Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ein Porträt Tsenzhab Serkong Rinpoches

Alexander Berzin, 1998
Übersetzung ins Deutsche: Wolfgang Exler

Teil drei: Die Ausbildung mit Rinpoche

Ich traf auf Serkong Rinpoche erstmals im Januar 1970 in Bodhgaya. Sharpa und Khamlung Rinpoche, zwei junge, reinkarnierte Lamas, die in Amerika unter der Leitung von Geshe Wangyal Englisch studiert hatten, hatten ihn mir empfohlen. Serkong Rinpoche würde es möglich sein, mich zu dem geeignetsten Lehrer für das Studium von Guhyasamaja (der Ansammlung verborgener Faktoren) zu dirigieren: Ich hatte dieses komplexe Tantra-System als Thema meiner Doktorarbeit ausgewählt, nachdem ich die Sanskrit- und die tibetische Version eines kleinen Teils des kryptischen Haupttextes in einem Absolventen-Seminar verglichen hatte.

Obwohl meine linguistischen Studien mich für ein derart fortgeschrittenes Studium völlig unvorbereitet gelassen hatten, nahm mich Serkong Rinpoche ernst. Er schlug Kenzur Yeshe-Döndrub vor, den im Ruhestand befindlichen Abt von Gyütö, dem oberen tantrischen Kolleg, der viele Jahre später zum Haupt der Gelug-Tradition wurde. Ich fühlte mich geehrt, dass Rinpoche einen derart bekannten Meister ausgewählt hatte.

Mehrere Monate später traf ich den Abt in seiner winzigen Hütte aus Schlamm und Kuhdung hoch oben über Dalhousie, dem Bergdorf in der Nähe von Dharamsala, wo das Gyütö-Kloster gelegen war und ich mich niedergelassen hatte. Der bescheidene alte Mönch hatte gerade zwei aufeinander folgende Drei-Jahres-Meditationsklausuren vollendet. Als ich ihn darum bat, mich zu lehren, stimmte der Abt bereitwillig zu. Er teilte mir mit, dass ich gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen sei. Er beginne eine intensive Drei-Jahres-Klausur auf das Guhyasamaja-System am folgenden Tag. Ob ich mitmachen wolle? Ich musste natürlich ablehnen, lernte aber die Lektion, die mir Rinpoche auf die klassisch-buddhistische Art erteilt hatte. Rinpoche hatte die Umstände herbeigeführt, in denen ich die Wahrheit selbst erkennen konnte. Um dieses fortgeschrittenste Tantra zu studieren und zu praktizieren, würde ich vom Anfang her beginnen müssen.

Bald darauf änderte ich mein Dissertationsthema in einen bescheideneren Gegenstand – die mündliche Tradition des Lam-rim, der Stufen des Pfades – und arrangierte, die Grundlagen mit dem Lehrer von Sharpa und Khamlung Rinpoche, dem Geshe Ngawang Dhargye, zu studieren. Geshe ist der klösterliche Rang, der grob einem Doktorgrad entspricht, und die Fähigkeiten Geshe Dhargyes als gelehrter Lehrer hatten ihm die Position eines Tutors von fünf „Teenagern“, die reinkarnierte Lamas waren, eingebracht. Zu jener Zeit lebte Geshe Dhargye in einem umfunktionierten Kuhstall, der vor Fliegen nur so wimmelte. Er war so winzig, dass nur sein Bett hineinpasste und noch genug Platz blieb, sodass drei Leute zusammengezwängt am Boden sitzen konnten. Obwohl mich die Umstände, in denen er lebte, in Aufruhr versetzten, ließ ich mich zu meinen Studien nieder. Ich musste auch mehr modernes gesprochenes Tibetisch lernen: In Harvard hatte ich lediglich die klassische, geschriebene Sprache studiert. Das nächste Mal, dass ich Serkong Rinpoche traf, war im Juni jenes Jahres. Eine schreckliche Cholera- und Typhusepidemie war in jener Gegend ausgebrochen und Seine Heiligkeit hatte Rinpoche gebeten, nach Dalhousie zu kommen, um die Hayagriva-Ermächtigung zu übertragen. Die Praxis dieser kraftvollen Buddhagestalt, zusammen mit Hygiene, hilft den Leuten, die Infektion zu vermeiden. Obwohl ich unter der Handvoll Westler war, welche die Initiation erhielten, gab es keine Gelegenheit, Rinpoche privat zu treffen. Er hatte diese Ermächtigung noch an anderen Orten zu übertragen und verließ Dalhousie eiligst.

Zu der Zeit, als wir das nächste Mal zusammentrafen, war es zu vielen Veränderungen gekommen. Im Herbst 1971 bat Seine Heiligkeit Geshe Dhargye, den Fremden an der neu errichteten Library of Tibetan Works & Archives in Dharamsala den Buddhismus zu lehren. Die Rinpoches Sharpa und Khamlung waren als seine Übersetzer mit dabei. Ich fragte nach, ob ich in der Library ebenfalls helfen dürfte durch Textübersetzungen, und Seine Heiligkeit stimmte zu. Zuerst sollte ich meine Dissertation einreichen, meinen Doktor erhalten und dann zurückkehren. Der kürzlich weniger als 100 Meilen entfernt ausgebrochene Grenzkrieg mit Pakistan überzeugte mich, ohne Aufschub abzureisen. Ich kehrte nach Harvard zurück und befolgte den Rat Seiner Heiligkeit. Nachdem ich, sehr zur Überraschung meiner Professoren, die Karriere des Lehrens an der Universität dankend abgelehnt hatte, zog ich einige Monate später im September 1972 nach Dharamsala um.

Serkong Rinpoche war gerade nach Nepal abgereist, um dort zwei Jahre lang einigen der dortigen neu errichteten Klöster Ermächtigungen und mündliche Übertragungen zu geben. Als er im Herbst 1974 nach Dharamsala zurückkehrte, konnte ich endlich ausreichend gut Tibetisch sprechen, um mit ihm direkt kommunizieren zu können. Obwohl ich das zunächst nicht erkannte, schien Rinpoche zu wissen, dass ich die karmische Beziehung besaß, sein Übersetzer zu sein. Er deutete dies an, indem er mich dazu ermutigte, ihn oft zu besuchen und an seiner Seite zu sitzen, während er verschiedene Leute empfing. Er unterhielt sich mit mir und erklärte verschiedene Worte auf Tibetisch, um sicherzustellen, dass ich die Konversation verstanden hatte.

Kurze Zeit später beschenkte mich Rinpoche mit einer Gruppe dreier wunderbarer Rollbilder des weißen Manjushri, der weißen Sarasvati und der weißen Tara, die ihm die Menschen von Spiti kürzlich dargebracht hatten. Diese Buddha-Gestalten hatten für seine persönliche Entwicklung und Meditationspraxis von frühester Kindheit an im Zentrum gestanden. Sie verkörpern der Reihe nach die Klarheit des Geistes, anderen zu helfen, die hervorragende Einsicht für klaren und kreativen literarischen Ausdruck sowie die vitale Energie für ein langes und produktives Leben. Dieses tiefschürfende Geschenk bestätigte unsere Beziehung. Als ich Rinpoche fragte, ob ich sein Schüler sein könne, lächelte er geduldig über meine typisch westliche Gewohnheit, alles, was ganz manifest offensichtlich ist, verbalisieren zu müssen.

Rinpoche fing dann an, mich systematisch zum Übersetzer auszubilden, ohne je auszusprechen, dass es dies war, was er tat. Zuerst arbeitete er an meinem Erinnerungsvermögen. Jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, forderte Rinpoche mich in unerwarteten Momenten auf, Wort für Wort zu wiederholen, was er gerade gesagt hatte. Ebenso bat er mich, zu wiederholen, was ich selbst gerade gesagt hatte. Als ich erst einmal angefangen hatte, für ihn zu übersetzen – im Herbst 1975 -, forderte Rinpoche mich oft dazu auf, seine Worte ins Tibetische zurückzuübersetzen, um sicherzustellen, dass es zu keinen Fehlern, Zusätzen oder Weglassungen gekommen war. Tatsächlich hatte ich während der acht Jahre, in denen ich ihm als Übersetzer diente, das Gefühl, dass ich jedes Mal, wenn Rinpoche mich in dieser Weise zurückzuübersetzen bat, unweigerlich falsch verstanden hatte, was er sagte. Rinpoche schien es immer zu spüren, wenn ich einen Fehler machte.

Dann begann Rinpoche, am Ende der Sitzungen fünfminütige Zusammenfassungen seiner Belehrungen zu geben und mir dann mitzuteilen, dass es nun an mir sei, zusammenzufassen. Auf diese Weise schulte er mich nicht nur darin, sehr lange Reden zu übersetzen, sondern auch zu lehren. Manchmal unterhielt er sich sogar mit seinen Begleitern, während ich meine Zusammenfassungen machte, um so meine Konzentrationsfähigkeit herauszufordern. Ein guter Lehrer darf sich vom Lärm draußen weder ablenken noch entnerven lassen.

Wenn Rinpoche mich privat lehrte, ließ er es nicht zu, dass ich Notizen machte. Ich musste alles erinnern und später niederschreiben. Bald gab mir Rinpoche nach meinem Unterricht unzählige Dinge zu tun, sodass ich meine Notizen erst viel später, in der Nacht, niederschreiben konnte. Schließlich kam es so weit, dass Rinpoche mich manchmal während einer Belehrung, die ich übersetzte, unterbrach und mir, ganz nebenbei privat etwas bezüglich meines Unterrichts zu einem völlig anderen Thema erklärte. Dann, ohne mir auch nur einen Augenblick zu geben, um über seine Worte zu reflektieren oder irgendetwas aufzuschreiben, nahm er seine ursprüngliche Belehrung wieder auf.

Wann immer ich Rinpoche eine Frage stellte über etwas, das er mir zuvor mitgeteilt hatte, schimpfte er mich wegen meiner mangelnden Erinnerung ernstlich aus. Ich erinnere mich daran, wie ich ihn einmal nach der Bedeutung eines Ausdrucks fragte und Rinpoche darauf scharf antwortete: „ Ich habe dir dieses Wort vor sieben Jahren erklärt! Daran erinnere ich mich ganz klar. Warum erinnerst du dich nicht?“ Tatsächlich hat er mir gegenüber einmal bemerkt, dass je älter er würde, desto klarer würde sein Geist.

Serkong Rinpoche war nicht nur daran interessiert, dass ich ein gutes Erinnerungsvermögen entwickelte, sondern auch daran, dass ich akkurat übersetzte. Aus seiner Erfahrung mit dem Lehren von Westlern erkannte er, dass viel von ihren Missverständnissen aus fehlleitenden Übersetzungen bestimmter Fachbegriffe herstammte. Folgerichtig arbeitete er daran mit, neue Terminologie im Englischen zu entwickeln. Er erklärte geduldig die Konnotation jedes tibetischen Begriffs und fragte dann nach den Implikationen möglicher englischer Äquivalente, um zu versuchen, die Bedeutungen in Einklang zu bringen. Er ermutigte mich immer dazu, mit neuen Begriffen zu experimentieren und mich nicht von unzureichenden Konventionen versklaven zu lassen. Die tibetische Standard-Terminologie, benutzt zur Übersetzung buddhistischer Texte aus dem Sanskrit, entwickelte sich schrittweise über Jahrhunderte hinweg. Es ist nur natürlich, dass ein ähnlicher Revisionsprozess beim Übersetzen in westliche Sprachen auftreten wird.

Als ich ursprünglich Rinpoche ersucht hatte, mich als Schüler anzunehmen, hatte ich ihn gebeten, mir insbesondere geschickte Mittel beizubringen – wie man anderen auf mitfühlende und weise Art hilft. Von einem akademischen Elite-Hintergrund kommend, in dem ich mich immer ausgezeichnet hatte, war meine persönliche Entwicklung einseitig gewesen. Für mich war es nötig, soziale Fähigkeiten und Bescheidenheit zu erlernen. Folgerichtig nannte mich Rinpoche nur bei einem Namen – „ Dummy (Dummkopf)“ – und zeigte unweigerlich alles Dumme oder Falsche auf, das ich sagte oder machte. Wenn er mich zum Beispiel übersetzen ließ, bestand Rinpoche darauf, dass ich vollständig verstehe. Jedes Mal, wenn ich stockte, war es ganz egal, wie lange es brauchte oder wie beschämt ich wurde, weil er mich einen Idioten nannte. Er ließ nie ein Wort durchgehen ohne mein Verstehen und meine korrekte Übersetzung. Obwohl derartige Methoden unangebracht wären für von niedrigem Selbstwertgefühl geplagte Schüler, passte sein kompromissloser Ansatz für mich perfekt.

Einmal gab Rinpoche in Lavaur in Frankreich einen Diskurs über einen Kommentar zu einem komplizierten Text. Als ich mich zum Übersetzen niederließ, bat mich Rinpoche, ebenfalls verschiedene Editionen des Kommentars zu vergleichen und den Text zu redigieren, während wir ihn durchgingen. Ich hatte keinen Stift, aber direkt vor mir saß eine Frau mit strahlend rot gefärbten Haaren, üppig aufgetragenem roten Lippenstift und einer roten Rose, die sie während der gesamten Belehrung zwischen den Zähnen hielte. Ich fragte, ob irgendjemand einen Stift übrig hätte, den er mir leihen könnte, und sie bot mir ihren an. Am Ende der Sitzung war ich völlig verausgabt. Als ich aufstand streckte mir die Frau ohne ein Wort zu sagen ihre Hand entgegen. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich dachte, sie wolle mir die Hand schütteln, um mir zu meiner guten Leistung zu gratulieren. Als ich meine Hand ebenfalls ausstreckte, rief Rinpoche: „Dummy, gib ihr ihren Stift zurück!“

Um meine Ich-Zentriertheit zu dämpfen, lehrte mich Rinpoche, Dinge ausschließlich für andere zu tun. Dies tat er, indem er nie zustimmte, mir irgendwelche Belehrungen oder Ermächtigungen zu geben, die ich für mich selbst erbat. Er willigte nur dann ein, wenn jemand anderes ersuchte und ich der Übersetzer war. Rinpoche lehrte mich individuell lediglich diejenigen Dinge, die er selbst als wichtig für mich zu lernen ansah.

Darüber hinaus lobte mich Rinpoche nie direkt, sondern schimpfte ständig mit mir. Dies tat er insbesondere vor anderen, damit ich unverstört von Kritik und Druck würde. Tatsächlich erinnere ich mich nur an ein einziges Mal, an dem Rinpoche mir für meine Hilfe dankte, und zwar am Ende unserer ersten gemeinsamen Tour im Westen. Auf diese emotional machtvolle Weise schulte mich Rinpoche darin, einfach von dem Wunsch, anderen zu nutzen, motiviert zu sein und nicht von dem Wunsch nach Lob oder um meinen Lehrer zu erfreuen. Als ich erkannte, dass ich, wenn ich auf seinen Dank wartete, einem Hund ähnelte, der darauf wartet, über den Kopf gestreichelt zu werden, hörte ich bald auf, irgendwelche Zeichen der Anerkennung zu erwarten. Selbst wenn er mich gelobt hätte, was anderes hätte ich tun können, als mit dem Schwanz zu wedeln?

Rinpoche hat die Leute immer dazu ermutigt, die großen Schriften selbst lesen zu lernen. Wann immer jemand Zweifel oder Fragen hatte, bewegte Rinpoche diese Person dazu, nachzuschauen und zu überprüfen. Er erklärte, dass er diese Lehren nicht erfunden hätte, sondern dass sie aus verlässlichen Quellen stammten. Rinpoche sagte auch, dass niemand erwarten könne, dass ein Lama ihn oder sie alles lehre. Darüber hinaus wiederholte er für die Westler die Aussage Seiner Heiligkeit, dass für die nächsten zweihundert Jahre oder länger die volle Breite der Lehren des Buddha ausschließlich auf Tibetisch zur Verfügung stehen werde. Er ermutigte daher seine westlichen Schüler eindringlich, Tibetisch zu lernen. Er sagte, dass jede Silbe der tibetischen Sprache voller Bedeutung sei. Daher arbeitete Rinpoche während seiner Belehrungen oft die Konnotationen der tibetischen Fachausdrücke heraus.

In Übereinstimmung mit diesem Ansatz ließ mich Rinpoche meine Studien durch das Lesen von Texten fortsetzen und erlaubte mir, jedwede Frage zu stellen, die ich zu ihnen hätte. Er meinte, dass wenn sie in dieser Weise vorgehen, die Schüler schließlich an jeder Stelle der buddhistischen Literatur studieren könnten, vergleichbar dem Schwimmen im Ozean oder dem Fliegen in der Luft. Erklärend, dass Lamas ihre Schüler lehren müssen, auf ihren eigenen Füßen zu stehen und dann zu fliegen, gab er Anleitung, was studiert, bzw. gelesen, werden sollte. Dann warf er seine Schüler aus dem Nest und ließ sie allein losziehen.

Rinpoche benutzte viele Methoden, um mich zu lehren, nicht von ihm in irgendeiner Weise abhängig zu werden. Zum Beispiel hat Rinpoche, obwohl er und ich eine äußerst enge Beziehung hatten, nie vorgegeben, fähig zu sein, mir in allen Situationen zu helfen. Einmal war ich ziemlich krank und die Medizin, die ich einnahm, war von keinerlei Hilfe. Als ich Rinpoche um eine Divination darüber bat, auf welches medizinische System – westlich, tibetisch oder indisch – und auf welchen Arzt sich zu stützen am besten wäre, sagte mir Rinpoche, dass momentan seine Divinationen unklar seien. Er schickte mich stattdessen zu einem anderen großen Lama, der mir dabei half, eine effektivere Behandlungsmethode zu finden. Bald war ich wieder gesund.

Nach einigen Jahren erkannte ich, dass Rinpoche mich dazu schulte, für Seine Heiligkeit zu übersetzen. Tatsächlich hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich wie ein Geschenk war, das Rinpoche vorbereitete, um es ihm zu schenken. Um richtig dienen zu können, durfte ich allerdings nie an Seine Heiligkeit anhaften oder von ihm abhängig werden. Ich würde lediglich wie einer von vielen Golfschlägern sein, aus denen Seine Heiligkeit auswählen konnte, um seine Übersetzungsbedürfnisse zu erfüllen. Weiter würde ich enormen Druck aushalten müssen und mein Ego besiegen.

Rinpoche lehrte mich daher, wie man sich richtig benimmt, wenn man einem Dalai Lama dient. Zum Beispiel dürfen Übersetzer seiner Heiligkeit niemals ihre Hände wie in einem Tanz bewegen, noch ihn wie in einem Zoo anstarren. Stattdessen müssen sie ihren Kopf gesenkt halten, völlig konzentriert bleiben und niemals irgendetwas von ihrer eigenen Person hinzufügen. Sie müssen die Menschen und Punkte in der Reihenfolge auflisten, in der Seine Heiligkeit sie erwähnt, nie irgendetwas verändernd oder irgendetwas, das Seine Heiligkeit sagt, als ohne Bedeutung oder Absicht ansehend.

Die Titel von Lamas müssen korrekt übersetzt werden, genau wie Seine Heiligkeit sie benutzt, und nicht in der Art, in der Ausländer so gut wie jeden Lama „Seine Heiligkeit“ nennen. Anstatt diese Lamas zu ehren, degradiert diese uniforme westliche Gewohnheit den Dalai Lama. Tatsächlich würden diese Lamas erschrecken, wenn sie wüssten, dass die Fremden sich auf sie mit denselben Ehrentiteln beziehen wie auf den Dalai Lama. Genau wie in der katholischen Kirche und im diplomatischen Corps folgt das tibetische Protokoll und seine hierarchische Benutzung von Titeln strengen Regeln. Wenn ich für Seine Heiligkeit übersetzte, saß Serkong Rinpoche oft mir gegenüber. Ihn zu sehen half mir, seine Schulung gegenwärtig zu halten. Als ich zum Beispiel einmal in Dharamsala vor einer Zuhörerschaft von einigen hundert Westlern und mehreren tausend Tibetern übersetzte, unterbrach mich Seine Heiligkeit und brüllte vor Lachen: „Er hat gerade einen Fehler gemacht!“ Seine Heiligkeit versteht Englisch vollkommen. Obwohl ich mich wie eine Ameise unter den Teppich verkriechen wollte, half es Dummy, seine Fassung zu bewahren, dass Rinpoche in seinem Blickfeld saß.

Manchmal benötigte ich allerdings kraftvolle Erinnerungen an meinen Unterricht. Zum Beispiel: Eines der ersten Male, dass ich für Seine Heiligkeit übersetzte, war bei einem Vortrag, den er ungefähr zehntausend Menschen unter dem Bodhibaum in Bodhgaya hielt. Mein Mikrophon fiel aus und so brachte mich Seine Heiligkeit dazu, praktisch in den Schoß des Rezitationsleiters zu klettern, um dessen Übertragungsanlage zu nutzen. Diese fiel ebenfalls aus. Seine Heiligkeit ließ mich dann auf dem Boden zwischen seinem Thron und Serkong Rinpoche in der ersten Reihe sitzen und gab sein eigenes Mikrophon zwischen den Sätzen an mich weiter. Ich war so entnervt, dass ich mich kaum beherrschen konnte. Ich nahm das Mikrophon von Seiner Heiligkeit nur mit einer Hand entgegen und gab es auch nur mit einer Hand zurück, anstatt mit zwei ausgestreckten Händen in der üblichen respektvollen Weise. Danach schlug mich Rinpoche beinah, weil ich das Mikrophon genommen hatte wie ein Affe, der nach einer Banane grabscht.

Rinpoche trug auch Sorge dafür, dass sich Westler im Allgemeinen Seiner Heiligkeit im besten Licht zeigten. Ihr Verhalten bei den öffentlichen Belehrungen Seiner Heiligkeit entsetzte ihn oft. Er sagte, dass es wichtig sei, zu erkennen, wer Seine Heiligkeit ist. Er ist kein gewöhnlicher reinkarnierter Lama. In seiner Gegenwart zu sein erfordert besonderen Respekt und besondere Bescheidenheit. So ist es zum Beispiel äußerst ungehörig, während Teepausen bei einer Initiation oder einem Vortrag im Blickfeld Seiner Heiligkeit zu stehen und sich zu unterhalten, als ob er gar nicht da wäre. Das richtige Verhalten ist, für jede Art von Konversation nach draußen zu gehen.

Einmal sponserte eine westlich-buddhistische Organisation einen Vortrag, den ich für Seine Heiligkeit in Dharamsala übersetzte. Seine Heiligkeit hatte angeboten, schriftliche Fragen zu beantworten. Nach jeder Sitzung bat mich Rinpoche, ihm die für den nächsten Tag eingereichten Fragen vorzulesen, und er verwarf entschieden alle dummen und trivialen. Oft trug mir Rinpoche auf, die Fragen neu zu formulieren, sodass sie tiefschürfender wären. Sie sollten die Zeit Seiner Heiligkeit nicht verschwenden und auch nicht die Gelegenheit für viele Menschen, von der Antwort zu profitieren. Mehrmals bemerkte Seine Heiligkeit, wie exzellent und tiefgehend die Fragen waren. Ich lernte daraus, selber diesem Editionsprozess zu folgen, wann immer ich mit Seiner Heiligkeit reiste.