Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Wiedergeburt steuern: das tibetische Tulku-System

Alexander Berzin
Jägerndorf, Deutschland, Juni 1996
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Ich bin gebeten worden, heute Abend darüber zu sprechen, wie wir unsere Wiedergeburten steuern können. Darunter ist nicht zu verstehen, dass wir imstande sind, sie dahingehend zu steuern, dass wir in einer schönen komfortablen Villa am Meer wiedergeboren werden, reich sind und eine Menge Bedienstete haben. Vielmehr ist es im Zusammenhang mit dem System reinkarnierter spiritueller Meister zu verstehen, welches im tibetischen Buddhismus zu finden ist. Diese Meister heißen auf Tibetisch Tulku (sprul-sku), und sie sind unter dem Titel Rinpoche (rin po-che) bekannt. Aber nicht alle Rinpoches sind reinkarnierte spirituelle Meister, die ihre Wiedergeburt gesteuert haben, denn auch die Äbte von Klöstern erhalten den Titel Rinpoche.

Historischer Hintergrund

Es ist recht interessant, dass man dieses System der spirituellen Meister (bla-ma, großer Lehrer), die ihre Wiedergeburt steuern können, nicht nur im Buddhismus, insbesondere der tibetischen Form des Buddhismus, findet, sondern auch in der Bön-Tradition – das ist die ursprüngliche Religion Tibets. Und zu meinem großen Erstaunen entdeckte ich auf meinen Reisen in Kasachstan – eine der großen Republiken Zentralasiens unweit von Tibet – dass es auch bei den Sufis, einer Form des Islams, ein ähnliches System reinkarnierter Lehrer gibt.

Das System, seine Wiedergeburt zu steuern, ist etwas, das eng mit der buddhistischen Praxis verbunden ist, insbesondere mit der Praxis von Tantra. Man findet es nicht nur in Tibet selbst, sondern auch in allen Regionen, in denen es Tibetischen Buddhismus gibt. Wir finden es in allen Regionen des Himalajas und in allen Gebieten, wo Mongolen leben. Tatsächlich bewirkten die Mongolen, dass die Sufis in Kasachstan das System übernahmen. Und wenn wir es im Bön-System finden, so ist die Art, wie es praktiziert wird, sehr ähnlich wie bei den Buddhisten. Wir sprechen also von einem großen kulturellen Gebiet, in dem sich das System der reinkarnierten spirituellen Meister entwickelte. Im Allgemeinen werden sie in diesen Gebieten als die größten Lehrer angesehen, und für gewöhnlich sind sie mit einem Kloster verbunden, das unter ihrer Leitung steht. Sie sind der oberste Lama dort: der wichtigste Lehrer des Klosters.

Macht über die Wiedergeburt gewinnen

Es gibt überaus viel, was sich über diese reinkarnierten Lamas diskutieren ließe. Lassen Sie uns damit beginnen, was es mit dieser Praxis auf sich hat. Im Buddhismus spricht man immer davon, wie jeder kontinuierlich Wiedergeburt annimmt, und dass dies etwas ist, was normalerweise außerhalb unserer Kontrolle liegt. Wir nehmen Wiedergeburt in Übereinstimmung mit der Art von Bewusstsein und Bewusstseinszuständen an, die wir während unseres Lebens und insbesondere zurzeit des Todes gehabt haben, sowie auch insbesondere durch die Kraft der Handlungen, die wir begangen haben, und den Verhaltensweisen, die wir an den Tag gelegt haben. Der Vorgang der Wiedergeburt ist also etwas zwanghaft in dem Sinne, dass wir, basierend auf unseren vorherigen Gewohnheiten, unseren früheren Verhaltensmustern, einfach zu bestimmten Situationen der Wiedergeburt hingezogen werden. Aber wenn wir wirklich imstande sein wollen, anderen zu helfen – was im Buddhismus, vor allem im Mahayana-Buddhismus, unser Ziel ist – dann wollen wir nicht einfach aufgrund unserer Gewohnheiten in Situationen hineingezogen werden. Wir möchten in der Lage sein, uns in Zukunft in Situationen zu begeben, in denen wir anderen am besten helfen können.

Sie kennen sicher die Situation, dass jemand durchaus eine gute Absicht haben kann, aber dann im Fernsehen ein Fußballspiel gesendet wird – und weil er so stark an Fußball hängt, wird er dann trotz diesem starken Wunsch, etwas im Haushalt zu erledigen oder den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, einfach unwiderstehlich zu dieser Fernsehsendung hingezogen. Auf ähnliche Weise können wir den starken Wunsch haben, in zukünftigen Leben anderen zu helfen, aber wenn wir sehr starke Anhaftungen und Gewohnheiten haben, werden wir unwiderstehlich zu allen möglichen Situationen von Wiedergeburt hingezogen, die dem Helfen nicht gerade förderlich sind.

Auf diese Weise können wir also unwiderstehlich in eine sehr angenehme Situation der Wiedergeburt gezogen werden oder in eine, die alles andere als angenehm ist. Es hängt davon ab, woran wir gewöhnt sind. Es ist vergleichbar mit einer Art Trunkenheit. Wenn wir betrunken sind, haben wir uns wirklich nicht unter Kontrolle, und wir können in eine sehr vergnügte Situation geraten, mit Freunden Lieder singen, oder wir können in einen Streit geraten. Es hängt tatsächlich von unseren Gewohnheiten ab. Ähnlich ohne Kontrolle sind wir auch, wenn wir sterben – das ist viel schwieriger, als wenn wir betrunken sind – und wenn wir nichts getan haben, um uns auf diesen Zeitpunkt vorzubereiten, dann können wir ebenfalls, basierend auf unseren Gewohnheiten, im zukünftigen Leben in eine angenehmere oder schlimmere Situation gezogen werden.

Wenn wir wirklich imstande sein wollen, anderen zu helfen, müssen wir also irgendwie Kontrolle über diesen Vorgang von Tod und Wiedergeburt gewinnen, damit wir in Zukunft weiterhin in Situationen kommen, die der Fähigkeit, anderen zu helfen, am meisten förderlich sind. Man muss jedoch nicht notwendigerweise ein Buddha, ein vollkommen erleuchtetes Wesen sein, um dazu in der Lage zu sein. Es gibt viele Stufen, auf denen wir uns in unserer spirituellen Entwicklung befinden, die uns erlauben, unsere Wiedergeburten zu steuern. Lassen sie uns ein wenig die Theorie anschauen, wie das geht. Denn das ist ziemlich interessant, und zudem ermutigt es uns in gewisser Weise, dass wir das vielleicht auch schaffen könnten.

Die Körper eines Buddhas

Als ein Buddha – das zu werden, ist unser Ziel – haben wir verschiedene Arten so genannter Körper (sku, Skt. kaya, Korpus). Im Zusammenhang mit unserem Geist werden sie zum Körper des Wissens beziehungsweise Weisheitskörper. Und wir haben auch physische Arten von Körpern, mit denen wir anderen helfen. Das Beispiel, das dafür oft angeführt wird, ist das von Sonne oder Mond. Wir haben also zum Beispiel Sonne oder Mond, die am Himmel erscheinen können. Da gibt es in erster Linie das Licht, die Wärme, usw. der Sonne, und das Ganze hat die Erscheinung der Sonne. Diese Erscheinung der Sonne oder des Mondes am Himmel ist die ursprüngliche Erscheinung, und dann werden wir die Erscheinung der Sonne oder des Mondes auch hier auf dem Erdboden in verschiedenen Wasserflächen gespiegelt sehen.

Wenn wir die physischen Erscheinungen eines Buddhas anschauen, gibt es ebenfalls eine ursprüngliche Erscheinung. Auf Sanskrit wird sie Sambhogakaya (tib. longs-spyod rdzogs-pa’i sku, Körper vollen Gebrauchs) genannt, das ist ein physischer Körper, der buchstäblich vollen Gebrauch von allen Lehren machen kann. Aber dies ist eine sehr subtile Erscheinung eines Buddhas und für die meisten Menschen sehr schwer zu sehen. Man muss sich auf einer sehr hohen Stufe der Verwirklichung befinden, um sie tatsächlich zu sehen. Aber die Ausstrahlungen davon, wie zum Beispiel die Reflexion des Mondes oder der Sonne im Wasseroberflächen, sind etwas, das Menschen leichter sehen können. Und diese Emanationen beziehungsweise Reflexionen jenes ursprünglichen Körpers werden auf Sanskrit Nirmanakaya (tib. sprul-sku, Ausstrahlungskörper) genannt; das ist dasselbe Wort wie dasjenige für reinkarnierte spirituelle Lehrer, Tulku. Diese reinkarnierten spirituellen Lehrer sind also eine Art von Manifestation oder Emanation. Und sie sind nicht alle Buddhas. Tatsächlich sind sehr wenige von ihnen Buddhas.

Es gibt eigentlich viele Arten von Praxis, die wir ausüben können und die uns befähigen, diese Körper eines Buddhas zu erlangen. Es könnte zum Beispiel – nur damit wir eine Vorstellung gewinnen, die Analogie ist nicht gerade genau – schwierig sein, jemanden wie seine Heiligkeit den Dalai Lama persönlich zu sehen, aber viele können ihn im Fernsehen sehen. Es gibt also eine bestimmte Art von Erscheinung, wie etwa im Fernsehen oder in der Erinnerung von jemandem usw., die zugänglicher ist als die ursprüngliche Erscheinung. Was wir möchten, ist, uns selbst auf eine Weise hervorzubringen, dass wir anderen in einer ganz ursprünglichen Form, aber auch in einer weit verbreiteten Art von Form (anderen) helfen können. Etwa so, wie man einigen wenigen helfen kann, indem man sie etwas lehrt, aber wenn man ein Buch schreibt, das Millionen von Menschen lesen, kann man erscheinen und auf einer gröberen Ebene vielen, (vielen) Menschen Hilfe zukommen lassen.

Die Körper eines Buddha durch die Praxis von Anuttarayoga-Tantra erlangen

Wir wollen also imstande sein, so zu praktizieren, dass wir den Zustand eines Buddhas erreichen, in dem unser Geist sich aller Dinge bewusst ist, weiß, wie jedem zu helfen ist, und die Wirklichkeit sieht; und dann wollen wir in der Lage sein, auf sehr direkte Weise zu erscheinen und überdies auf weiter verbreitete Weise. Die Technik, die dafür angewendet wird, dies zu erreichen, ist eine Praxis der höchsten Tantra-Klasse; es handelt sich um eine höchst ausgefeilte und anspruchsvolle Art von Praxis. Was wir nun betrachten wollen, ist, dass es eine grundlegende Struktur gibt, die für gewöhnlich im Leben vorkommt und die diesen verschiedenen Körpern eines Buddhas entspricht.

  • Am auffälligsten ist die Parallele beim Tod. Wenn wir sterben, gelangen wir in einen äußerst subtilen Zustand, ähnlich dem Geist eines Buddhas.
  • Dann folgt eine Phase zwischen den Leben, die dem Tibetischen als Bardo (sbar-do) bekannt ist, und in dieser Bardo-Periode ist unsere Erscheinung subtil.
  • Wenn wir dann geboren werden – diese Phase beginnt mit der Empfängnis – haben wir eine gröbere Erscheinung.

Dies hat auch Parallelen zu dem Prozess, wenn wir einschlafen:

  • Wenn wir einschlafen, findet eine Transformation statt. Der Geist wird sehr subtil.
  • Wenn wir dann träumen, haben wir eine sehr verfeinerte, besondere Art von Erscheinung im Traum.
  • Und wenn wir dann aufwachen, haben wir eine gröbere Erscheinung, die aus jener subtilen Erscheinung auftaucht.

Was wir nun in der Tantra-Praxis tun, ist, uns darin zu üben, diese verschiedenen Körper eines Buddhas hervorzubringen, die auf unterschiedliche Weise erscheinen können, indem wir eine Praxis anwenden, die dem Prozess von Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt ähnlich ist.

In dieser Praxis gibt es zwei Stufen. Auf der oberen dieser zwei Stufen, die die Stufe der Vollständigkeit (rdzogs-rim) genannt wird, arbeiten wir mit dem subtilen Energiesystem des Körpers. Was wir mit diesem subtilen Energiesystem tun wollen, ist, es auf einen ganz, ganz feinen Punkt zu konzentrieren und es daraus in einer Art von Form und anschließend in einer gröberen Art von Form entspringen zu lassen. Diese gröbere Ebene davon wird ebenfalls mit jenem Wort, Tulku, bezeichnet – dem Wort für die inkarnierten Lamas. Auf der anfänglichen Stufe dieser tantrischen Praxis, welche Erzeugungsstufe (skys-rim) genannt wird, vollziehen wir den ganzen Prozess in unserer Vorstellung. Wir stellen uns also vor, dass unsere Energie immer subtiler und konzentrierter wird und dann eine subtilere Erscheinung annimmt und anschließend eine gröbere Erscheinung. Diese gröbere Erscheinung wird ebenfalls Tulku genannt – dasselbe Wort.

Wenn wir imstande sind, diese Art von Praxis auszuüben, und sie korrekt ausführen wollen, geht es nicht nur darum, die Energien zu manipulieren; wir müssen dies, wie in allen buddhistischen Praktiken, mit Mitgefühl und Weisheit verbinden. Wir brauchen also eine bestimmte Motivation des Mitgefühls: Wir wünschen, anderen dadurch zu helfen, dass wir diesen ganzen Prozess meistern. Und wir möchten diese Gelegenheit, bei der der Geist äußerst subtil wird, dafür nutzen, ein ganz klares Verständnis der Wirklichkeit zu gewinnen. Wenn wir mit diesem tantrischen Vorgang ein Buddha werden wollen, dann verwenden wir diese grundlegende Struktur, die dem Prozess von Tod und Wiedergeburt ähnelt, als Mittel, um diese Buddhaschaft zu erlangen.

Wir haben also den starken Wunsch, anderen zu helfen. Um anderen zu helfen, ist es notwendig, unsere eigene Verwirrung und die Zwanghaftigkeit unseres Lebens zu überwinden, nicht wahr? Wenn ich dermaßen unter der Macht von Fernsehen und Fußball stehe, kann ich anderen nicht helfen. Unser Wunsch, anderen zu helfen, muss also sehr intensiv sein, und unsere Ebene von Weisheit muss eine gewisse Tiefe haben, um einzusehen: „Gut, das ist nur ein Spiel, und das ist nicht das Wichtigste auf der Welt. Es ist nicht so, dass meine ganze Identität dadurch gestärkt wird, dass meine Mannschaft gewinnt, und dass mein gesamtes Wertgefühl als Mensch davon abhängt.“ Wie will ich nun diese Zwanghaftigkeit überwinden, mit der ich zum Fernseher gezogen werde? Nun, ich muss mich irgendwie sammeln und meinen Geist sehr stark auf ein Ziel ausrichten. Mein Geist saust überall herum: Er ist draußen auf dem Fußballfeld. Wir wollen also dahin kommen, eine äußerst subtile Art von Geist zu erreichen, die zurückgezogen von all diesen Dingen ist, die uns geradezu magnetisch anziehen. Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn wir sterben, oder auch wenn wir einschlafen: Man zieht sich zurück von der zwanghaften Verwicklung in all die turbulenten Ereignisse, die um uns herum vorgehen. Wenn wir dann sehr gesammelt und auf diese äußerst subtile Ebene ausgerichtet sind, können wir unsere Energie auf ganz bestimmte Weise hervorbringen: „So, jetzt werde ich meinem Kind helfen“. Die Energie nimmt also in gewisser Weise Gestalt an. Die Energie des Geistes nimmt in uns eine bestimmte Form an. Und aufgrund dieser Gestalt der Energie, dieser Art und Weise wie sie in uns zum Ausdruck kommt, stehen wir dann auf und tun auf einer gröberen Ebenen tatsächlich das, was wir uns vorgenommen haben – dem Kind zu helfen.

Es bestehen also Parallelen in dem Vorgang, dies in unserer Vorstellung tun, es mit unserem Energiesystem zu tun (aber wir können das nicht besonders gut aufrechterhalten), und es dann ganz und gar als ein Buddha zu tun. Und in all diesen Beispielen, sei es, dass wir dies in unserer Vorstellung durchführen oder mit dem Energiesystem oder als Buddha, wird die Erscheinung auf der gröberen Ebene Tulku genannt. Das ist, wie gesagt, das Wort für einen inkarnierten Lama. Wenn wir also von diesen inkarnierten Lamas, diesen Tulkus, sprechen, geht es immer um jemanden, der imstande war, diese Art von Emanation auf einer dieser drei Ebenen hervorzubringen. Es könnte jemand sein, der dies in der Vorstellung oder mit dem Energiesystem ausführen kann, oder jemand, der tatsächlich ein Buddha ist. Und während sie noch am Leben waren, haben sie das in der Meditation geübt und mit den Schlaf- und Traumzuständen gearbeitet, in denen eine ähnliche Situation herrscht, nämlich zu einem subtileren Zustand zu gelangen und dann wiederum immer gröber zu werden. Während des Lebens übt man dies in Verbindung mit Meditation, indem man sich mit etwas vertraut macht, das dem Todesprozess gleicht, oder indem man sich mit Schlaf und Traum befasst. Und weil man während des Lebens daran arbeitet, ist man imstande, wenn dann zurzeit des Todes etwas ganz Ähnliches geschieht, diese Situation in gewisser Weise zu beeinflussen.

Wir haben uns damit vertraut gemacht und geübt, wie es ist, wenn der Geist wirklich subtil wird, dies dafür zu nutzen, die Wirklichkeit zu sehen, dann den Geist veranlasst, eine bestimmte Ebene von Erscheinung anzunehmen und schließlich eine gröbere Erscheinung zu manifestieren. Das ist es, was wir in unserer Meditation geübt haben. Und während unseres Lebens haben wir die Gelegenheit des Schlafes genutzt, um dies zu üben, denn wenn wir einschlafen, wird der Geist auf natürliche Weise subtiler; wir erfahren eine gewisse subtile Erscheinung, wenn wir träumen, und selbstverständlich eine gröbere Erscheinung, wenn wir aufwachen. All das geschieht auf natürliche Weise im Prozess von Schlafen, Träumen, und Aufwachen.

Um es ganz einfach auszudrücken: Wir durchlaufen also diesen Prozess von Schlaf usw. auf sehr bewusste Weise und nutzen dann diese Situation, um unsere Praxis zu fördern, mit der wir versuchen, wie ein Buddha zu werden – einen Zustand zu erlangen, in der wir den äußerst subtilen Geist eines Buddha haben, welcher all diese verschiedenen Ebenen der Erscheinung annimmt. Durch die Vertrautheit mit diesem Prozess in Meditation und Schlaf sind wir, wenn wir dann sterben, in der Lage, dieselbe Art von Praxis während des Todesprozesses auszuführen. Wir können Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt ähnlich erfahren, wie wir auch Schlaf, Traum und Aufwachen erfuhren, während wir im Leben geübt haben. Das versetzt uns in die Lage, unsere Wiedergeburt zu steuern, wie es im Kontext dieser reinkarnierten Lamas der Fall ist.

Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass jemand tatsächlich ein Buddha sein könnte. Als Buddha kann man sich in verschiedenen Erscheinungsformen emanieren und auf verschiedene Weise Geburt annehmen; weil man den Prozess bereits völlig beherrscht, muss man also nicht zum Zeitpunkt des Todes eine bestimmte meditative Praxis durchführen. Aber wie gesagt sind nur sehr, sehr wenige Menschen Buddhas. Doch wenn man auf tantrischem Wege übt, ein Buddha zu werden, kann man diesen gesamten Prozess ganz und gar beeinflussen; man muss allerdings ein hohes Maß von Kontrolle über diesen Prozess besitzen, und die meisten Tulkus befinden sich auf dieser Ebene.

Die Vorbedingungen dafür, eine Linie von Tulkus hervorzubringen

Wenn wir noch kein Buddha sind, sind grundsätzlich drei Dinge erforderlich, um eine Linie von Tulkus (ein erster reinkarnierter Lama, dessen nächstes Leben, ein weiteres nächstes Leben usw.) hervorzubringen. Als allererstes ist ein überaus starkes Bodhichitta vonnöten. Bodhichitta ist die Motivation, mit der unser ganzes Herz und Bewusstsein und all unsere Energie darauf gerichtet ist, Buddha zu werden, um jedem auf vollkommene Weise zu helfen.

Das zweite, was wir brauchen, sind überaus starke Gebete oder Wünsche, die unsere Energie in gewisser Weise in die Richtung ziehen, fortgesetzt in den optimalen Situationen zu erscheinen, in denen man anderen von Nutzen sein kann. Damit das geschehen kann, muss man wünschen, das zu bewerkstelligen. Gebet bedeutet hier, unsere Energien in eine bestimmte Richtung zu lenken, und diese Richtung besteht darin, im nächsten Leben in einer Form zurückzukommen, die sich in einer Situation, einer Familie usw. befindet, in der alle Möglichkeiten zum Besten stehen, um anderen von Nutzen sein zu können. Gebet bedeutet nicht, dass wir zu Gott oder Buddha oder sonst jemand Äußerem beten. Es ist einfach eine Art, unsere Energien zu lenken: „Möge ich die Klarheit des Geistes haben, die mich jemanden verstehen und ihm helfen lässt.“ Wir bitten nicht jemand Äußeren, sie uns zu geben. Wir fassen einen ganz starken Entschluss, sie selbst zu entwickeln.

Das ist unserer Art zu denken eigentlich gar nicht fremd. Wir tun das normalerweise sowieso, es ist nichts, was uns fern liegt. Wenn wir zum Beispiel müde sind, aber unser Kind uns braucht, sind wir in gewisser Weise imstande, unserer Energie durch einen starken Wunsch wieder Auftrieb zu geben. Vielleicht formulieren wir diesen Wunsch nicht sonderlich bewusst, sondern sagen nur: „Ich muss mich um mein Kind kümmern.“ Wir sammeln unsere Energie. Es besteht eine starke Absicht in eine bestimmte Richtung. Das ist buchstäblich das, was ein Gebet vom tibetisch-buddhistischen Standpunkt aus gesehen ist.

Wir brauchen also diese starke Motivation von Bodhichitta und Gebet. Das dritte, was dazukommen muss, ist, dass wir entweder eine Art Geschicklichkeit, beziehungsweise eine gewisse Ebene auf der Erzeugungsstufe der tantrischen Praxis, erreicht haben – d.h., imstande sind, auszuüben, was wir als Ebene der Vorstellung beschrieben haben – oder auf der Stufe der Vervollständigung, d.h., tatsächlich imstande sind, diesen Vorgang mit unserem Energiesystem durchzuführen. Das reicht aus, um diese Praxis dann zurzeit des Todes anwenden zu können und ein gewisses Maß an Kontrolle über die eigene Wiedergeburt zu gewinnen. Das ist genug.

Wir brauchen dafür also kein Buddha zu sein. Wir brauchen nicht einmal direktes Verständnis der Leerheit oder Wirklichkeit zu haben, um dazu imstande zu sein. Natürlich brauchen wir ein gewisses Verständnis davon, aber nicht die direkte unbegriffliche Erkenntnis der Leerheit. Eine Linie von Tulkus hervorzubringen ist also gar nicht so schwer; im Kreise des Tibetischen Buddhismus gibt es ungefähr tausend davon.

Genauer betrachtet, ist die schwierigste der Vorbedingungen, wirklich voll und ganz von Bodhichitta motiviert zu sein. Das ist vermutlich das Schwierigste. Wirklich alles ist ganz und gar auf die Erleuchtung gerichtet: „Ich muss Buddha werden, um jedem zu helfen. Ich muss Kontrolle über meine Wiedergeburten gewinnen.“ Denn diese Einstellung wird uns zum Zeitpunkt des Todes erlauben, die Furcht zu überwinden, die normalerweise die meisten Menschen überkommt und bewirkt, dass sie die Kontrolle verlieren. Wir mögen technisch sehr geschickt darin sein, diese Visualisierungen durchzuführen, oder sogar darin, unser Energiesystem zu manipulieren, aber ohne dieses Bodhichitta kann es immer noch sein, dass wir zurzeit des Todes Angst bekommen und die Kontrolle verlieren. Wenn unser Herz aber so berührt ist von den Schwierigkeiten, die die Menschen in der Welt durchmachen, dass unser Geist ganz und gar von der Einstellung erfüllt ist: „Ich muss im Todesprozess Ruhe bewahren“, dann werden wir es schaffen und anderen helfen. Wir werden dann zum Todeszeitpunkt nicht die Furcht haben, die dazu führt, dass wir trotz aller technischen Fähigkeiten uns einfach verlieren und nichts tun können. Und wir machen viele Gebete, d.h. wir versuchen immer und immer wieder, unsere Energie in diese Richtung zu lenken: „Möge ich imstande sein, das zu tun. Ich muss meine Energien sammeln, um das zu schaffen.“

Kontrolle über alltägliche Situationen gewinnen

Wir könnten diesen Vortrag einfach bloß als interessante Information über das tibetische soziale System der Tulkus ansehen. Aber wenn wir bereit dazu sind, ihn auf einer anderen Ebene zu verstehen, können wir erkennen, dass es sich um einen sehr wichtigen Punkt handelt, den wir auf uns selbst beziehen können, denn all dies gibt uns sehr klare Hinweise darauf, wie wir Angst überwinden können. Die Art, Angst zu überwinden, ist: mit Bodhichitta und intensiven Gebeten.

Es könnte zum Beispiel ein Feuer im Haus ausbrechen, und das Feuer jagt uns große Angst ein, aber unser Kind befindet sich noch im Haus. Wenn wir nun voller Betroffenheit und ganz und gar von der Sorge um unser Kind erfüllt sind, werden wir, obwohl das Feuer etwas sehr Furcht Erregendes ist, nicht davor zurückschrecken: Wir haben unsere Angst überwunden. In dieser Situation – wie in dem Beispiel, wenn wir die Energie nach innen ziehen und sie dann nach außen emanieren – holen wir tief Luft, sammeln uns, und dann findet eine Strukturierung der Energie statt, nach außen zu gehen: Wir laufen ins Feuer, um das Kind zu retten. So ähnlich ist es, in den Tod zu gehen. Und wir brauchen nicht eine so traumatische Situation wie ein Feuer, um das in unserem Leben üben zu können.

Es gibt viele Situationen, die wir im Leben zu bewältigen haben, die sehr Furcht erregend sind, ganz einfache Situationen, die viele Menschen erleben. Wenn man zum ersten Mal ein Neugeborenes hochhebt, zum ersten Mal mit ihm nach Hause kommt, ist man voller Angst: „Ich weiß nicht, wie man damit umgeht, womöglich fällt er mir herunter“. Aber das heißt nicht, dass man diese Angst nicht überwindet. Und wie überwinden wir diese Angst? Mit dem starken Wunsch, dem Baby zu helfen. Dasselbe gilt für jede Art von schwierigen Situationen – bei der Arbeit, in einer Beziehung oder wo auch immer – es tritt eine Menge Angst auf, und worüber wir gesprochen haben, weist darauf hin, wie sie zu überwinden ist, so dass wir uns selbst auf eine Art und Weise manifestieren können, die in dieser Situation am besten helfen wird. Wir gestalten unsere Energie, und indem wir unsere Energie gestalten, gestalten wir, was wir tatsächlich mit unserem physischen Körper tun. Wir sind auf einer subtilen Ebene tätig und dann auf gröberer Ebene. Wir sind fähig, unsere Energie zu gestalten, indem wir uns mit Hilfe einer bestimmten Art von Realitätsgefühl zuerst sammeln: „Da ist nichts zu fürchten. Das Kind ist in dem Haus“ usw. Dann sind wir imstande, unserer Energie Form zu geben. Und um dazu überhaupt in der Lage zu sein, brauchen wir vorher diese starke Motivation – Liebe, Fürsorge, Mitgefühl usw.

Das ist etwas, was wir von diesem Tulku-System lernen können. Es ist uns gar nicht so fremd. Es gibt eine Methode, wie man es bewerkstelligt.

Umgang mit Tulkus im Westen

Wir müssen klar unterscheiden zwischen der buddhistischen Art, mit einem Lehrer umzugehen, und, in diesem Fall, der Art des Umgangs mit einem Tulku, wie es im Kontext des kulturellen Systems in Tibet üblich war. Die traditionelle tibetische Gesellschaft hatte mittelalterlichen Charakter. „Mittelalterlich“ muss nicht unbedingt negativ gemeint sein; doch es war die Realität. Die wesentlichen Grundsätze in einer mittelalterlichen Gesellschaft sind die Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Ebenen, die darauf beruhten, dass auf der einen Seite Loyalität und Dienste geleistet wurden und auf der anderen Schutz gewährleistet wurde. Die Tulkus in Tibet waren für ein Kloster verantwortlich oder für einen Bezirk. Viele von ihnen waren Mönche, aber nicht alle; das war keine notwendige Voraussetzung. Und obwohl die meisten von ihnen Männer waren, waren nicht durchweg alle Tulkus Männer, es gab auch Frauen darunter. Ihre Position ähnelte der eines mittelalterlichen Herrschers; sie boten den Menschen ihres Gebiets spirituellen und manchmal auch materiellen Schutz. Die Leute suchten sie auf, um Rat und Hilfe für allerlei Probleme zu erhalten, die sie zu bewältigen hatten, ihre Beziehung glich einer mittelalterlichen, indem sie sich loyal und gehorsam verhielten. Und diese Situation vermischte sich mit der buddhistischen Lehre, wie man sich auf einen Lehrer als einen Buddha zu beziehen hat.

Im Falle der abendländischen Menschen, die heutzutage mit tibetischen Lehrern umgehen, seien es Tulkus oder nicht, ist es sehr wichtig, in diesem Zusammenhang in erster Linie dem buddhistischen Aspekt zu folgen; es besteht keinerlei Notwendigkeit, dem mittelalterlichen Aspekt dessen zu folgen. Das soll nicht heißen, dass die mittelalterliche tibetische Art zu verurteilen ist. Sie funktionierte in jener Gesellschaft sehr gut, aber sie ist in unseren Gesellschaften nicht angemessen und auch nicht für unsere Beziehung zu diesen Tulkus.

Es gibt vielerlei Dinge, die wir hinsichtlich Tulkus im Kontext der tibetischen Gesellschaft erörtern können. Zuerst mag Verwirrung aufkommen, wie ich bereits erwähnt habe. Nicht alle von ihnen sind Buddhas – tatsächlich sind kaum welche von ihnen Buddhas -, aber das ist ein völlig anderes Thema als die Diskussion darüber, seinen eigenen Lehrer als einen Buddha anzusehen. Dabei geht es um etwas ganz anderes, und das ist ein Thema, das wir am Wochenende besprechen werden; aber ich möchte bereits an dieser Stelle ein paar Worte darüber erwähnen.

Wenn wir in unserer buddhistischen Übung realistischer und praktischer werden wollen, ist eines der wesentlichen Themen, über die wir uns klar werden müssen, die Beziehung zu unserem Lehrer. Wenn man seinen Lehrer als Buddha betrachtet, ist das im Grunde ein Vertrag mit diesem Lehrer, indem wir sagen, dass es keine große Rolle spielt, was sie tun oder warum sie es tun – trotzdem ist er oder sie für mich ein Buddha. Das bedeutet, dass ich alles, was der Lehrer tut, so betrachte, als sei es eine Lehre. Es bedeutet nicht, dass ich nun Soldat einer Armee bin – „Sie sind der Oberst und ich nehme nur die Befehle entgegen“ -, sondern eher: „Ich werde alles, was Sie tun, als etwas betrachten, das mir hilft, zu wachsen und selbst ein Buddha zu werden.“

Das klassische Beispiel: In einem früheren Leben lernte Buddha bei einem Lehrer, der alle Schüler anwies, loszugehen und zu stehlen. Alle sagten: „Ja, Herr“ und gingen für ihn stehlen, außer dem Buddha, der einfach in sein Zimmer ging. Als der Lehrer zu ihm kam und fragte: „Warum gehst du nicht für mich stehlen? Willst Du mich nicht glücklich machen?“, sagte der Buddha: „Wie kann stehlen irgendjemanden glücklich machen?“ Und der Lehrer antwortete: „Ah – du bist der einzige, der die Lektion verstanden hat.“

Selbst wenn der Lehrer uns anweist, etwas zu tun, was völlig unpassend und schädlich ist, ganz gleich, was seine Motivation dafür sein mag, sehen wir es als eine Lektion an: „Er bringt mir bei, dass ich das nicht tun soll.“ Auf diese Weise würde man mit dem Lehrer umgehen, ganz gleich, ob er nun ein Tulku ist – Tulkus sind meist die bekanntesten Lehrer – oder ob er kein Tulku ist. Das spielt keine Rolle. Die Art des Umgangs folgt demselben Prinzip.

Junge Tulkus

Noch ein paar Worte darüber, wie Tulkus entdeckt werden: Diejenigen, die sich auf sehr hohen Stufen spiritueller Entwicklung befinden, können tatsächlich vorhersagen, wo sie wiedergeboren werden, und Hinweise darauf geben, zum Beispiel, wie die Karmapas, einen Brief hinterlassen. In den meisten Fällen sucht man nach Hinweisen, die entweder im Traum spirituell sehr weit fortgeschrittener Wesen auftauchen oder aus übernatürlichen Quellen hervorgehen, zum Beispiel bei einem Orakel, das in Trance fällt und irgendwelche Hinweise darauf gibt, wo man das Kind finden kann. Es gibt auch einen See in Tibet, wohin sich fortgeschrittene Wesen begeben können und dann beim Hineinschauen bestimmte Visionen haben. Auf diese Weise werden die Dalai Lamas oft gefunden. Man sieht eine Vision in einem See, aber das gibt nur einen Hinweis darauf, wo man suchen soll. Sehr wichtig ist, dass das Kind seinerseits einen Hinweis darauf gibt, wer es ist. Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagt, dies sei der wichtigste Faktor. Meistens zeigt man dem Kind einige Dinge, die der Lama besaß, und gleichzeitig einige Fälschungen, und das Kind erkennt dann die richtigen Objekte. Das ist ein zuverlässigeres Zeichen dafür, zu identifizieren, wer diese Reinkarnation ist, als sich nur auf Träume oder Orakel zu verlassen.

Manchmal finden sich sehr auffällige Hinweise, wie zum Beispiel im Falle meines eigenen Lehrers Serkong Rinpoche, der ein Lehrer des Dalai Lama war. Er starb im indischen Grenzgebiet zu Tibet und wurde im selben Gebiet wiedergeboren. Der frühere Serkong Rinpoche war der wichtigste Lehrer dieser Gegend, und jeder hatte ein Foto von ihm im Haus. Als nun dieses kleine Kind alt genug war, um sprechen zu können, zeigte es auf das Foto im Haus seiner Eltern und sagte: „Das bin ich!“ Als Leute aus seinem früheren Haushalt ihn suchen kamen und sich dem Haus näherten, lief es ihnen entgegen und warf sich in die Arme seines früheren Assistenten, erkannte einen von ihnen mit Namen, und von da an wollte es nur noch mit seinem früheren Assistenten gehen, es war ihm nicht mehr daran gelegen, bei seinen Eltern und seiner Familie zu bleiben. Es war drei Jahre alt. Das ist also ein Beispiel für sehr klare, starke Hinweise seitens des Kindes.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama erklärt: Das einzige, was man mit Bestimmtheit über diese Tulkus sagen kann, ist, dass dies Kinder sind, die mit einem gewaltigen Ausmaß an positivem Potenzial geboren sind, das aus ihrem früheren Leben stammt. Es sind jedoch förderliche Umstände notwendig, damit sich diese Talente und Gewohnheiten in diesem Leben entwickeln können. Man sollte daran denken, dass kaum einer dieser Tulkus im objektiven Sinne als erleuchteter Buddha gelten kann, auch wenn ihre Schüler sie als solche ansehen. Das heißt, dass diese Tulkus zwar positives Potenzial haben, aber nicht all ihr negatives Karma abgelegt haben, und wenn keine positiven Umstände vorhanden sind – eine angemessene Erziehung usw. -, werden sich diese positiven Potenziale nicht entwickeln und negative werden entstehen.

Manchmal ist zu beobachten, dass Tulkus sich auf sehr unbuddhistische, unerleuchtete Weise verhalten. Es kann sein, dass sie sogar einfach jeder Art von religiösem Leben den Rücken kehren. Das muss nicht heißen, dass sie keine wirklichen Tulkus sind oder dass sie nicht all das positive Potenzial haben. Es bedeutet nur, dass die Umstände ihrer Entwicklung nicht förderlich waren. Etwas Ähnliches kann im Hinblick auf Buddhas auftreten: Es gibt viele Beispiele von Buddhas, die in dunklen Zeitaltern erscheinen, in denen niemand empfänglich für ihren Einfluss ist, so dass sie nur für einen Moment bleiben und dann wieder verschwinden. Einfach für einen Moment zu erscheinen wird einen bestimmten positiven Einfluss haben, aber länger zu bleiben wäre Zeitverschwendung, also verschwinden sie. Ein Buddha hat keinerlei negatives Karma; etwas Nachteiliges entsteht also in dem Fall nicht aus diesen widrigen Umständen. Aber man kann sagen, dass es sich ähnlich verhält – dass positive Umstände erforderlich sind, damit ein Buddha oder ein Tulku sich entfalten und zum Wohle anderer wirken kann. Das bedeutet, dass wir im Hinblick auf diese jungen Tulkus viel Verantwortung haben, insbesondere im Hinblick auf diejenigen, die im Westen geboren sind (und davon gibt es jetzt viele). Es ist sehr wichtig, förderliche Umstände zu schaffen, damit sie eine angemessene buddhistische Ausbildung bekommen, eine angemessene Erziehung usw., so dass sich ihre positiven Qualitäten entwickeln können.

Man muss einsehen, dass diese jungen Tulkus Kinder sind. Sie sind keine Götter. Das Tulku-System ist nicht wie das hinduistische System der Avatars, es ist nicht so, dass sie ein kleiner Gott oder das Kind eines Gottes sind – das ist keineswegs der Fall. Sie sind vielmehr Kinder, die ein enormes positives Potenzial haben, und obwohl es eine Fortsetzung des positiven Potenzials ihres Vorgängers im früheren Leben ist, sind sie nicht dieselbe, identische Person mit derselben Persönlichkeit. Ich hatte das Privileg, etliche Tulkus in zweien ihrer Leben kennenzulernen, und was sie überhaupt nicht mögen, ist, so behandelt zu werden, als wären sie ihr Vorgänger. Sie wollen als sie selbst behandelt werden. Wenn wir ihnen also mit großem Respekt gegenübertreten, ihnen aber zugleich das geben, was ein Kind braucht, ein stabiles Zuhause, gute Erziehung usw., dann können sich ihre positiven Qualitäten entwickeln und wir alle können großen Nutzen davon haben.

Ich sollte auch noch erwähnen, dass, wenn ein Tulku sich aufgrund ungünstiger Umstände vom religiösen Leben abwendet, dies nicht unbedingt das Ende einer Linie von Tulkus ist. Das positive Potenzial jenes Lebens, in dem die Linie ihren Anfang nahm, ist immer noch vorhanden. Wenn also im folgenden Leben eine Art Abstieg stattfindet oder wenn sie zur Todeszeit keine Meditationspraxis ausüben, ist das nicht von Belang. Durch die Kraft des ursprünglichen positiven Potenzials und der ursprünglich gewonnenen Kontrolle über jene Prozesse, wird eine bestimmte Wiedergeburt in einer bestimmten Form stattfinden, die wiederum diese positiven Potenziale haben wird, welche entwickelt werden können.

Wenn es darum geht, unsere Wiedergeburt zu steuern, mag es, je nachdem, welche Entwicklungsebene wir erreicht haben, eine Stufe geben, auf der wir sie speziell in eine bestimmte Familie oder Situation lenken können. Doch normalerweise ist das nicht der Fall. Normalerweise wird sie in Richtung einer allgemein förderlichen Situation gelenkt; der Name der Familie ist nicht von Bedeutung. Wenn man eine bestimmte Familie wählt, dann kommt normalerweise die Kraft des Gebets zum Tragen, denn in dem Fall richtet man die Energien sehr stark darauf, dass man „als Kind dieser bestimmten Familie geboren werden möge“. Auf diese Weise gibt man der Energie eine Form und stellt eine starke Verbindung her, damit dies als Teil des Mechanismus wirkt, wie sie in eine bestimmte Familie gelenkt wird. Aber man braucht viel Weitblick, um sicher sein zu können, dass dies wirklich eine förderliche Situation sein wird. Es ist wesentlich sicherer, die Ausrichtung allgemein zu halten: „Möge ich in einer förderlichen Situation wieder geboren werden, egal in welcher Familie.“ Das ist sicherer. Denn wenn man sich in so etwas übt und keine direkte Erkenntnis der Leerheit hat, hat man immer noch ein gewisses Maß von Anhaftung; die Wahl der Familie könnte davon beeinflusst sein, und das würde die Urteilsfähigkeit trüben.

Das ist ein wichtiger Punkt, wenn wir uns mit der Übung von Mitgefühl beschäftigen und damit, anderen zu helfen: dass wir versuchen, unsere Bemühungen so weit wie möglich von Anhaftung freizuhalten. Wir könnten denken: „Möge ich imstande sein, anderen zu helfen, indem ich einen großen Mercedes habe und andere darin mitnehmen kann.“ Das könnte ein bisschen mit Begehrlichkeit vermischt sein. Es ist also besser, die Einzelheiten etwas offen zu lassen: „Möge ich einfach imstande sein, ihnen auf jede nur mögliche Art zu helfen.“ So vermeidet man die Gefahr der Anhaftung, die sich ergibt, wenn man die Situation zu genau spezifiziert.

Schlusswort

Das war eine allgemeine Einführung in das System der Tulkus, der reinkarnierten Lamas. Wie gesagt, sollten wir das nicht bloß als interessanten soziologischen Unterricht über eine fremde Kultur betrachten. Es bietet uns zahlreiche Überlegungen im Hinblick auf unser eigenes Leben, im Hinblick auf Tod und Wiedergeburt. Wir alle werden wieder geboren, und statt zwanghaft zu etwas hingezogen zu werden – etwa so, wie man sich zu einem Fußballspiel im Fernsehen hingezogen fühlt – wäre es erheblich sinnvoller, einen gewissen Einfluss auf den Prozess auszuüben. Wir brauchen nicht verzagt zu sein und zu denken: „Da muss ich erst ein Buddha werden, bevor ich dazu in der Lage bin.“ Es ist etwas, das wir schon viel früher erreichen können. Natürlich ist es nicht einfach, aber es ist keineswegs so weit entfernt, dass man es nicht schaffen könnte. Es ist auch nicht von Belang, ob jemand nach uns sucht oder nicht, oder ob jemand uns erkennt oder nicht. Das ist nicht von Bedeutung. Aber wir brauchen diesen starken Wunsch, immer imstande zu sein, anderen zu helfen, und uns stets in einer Situation zu befinden, in der wir anderen helfen können. Dann werden wir fähig sein, unserem Tod entgegenzusehen und ihm ohne Furcht zu begegnen, weil wir ein starkes Ziel im Sinn haben, was wir während dieses Sterbeprozesses und in der anschließenden Phase vorhaben. Das kann uns, wie gesagt, auch helfen, mit Furcht erregenden Situationen in unserem Leben umzugehen, nicht nur mit dem Tod. Das alles läuft immer wieder auf Bodhichitta hinaus, die allumfassende Absicht, uns zum größtmöglichen Zustand der Vollkommenheit zu entwickeln, so dass wir anderen wirklich von Nutzen sein können.

Fragen und Antworten

Welche Fragen haben Sie?

Teilnehmer: Kann ein Tulku gleichzeitig verschiedene Formen haben?

Alex: Ja, es ist möglich, dass Tulkus in mehreren Formen gleichzeitig reinkarnieren, aber das ist eine sehr hohe Ebene. Es hängt von der Ebene ab, die man erreicht hat.

Teilnehmer: Was passiert, wenn Zwillinge geboren werden? Haben sie denselben Geisteszustand?

Alex: Der Geist beziehungsweise, genauer gesagt, die geistigen Kontinua von Zwillingen sind nicht dieselben. Wenn ein Zwilling etwas isst, wird der andere davon nicht satt, es stillt nicht den Hunger des anderen. Sie haben verschiedene geistige Kontinua.

Teilnehmer: Wie lange dauert die Bardo-Phase?

Alex: In den Texten lesen wir, dass es sich bei der Zeit zwischen den Inkarnationen normalerweise um eine Bardo-Phase handelt, die sieben Tage oder 14 Tage usw. bis hin zu 49 Tagen dauern kann. Aber es muss nicht unbedingt genau eine solche Einheit oder ein Vielfaches von sieben sein, es kann irgendeine Zeitdauer innerhalb dieser 49 Tage sein. Im Falle meines Lehrers Serkong Rinpoche war es so, dass er genau neun Monate nach seinem Todestag wieder geboren wurde, es gab also kein Bardo oder nur ein Bardo von wenigen Minuten. Auf den Tag genau neun Monate nach dem Sterbedatum fand seine Geburt statt. Er wollte nicht im Bardo herumtrödeln. Das weist auf eine sehr starke Entschlossenheit hin. Es gibt andererseits auch Fälle, in denen das Bardo erheblich länger als 49 Tage dauert. Es können sogar mehrere Jahre sein. In der Linie der Karmapas – ich weiß nicht mehr genau bei welcher Inkarnation – gab es eine Periode von mehreren Jahren zwischen den Inkarnationen. Auch das kommt vor. In dem Fall erklärt man das damit, dass sie sich in irgendwelche Buddha-Bereiche begaben oder an einen anderen Ort, wo ihr Aufenthalt von Nutzen war. Es gibt auch einige Beispiele von Reinkarnationen, die nach weniger als neun Monaten stattfanden. Das ist schwieriger zu verstehen.

Teilnehmer: Aber es ist möglich, dass die Bardo-Phase länger als 49 Tage dauert?

Alex: Jeder erscheint nach 49 Tagen in irgendeiner Art von Form. Wenn man allerdings ein vollkommener Buddha ist, dann ist dieser ganze Prozess des Bardos usw. nicht erforderlich. Buddhas können erscheinen, wann immer sie wollen. Aber wenn wir über die Zeit sprechen, bevor man Buddhaschaft erreicht, beträgt die maximale Zeit des Bardos 49 Tage, und dann muss man irgendwo irgendwie erscheinen (nicht unbedingt in dieser Welt).

Teilnehmer: Ist der Dalai Lama ein Buddha oder ein Tulku?

Alex: Der Dalai Lama ist ein Tulku. Aber wie gesagt, ein Tulku kann sich auf allen möglichen Stufen befinden. Auch als Buddha könnte man ein Tulku sein. Nun erhebt sich die Frage: Ist der Dalai Lama ein Buddha? Als mein Lehrer ist er ein Buddha. Aber ist er objektiv ein Buddha? Nun, nur ein Buddha ist in der Lage, einen anderen Buddha zu erkennen. Für jemanden auf unserer gewöhnlichen Ebene ist es also äußerst schwierig, mit Bestimmtheit sagen zu können: „Diese Person ist ein Buddha.“ Das heißt, es ist nicht von Bedeutung. Ich meine, wir könnten es sowieso nicht erkennen. Aber mit Sicherheit ist seine Heiligkeit eines der am höchsten entwickelten Wesen, die mir je begegnet sind. Das mag genügen.

Es ist eine sehr interessante Frage, mag sie sich nun auf den Dalai Lama oder auf den Karmapa oder jemand anderen beziehen. Sind solche Menschen wirklich ein Buddha? Als Abendländer neigen wir dazu, die Dinge sehr konkret festzulegen. Wir schauen zum Beispiel einen tibetischen Text, eine buddhistische Schrift an, und fragen: „Und was heißt das?“ Ein tibetischer Lehrer wird antworten: „Nun, von diesem Gesichtspunkt aus heißt es dies. Und wenn man es gemäß jenem Kommentar interpretiert, heißt es das. Und auf dieser Ebene bedeutet es das.“ Sie werden euch eine ganze Auswahl von Möglichkeiten geben, was es bedeuten könnte. Und als westlicher Mensch fragen wir: „Was bedeutet es denn wirklich?“ Ich denke, das hat mit der gesamten westlichen religiösen Erziehung zu tun, die besagt, dass es einen einzigen Gott, eine einzige Wahrheit gibt: „So und nicht anders ist es.“

Das gleiche Muster spielt mit, wenn wir diskutieren: „Ist diese Person nun tatsächlich ein Buddha?“ Das muss im Zusammenhang mit Leerheit verstanden werden, denn alles ist vom Kontext abhängig. Wenn man von dem Gesichtspunkt aus darüber spricht, dass diese Person Ihr Lehrer ist, ist das eine Sache. Unter dem Gesichtspunkt, welche Ebene der Verwirklichung jemand erreicht hat, oder im Zusammenhang damit, den Lehrer als dies oder das anzusehen, ist es jeweils etwas anderes. Man kann also keine definitive Antwort auf diese Frage bekommen, genauso wenig, wie man eine definitive Antwort auf die Frage „Was bedeutet der Text denn nun wirklich?“ erhalten kann. Das ist das gleiche Problem. Aber das ist für westliche Menschen schwer zu akzeptieren. Aus diesem Grund ist die einzige Antwort, die man geben kann: „Machen Sie sich darüber keine Sorgen.“ Was wichtig ist, ist die eigene Beziehung zu diesem Lehrer, und dass man den Lehrer dann im Kontext dieser Beziehung sieht.

Lassen Sie uns mit einer Widmung schließen. Was immer all dies an Verständnis und positiver Kraft hervorgebracht hat, möge es sich immer weiter vertiefen und als Ursache dafür wirken, zum Wohle aller Erleuchtung zu erlangen.

Nachwort, Juni 2013

Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat speziell in Bezug auf seine eigene Linie, die Abfolge von Dalai Lamas, erklärt, dass aufeinanderfolgende Glieder einer Tulku-Linie nicht unbedingt aufeinanderfolgende Glieder desselben geistigen Kontinuums sein müssen. Menschen, die eine starke Verbindung mit einem großen spirituellen Lehrer haben, indem sie zum Beispiel dessen enger Schüler sind, können, basierend auf starkem Bodhichitta, intensiven Gebeten und einem großen Ausmaß an positivem Potenzial als Tulku-Emanation dieses Lehrers wiedergeboren werden. Ihre Gebete hätten zum Beispiel den Inhalt, imstande zu sein, die Arbeit dieses Lehrers fortzusetzen.

Wenn große spirituelle Meister etwa zur gleichen Zeit in verschiedenen Körpern reinkarnieren (etwa als Aspekt von Körper, Sprache und Geist), so sind diese Tulkus zweifellos individuelle Wesen mit individuellen geistigen Kontinua. Sie alle sind Personen mit einer starken spirituellen Verbindung zu diesem Meister und haben den intensiven Wunsch, dessen spirituelle Arbeit fortzusetzen.

Des Weiteren erklärte Seine Heiligkeit: Wenn einige Linien von Tulkus als Emanationen von Avalokiteshvara, Manjushri, Amitabha usw. angesehen werden, so kann es sich dabei tatsächlich um Emanationen handeln, oder sie können auch lediglich Kanäle einer starken Inspiration von diesen Buddhas sein, um in ihrem Sinne auf dieser Welt zu wirken.