Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Beziehung zum geistigen Lehrer

Alexander Berzin
München, Deutschland, März 1992

Ursprünglich veröffentlicht unter
Vorträge von Dr. A. Berzin im Aryatara Institut e. V., München (1992). Übers. Tom Geist. München: Aryatara Institut, 1993.

Ich bin gebeten worden, heute Abend über die Beziehung zum spirituellen Lehrer zu sprechen. Das ist ein ziemlich wichtiges Thema im tibetischen Buddhismus. Tsongkhapa, der Gründer der Gelug-Tradition, nennt dies sogar „die Wurzel eines spirituellen Pfades“. Und er setzt dies ganz an den Anfang des Lam-rim, des Stufenwegs. Einige der größten Meister sagen, dass sie viele, viele Jahre, manchmal neun oder zehn, benötigten, bevor sie wirklich verstanden, worum sich das Ganze dreht. Die eigentliche Beziehung zu einem spirituellen Lehrer, obwohl sehr wichtig, ist nicht so einfach wirklich richtig zu verstehen und zu schätzen. Eine Menge Missverständnisse entstehen aufgrund der verwendeten englischen oder deutschen Begriffe.

Gewöhnlicherweise nennen wir es „Guru-Hingabe“. Zuerst einmal haben wir das Wort Guru, und unglücklicherweise hat dieses Wort für viele Leute keinen guten Beigeschmack. Viele Leute verbinden Guru mit jemandem, der nur versucht, seine Schüler auszunutzen, um sich viele Rolls Royce kaufen zu können. Das ist jedoch nicht die korrekte Bedeutung des Begriffs, das also jemand andere dazu benutzt, um entweder finanzielle oder sexuelle Vorteile zu erzielen. Das Wort Guru stammt von einem Sanskrit-Wort ab, das gewichtig oder schwer bedeutet. Das heißt nicht, dass ein Guru notwendigerweise fett ist, obwohl es viele gibt, die in diesem Sinne ziemlich gewichtig sind. Sondern die Bedeutung ist, dass er sehr voll ist mit Qualifikationen und exzellenten Qualitäten. Es ist jemand, der wirklich sehr substantiell ist; wenn man in seine Nähe kommt, spürt man, dass er eine Person mit großen Qualitäten ist.

Die tibetische Übersetzung dafür ist „Lama“. Im Tibetischen wird Lama verschiedenartig verwendet. Es besteht aus den zwei Silben la und ma. „La“ hat die Bedeutung, dass jemand erhaben oder überragend ist; es steht für Methode. Das ist jemand, der großes Mitgefühl und große Fürsorglichkeit hat. Die zweite Silbe ma ist das tibetische Wort für Mutter und symbolisiert Weisheit. Die verdeckte Bedeutung des Wortes Lama ist ein erhabener Lehrer oder Meister, der Mitgefühl und Weisheit vereint. Es bezieht sich also tatsächlich auf einen hoch entwickelten und qualifizierten spirituellen Lehrer. Das ist die hauptsächliche Bedeutung, speziell in der Gelug- und Sakya-Tradition.

„Lama“ hat in der Kagyü- und Nyingma-Tradition eine andere Bedeutung. Dort sind es Leute, die ein Drei-Jahres-Retreat machen. Und in diesen Traditionen ist der 3-Jahres Retreat im Grunde genommen eine Zeit, in der sie viele, kürzere Retreats aneinanderhängen. In der Gelug-Tradition würden wir z.B. ein Retreat für zwei oder drei Monate über eine bestimmte Gottheit machen, dann tun wir wieder andere Dinge, und wenn wir Zeit finden, machen wir ein weiteres Retreat usw. In der Kagyü-Tradition dagegen werden alle diese Zwei- oder Drei- Monatsretreats hintereinander durchgeführt, so dass man in drei Jahren durch das Hauptrepertoire oder -menü der wichtigen Praktiken ihrer Tradition geht. Und im Verlauf dieses Drei-Jahres-Retreats lernen sie auch, wie man jede Art von Ritualen durchführt, Tormas macht, Instrumente spielt, usw. Und am Ende, wenn jemand ein solches Retreat abgeschlossen hat, wird er oft Lama genannt. Und in diesem Zusammenhang bezieht sich Lama mehr auf einen Ritualmeister; oder genauer gesagt ist es mehr ein Dorfpriester, denn in Tibet würde so jemand traditionellerweise von Dorf zu Dorf ziehen und Rituale für verschiedene Leute durchführen. Und sie wären auch in der Lage, anderen beizubringen, wie man die Rituale durchführt. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass sie große spirituelle Lehrer sind, die qualifiziert sind, den gesamten buddhistischen Pfad zu lehren.

In beiden Arten, in denen wir das Wort bisher benutzt haben, könnte der Lama ein Mönch, eine Nonne oder ein Laienanhänger sein. Es gibt noch eine weitere Bedeutung für Lama; z.B. ist es in Ladakh einfach ein Synonym für Mönch. Wir müssen also etwas vorsichtig sein, wenn wir das Wort Lama sehen oder wenn wir von jemandem hören, der als „Lama“ bezeichnet wird. Denn es könnte lediglich eine Person sein, die ein Drei-Jahres-Retreat gemacht hat, und nicht ein großer spiritueller Meister.

Eine weitere Verwendung von Lama bezieht sich auf einen Reinkarnierten Lama. Dann bezeichnet dieses Wort einen großen spirituellen Lehrer, der den Punkt erreicht hat, wo er/sie Kontrolle über die eigene Wiedergeburt hat. Und die Reinkamationen dieses Lehrers, wenn er/sie gefunden werden, werden reinkanierte Lamas genannt. Es kann also ein Kind sein, das die Bezeichnung Lama trägt; das bedeutet jedoch nicht, dass dieses Kind ein großer spiritueller Lehrer ist. Das ist ein großer Aberglaube, den viele Leute über solche reinkarnierte Lamas haben. Man glaubt, dass ein vier Jahre altes Kind dieselbe Weisheit besitzt wie der verstorbene Lehrer sie hatte, als er 70 war. Und man nimmt quasi jedes kleinste Wort oder jede kleinste Handlung des Kindes als einen tiefgründigen Ratschlag an. Wenn ein zwei oder drei Jahre altes Kind zu Boden fällt, heißt es gleich: „Oh, der Lama macht Niederwerfungen.“ Das ist lächerlich. Man muss also diese jungen reinkarnierten Lamas als Kinder sehen, was sie im Grunde genommen sind.

Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, sagt, das einzige, worüber wir uns sicher sein können, ist, dass diese Kinder mit einem enormen Potential an gutem Karma und großen angeborenen Fähigkeiten geboren wurden. Aber es liegt an dem Kind, dass es in gerade dieser Reinkarnation zeigt und beweist, welche Qualitäten es besitzt. Und Seine Heiligkeit kritisiert die Leute immer für ihre Über-Hingabe an diese jungen Kinder, das verdirbt sie. Man sollte sich nicht auf den Namen des Vorgängers verlassen, sondern diese Kinder müssen sich selbst beweisen. Ich selbst kenne viele junge reinkarnierte Lamas, und sie nehmen es sehr, sehr übel, wenn sie so behandelt werden, als seien sie ihre vorhergehende Inkarnation. Sie wollen sehr viel lieber als eigenständige Personen behandelt werden, was nur fair ist.

Das tibetische Wort dafür, was diese reinkarnierten Lamas sind, ist „Tulku“. Und der Titel, mit dem man sie anspricht, ist „Rinpoche“. Rinpoche ist jedoch kein Titel, der nur für reinkarnierte Lamas, Tulkus, verwendet wird. Er wird auch für Äbte von Klöstern benutzt. Und viele Leute nennen ihren eigenen Lehrer aus Respekt Rinpoche. Z.B. „Gen Rinpoche“, „Gen“ bedeutet älter und „Rinpoche“ bedeutet kostbar, also kostbarer Älterer. Oder „Geshe Rinpoche“; „Geshe“ ist ein Titel, den man erhält, nachdem man die kösterlichen Studien abgeschlossen hat.

Das sind alles verschiedene Titel für verschiedene Arten von Lehrer. Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass es viele verschiedene Ebenen von buddhistischen Lehrern geben kann. Das können grundsätzlich ältere Schüler sein, die mehr Erfahrung besitzen als wir. Sie können uns lehren, was sie gelernt haben und können ihre Erfahrungen mit uns teilen. Und das ist sicher eine gültige Art von Lehrer. Dann gibt es Lamas, die zu uns kommen und verschiedenartige Initiationen geben. Und im Westen gehen die Menschen oft recht locker zu solchen Initiationen, ohne wirklich daran zu denken, eine starke Verbindung oder ein starkes Band mit diesem Lehrer zu knüpfen. Und schließlich gibt es spirituelle Lehrer, die offensichtlich äußerst weit entwickelte Praktizierende sind, mit großen Verwirklichungen, die uns wirklich auf unserem gesamten Pfad führen können, wie z.B. Seine Heiligkeit, der Dalai Lama. Wir haben also eine Menge von verschiedenen Lehrern. Obwohl es notwendig ist, allen gegenüber Respekt zu haben, kann doch die besondere Art der Begegnung mit ihnen ziemlich unterschiedlich sein. In der Theorie sollte man allen gegenüber denselben Respekt zeigen, aber in der Praxis unterscheidet sich doch manches.

Der zweite Teil des Begriffs Guru-Hingabe ist „Hingabe“, und ich weiß nicht, wie es im Deutschen ist, aber im Englischen hat „devotion“ einen sehr seltsamen Beigeschmack. „Devotion“ impliziert eine geistlose Art, die andere Person zu sehen, fast so, wie ein Teenager ein Pop-Idol anhimmelt; mit der Einstellung: „Oh, Lama, Lama, sag mir was ich zu tun und zu denken habe“, und dem Wunsch, ihm die Füße zu küssen, ohne irgendeine Art von Verantwortung zu übernehmen, ohne selbst darüber nachzudenken, was wir tun. Das ist nicht, worum es uns hier geht. Worüber wir sprechen, ist, was ich vorzugsweise eine Verpflichtung von ganzem Herzen einem spirituellen Lehrer gegenüber nenne; wir müssen aber etwas vorsichtig sein mit der deutschen Übersetzung von „commitment“, denn ich glaube, das deutsche Wort hat eine stärkere Bedeutung. Es ist keine Verpflichtung in dem Sinne, dass man eine regelrechte Pflicht/Schuldigkeit auf sich nimmt, sondern es ist die klare Entscheidung, eine sehr respektvolle und besondere Beziehung zu dieser Person zu haben, in die wir unser ganzes Herz legen. Und wenn wir eine solche Person einen „spirituellen Freund“ nennen, was eine wörtliche Übersetzung eines Sanskrit-Begriffs ist, dann ist Freund nicht so leger wie im Westen zu sehen, als ein Kumpel, mit dem man rumhängt und Bier trinkt. Sondern es ist vielmehr jemand, der für uns wirklich von großem Nutzen in einer persönlichen Weise ist.

Zuerst einmal müssen wir erkennen, warum wir einen spirituellen Lehrer brauchen, bevor wir in eine solche ganzherzige Beziehung eintreten. Dann müssen wir wissen, welche Qualifikationen eine solche Person haben sollte, und wie wir tatsächlich einer solchen Person begegnen können und die entsprechenden Qualifikationen erkennen. Und schließlich, wie wir uns dann dieser Person gegenüber verhalten. Wenn wir über einen spirituellen Lehrer sprechen, so heißt es immer in den Texten: Wenn wir schon einen Lehrer brauchen um Schreiner zu werden, dann brauchen wir offensichtlich einen Lehrer, der uns zeigt, wie wir unsere Persönlichkeit entwickeln können. Aber ich denke, es ist sehr wichtig zu erkennen, dass ein spiritueller Lehrer nicht jemand ist, der uns lediglich mit Informationen versorgt. Es ist nicht wie eine reine Datenübertragung von einem Computer in den anderen; diese Art von Information können wir aus Büchern lernen. Mit einem Lehrer dagegen arbeiten wir an der Entwicklung unserer Persönlichkeit, Und das geschieht in einer zwischenmenschlichen Beziehung.

Ich gebe ein Beispiel dafür. Es gibt einen kalmückisch-mongolischen Lehrer in den USA, Geshe Wangyal, der der erste tibetische Lama in Amerika war. Er war schon relativ alt, als ich ihn zum ersten Mal traf. Und ich erinnere mich, dass wir einmal in seinem Haus in Amerika in einer kleinen Gruppe mit ihm zusammen im Wohnzimmer saßen. Da kam eine Frau, die ganz aufgeregt war und emotionale Probleme hatte, die sie mit Geshe-la diskutieren wollte. Sie war ein wenig genervt darüber, dass wir fünf da saßen, aber Geshe-la meinte, das sei kein Problem, wir seien alle Freunde und sie könne ganz frei sprechen. Sie begann also ihre Geschichte zu erzählen, und es war offensichtlich sehr schwer für sie, darüber zu sprechen. Aber am Ende, als sie es schließlich geschafft hatte, sah Geshe-la sie an und sagte: „Ich bin ein alter Mann und ich höre nicht mehr gut, wiederhole es nochmal, lauter.“ So begann sie erneut ihre Geschichte zu erzählen, und an den schwierigsten Stellen ließ er sich manchmal die Worte drei- oder viermal regelrecht ins Ohr schreien. Und am Ende erkannte sogar sie selbst, wie absurd die ganze Szene war, die sie wegen ihrem Problem veranstaltete.

Auf diese Art war ihr sehr geholfen und das ist etwas, was man nicht aus einem Buch lernen kann. Das ereignet sich nur in zwischenmenschlichen Beziehungen. Geshe Wangyal war ein richtiger Experte in dieser Art von Beziehung. Er ließ seine Schüler immer mithelfen, ein buddhistisches Zentrum zu errichten. Eines Tages stieg er auf das Dach, wo jemand die Dachziegel annagelte, ging zu ihm und schrie in an: „Hau ab von hier, Du machst alles absolut falsch. Verschwinde!“ Und der Schüler verteidigte sich: „Was heißt, ich mache alles falsch. Ich mache es genauso, wie Sie es mir gesagt haben. Die ganze Zeit über habe ich so hart für Sie gearbeitet.“ Und Geshe-la sagte: „Aha, das ist das Ego, das zu verneinen ist!“

Diese Art von Begegnung ist sehr nützlich. Ich erinnere mich, dass ich ziemlich außer mir war, als mein Hauptlehrer verstarb. Und ich ging zu einem meiner anderen Lehrer, Geshe Ngawang Dhargye, der selbst auch Schüler von Serkong Rinpoche war. Ich wollte mit ihm sprechen, aber er saß gerade mit einem Freund beim Mittagessen. Geshe-la bat mich, Platz zu nehmen, im selben Raum, in dem die beiden gerade aßen. Er und sein Freund machten Spaß, Witze, lachten viel und waren bester Laune. Schließlich fragte er mich, was ich wollte. Ich fragte, ob er denn gehört habe, dass Serkong Rinpoche gestorben ist. Geshe-la sagte „Ja“, und begann eine ganze Liste von seinen anderen Lehrer aufzuzählen, die er in diesem Leben gehabt hatte, und die ebenso bereits gestorben waren. Und er sagte, dass jedermanns Lehrer stirbt. Das war sehr, sehr hilfreich für mich.

Daran sieht man wiederum, dass sie uns Dinge lehren, durch ihr Beispiel, indem sie handeln usw., die wir nicht aus Büchern lernen können. Außerdem sind die Lehrer für uns ein lebendes Vorbild dessen, was wir erzielen wollen. Das ist äußerst wichtig, da wir seltsame Ideen haben könnten, was es bedeutet, ein großer tantrischer Meister oder ein Buddha zu sein. Und wir könnten durch unsere Fantasie-Vorstellungen ziemlich in die Irre geleitet werden. Aber wenn wir einem wahren spirituellen Lehrer begegnen, dann können wir an seinem Beispiel sehen, was es bedeutet diesem Pfad zu folgen. Und das hilft uns dabei, mit den Beinen auf dem Boden zu bleiben. Es ist sehr wichtig, wenn wir einem spirituellen Pfad folgen, dass wir nicht hoch über dem Boden schweben, sondern fest mitten in der Realität stehen. Und das kann ein spiritueller Lehrer äußerst gut; auch so etwas kann man nicht aus einem Buch lernen. Ein spiritueller Lehrer kann unsere Fragen beantworten und uns zeigen, wo wir irren, was ein Buch ebenfalls nicht kann. All diese Dinge sind notwendig, wenn wir einem spirituellen Pfad folgen. Es hilft uns auch, uns zu befreien von unseren Fantastereien.

In einer Schrift wird aufgezählt, welche Vorteile eine solche enge Beziehung mit einem Lehrer bringt. Zuerst wird gesagt, dass es uns näher an den Zustand der Erleuchtung bringt, weil wir das, was der Lehrer sagt, in die Tat umsetzen. Und wir tun das, weil wir eine persönliche Beziehung mit dem Lehrer haben. Aber es ist auf eine unpersönliche Weise persönlich. Wir folgen den Anweisungen unserer Lehrer nicht rein aus dem Grund, dass wir gelobt werden wollen wie von einem Vater, oder weil wir uns schuldig fühlen und fürchten, dass sie uns nicht mehr lieben, oder weil wir ihre Gunst erhoffen, wie z.B. von einem Liebhaber, sondern wir folgen dem, was sie sagen, aus Respekt vor ihnen. Wie ich gestern schon von meiner Beziehung mit Serkong Rinpoche erzählte, hat er mir nur ein einziges Mal in 9 Jahren gedankt; ich folgte ihm also nicht, weil ich hoffte, wie ein Hund am Kopf getätschelt zu werden. Im Grunde genommen war die Art der Beziehung, die ich mit ihm hatte ... es ist ziemlich schwer, es richtig zu beschreiben ... es war keine so klebrige Beziehung, wie man sie vielleicht in Verbindung mit Psychiatern vorfindet. Und mit dem spirituellen Lehrer über die eigenen sexuellen oder ehelichen Probleme zu sprechen, ist nicht gerade angemessen. Er fragte mich niemals nach meiner Vergangenheit. Die Beziehung beschäftigt sich immer mit dem gegenwärtigen Moment, mit dem Hier und Jetzt, und sie dreht sich um reale Situationen und darum, wie man mit diesen Situationen umgeht.

Sie ist also persönlich in dem Sinne, dass es eine enge Beziehung zwischen zwei Menschen ist, aber sie ist unpersönlich, weil sie sich nicht mit allen Einzelheiten des persönlichen, privaten Lebens befasst. Da wir persönlich eingebunden sind in diese enge Beziehung und großen Respekt für den Lehrer haben, folgen wir dem, was er sagt. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ihm völlig gedankenlos folgen. Das klassische Beispiel stammt aus einem der Vorleben des Buddha. Der Buddha war zu der Zeit Schüler eines Lehrers, der seinen Schülern auftrug, loszuziehen und für ihn zu stehlen. Alle anderen Schüler zogen los, um zu rauben, nur der Buddha blieb in seinem Zimmer sitzen. Und der Lehrer kam in sein Zimmer und fragte ihn: „Warum ziehst Du nicht los und stiehlst, willst Du mir nicht gefallen?“ Und der Buddha sagte: „Wie kann Stehlen auch nur irgendjemanden Gefallen bringen?“ Und der Lehrer sagte: „Aha, Du bist der einzige, der den Punkt der Belehrung verstanden hat.“

Der Lehrer hilft uns also, selbst auf den Beinen zu stehen und für uns selbst zu denken. Er hilft uns damit, an unserer Persönlichkeit zu arbeiten und sie zu verbessern, so dass wir in den Zustand der Buddhaschaft gelangen und anderen in der besten Weise helfen können. Er lehrt uns nicht, abhängige Sklaven zu werden. Manchmal treten Menschen in eine Beziehung mit einem Lehrer, um keine Verantwortung mehr für ihr eigenes Leben zu tragen. Und dann gehen sie zu dem Lehrer für ein Mo oder eine Divination über die kleinsten, stupidesten Dinge ihres Lebens. Wenn ich zurückdenke; bei Serkong Rinpoche fragte ich höchst selten um ein Mo. Aber ich hatte einmal Schwierigkeiten mit der Mietsituation in meinem Haus in Indien. Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte, und so ging ich zu Serkong Rinpoche, und bat ihn um ein Mo. Und Rinpoche sagte: „Sei nicht dumm! Geh zu einem Anwalt.“ Wir gehen also nicht zum Lehrer wegen jeder Kleinigkeit, sondern wir müssen unseren eigenen Kopf benutzen und die beste Lösung selbst herausfinden.

Auch wenn der Lehrer uns um verschiedene Dinge bittet, müssen wir uns selbst prüfen, ob wir dazu in der Lage sind. In dem indischen Text „Fünfzig Verse an den Guru“ heißt es: Wenn uns der Lehrer bittet etwas zu tun, und wir sind nicht dazu in der Lage, dann sollten wir es nicht einfach blind tun. Wir sollten uns vielmehr entschuldigen und dem Lehrer erklären, warum wir es nicht tun können, oder ihn fragen, warum er uns bittet, dies zu tun. Aber es ist wichtig, dass wir nicht ärgerlich über den Lehrer werden, ihn anschreien, sondern dass wir alles höflich sagen. Ich erinnere mich: Als ich begann Texte für Seine Heiligkeit zu übersetzen, bat Seine Heiligkeit mich und die anderen aus dem Übersetzerteam, eine große tibetische Enzyklopädie zu übersetzen. Wir erhielten diese Anweisung und es hätte wahrscheinlich 20 Jahre gedauert, diese Enzyklopädie zu übersetzen. Da es eine Enzyklopädie war, erschien es uns eine schreckliche Aufgabe. So gingen wir zu Seiner Heiligkeit und erklärten, dass die Übersetzung mindestens 20 Jahre dauern würde, und dass es sehr schwer würde, unsere Energie dafür aufrecht zu halten: Wir baten Seine Heiligkeit, uns seine Gründe zu erklären, warum er uns gebeten hatte, dies zu tun. Und Seine Heiligkeit lachte, und befreite uns von dieser Aufgabe.

Diese Art von Offenheit und – wie soll ich sagen – für uns selbst zu denken und höflich zu dem Lehrer zu sein, ist notwendig in einer Beziehung. Es ist nicht so, dass wir der Armee beitreten und nur noch Befehlen gehorchen müssen, so ist die Beziehung mit einem spirituellen Lehrer ganz und gar nicht. Der Lehrer ist so besorgt um unser Wohlergehen und aus Respekt davor folgen wir dem, was er sagt, vorausgesetzt, wir können das. Er sorgt sich um uns, damit wir unsere Probleme überwinden und fähig werden, anderen zu helfen. Aufgrund seiner Zuversicht in unsere Fähigkeit, diese Dinge zu tun, folgen wir grundsätzlich, sofern wir es können, dem, was er sagt. Auf diese Art, heißt es, ist der Nutzen, dass wir einen Schritt weiter kommen, ein Buddha zu werden.

Außerdem werden wir unzugänglich für dämonische Impulse und irreführende Freunde. Was das nun bedeutet, kann man aus der Definition eines irreführenden Freundes sehen. Ein irreführender Freund, wie es heißt, ist nicht jemand mit einer schwarzen Kutte, Fangzähnen und Hörnern, sondern es dreht sich vielmehr um jemanden, der uns mit einem breiten Lächeln sagt, was wir bisher getan haben, sei bereits genug, wir sollten jetzt mitgehen, ein Bier trinken und uns entspannen. Es ist jemand, der uns dazu verführt, dass wir unsere Zeit mit trivialen Dingen verschwenden. Auf der anderen Seite ist ein Freund definiert als jemand, vor dem wir uns schämen oder absurd fühlen würden, wenn wir in negativer Weise handeln. Das ist eine interessante Definition, weil unser spiritueller Freund, der Lehrer, jemand ist, vor dem wir so viel Respekt haben, dass wir uns lächerlich vorkommen, wenn wir uns vor ihm wie Idioten verhalten. Wenn unser Lehrer vor uns sitzt und wir großen Respekt haben, wie können wir dann trinken, rauchen, dumme Witze oder Zeug erzählen; das passt einfach nicht. Je näher wir unserem spirituellen Lehrer sind, umso weniger werden wir uns wie Idioten aufführen. Und so werden wir nicht verleitet von irreführenden Freunden. Störende Einstellungen und fehlerhaftes Verhalten werden ganz natürlich weniger, weil wir uns lächerlich vorkämen, wenn wir sein Beispiel sehen.

Ferner hilft der Lehrer, unsere Fehler aufzufinden, oder wenn wir uns wie Idioten benehmen. Z.B. war Serkong Rinpoches Name für mich Idiot, er nannte mich immer „Idiot“. Und das war sehr hilfreich, weil er immer unfehlbar aufzeigte, wann ich mich wie ein Idiot verhielt. Ich erinnere mich, dass ich einmal für ihn in Frankreich übersetzte. Er gab Belehrungen zu einem Text, und während den Belehrungen wollte er, dass ich editorische Notizen machte. Ich hatte keinen Stift, und so musste ich die Frau, die vor mir saß, bitten, mir ihren Stift auszuleihen. Sie war eine dieser französischen Damen, mit hennaroten Haaren, und sie saß da, mit einer Rose zwischen den Zähnen; eine sehr seltsam aussehende Dame. Ich habe also ihren Stift benutzt, und am Ende der Belehrung hielt sie mir ihre Hand entgegen. Und ich hatte keine Ahnung was sie wollte, und so habe ich ihr die Hand geschüttelt, weil ich dachte, sie wollte mir gratulieren. Serkong Rinpoche sagte: „Du Idiot, gib ihr den Stift zurück!“ So war es sehr hilfreich, wenn er aufzeigte, wann ich mich wie ein Idiot benahm. Es half mir sehr, aufmerksamer dafür zu werden, was um mich vorgeht, und nicht so abgehoben zu sein. Auf diese Weise nehmen unsere Fehler und Schwächen ganz natürlich ab.

Außerdem heißt es weiter, dass wir immer höhere Verwirklichungen erlangen. Ich glaube, das kommt daher, dass uns unser Lehrer ernst nimmt. Und weil er uns ernst nimmt, beginnen wir selbst auch, uns ernst zu nehmen. Wer auch immer zu Serkong Rinpoche kam, er nahm alle immer ernst. Es konnte der ausgeflippteste Hippie sein, der kam und sagte, er wolle „die Sechs Yogas von Naropa“ studieren: Rinpoche nahm ihn ernst. Er sagte: „Sehr gut, aber zuerst musst Du diese und jene Übung durchführen“, und zeigte ihm genau auf, was er zu tun hätte. Und die Leute waren richtig schockiert dadurch, dass sie ernst genommen wurden, und das half ihnen sehr viel. Der Mechanismus, wie dies funktioniert, ist ein wenig so, wie in unseren christlichen Unterweisungen: „Christus liebt mich.“ Wenn Jesus mich liebt, und ich nehme das ernst, dann verdiene ich es, geliebt zu werden. Und das hilft uns, uns selbst zu lieben und eine positivere Einstellung gegenüber den Dingen zu gewinnen, die wir in unserem Leben tun. Wenn wir also eine lebende Person vor uns haben, wie unseren Lehrer, die uns offensichtlich ernst nimmt, sich um uns sorgt und uns liebt, dann hat das einen sehr tiefen Einfluss auf uns. Und das hilft uns, Fortschritte auf dem Pfad zu machen.

Es heißt weiterhin, dass wir in der Zukunft nie ohne spirituelle Lehrer sein werden, da wir jetzt eine so enge Verbindung mit Lehrern aufgebaut haben. Ebenso werden alle unsere zeitlichen und letztlichen Ziele verwirklicht werden, weil wir so stark inspiriert sind durch den Lehrer. Manchmal wird statt Inspiration Segen gesagt, aber ich mache mir nicht viel aus dieser Übersetzung. Denn wir gehen nicht zum Lehrer und erwarten, dass er einen Zauberstab schwingt und damit unsere Probleme verschwinden. Selbst wenn sie uns eine sogenannte Handinitiation geben, in der sie uns die Hand auf den Kopf legen, dann ist es etwas inspirierendes, und nicht etwas, das alle unsere Probleme auflöst.

Aber wenn wir keinen spirituellen Lehrer haben, oder wenn wir eine Beziehung haben und uns dagegen wenden, dann werden daraus viele Probleme entstehen. Wenn wir zusammen mit einem Lehrer studieren, aber kein Vertrauen in ihn haben, oder denken, er sei ein Idiot, wie können wir dann irgendein Vertrauen haben in das, was er lehrt. Und wie können wir ohne ein solches Vertrauen, etwas üben und sogar Fortschritte erreichen? Ebenso, wenn wir den Lehrer hassen oder verachten, dann stellt das doch das Ziel in Frage, welches er repräsentiert. Das stürzt uns nur in Zweifel und führt dazu, dass wir in die entgegengesetzte Richtung laufen. Es ist also sehr wichtig, dass wir zuerst prüfen, bevor wir uns auf einen spirituellen Lehrer einlassen; wir müssen überprüfen, ob dieser Lehrer voll qualifiziert ist. Es gibt eine ganze Liste von Qualifikationen, die einen Lehrer ausmachen, und es ist hilfreich, sie zu kennen.

Es gibt Qualifikationen zur Vinaya, also der Disziplin, die als Hinayana-Qualifikationen bekannt sind. Das Wichtigste hierbei ist, dass Lehrer ethische Selbstdisziplin besitzen, denn wenn wir sie respektieren wollen, müssen sie ethische und moralische Menschen sein. Sie betrügen niemanden, und versuchen nicht, alle zu sich ins Bett zu bekommen, sie lügen nicht und täuschen niemanden. Sie halten ihre Gelübde rein, sofern sie Mönche oder Nonnen sind. Außerdem handelt es sich um Menschen, die wissen, was sie sagen. Sie sind geschult und haben praktische Erfahrungen. Kurz, ein Lehrer ist jemand, der sich selbst an das hält, was er predigt.

Daneben gibt es Mahayana-Qualifikationen. Auch hier ist wieder das Erste die ethische Selbstdisziplin. Egal, was wir auch betrachten, der Lehrer sollte immer eine ethische Person sein; nicht Rüpelhaftigkeit, Trunksucht und all diese Arten von schadhaftem Verhalten aufweisen. Manchmal mag der Lehrer in einer seltsamen Weise handeln, um uns eine bestimmte Lektion zu geben. Aber es ist ein Unterschied, ob man in bestimmten Situationen aus speziellen Gründen so handelt, oder ob man jemand ohne jegliche Kontrolle ist. Es ist ganz natürlich, dass wir unehrlichen Menschen nicht trauen, von denen wir vermuten, dass sie uns für bestimmte Zwecke auszunutzen versuchen. Vertrauen ist sehr wichtig, und wir sollten es nicht einfach blind einem Lehrer geben.

Die nächste Mahayana-Qualifikation beinhaltet, dass ihr Geist ruhig, heiter und gesetzt ist. Es muss also jemand sein, der Konzentration besitzt, und nicht die ganze Zeit rumhüpft und seinen Geist nicht bei einer Sache halten kann. Ferner sollte sein Geist insofern beruhigt sein, dass er nicht alle Arten störender Einstellungen und Verblendungen hat. Es sollte nicht jemand sein, dessen Stimmung permanent auf und ab geht und der emotional instabil ist. Als Nächstes müssen Lehrer mehr Wissen besitzen als wir, was nicht heißen soll, dass sie mehr Insekten benennen können, sondern dass sie mehr Wissen über die Techniken besitzen, die unseren Geist zähmen. Weiterhin sollten sie viel Enthusiasmus und Freude zeigen, viel Energie bei Belehrungen haben, um anderen zu helfen. Dann sollten sie in den Zitaten der Schriften sehr bewandert sein. Das heißt, dass sie ihre Belehrungen belegen können und ihre Schüler nicht im Zweifel lassen, ob alles vielleicht nur selbsterfundenes, verrücktes Zeug ist. Dann sollten sie eine tiefe, stabile Erkenntnis der Realität besitzen und sehen, was der Realität entspricht; nicht reine Fantasien hervorzaubern und in einer Traumwelt leben. Außerdem sollten sie die Fähigkeit besitzen, sich klar auszudrücken. Man hat es nicht so leicht, wenn sich der Lehrer nicht auszudrücken vermag. Darüber hinaus sollte er eine tiefe, liebevolle, ehrliche Besorgtheit um das Wohlergehen der anderen, insbesondere seiner Schüler, haben. Ein Lehrer braucht seine Schüler nicht, damit sie ihm Zuneigung, Liebe erweisen, so dass er damit sein Ego aufbläst, sondern er ist wirklich um seine Schüler besorgt. Man hilft dem Schüler, damit dieser selbständig wird und auf eigenen Beinen stehen kann; man hilft nicht, um ihn in eine Abhängigkeit zu bringen, damit er Liebe, Sex oder Zuneigung zeigt und Geld gibt. Die letzte Qualität hier ist, dass der Lehrer nie das Gefühl haben sollte, Lehren sei ermüdend; selbst armselige Schüler sollten keine Entmutigung hervorrufen.

Ich sehe Geshe Ngawang Dhargye immer als ein perfektes Beispiel für diese Qualitäten, speziell die letzte. Er lehrte jeden Tag in der Bibliothek von Dharamsala, zwölf Jahre lang ohne Unterbrechung. Manchmal zwei, drei Klassen am Tag, Die Schüler verbrachten teilweise Monate dort und konnten die Frage nach den Drei Juwelen nicht beantworten; trotzdem wurde er niemals entmutigt und lehrte immer mit dem gleichen Enthusiasmus, der gleichen Freude und Energie; andauernd stabile Energie, eine unglaubliche Qualität eines Lehrers.

Die Qualifikationen nach dem tantrischen System erfordern, dass Körper, Sprache und Geist des Lehrers gut gezähmt sind, was wiederum ethische Selbstdisziplin bedeutet. Einen großen Geist und ein großes Herz zu haben bedeutet, dass der Lehrer gebildet ist und wahres Bodhicitta entwickelt hat, also die Sorge um andere. Ferner werden ein großes Maß an Geduld, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit erwartet. Er sollte geübt sein in den Dingen die er lehrt und er sollte aus ehrlicher Erfahrung sprechen. Er darf weder anmaßend sein, indem er Qualitäten vorgibt, die er nicht besitzt, noch unaufrichtig/heuchlerisch, indem er seine schlechten Qualitäten verbirgt.

Ich erinnere mich, dass Serkong Rinpoche zu Leuten, die ihn um eine Divination baten, sagte, er habe keine karmische Verbindung mit ihnen, um ihnen mit ihrem Problem zu helfen. Er hätte vorgeben können, er habe eine solche Verbindung, und niemand hätte den Unterschied gemerkt. Er war niemals anmaßend, sagte immer alles geradeheraus; und er verwies sie auf einen anderen Lama, der die karmische Verbindung mit ihnen für dieses Problem hätte.

Man kann dasselbe bei Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, sehen. Es gibt Zeiten, an denen Seine Heiligkeit sehr schwierige und fortgeschrittene Texte lehrt. Er gibt die mündliche Übertragung, indem er sie in einer ungeheuren Geschwindigkeit laut vorliest. Schwierige Stellen erklärt er, aber es kann genauso geschehen, dass er beim schnellen Lesen stehen bleibt und sagt: „Ich weiß nicht, was das bedeutet. Das ist unklar.“ Dann fragt er die verschiedenen hohen Lamas um sich herum nach ihrer Meinung. Offensichtlich könnte Seine Heiligkeit genauso schnell über diese Stelle hinweglesen, und niemand würde einen Unterschied feststellen. Aber die Tatsache, dass Seine Heiligkeit auf etwas hinweist, was ihm unklar ist, gibt uns große Zuversicht, dass alles andere im Text für ihn völlig klar ist. Das ist eine außerordentliche Qualität eines großen Menschen, dass er zugeben kann, wenn er etwas nicht weiß. So jemand täuscht niemals Qualitäten vor, die er nicht besitzt.

Natürlich muss ein tantrischer Lehrer alle Tantras kennen und die Rituale beherrschen. Es mag schwierig sein, jemanden mit allen diesen Qualifikationen zu finden, aber zumindest die wichtigsten davon sollten vorhanden sein. Die wichtigste ist die starke Sorge des Lehrers für seine Schüler, und dass er sie nicht in Wirklichkeit aus anderen Gründen gebraucht; und dass er ethische Selbstdisziplin hat und auch weiß, wovon er spricht, da er es studiert, selbst praktiziert und eigene Erfahrungen damit gewonnen hat. Ich würde noch die Qualität hinzufügen, dass er seine Schüler ernst nimmt.

Manche behaupten, wenn wir Belehrungen von jemandem hören, dann wird derjenige automatisch unser spiritueller Lehrer. Aber wie Seine Heiligkeit, der Dalai Lama sagt, können wir zu jedermanns Belehrung gehen und sie untersuchen, genauso wie bei einer Universitätsvorlesung. Wir haben viele Lehrer, die uns in den Schulfächern unterrichten; aber das macht sie nicht zu unseren spirituellen Lehrern. Die Schriften sagen jedoch eindeutig, dass wir für alle Respekt haben sollen, da sogar der Lehrer, der uns das Lesen beibrachte, sehr viel zu unserem Wachstum und Entwicklung beigetragen hat; und das stimmt. Aber in einer wirklichen Lehrer-Schüler-Beziehung müssen sich beide Seiten gegenseitig akzeptieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass es immer formal ablaufen muss, in der Art: „Oh, Sie sind mein Guru!“ und „Ja, ich akzeptiere dich, mein Kind.“ Das wäre die Hollywood-Version.

Wir müssen den Lehrer genau untersuchen, bevor wir ihn in unserem Herzen als Lehrer akzeptieren. In den Schriften gibt es Beispiele, wo dies bis zu zwölf Jahre gedauert hat. Wir sollten einen Lehrer nicht akzeptieren, wie etwa ein hungriger Hund nach einem Knochen schnappt, der ihm zugeworfen wird. Es erfordert eine ganze Menge klaren Nachdenkens. Genau wie Atisha, der eine 13-monatige Seereise auf sich nahm, um seinem Lehrer in Indonesien zu begegnen. Aber als er ankam, verbrachte er erst noch einige Wochen damit, die Schüler zu fragen und nachzuforschen, bevor er dann zum Lehrer selbst ging.

Es wird allerdings gesagt, dass wir unseren ersten Eindruck, wenn wir einem Lehrer zum ersten Mal begegnen oder ihn auf einem Foto sehen, als Hinweis nehmen können, ob wir mit ihm eine karmische Verbindung haben. Aber unsere Meinungen und Eindrücke könnten unzuverlässig sein, deshalb müssen wir auch sehen, wie dieser Mensch lehrt, welche Beispiele er verwendet und ob er wirklich ernsthaft ist. Wir informieren uns bei gültigen Quellen, also bei Menschen, die wir selbst respektieren, über den Lehrer, indem wir sie um ihre Meinung fragen; wir sehen uns die Beziehungen an, die diese Person mit anderen großen Meistern, die wir respektieren, hat, wie. z.B. mit Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama. Und wir sehen uns seine Schüler an, wie sie sich entwickeln und welche Fortschritte sie gemacht haben. Auf diese Art und Weise können wir recht gut untersuchen, ob wir uns auf diesen Lehrer einlassen wollen.

Es ist wichtig, dass wir dies vorher herausfinden und nicht im Nachhinein prüfen. Im klassischen Beispiel wird gesagt, wir sollten nicht auf das Eis eines Sees stürmen, und erst hinterher, wenn wir mitten auf dem See sind, mit einem Stock testen, ob es dick genug ist uns zu tragen. Aber oft, besonders im Westen, passiert es, dass man sich in einer Verbindung mit einem Lehrer findet, ohne vorher gut geprüft zu haben. Und später finden wir, dass dieser Lehrer große Fehler hat, und wir können diese enge Beziehung wirklich nicht mehr aufrechthalten.

Im „Kalachakra-Tantra“ gibt es einen Rat, wie man mit einer solche Situation umgehen sollte: Grundsätzlich sollte man dann eine respektvolle Distanz einhalten. Wir müssen nicht notwendigerweise mit diesem Lehrer eng zusammenbleiben und mit ihm studieren, aber trotzdem behalten wir unseren Respekt, wir sagen nichts Schlechtes über diese Person. Wir können mit vielen Lehrern eine enge Beziehung pflegen. Ich glaube, Atisha hatte 155 Lehrer. Wir sollten uns nicht als unloyal empfinden, wenn wir bei einem und dann bei einem anderen Lehrer lernen. Der Lehrer ist einzig darum besorgt, dass wir die Erleuchtung erreichen; das ist der ganze Grund für die Beziehung. Ein richtiger Lehrer, mit Qualitäten, ist in keiner Weise besitzergreifend oder eifersüchtig. Er wird sogar von sich aus andere Lehrer empfehlen, die sich auf Gebieten spezialisiert haben, in denen er selbst nicht so bewandert ist. Wir müssen auch überprüfen, ob Lehrer besitzergreifend im Umgang mit Schülern wirken, ob sie exklusiv sind oder sektiererisch. Falls wir dies vorfinden, ist das ein bisschen verdächtig.

Wenn wir mehrere Lehrer haben, so heißt es in den Schriften, dass wir sie wie einen elf-köpfigen Chenrezig sehen sollten. Sie alle repräsentieren im Grunde das letztliche Ziel, das wir erreichen wollen, und ebenso wie die elf Köpfe von Chenrezig verschiedene Seiten und Aspekte darstellen, ist es mit den verschiedenen Lehrern. Es ist jedoch bei persönlichen Fragen wichtig, dass wir nicht einen Lehrer fragen, und wenn uns die Antwort nicht gefällt, wir dieselbe Frage an den nächsten Lehrer stellen, so lange, bis wir die Antwort erhalten, die wir hören wollen. Wenn wir die Frage wirklich stellen, dann impliziert das automatisch, dass wir dem folgen, was der Lehrer sagt, sofern wir dazu fähig sind.

Das bringt uns zu folgendem Thema: Was versteht man unter einem „Wurzel-Guru“. Ein „Wurzel-Guru“ ist jemand, mit dem eine Beziehung wie eine Wurzel wirkt, damit wir wachsen können und Verwirklichungen erzielen können. Das ist nicht unbedingt der erste Lehrer, dem wir begegnen, und auch nicht unbedingt der Lehrer, der uns die meisten Belehrungen gegeben hat, sondern es ist derjenige, dessen Beispiel den stärksten Einfluss auf uns hat, damit wir uns von ganzem Herzen und Verstand dem Pfad wirklich zuwenden. Es kann zum Beispiel Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, oder Karmapa usw. sein; wir müssen nicht unbedingt einen sehr persönlichen Kontakt mit dieser Person haben, aber es ist jemand, der uns wirklich im Herzen bewegt. Das ist der Wurzel-Guru.

Es besteht keine Notwendigkeit, ins kleinste Detail zu gehen, was die eigentliche Beziehung mit dem Lehrer angeht, aber der Hauptaspekt bzw. die hauptsächliche Qualität ist Respekt. Wir dürfen uns niemals in fantasierten Vorstellungen über den Lehrer verstricken. Manche Leute sehen den Lehrer als Gott an, der alle Arten von Wundem vollbringen kann. Sie denken, es handelt sich um einen Buddha, und dieser Lehrer weiß alles. Wenn wir Probleme in unserem Land oder in unserem Zentrum haben, brauchen wir nichts zu sagen oder zu erklären: Der Lehrer weiß um alles am besten und sie erwarten, dass der Lehrer einfach für alles eine Antwort weiß. Wir müssen dem Lehrer helfen, uns zu helfen. Damit wir einen Ratschlag bekommen können, müssen wir klare Informationen über unsere Situation geben. Wir müssen z.B. die Bedürfnisse innerhalb der Gruppe erläutern und um Belehrungen bitten; wir dürfen nicht erwarten, dass der Lehrer aus seiner Hellsichtigkeit heraus uns die Belehrungen gibt, die am besten für uns sind. Wir müssen mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und nicht denken, der Lehrer ist ein Buddha und deswegen braucht er nichts zu essen. Das ist lächerlich. Der Punkt der Aussage, dass wir den Lehrer als Buddha sehen, ist hauptsächlich, dass wir alles als Belehrung annehmen, was der Lehrer tut und sagt. Es ist nicht so zu verstehen, dass wir den Lehrer als Gott ansehen, oder zum Sklaven werden. Für eine solche Art von Beziehung muss man sehr sicher sein, dass dies die richtige Person ist.

Ich gebe ein Beispiel aus der Beziehung, die ich mit Serkong Rinpoche hatte. Serkong Rinpoche hat mich zum Übersetzer ausgebildet. Ich habe viel Zeit mit ihm verbracht, und es konnte Tag und Nacht passieren, dass er mich fragte, was er gerade gesagt habe. Und ich musste es Wort für Wort wiederholen können. Damit so etwas funktioniert, braucht man eine Art von Beziehung, in der man absolut akzeptiert, dass, was immer er auch macht, es eine Belehrung für mich ist. Es sollte nicht so sein, wie in den Filmen vom „Rosaroten Panter“, in denen Peter Sellers einen Diener hat, der ihn immer unerwartet attackiert, und er sich dann verteidigen muss. Da gibt es die Szene, wo Peter Sellers gerade mit einer Frau im Bett liegt, als der japanische Diener ihn attackiert und er ruft: „ Nicht jetzt“! Wenn jedoch der Lehrer fragt, was er gerade gesagt hat, können wir nicht ärgerlich werden und sagen: „Nicht jetzt“. Sondern wir sind in einer Beziehung, in der wir offen sind zu lernen, egal, in welcher Situation wir sind und egal, was der Lehrer macht. Wir kritisieren nicht oder werden schon gar nicht ärgerlich.

Das bedeutet, wir haben vollstes Vertrauen in den Lehrer; kein blindes, sondern ein begründetes Vertrauen, dass der Lehrer weiß, was er tut. Und dass er wahrhaft darum besorgt ist, uns zu helfen, damit wir fähig werden, anderen zu helfen, und nicht alles aus einem Ego-Trip heraus tut. Das ist also eine sehr heikle Beziehung und erfordert eine Menge an Vorsicht, bevor wir uns darauf einlassen, und es braucht einen besonderen Menschen dazu. Lehrer kann nicht jedermann werden.

Im Westen, besonders hier in Deutschland, gibt es viele Gelegenheiten, durchreisenden Lehrern zu begegnen. In Tibet gingen die Menschen meist zu dem Lehrer des Klosters, in dessen Gegend sie geboren wurden. Und nur, wenn sie weiterkommen wollten, erforschten sie andere Gebiete, aber am Anfang war es eben derjenige, der gerade da war. Ähnlich haben wir im Westen verschiedene Geshes und Lamas, die zu Besuch kommen oder gar in unserer Stadt wohnen, und wir können eine Menge von ihnen lernen, und sei es nur auf der Ebene reiner Informationen. Aber das bedeutet nicht notwendigerweise, dass jeder nun eine starke karmische Verbindung mit dieser Person haben muss oder dass wir in eine solche Beziehung mit dieser Person treten, wie ich sie mit Serkong Rinpoche hatte, in der wir ihr erlauben, an unserer Persönlichkeit zu arbeiten.

Es ist nicht unbedingt so, dass wir eine derartige Beziehung mit dem Geshe haben, der zufälligerweise in unserer Stadt ist. Aber wie gesagt, wir können doch sehr viel von ihm lernen. Wenn wir jedoch dem spirituellen Pfad folgen wollen, müssen wir viel Tatkraft aufbringen und die Gegenden durchforsten, um diese Person zu finden, mit der wir eine so spezielle Beziehung haben können. Wenn wir dann unser ganzes Herz in diese Beziehung mit dem Lehrer legen, können wir den größten Nutzen daraus ziehen. Auf diese Art können wir uns selbst weiterentwickeln und schließlich die Buddhaschaft erreichen, damit wir dann allen helfen können.

Frage: Ich habe in einem Buch gelesen, dass ein Lehrer sagte, Feuer sei Wasser und Wasser sei Feuer, und man solle keinen Zweifel daran haben. Alexander sagte, man sollte immer selber überprüfen und selber sehen, was ist. Für mich herrscht da ein gewisser Zwiespalt.

Antwort: Wenn wir unser Herz in solch eine Beziehung gelegt haben, haben wir quasi einen Vertrag abgeschlossen, der besagt: Was immer der Lehrer sagt, wir betrachten es als Belehrung. Damit müssen wir versuchen zu verstehen, was er wohl damit meint, was er uns zeigen will. Das heißt, dass wir nicht einfach loslegen und sagen: „Das ist Unsinn!“, sondern wir denken darüber nach, was es möglicherweise bedeutet. In den Schriften heißt es sogar, dass wir am Ende alle Menschen als unseren Guru betrachten sollen. Das heißt, dass Menschen uns selbst dann etwas lehren, wenn sie sich wie Idioten verhalten: Sie zeigen uns, wie wir uns nicht verhalten sollten.

Frage: Dr. Berzin hat vorhin gesagt, dass es sich nicht um Einzelheiten aus dem persönlichen Leben handelt, wenn man miteinander arbeitet. Ich nehme aber doch an, dass jeder etwas anders innerlich reif ist. Über was spricht man dann, oder wie kommt es dann rüber?

Antwort: Nun ... ich versuche mich zurückzuerinnern, wie es mit Serkong Rinpoche war. Anfangs ging ich ihn besuchen. Und man geht nicht zu einem Lehrer, um seine Zeit zu verschwenden, um nur über das Wetter zu reden. Im Grunde fragte ich ihn; ich wollte dieses und jenes studieren, und fragte ihn nach dem besten Weg dazu. Er, von seiner Seite, hatte tatsächlich diese große Fähigkeit, karmische Verbindungen, die Leute mit ihm bzw. er mit ihnen hatte, zu erkennen. Er war einer der höchsten Lamas; er war ein Lehrer von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama; und Lama Zopa pflegte zu sagen: „Wenn Ihr sehen wollt, was ein echter Lama ist: Serkong Rinpoche.“ Rinpoche sah, dass es diese Verbindung für mich gab, sein Übersetzer zu sein, und im Grunde genommen forderte er mich lediglich dazu auf, in seinem Raum zu sitzen. Ich saß da und beobachtete ihn, wie er verschiedene Dinge tat, wie er verschiedene Leute empfing oder seine Gebete verrichtete, oder was auch immer; und er lehrte mich verschiedene Ausdrücke. Er stellte nie diese Art von Fragen, wie: Wo bist du zur Schule gegangen, was war dein Vater, usw. sondern er begann, diese Art von Beziehung aufzubauen, indem er mit dem arbeitete, was gerade in diesem Moment vor sich ging. Schließlich bat er mich, ihm beim Verfassen von Briefen zu helfen; es entwickelte sich eben auf die Art und Weise. Aber er war etwas überaus Besonderes.

Frage: Etwas, was nicht erwähnt wurde, was ich aber von anderen gehört habe: Wenn man einen Lama überprüft, den man als seinen eigenen Lehrer annehmen möchte, dann sollte man auch seine Schüler betrachten, wie die sind; als ein Kriterium für die Wahl eines Lamas. Ich denke, das ist wahrscheinlich im Westen für einige Leute ein ziemliches Problem, weil, selbst wenn man jemanden als seinen Lama angenommen hat, haben wir bestimmte Probleme mit unserem Ego; wir mögen denken, dass die anderen Schüler komisch sind. Oder der Lehrer scheint umgeben von eigenartigen oder schwierigen Leuten, insbesondere, wenn es sich um tantrische Beziehungen dreht. Ich habe gehört, dass es von einem Lama als etwas sehr Schlechtes gesehen wird, wenn man geringen Respekt oder gar Verachtung anderen Menschen gegenüber hat, die die eigenen Vajra-Brüder und -Schwestern sein sollten. Wie denken Sie darüber?

Antwort: Nun, ich denke, was gesagt wurde, stimmt. Eines der Kriterien, die ich beim Überprüfen meiner Lehrer verwendete, war nicht, dass ich mir die westlichen Schüler, sondern die tibetischen Schüler ansah. Ich habe das jedoch schon vor langer, langer Zeit gemacht, und die Lehrer, mit denen ich studierte, hatten eigentlich keine westlichen Schüler. Was aber z.B. Geshe Ngawang Dhargye betrifft, mit dem ich als erstem Lehrer in Indien studierte, so war er weithin als guter Lehrer bekannt und er hatte viele, viele tibetische Schüler, die aus ganz Indien speziell an die Orte kamen, an denen er sich aufhielt, um mit ihm zu studieren. Es gab fünf Tulkus, inkarnierte Lamas, die ihm anvertraut wurden, damit er ihnen Belehrungen gab; das gibt einen gewissen Hinweis darauf, wie er von der tibetischen Gemeinschaft respektiert wurde. Und, wie man sagt: Es gibt Schüler und Schüler. Sicherlich; Lehrer, die westliche Schüler haben, können von einer „ziemlich buntgefiederten Gefolgschaft“ („lunatic fringe“) umgeben sein, aber man muss genauso darauf achten, wer seine engsten Schüler sind, die für ihn übersetzen, die mit ihm für eine längere Zeit zusammen sind und welche Art von Fortschritt sie gemacht haben. Und wenn man in eine so enge Beziehung mit diesem Lehrer treten will, dann ist es tatsächlich so, als würde man in eine Familie aufgenommen werden, denn er hat verschiedene Menschen um sich, die ihm dienen usw.; wenn wir ein schlechtes Verhältnis mit ihnen haben, z.B. neidisch sind, wird es nicht funktionieren. Ich sehe mir immer die tibetische Seite der Dinge an.

Frage: Wie lange bleibt ein Schüler bei seinem Lehrer? Einer der größten Bildhauer in Europa hatte einen Schüler. Eines Tages hat der Schüler ihn verlassen und wurde daraufhin angesprochen, er sollte doch glücklich sein, weil er zu den engsten Schülern gehörte. Er hat dazu geäußert, er habe gespürt, dass der Einfluss des Lehrers ihn ähnlich erdrückte wie der Schatten eines großen Baumes einen Sprössling. Und im Schatten eines anderen gedeiht unter Umständen jemand nicht. Ist es nicht vielleicht so, dass die Persönlichkeit doch oft von einem Lehrer unterdrückt wird oder die Entfaltung der Persönlichkeit zu einem gewissen Zeitpunkt, wo sie einfach Ruhe brauchte für eine Weile?

Antwort: Normalerweise ist es der Lehrer selbst, der uns sagt, dass wir gehen sollen. Wie Marpa zu Milarepa sagte, dass es Zeit wäre für einen Retreat. Die Dinge hängen sehr stark vom Lehrer ab; es ist wirklich wichtig, sorgfältig zu wählen. Wenn uns der Lehrer nicht gestattet, unsere Individualität, unsere Persönlichkeit zu entwickeln, dann müssen wir prüfen, was der Grund dafür ist. Wenn der Lehrer sich so den Schülern gegenüber verhält, bevor man eine Beziehung eingeht, kann es sein, dass er besitzergreifend ist oder sich auf einem Power-Trip befindet. Es kann aber genauso sein, dass er dies tut, um dem Schüler zu helfen, wenn dieser sich auf einem großen Ego-Trip befindet. Wir müssen also gut untersuchen, was der Lehrer damit erreichen will. Und wir können uns selber sehen, wie wir uns entwickeln.

Manchmal dienen wir einem sehr hohen Lama und das mag ein bisschen viel sein. Wenn z.B. jemand Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama dient, ist das eine sehr überwältigende Erfahrung. Das heißt nicht, dass dadurch unsere Persönlichkeit verkümmert, sondern es bringt unsere Persönlichkeit hervor und entwickelt unsere Persönlichkeit; so fand ich es, als ich ihm diente. Und eine Gelegenheit zu haben, so jemandem zu helfen, seinerseits Tausenden und Abertausenden Menschen in der Welt zu helfen, ist jeden Einsatz wert, wenn wir dabei in der Richtung denken, dass wir selber versuchen, uns zu entwickeln und anderen zu helfen. Wenn wir uns in einer solchen Situation überwältigt fühlen und denken, ich gehe lieber meinen eigenen Weg, müssen wir untersuchen, warum wir so empfinden. Ich glaube, es ist ein großer Unterschied, ob man einem Meister dient, der vielleicht Künstler ist oder jemandem wie dem Dalai Lama, der daran arbeitet, jedem in einer klaren und machtvollen Art zu helfen.

Frage: Manche Lamas machen bei einer Begegnung von sich aus einen sehr positiven Eindruck, dann fällt es einem leicht, Zuneigung oder Respekt zu empfinden. Dies verfliegt aber oft nach einer Zeit. Oder wenn man ein Bild von diesem Lama anschaut, schlägt es vielleicht ins Gegenteil um, in negative Gefühle. Was kann man dagegen tun, oder wie kann man damit umgehen, um nicht heuchlerisch zu wirken?

Antwort: Spring nicht so schnell in eine solche Beziehung. Es gibt einen ersten Eindruck, aber fällen wir unsere Entscheidungen nicht aufgrund eines ersten Eindrucks. Es ist wie mit der Liebe auf den ersten Blick, wo manche gleich am nächsten Tag heiraten will. Vielleicht klappt es, aber vielleicht ist es ein wenig frühreif.

Frage: Ja, aber noch genauer vielleicht, wie mit den negativen Gefühlen umzugehen ist, denn es hat ja doch damit zu tun, dass es karmische Sachen nach sich zieht, wenn man einem hohen Lama gegenüber negative Gefühle hat.

Antwort: Das stimmt; es heißt, wir wissen nie, wer ein Bodhisattva ist, und einem Bodhisattva gegenüber negative Gefühle zu haben ist nicht im Geringsten vorteilhaft. In solchen Situationen können wir im Grunde genommen nur sagen, dass mein Gefühl, bei dem was der andere macht, ziemlich negativ erscheint, aber vielleicht liegt es daran, dass ich es nicht verstehe. Aber, auf einer persönlichen, inoffiziellen Ebene, glaube ich, liegt eine gewisse Gefahr darin zu denken, alles ist gut und nichts ist falsch mit irgendjemandem. Natürlich können wir sagen, dass wir nicht verstehen, aber es gibt manchmal ganz offensichtliche Beispiele, wo jemand sich einen spirituellen Lehrer nennt und nur seinen Vorteil daraus zieht, indem er diese Position und die Menschen missbraucht. Und in solch einer Situation nützt es nichts, herumzurennen und Zwietracht zu säen, um die Menschen von diesem Lehrer zu trennen. Aber wenn uns jemand um Rat fragt, der noch keine Beziehung zu diesem Lehrer hat, denke ich, sollten wir ehrlich sein und sagen, was wir sehen.

Manche Leute führen in die Irre. Gerade im Westen finden wir eine Anzahl von Lehrern, die nicht gerade übermäßig qualifiziert erscheinen, wenn wir uns die Liste der Qualifikationen ansehen. Wenn nun so jemand nicht anmaßend ist und sagt: „Ich bin kein großer spiritueller Lehrer, aber ich kann meine Erfahrungen mit Dir teilen“, dann ist das in Ordnung. Wenn sie jedoch anmaßend sind und sich für einen großen Lehrer ausgeben, ist das verdächtig. Wir sollten die konventionelle Ebene nicht verneinen: Gewisse Dinge sind nützlich, und gewisse Dinge sind schädlich. Man muss sein Urteilsvermögen verwenden und nicht zu idealistisch sein; aber nicht ins Extrem gehen und Probleme verursachen. Wie gesagt, das ist meine persönliche Ebene.

Frage: In Gruppen um Lehrer ist immer so ein Gerangel, wer ihm am nächsten ist und die meiste Zeit mit ihm verbringt, und da habe ich die Frage, in wie weit ist es wirklich notwendig; weil ich so das Gefühl hatte, was der Alex gesagt hat, dass eigentlich die Beziehung erst ein Reifeprozess ist, der sich über Jahre erstreckt und sich solche Sachen ergeben. Denn er hat auf der einen Seite geschildert, dass die Auseinandersetzung persönlich mit dem Lehrer sehr wichtig ist, aber wenn ich jetzt so die Realität betrachte im Westen, weiß ich nicht, inwiefern wächst man da auch rein, oder was kommt da von allein?

Antwort: Es ist nicht gut, wenn man versucht, bei einem Lehrer zu sein, indem man versucht, andere Schüler zu verdrängen. Wenn wir unsere Praxis sehr ernst nehmen, dann wird sich diese Nähe ganz natürlich entwickeln; wenn jemand nur aus Ego-Gründen dem Lehrer nah sein will, dann klappt das nicht. Wir sollten nicht denken, der Lehrer ist ein Idiot und ohne Kontrolle; wenn er will, dass jemand geht, dann sagt er es. Und wenn ein Lehrer sich für jemanden Zeit nehmen möchte, dann wird er es tun. Wir sollten uns ebenso bewusst sein, dass ein Lehrer jede einzelne Person sehr unterschiedlich behandelt. Das kann man sehr gut sehen, wenn man für einen Lehrer übersetzt. Bei jeder Person, die hereinkommt, ist es total unterschiedlich. Die Reaktion ist immer so, wie es für den Schüler am hilfreichsten ist. Oft handelt der Lehrer wie ein Spiegel, der die Probleme der Schüler spiegelt, so dass die Schüler diese erkennen können. Grundsätzlich, wie ich sagte, ist es so, dass, je ernsthafter unsere Praxis ist, um so näher wird sich die Beziehung natürlicherweise mit dem Lehrer ergeben.

Gut, beenden wir diesen Abend mit einer Widmung. Wir denken, alle positive Energie und Potential die sich aufgebaut hat, möge dazu beitragen, dass jeder einem wirklich qualifizierten Lehrer begegnen möge und durch ihre Beziehung mit einem solchen Lehrer mögen sie all ihre Begrenzungen und Probleme überwinden und ihr Potential zum Wohle aller Wesen entwickeln.

Vielen Dank.