Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Frieden durch inneren Frieden schaffen

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Nantes, Frankreich, 15. August 2008
Transkribiert und leicht redigiert von Alexander Berzin
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Körperliches und geistiges Unbehagen

Frieden ist eine Angelegenheit, die jeden etwas angeht, ganz unabhängig davon, ob jemand im Osten, im Westen, im Norden oder im Süden lebt. Unabhängig davon, ob man reich oder arm ist, jeder muss sich ernsthaft mit der Frage des Friedens beschäftigen. Wir alle sind Menschen und wir haben daher alle dasselbe Anliegen: Glücklich zu sein und ein glückliches Leben zu leben. Wir alle verdienen es, ein glückliches Leben zu leben. Genau über diese Ebene möchte ich jetzt sprechen. Jeder Mensch hat ein Gefühl von „Ich“ oder „einem Selbst“, aber wir verstehen nicht vollständig, was dieses „Ich“ oder „das Selbst“ ist. Dennoch haben wir ein starkes Gefühl von „Ich“. Einhergehend mit diesem Gefühl entsteht das Verlangen danach, Glück zu erleben und kein Leid zu erfahren. Es entsteht oder erscheint ganz von alleine. Auf dieser Grundlage haben wir alle das Recht darauf, glücklich zu sein.

Indessen geschehen in unserem Leben jedoch zwangsläufig viele unangenehme Dinge und es treten Hindernisse auf. Dabei lassen sich zwei Kategorien von unangenehmen Dingen unterscheiden. Die eine Kategorie bezieht sich auf Schmerzen, die aufgrund von körperlichen Ursachen wie beispielsweise durch Krankheit oder das Älterwerden entstehen. Das ist auch bei mir selbst der Fall; ich habe bereits einige Erfahrungen damit gesammelt mir bereitet es Schwierigkeiten, zu hören, zu sehen und zu gehen. Diese Dinge ereignen sich zwangsläufig. Die andere Kategorie bezieht sich hauptsächlich auf die geistige Ebene. Selbst wenn auf der körperlichen Ebene alles angenehm und luxuriös ist, und alles vorhanden ist, empfinden wir dennoch gewisse Formen von Stress und Selbstzweifeln, wir fühlen uns einsam. Wir leiden unter Eifersucht, Angst und Hass und sind deshalb unglücklich. Wir können also trotz des Wohlbehagens auf der körperlichen Ebene auf einer geistigen Ebene viel Leid erfahren.

Auf der Ebene des körperlichen Wohlbehagens, ja, da können wir die Leiden durch Geld etwas verringern und so körperliche Befriedigung erlangen. Diese körperliche Ebene, die auch Macht, guten Ruf und Ruhm umfasst, kann uns jedoch keinen inneren Frieden bringen. Wenn wir viel Geld und Reichtum haben, dann ist es sogar manchmal so, dass das Geld und der Reichtum lediglich noch mehr Sorgen in uns hervorrufen. Auch sind wir manchmal zu sehr um unseren guten Namen und unseren guten Ruf besorgt, und das führt zu Scheinheiligkeit, Unwohlsein und Stress. Das geistige Glück ist hingegen nicht von äußeren Dingen abhängig, sondern lediglich von der inneren Art unseres Denkens.

Wir wissen ja auch, dass es einige sehr arme Menschen gibt, die auf der inneren Ebene dennoch sehr stark und glücklich sind. Wenn wir innere Zufriedenheit empfinden, dann können wir jede Art von schwierigen körperlichen Leiden ertragen und diese verwandeln. Wenn man körperliche und geistige Schmerzen miteinander vergleicht, so denke ich, dass das geistige Leiden schwerwiegender ist. Das liegt daran, dass körperliche Beschwerden durch geistiges Wohlbefinden gedämpft werden können, geistiges Unbehagen kann hingegen nicht durch körperliche Annehmlichkeiten beseitigt werden.

Die geistigen Schwierigkeiten und Probleme der Menschen sind stärker und schwerwiegender als die der Tiere. Auf der körperlichen Ebene mag das Leiden von beiden das gleiche sein, aber was die Menschen anbelangt, so erleben diese aufgrund ihrer Intelligenz auch noch Zweifel, Unsicherheit und Stress. Diese führen wiederum zu Depression; und all das kommt dadurch zu Stande, dass wir über eine höhere Intelligenz verfügen. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir unsere menschliche Intelligenz gebrauchen. Auf der emotionalen Ebene führen einige Emotionen dazu, dass wir unseren inneren Frieden verlieren, sobald diese Emotionen in uns entstehen. Andererseits gibt es gewisse andere Emotionen, die uns mehr Kraft geben. Sie bilden die Grundlage für innere Stärke und Vertrauen, und bewirken, dass wir eine friedvollere und ruhigere geistige Verfassung entwickeln.

Zwei Kategorien von Emotionen.

Es gibt daher zwei Kategorien von Emotionen. Eine Kategorie von Emotionen ist für den Frieden des Geistes sehr schädlich, und das sind die destruktiven Emotionen wie Ärger und Hass. Sie zerstören nicht nur lediglich den Frieden des Geistes, den wir momentan erleben, sondern sie wirken auch sehr destruktiv auf unsere Sprache und unseren Körper. Anders ausgedrückt, beeinflussen diese destruktiven Emotionen die Art, wie wir handeln. Sie verleiten uns dazu, dass wir in schädigender Weise handeln und sind daher destruktiv. Andere Emotionen, wie beispielsweise das Mitgefühl, geben uns jedoch innere Kraft und inneren Frieden. Sie rufen in uns beispielsweise die Kraft des Vergebens hervor. Selbst wenn wir mit einem bestimmten Menschen zuzeiten einige Schwierigkeiten haben sollten, so wird uns die Kraft des Vergebens letztendlich dazu bringen, Ruhe zu bewahren und geistigen Frieden zu erfahren. Die Person, über die wir uns zuvor so geärgert haben, kann dann sogar zu unserem besten Freund werden.

Äußerer Frieden

Wenn wir von Frieden sprechen, dann müsse über diese konstruktiven Emotionen und inneren Frieden sprechen. Wir müssen deshalb herausfinden, welche Emotionen zu innerem Frieden führen. Aber zunächst möchte ich etwas über äußeren Frieden sagen.

Äußerer Friede ist nicht nur die bloße Abwesenheit von Gewalt. Während des Kalten Krieges hatten wir vielleicht dem Anschein nach so etwas wie Frieden, aber dieser Frieden basierte auf Angst, nämlich auf der Angst vor einem nuklearen Holocaust. Beide Seiten hatten Angst, dass die jeweils andere Seite sie bombardieren würde; es handelte sich dabei also nicht um einen wirklichen Frieden. Wirklicher Frieden muss aus innerem Frieden hervorgehen. Wo auch immer es heutzutage noch Konflikte gibt, glaube ich, dass wir dafür eine friedvolle Lösung finden müssen, und das bedeutet, dass wir durch den Dialog nach einer Lösung für den Konflikt suchen müssen. Ich denke daher, dass Frieden viel mit Herzenswärme und Respekt für das Leben anderer zu tun hat, wie auch mit einer Geisteshaltung, bei der man Widerstand empfindet, anderen Lebewesen Leid zuzufügen; und auch damit, dass man eine Geisteshaltung entwickelt, mit der man das Leben anderer als so heilig betrachtet wie sein eigenes Leben. Wir müssen das Leben anderer respektieren, und wenn wir auf dieser Grundlage anderen Lebewesen zudem auch helfen können, dann versuche wir das zu tun.

Wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind und jemand kommt auf uns zu, um uns zu helfen, dann wissen wir das natürlich zu schätzen. Wenn jemand anders leidet und wenn man diesem Menschen dann einfach ein bisschen menschliche Empathie entgegen bringt, dann wird die andere Person das zu schätzen wissen und sich sehr glücklich fühlen. Durch ein von innen kommendes Mitgefühl und durch Frieden des Geistes werden alle unsere Handlungen friedlich. Wenn wir inneren Frieden herbeiführen können, dann können wir dadurch auch äußeren Frieden schaffen.

Als Menschen nehmen wir in der Interaktion mit anderen Menschen stets unterschiedliche Standpunkte ein. Aber auf Grundlage der stark ausgeprägten Konzepte von „Ich“ und „die anderen“, entwickeln wir dann zusätzlich die Konzepte von „meine Interessen“ und „die Interessen der anderen“ . Auf dieser Grundlage kann es dann sogar zu einem Krieg kommen. Wir denken dann möglicherweise, dass die Vernichtung unseres Feindes zu unserem Sieg führen wird. Aber wir stehen heutzutage einer neuen Realität gegenüber. Wir sind, vom ökonomischen Standpunkt wie auch aus einer ökologischen Perspektive heraus betrachtet, in sehr starkem Maße wechselseitig voneinander abhängig. Die Konzepte von „Wir“ und „die anderen“ haben also nicht mehr länger Gültigkeit. Diejenigen, die wir früher als „die anderen“ betrachtet haben, sind nun ein Teil von „Wir“ geworden. Der Schlüsselfaktor für die Entwicklung von geistigem Frieden ist demnach das Mitgefühl, das auf der Wahrnehmung basiert, dass gegenwärtig sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben, und dass all diese Menschen den gleichen Anspruch darauf haben, glücklich zu sein. Darauf basierend, nehmen wir jeden anderen Menschen ernst, und auf dieser Grundlage sollten wir in der Lage sein, auch einen äußeren Frieden hervorzubringen.

Im Kleinen beginnen

Um also wirklich Frieden zu schaffen, müssen wir damit beginnen, Frieden in uns selbst zu entwickeln, dann in unseren Familien und dann in unserer örtlichen Gemeinschaft. In Mexiko hat ein Freund von mir beispielsweise in seiner Gemeinde eine „Friedenszone“ geschaffen. Er konnte diese Friedenszone in seiner Stadtteilgemeinschaft dadurch einrichten, dass alle Bewohner des Stadtteils mit ihm eine Vereinbarung getroffen haben. Die Menschen des Stadtteils stimmten alle zu, innerhalb dieser Friedenszone auf Gewalt zu verzichten. Sie stimmten auch alle zu, dass, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen oder miteinander streiten wollten, sie sich außerhalb der Grenzen dieser Zone begegnen würde. Das ist eine sehr gute Idee.

Ist es schwierig um Weltfrieden zu bitten, obwohl das aus dem Blickwinkel der Welt heraus betrachtet natürlich das Beste wäre. Aber es ist realistischer, in einem kleinen Rahmen anzufangen, nämlich mit sich selbst, mit der Familie, in der lokalen Gemeinschaft, im eigenen Bezirk und so weiter, indem so etwas wie Friedenszonen eingerichtet wird. Wir können dadurch jetzt erkennen, dass der innere Friede sehr stark mit dem Mitgefühl verknüpft ist.

Zurzeit verändern sich die Dinge verändern in der Welt wirklich sehr grundlegend. Ich erinnere mich, dass mir vor einigen Jahren ein deutscher Freund, der kürzlich verstorbene Carl Friedrich von Weizsäcker, den ich als einen meiner Lehrer betrachte, berichtet hat, dass, als er jung war, die Franzosen, aus dem Blickwinkel eines jeden Deutschen, als Feinde betrachtet wurden – und aus der sicht der Franzosen waren die Deutschen die Feinde. Doch jetzt haben sich die Dinge geändert. Es gibt jetzt eine vereinte Kraft, die europäische Union. Das ist sehr gut. Zuvor hatte jeder Staat die eigene Souveränität, jeweils vom eigenen Standpunkt aus betrachtet, als äußerst wertvoll angesehen. Aber jetzt gibt es eine neue Wirklichkeit in Europa, ein gemeinsames Interesse das wichtiger ist, als die individuellen Interessen. Wenn die ökonomische Lage sich insgesamt verbessert, profitiert davon jeder einzelne Mitgliedstaat. So, momentan ist es wichtig, diesen Gedanken auf alle sechs Milliarden Bewohner dieses Planeten auszudehnen. Wir müssen uns jeden einzelnen Menschen als ein Mitglied einer großen menschlichen Familie vorstellen.

Mitgefühl als biologischer Faktor

Nun, was das Mitgefühl anbelangt, so hängt die Entwicklung aller Tiere, die von einer Mutter geboren werden – also die Entwicklung von Menschen, Säugetiere, Vögel usw. davon ab, dass sie Zuneigung und Fürsorge erfahren. Das gilt für alle Gattungen, abgesehen von ein paar Arten, wie beispielsweise der Meeresschildkröte, den Schmetterlingen und dem Lachs, die ihre Eier ablegen und dann sterben diese Tierarten bilden da eine kleine Ausnahme. Nehmen wir beispielsweise die Meeresschildkröte. Die Mütter legen ihre Eier am Strand ab und verlassen dann den Ort der Eiablage; das Überleben der jungen Schildkröten hängt dann alleinig von ihren eigenen Bemühungen ab. Sie benötigen die Zuneigung ihrer Mütter nicht und überleben dennoch. Manchmal erzähle ich meiner Zuhörerschaft, dass es ein sehr interessantes wissenschaftliches Experiment wäre, wenn man ein gerade ausgebrütetes Schildkrötenei hätte und das frisch ausgeschlüpfte Schildkrötenbaby mit seiner Mutter zusammenbrächte, und dann beobachten würde, ob sie für einander Zuneigung empfinden würden oder nicht. Ich denke nicht, dass sie für einander Zuneigung empfinden würden. Die Natur hat sie in der Weise erschaffen, dass sie nicht auf gegenseitige Zuneigung angewiesen sind. Aber für Säugetiere und insbesondere für den Menschen gilt, dass sie ohne mütterliche Fürsorge alle sterben würden.

Damit man sich um ein junges Baby kümmert, bedarf es einiger Emotionen wie dem Mitgefühl, der Zuneigung, einem Gefühl der Anteilnahme und der Fürsorge. Die Wissenschaftler sagen, dass die Berührung der Mutter in den ersten Wochen nach der Geburt für die Entwicklung des Gehirns des Babys unerlässlich sei. Wir können feststellen, dass Kinder, die aus liebevollen, zärtlichen und warmherzigen Familien stammen, später im Allgemeinen ein glücklicheres Leben führen. Sie sind sogar auf einer körperlichen Ebene gesünder. Aber Kinder, denen es an Zuneigung fehlt, insbesondere wenn sie sehr jung sind, neigen später dazu viele Probleme mit sich herumzutragen.

Einige Wissenschaftler haben Experimente durchgeführt, in denen sie junge Affen von ihren Müttern getrennt haben. Sie haben dann beobachtet, dass diese jungen Affen stets schlechter Stimmung waren und miteinander gekämpft haben. Sie haben nicht schön miteinander gespielt. Aber diejenigen Affen, die bei ihren Müttern bleiben konnten, waren glücklich und haben schön miteinander gespielt. Insbesondere Menschenkinder, die als Kind nicht genügend Zuneigung bekommen haben, neigen dazu, später sehr kaltherzig zu werden. Sie haben Schwierigkeiten, anderen Menschen gegenüber Zuneigung zum Ausdruck zu bringen und in einigen Fällen werden sie gegenüber anderen auch gewalttätig. Zuneigung ist ein biologischer Faktor, dass heißt ein Faktor dem die Biologie zugrunde liegt.

Ich denke zudem, eben weil Mitgefühl und Emotionen mit der biologisch-physikalischen Ebene in Verbindung stehen, dass, wenn wir ständig ärgerlich und voller Hass und Angst sind, dies, nach den Aussagen einiger Wissenschaftler, unser Immunsystem angreift und dieses dadurch immer mehr geschwächt wird. Ein mitfühlender Geist hingegen unterstützt und stärkt unser Immunsystem.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Wenn wir das Gebiet der Medizin betrachten, dann können wir feststellen, dass es für die Genesung des Patienten von Bedeutung ist, wenn es zwischen den Krankenschwestern und Ärzten auf der einen Seite und den Patienten auf der anderen Seite ein Vertrauensverhältnis gibt. Nun, was ist die Grundlage für Vertrauen? Wenn die Ärzte und Krankenschwestern wirkliche Fürsorge und Zuwendung zeigen, damit der Patient wieder gesund werden kann, dann entwickelt sich Vertrauen. Wenn andererseits der Arzt, selbst wenn er ein Experte sein sollte, den Patienten oder die Patientin wie eine Maschine behandelt, dann wird sich sehr wenig Vertrauen entwickeln. Gut, wenn der behandelnde Arzt möglicherweise über sehr viel Erfahrung verfügt, gibt es auch dann eine Vertrauensgrundlage, aber wenn der Arzt über seine Expertise hinaus auch noch mitfühlend ist, dann wird das Vertrauen zwischen Arzt und Patienten noch verstärkt. Die Patienten werden dann besser schlafen und sind weniger beunruhigt. Wenn sich die Patienten auf einer sehr tiefgehenden Ebene beunruhigt fühlen, dann werden sie sehr aufgewühlt sein, was wiederum ihren Genesungsprozess in negativer Weise beeinflusst.

Aber Probleme sind natürlich unausweichlich im Leben. Shantideva, der große indisch-buddhistische Meister, gab den Rat, dass wenn wir mit Problemen konfrontiert werden, wir diese dann analysieren müssen. Wenn die Probleme in einer bestimmten Art und Weise überwunden werden können, dann sagt er: du brauchst dir keine Sorgen zu machen, wende einfach diese Methode an. Aber wenn man nichts gegen die Probleme machen kann, dann gibt es auch keinerlei Grund, sich Sorgen zu machen, denn das würde uns überhaupt nichts nützen. Es kann eine große Hilfe sein, über diese Verse von Shantideva nachzudenken. Wenn wir ein großes Problem haben, kann es durch das Nachdenken über diese Verse minimiert werden.

Solange wir der Fürsorge anderer Menschen bedürfen, wenn wir beispielsweise noch sehr kleine Babys sind, empfinden wir Zuneigung und Mitgefühl. Aber wenn wir im Älterwerden mehr Unabhängigkeit erlangen, neigen wir dazu, dass wir die Aggression für wichtiger halten als das Mitgefühl, weil wir mit der Aggression unseren eigenen Willen durchsetzen möchten. Aber alle sechs Milliarden Menschen wurden von Müttern geboren. Als Baby erfahren wir alle durch die Fürsorge mütterlicher Liebe Glück und Zufriedenheit, oder, wenn wir dies nicht durch die Fürsorge unserer Mutter erfahren haben, dann doch zumindest durch die Zuneigung eines anderen Menschen. Doch wenn wir älter werden, nehmen diese Eigenschaften der Fürsorge allmählich ab und wir neigen dann dazu, aggressiver zu werden und andere zu tyrannisieren, wodurch wir mehr Probleme schaffen.

Die Notwendigkeit, die Realität zu erkennen

Mir erklärte ein Wissenschaftler in Schweden Folgendes: Wenn wir ärgerlich werden und unser Gehirn von Ärger dominiert wird, dann handelt es sich bei 90 % der Erscheinung dieser schrecklichen Person, auf die ärgerlich sind, um geistige Projektion. In anderen Worten: 90 % dieser Negativität ist geistig projiziert. Dasselbe gilt in gleicher Weise dann, wenn wir Anhaftung empfinden oder ein starkes Verlangen nach einem anderen Menschen haben: Dann sehen wir den anderen Menschen als hundertprozentig schön und gut. Aber ein großer Prozentsatz dessen, was wir wahrnehmen, ist auch hier geistige Projektion; wir erkennen die Realität nicht. Deshalb ist es sehr wichtig, die Realität wahrzunehmen.

Es gibt einen anderen wichtigen Punkt: Niemand möchte Ärger haben, aber wie entsteht Ärger? Wir kommen durch unsere Naivität, unsere Ignoranz, unsere falsche Herangehensweise in Schwierigkeiten: Wir erkennen die Wirklichkeit nicht. Von unserem eigenen begrenzten Blickwinkel aus können wir nicht das ganze Bild der Wirklichkeit wahrnehmen. Wir können lediglich zwei Dimensionen erkennen, aber das genügt nicht. Wir müssen in der Lage sein, die Dinge in drei, vier oder gar sechs Dimensionen wahrzunehmen. Zunächst müssen wir dafür unseren Geist zu Ruhe bringen, um die Dinge objektiv untersuchen zu können.

Auch in diesem Fall ist wichtig, den Unterschied zwischen konstruktiven und destruktiven Emotionen zu erkennen. Wenn wir erwachsen werden, wird der biologische Faktor des Mitgefühls allmählich geringer, so dass wir dann wieder eine Herzensbildung und Einübung von Mitgefühl benötigen, um dem Mitgefühl in dieser Weise wieder den Rücken zu stärken. Die biologische Art des Mitgefühls ist jedoch voreingenommen: Sie basiert darauf, dass man von anderen Zuneigung erfährt. Aber wenn man dieses Mitgefühl als Grundlage verwendet, auf der man aufbauen kann, und diese Grundlage dann mit Schlussfolgerungen und wissenschaftliche Faktoren, die wir durch unsere Untersuchungen gewonnen haben, ergänzt, dann werden wir nicht nur in der Lage sein, diese biologische Ebene des Mitgefühls aufrechtzuerhalten, sondern wir werden dann fähig sein, das Mitgefühl weiter anwachsen zu lassen. Durch Einübung und Ausbildung in Sachen Mitgefühl, kann dann das begrenzte, voreingenommene Mitgefühl zu einem unbegrenzten und unparteiischen Mitgefühl ausgeweitet werden, was sich auf sechs Milliarden Menschen und darüber hinaus erstreckt.

Die Bedeutung der richtigen Ausbildung

Der Schlüssel zu all dem, ist die richtige Ausbildung. In den modernen Bildungssystemen wird die Aufmerksamkeit vor allem auf die Entwicklung des Gehirns und des Intellekts gerichtet, aber das ist nicht genug. Wir müssen in unseren Ausbildungssystemen auch in der Lage sein, Warmherzigkeit zu entwickeln. Die Warmherzigkeit muss vom Kindergarten an bis hin zum Abschluss der Universität eingeübt werden.

In Amerika haben einige Wissenschaftler Bildungsprogramme entwickelt, in denen den Kindern beigebracht wird, mehr Mitgefühl und Achtsamkeit zu entwickeln. Und das wird nicht mit dem Ziel gemacht, um diesen Kindern dabei zu helfen, ihre zukünftigen Leben zu verbessern und das Nirvana zu erlangen, sondern dieser Unterricht wird deshalb durchgeführt, damit die Kinder noch in diesem Leben Vorteile durch diese Art der Ausbildung erlangen. Sogar an einigen Universitäten wurden bereits einige Ausbildungsprogramme eingeführt, um Warmherzigkeit und Mitgefühl zu entwickeln. Diese Art des unvoreingenommenen Mitgefühls richtet sich nicht auf die Geisteshaltung anderer, sondern einfach auf die Tatsache, dass die anderen Menschen auch Menschen sind. Wir sind alle ein Teil der sechs Milliarden Menschen Weltbevölkerung, die alle auf diesem Planeten leben; basierend auf dem Faktor der Gleichheit verdienen daher alle diese Menschen unser Mitgefühl.

Innere und äußere Abrüstung

Um also inneren Frieden und Weltfrieden hervorzubringen, benötigen wir sowohl innere, als auch äußere Abrüstung. Das bedeutet, dass wir auf einer inneren Ebene Mitgefühl entwickeln und auf dieser Grundlage dann irgendwann einmal in der Lage sein werden, vollständig abzurüsten und alle Länder auf einer äußeren Ebene zu entwaffnen. Das ist dann so, als hätten wir die vereinigten Streitkräfte der französisch-deutschen europäischen Armeeverbände; das wäre einfach großartig. Wenn es eine vereinigte Streitkraft der gesamten Europäischen Union gäbe, dann würde es keine bewaffneten Konflikte mehr zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten geben.

In Brüssel gab es einmal ein Treffen von Außenministern und ich sagte, dass es in Zukunft sehr hilfreich sein würde, wenn das Hauptquartier der Europäischen Union mehr in Richtung Osten verlagert werden würde, das heißt in eines der osteuropäischen Länder wie beispielsweise Polen. Dann wäre es gut, die europäische Union weiter auszudehnen, so dass sie auch Russland umfassen würde, und man dann schließlich das Hauptquartier der NATO nach Moskau verlagern würde. Wenn das irgendwann einmal geschehen würde, dann gäbe es wirklich Frieden in Europa und die Gefahr eines Krieges wäre gebannt. Gegenwärtig gibt es einige Schwierigkeiten zwischen Russland und Georgien, aber wir müssen unsere Hoffnung bewahren.

Auf Grundlage dieser umfassenden Ausweitung des Friedens, könnte dann zum Beispiel die Waffenindustrie hier in Frankreich letztendlich irgendwann einmal geschlossen werden und wir könnten die Ökonomie in produktivere Bereiche verlagern. Die Fabriken könnten beispielsweise dazu umgerüstet werden, Bulldozer anstatt von Panzer herzustellen!

Die afrikanischen Länder bedürfen unserer Hilfe ebenfalls sehr dringlich. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist ein großes Problem, nicht nur global betrachtet; auch auf nationaler Ebene ist sie Kluft zwischen Reich und Arm wirklich schrecklich. In Frankreich gibt es beispielsweise einen großen Gegensatz zwischen den Reichen und den Armen. Einige Menschen sind sogar vom Hungertod bedroht. Aber wir alle sind Menschen und wir alle haben dieselben Hoffnungen, Bedürfnisse und Probleme. Wir müssen all diese Punkte in Betracht ziehen, um Frieden durch inneren Frieden zu schaffen.