ist sehr hilfreich.

Wenn ich also im Westen Vorträge über den Buddhismus vor einem Publikum halte, das sich hauptsächlich aus Anhängern anderer Religion zusammensetzt, dann ist es mein Ziel, diese Menschen dabei zu unterstützen, ein Verständnis des Buddhismus zu entwickeln. Ein Verständnis anderer Religionen zu entwickeln, kann hilfreich dabei sein, Toleranz zu entwickeln. Die Betonung muss dabei vielleicht, wie es auch der gegenwärtige Papst herausstreicht, gleichermaßen auf dem Glauben, wie auch auf der Vernunft liegen. Dieser Punkt ist sehr wichtig. Ohne Vernunft bleibt der Glaube manchmal eher ein bisschen belanglos. Aber mithilfe der Vernunft kann der Glaube zu einem Teil des eigenen Lebens werden, der wirklich eine Bedeutung hat. Der Glaube an Gott beispielsweise kann sehr hilfreich sein, so zum Beispiel, wenn ein Mensch eine schwierige Zeit durchmacht, dann kann der Glauben diesem Menschen große Hoffnung geben. Und beispielsweise bei Ärger, Hass und Eifersucht, oder bei dem Wunsch, andere Menschen zu betrügen und zu schikanieren, dann kann uns, wenn wir einen Glauben besitzen, unser Glaube vor solchen negativen Emotionen und Handlungen schützen. Wenn wir dies erkennen, dann kann der Glaube ein sehr wichtiger Teil unseres alltäglichen Lebens werden. In der buddhistischen Tradition betonen wir den Glauben und die Vernunft gleichermaßen. Daher können einige buddhistische Erklärungen, insbesondere jene, die auf Vernunft basieren, möglicherweise für Praktizierende anderer Traditionen sehr nützlich sein.

Wissen mit den Wissenschaften austauschen

Innerhalb der Bandbreite der religiösen Traditionen, die es in der heutigen Welt gibt, lassen sich zwei Kategorien voneinander unterscheiden: Zum einen die Traditionen, die theistisch sind, und zum anderen jene Traditionen, die nicht-theistisch sind. Der Buddhismus gehört zu den nicht-theistischen Traditionen. Gemäß nicht-theistischer Religionen, liegt die Betonung auf dem Gesetz der Kausalität. Daher gibt es im Buddhismus ganz natürlicher Weise eine große Menge an Erläuterungen zu dem Gesetz von Ursache und Wirkung, und dies zu wissen, kann sehr nützlich sein. Es kann deshalb nützlich sein, das Gesetz von Ursache und Wirkung zu kennen, weil es uns dabei unterstützt, mehr über uns selbst und über unseren eigenen Geist herauszufinden.

So ist es beispielsweise notwendig zu erkennen, dass destruktive Emotionen und Geisteshaltungen die Ursachen für unser Leid und unseren Schmerz sind. Um das Leiden und den Schmerz zu beseitigen, reicht es nicht, wenn wir unsere Aufmerksamkeit lediglich auf die körperlichen und verbalen Ebenen des Leidens und des Schmerzes richten, sondern wir müssen unsere Aufmerksamkeit auch auf die geistige Ebene lenken. Die Gegenkräfte gegen die destruktiven Emotionen und Geisteshaltung sind im wesentlichen geistiger Natur.

Im Buddhismus sind die Ausführungen in Bezug darauf, was der Geist ist, sehr detailliert. Ebenso ausführliche Erläuterungen lassen sich in einigen alten indischen Traditionen finden. Die modernen Wissenschaften untersuchen jetzt dieses Gebiet immer tiefgründiger. So haben beispielsweise die medizinischen Wissenschaften damit begonnen, Emotionen zu erforschen, da diese für unsere Gesundheit sehr wichtig sind. Ein gesunder Körper steht in Beziehung zu den Emotionen. Daher ist es für die Neurologen, die untersuchen, wie unser Gehirn funktioniert, von besonderer Bedeutung auch die Emotionen näher zu betrachten. Auch andere akademische Bereiche haben ein großes Interesse am Geist und den Emotionen. Informationen über den Geist und die Emotionen, wie sie der Buddhismus und die frühen indischen Religionen bereithalten, sind daher für ihre Forschung sehr nützlich.

Gewöhnlicherweise unterscheide ich drei Bestandteile des Buddhismus: die buddhistische Wissenschaft, die buddhistische Philosophie und die buddhistische Religion. Betrachten wir das Beispiel des Buddha selbst. Der Buddha war ursprünglich ein gewöhnliches fühlendes Wesen, ein begrenztes Wesen. Er lehrte, wie wir unsere gewöhnlichen Emotionen und unsere gewöhnlichen Arten von Geist Schritt für Schritt verwandeln können, und, indem er selbst diesem Pfad folgte, erlangte er letztendlich die Erleuchtung; und das ist es, was einen Buddha ausmacht. Der buddhistische Ansatz ist daher, auf der Ebene anzufangen, auf der wir uns gerade befinden, das heißt auf der Ebene des gewöhnlichen Menschen, und dann den ganzen Weg bis zur höchsten Ebene, d.h. bis hin zur Buddhaschaft, weiter fortzuschreiten.

Deshalb müssen wir zunächst die heutige Wirklichkeit erkennen: Diese umfasst die buddhistische Wissenschaft. Auf dieser Grundlage können wir dann die Möglichkeit des Wandels, die Möglichkeit der Transformation erkennen. Wir können erkennen, dass Veränderung möglich ist, und das ist die Kernaussage der buddhistischen Philosophie. Wenn uns das klar wird und wir Vertrauen in den Prozess der inneren Transformation entwickelt haben, dann können wir mit der Ausübung der buddhistischen Religion beginnen.

Wenn wir uns die Geschichte der buddhistischen Wissenschaft vergegenwärtigen, dann lassen sich zwei Bereiche voneinander unterscheiden, mit denen sich die buddhistische Wissenschaft befasst: Auf der inneren Ebene befasst sie sich mit dem Geist, und auf der äußeren Ebene mit Atomen, dem Universum usw. Die westlichen Wissenschaften haben auf der äußeren Ebene viel anzubieten: Sie scheint auf diesem Gebiet extrem weit fortgeschritten zu sein. Wir Buddhisten können von den westlichen Wissenschaften viel über Teilchen lernen, und wie sie wirken, wir können etwas über Genetik und das Universum erfahren – das ist für uns Buddhisten sehr nützlich. Zumindest was diesen Planeten angeht, so leuchtet es ein, dass es keinen Berg Meru gibt. Deshalb müssen einige unserer klassischen Beschreibungen überarbeitet werden. Daher ist es für uns Buddhisten unerlässlich, dass wir mehr über die Erkenntnisse der Wissenschaften in Erfahrung bringen, so beispielsweise in den Fachgebieten der Kosmologie, der Teilchenphysik, der Quantenphysik usw.

Einige Erkenntnisse der modernen Wissenschaften und des Buddhismus sind jedoch identisch. So glaubten die Menschen früher beispielsweise, dass es auf Seite der Objekte so etwas gäbe wie eine eigenständige, unabhängige Substanz. Aber den Erkenntnissen der Quantenphysik zufolge, erkennen wir nun, dass es so etwas nicht gibt. Wir Buddhisten besitzen dieses Verständnis bereits seit Tausenden von Jahren. Der Buddhismus lehrt, dass es nichts gibt, was eigenständig entsteht oder eigenständig existiert, vielmehr geht der Buddhismus davon aus, dass alles in Abhängigkeit entsteht.

Nun, in Bezug auf innere Erkenntnisse, hat die moderne Wissenschaft bereits damit begonnen, einige Untersuchungen durchzuführen; die moderne Wissenschaft und der Buddhismus können sich daher gegenseitig von Nutzen sein. Der Buddhismus kann von der Wissenschaft mehr über die äußeren Phänomene in Erfahrung bringen und die Wissenschaftler können von den Buddhisten lernen, wie man mit negativen Emotionen und derlei inneren Phänomenen umgeht. Wenn wir mit den Wissenschaftlern ins Gespräch kommen, dann geht es dabei nicht um zukünftige Leben oder Nirvana. Es geht auch nicht um religiöse Dinge, vielmehr sprechen wir über den Geist und die Emotionen. Diese Gespräche können deshalb stattfinden, weil wir dieselbe Methode benutzen: Wir erforschen die Dinge, um etwas über die Wirklichkeit herauszufinden.

Also für die Menschen aus dem Westen unter Ihnen, die für den Buddhismus interessieren, ist es sehr hilfreich, wenn Sie Ihre eigene wissenschaftliche Forschung durchführen. Auf der Grundlage, dass wir die Möglichkeit anbieten, die Lehren des Buddhismus mit einer wissenschaftlichen Haltung genau zu untersuchen, erscheint es mir dann möglich, vor einem nicht-buddhistischen Publikum Vorträge über den Buddhismus zu halten. Daher möchte ich Sie bitten, meine Vorträge so zu betrachten wie akademische Vorlesungen. Abgesehen von den Rezitation zu Beginn der Vorlesung, gibt es keinerlei Rituale, keine religiösen Aspekt in meinen Vorträgen. Ich halte einfach wissenschaftliche Vorträge. Was denken Sie?