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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Eine Kurzbiographie Tsongkhapas

Alexander Berzin, August 2003
Teilweise auf der Grundlage eines Vortrages von Geshe Ngawang Dhargyey
Dharamsala, Indien.
Deutsch: Nailu Sari

Die Biographie eines großen Lamas wird als “Namtar” (tib. rnam-thar) d.h. als eine “befreiende Biographie” bezeichnet, da sie die Hörer dazu inspiriert, dem Beispiel des Lamas zu folgen und Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. Die Biographie von Tsongkhapa (tib. rJe Tsong-kha-pa Blo-bzang grags-pa) (1357-1419) ist tatsächlich inspirierend.

Prophezeiungen und Kindheit

Sowohl Buddha Shakyamuni als auch Guru Rinpoche sagten die Geburt und die Errungenschaften Tsongkhapas voraus. Zur Zeit des Buddha Shakyamuni überreichte ein junger Knabe, der eine frühere Inkarnation Tsongkhapas war, dem Buddha einen Kristallrosenkranz und erhielt als Gegengeschenk eine Muschel. Der Buddha prophezeite, dass Manjushri in Tibet als Knabe wiedergeboren werden würde, dass er dort das Ganden-Kloster gründen würde, dass er der Statue des Buddha eine Krone schenken würde. Buddha gab dem Jungen den zukünftigen Namen Sumati Kirti (tib. Blo-bzang grags-pa, Lozang-dragpa). Auch Guru Rinpoche prophezeite, dass ein Mönch Namens Lozang-dragpa in der Nähe von China wiedergeboren werden würde, den man als Emanation eines großen Bodhisattvas ansehen und der eine Buddhastatue in eine Sambhogakaya-Darstellung verwandeln würde.

Ferner gaben eine Reihe besonderer Zeichen vor Tsongkapas Geburt Hinweise darauf, dass er ein großes Wesen sein würde. Seine Eltern beispielsweise hatten zahlreiche glücksverheißende Träume, dass ihr Kind eine Emanation von Avalokiteshvara, Manjushri und Vajrapani sein würde. Sein künftiger Lehrer, Chöje Döndrub-Rinchen (tib. Chos-rje Don-grub rin-chen), erhielt in einer Vision von Yamantaka die Botschaft, dass er (Yamantaka) in einem bestimmten Jahr nach Amdo (tib. A-mdo, nordöstliches Tibet) kommen und sein Schüler werden würde.

Tsongkhapa wurde im Jahre 1357 in Tsongkha (tib. Tsong-kha), in Amdo, als vierter von sechs Söhnen geboren. Am Tag nach seiner Geburt sandte Chöje Döndrub-Rinchen seinen Hauptschüler zu Tsongkhapas Eltern, um ihnen Geschenke, eine Statue und einen Brief zu bringen. Am Ort, an dem seine Nabelschnur zu Boden fiel, wuchs ein Sandelholzbaum. Auf jedem Blatt befand sich ein natürlich entstandenes Bild des Buddha Sinhanada (tib. Sangs-rgyas Seng-ge sgra), weshalb der Ort Kumbum (tib. sKu-‘bum) genannt wurde, was “hunderttausend Körperbilder” bedeutet. Später wurde an diesem Ort das Kumbum genannte Gelug-Kloster gebaut.

[Siehe: Eine Kurze Geschichte des Klosters Kumbum.]

Tsongkhapa war kein gewöhnliches Kind. Er benahm sich nie schlecht sondern unternahm instinktiv die Handlungen, die für Bodhisattvas charakteristisch sind; er war äußerst intelligent und wollte immer alles lernen. Im Alter von drei Jahren nahm er vom Vierten Karmapa Rolpay-Dorje (tib. Kar-ma-pa Rol-pa’i rdo-rje) (1340-1383) die Laiengelübde an. Bald darauf lud sein Vater den Lama Chöje Döndrub-Rinchen in ihr Haus ein. Der Lama bot sich an, sich um die Erziehung des Kindes zu kümmern und der Vater stimmte freudig zu. Der Junge blieb zuhause und studierte mit Chöje Döndrub-Rinchen bis er sieben Jahre alt war. Er konnte instinktiv lesen, d.h. ohne irgendwelche Anweisungen oder Erklärungen zu erhalten, allein dadurch, dass er den Lama lesen sah.

Während dieser Zeit verlieh Chöje Döndrub-Rinchen dem Jungen folgende Ermächtigungen: Fünf-Gottheiten-Chakrasamvara (tib. Dril-bu lha-lnga), Hevajra, Yamantaka und Vajrapani. Als er das Alter von sieben erreichte, hatte er bereits ihre kompletten Rituale auswendig gelernt, das Chakrasamvara-Retreat abgeschlossen und führte bereits die Selbstinitiation durch. Ferner hatte er schon eine Vision des Vajrapanis gehabt. Er träumte oft von Atisha (tib. Jo-bo rJe dPal-ldan A-ti-sha) (982-1054), was ein Zeichen dafür war, dass er künftig in Tibet Missverständnisse des Dharmas korrigieren und seine Reinheit wiederherstellen würde, indem er die Sutra und Tantra kombinieren würde, wie es Atisha getan hatte.

Im Alter von sieben Jahren erhielt Tsongkhapa die Novizengelübde und den Ordinationsnamen Lozang-Dragpa von Chöje Döndrub-Rinchen. Mit diesem Lama studierte er weiter in Amdo bis er sechzehn wurde. Dann ging er nach Ü-Tsang (tib. dBus-gtsang, Zentraltibet) um seine Studien fortzuführen. Er kehrte nie in seine Heimat zurück. Chöje Döndrub-Rinchen blieb in Amdo, wo er südlich von Kumbum das Jakyung Monastery (tib. Bya-khyung dGon-pa) gründete.

Frühe Studien in Zentraltibet

In Zentraltibet studierte Tsongkhapa zuerst in einem Kloster der Drigung Kagyü Tradition, wo er die Drigung-Mahamudra Tradition erlernte, die Tradition des ‚Besitzens von fünf’ (tib. phyag-chen lnga-ldan) genannt wird sowie Medizin und weitere Einzelheiten über Bodhicitta lernte. Mit siebzehn war er bereits ein talentierter Arzt. Dann studierte er das "Filigranschmuck der Verwirklichungen" (tib. mNgon-rtogs-rgyan, Skt. Abhisamayalamkara), die anderen Texte von Maitreya und Prajnaparamita (tib. phar-phyin, weitreichendes unterscheidendes Gewahrsein) in mehreren Klöstern der Nyingma, Kagyü, Kadam und Sakya-Traditionen, wobei er die Texte in wenigen Tagen auswendig lernte. Mit neunzehn wurde er bereits als großer Gelehrter anerkannt.

Er bereiste weiter die berühmtesten Klöster der verschiedenen Traditionen des tibetischen Buddhismus wobei er die fünf wichtigsten Themen der Geshe-Ausbildung und die indischen Lehrsysteme studierte, indem er über sie debattierte und sich Prüfungsdebatten unterzog. Er erhielt den Lamrim (tib. lam-rim, gestuften Pfad des Sutra) der Kadam-Tradition und zahllose tantrische Ermächtigungen und Lehren, einschließlich der Sakya-Tradition des Lamdre (tib. lam-‘bras, die Pfade und das Ergebnis), die Drigung Kagyü-Tradition der “Sechs Lehren des Naropa” (tib. Na-ro’i chos-drug, sechs Yogas von Naropa) und das Kalachakra. Er studierte Dichtkunst, Astrologie und das Erbauen von Mandalas. Während all seiner Studien brauchte er eine Erklärung nur einmal zu hören, um sie perfekt zu verstehen und im Gedächtnis zu behalten   genau wie es bei Seiner Heiligkeit dem XIV. Dalai Lama war.

Tsongkhapa lebte immer starke Entsagung. Er lebte äußerst bescheiden und bewahrte seine Gelübde rein. Er erreichte leicht Shamatha (tib. zhi-gnas, stiller und zur Ruhe gekommener Zustand des Geistes) und Vipashyana (tib. lhag-mthong, Geisteszustand von außergewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit), gab sich aber nie zufrieden mit dem von ihm Gelernten oder mit dem von ihm erreichten Stand der Verwirklichung. Er reiste weiter und erbat wieder und wieder Belehrungen, sogar von Texten, die er bereits studiert hatte. Er debattierte und legte Prüfungen bei den meisten studierten Meistern seiner Zeit ab. Einer seiner Hauptlehrer war Rendawa (tib. Red-mda’-ba gZhon-nu blo-gros) (1349-1412), ein Sakya-Meister. Tsongkhapa schrieb ihm zu Ehren die Migtsema-Lobpreisung (tib. dMigs-brtse-ma) , doch sein Meister widmete es seinerseits dem Tsongkhapa. Später wurde das Migtesma zu dem Vers, der beim Tsongkhapa-Guru-Yoga von rezitiert wird.

[Siehe: "Hunderte von Gottheiten des Tushita-Himmels” (tib. Ganden Lhagyama).]

Frühe Lehren und Schriften

Tsongkhapa fing in seinen 20er Jahren selbst an zu Lehren. Seinen ersten Unterricht hielt er über Abhidharma (tib. mdzod, “Besondere Themen des Wissens”). Alle waren von seiner Belesenheit erstaunt. Er begann auch zu schreiben und weitere Retreats zu machen. Bald hatte er zahlreiche eigene Schüler. Obwohl Tsongkhapa einigen Berichten zufolge die vollen Mönchsgelübde mit 21 Jahren annahm, ist es ungewiss, in welchem Jahr dies tatsächlich stattfand. Es war wahrscheinlich in seinen späten 20ern.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt studierte und analysierte er sowohl den gesamten "Kangyur" (tib. bKa’-‘gyur, Kanjur) als auch den gesamten Tengyur (tib. bsTan-‘gyur, Tanjur) – die Übersetzungen der direkten Lehren Buddhas sowie ihrer indischen Kommentare. Danach schrieb er im Alter von 32 Jahren den Text “Ein goldener Rosenkranz ausgezeichneter Erklärungen” (tib. Legs-bshad gser-phreng), ein Kommentar zum Text "Filigranschmuck der Verwirklichungen" und damit ein Kommentar zum Prajnaparamita. Er fasste alle einundzwanzig indischen Kommentare zusammen und diskutierte sie. Alles, was er schrieb, wurde durch Zitate aus der ganzen Spannweite der indischen und tibetischen buddhistischen Literatur belegt, wobei Tsongkhapa sogar verschiedene Übersetzungen verglich und kritisch revidierte. Anders als frühere Gelehrte scheute er nicht, die schwierigsten und unklarsten Textstellen irgendeines Textes zu erklären.

Gewöhnlich konnte Tsongkhapa täglich siebzehn tibetische Doppelseiten a neun Zeilen auf jeder Seite auswendig lernen. Eines Tages veranstalteten einige Gelehrte einen Wettbewerb in Auswendiglernen um zu sehen, wer am meisten Seiten behalten konnte in der Zeitspanne, die die Sonne nach ihrem Aufgehen brauchte, um die Höhe des Banners auf dem Klosterdach zu erreichen. Tsongkhapa gewann indem er vier Seiten auswendig lernte, die er flüssig und fehlerfrei rezitieren konnte. Der Nächstbeste brachte nur zweieinhalb Seiten zustande – und das auch stotternd.

Tsongkhapa begann bald, tantrische Ermächtigungen und Belehrungen zu geben, insbesondere die nachfolgende Erlaubnis (tib. rjes-snang, jenang) der Sarasvati (tib. dByangs-can-ma) zum Entwickeln der Weisheit. Er vertiefte auch seine Tantra-Studien besonders, was das Kalachakra anging.

Ein großer Lama war berühmt dafür, elf Texte gleichzeitig zu lehren. Ein Schüler bat Tsongkhapa, es diesem Lehrer gleichzutun. Doch Tsongkhapa lehrte stattdessen gleichzeitig siebzehn der wichtigen Sutra-Texte, alle aus dem Gedächtnis. Er begann, all diese Texte am selben Tag zu lehren, widmete jedem von ihnen eine tägliche Sitzung und beendete sie alle am selben Tag, drei Monate später. Während des Unterrichtes wies er alle falschen Interpretationen jedes Textes zurück und führte seine eigene Sicht ein. Auch während der Belehrung führte er jeden Tag die Selbst-Initiation (tib. bdag-‘jug) des Yamantakas und all seine anderen tantrischen Praktiken durch.

Wenn wir sein nur 62-jähriges Leben betrachten und bedenken, wie viel er studierte und praktizierte (inklusive dem Erstellen von Tsatsa-Tonfiguren), wie viel er schrieb, lehrte und wie viele Retreats er machte, scheint es unmöglich, dass irgendjemand auch nur eines dieser Dinge in bloß einer Lebensspanne vollbringen konnte.

Intensives Studium und Praxis des Tantras

Bald darauf ging Tsongkhapa in sein erstes größeres tantrische Retreat. Er übte Chakrasamvara entsprechend der Kagyü-Linie. Während des Retreats meditierte er intensiv über die sechs Lehren des Naropa und die sechs Lehren der Niguma (tib. Ni-gu’i chos-drug, sechs Yogas der Niguma). Er erlangte große Verwirklichung.

Danach entschied sich Tsongkhapa mit 34 alle vier Tantraklassen intensiv zu studieren und zu praktizieren. Wie er später schreiben sollte, kann man die Tiefe des Anuttarayoga Tantra nicht verstehen, solange man die drei niedrigeren Tantras nicht zutiefst praktiziert und verstanden hat. Deshalb unternahm er erneut lange Reisen, um zahlreiche Ermächtigungen und Belehrungen über die drei niedrigeren Tantraklassen zu erhalten. Er studierte außerdem weiter die fünfteilige Vollendungsstufe (tib. rdzogs-rim) des Guhyasamaja und des Kalachakra.

Studium und Retreats zum Erlangen einer nichtkonzeptuellen Wahrnehmung von Leerheit

Tsongkhapa studierte außerdem die Praxis des Manjushri-Dharmachakra (tib. ‘Jam-dbyangs chos-kyi ‘khor-lo) und Madhyamaka bei Lama Umapa (tib. Bla-ma dbu-ma-pa dPa’-bo rdo-rje) von der Karma-Kagyü-Schule. Dieser große Meister hatte Madhyamaka in der Sakyatradition studiert und hatte seit seiner Kindheit jeden Tag Visionen von Manjushri, der ihm jeden Tag einen Vers lehrte. Er und Tsongkhapa belehrten sich gegenseitig. Lama Umapa stützte sich auf Tsongkhapas Urteil, um sich zu bestätigen, dass die Lehren, die er in seinen Visionen Manjushris erhielt, korrekt waren. Das ist sehr wichtig, da Visionen von Dämonen beeinflusst werden können.

Tsongkhapa machte gemeinsam mit Lama Umapa ein ausgedehntes Retreat über Manjushri. Seitdem erhielt auch Tsongkhapa direkte Anleitungen von Manjushri in reinen Visionen und erhielt so auf all seine Fragen Antworten von Manjushri. Vorher hatte er Manjushri seine Fragen über Lama Umapa stellen müssen.

Während des Retreats empfand Tsongkhapa, dass er immer noch kein korrektes Verständnis des Madhyamaka und des Guhyasamaja hatte. Manjushri riet ihm, ein sehr langes Retreat zu machen: dann würde er die Notizen verstehen, die er von den Anleitungen Manjushris gemacht hatte. Daher ging Tsongkhapa mit acht engen Schülern in ein vierjähriges Retreat in Olka Chölung (tib. ‘Ol-kha chos-lung), nachdem er noch eine kurze Zeit gelehrt hatte. Sie machten 35 mal 100.000 Niederwerfungen   je eine Serie für jeden der 35 Buddhas des Eingestehens   und 18 mal 100.000 Mandala-Opfer mit zahlreichen Yamantaka Selbst-Initiationen und Studien des "Avatamsaka Sutra" (tib. mDo phal-cher) über die Handlungen der Bodhisattvas. Danach hatten sie eine Vision von Maitreyas.

Nach dem Retreat restaurierten Tsongkhapa und seine Schüler eine große Maitreya-Statue in Lhasa – dies war die erste seiner vier großen Taten. Dann gingen sie für fünf weitere Monate ins Retreat. Danach lud der Nyingma-Lama Lhodrag Namka-gyeltsen (tib. Lho-brag Nam-mkha’ rgyal-mtshan), der ständig Visionen des Vajrapanis hatte, Tsongkhapa ein, und auch sie belehrten sich gegenseitig. Er übertrug Tsongkhapa den Lamrim der Kadampas und die mündlichen Linien der Richtlinien.

Tsongkhapa wollte nach Indien gehen, um mehr zu studieren, doch Vajrapani riet ihm, in Tibet zu bleiben, da er hier größeren Nutzen bringen würde. So blieb er. Er fasste den Entschluss, später “Eine große Darstellung der geordneten Stufen des Pfades” (tib. Lam-rim chen-mo) über den Sutra-Stufenpfad und dann ”Eine Große Darstellung der geordneten Stufen des Tantrapfades” (tib. sNgags-rim chen-mo) über die Stadien der Praxis der vier Tantraklassen zu schreiben.

Tsongkhapa unternahm dann ein intensives Retreat über die Vollendungsstufe des Kalachakra und danach ein einjähriges Retreat über Madhyamaka. Obwohl Tsongkhapa von seinem Lehrer schon viel über Madhyamaka und Leerheit gelernt hatte, war er mit dem Grad der Erklärung nie zufriedengewesen. Bevor er in diese einjährige Retreat eintrat, riet ihm Manjushri, sich auf den Madhyamaka-Kommentar von Buddhapalita (tib. Sangs-rgyas bskyangs) zu stützen. Tsongkhapa tat dies und konnte dadurch während des Retreats die vollständige nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit verwirklichen.

Aufgrund seiner Verwirklichung revidierte Tsongkhapa vollständig das Verständnis der Prasangika-Madhyamaka-Lehren über Leerheit und verwandte Themen, die die Lehrer und gelehrten Meister seiner Zeit vertreten hatten. In dieser Hinsicht war er ein radikaler Reformer, der den Mut hatte, über die verbreiteten Ansichten hinauszugehen, wenn er sie inadäquat fand.

[Siehe: Besondere Merkmale der Gelug-Tradition.]

Bei seinen Reformen stützte sich Tsongkhapa strikt auf Logik und schriftliche Belege. Die Tatsache, dass er seine eigene Sicht als das tiefste Verständnis der großen indischen Texte aufstellte, war kein Bruch der engen Bindung und der Beziehung, die er zu seinen Lehrern hatte. Wenn wir unsere spirituellen Lehrer als Buddhas ansehen, bedeutet dies nicht, dass wir in unseren Verwirklichungen nicht weiter gehen können als sie. Tsenzhab Serkong Rinpoche II erklärte dies anhand des folgenden Beispiel.

Um einen Kuchen zu backen, müssen wir zahlreiche Zutaten mischen – Mehl, Butter, Milch, Eier und so weiter. Unsere Lehrer zeigen uns, wie wir einen Kuchen machen können und backen auch ein paar für uns. Diese sind köstlich und wir genießen sie sehr. Dank der Güte unserer Lehrer wissen wir nun, wie man Kuchen backt. Dies bedeutet nicht, dass wir nicht Variationen einführen könnten, wie irgendwelche anderen Zutaten zu benutzen und dass wir nicht eines Tages noch köstlichere Kuchen backen könnten, als unsere Lehrer dies getan haben. Wenn wir so handeln sind wir nicht respektlos gegenüber unseren Lehrern. Wenn diese wirklich qualifiziert sind, dann werden sie sich über unsere Verbesserung ihres Rezeptes freuen und die neuen Kuchen zusammen mit uns genießen.

Weitere große Taten

Nachdem er weiter gelehrt hatte, ging Tsongkhapa wieder ins Retreat, wobei ihn diesmal sein Lehrer Rendawa begleitete. Hierbei schrieb er den größten Teil des “ Lam-rim chen-mo”. Während des Retreats hatte er eine Vision des Atishas und der Linienmeister des Lamrims. Diese Vision hielt einen Monat an und klärte zahlreiche Fragen. Als nächstes studierte er in der Drigung-Kagyü-Tradition weiter seine Kenntnisse der Sechs Praktiken des Naropa und des Mahamudra. Während der hierauf folgenden Regenzeit lehrte er den Vinaya (tib. ‘dul-ba, monastische Regeln der Disziplin) in einer derart klaren Weise, dass dies als seine zweite große Tat angesehen wird.

Nachdem er den "Lam-rim chen-mo" abgeschlossen hatte, entschloss sich Tsongkhapa, in einer umfassenderen Weise über Tantra zu lehren. Als erstes schrieb er jedoch ausführliche Kommentare über die Bodhisattva-Gelübde und über das Werk “Fünfzig Verse über den Guru” (tib. Bla-ma lnga-bcu-pa, Skt. Gurupanchashika) um ihre Rolle als Fundamente für die Tantrapraxis zu betonen. Dann begann er neben seiner anhaltenden Lehrtätigkeit mit dem Verfassen des “ Ngag-rim chen-mo” und zahlreicher Kommentare über Guhyasamaja. Er schrieb auch über Yamantaka und über die Madhaymaka-Texte des Nagarjuna.

Der chinesische Kaiser lud ihn ein, sein kaiserlicher Lehrer zu werden, doch Tsongkhapa entschuldigte sich mit seinem Alter und seinem Wunsch, in Retreat zu bleiben.

Im Laufe der nächsten beiden Jahre lehrte Tsongkhapa ausgiebig Lamrim und Tantra und schrieb den Text “Die Essenz der vorzüglichen Erklärung über die interpretierbaren und die letztendlichen Bedeutungen” (tib. Drang-nges legs-bshad snying-po) über die letztendlichen und interpretierbaren Bedeutungen der Mahayana-Lehren. Dann begründete er 1409 im Alter von 52 das “Große Mönlam Gebetsfestival” (tib. sMon-lam chen-mo) am Jokang von Lhasa (tib. Jo-khang). Er schenkte der dortigen Shakyamuni-Statue eine Goldkrone, was bedeutete, dass sie nun nicht nur eine Nirmanakaya-Statue, sondern eine Sambhogakaya-Statue war. Sambhogakaya-Formen von Buddhas leben bis alle Wesen aus dem Samsara befreit sind, während Nirmanakaya-Formen nur eine kurze Zeitspanne leben. Dies wird als seine dritte große Tat angesehen. Danach ersuchten ihn seine Schüler, nicht mehr so viel zu Reisen. Sie gründeten das Kloster Ganden (tib. dGa’-ldan dGon-pa) für ihn.

[Siehe: Eine kurze Geschichte des Klosters Ganden.]

In Ganden fuhr Tsongkhapa damit fort, zu lehren, zu schreiben (besonders über Chakrasamvara) und Retreats abzuhalten. Er gab den Bau der großen Versammlungshalle von Ganden in Auftrag, mit einer riesigen Buddhastatue und dreidimensionalen Kupfer-Mandalas von Guhyasamaja, Chakrasamvara und Yamantaka. Dies wird als seine vierte große Tat angesehen. Er setzte auch seine Schreibtätigkeit fort und letztendlich sollten seine gesammelten Schriften achtzehn Bände umfassen, von denen der größte Anteil um Guhyasamaja kreist.

Sein Tod

Tsongkhapa starb 1419 in Ganden, im Alter von 62 Jahren. Er erreichte die Erleuchtung nach seinem Tod, indem er, statt ins Bardo einzutreten, einen Illusionskörper (tib. sgyu-lus) verwirklichte. Er tat dies, um zu betonen, wie notwendig ein strenges Zölibat für die Mönche war, denn um die Erleuchtung innerhalb eines Lebens zu erreichen, hätte er mindestens einmal mit einer Partnerin üben müssen.

Vor seinem Tod gab Tsongkhapa seinen Hut und seine Robe dem Gyeltsabje (tib. rGyal-tshab rJe Dar-ma rin-chen) (1364-1432), der darauf zwölf Jahre lang Thronhalter von Ganden war. Dies begründete die Tradition, der zufolge der Thronhalter von Ganden (tib. dGa’-ldan khri-pa, Ganden Tripa) das Oberhaupt des Gelug-Ordens ist. Der nächste Thronhalter war Kedrubje (tib. mKhas-grub rJe dGe-legs dpal-bzang) (1385-1438), der später fünf Visionen des Tsongkhapas hatte, die seine Zweifel klärten und seine Fragen beantworteten. Seitdem blühte die Gelug-Linie.

Schüler

Mehrere von Tsongkhapas engen Schülern gründeten Klöster, um seine Linien fortzuführen und seine Lehren zu verbreiten. Noch zu Lebzeiten Tsongkhapas begründeten Jamyang Chöje (tib. ‘Jam-dbyangs Chos-rje bKra-shis dpal-ldan) (1379-1449) im Jahre 1416 das Kloster Drepung (tib. ‘Bras-spungs dGon-pa) und Jamchen Chöje (tib. Byams-chen Chos-rje Shakya ye-shes) (1354-1435) im Jahr 1419 das Kloster Sera (tib. Se-ra dGon-pa). Nach Tsongkhapas Tod gründete Gyü Sherab-Sengge (tib. rGyud Shes-rab seng-ge) (1383-1445) im Jahre 1433 das Niedrigere Tantrische Kollege von Gyüme (tib. rGyud-smad Grva-tshang) während Gyalwa Gendün-Drub (tib. rGyal-ba Ge-’dun grub) (1391-1474), der nach seinem Tod zum ersten Dalai Lama erklärt wurde, im Jahre 1447 das Kloster Tashilhunpo (tib. bKra-shis lhun-po) gründete.