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Ein Porträt Tsenzhab Serkong Rinpoches

Alexander Berzin, Mai 1998
Übersetzung ins Deutsche: Wolfgang Exler

Einleitung

serkong-pastlife.jpgIm April 1998 kam ich nach einer langen Vortragsreise und einer intensiven Periode des Schreibens in der Mongolei und im Westen heim nach Dharamsala in Indien. Ich hatte seit 1969 in den Vorbergen des Himalaya gelebt und mit der tibetischen Flüchtlingsgemeinde studiert und gearbeitet, die sich um Seine Heiligkeit den Dalai Lama geschart hatte. Nun hatte ich mich dazu entschlossen, mit meinen Sachen nach München überzusiedeln, wo ich effektiver an meinen Büchern schreiben und den Buddhismus auf regelmäßigerer Basis lehren konnte. Ich hatte den Wunsch, Seine Heiligkeit über meine Entscheidung zu informieren und seinen Rat zu suchen. Als mein spiritueller Lehrer hatte Seine Heiligkeit mich bereits zuvor angewiesen, selbst zu beurteilen, wie und wo ich meine Zeit am effektivsten verbringen könnte, um einen bedeutsamen Beitrag für andere zu leisten. Meine Erfahrung würde mein verlässlichster Führer sein.

Als ich Seine Heiligkeit vor nahezu 29 Jahren zum ersten Mal traf, war ich als ein Fulbright-Stipendiat nach Indien gekommen, um meine Doktorarbeit für die Departments of Far Eastern Languages and Sanskrit and Indian Studies an der Universität Harvard zu schreiben. In jenen Tagen wurde tibetischer Buddhismus sehr akademisch gelehrt, als eine tote Materie, gewissermaßen wie Ägyptologie. Diesen Ansatz konnte ich nicht akzeptieren und spekulierte viele Jahre lang, wie es wohl wäre, wie ein Buddhist zu leben und zu denken. Nach dem Kennenlernen Seiner Heiligkeit wurde ich von der Erkenntnis überwältigt, dass diese alte Tradition immer noch lebendig ist und hier ein Meister war, der sie völlig verstand und verkörperte.

Einige Monate später ging ich zu Seiner Heiligkeit mit der Bitte, dass er mir die Möglichkeit gäbe, die authentischen Lehren zu erlernen und mich in ihnen zu üben. Ich wünschte, ihm zu dienen, und wusste, dass mich ausschließlich ungeheuere Arbeit an mir selbst hierzu befähigen würde. Seine Heiligkeit nahm dies freundlicherweise an. Schließlich kam es dazu, dass ich das großartige Privileg genoss, ihm als einer seiner gelegentlichen Übersetzer zu dienen und dabei zu helfen, für ihn Verbindungen mit spirituellen Führern und akademischen Institutionen auf der ganzen Welt herzustellen.

Seine Heiligkeit war erfreut über meine Entscheidung, meinen Lebensmittelpunkt nach Europa zu verlegen, und fragte nach dem nächsten Buch, das ich schreiben würde. Ich teilte ihm meinen Wunsch mit, über die Beziehung zu einem spirituellen Lehrer zu schreiben. Da ich den drei Treffen des Network of Western Buddhist Teachers mit Seiner Heiligkeit in Dharamsala beigewohnt hatte, war ich mir der Ansicht Seiner Heiligkeit bezüglich der Probleme, denen Westler bei diesem Thema gegenüberstehen, äußerst bewusst. Der einzige Kommentar, den Seine Heiligkeit nun hinzufügte, war, dass die Hauptursache der Schwierigkeiten sei , dass so wenige Lehrer tatsächlich qualifiziert seien.

Als ich den Audienzraum verließ, bestand meine erste Reaktion darin, meine eigene Glaubwürdigkeit als buddhistischer Lehrer, zu hinterfragen. Über die Jahre hatte ich die außergewöhnliche Gelegenheit gehabt, mich mit einigen der herausragendsten tibetischen Meister im indischen Exil zu üben. Diese umfassten nicht nur Seine Heiligkeit den Dalai Lama, sondern auch seine drei verstorbenen Tutoren und die Führer mehrerer tibetischer Traditionen. Im Vergleich zu ihnen besaß ich so gut wie keine Qualifikation. Ich rief mir allerdings einen Ratschlag ins Gedächtnis zurück, den mir mein Hauptlehrer Tsenzhab Serkong Rinpoche, der Meisterpartner Seiner Heiligkeit in der Debatte, im Jahr 1983 gegeben hatte:

Ich war mit Rinpoche als sein Übersetzer und Sekretär auf seiner zweiten Weltreise unterwegs und war gerade von einem Abstecher nach Caracas in Venezuela zurückgekehrt. Auf Rinpoches Ermutigung hin hatte ich eine Einladung angenommen, dort eine neu gebildete buddhistische Gruppe zu lehren - mein erstes derartiges Unterfangen. Rinpoche war im Kloster von Geshe Wangyel in New Jersey geblieben, um einige Tage auszuruhen. Geshe Wangyel, ein Kalmück-Mongole aus Russland, war der erste Meister der tibetischen Tradition gewesen, den ich - im Jahr 1967 - getroffen hatte, ohne jedoch jemals die Gelegenheit gehabt zu haben, intensiver mit ihm zu studieren.

Bei meiner Rückkehr stellte Rinpoche mir keinerlei Fragen darüber, wie es mir ergangen war. Das war seine übliche Art, und es überraschte mich nicht. Eine Woche später jedoch, als wir in London nach dem Abendessen an einem Küchentisch saßen, sagte Rinpoche: „Wenn du in der Zukunft ein wohlbekannter Lehrer wirst und dich deine Schüler als einen Buddha ansehen, es dir aber vollständig klar ist, dass du nicht erleuchtet bist, dann lass dir davon nicht deine Überzeugung erschüttern, dass deine eigenen Lehrer Buddhas sind.“ Das war alles, was er sagte, und dann verblieben wir beide im Schweigen. Es brauchte viele Jahre, die Tiefe seiner Worte zu verstehen.

Lama Zopa Rinpoche, ein im Westen beliebter tibetisch-buddhistischer Meister, hat einmal bemerkt, dass, wolle man einen authentischen Lama treffen , Tsenzhab Serkong Rinpoche das beste Beispiel hierfür sei. Lama Zopa benutzte das tibetische Wort Lama weder einfach für „Mönch“ oder bloß für jemanden, der Rituale durchführt und drei Jahre intensiver Meditationspraxis vollendet hat,noch benutzte er es lediglich im Sinne eines „ reinkarnierten Lamas“, also für jemanden, der fähig ist, seine Wiedergeburt zu bestimmen und der den Titel Rinpoche trägt, „Kostbarer“. Er meinte einen Lama im ursprünglichen Sinne des Wortes, einen voll qualifizierten spirituellen Lehrer. Eine hilfreiche Art und Weise, mit der Erklärung zu beginnen, was es bedeutet, ein solcher Lehrer zu sein, und wie man mit ihm als Schüler umgeht, wäre daher vielleicht, ein verbales Porträt von Serkong Rinpoche und meiner Beziehung mit ihm zu zeichnen. Erlauben Sie mir, dies durch eine Collage von Bildern und Erinnerungen zu tun.

Rinpoches Leben und Persönlichkeit

serkong_1.jpgTsenzhab Serkong Rinpoche war ein massiv gebauter Mann, ein Mönch mit rasiertem Kopf, roten Roben und einem tief gefurchten Gesicht, das ihn älter aussehen ließ, als er tatsächlich war. Seine bescheidene, weise Art und sein sanfter Humor ließen ihn wie den archetypischen Weisen aus dem Märchenbuch erscheinen. Diese Eigenschaft entging auch nicht der Aufmerksamkeit der Westler, die ihm begegneten. Als zum Beispiel die Macher des populären Films „ Star Wars“ ihn in Dharamsala gesehen hatten, beschlossen sie, ihn als Modell für Yoda zu verwenden, den spirituellen Führer des Epos. Rinpoche sah den Film nie, hätte sich aber zweifellos über die Karikatur amüsiert. Die herausragendste Besonderheit Rinpoches war allerdings seine Beziehung zu Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama.

Der Dalai Lama ist der spirituelle und weltliche Führer Tibets. Die Linie seiner Nachfolge setzt sich durch Reinkarnation fort. Auf den Tod eines Dalai Lama hin folgen diejenigen, welche ihm am engsten verbunden sind, einer komplexen Prozedur, um seine Wiedergeburt als kleines Kind zu identifizieren und zu lokalisieren. In der Folge erhält jeder neue Dalai Lama die beste verfügbare Ausbildung von den qualifiziertesten Lehrern. Diese Mentoren umfassen einen Senior-Tutor und einen Junior-Tutor sowie sieben Tsenzhabs, im Allgemeinen übersetzt als „Hilfstutoren“.

Der tibetische Buddhismus besitzt vier Haupttraditionen, die aus Indien durch unterschiedliche Linien übertragen wurden, aber untereinander keine größeren Widersprüche in ihren grundlegenden Lehren aufweisen. Die neun wichtigstenLehrer des Dalai Lama kommen aus der Gelug-Tradition, der größten der vier. Er studiert mit Meistern der anderen drei Linien - Nyingma, Kagyü und Sakya - sobald seine Grundausbildung abgeschlossen ist. Von den sieben Tsenzhabs kommt jeweils einer aus einem der sieben Hauptklöster der Gelugpas in der Nähe von Lhasa, der Hauptstadt Tibets. Sie werden ausgewählt nach ihrer Gelehrtheit, ihren Meditationsfertigkeiten und - vor allem - ihrer charakterlichen Entwicklung. Serkong Rinpoche war der Tsenzhab, der aus Ganden Jangtse ernannt wurde, dem Kloster, das von Tsongkhapa, dem Gründer der Gelug-Tradition, selbst errichtet worden war. Rinpoche war 34, als er diese Position 1948 erhielt; der Dalai Lama war dreizehn. Er war der einzige der sieben Tsenzhabs, dem es gelang, Seine Heiligkeit 1959 ins Exil nach Indien zu begleiten.

Bis zu seinem Verscheiden im August 1983 diente Rinpoche Seiner Heiligkeit treu, zuerst in Lhasa und später in Dharamsala. Seine Hauptaufgabe bestand darin, an allen Unterrichtsstunden teilzunehmen, die Seine Heiligkeit erhielt, und danach mit ihm zu debattieren, um sich eines korrekten Verständnisses Seiner Heiligkeit zu versichern. Tatsächlich bestand Seine Heiligkeit darauf, dass Rinpoche mit ihm zusammen an jeder Belehrung teilnahm, die er erhielt, damit zumindest ein weiterer Lama die gesamte Breite seiner Ausbildung und Schulung teilte. Daher war Rinpoche, wie Seine Heiligkeit, ein Meister aller vier tibetischen Traditionen. Seine Sachkenntnis umfasste den vollen Bereich der beiden Hauptsparten der buddhistischen Schulung, Sutra und Tantra. Die Sutras vermitteln die grundlegenden Lehren, während die Tantras die tiefgründigen Methoden zur Transformation des Selbst beinhalten.

Rinpoche war ebenfalls gut bewandert in den traditionellen buddhistischen Künsten und Wissenschaften. Er war zum Beispiel ein Experte für die Maße und die Konstruktion zwei- und dreidimensionaler symbolischern Weltsysteme (Mandala), die in tantrischen Ritualen benutzt werden, und verschiedener Arten von Monumenten zur Aufbewahrung von Reliquien (Stupa). Des weiteren war er ein Meister der Dichtung, Komposition und tibetischen Grammatik. Sein Lehrstil hatte daher eine Eleganz und Feinfühligkeit, die seine Bemühung um formale Details wundervoll ausglich.

Serkong Rinpoche war ebenfalls ein Experte der tibetischen Form der Divination (Mo). In diesem System begibt man sich in einen konzentrierten Meditationszustand, würfelt mehrmals mit drei Würfeln und interpretiert das Ergebnis, um Leuten beim Fällen schwieriger Entscheidungen zu helfen. Darüber hinaus kannte er die tibetische Astrologie, welche die Beherrschung komplexer Mathematik für die Berechnung der Planetenpositionen beinhaltet. Seine Zugangsweise zu diesen esoterischen Bereichen war allerdings immer pragmatisch und „bodenständig“. Sie zu Rate zu ziehen ist eine Ergänzung und soll nicht die Nutzung von Urteilen des gesunden Menschenverstands ersetzen.

Trotz der Wichtigkeit seiner offiziellen Position und der Größe seiner Gelehrsamkeit blieb Rinpoche immer bescheiden. Obwohl er tatsächlich einer der Hauptlehrer Seiner Heiligkeit war - insbesondere bezüglich Kalachakra („Zeitenrad“), dem komplexesten aller Tantrasysteme - und obwohl er auf seinen „ Star-Schüler“ viele tantrische Ermächtigungen übertrug, sah er es nie gerne, wenn man ihn auf Englisch „ Assistant Tutor“ nannte. Er wollte seinen Titel Tsenzhab wörtlich als „Debatte-Diener“ übersetzt haben, stimmte aber schließlich der Übersetzung als „Meisterpartner der Debatte“ zu.

Serkong Rinpoche diente Seiner Heiligkeit sowohl in formeller wie auch informeller Weise. So führt Seine Heiligkeit häufig besondere Meditationspraktiken und rituelle Zeremonien (Pujas) zum Wohle der ganzen Welt und speziell für seine Leute durch. Einige davon vollführt er im Privaten, einige mit einer Handvoll auserwählter Mönche und andere vor großen Versammlungen. Seine Heiligkeit ersuchte üblicherweise Rinpoche, mit ihm zusammen an diesen Prozeduren teilzunehmen oder sie an seiner statt durchzuführen oder ihnen vorzusitzen, wenn er zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt war. Darüber hinaus saß Rinpoche immer zur rechten Seite Seiner Heiligkeit, wenn dieser lehrte, lieferte passende Worte, wenn Seine Heiligkeit sie benötigte, und antwortete auf jegliche Frage oder jeglichen Zweifel, wenn Seine Heiligkeit ihn fragte. Waren andere zu schüchtern, um Lehren oder Linien direkt auf Seine Heiligkeit zu übertragen, dann kamen sie damit gewöhnlich zu Rinpoche. Wie ein spirituelles Medium übergab Rinpoche dann an Seine Heiligkeit.

Seine Heiligkeit bezog sich oft auf Serkong Rinpoche als seinen Ratgeber und Stabschef für die Überbringung seiner politischen Anweisungen an die Klöster und an die Öffentlichkeit. Das lag daran, dass Rinpoche ein meisterhafter Diplomat sowohl im religiösen wie auch im säkularen Bereich war. Oft vermittelte er in örtlichen Streitigkeiten und beriet die Ämter Seiner Heiligkeit in Protokollfragen auf Gebieten, wo er Bescheid wusste. Ein warmherziger Humor erhöhte seine diplomatischen Fähigkeiten in großem Maße. Die Leute kamen oft zu ihm, um ihm Witze und lustige Geschichten zu erzählen, und zwar nicht nur, weil er über sie so viel lachte und sie derart schätzte, sondern auch, weil er sie dann so gut an andere weitererzählte. Sein ganzer Körper schüttelte sich vor Lachen, was total ansteckend war für alle um ihn herum. Diese Kombination von praktischer Weisheit und herzlichem Humor machte ihn beliebt bei allen, die er traf.

Rinpoche war an der Neuerrichtung vieler Mönchs- und Nonnenklöster in Indien beteiligt, welche die chinesische Invasion in Tibet zerstört hatte. Dies tat er, indem er Ermächtigungen und Belehrungen gab, so dass die Menschen dort ihre traditionellen Rituale wieder aufnehmen konnten. Das traf insbesondere zu auf die Klöster der beiden Staatsorakel, Nechung und Gadong, mit denen er sein Leben lang eine enge Beziehung unterhielt. Genau wie Rinpoche als menschlicher Hauptratgeber Seiner Heiligkeit diente, sind die Staatsorakel die traditionellen übernatürlichen Berater Seiner Heiligkeit. Sie sprechen zu ihm durch ein Medium, das sich in Trance befindet. Rinpoche beaufsichtigte die spirituelle Schulung der Medien, so dass sie zu reinen Kanälen für höhere Weisheit werden konnten.

Rinpoche hat nie Mühen gescheut, um Belehrungen zu erhalten oder zu geben. So ertrug er zum Beispiel in einem Sommer die intensive Hitze von Bodh Gaya, um dort von Kunu Lama Rinpoche Anweisungen zum Kalachakra zu erhalten. Dieser großartige Lehrer aus Kinnaur, einer Gegend tibetischer Kultur auf der indischen Seite des Himalayas, war in moderner Zeit der einzige lebende Meister, den alle Tibeter als einen Bodhisattva anerkannten. Ein Bodhisattva ist jemand, der völlig selbstlos ist und sich vollständig dem Erreichen der Erleuchtung widmet, um anderen zu nutzen. Bodh Gaya ist der heilige Ort, an dem Buddha unter dem Bodhibaum erleuchtet wurde. Er liegt in der ärmsten und heißesten Gegend Indiens. Im Sommer steigt die Temperatur regelmäßig auf fast 50 Grad Celsius. Bei häufigen Stromausfällen, Wassermangel und ohne Klimaanlage kann einen ein Aufenthalt dort ziemlich auf die Probe stellen. Kunu Lama lebte dort für gewöhnlich in einem winzigen, fensterlosen Raum, der nicht einmal einen Ventilator besaß.

Rinpoche unternahm ausgedehnte Reisen, um in Indien, Nepal und zweimal auch in Westeuropa und Nordamerika zu lehren. Obwohl er Hauptzentren besuchte, bevorzugte er immer kleine, abgelegene Orte, in denen Lehrer selten waren und die andere nicht aufsuchen wollten. So reiste er zum Beispiel manchmal per Yak , um die Soldaten der tibetischen Division innerhalb der indischen Armee an der indisch-tibetischen Grenze zu lehren. Er kampierte auch in großer Höhenlage draußen im Zelt, ohne sich um die Unannehmlichkeiten zu kümmern.

Innerhalb dieser abgelegenen Grenzregionen hatte Rinpoche eine besonders enge Verbindung mit Spiti, dem hoch gelegenen, indischen Himalayatal, das Kinnaur benachbart ist und in dem er sowohl verschied als auch wiedergeboren wurde. Vor tausend Jahren war dieser unfruchtbare, staubbedeckte Distrikt Teil von Tibet und das Zentrum einer Renaissance des Buddhismus. In letzter Zeit war das Niveau allerdings abgefallen, wie bereits eintausend Jahre zuvor. Die Mönche missachteten ihr Zölibatsgelübde und ihr Gelübde, sich vom Alkohol fern zu halten. Sie studierten und praktizierten wenig von den eigentlichen Lehren des Buddha.

Durch seine fünf Besuche in diesem Tal versuchte Rinpoche, eine zweite Renaissance hervorzubringen. Dies tat er, indem er das älteste Kloster Spitis, Tabo Gompa, erneut widmete und auf seine Mönche die Ermächtigungen und mündlichen Überlieferungen für seine traditionellen Rituale übertrug. Er brachte gelehrte spirituelle Lehrer dorthin und gründete eine Schule für die dortigen Kinder. Schließlich organisierte Rinpoche im Juli 1983 die Einladung Seiner Heiligkeit , damit dieser in Tabo die Kalachakra-Initiation übertrüge. Die Einführung der Kalachakralehren von Indien nach Tibet im Jahre 1027 war das entscheidende Ereignis gewesen, das die Neuverankerung des Buddhismus nach einer langen Periode der Verwirrung bestätigte. Rinpoche hoffte, dass die jetzige Ermächtigung demselben Zweck dienen würde.

Serkong Rinpoche war ebenfalls ein großer Förderer der Lehren. Beispielsweise gab er jegliche Spenden, die er in Spiti erhalten hatte, an das Kloster zurück. Durch diese großzügige Stiftung war es der Tabo Gompa möglich, ein jährliches Gebetsfest ins Leben zu rufen, während dessen die dortigen Menschen für ein dreitägiges Rezitieren des Om Mani Padme Hum zusammenkommen. Diese heiligen Silben (Mantra) stehen in Verbindung mit Avalokiteshvara, der Buddhagestalt (Yidam), die das Mitgefühl verkörpert und allen Anhängern des tibetischen Buddhismus besonders nahe steht. Die Rezitation dieses Mantras hilft einem, auf die Liebe zu allen Wesen ausgerichtet zu bleiben.

Rinpoche benutzte die Spenden, die er auf seiner ersten Tour im Westen erhalten hatte, um ein riesiges Applique-Rollbild in Auftrag zu geben, welches die Buddhagestalt Kalachakra abbildete. Er schenkte es Seiner Heiligkeit, damit jener es benutzen konnte, wenn er in verschiedene Gegenden reiste, um die Ermächtigung in dieses Meditationssystem zu übertragen. Mit diesem Spendengeld gab er auch einen vollständigen Zyklus von Rollbildern des Lebens von Tsongkhapa in Auftrag, die er seinem Kloster Ganden Jangtse schenkte. Jahre zuvor hatte er dabei geholfen, dieses Kloster in Mundgod in Südindien neu aufzubauen. Mit den Spenden, die er während seiner zweiten Tour im Westen erhalten hatte, brachte er umfangreiche Gaben an die mehr als 4.000 Mönche und Nonnen dar, die im Drepung-Kloster in Mundgod im März 1983 zur ersten vollständigen Mönlam-Feier in Indien zusammengekommen waren. Mönlam ist das Gebetsfest, das traditionell in Lhasa abgehalten wird und zu dem alle Ordinierten für einen Monat gemeinsamer religiöser Hingabe zusammenkommen.

Obwohl Rinpoche ein Meister des Rituals und Protokolls war, blieb er natürlich und verabscheute Formalitäten. Als er zum Beispiel den Westen bereiste, nahm er nie verzierte Ritualgegenstände oder Gemälde mit. Übertrug er dort eine Ermächtigung, zeichnete er jegliche benötigte Gestalt selbst, benutzte Kekse oder Kuchen anstatt der modellierten Teigdarbringungen (Torma) und verwendete Blumenvasen und sogar Milchflaschen als Ritualvase. Waren während seiner Reise keine besonderen Vorbereitungen für das zweimal pro Monat stattfindende Tsog-Ritual gemacht worden -- eine Zeremonie, während der geweihter Alkohol, geweihtes Fleisch und geweihte Tormas, Früchte und Süßigkeiten dargebracht werden -- dann brachte er im Stillen dar, was ihm gerade als Mahlzeit gebracht wurde.

Darüber hinaus präsentierte Rinpoche die Lehren des Buddha immer seiner Zuhörerschaft entsprechend. Einmal wurde Rinpoche in das Mount Tremper Zen Center in der Nähe von Woodstock, New York, eingeladen. Die Leute dort baten ihn, eine Erlaubnis-Zeremonie (Jenang) für die Praxis von Manjushri, der die Weisheit verkörpernden Buddhagestalt, zu übertragen. In Übereinstimmung mit der Einfachheit der Zen-Tradition setzte sich Rinpoche auf den Boden, nicht auf einen Thron, und gab den Jenang ohne irgendwelche Ritualinstrumente und ohne ausgeschmückte Zeremonie.

Seine Heiligkeit beschrieb Tsenzhab Serkong Rinpoche oft als einen echten Kadampa-Geshe. Die Kadampa-Geshes waren tibetisch-buddhistische Meister des elften bis dreizehnten Jahrhunderts, die für ihre ernsthafte und direkte Praxis sowie für ihre Bescheidenheit bekannt waren. Während eines Vortrags sagte Seine Heiligkeit mit Bezug auf Rinpoche zum Beispiel, dass der einzige, der hier bescheiden dasitze, jemand sei , der das in keiner Weise müsste, während alle anderen auf arrogante Weise dasäßen. Als Rinpoche einmal nach seinem wichtigsten Ratschlag gefragt wurde, nannte er, immer bescheiden schlicht und warmherzig zu sein und jeden ernst zu nehmen.

Rinpoche lebte sein Leben in völliger Übereinstimmung mit diesem Rat. Einmal hielt sich Rinpoche in der großen Wohnung einer Familie in Mailand auf. Die meisten der hohen Lamas, die in diese Stadt gekommen waren, waren in dieser Wohnung untergebracht gewesen. Die Großmutter des Hauses sagte, dass sie von all diesen Lamas Serkong Rinpoche am meisten möge. Die anderen hätten in ihrem Zimmer gesessen, seien sehr formell gewesen und hätten ihre Mahlzeiten alleine zu sich genommen. Im Gegensatz dazu komme Serkong Rinpoche früh am Morgen in seinem Unterrock und Unterhemd in die Küche. Er trinke seinen Tee ganz schlicht am Küchentisch, während er mit seinen Gebetsperlen Mantras sage, völlig entspannt und lächelnd, während sie das Frühstück vorbereitete.

Rinpoche lehrte auch andere, alle Anmaßung fallen zu lassen. Einmal luden die westlichen Mönche des Klosters Nalanda in Frankreich Rinpoche ein, drei Tage lang zu lehren. Sie erbaten eine Erklärung des äußerst schwierigen Kapitels über Weisheit aus dem „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ (Skt. „ Bodhicharyavatara) des indischen Meisters Shantideva aus dem achten Jahrhundert. Rinpoche begann seinen Vortrag, indem er die Leerheit auf einer derart verfeinerten und komplizierten Ebene lehrte, dass niemand mitkommen konnte. Dann unterbrach Rinpoche und schimpfte mit den Mönchen, weil sie so anmaßend seien. Er fragte sie, wie sie denn auf die Idee kämen, dass dies einfach sei und dass sie das gesamte Thema in drei Tagen verstehen würden, wo doch Tsongkhapa derartige Schwierigkeiten beim Erlangen des korrekten Verstehens der Leerheit gehabt habe und derart große Mühen auf die vorbereitenden Übungen verwendet habe.. Rinpoche fuhr dann fort, den Text auf einer einfacheren Ebene zu lehren, auf der die Mönche nun mitkommen konnten.

Rinpoche sagte einmal, dass ihn am Westen nichts beeindrucke, außer das ernsthafte Interesse, das so viele Menschen für die Lehren des Buddha zeigten. Dementsprechend respektierte er das Interesse eines/einer jeden, der/die Anweisungen erbat. Obwohl er auf der Ebene lehrte, die der/die Angesprochene verstehen konnte, zog er ihn/sie immer ein wenig über die Grenzen dessen hinüber, von dem er/sie meinte, dass es sein/ihr Fassungsvermögen sei. Rinpoche, der den Zirkus liebte, sagte oft, dass wenn man einem Bär beibringen könne, Fahrrad zu fahren, man einem Menschen mit geschickten Mitteln und Geduld alles beibringen könne.

Einmal bat ein Westler, der wie ein Hippie aussah, neu im Buddhismus war und mit Drogen zugekifft, Rinpoche, ihn die sechs Praktiken von Naropa zu lehren. Für gewöhnlich studiert man dieses äußerst fortgeschrittene Thema erst nach vielen Jahren intensiver Meditation. Anstatt den jungen Mann als absurd und arrogant abzuweisen, stimmte Rinpoche zu und sagte zu ihm, dass sein Interesse exzellent sei. Zunächst aber müsse er sich vorbereiten, und so lehrte ihn Rinpoche die vorbereitenden Übungen. Indem er das Interesse der Leute an Selbstentwicklung ernst nahm, inspirierte Rinpoche viele Westler dazu, sich selbst ernst zu nehmen. Das half vielen in großem Maße, auf dem spirituellen Pfad fortzuschreiten.

Ganz egal, wen er traf - Seine Heiligkeit den Papst, einen Betrunkenen auf der Straße oder eine Gruppe Kinder - Rinpoche behandelte sie alle mit Gleichmut und gleichem Respekt. Er blickte nie auf jemanden herab, suchte niemandes Gunst und versuchte niemanden zu beeindrucken. Einmal baten die Mitglieder des Wisdom´s Golden Rod Center in Ithaca, New York, Rinpoche, zu ihren Kindern zu sprechen. Er teilte den Jugendlichen mit, wie sehr er sie respektiere, weil sie jung und offen seien. Sie hätten das Potential, ihre Eltern zu übertreffen. Auf diese Weise inspirierte er die Kinder dazu, sich selbst zu respektieren.

Obwohl Serkong Rinpoche oft die karmische Beziehung sehen konnte, die er mit den Leuten hatte, die er traf, gab er nie vor, mehr helfen zu können als tatsächlich der Fall war. Einmal kam ein Mann aus der Schweiz in Dharamsala auf ihn zu und erklärte, dass er unter Problemen leide, die von Geistern stammten. Rinpoche erwiderte, dass er nicht die karmische Beziehung besitze, um ihm mit diesem Problem helfen zu können, und verwies ihn dann an einen anderen Lama, der diese besaß. Andere Menschen schien Rinpoche allerdings sofort zu erkennen, und dann pflegte er beim ersten Zusammentreffen seinen Begleiter zu bitten, die Adresse dieser Personen aufzuschreiben. Unweigerlich entwickelten sich tiefe Beziehungen. Ich war unter diesen Glücklichen, obwohl Rinpoche keinen Anlass gesehen hatte, meine Adresse aufzunehmen. Ich kam von selbst zurück.

Die Ausbildung mit Rinpoche

Ich traf auf Serkong Rinpoche erstmals im Januar 1970 in Bodhgaya. Sharpa und Khamlung Rinpoche, zwei junge, reinkarnierte Lamas, die in Amerika unter der Leitung von Geshe Wangyel Englisch studiert hatten, hatten ihn mir empfohlen. Serkong Rinpoche würde es möglich sein, mich zu dem geeignetsten Lehrer für das Studium von Guhyasamaja (der Ansammlung verborgener Faktoren) zu dirigieren: Ich hatte dieses komplexe Tantra-System als Thema meiner Doktorarbeit ausgewählt, nachdem ich die Sanskrit- und die tibetische Version eines kleinen Teils des kryptischen Haupttextes in einem Absolventen-Seminar verglichen hatte.

Obwohl meine linguistischen Studien mich für ein derart fortgeschrittenes Studium völlig unvorbereitet gelassen hatten, nahm mich Serkong Rinpoche ernst. Er schlug Kenzur Yeshe-Döndrub vor, den im Ruhestand befindlichen Abt von Gyütö, dem oberen tantrischen Kolleg, der viele Jahre später zum Haupt der Gelug-Tradition wurde. Ich fühlte mich geehrt, dass Rinpoche einen derart bekannten Meister ausgewählt hatte.

Mehrere Monate später traf ich den Abt in seiner winzigen Hütte aus Schlamm und Kuhdung hoch oben über Dalhousie, dem Bergdorf in der Nähe von Dharamsala, wo das Gyütö-Kloster gelegen war und ich mich niedergelassen hatte. Der bescheidene alte Mönch hatte gerade zwei aufeinander folgende Drei-Jahres-Meditationsklausuren vollendet. Als ich ihn darum bat, mich zu lehren, stimmte der Abt bereitwillig zu. Er teilte mir mit, dass ich gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen sei. Er beginne eine intensive Drei-Jahres-Klausur auf das Guhyasamaja-System am folgenden Tag. Ob ich mitmachen wolle? Ich musste natürlich ablehnen, lernte aber die Lektion, die mir Rinpoche auf die klassisch-buddhistische Art erteilt hatte. Rinpoche hatte die Umstände herbeigeführt, in denen ich die Wahrheit selbst erkennen konnte. Um dieses fortgeschrittenste Tantra zu studieren und zu praktizieren, würde ich vom Anfang her beginnen müssen.

Bald darauf änderte ich mein Dissertationsthema in einen bescheideneren Gegenstand - die mündliche Tradition des Lam-rim, der Stufen des Pfades - und arrangierte, die Grundlagen mit dem Lehrer von Sharpa und Khamlung Rinpoche, dem Geshe Ngawang Dhargye, zu studieren. Geshe ist der klösterliche Rang, der grob einem Doktorgrad entspricht, und die Fähigkeiten Geshe Dhargyes als gelehrter Lehrer hatten ihm die Position eines Tutors von fünf „Teenagern“, die reinkarnierte Lamas waren, eingebracht. Zu jener Zeit lebte Geshe Dhargye in einem umfunktionierten Kuhstall, der vor Fliegen nur so wimmelte. Er war so winzig, dass nur sein Bett hineinpasste und noch genug Platz blieb, sodass drei Leute zusammengezwängt am Boden sitzen konnten. Obwohl mich die Umstände, in denen er lebte, in Aufruhr versetzten, ließ ich mich zu meinen Studien nieder. Ich musste auch mehr modernes gesprochenes Tibetisch lernen: In Harvard hatte ich lediglich die klassische, geschriebene Sprache studiert. Das nächste Mal, dass ich Serkong Rinpoche traf, war im Juni jenes Jahres. Eine schreckliche Cholera- und Typhusepidemie war in jener Gegend ausgebrochen und Seine Heiligkeit hatte Rinpoche gebeten, nach Dalhousie zu kommen, um die Hayagriva-Ermächtigung zu übertragen. Die Praxis dieser kraftvollen Buddhagestalt, zusammen mit Hygiene, hilft den Leuten, die Infektion zu vermeiden. Obwohl ich unter der Handvoll Westler war, welche die Initiation erhielten, gab es keine Gelegenheit, Rinpoche privat zu treffen. Er hatte diese Ermächtigung noch an anderen Orten zu übertragen und verließ Dalhousie eiligst.

Zu der Zeit, als wir das nächste Mal zusammentrafen, war es zu vielen Veränderungen gekommen. Im Herbst 1971 bat Seine Heiligkeit Geshe Dhargye, den Fremden an der neu errichteten Library of Tibetan Works & Archives in Dharamsala den Buddhismus zu lehren. Die Rinpoches Sharpa und Khamlung waren als seine Übersetzer mit dabei. Ich fragte nach, ob ich in der Library ebenfalls helfen dürfte durch Textübersetzungen, und Seine Heiligkeit stimmte zu. Zuerst sollte ich meine Dissertation einreichen, meinen Doktor erhalten und dann zurückkehren. Der kürzlich weniger als 100 Meilen entfernt ausgebrochene Grenzkrieg mit Pakistan überzeugte mich, ohne Aufschub abzureisen. Ich kehrte nach Harvard zurück und befolgte den Rat Seiner Heiligkeit. Nachdem ich, sehr zur Überraschung meiner Professoren, die Karriere des Lehrens an der Universität dankend abgelehnt hatte, zog ich einige Monate später im September 1972 nach Dharamsala um.

Serkong Rinpoche war gerade nach Nepal abgereist, um dort zwei Jahre lang einigen der dortigen neu errichteten Klöster Ermächtigungen und mündliche Übertragungen zu geben. Als er im Herbst 1974 nach Dharamsala zurückkehrte, konnte ich endlich ausreichend gut Tibetisch sprechen, um mit ihm direkt kommunizieren zu können. Obwohl ich das zunächst nicht erkannte, schien Rinpoche zu wissen, dass ich die karmische Beziehung besaß, sein Übersetzer zu sein. Er deutete dies an, indem er mich dazu ermutigte, ihn oft zu besuchen und an seiner Seite zu sitzen, während er verschiedene Leute empfing. Er sich mit mir und erklärte verschiedene Worte auf Tibetisch, um sicherzustellen, dass ich die Konversation verstanden hatte.

Kurze Zeit später beschenkte mich Rinpoche mit einer Gruppe drei wunderbarer Rollbilder des weißen Manjushri, der weißen Sarasvati und der weißen Tara, die ihm die Menschen von Spiti kürzlich dargebracht hatten. Diese Buddha-Gestalten hatten für seine persönliche Entwicklung und Meditationspraxis von frühester Kindheit an im Zentrum gestanden. Sie verkörpern der Reihe nach die Klarheit des Geistes, anderen zu helfen, die hervorragende Einsicht für klaren und kreativen literarischen Ausdruck sowie die vitale Energie für ein langes und produktives Leben. Dieses tiefschürfende Geschenk bestätigte unsere Beziehung. Als ich Rinpoche fragte, ob ich sein Schüler sein könne, lächelte er geduldig über meine typisch westliche Gewohnheit, alles, was ganz manifest offensichtlich ist, verbalisieren zu müssen.

Rinpoche fing dann an, mich systematisch zum Übersetzer auszubilden, ohne je auszusprechen, dass es dies war, was er tat. Zuerst arbeitete er an meinem Erinnerungsvermögen. Jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, forderte Rinpoche mich in unerwarteten Momenten auf, Wort für Wort zu wiederholen, was er gerade gesagt hatte. Ebenso bat er mich, zu wiederholen, was ich selbst gerade gesagt hatte. Als ich erst einmal angefangen hatte, für ihn zu übersetzten - im Herbst 1975 -, forderte Rinpoche mich oft dazu auf, seine Worte ins Tibetische zurückzuübersetzen, um sicherzustellen, dass es zu keinen Fehlern, Zusätzen oder Weglassungen gekommen war. Tatsächlich hatte ich während der acht Jahre, in denen ich ihm als Übersetzer diente, das Gefühl, dass ich jedes Mal, wenn Rinpoche mich in dieser Weise zurückzuübersetzen bat, unweigerlich falsch verstanden hatte, was er sagte. Rinpoche schien es immer zu spüren, wenn ich einen Fehler machte.

Dann begann Rinpoche, am Ende der Sitzungen fünfminütige Zusammenfassungen seiner Belehrungen zu geben und mir dann mitzuteilen, dass es nun an mir sei, zusammenzufassen. Auf diese Weise schulte er mich nicht nur darin, sehr lange Reden zu übersetzen, sondern auch zu lehren. Manchmal unterhielt er sich sogar mit seinen Begleitern, während ich meine Zusammenfassungen machte, um so meine Konzentrationsfähigkeit herausfordern. Ein guter Lehrer darf sich vom Lärm draußen weder ablenken noch entnerven lassen.

Wenn Rinpoche mich privat lehrte, ließ er es nicht zu, dass ich Notizen machte. Ich musste alles erinnern und später niederschreiben. Bald gab mir Rinpoche nach meinem Unterricht unzählige Dinge zu tun, sodass ich meine Notizen erst viel später, in der Nacht, niederschreiben konnte. Schließlich kam es so weit, dass Rinpoche mich manchmal während einer Belehrung, die ich übersetzte, unterbrach und mir, ganz nebenbei privat etwas bezüglich meines Unterrichts zu einem völlig anderen Thema erklärte. Dann, ohne mir auch nur einen Augenblick zu geben, um über seine Worte zu reflektieren oder irgendetwas aufzuschreiben, nahm er seine ursprüngliche Belehrung wieder auf.

Wann immer ich Rinpoche eine Frage stellte über etwas, dass er mir zuvor mitgeteilt hatte, schimpfte er mich wegen meiner mangelnden Erinnerung ernstlich aus. Ich erinnere mich daran, wie ich ihn einmal nach der Bedeutung eines Ausdrucks fragte und Rinpoche darauf scharf antwortete: „ Ich habe dir dieses Wort vor sieben Jahren erklärt! Daran erinnere ich mich ganz klar. Warum erinnerst du dich nicht?“ Tatsächlich hat er mir gegenüber einmal bemerkt, dass je älter er würde, desto klarer würde sein Geist.

Serkong Rinpoche war nicht nur daran interessiert, dass ich ein gutes Erinnerungsvermögen entwickelte, sondern auch daran, dass ich akkurat übersetzte. Aus seiner Erfahrung mit dem Lehren von Westlern erkannte er, dass viel von ihren Missverständnissen aus fehlleitenden Übersetzungen bestimmter Fachbegriffe herstammte. Folgerichtig arbeitete er daran mit, neue Terminologie im Englischen zu entwickeln. Er erklärte geduldig die Konnotation jedes tibetischen Begriffs und fragte dann nach den Implikationen möglicher englischer Äquivalente, um zu versuchen, die Bedeutungen in Einklang zu bringen. Er ermutigte mich immer dazu, mit neuen Begriffen zu experimentieren und mich nicht von unzureichenden Konventionen versklaven zu lassen. Die tibetische Standard-Terminologie, benutzt zur Übersetzung buddhistischer Texte aus dem Sanskrit, entwickelte sich schrittweise über Jahrhunderte hinweg. Es ist nur natürlich, dass ein ähnlicher Revisionsprozess beim Übersetzen in westliche Sprachen auftreten wird.

Als ich ursprünglich Rinpoche ersucht hatte, mich als Schüler anzunehmen, hatte ich ihn gebeten, mir insbesondere geschickte Mittel beizubringen - wie man anderen auf mitfühlende und weise Art hilft. Von einem akademischen Elite-Hintergrund kommend, in dem ich mich immer ausgezeichnet hatte, war meine persönliche Entwicklung einseitig gewesen. Für mich war es nötig, soziale Fähigkeiten und Bescheidenheit zu erlernen. Folgerichtig nannte mich Rinpoche nur bei einem Namen – „ Dummy (Dummkopf)“ - und zeigte unweigerlich alles Dumme oder Falsche auf, das ich sagte oder machte. Wenn er mich zum Beispiel übersetzen ließ, bestand Rinpoche darauf, dass ich vollständig verstehe. Jedes Mal, wenn ich stockte, war es ganz egal, wie lange es brauchte oder wie beschämt ich wurde, weil er mich einen Idioten nannte. Er ließ nie ein Wort durchgehen ohne mein Verstehen und meine korrekte Übersetzung. Obwohl derartige Methoden unangebracht wären für von niedrigem Selbstwertgefühl geplagte Schüler, passte sein kompromissloser Ansatz für mich perfekt.

Einmal gab Rinpoche in Lavaur in Frankreich einen Diskurs über einen Kommentar zu einem komplizierten Text. Als ich mich zum Übersetzen niederließ, bat mich Rinpoche, ebenfalls verschiedene Editionen des Kommentars zu vergleichen und den Text zu redigieren, während wir ihn durchgingen. Ich hatte keinen Stift, aber direkt vor mir saß eine Frau mit strahlend rot gefärbten Haaren, üppig aufgetragenem roten Lippenstift und einer roten Rose, die sie während der gesamten Belehrung zwischen den Zähnen hielte. Ich fragte, ob irgendjemand einen Stift übrig hätte, den er mir leihen könnte, und sie bot mir ihren an. Am Ende der Sitzung war ich völlig verausgabt. Als ich aufstand streckte mir die Frau ohne ein Wort zu sagen ihre Hand entgegen. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich dachte, sie wolle mir die Hand schütteln, um mir zu meiner guten Leistung zu gratulieren. Als ich meine Hand ebenfalls ausstreckte, rief Rinpoche: „ Dummy, gib ihr ihren Stift zurück!“

Um meine Ich-Zentriertheit zu dämpfen, lehrte mich Rinpoche, Dinge ausschließlich für andere zu tun. Dies tat er, indem er nie zustimmte, mir irgendwelche Belehrungen oder Ermächtigungen zu geben, die ich für mich selbst erbat. Er willigte nur dann ein, wenn jemand anderes ersuchte und ich der Übersetzer war. Rinpoche lehrte mich individuell lediglich diejenigen Dinge, die er selbst als wichtig für mich zu lernen ansah.

Darüber hinaus lobte mich Rinpoche nie direkt, sondern schimpfte ständig mit mir. Dies tat er insbesondere vor anderen, damit ich unverstört von Kritik und Druck würde. Tatsächlich erinnere ich mich nur an ein einziges Mal, an dem Rinpoche mir für meine Hilfe dankte, und zwar am Ende unserer ersten gemeinsamen Tour im Westen. Auf diese emotional machtvolle Weise schulte mich Rinpoche darin, einfach von dem Wunsch, anderen zu nutzen, motiviert zu sein und nicht von dem Wunsch nach Lob oder um meinen Lehrer zu erfreuen. Als ich erkannte, dass ich, wenn ich auf seinen Dank wartete, einem Hund ähnelte, der darauf wartet, über den Kopf gestreichelt zu werden, hörte ich bald auf, irgendwelche Zeichen der Anerkennung zu erwarten. Selbst wenn er mich gelobt hätte, was anderes hätte ich tun können, als mit dem Schwanz zu wedeln?

Rinpoche hat die Leute immer dazu ermutigt, die großen Schriften selbst lesen zu lernen. Wann immer jemand Zweifel oder Fragen hatte, bewegte Rinpoche diese Person dazu, nachzuschauen und zu überprüfen. Er erklärte, dass er diese Lehren nicht erfunden hätte, sondern dass sie aus verlässlichen Quellen stammten. Rinpoche sagte auch, dass niemand erwarten könne, dass ein Lama ihn oder sie alles lehre. Darüber hinaus wiederholte er für die Westler die Aussage Seiner Heiligkeit, dass für die nächsten zweihundert Jahre oder länger die volle Breite der Lehren des Buddha ausschließlich auf Tibetisch zur Verfügung stehen werde. Er ermutigte daher seine westlichen Schüler eindriglich, Tibetisch zu lernen. Er sagte, dass jede Silbe der tibetischen Sprache voller Bedeutung sei. Daher arbeitete Rinpoche während seiner Belehrungen oft die Konnotationen der tibetischen Fachausdrücke heraus.

In Übereinstimmung mit diesem Ansatz ließ mich Rinpoche meine Studien durch das Lesen von Texten fortsetzen und erlaubte mir, jedwede Frage zu stellen, die ich zu ihnen hätte. Er meinte, dass wenn sie in dieser Weise vorgehen, die Schüler schließlich an jeder Stelle der buddhistischen Literatur studieren könnten, vergleichbar dem Schwimmen im Ozean oder dem Fliegen in der Luft. Erklärend, dass Lamas ihre Schüler lehren müssen, auf ihren eigenen Füßen zu stehen und dann zu fliegen, gab er Anleitung, was studiert bzw, gelesen werden sollte. Dann warf er seine Schüler aus dem Nest werfen und ließ sie allein losziehen.

Rinpoche benutzte viele Methoden, um mich zu lehren, nicht von ihm in irgendeiner Weise abhängig zu werden. Zum Beispiel hat Rinpoche, obwohl er und ich eine äußerst enge Beziehung hatten, nie vorgegeben, fähig zu sein, mir in allen Situationen zu helfen. Einmal war ich ziemlich krank und die Medizin, die ich einnahm, war von keinerlei Hilfe. Als ich Rinpoche um eine Divination darüber bat, auf welches medizinische System - westlich, tibetisch oder indisch - und auf welchen Arzt sich zu stützen am besten wäre, sagte mir Rinpoche, dass momentan seine Divinationen unklar seien. Er schickte mich stattdessen zu einem anderen großen Lama, der mir dabei half, eine effektivere Behandlungsmethode zu finden. Bald war ich wieder gesund.

Nach einigen Jahren erkannte ich, dass Rinpoche mich dazu schulte, für Seine Heiligkeit zu übersetzen. Tatsächlich hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich wie ein Geschenk war, das Rinpoche vorbereitete, um es ihm zu schenken. Um richtig dienen zu können, durfte ich allerdings nie an Seine Heiligkeit anhaften oder von ihm abhängig werden. Ich würde lediglich wie einer von vielen Golfschlägern sein, aus denen Seine Heiligkeit auswählen konnte, um seine Übersetzungsbedürfnisse zu erfüllen. Weiter würde ich enormem Druck aushaltebn müssen und mein Ego besiegen.

Rinpoche lehrte mich daher, wie man sich richtig benimmt, wenn man einem Dalai Lama dient. Zum Beispiel dürfen Übersetzer seiner Heiligkeit niemals ihre Hände wie in einem Tanz bewegen, noch ihn wie in einem Zoo anstarren. Stattdessen müssen sie ihren Kopf gesenkt halten, völlig konzentriert bleiben und niemals irgendetwas von ihrer eigenen Person hinzufügen. Sie müssen die Menschen und Punkte in der Reihenfolge auflisten, in der Seine Heiligkeit sie erwähnt, nie irgendetwas verändernd oder irgendetwas, das Seine Heiligkeit sagt, als ohne Bedeutung oder Absicht ansehend.

Die Titel von Lamas müssen korrekt übersetzt werden, genau wie Seine Heiligkeit sie benutzt, und nicht in der Art, in der Ausländer so gut wie jeden Lama „Seine Heiligkeit“ nennen. Anstatt diese Lamas zu ehren, degradiert diese uniforme westliche Gewohnheit den Dalai Lama. Tatsächlich würden diese Lamas erschrecken, wenn sie wüssten, dass die Fremden sich auf sie mit denselben Ehrentiteln beziehen wie auf den Dalai Lama. Genau wie in der katholischen Kirche und im diplomatischen Corps folgt das tibetische Protokoll und seine hierarchische Benutzung von Titeln strengen Regeln. Wenn ich für Seine Heiligkeit übersetzte, saß Serkong Rinpoche oft mir gegenüber. Ihn zu sehen half mir, seine Schulung gegenwärtig zu halten. Als ich zum Beispiel einmal in Dharamsala vor einer Zuhörerschaft von einigen hundert Westlern und mehreren tausend Tibetern übersetzte, unterbrach mich Seine Heiligkeit und brüllte vor Lachen: „Er hat gerade einen Fehler gemacht!“ Seine Heiligkeit versteht Englisch vollkommen. Obwohl ich mich wie eine Ameise unter den Teppich verkriechen wollte, half es Dummy, seine Fassung zu bewahren, dass Rinpoche in seinem Blickfeld saß.

Manchmal benötigte ich allerdings kraftvolle Erinnerungen an meinen Unterricht. Zum Beispiel: Eines der ersten Male, dass ich für Seine Heiligkeit übersetzte, war bei einem Vortrag, den er ungefähr zehntausend Menschen unter dem Bodhibaum in Bodhgaya hielt. Mein Mikrophon fiel aus und so brachte mich Seine Heiligkeit dazu, praktisch in den Schoß des Rezitationsleiters zu klettern, um dessen Übertragungsanlage zu nutzen. Diese fiel ebenfalls aus. Seine Heiligkeit ließ mich dann auf dem Boden zwischen seinem Thron und Serkong Rinpoche in der ersten Reihe sitzen und gab sein eigenes Mikrophon zwischen den Sätzen an mich weiter. Ich war so entnervt, dass ich mich kaum beherrschen konnte. Ich nahm das Mikrophon von Seiner Heiligkeit nur mit einer Hand entgegen und gab es auch nur mit einer Hand zurück, anstatt mit zwei ausgestreckten Händen in der üblichen respektvollen Weise. Danach schlug mich Rinpoche beinah, weil ich das Mikrophon genommen hatte wie ein Affe, der nach einer Banane grabscht.

Rinpoche trug auch Sorge dafür, dass sich Westler im Allgemeinen Seiner Heiligkeit im besten Licht zeigten. Ihr Verhalten bei den öffentlichen Belehrungen Seiner Heiligkeit entsetzte ihn oft. Er sagte, dass es wichtig sei, zu erkennen, wer Seine Heiligkeit ist. Er ist kein gewöhnlicher reinkarnierter Lama. In seiner Gegenwart zu sein erfordert besonderen Respekt und besondere Bescheidenheit. So ist es zum Beispiel äußerst ungehörig, während Teepausen bei einer Initiation oder einem Vortrag im Blickfeld Seiner Heiligkeit zu stehen und sich zu unterhalten, als ob er gar nicht da wäre. Das richtige Verhalten ist, für jede Art von Konversation nach draußen zu gehen.

Einmal sponserte eine westlich-buddhistische Organisation einen Vortrag, den ich für Seine Heiligkeit in Dharamsala übersetzte. Seine Heiligkeit hatte angeboten, schriftliche Fragen zu beantworten. Nach jeder Sitzung bat mich Rinpoche, ihm die für den nächsten Tag eingereichten Fragen vorzulesen, und er verwarf entschieden alle dummen und trivialen. Oft trug mir Rinpoche auf, die Fragen neu zu formulieren, sodass sie tiefschürfender wären. Sie sollten die Zeit Seiner Heiligkeit nicht verschwenden und auch nicht die Gelegenheit für viele Menschen, von der Antwort zu profitieren. Mehrmals bemerkte Seine Heiligkeit, wie exzellent und tiefgehend die Fragen waren. Ich lernte daraus, selber diesem Editionsprozess zu folgen, wann immer ich mit Seiner Heiligkeit reiste.

Rinpoches Umgang damit, ein Großer Lehrer zu sein

Sich auf einen spirituellen Lehrer mit ganzem Herzen einzulassen ist eine der schwierigsten und delikatesten buddhistischen Praktiken. Große Sorgfalt muss darauf verwendet werden, dass dies in der richtigen Weise eingerichtet und beibehalten wird. Steht dies einmal auf einer guten Grundlage, kann es durch nichts zunichte gemacht werden. Serkong Rinpoche unternahm große Anstrengungen, um sicherzustellen, dass dies zwischen ihm und mir der Fall wäre. Eines Abends, am Ende des großen Mönlam-Festes in Mundgod, erzählte mir Rinpoche die komplizierte Angelegenheit der Finanzen seines dortigen Grundstücks. Obwohl seine anderen helfenden Begleiter das Gefühl hatten, dass dies unnötig sei, sagte Rinpoche, dass es wichtig für mich sei, dies zu wissen. Selbst für den Fall, dass ich später falsche Gerüchte aus eifersüchtigen Ecken über dieses Thema zu hören bekommen würde, wollte er sicherstellen, dass ich nie auch nur einen Moment Zweifel an seiner Integrität oder an meiner aufrichtigen Bindung an ihn.

Eine aufrichtige Bindung an einen spirituellen Lehrer erfordert eine intensive und lange gegenseitige Prüfung zwischen voraussichtlichem Schüler und Lehrer. Obwohl die Schüler nach sorgfältiger, genauer Untersuchung ihre Lamas als einen Buddha ansehen müssen, bedeutet dies nicht, dass spirituelle Meister unfehlbar sind. Schüler müssen immer überprüfen, was die Lehrer sagen, und, falls nötig, in höflicher Weise weitere Vorschläge anbringen. Immer wach, müssen sie respektvoll alles korrigieren, was ihre Lamas Seltsames sagen oder tun.

Einmal versuchte Rinpoche diesen Punkt den westlichen Mönchen des Klosters Nalanda in Frankreich aufzuzeigen. Während eines Vortrags erklärte er etwas absichtlich völlig inkorrekt. Obwohl das, was er sagte, haarsträubend absurd war, schrieben die Mönche alle seine Worte respektvoll in ihre Notizhefte. In der nächsten Sitzung schimpfte Rinpoche die Mönche und sagte zu ihnen, dass er in der letzten Stunde etwas auf völlig lächerliche, falsche Weise erklärt hätte. Warum hatte ihn niemand in Frage gestellt? Er teilte ihnen mit, dass sie - wie es der Buddha selbst geraten hatte - nie einfach blind und unkritisch akzeptieren dürfen, was ein Lehrer sagt. Selbst die großen Meister machen hin und wieder einen Versprecher, Übersetzer machen häufig Fehler und Schüler machen ständig ungenaue und konfuse Notizen. Wenn etwas seltsam erscheint, müssen sie es immer in Frage stellen und jeden Punkt anhand der großen Texte überprüfen.

Rinpoche persönlich stellte selbst die buddhistischen Standardkommentare in Frage. Damit folgte er dem Beispiel Tsongkhapas. Dieser Reformator des vierzehnten Jahrhunderts bemerkte, dass viele hochgeehrte Texte sowohl indischer wie auch tibetischer Meister sich gegenseitig widersprachen oder unlogische Aussagen beinhalteten. Tsongkhapa deckte diese Punkte auf und untersuchte sie genau, indem er entweder Positionen zurückwies, die der logischen Begründung nicht standhalten konnten, oder neue, einsichtsreiche Interpretationen von Passagen gab, die zuvor missverstanden worden waren. Nur diejenigen, welche eine ausgedehnte Kenntnis der Schriften und tiefe Meditationserfahrung besitzen, sind dazu qualifiziert, sich auf derart neues Terrain zu begeben. Serkong Rinpoche war einer von ihnen.

Kurz vor seinem Tod rief mich Rinpoche zum Beispiel zu sich und legte mir eine Passage eines der schwierigsten philosophischen Texte Tsongkhapas, der „Essenz der ausgezeichneten Erklärung auslegbarer und eindeutiger Bedeutungen“ (Drang-nges legs-bshad snying-po), dar. Rinpoche rezitierte diese mehrere hundert Seiten umfassende Abhandlung jeden Tag auswendig als Teil seiner täglichen Praxis. Die Passage behandelte die Stufen zur Beseitigung von Verwirrung aus dem Geist und insbesondere das Thema „Samen“ der Verwirrung. Die Standardkommentare interpretieren diese Samen als sich verändernde Phänomene, die weder etwas Körperliches sind noch eine Art, von etwas Kenntnis zu erlangen. Um diesen Punkt zu vermitteln, hatte ich den Begriff als „ Tendenzen“ statt als „Samen“ übersetzt. Unter Heranziehung von Logik, Erfahrung und anderen Passagen des Textes erklärte Rinpoche, dass ein Reissamen immer noch Reis ist. Daher ist ein Same der Verwirrung eine „Spur“ der Verwirrung. Diese revolutionäre Interpretation hat tiefgehende Auswirkungen für das Verstehen des Unterbewussten und die Arbeit damit.

Trotz seiner innovativen Brillanz legte Serkong Rinpoche zu allen Zeiten und in jeder Weise Wert auf Bescheidenheit und die Abwesenheit von Überheblichkeit. Dementsprechend baute er, obwohl Rinpoche der höchste Lama seines Klosters in Mundgod war, kein ostentatives, großartiges Haus, sondern lediglich eine einfache Hütte. Sein Haus in Dharamsala war ebenfalls äußerst bescheiden und hatte nur drei Räume für vier Menschen, für häufige Besucher sowie zwei Hunde und eine Katze.

Gerade so, wie Rinpoche jedwede Darstellung seiner Größe vermied, versuchte er auch seine Schüler davon abzuhalten, ihn zu „vergrößern“. So drehen sich zum Beispiel einige Meditationspraktiken um die Beziehung zum eigenen spirituellen Lehrer, wie zum Beispiel das als „ Guru-Yoga“ bekannte Durchführen ausführlicher Visualisationen und das Wiederholen eines Mantras, das den Sanskrit-Namen des Lamas beinhaltet. Für die Guru-Yoga-Praxis wies Rinpoche seine Schüler immer an, Seine Heiligkeit den Dalai Lama zu visualisieren. Wenn er nach seinem Namensmantra gefragt wurde, gab Rinpoche für die Rezitation immer den Namen seines Vaters. Der Vater von Rinpoche, Serkong Dorjechang, war einer der größten Praktizierenden und Lehrer zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Er war der Linienhalter des Kalachakra seiner Zeit, was bedeutet, dass er der anerkannte Meister war, verantwortlich für die Übertragung der Ansammlung des Wissens und der Meditationserfahrung des Kalachakra auf die nächste Generation.

Die bescheidene Art Rinpoches manifestierte sich auch auf vielerlei andere Weise. Wenn Rinpoche reiste, folgte er zum Beispiel dem Vorbild Mahatma Gandhis. Er bestand darauf, in indischen Zügen in 3-etagigen Waggons der dritten Klasse zu reisen, es sei denn, dass eine bestimmte Notwendigkeit vorläge, anders vorzugehen. Das traf auch dann zu, wenn es bedeutete, neben der faulig riechenden Toilette schlafen zu müssen, was eintrat, als wir auf unserer ersten gemeinsamen Tour in den Westen Dharamsala Richtung Delhi verließen. Rinpoche sagte, dass es exzellent sei, in dieser gewöhnlichen Weise zu reisen, da es dabei helfe, Mitgefühl zu entwickeln. Alle drei Klassen kämen zur gleichen Zeit am Zielort an, warum also Geld verschwenden? Rinpoche verabscheute es zutiefst, wenn Leute für ihn Geld verschwendeten, indem sie entweder für Erste-Klasse-Zugtickets bezahlten oder ihn in schicke, teure Lokale ausführten.

Als Rinpoche einmal von Spiti nach Dharamsala zurückkam, warteten bei seiner Ankunft einige Schüler, so auch ich, am indischen Bazar, um ihn zu begrüßen. Nachdem wir viele Autos und Busse ohne Rinpoche darin vorbeifahren gesehen hatten, bog ein dreckiger alter Laster in den Marktplatz ein. Da saß Serkong Rinpoche im überfüllten Fahrerhäuschen des Lasters mit seinen Gebetsperlen in der Hand. Er und seine Helfer waren die ganze Stecke von Spiti in dieser Transportart drei Tage lang gefahren, ohne irgendwelche Gedanken an Komfort oder daran, wie das aussah. Als Rinpoche mit seinen Helfern und mir vom großen Mönlam-Fest in Mundgod nach Dharamsala zurückkehrte, mussten wir in Puna den ganzen Tag auf den Zug warten. Glücklich blieb er in einem äußerst lauten und heißen Zimmer eines Dritt-Klasse-Hotels, das uns ein örtlicher tibetischer Pullover-Verkäufer zu benutzen angeboten hatte. Tatsächlich schlug Rinpoche oft vor, dass wir, wenn wir in Indien reisten, Nachtbusse nahmen, da sie billiger und einfacher waren. Er hatte nie Probleme, in überfüllten Busstationen zu warten. Er teilte uns mit, dass er massenweise Meditationspraktiken besäße, um sich zu beschäftigen. Krach, Chaos und Dreck um ihn herum waren seiner Konzentration nie abträglich.

Rinpoche blieb nie lange einer Unterkunft, sondern zog häufig weiter. Er meinte, dass dies gut sei für die Überwindung der Anhaftung. Dementsprechend hielten wir uns, wenn wir auf einer Tour waren, nie länger als ein paar Tage in demselben Haus auf, damit wir nicht länger blieben, als wir willkommen waren, und so zu einer Belastung für unsere Gastgeber wurden. Immer wenn wir in einem buddhistischen Zentrum wohnten, in dem es einen älteren tibetischen Mönch als Lehrer gab, behandelte Rinpoche diesen Mönch wie seinen besten Freund. Er begrenzte seine tief empfundenen Beziehungen nie auf lediglich eine besondere Person.

Ganz egal, wohin Rinpoche ging, hielt er den ganzen Tag über eine starke Praxis aufrecht und schlief nachts fast nicht. Er rezitierte Mantras und Texte tantrischer Visualisation (Sadhanas) nicht nur zwischen Terminen, sondern sogar in den Pausen, während deren er auf meine Übersetzung wartete, wenn er ausländische Besucher hatte. Er führte seine Sadhana-Meditationen in Autos durch, in Zügen, in Flugzeugen - die äußeren Umstände spielten nie eine Rolle. Er betonte, dass eine starke tägliche Praxis unser Leben mit einem Gefühl der Kontinuität versieht, wo immer wir hingehen, was immer wir tun. Wir erlangen große Flexibilität, Selbstvertrauen und Stabilität.

Rinpoche machte aus seiner Praxis auch nie eine große Show. Er wies an, die Dinge im Stillen und Privaten zu tun, zum Beispiel vor dem Essen die Nahrung zu segnen und vor Belehrungen Gebete zu sprechen. Lange, feierliche Verse zu rezitieren, bevor wir mit anderen essen, mag lediglich dazu führen, dass sie sich unwohl fühlen oder der Meinung sind, dass wir versuchen, sie entweder zu beeindrucken oder zu beschämen. Darüber hinaus zwang er anderen nie irgendwelche Praktiken oder Gebräuche auf, sondern führte vor und nach Belehrungen diejenigen Rituale und Gebete durch, die das Zentrum, das ihn eingeladen hatte, normalerweise befolgte. Obwohl Rinpoche Seiner Heiligkeit und sowohl tibetischen wie auch westlichen Klöstern ausgedehnte Gaben darbrachte, brüstete er sich nie damit und sagte nie etwas darüber. Er lehrte, so etwas nie zu tun. Einmal kam im italienischen Villorba ein bescheidener Mann mittleren Alters, um Rinpoche zu sehen. Als er den Raum verließ, legte er still einen Umschlag mit einer großzügigen Spende nicht etwa an einen hervorstechenden Platz, sondern auf einen seitlichen Tisch. Rinpoche sagte später, dass dies die Art und Weise sei, einem Lama eine Spende zu geben.

Dennoch betonte Rinpoche, dass unsere Bescheidenheit echt sein müsse, nicht falsch. Er mochte Leute nicht, die vorgaben, bescheiden zu sein, die aber tatsächlich stolz und arrogant waren oder die dachten, sie seien große Yogis. Er erzählte gewöhnlich die Geschichte des aus einem nomadischen Hintergrund stammenden stolzen Praktizierenden , der einen großen Lama aufsuchte. Indem er sich gab, als ob er noch nie irgendetwas von der Zivilisation gesehen hätte, fragte der Mann, was denn diese Ritualinstrumente auf dem Tisch des Lamas seien. Als er auf die Katze des Lamas zeigte und fragte, was denn dieses wunderliche Tier sei, warf ihn der Lama hinaus.

Rinpoche fand besonders wenig Gefallen daran, wenn Leute anmaßend mit ihrer Praxis prahlten. Er meinte, dass wenn wir vorhaben, eine Meditationsklausur durchzuführen, oder selbst wenn wir eine solche beendet haben, wir dies nicht anderen verkünden sollten. Es ist am besten, wenn wir diese Dinge privat halten und niemand weiß, was wir machen. Sonst wird das Gerede anderer für viele Probleme sorgen, wie zum Beispiel für Stolz oder für Eifersucht und Konkurrenz. Niemand wusste, welche Buddha-Gestalt die tantrische Hauptpraxis Tsongkhapas darstellte. Lediglich als sein Schüler Kedrubje ihn kurz vor seinem Tod zweiundsechzig Darbringungen von seiner Schale der inneren Gabe machen sah, schlussfolgerte er, dass es sich um Chakrasamvara handeln musste, die innere Glückseligkeit verkörpernde Buddha-Gestalt. Genauso kannte niemand Serkong Rinpoches persönliche Hauptpraxis, trotz seines Rufs als Spezialist und Experte des Kalachakra.

Rinpoche erzählte oft von den Kadampa-Geshes, die ihre tantrische Praxis derart gründlich verborgen hielten, dass erst als die Leute einen winzigen Vajra und eine winzige Glocke nach ihrem Tod fanden, eingenäht in eine Ecke ihrer Roben, überhaupt jemand erkannte, was sie praktiziert hatten. Rinpoche lebte sein Leben nach diesem Vorbild. Er legte sich für gewöhnlich eine halbe Stunde früher schlafen als alle anderen in seinem Haushalt und stand morgens ein wenig später als sie auf. Allerdings beobachteten seine Helfer und ich oft, dass das Licht in seinem Zimmer anging, nachdem davon ausgegangen werden konnte, dass alle eingeschlafen waren, und lediglich eine kurze Weile, bevor der Haushalt erwachte, gelöscht wurde.

Im deutschen Jägerndorf teilte einmal Rinpoches ältester Helfer, Chöndze-la, das Schlafquartier mit Rinpoche. Während er vorgab, fest zu schlafen, beobachtete Chöndze-la, wie Rinpoche mitten in der Nacht aufstand und die verschiedenen anstrengenden Haltungen einnahm, die mit den sechs Praktiken von Naropa verbunden sind. Obwohl Rinpoche während des Tages für gewöhnlich Hilfe beim Aufstehen und Umhergehen benötigte, besaß er in Wirklichkeit die Kraft und Beweglichkeit, diese Yoga-Übungen durchführen zu können.

Rinpoche war immer bemüht, seine guten Eigenschaften verborgen zu halten. Tatsächlich mochte er Fremden gegenüber noch nicht einmal seine Identität preisgeben. Einmal bot uns ein altes indonesisches Paar an, die Fahrt von Paris nach Amsterdam in ihrem Auto zu unternehmen. Nachdem wir in Amsterdam angekommen waren, lud das Paar Rinpoche zu sich nach Hause zum Essen ein. Erst später, als die Leute des örtlichen buddhistischen Zentrums das Paar anriefen, um sie zu den Belehrungen Rinpoches einzuladen, erkannten sie, wer ihr Gast tatsächlich gewesen war. Sie dachten, er wäre einfach ein gewöhnlicher, freundlicher alter Mönch.

Mit der gleichen Einstellung spielte Rinpoche, wenn er ins Ausland reiste, manchmal Schach mit Kindern oder ließ seinen jüngeren Helfer Ngawang spielen und half dann beiden Seiten. Die Kinder dachten einfach, er sei ein freundlicher alter Großvater. Als Rinpoche einmal zur Weihnachtszeit in den Straßen Münchens herumging, folgten ihm die Kinder, weil sie dachten, dass er in seinen roten Roben der Weihnachtsmann sei.

Rinpoche hielt sogar die Tatsache verborgen, dass er einiges an Englisch konnte. Nach der Kalachakra-Initiation in Spiti - einen Monat bevor Rinpoche verschied - nahm ich von ihm im Kloster Tabo meinen Abschied, um nach Dharamsala zurückzukehren. Ich hatte für eine Gruppe Westler einen Bus organisiert und es war Zeit abzufahren. Eine Westlerin war allerdings im letzten Moment noch aufgebrochen, um das Kloster Kyi zwanzig Meilen weiter oben im Tal zu besuchen, und war zum erwarteten Zeitpunkt nicht zurückgekehrt. Während ich nach Kyi fuhr, um sie zu finden, suchte ein italienischer Schüler Rinpoche auf, allerdings ohne Übersetzer. Rinpoche, der noch nie zuvor ein Wort Englisch zu einem Fremden gesagt hatte, wandte sich an den Italiener und fragte in perfektem Englisch: „Wo ist Alex?“ Als der Mann ausrief: „Aber Rinpoche, Sie sprechen kein Englisch!“, lachte er nur.

Weitere Qualitäten Rinpoches

Rinpoche hat für sich nie in Anspruch genommen, ein Yogi zu sein oder irgendwelche besonderen Kräfte zu besitzen. Wenn wir um ein Beispiel für jemanden baten, der solche besaß, sagte er, dass wir nicht nur in die ferne Vergangenheit blicken müssten. Sein Vater Serkong Dorjechang war ein klares Beispiel. Als Mönch im Kloster Ganden Jangtse war sein Vater auf derjenigen Stufe des Anuttarayoga-Tantra angelangt, auf der er, um die tiefste Ebene des Geistes zu erreichen, spezielle Yoga-Techniken mit einer Gefährtin praktizieren konnte. Dieser fortgeschrittene Punkt auf der Vollständigen Stufe erfordert völlige Meisterschaft über das subtile Energiesystem mit vollständiger Kontrolle über sowohl innere wie äußere Materie und Energie. Sein Zölibatsgelübde hätte ihm normalerweise eine derartige Praxis verboten. Als ihn Seine Heiligkeit der Dreizehnte Dalai Lama aufforderte, seine Verwirklichung zu beweisen, machte Serkong Dorjechang einen Knoten in ein Yak-Horn und präsentierte es. Dergestalt überzeugt gestattete der Dreizehnte Dalai Lama Serkong Dorjechang, seine Besitzungen im Kloster zu behalten, während er auf dieser Ebene praktizierte. Rinpoche erwähnte als Tatsache, dass sie, als er ein Kind war, dieses Horn bei sich zu Hause aufbewahrten.

Serkong Dorjechang war weithin als Inkarnation des Übersetzers Marpa aus dem elften Jahrhundert anerkannt. Serkong Rinpoche seinerseits wurde geboren, um die Linien seines Vaters fortzuführen, und wurde als die Inkarnation von Darma-dode, Marpas berühmtem Sohn, angesehen. Dennoch hat Rinpoche dies kein einziges Mal mir gegenüber erwähnt, noch hat er sich jemals mit seinem Vater verglichen. Dennoch war es für diejenigen, die ihm nahe waren, trotz Rinpoches Schweigen offensichtlich, dass auch er Kontrolle über seine subtilen Energiewinde besaß und außergewöhnliche Kräfte hatte. Die Art und Weise, wie Rinpoche willentlich in Schlaf fallen konnte, gab einen gewissen Hinweis hierauf. Einmal wurde von Rinpoche im Rahmen einer medizinischen Untersuchung in Madison im US-Bundesstaat Wisconsin ein Elektrokardiogramm gemacht. Rinpoche war aktiv und wach, als er sich für den Test hinlegte. Dennoch war er, als ihn der Arzt anwies, sich zu entspannen, innerhalb weniger Sekunden am Schnarchen.

Die außersinnliche Fähigkeit Rinpoches in die Zukunft zu blicken, konnte an verschiedenen Beispielen gesehen werden. Rinpoche war nicht nur einer der Lehrer Seiner Heiligkeit, sondern lehrte gelegentlich auch einige Mitglieder der Familie Seiner Heiligkeit, einschließlich dessen Mutter. Rinpoche hätte für gewöhnlich die Ehrenwerte Mutter nie besucht, ohne formell einen Termin festzulegen, wie es das Protokoll verlangte. Kurz bevor die Ehrenwerte Mutter verstarb, brach Rinpoche, ihre Situation spürend, jedoch das Protokoll und stattete ihr unerwartet seinen letzten Besuch ab.

Einmal lehrte Rinpoche am Institute Vajrayogini im französischen Lavaur und machte für ein paar Tage Pause, bevor er nach Paris aufbrach. Ich hatte vor vorauszufahren, um Freunde zu besuchen, und jemand hatte mir angeboten, mich im Auto mitzunehmen. Als ich Rinpoche um Erlaubnis fragte, am Sonntag nach Paris zu fahren, sagte er: „Sehr gut, du fährst am Montag nach Paris.“ Als ich erwiderte: „Nein, nein. Ich fahre morgen, Sonntag“, wiederholte Rinpoche: „Sehr gut, du fährst am Montag.“ Daraufhin fragte ich ihn: „Gibt es ein Problem, wenn ich am Sonntag fahre? Sollte ich die Reise verschieben und stattdessen am Montag fahren?“ Rinpoche sagte lachend: „Nein, nein. Es macht fast keinen Unterschied.“ Ich reiste dann am Sonntag nach Paris ab. Auf halben Weg brach das Auto zusammen. Da Autowerkstätten in Frankreich am Sonntag geschlossen sind, mussten wir über Nacht in einem kleinen Dorf bleiben. Montag morgen brachten wir das Auto zur Reparatur und ich kam in Paris später an, nämlich am Montag - wie Rinpoche es vorhergesehen hatte.

Manchmal zeigte Rinpoche die Fähigkeit, Dinge in der Ferne zu sehen. Eines Tages lud die Direktorin des Tushita Retreat Center in Dharamsala Rinpoche ein, damit er ein Ritual leite. Als der Jeep das Zentrum erreichte, sagte Rinpoche: „Beeil dich! Geh und schau nach dem Altarraum! Eine Kerze ist umgefallen!“ Als die Direktorin hineinlief, sah sie, dass tatsächlich eine Kerze umgekippt und ein Feuer am Entstehen war.

Rinpoche spürte nicht nur, welche Art von karmischer Beziehung er mit Menschen hatte, sondern zeigte auch gelegentlich, dass er viele Dinge über Fremde wusste, ohne dass man sie ihm erzählen musste. Einer meiner alten Freunde kam einmal nach Madison im US-Bundesstaat Wisconsin, um Rinpoche zum ersten Mal zu sehen. Obwohl sich mein Freund vollkommen normal verhielt und weder ich noch er Rinpoche gegenüber jemals seinen Hang zum Marihuana erwähnt hatten, sagte Rinpoche zu meinem Freund, dass er mit dem Rauchen der Droge aufhören müsse. Dies schade seiner Entwicklung. Von allen Westlern, die Rinpoche traf, war mein Freund die einzige Person, die er jemals hinsichtlich von Marihuana angewiesen hat.

Obwohl Rinpoche in Anderen viele schädliche Gewohnheiten und Tendenzen wahrnahm, war er immer geschickt in seiner Art, den Leuten ihre Fehler und Nachteile darzulegen. Als Rinpoche einmal für ein paar Monate fern in Nepal weilte, hatte ich persönliche Schwierigkeiten mit meiner Arbeit. Wir trafen wieder auf einander in Bodhgaya, wo ich einen Vortrag Seiner Heiligkeit über „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ übersetzte. Anstatt mir unverblümt mitzuteilen, dass die Art und Weise, wie ich meine Angelegenheiten handhabte, völlig dumm war, wandte sich Rinpoche dem Text zu, den ich übersetzte. Indem er durch die Seiten blätterte, deutete er auf verschiedene Worte und fragte mich, ob ich wüsste, was sie bedeuten. Die Worte bezogen sich exakt auf die Probleme, die ich hatte. Rinpoche legte ihr volles Bedeutungsspektrum dar und deutete so auf die Vorgehensweise zur Verbesserung der Situation hin.

Einmal brachte eine wohlhabende, ältere Frau aus der Schweiz Rinpoche in einem Taxi zum elegantesten und teuersten Kaufhaus in Zürich. Als Rinpoche das Kaufhaus wieder verließ, machte er die Bemerkung, dass es nicht einen einzigen Artikel beinhaltete, den irgendjemand tatsächlich bräuchte. Dann fragte er die Frau, ob sie zurück zu ihrem Haus nicht die Straßenbahn nehmen könnten. Es wäre ganz interessant zu sehen, wie die Leute sich normalerweise fortbewegten. Beschämt musste die Frau zugeben, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie mit der Straßenbahn gefahren war und nicht wusste, wie man sie benutzt und wo man aussteigen musste. Auf diese Weise zeigte ihr Rinpoche sehr freundlich, wie weit sie vom gewöhnlichen Leben entfernt war.

Ein anderes Mal war Rinpoche eingeladen, in einem riesigen, prunkvollen Herrenhaus nahe Zürich Quartier zu nehmen, in dem sich die Dame des Hauses inmitten all dieses stickigen Luxus sehr unwohl fühlte. Sie zog es vor, einfach und geerdet zu leben. Damit Rinpoche darin schlafen konnte, bereitete sie den in Eiche getäfelten Raum der Bibliothek vor, da dieser im Haus der prächtigste Schlafraum war. Rinpoche warf einen Blick hinein und bestand dann darauf, stattdessen auf der zugehängten Sonnenveranda zu schlafen. Er teilte der Frau mit, wie sehr er es liebe, in Zelten zu leben. Ihre Veranda erinnere ihn an den Aufenthalt in einem solchen wegen des wunderschönen Blicks auf den Garten und den See weiter unten. Auf diese Weise half er ihr, die einfacheren Freuden, die ihr Herrenhaus bot, zu erkennen und zu genießen.

Rinpoche half Anderen in jedweder benötigten und möglichen Weise. Als er in Pomaia in Italien eine Erlaubnis-Zeremonie für die Praxis der Gelben Tara, einer mit dem Erlangen von Reichtum verbundenen Buddha-Gestalt, gab, bat Rinpoche einen armen italienischen Künstler, das Bild dieser Gestalt für das Ritual zu malen. Dies auszuführen würde für diesen Künstler eine starke karmische Verbindung aufbauen, sodass er die Vorteile des Wohlstands aus dieser Meditationspraxis erhalten könne. Bei einer anderen Gelegenheit im gleichen Zentrum gab Rinpoche eine kleine Geldspende an einen jungen Mann, bei dessen Eltern vor kurzem das Haus ausgeraubt worden war. Die Gabe sollte als ein glücksverheißender Anfang für die Wiederherstellung des Wohlstandes seiner Familie dienen. Alan Turner, einem nahestehenden Schüler, der keinerlei Interesse am Tibetisch-Lernen und kein Vertrauen in seine Fähigkeiten hierzu hatte, gab Rinpoche die mündliche Übertragung des tibetischen Alphabets, um ein Zeichen für einen späteren Zeitpunkt zu setzen. Und als ich in meinen Tibetischstudien eine bestimmte Ebene erreicht hatte und mich nicht mehr weiterentwickelte, begann Rinpoche, mit mir das tibetische Wörterbuch durchzugehen, und er ließ mich zu jedem Wort einen Satz schreiben.

Rinpoche war ebenfalls ein sehr guter Diplomat. Er sagte, man müsse alles annehmen, was jemand ernsthaft anbietet, insbesondere dann, wenn unsere Ablehnung die Gefühle des anderen verletzen würde und unser Annehmen keinen Schaden bewirken würde. Dementsprechend aß Rinpoche, obwohl er Süßes nicht mochte, mit Begeisterung ein Stück Kuchen, wenn jemand es speziell für ihn gebacken hatte. Und tatsächlich bat er, wenn es für das Selbstbewusstsein dieser Person förderlich war, sogar Ngawang darum, das Rezept aufzuschreiben.

Vor allem anderen war Rinpoche in höchstem Maße offen und vielseitig. Ganz egal von welcher Konfession - Kagyü, Nyingma, Sakya, Gelug, Zen oder Theravada - das buddhistische Zentrum war, das ihn einlud, lehrte er jedesmal im Stil dieser besonderen Tradition lehren. Diese Flexibilität reichte auch über die Grenzen des Buddhismus hinaus. Im italienischen Mailand fragte ihn einmal eine Frau mit katholischem Hintergrund: „Ist es jetzt, wo ich Zuflucht und sowohl die Bodhisattva- als auch die tantrischen Gelübde genommen habe, für mich falsch, in die Kirche zu gehen?“ Rinpoche antwortete: „Daran ist nichts falsch. Wenn Sie auf die Lehren von Liebe und Mitgefühl einer anderen Religion ausgerichtet sind, gehen Sie dann nicht in dieselbe Richtung wie die deiner Zuflucht und Gelübde?“

Rinpoches allgemeiner Rat für buddhistische Praktizierende

Serkong Rinpoche hat immer betont, allen Lamas gegenüber rücksichtsvoll zu sein und nicht ihre Zeit zu verschwenden. Er lud dazu ein, das Beispiel der hingebungsvollen Leute von Spiti zu vermeiden. Wenn sie sich anstellten, um ihm einen zeremoniellen Schal (Kata) zu überreichen, pflegten seine Anhänger in Spiti, zu warten, bis sie sich direkt vor ihm befanden und dann erst ihre Niederwerfungen darzubringen, jeder einzeln. Eine derartige Prozedur kann oft Stunden dauern. Weiterhin sagte Rinpoche, dass wenn man einen Lama befragt, sollte man nie eine große Geschichte erzählen oder eine Schau abziehen. Tatsächlich hat er mich angewiesen, derartige Fragen nie wörtlich zu übersetzen, sondern sie einfach auf den Punkt zu bringen.

Darüber hinaus wollte Rinpoche nicht, dass ihm Besucher andauernd Katas und was Rinpoche als „ lausige“ Keksschachteln bezeichnete schenkten. Er meinte, dass diejenigen, die einem Lama eine Gabe bringen wollen, ihm etwas wirklich Nettes schenken sollten, etwas, was die Person nutzen kann oder mag. Weiter sagte er zu Leuten, die ihn häufig aufsuchten, wie zum Beispiel ich selbst, dass sie aufhören sollen, Sachen zu bringen. Er wünsche und brauche nichts.

Rinpoche gab den Leuten immer den Rat, den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Dementsprechend mochte er es nicht, wenn die Leute ihn um eine Weisagung in weltlichen Angelegenheiten baten. Die einzige Situation, in der eine Weissagung zu erbitten angemessen ist, ist, wenn gewöhnliche Mittel eine Sache nicht klären können, insbesondere in spirituellen Belangen. Einmal hatte ich ein Problem hinsichtlich meiner Miete und bat um eine Weissagung darüber, was ich tun solle. Rinpoche jagte mich fort und wies mich an, einen Rechtsanwalt aufzusuchen.

Weiter empfahl Rinpoche, für das Planen jedweder Aktivität immer mindestens drei mögliche Vorgehensweisen bereit zu haben. Die Flexibilität, die man aus einer derartigen Strategie erhält, verhindert hilflose Panik, wenn ein Plan nicht funktioniert. Mehrere Alternativen zur Hand zu haben versieht uns mit einem Gefühl der Sicherheit aufgrund der Zuversichtlichkeit, dass zumindest einer von ihnen funktionieren wird.

Schüler werden allerdings manchmal von Weissagungen abhängig und geben so ihrer Unfähigkeit nach, selbstständig zu denken. Während sie der Verantwortung für ihr Leben ausweichen, wollen sie, dass jemand anderes die Entscheidungen für sie trifft. Obwohl es oft hilfreich ist, einen spirituellen Lehrer bei großen Entscheidungen zu konsultieren, besteht der sicherste Weg dies zu tun darin, dass man seine bzw. ihre Werte verinnerlicht. Selbst wenn der Lama nicht da ist, stehen diese Werte immer zur Verfügung, um dabei zu helfen, die weiseste Vorgehensweise festzulegen.

Rinpoche riet insbesondere davon ab, viele Lamas um eine Weissagung zu derselben Frage zu bitten, bis man die Antwort erhält, die einem passt. Eine Weissagung zu erbitten impliziert Vertrauen in den Lama. Das bedeutet zu tun, was auch immer die Person rät. Zusätzlich warnte Rinpoche davor, zu einem Lama zu gehen und ihm mitzuteilen, dass ein anderer Lehrer gesagt habe, dies und jenes zu tun, und dann den Lama zu fragen, was er dazu denke. „Soll ich das befolgen?“ Einen Lama in die peinliche Lage zu bringen, sagen zu müssen, dass sich ein anderer spiritueller Meister irrt, zeigt einen Mangel an Feingefühl.

Tatsächlich verstehen es die meisten Westler nicht, Fragen an Lamas richtig zu stellen. Wenn sie zu ihm kamen und auf alberne Weise etwas fragten, korrigierte sie Rinpoche für gewöhnlich. Wenn jemand zum Beispiel nicht weiß, ob er an einer Ermächtigung teilnehmen soll oder nicht, ist es lächerlich zu fragen: „Ist es gut, an dieser Ermächtigung teilzunehmen?“ Natürlich ist es gut! Man kann nicht sagen, dass es schlecht sei. Und wenn jemand fragt: „Sollte ich teilnehmen oder nicht?“, dann impliziert das: „Bin ich zur Teilnahme verpflichtet oder nicht?“ Niemand ist verpflichtet teilzunehmen. Wenn man den Rat eines spirituellen Meisters in solchen Angelegenheiten sucht, ist es am besten, stattdessen zu fragen: „Was empfdhlen Sie mir zu tun?“ Wenn wir uns weiter an einen Lama wenden und ihn um Erlaubnis bitten, eine Ermächtigung, die er überträgt, zu erhalten, dann ist es albern zu fragen: „Kann ich die Ermächtigung erhalten oder nicht?“ Das impliziert: „Bin ich dazu fähig oder nicht?“, was völlig absurd ist. Die korrekte Art und Weise, diese Frage zu stellen, ist: „Kann ich bitte diese Ermächtigung erhalten?“ Das ist, wie wenn man versucht, eine Verlängerung für ein Visum zum Aufenthalt in einem fremden Land zu bekommen. Nur ein Idiot würde fragen: „Kann ich länger bleiben oder nicht?“ Die richtige Weise, darum zu bitten, ist: „Mit Ihrer freundlichen Erlaubnis würde ich gerne länger bleiben.“

Einmal belästigte Turner Rinpoche wiederholt für mehrere Monate damit, ihm die Erlaubniszeremonie für die Anrufung des spirituellen Schützers Sechsarmiger Mahakala zu übertragen. Als Rinpoche endlich zustimmte, fragte ihn Turner, was denn die tägliche Rezitationsverpflichtung sein würde. Rinpoche schlug ihn beinah und schimpfte ihn, dass er bereit sein sollte, alles als Verpflichtung zu akzeptieren.

Rinpoche war sehr wenig erfreut, wenn Westler es versuchten, mit ihm bezüglich der Rezitationsverpflichtung aus einer Initiation zu handeln. Er betonte stets, dass man eine Ermächtigung zu einer bestimmten Buddha-Gestalt nur aus dem ernsthaften Wunsch heraus nehmen sollte, in deren Praxis einzusteigen, um die Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen zu erlangen. Nur wegen der „ Good Vibrations“ teilzunehmen oder einfach, weil alle anderen auch hingehen, empfand er als absurd. Ebenfalls unangebracht ist es, mit der Einstellung hinzugehen, lediglich eine kurze Eingewöhnungsklausur durchzuführen und dann die Meditationspraxis zu vergessen. Die Verpflichtung auf eine bestimmte tantrische Praxis besteht für das ganze Leben.

Rinpoche betonte die genaue Untersuchung von spirituellen Praktiken und Lehrern, bevor man sich einlässt, und nicht damit bis nachher zu warten. Dies war der Hauptmangel, den Rinpoche an Westlern wahrnahm. Wir tendieren dazu, unreif in Dinge hineinzurennen. Rinpoche warnte davor, sich wie eine verrückte Person zu benehmen, die auf einen gefrorenen See hinausläuft und dann hinter sich mit einem Stecken prüft, ob das Eis dick genug ist, ihr Gewicht zu tragen.

Rinpoche sagte, dass die Leute an jedermanns Belehrungen teilnehmen können und sich aus Höflichkeit auch vor den mönchischen Roben des Lehrers oder den Buddha-Gemälden im Raum niederwerfen können. Ein Schüler dieses Lehrers zu werden ist allerdings eine ganz andere Sache. Er teilte mir sogar mit, dass ich für jeden Lama übersetzen könne, dass aber für jemanden zu arbeiten diese Person nicht zu meinem spirituellen Lehrer macht. Dies treffe zu, erklärte er mir, selbst falls ich eine tantrische Ermächtigung übersetzen würde. Was zählt, ist die eigene Einstellung gegenüber dem Lehrer.

Rinpoche hatte auch das Gefühl, dass viele Westler zu schnell buddhistische Mönche oder Nonnen werden, ohne zu prüfen, ob es wirklich das ist, was sie für den Rest ihres Lebens machen wollen. Oft versäumen sie es, in Betracht zu ziehen, welche Auswirkung ihre Ordination auf ihre Eltern haben wird oder wie sie in Zukunft ihren Unterhalt beschaffen wollen. Wenn jemand natürlich so ist wie die großen entsagenden Praktizierenden der Vergangenheit, dann braucht er oder sie nicht an solche Faktoren wie Familie oder Geld zu denken. Dennoch wissen wir selbst am besten, ob wir Milarepas sind oder nicht. In diesem Zusammenhang brachte Rinpoche oft das Beispiel von Drubkang Geleg-Gyatso. Dieser große tibetische Meister hatte in seiner Jugend den Wunsch, ein Mönch zu werden. Seine Familie stimmte dem aber nicht zu und regte sich sehr darüber auf. Er diente seinen Eltern daher treu, solange sie am Leben waren, und nachdem sie verstorben waren spendete er sein Erbe einer guten Sache. Erst dann wurde er ein Mönch.

Rinpoche legte immer Wert darauf, dass man die Eltern respektiert und ihnen dient. Als westliche Praktizierende sprechen wir leichthin davon, dass jeder unsere Mutter und unser Vater in früheren Leben gewesen ist und dass wir ihre Güte erwidern wollen. Gleichzeitig ist es aber auf der persönlichen Ebene so, dass viele von uns noch nicht einmal mit den Eltern dieses Lebens gut auskommen. Unseren Eltern zu dienen und zu ihnen freundlich und gütig zu sein ist tatsächlich, wie Rinpoche lehrte, eine großartige buddhistische Praxis.

Rinpoche erklärte, dass wenn jemand sich zuvor intensiv kundig macht und dann ein Mönch oder eine Nonne wird oder wenn jemand bereits die monastische Ordination erhalten hat, er bzw. sie keine halben Sachen machen solle, wie die Fledermaus. Wenn eine Fledermaus sich unter Vögeln befindet und dem, was sie tun, nicht folgen möchte, dann sagt sie: „Oh, das kann ich nicht machen, denn ich habe Zähne!“ Wenn sie unter Mäusen ist, sagt sie: „Oh, das kann ich nicht machen, denn ich habe Flügel.“ Sich so zu verhalten wie in diesem Beispiel bedeutet schlicht, die monastischen Roben für die eigene Bequemlichkeit zu nutzen. Wenn eine derartige Person bestimmte Laien-Aktivitäten, wie zum Beispiel für den eigenen finanziellen Unterhalt zu sorgen, nicht mag, dann benutzen sie die Roben als Entschuldigungsgrund. Wenn sie kein Interesse an bestimmten monastischen Funktionen oder Formen haben, wie zum Beispiel an langen Ritualen teilzunehmen oder in Roben zu reisen, bringen sie als Entschuldigung an, Westler zu sein. Wie Rinpoche sagen würde: „Wen hältst du hier eigentlich zum Narren?“

Rinpoche machte klar, dass es nicht so ist, dass buddhistische Praktizierende nicht arbeiten sollten. Ob man nun Laie ist oder ordiniert - jeder muss praktisch bleiben und mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Rinpoche lehrte, dass es wichtiger ist, womit wir unseren Geist und unsere Sprache beschäftigen, als womit wir unseren Körper beschäftigen. Er riet daher intensiv Praktizierenden, die für den eigenen Unterhalt sorgen müssen, zu niedrigen Arbeiten. Während der Arbeit können wir Mantras rezitieren und warme Gefühle und gütige Gedanken aussenden. Wenn das Denken an die Lehren während der Arbeit zu schwierig ist und wir tantrische Ermächtigungen erhalten haben, können wir zumindest unser Selbstbild transformieren. Während des ganzen Tages können wir versuchen, uns selbst als die Buddha-Gestalt und unsere Umgebung als ein Reines Land vorstellen, das vollkommen für spirituelle Entwicklung förderlich ist. Dann können wir am frühen Morgen und nachts die ausführliche Visualisation der Sadhana üben. Rinpoche hat immer betont, den Buddhismus nicht zu etwas zu machen, das vom Leben abgetrennt ist.

Viele Jahre lebte Turner arbeitslos mit seiner Frau und zwei Kindern auf Sozialhilfe gestützt in England. Er verbrachte fast seine gesamte Zeit mit intensiver Klausur-Praxis. Er meinte: „Warum Zeit mit Arbeiten verschwenden, wenn ich stattdessen die Lehren praktizieren kann?“ Bereits früher hatte er von Rinpoche die Erlaubniszeremonie des Weißen Mahakala erhalten, einer Schützer-Gestalt, die mit Reichtum verbunden ist, und er betete jeden Tag dafür, dass seine finanziellen Probleme gelöst würden. Rinpoche war ganz und gar nicht erfreut. Er sagte, dass dies wie bei einer kranken Person sei, die zum Medizin-Buddha betet, um gesund zu werden, aber nie irgendwelche Medizin nimmt. Er wies Turner an, sich eine Arbeit zu suchen und seine intensiven Praktiken lediglich für einen kürzeren Zeitraum am Morgen und am Abend durchzuführen. Dann würde die Anrufung des Weißen Mahakala dabei helfen, dass seine Arbeit ein finanzieller Erfolg werden würde.

Rinpoche wollte, dass die Leute praktisch und effektiv sein sollten und nicht abgehoben. Dementsprechend zog er es vor, dass Praktiken und rituelle Rezitationen schnell durchgeführt werden. Einmal baten die Schüler des Ghepheling Centers im italienischen Mailand Rinpoche darum, eine Meditationssitzung anzuleiten, um seinen dortigen Kurs über den Stufenpfad (Lam-rim) und die Praxis von Avalokiteshvara abzuschließen. Rinpoche stimmte zu und leitete sie an, sich selbst mittels des sechsstufigen Prozesses als Avalokiteshvara hervorzubringen und dann über die mehrere dutzend Punkte des Lam-rim zu meditieren und all dies für zwei Minuten zu machen. Als die Schüler ihren Unglauben ausdrückten und dagegen protestierten, wie wenig Zeit er für all das zugestanden hatte, gab Rinpoche nach und sagte: „Okay, macht es drei Minuten lang.“ Dann erklärte er, dass ein guter Praktizierender fähig ist, den gesamten LamRim durchzugehen in der Zeit, die es beim Besteigen eines Pferdes braucht, sein oder ihr Bein über den Sattle zu schwingen. Wenn der Tod kommt, haben wir keine Zeit, uns nett hinzusetzen und eine Visualisation mittels eines langsamen, schrittweisen Prozesses aufzubauen.

Rinpoche betonte die Notwendigkeit, in allen Aspekten der buddhistischen Praxis realistisch zu sein. Das wird insbesondere entscheidend, wenn wir als anstrebende Bodhisattvas versuchen, anderen zu nutzen. Obwohl wir von unserer Seite aus immer zu helfen bereit sein müssen, müssen wir uns auch immer vor Augen halten, dass die Offenheit des Anderen für unsere Hilfe und letztendlich auch der Erfolg unserer Bemühungen von seinem Karma abhängen - den früheren Mustern, welche seinen Geist konditioniert haben. Deshalb riet Rinpoche zur Vorsicht beim Anbieten von Hilfe in Dingen, die uns nicht betreffen, oder wenn andere nicht daran interessiert sind, unsere Hilfe zu erhalten. Unsere Einmischung wird lediglich Ärger hervorrufen und, wenn unsere Hilfe scheitert, wird die ganze Schuld uns zugewiesen werden.

Am besten ist es, immer unauffällig zu bleiben. Wir können es andere wissen lassen, dass wir zu helfen bereit sind, und, falls sie uns darum bitten, können wir uns ganz klar auf ihre Angelegenheiten einlassen. Dennoch müssen wir es vermeiden, für uns selbst mit „Bodhisattva zu vermieten“ zu werben. Am besten ist es, einfach unsere tägliche Meditationspraxis zu machen und als bescheidener Mensch zu leben.

Rinpoche warnte insbesondere davor, zu versprechen, mehr zu tun, als wir erreichen können, oder zu verbreiten, dass wir in der Zukunft etwas angehen oder vollenden werden. Das verursacht lediglich mehr Hindernisse und wenn wir zu guter Letzt das, was wir angekündigt haben, nicht umsetzen, machen wir uns zum Narren und verlieren alle Glaubwürdigkeit.

Dieser Punkt, nicht mehr zu versprechen als wir verwirklichen können, wird insbesondere relevant in unserer Beziehung mit unseren spirituellen Lehrern. Rinpoche riet immer, den Richtlinien aus Ashvaghoshas „Fünfzig Verse über den spirituellen Meister“ zu folgen, die er täglich als Teil seiner Meditationspraxis rezitierte. Wenn uns unsere Lehrer darum bitten, etwas auszuführen, das wir aus irgendeinem Grund nicht tun können, müssen wir bescheiden und höflich erklären, warum es uns unmöglich ist, dem nachzukommen. Rinpoche betonte, dass es bei einer aufrichtigen Verpflichtung auf einen spirituellen Meister nicht darum geht, dass man zu einem Sklaven oder Roboter wird, sondern darum, zu lernen, auf eigenen Füssen zu stehen, selbständig denken zu können und erleuchtet zu werden. Wenn wir nicht fähig sind, zu tun, was unser Lehrer vorschlägt, ist es völlig unangebracht, sich schuldig zu fühlen, weil wir unsere Mentoren enttäuschen und also schlechte Schüler sind. Ein wirklicher spiritueller Lehrer ist kein unvernünftiger Tyrann.

Für den Fall, dass wir zustimmen, etwas für jemanden zu tun - ob das nun unser Lehrer ist oder irgendjemand anderes -, gab Rinpoche den Rat, die Dinge von vornherein klarzustellen. Wir beschwören eine Katastrophe herauf, wenn wir wie ein naiver Wohltäter allem zustimmen und dann, während wir die Aufgabe ausführen bzw. wenn wir sie abgeschlossen haben, verlauten lassen, dass wir etwas dafür erwarten. Rinpoche lehrte, dass wenn wir praktisch und realistisch sind und die Dinge zuvor durchdenken, sowohl die weltlichen wie auch die spirituellen Angelegenheiten gut laufen werden. Wenn wir unpraktisch und unrealistisch sind und geistlos auf die Dinge losrennen, werden beide keinen Erfolg haben.

Rinpoche riet westlichen buddhistischen Zentren zu demselben Ansatz. Er hielt sie dazu an, es zu vermeiden, so groß zu sein, dass sie sich selbst mit Schulden und Versprechen bzgl. von Projekten belasten, die sie unmöglich durchführen oder abschließen könnten. Er sprach sich dafür aus, klein und ohne anzugeben anzufangen und der Versuchung zu widerstehen, sich in abgeschiedenen ländlichen Gegenden niederzulassen. Buddhistische Zentren müssen für Stadtbewohner bequem zu erreichen und so gelegen sein, dass die dort Wohnenden in der Nähe Arbeit finden können. Die Gruppe kann das Zentrum jederzeit verkaufen und falls benötigt ein größeres erwerben, aber alles zu seiner Zeit.

Sinn eines buddhistischen Zentrums ist nicht, große Menschenmengen mittels großsprecherischer Werbung anzuziehen wie bei einem Zirkus. Rinpoche bevorzugte immer kleine Gruppen ernsthaft Studierender. Weiter besteht beim Auswählen eines spirituellen Lehrers der Hauptpunkt nicht darin, wie unterhaltsam die Person ist oder wie lustig die Geschichten sind, die er oder sie erzählt. Wenn wir lachen wollen oder etwas Exotisches sehen wollen, können wir in den Zirkus gehen und uns die Clowns anschauen oder das Beiprogramm besuchen.

Rinpoches Rat speziell für tantrische Praktizierende

Obwohl über lange Zeit fortgesetzte Vollzeit-Klausuren tantrischer Meditation nutzbringend sind, sind die meisten Leute nicht wohlhabend genug, um diese durchführen zu können. In diesem Zusammenhang sah es Rinpoche als engstirnig an, wenn man denkt, dass wir diese Art von Klausur nur machen können, wenn wir drei Monate oder mehr an Zeit zur Verfügung haben. Klausur bedeutet nicht eine Zeit, in der wir uns von anderen abschneiden, sondern einen Zeitraum intensiven Praktizierens, um unseren Geist mit einer Praxis flexibel zu machen. Jeden Morgen und Abend eine Sitzung durchzuführen, während wir den restlichen Tag über ein normales Leben führen, ist völlig akzeptabel. Rinpoche selbst hat viele seiner Klausuren in dieser Art gemacht, ohne dass je irgendwer gewusst hätte, dass er gerade eine Klausur durchführt.

Die einzigen Beschränkungen im Rahmen dieser Praxis-Methode bestehen darin, dass man während der gesamten Klausur in demselben Bett schläft und auf demselben Sitz an demselben Ort meditiert, denn sonst wird die Dynamik des Aufbaus spiritueller Energie gebrochen. Zusätzlich muss jede Sitzung zumindest ein Minimum an Mantras, Niederwerfungen oder einer anderen wiederholenden Übung beinhalten. Die Anzahl wird festgesetzt durch die Anzahl Wiederholungen während der ersten Sitzung der Klausur. Rinpoche gab daher den Rat, während der Anfangssitzung nur drei Wiederholungen der gewählten Praxis durchzuführen. Auf diese Weise wird eine ernsthafte Krankheit nicht notwendig dazu führen, dass die Kontinuität der Klausur unterbrochen wird und man erneut von vorne anfangen muss.

Wie bei jeder Form buddhistischer Disziplin steht dennoch „Notwendigkeit manchmal höher als das Verbot“, allerdings nur in sehr besonderen Fällen. Einmal erhielt ich in Dharamsala mitten in einer Meditationsklausur die Anfrage, eine Ermächtigung und Belehrungen zu übersetzen, die Seine Heiligkeit der Dalai Lama in Manali gab, einem anderen indischen Dorf im Himalaya. Ich wendete mich an Rinpoche, der mich aufforderte, ohne Zögern und Zweifel hinzugehen. Seiner Heiligkeit zu assistieren würde nutzbringender sein als irgendetwas anderes, das ich tun könnte. Ich würde den Impuls meiner Praxis nicht durchbrechen, solange ich jeden Tag eine Meditationssitzung durchführte und das von mir gesetzte Minimum an Mantras wiederholte. Ich folgte dieser Prozedur, kehrte nach zehn Tagen mit Seiner Heiligkeit nach Dharamsala zurück und schloss meine Klausur ab.

Rinpoche hat immer betont, dass rituelle Prozeduren einen Sinn haben und ernst zu nehmen sind. Sie müssen korrekt befolgt werden. So erfordern tantrische Klausuren zum Beispiel, dass bestimmte Mantras in einer spezifischen Anzahl wiederholt werden und dass dann danach eine „ Feuer-Puja“ durchgeführt wird. Eine Feuer-Puja ist ein komplexes Ritual, bei dem bestimmte Substanzen in ein Feuer dargebracht werden. Sinn des Rituals ist es, Mängel in der Praxis zu kompensieren und jedweden Fehler, den wir gemacht haben, zu bereinigen.

Bestimmte Klausuren sind besonders schwierig. Eine von denen, die ich durchgeführt habe, erforderte zum Beispiel das Wiederholen eines Mantras eine Million Mal und das Darbringen von zehntausend Paaren langer Grasrispen während einer ausführlichen Feuer-Puja, mit Rezitation eines Mantras bei jedem Paar. Alle zehntausend müssen in einer Sitzung ins Feuer geworfen werden, ohne Pause. Als ich meine Feuer-Puja am Ende dieser Klausur durchführte, gingen mir die Grasrispen aus kurz vor dem Erreichen der erforderlichen Anzahl. Nachdem ich den Rest des Rituals abgeschlossen hatte, sprach ich mit Rinpoche. Er ließ mich die gesamte Feuer-Puja einige Tage später wiederholen. Dieses Mal stellte ich sicher, dass ich die zehntausend Grasrispen bereit hatte!

Weil Ritualexperten nicht immer verfügbar sind, betonte Rinpoche die Notwendigkeit, sich auf sich selbst zu stützen. Deshalb lehrte er seine fortgeschrittenen westlichen Schüler, wie man selbst Feuer-Pujas durchführt. Dies beinhaltete, wie man die Feuerstelle vorbereitet und wie man das erforderliche Mandalamuster auf deren Boden mit farbigen Pulvern zeichnet. Rinpoche legte dar, dass, selbst falls Westler jemand anderen für die Rezitation des Rituals benötigten, weil es noch nicht in ihren eigenen Sprachen zur Verfügung stand, sie die verschiedenen Substanzen selbst in das Feuer darbringen mussten. Dies gilt auch, wenn man an einer Gruppenklausur teilnimmt.

Prozeduren korrekt zu befolgen stellt allerdings keinen Widerspruch zu einem praktischen Ansatz dar. So beginnen tantrische Klausuren zum Beispiel mit dem Aufstellen spezieller Gaben auf dem Heimaltar. Diese werden dann an jedem folgenden Tag dargebracht, um Hindernisse abzuwehren. Die Hindernisse werden in Form störender Geister visualisiert und jeden Tag dazu eingeladen, sich von den Gaben zu nehmen. Rinpoche gab den Rat, dass Keksschachteln oder -dosen völlig akzeptablen Ersatz für die traditionellen verzierten Tormas darstellen, die für diesen Zweck normalerweise benutzt werden.

Rinpoche war nicht glücklich über Leute, die versuchten, fortgeschrittene Praktiken durchzuführen, dazu aber nicht qualifiziert waren. Manche Leute setzen zum Beispiel zu Praktiken der vollständigen Stufe an, während sie gleichzeitig nicht willens oder auch nur daran interessiert sind, eine lange Sadhana zu praktizieren, von deren Meisterung gar nicht zu reden. In der höchsten Klasse des Tantra, dem Anuttarayoga, kommen zuerst die Praktiken der Erzeugungsstufe und dann diejenigen der vollendeten Stufe. Erstere Stufe bildet die Kraft der Vorstellung und Konzentration mittels Sadhana-Praxis aus. Letztere benutzt die entwickelten Kräfte des Geistes, um mit dem subtilen Energiesystem des Körpers zu arbeiten und so die eigentliche Selbsttransformation herbeizuführen. Ohne die Fähigkeiten, die man durch die Sadhana-Praxis erlangt, stellt die Arbeit mit den Chakras, Kanälen und Energiewinden dieses subtilen Systems eine reine Farce dar.

Rinpoche warnte, dass fortgeschrittene Tantra-Praktiken sehr schädlich sein können, wenn sie von einem Unqualifizierten in unkorrekter Weise durchgeführt werden. So kann zum Beispiel die Geistübertragung (Powa), welche beinhaltet, sich vorzustellen, dass man sein Bewusstsein in Vorwegnahme des Todes oben aus dem Kopf herausschießen lässt, das Leben verkürzen. Das Aufnehmen der Essenz von Pillen (Chulen), bei dem man für Wochen fastet und von gesegneten Reliquienpillen lebt, kann, insbesondere wenn in einer Gruppe durchgeführt, in der jeweiligen Gegend eine Hungerperiode hervorrufen. Darüber hinaus kann jemand, der derart praktiziert, durch den Mangel an Nahrung und Wasser ernsthaft krank werden und sogar sterben.

Tantrische Klausuren sind an sich schon eine fortgeschrittene Praxis und Rinpoche warnte davor, in sie verfrüht einzusteigen. Manchmal unternehmen Leute zum Beispiel eine Klausur zur Rezitation von Hunderttausend Mantras, sind aber zuvor nicht vertraut mit der Praxis. Sie nehmen an, dass sie im Verlauf der Klausur Erfahrung erlangen werden. Obwohl es nützlich ist, eine intensive Zeit auf das Studieren und Vertrautwerden mit einer bestimmten Praxis zu verwenden, ist dies nicht die Arbeit, die man während einer formalen tantrischen Klausur durchführt. Jemand, der nicht schwimmen kann, beginnt sein Training nicht, indem er zwölf Stunden am Tag im Schwimmbecken übt. Derartige Tollkühnheit führt lediglich zu Verkrampfungen und zur Erschöpfung. Intensives Training ist erfahrenen Schwimmern vorbehalten, Spitzensportler zu werden. Dasselbe trifft auf tantrische Meditationsklausuren zu.

Weiter ist es notwendig, dass tantrische Praxis privat bleibt. Es können sonst viele Störungen auftreten. Rinpoche sah, dass viele Westler nicht nur ihre Praxis und Errungenschaften nicht für sich behielten, sondern mit ihnen sogar prahlten. Er sagte, dass es absurd sei, damit anzugeben, ein großer Yogi-Praktizierender einer bestimmten Buddha-Gestalt zu sein, wenn alles, was man tut oder getan hat, lediglich ein kurzes Retreat dazu mit ein paar hunderttausend Rezitationen der relevanten Mantras ist. Und so anmaßend und arrogant zu sein, während man noch nicht einmal täglich die lange Sadhana dieser Gestalt praktiziert, ist sogar noch erbärmlicher. Rinpoche legte immer klar, dass die lange Sadhana für Anfänger gedacht ist. Diese Sadhanas beinhalten oft hundert Seiten und sind wie Texte langer Opern der Visualisation. Die kurzen, zusammengefassten Sadhanas sind für fortgeschrittene Praktizierende, die mit der gesamten Praxis derart vertraut sind, dass sie sämtliche Visualisationen und Prozeduren einfügen können, während sie nur ein paar Worte rezitieren.

Rinpoche lehrte, dass die Westler auch ihre Tendenz zügeln müssten, alle Lehren und Anweisungen von Anfang an säuberlich präsentiert zu wünschen, insbesondere bezüglich Tantra. Die großen indischen und tibetischen Meister waren vollkommen in der Lage, klare Texte zu schreiben. Nichtsdestoweniger schrieben sie absichtlich in einem vagen Stil. Tantrisches Material zu klar und verfügbar zu machen, kann leicht zu Störungen und zur Degeneration der Praxis führen. Die Leute mögen zum Beispiel die Lehren als selbstverständlich ansehen und in ihnen keine ernsthafte Anstrengung unternehmen.

Ein wichtiger Teil der pädagogischen Technik des Buddhismus besteht darin, andere dazu zu bringen, Bedeutungen zu hinterfragen. Wenn Schüler wahrhaft interessiert sind, werden sie nach weiterer Klarstellung suchen. Dies jätet automatisch diejenigen aus, die „spirituelle Touristen“ sind und die nicht willens sind, die harte Arbeit zu leisten, die notwendig ist, um erleuchtet zu werden. Für den Fall allerdings, dass der Zweck der Klarlegung der Tantras darin besteht, die verzerrten, negativen Eindrücke von ihnen bei den Leuten zu beseitigen, hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama es gebilligt, explizite Erklärungen zu veröffentlichen. Diese dürfen jedoch nur die Theorie betreffen und nicht spezifische Praktiken zu einzelnen Buddha-Gestalten. Ein klares „ How-to-do-it“-Handbuch kann die Leute dazu ermutigen, fortgeschrittene Praktiken ohne Aufsicht eines Lehrers zu versuchen, was sehr gefährlich sein kann.

Am gefährlichsten ist es, so die Warnung Rinpoches, Dharma-Schützer leicht zu nehmen. Dharma-Schützer sind machtvolle Kräfte, oft Geister, die von großen Meistern bezähmt wurden. Sie brachten diese für gewöhnlich gewalttätigen Wesen dazu, einen Eid abzulegen, dass sie die Lehren des Buddha (das Dharma) und deren ernsthafte Praktizierende vor Schaden und Hindernissen schützen werden. Nur große Yogis können sie unter Kontrolle halten.

Rinpoche erzählte oft die Geschichte eines Schützers, der das Gelübde erhalten hatte, die Praxis eines Klosters zu bewachen, das sich der Debatte widmete. Er musste Störungen, wie zum Beispiel Krankheit und Unfälle, jedem bringen, der versuchte, auf im Bereich dieses Klosters Tantra zu praktizieren, wo er doch debattieren sollte. Nur Mönchen, die ihre Dialektik-Ausbildung beendet hatten und dann an einem der beiden tantrischen Kollegien weiterstudiert hatten, war es erlaubt, Tantra zu praktizieren, aber selbst dann nicht innerhalb der Klostermauern.

Ein Geshe pflegte, während er immer noch ein Student war, auf dem Boden des Klosters ein Brandopfer mit Wacholderblättern durchzuführen, welches mit Tantra verbunden war. Er wurde kontinuierlich von Hindernissen geplagt. Er trat dann in eines der tantrischen Kollegien ein und nahm nach seinem Abschluss die Durchführung dieser Darbringung wieder auf, allerdings außerhalb des Klosters auf einem Berg. Einige Jahre später, nachdem der Geshe eine unmittelbare, nicht-begriffliche Wahrnehmung der Leerheit gehabt hatte, erschien ihm der Schützer in einer Vision. Der furchterregend aussehende Geist entschuldigte sich und sprach: „Es tut mir leid, dass ich dir zuvor Schaden zufügen musste. Aber dies war Teil meines Versprechens gegenüber dem Gründer deines Klosters. Nun, da du die reine Wahrnehmung der Leerheit erreicht hast, kann ich dir keinerlei Schaden verursachen, selbst wenn ich wollte.“

Rinpoche betonte die Wichtigkeit dieses Beispiels. Mit Mächten jenseits unserer Kontrollfähigkeit herumzuspielen, kann zur Katastrophe führen. Er zitierte oft Seine Heiligkeit, der sagte, dass man sich immer daran erinnern müsse, dass Dharma-Schützer Diener der Buddha-Gestalten sind. Nur diejenigen, die volle Kompetenz auf der Erzeugungsstufe des Anuttarayoga-Tantra und die Macht besitzen, als Buddha-Gestalten Befehle zu geben, sollten hier agieren. Ansonsten wird es sich bei einer verfrühten Einlassung so verhalten, als ob ein Kind einen riesigen Löwen als Schutz herbeiruft. Der Löwe mag das Kind schlicht verschlingen. Seine Heiligkeit gab den Rat, dass das Karma, welches durch unsere Handlungen erzeugt wird, unser bester Schützer ist. Darüber hinaus: Wie steht es eigentlich um unsere Zufluchtnahme in die Drei Juwelen - die Buddhas, das Dharma und die hoch verwirklichte spirituelle Gemeinschaft?

Rinpoches Tod und Wiedergeburt

serkong_2.jpgDer Tod von Serkong Rinpoche war noch bemerkenswerter als sein Leben. Im Juli 1983 organisierte Rinpoche die Übertragung der Kalachakra-Ermächtigung durch Seine Heiligkeit den Dalai Lama im Kloster Tabo in Spiti. Danach erwähnte Rinpoche gegenüber einem alten Mönch des Ortes, Kechen Drubgyal, dass dies nach der tibetischen Astrologie das Jahr der Hindernisse für Seine Heiligkeit sei. Das Leben Seiner Heiligkeit sei in Gefahr. Es wäre gut, diese Hindernisse auf ihn selbst zu übertragen. Er trug dem alten Mönch auf, dies gegenüber niemandem zu erwähnen.

Rinpoche begab sich dann für drei Wochen in eine strikte Meditationsklausur. Danach ging er in ein tibetisches Armee-Camp nahebei, um die Soldaten den „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ zu lehren. Man erwartete, dass Rinpoche den gesamten Text langsam über einen ausgedehnten Zeitraum hinweg lehren würde, aber er hastete schnell durch den Text. Als er das Camp einige Tage früher als geplant verließ, erklärte er, dass er zu einem besonderen Ort gehen müsse. Das war am 29. August 1983, dem Tag, an dem Seine Heiligkeit nach Genf in die Schweiz flog, zur gleichen Zeit, zu der ebenfalls die Ankunft von Yassir Arafat, dem Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), erwartet wurde. Die Polizeiführung war in Bereitschaft wegen eines möglichen, auf Arafat zielenden terroristischen Akts. Sie gab die Warnung, dass sie nicht für die Sicherheit Seiner Heiligkeit garantieren könne.

Rinpoche und Ngawang rasten in einem Jeep aus dem Armee-Camp und hielten kurz im Kloster Tabo an. Rinpoche bat Kechen Drubgyal, mit ihnen zu kommen. Der alte Mönch erklärte jedoch, dass er gerade seine Roben gewaschen habe. Rinpoche sagte, das mache nichts, er solle in seinem Unterrock kommen. Er könne seine Roben auf dem Dach des Jeeps festbinden, um sie zu trocknen. Dies tat der alte Mönch.

Während sie tiefer in das Spiti-Tal hineinfuhren, sagte Rinpoche zu Ngawang, dass er ihm immer aufgetragen habe, das Mantra des Mitgefühls - OM MANI PADME HUM - ununterbrochen zu wiederholen, dass Ngawang ihn aber nie ernst genommen habe. Dies sollte sein Abschiedsrat werden..

Sie hielten dann im Kloster Kyi an. Rinpoche wollte Darbringungen machen. Ngawang sagte, dass es spät sei und sie das am Morgen machen könnten. Aber Rinpoche bestand darauf. Meistens ging Rinpoche langsam und mit Schwierigkeiten. In bestimmten Situationen konnte Rinpoche jedoch ganz gut rennen. Einmal auf einem Flughafen, als wir fast zu spät für den Flug waren, rannte Rinpoche zum Beispiel so schnell, dass niemand von uns mit ihm mithalten konnte. Als Seine Heiligkeit einmal in Bodhgaya an einer Massenrezitation der hundert Bände umfassenden tibetischen Übersetzung der Worte des Buddha (des „ Kangyur“) teilnahm, saß Rinpoche an der Seite Seiner Heiligkeit, ich direkt hinter ihm. Als der Wind eine Seite des Lose-Blatt-Textes Seiner Heiligkeit forttrug, flog Rinpoche geradezu von seinem Sitz auf, um die Seite sofort vom Boden aufzuheben. Normalerweise benötigte er Hilfe beim Aufstehen. In jener Situation beim Kloster Kyi rannte Rinpoche ebenfalls, ohne Hilfe, den steilen Bergpfad hinauf.

Nachdem Rinpoche seine Darbringungen gemacht hatte, ersuchten ihn die Kyi-Mönche, die Nacht dort zu verbringen. Rinpoche lehnte ab und sagte, dass er noch diese Nacht das Dorf Kyibar erreichen müsse. Falls sie ihn wiedersehen wollten, müssten sie dort hinauf gehen. Nachdem er diesen indirekten Hinweis darauf gegeben hatte, was passieren würde, verließ er sie eilig.

Als Rinpoche und seine Gruppe das hochgelegene Dorf Kyibar erreichten, gingen sie zum Haus eines Bauern, den Rinpoche kannte. Der Mann war noch draußen in seinen Feldern und erwartete keine Gäste. Rinpoche fragte an, ob er sehr beschäftigt sei die nächste Woche oder so. Der Bauer verneinte dies und lud Rinpoche zu bleiben ein.

Nachdem er sich gewaschen und etwas Joghurt gegessen hatte, rezitierte Rinpoche Tsongkhapas „ Essenz der ausgezeichneten Erklärung auslegbarer und eindeutiger Bedeutungen“ aus dem Gedächtnis, wofür er zwei Stunden brauchte. Als er fertig war, rief er Ngawang und teilte ihm mit, dass er sich nicht wohl fühle. Er legte dann seinen Kopf auf Ngawangs Schulter - etwas, das Rinpoche für gewöhnlich nie tat. Zurückblickend betrachtet sah es aus, als ob er Abschied nahm. Er hatte Chöndze-la vor all diesem nach Simla weggeschickt, da es für Chöndze-la zweifellos zu schwer gewesen wäre, Zeuge dessen zu werden, was geschehen würde. Er war mit Rinpoche zusammen gewesen, seit er sechs Jahre alt war, und Rinpoche hatte ihn aufgezogen wie einen eigenen Sohn. Ngawang fragte, ob er einen Arzt oder Medizin besorgen solle, aber Rinpoche sagte nein. Ngawang fragte, ob er sonst irgendetwas tun könne und Rinpoche bat ihn, ihm zu helfen, zur Toilette zu gehen, was er tat. Dann bat Rinpoche Ngawang, sein Bett zu machen. Anstatt seines üblichen gelben Lakens, auf dem er immer schlief, wies Rinpoche Ngawang an, ein weißes auszubreiten. In tantrischer Praxis wird Gelb in Ritualen für das Anwachsen der eigenen Fähigkeiten, anderen zu helfen, benutzt, wohingegen Weiß für das Befrieden von Hindernissen steht.

Rinpoche ersuchte dann Ngawang und Kechen Drubgyal, in sein Schlafzimmer zu kommen, was sie taten. Rinpoche legte sich dann auf seiner rechten Seite nieder, in der Schlafposition des Buddha. Anstatt seine Arme in die Standardstellung von links an seiner Seite und rechts unter den Kopf zu bringen, wie er das normaler Weise vor dem Einschlafen machte, überkreuzte er sie in der tantrischen Umarmungsgeste. Er begann dann, tief zu atmen, und verschied einfach, anscheinend durch den Meditationsprozess des „Gebens und Nehmens“ (Tonglen). Er war neunundsechzig und völlig gesund: Zwei Monate zuvor hatte ich ihn zu einer intensiven medizinischen Untersuchung nach Delhi gebracht.

Exakt in diesem Moment, während Seine Heiligkeit sich immer noch auf dem Flug Richtung Genf befand, änderte der Vorsitzende Arafat plötzlich seine Pläne und entschied, seinen Besuch in der Schweiz zu verschieben. Die Gefahr eines terroristischen Vorfalls am Flughafen war daher abgewendet. Obwohl die Gefahr für das Leben Seiner Heiligkeit vorüber war, verfuhr sich dennoch die Wagenkolonne Seiner Heiligkeit auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel. Seine Heiligkeit erlitt jedoch keinerlei Schaden. Serkong Rinpoche hatte erfolgreich die Hindernisse für das Leben Seiner Heiligkeit übernommen und seinerseits seine eigene Lebensenergie gegeben.

Geben und Nehmen ist eine fortgeschrittene Bodhisattva-Technik dafür, die Hindernisse von anderen zu übernehmen und ihnen Glück zu geben. Immer wenn Rinpoche diese Praxis lehrte, sagte er, dass wir willens sein müssen, das Leiden anderer zu übernehmen, selbst wenn dies bis zum Punkt der Aufopferung unseres Lebens gehen sollte. Er bezog sich immer auf ein Beispiel, das Kunu Lama Rinpoche von einer Person in seinem Heimatkreis gegeben hatte, welche die Kopfwunde von jemand anderem übernahm und als Konsequenz daraus starb. Als wir Rinpoche fragten, ob, wenn er selbst dies tun würde, es nicht eine große Verschwendung wäre, antwortete er mit Nein. Er erklärte, dass es wäre wie bei einem Astronauten, der sein Leben für den Fortschritt der Welt opfert. Genauso wie das Vorbild und der Ruhm dieses heroischen Astronauten eine dicke Staatspension für seine Familie sicherstellen würde, würde ebenfalls das heroische Vorbild der Aufopferung des Lamas für die spirituelle Ernährung seiner zurückgelassenen Schüler sorgen.

Serkong Rinpoche verblieb in der Todespunkt-Meditation über das Klare Licht für drei Tage. Diejenigen, welche die Fähigkeit besitzen, ihre Wiedergeburten zu steuern, treten normaler Weise in diese Meditation als Teil des Prozesses ein, der entweder eine Linie reinkarnierter Lamas beginnt oder fortsetzt. Die ganze Meditation über bleibt ihr Herz warm und ihre Körper beginnen nicht, sich zu zersetzen, obwohl sie zu atmen aufgehört haben. Für gewöhnlich verbleiben die großen Lamas in diesem Zustand für mehrere Tage, nach denen dann ihr Kopf herabsinkt und Blut aus den Nasenlöchern austritt. Dies deutet dann an, dass ihr Bewusstsein ihren Körper verlassen hat.

Als diese Zeichen bei Serkong Rinpoche auftraten, leuchteten Regenbogen am Himmel und wunderliche Lichter erschienen auf dem unfruchtbaren Hügel, der für seine Verbrennung gewählt worden war. Obwohl das Kloster Namgyal Seiner Heiligkeit in Dharamsala um die Entsendung von Mönchen für die Verbrennungszeremonie ersucht wurde, konnte die Gruppe nicht rechtzeitig ankommen. Die Mönche von Spiti führten die Zeremonie durch, bescheiden, wie es Rinpoche gewünscht hätte. Kurze Zeit später entsprang eine heilkräftige Süßwasserquelle an der Verbrennungsstelle. Sie fließt noch heute und ist zu einem Pilgerort geworden. Exakt neun Monate später, am 29. Mai 1984, nahm Rinpoche erneut Geburt an, in einer bescheidenen Familie und wiederum in Spiti.

Einige Jahre zuvor hatte Rinpoche einen Mann und seine Frau getroffen. Sie hießen Tsering-Chödrag und Künzang-Chödrön. Beide hatten ihn tief beeindruckt. Sie waren sehr starke Dharma-Praktizierende und erzählten Rinpoche, das es ihr tiefster Wunsch sei, ein Mönch und eine Nonne zu werden. Der Vorsteher des dortigen Dorfes hatte davon abgeraten, da der Eintritt ins monastische Leben als Erwachsene mit einer jungen Familie viele Probleme hervorgebracht hätte. Sie müssen sich zuerst um ihre Kinder kümmern. Rinpoche unterstützte den Ratschlag des Vorstehers. Sie waren die Eltern, bei denen Rinpoche Geburt annahm, als deren viertes Kind.

Die Schüler eines großen Meisters, der die Todespunkt-Meditation gemeistert hat, benutzen verschiedene Methoden, um dessen Wiedergeburt zu lokalisieren. Diese Methoden beinhalten es u.a., Orakel und die Träume höchstverwirklichter Meister zu befragen. Der letztendliche Kandidat muss dann einige Sachen, die der verstorbene Lama besessen hatte, unter vielen ähnlich aussehenden Gegenständen richtig identifizieren können. Seine Heiligkeit der Dalai Lama warnt aber davor, sich ausschließlich auf derartige Methoden zu verlassen. Das Kind muss klare Zeichen seiner Identität geben, bevor es als ein ernstlicher Kandidat in Betracht gezogen werden kann.

Die Menschen in Spiti betrachten Serkong Rinpoche als so etwas wie einen Heiligen: So gut wie jeder Haushalt besitzt ein Bild von ihm. Sobald der kleine Serkong Rinpoche sprechen konnte, deutete er auf Rinpoches Bild an der Wand des Hauses seiner Eltern und sagte: „Das bin ich!“ Als Ngawang später das Haus besuchte, um das Kind zu überprüfen, rannte der Junge sofort in seine Arme. Er wollte mit ihm zurück zu seinem Kloster gehen.

Niemand hegte irgendwelche Zweifel darüber, wer er war. Schließlich hatte ein paar Jahre zuvor eine Gruppe prominenter Frauen aus Spiti Rinpoche darum ersucht, er möge das nächste Mal in ihrem Tal Wiedergeburt anzunehmen: Von der indischen Regierung die Erlaubnis zu erhalten, ihre abgelegene Grenzregion besuchen zu dürfen, war immer ein Problem gewesen. Eine derartige Wiedergeburt würde alles einfacher machen.

Seine Eltern, tief geehrt, gaben ihre Zustimmung und so brach der kleine Rinpoche im Alter von vier Jahren nach Dharamsala auf. Obwohl ihn seine Eltern von Zeit zu Zeit besuchen, hat der Junge nie nach ihnen gefragt, noch hat er sie anscheinend je vermisst. Von Anfang an fühlte er sich bei den Mitgliedern seines alten Haushaltes vollkommen zu Hause. Sie waren die Familie seines Herzens.

Jetzt, 1998, ist der neue Serkong Rinpoche vierzehn. Er lebt und studiert meistens in seinem Kloster in Mundgod und kommt ein oder zwei Mal im Jahr nach Dharamsala, wenn Seine Heiligkeit große Belehrungen gibt. Chöndze-la und Rinpoches alter Koch sind gestorben, Ngawang hat die Robe niedergelegt, geheiratet und lebt nun in Nepal. Rinpoche hat einen neuen Haushalt mit Mönchen, die für ihn sorgen. Sie alle sind von ihm persönlich im vorherigen Leben ausgesucht worden. So wählte er zum Beispiel selbst zwei zehnjährige Jungen aus Spiti und Kinnaur aus, damit sie in seinen Haushalt aufgenommen würden und ihm während der letzten Monate seines Lebens helfen konnten.

Obwohl er eine ähnliche Art von Humor wie sein Vorgänger hat und mit ihm den gleichen praktischen, geerdeten Ansatz teilt, hat der junge Serkong Rinpoche seine eigene Persönlichkeit. Was sich von einem Leben zum nächsten fortsetzt, sind die Talente, die Neigungen und die karmischen Verbindungen. In meiner Beziehung zu ihm fühle ich mich irgendwie wie ein Mitglied von Captain Kirks ursprünglicher „Raumschiff Enterprise“ -Mannschaft, das nun bei Captain Picard von „Star Trek: Das nächste Jahrtausend“ mitmacht. Alles hat sich verändert und dennoch besteht eindeutige Kontinuität.

Bis jetzt habe ich im Aufziehen von Serkong Rinpoche eine Rolle „auf dem Rücksitz“ eingenommen. Ich hatte das Gefühl, dass der alte Rinpoche am liebsten seinen eigenen Leuten gedient hätte. Zu viele der großen Lamas haben sich dem Lehren im Westen oder in Gegenden Asiens außerhalb ihrer traditionellen kulturellen Sphäre gewidmet, zum Nachteil der Tibeter selbst. Wenn die tibetische Form des Buddhismus in ihrer vollsten Ausprägung überleben soll, dann ist die Ausbildung zukünftiger Generationen von Tibetern essenziell. Das liegt daran, dass gegenwärtig die vollständigen buddhistischen Lehren ausschließlich auf Tibetisch verfügbar sind. Rinpoche stellte mir die besten Umstände, die man sich nur vorstellen kann, für meine Ausbildung und Selbstentfaltung zur Verfügung. Um seine Güte zu erwidern habe ich versucht, dasselbe für ihn zu tun.

Um zu versuchen, einem kulturellen Konflikt vorzubeugen, habe ich nicht an Rinpoches moderner Erziehung teilgenommen. Tatsächlich habe ich es bewusst vermieden, zu viel Kontakt mit ihm zu haben, obwohl die enge Verbindung zwischen uns jedes Mal, wenn wir uns treffen, verblüffend offensichtlich ist. Statt dessen habe ich es arrangiert, dass örtliche tibetische Lehrer ihm Englisch, Naturwissenschaften und Gesellschaftkunde beibringen, wobei sie dem gleichen Lehrplan folgen, den die tibetischen Schulen in Indien benutzen. Als Folge davon kann sich Rinpoche vollständig zu seinen eigenen Leuten in Beziehung setzen. Ich habe ihn ebenfalls weder in den Westen mitgenommen, noch ihm einen Computer oder einen Videorecorder gekauft und ich habe anderen davon abgeraten, ihm diese zu schenken. Zu viele der jungen reinkarnierten Lamas finden Computerspiele und Action Videos verführerischer als ihre traditionellen monastischen Studien.

Ich weiß nicht, in wie weit meine Lenkung beigetragen hat, aber Rinpoche zeigt ein tiefes Gefühl der Sicherheit und fühlt sich in seiner eigenen Kultur rundum wohl. Das kann für ihn nur von Vorteil sein und für jeden, den er in der Zukunft treffen wird. Er kann mit dem Westen Erfahrungen aus erster Hand machen, wenn er erwachsen ist. Ich bete dafür, dass ich in meinem nächsten Leben erneut sein Schüler werden kann.

[Ein Video der Inthronisation von Serkong Rinpoche im Jahr 1988 ist in deutscher Sprache erhältlich und kann unter Edition Ruine der Kuenste Berlin bestellt werden.]

Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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