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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Das Leben von Buddha Shakyamuni

Alexander Berzin
Februar 2005, überarbeitet im April 2007
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Einführung

Buddha Shakyamuni (tib. Shakya thub-pa), der auch als Buddha Gautama (tib. Gau-ta-ma) bekannt ist, lebt traditioneller Datierung zufolge von 566 bis 485 v.d.Z. im mittleren Nordindien. Buddhistische Quellen beinhalten zahlreiche, voneinander abweichende Darstellungen seines Lebens, wobei weitere Details lediglich nach und nach im Laufe der Zeit ans Tageslicht gekommen sind. Da die erste buddhistische Literatur erst drei Jahrhunderte nach dem Verscheiden des Buddha verfasst wurde, ist es schwierig, sich von der Richtigkeit irgendeines der Details zu vergewissern, die man in diesen Darstellungen finden kann. Es gibt ferner keinen Grund, die Gültigkeit der verschiedenen Darstellungen im Wert herabzusetzen, bloß weil gewisse Details in schriftlicher Form erst später auftauchen als andere. Viele Einzelheiten könnten weiterhin in mündlicher Form überliefert worden sein, nachdem andere Einzelheiten bereits niedergeschrieben worden waren.

Außerdem wurden traditionelle Biographien der großen buddhistischen Meister, einschließlich der des Buddha, im Allgemeinen aus didaktischen Gründen zusammengestellt und nicht um historische Aufzeichnungen zu führen. Genauer gesagt wurden Biographien der großen Meister so gestaltet, dass sie die buddhistischen Anhänger unterweisen und inspirieren, damit sie dem spirituellen Pfad zur Befreiung und zur Erleuchtung folgen können. Um aus der Lebensgeschichte des Buddha Nutzen ziehen zu können, müssen wir sie daher im Rahmen dieses Kontextes betrachten und die Lehren untersuchen, die wir von ihnen lernen können.

Quellen

Zu den frühsten Quellen über das Leben des Buddha gehören innerhalb der Schriften der Theravada-Tradition mehrere Pali-Sutras aus dem Werk „Die Lehrreden des Buddha aus der mittleren Sammlung“ (Pali: Majjhima Nikaya), und einige Vinaya-Texte verschiedener Hinayana-Schulen, welche die klösterlichen Regeln der Disziplin betreffen. In jedem dieser Texte finden sich jedoch lediglich kleine Bruchstücke aus der Lebensgeschichte des Buddha.

Die erste längere Erzählung der Lebensgeschichte des Buddha findet sich in poetischen Werken des Buddhismus aus dem späten zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, wie beispielsweise in dem Werk „Das Buch der großen Begebenheiten“ (Skt. Mahavastu; engl. Great Matters) der Mahasanghika-Schule des Hinayana-Buddhismus. In diesem Text, der sich außerhalb des Kanons „Die drei korbgleichen Sammlungen“ (tib. sDe-snod gsum, Skt. Tripitaka, „ Drei Körbe“) befindet, wird beispielsweise das Detail hinzugefügt, dass der Buddha als ein Prinz in eine königliche Familie hineingeboren wurde. Ein weiteres poetisches Werk, „Das Sutra vom ausgedehnten Spiel“ (Skt. Lalitavistara Sutra), erschien in der Literatur der Sarvastivada-Schule das Hinayana-Buddhismus. Spätere Mahayana-Versionen dieses Textes (tib. rGya-cher rol-pa’i mdo) machten bei der frühen Version Anleihen und erweiterten diese, indem sie zum Beispiel erklärten, dass der Buddha bereits vor vielen Zeitaltern die Erleuchtung erlangt hatte, und sein Erscheinen als Prinz Siddhartha sollte lediglich den Weg zum Erlangen der Erleuchtung veranschaulichen, um andere Wesen zu unterweisen.

Einige dieser Biografien wurden schließlich in „Die drei korbgleichen Sammlungen“ aufgenommen. Die berühmteste davon ist der Text „Die Taten des Buddha“ (tib. Sangs-rgyas-kyi spyod-pa zhes-bya-ba’i snyan-ngag chen-po, Skt. Buddhacarita) des Dichters Ashvaghosha (tib. rTa-dbyangs), der im erstem Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfasst worden ist. Andere Versionen erscheinen sogar noch später in den Tantras, wie beispielsweise in der Chakrasamvara-Literatur (tib. ‘ Khor-lo bde-mchog). Dort wird berichtet, dass der Buddha, während er als Buddha Shakyamuni „Die Sutras des weiterreichenden unterscheiden Gewahrseins“ (tib. Sher-phyin mdo, Skt. Prajnaparamita Sutras, engl. Perfection of Wisdom Sutras, Sutras von der Vollkommenheit der Weisheit) lehrt, gleichzeitig als Vajradhara emaniert und die Tantras lehrt.

Wir können von jeder Begebenheit etwas lernen und aus jeder Begebenheit Inspiration schöpfen. Lassen Sie uns hier jedoch hauptsächlich Versionen betrachten, die den historischen Buddha darstellen.

Geburt, früher Jahre und Entsagung

Den frühsten Berichten zufolge wurde Shakyamuni (tib. Shakya thub-pa) in eine reiche, aristokratische Kriegerfamilie geboren, und zwar im dem Staat Shakya, dessen Hauptstadt bei Kapilavastu (tib. Ser-skya’i gnas) lag, was sich an der heutigen Grenze zwischen Indien und Nepal befindet. Es gibt keine Erwähnung, dass er als Prinz in eine königliche Familie hineingeboren worden sei. Erst in späteren Darstellungen finden wir seine Geburt als Prinz und seinen Namen Siddhartha (tib. Don-grub). Sein Vater war Shuddhodana (tib. Zas gtsang-ma). In späteren Versionen findet sich auch der Name seiner Mutter, Mayadevi (tib. Lha-mo sGyu-‘ phrul-ma), wie auch der Bericht, wie sie auf wundersame Weise den Buddha in ihrem Traum von einem Elefanten mit sechs Stoßzähnen empfangen hat, der an ihre Seite eintritt. Ferner findet sich die Vorhersage des Weisen Asita, dass dieses Kind entweder ein großer König werden würde, oder aber ein großer Weiser. Ebenfalls später erscheint die Beschreibung der reinen Geburt des Buddha in der Nähe von Kapilavastu im Hain von Lumbini (tib. Lumbi-na’i tshal), wo er aus der Seite seiner Mutter geboren wurde, und auch die Beschreibung, dass er an nach seiner Geburt sieben Schritte gemacht hat und sagte: „Ich bin angekommen“, wie auch der Tod der Mutter bei der Geburt des Kindes.

Der Buddha führte als Jugendlicher ein Leben der Vergnügungen. Er heiratete und hatte einen Sohn namens Rahula (tib. sGra-gcan ‘dzin). In späteren Versionen findet sich der Name seiner Frau Yashodhara (tib. Grags ‘dzin-ma). Im Alter von 29 Jahren entsagte der Buddha jedoch dem Familienleben und dem Erbe als Prinz und wurde zu einem umherziehenden spirituellen Suchenden (tib. dge-sbyong, Skt. shramana)., der das Leben eines Bettelmönchs führte.

Es ist wichtig, dass man die Entsagung des Buddha im Kontext der damaligen Gesellschaft und Zeit betrachtet. Als er Bettelmönchs wurde,  hat er seine Frau und sein Kind nicht alleine und in Armut lebend zurückgelassen. Sie waren mit Sicherheit durch seine wohlhabende, weit verzweigte Familie versorgt. Zudem bestand kein Zweifel daran, dass der Buddha als Mitglied der Kriegerkaste eines Tages sein Zuhause verlassen würde, um in die Schlacht zu ziehen. Eine Kriegerfamilie würde das als die Pflicht des Mannes akzeptieren. Die Krieger im alten Indien brachten ihre Familien nicht mit ins Heereslager.

Obwohl Schlachten gegen äußere Feinde geführt werden können, findet doch die wirkliche Schlacht gegen unsere inneren Feinde statt, und das ist die Schlacht, in die der Buddha zog, um sie auszutragen. Dass der Buddha seine Familie mit dieser Absicht verlassen hat, deutet darauf hin, dass es die Pflicht eines spirituellen Suchenden ist, seinen ganzes Leben derselben Art von Streben zu widmen. Wenn wir jedoch in unserer heutigen Zeit unsere Familie verlassen, um Mönch oder Nonne zu werden, und dann diese innere Schlacht zu führen, müssen wir sicherstellen, dass unsere Familie gut versorgt ist. Das bedeutet, dass wir uns nicht nur den Bedürfnissen unseres Ehepartners und unsere Kinder widmen, sondern, dass wir uns auch um die Bedürfnisse unser bejahrten Eltern kümmern. Aber egal ob wir unsere Familien verlassen oder nicht, ist es unsere Pflicht als ein buddhistischer spiritueller Suchender, Leiden zu lindern, indem wir die Abhängigkeit von Vergnügungen überwinden, so wie es der Buddha getan hat.

Um das Leiden zu überwinden, wollte der Buddha die Natur von Geburt, Altern, Krankheit, Tod, Wiedergeburt, Traurigkeit und Verwirrung verstehen. Eine ausführliche Version hiervon erscheint später in Form der Geschichte von Channa, dem Wagenlenker, der den Buddha zu einer Fahrt durch die Stadt mitnimmt. Als der Buddha kranke, alte, tote und asketisch lebende Menschen sah, erklärte Channa ihm, was es mit diesen Menschen auf sich hatte. Auf diese Weise konnte der Buddha deutlich das wahre Leiden erkennen, das jedes Wesen erlebt und einen Weg, der aus diesem Leiden herausführt.

Die Geschichte, in der der Buddha von dem Wagenlenker Hilfe auf dem spirituellen Pfad erfährt, ähnelt dem Bericht über Arjuna (tib. Srid-sgrub) in der Bhagavad Gita, der von seinem Wagenlenker Krishna (tib. ‘ Dom-pa nag-po) über die Notwendigkeit aufgeklärt wird, seiner Pflicht als Krieger nachzukommen und in die Schlacht gegen seine Verwandten zu ziehen. In beiden Geschichten, sowohl in der buddhistischen, als auch in der hinduistischen, können wir die tiefere Bedeutung erkennen, über die Mauern unseres bequemen Lebens hinauszugehen, an das wir uns gewöhnt haben, und niemals unsere Pflicht aufzugeben, die Wahrheit zu herauszufinden. In beiden Fällen symbolisiert der Streitwagen möglicherweise ein Fahrzeug des Geistes, das uns zur Befreiung führt, und die Worte des Wagenlenkers würden dann die treibende Kraft symbolisieren, die dieses Fahrzeug vorantreibt, nämlich die Wahrheit über die Wirklichkeit.

Studium und Erleuchtung

Als ein zölibatär lebender, umherwandernder spiritueller Suchender erlernte der Buddha bei zwei Lehrern Methoden um verschiedene Ebenen der geistiger Stabilität (tib. bsam-gtan, Skt. dhyana) und der formlosen Vertiefung zu erlangen. Obwohl er in der Lage war, diese tiefen Zustände vollkommener Konzentrationen zu erlangen, in denen er kein grobes Leiden mehr erlebte und sogar auch kein gewöhnliches weltliches Glück mehr, war er doch nicht befriedigt. Diese höheren Zustände verschafften ihm nur eine zeitweilige aber keiner dauerhafter Erleichterung von den befleckten Empfindungen und sie beseitigten natürlich nicht die  tieferen, universalen Leiden, die er zu überwinden suchte. Daraufhin übte er mit fünf Gefährten extreme asketische Praktiken, die aber gleichfalls nicht die tieferen Probleme , die mit den sich unkontrollierbar wiederholenden Wiedergeburten (tib. ‘ khor-ba, Skt. samsara) verbunden sind, beseitigten. Die Begebenheit, in der der Buddha seine sich über sechs Jahre erstrecken Fastenzeit an den Ufern des Flusses Nairanjana (tib. Chu-bo Nai-ranyja-na) bricht, als das Mädchen Sujata (tib. Legs-par skyes-ma) ihm eine Schale mit Milchreis anbietet, findet sich nur in späteren Darstellungen.

Das Vorbild des Buddha kann uns hier den Hinweis geben, uns nicht damit zufrieden zu geben, lediglich vollkommen ruhig oder durch Meditation „high“ zu werden, schon gar nicht durch künstliche Hilfsmitteln wie beispielsweise Drogen. Sich in eine tiefe Trance zurückzuziehen oder sich selbst zu quälen oder zu bestrafen ist keine Lösung. Wir müssen den ganzen Weg zur Befreiung und zur Erleuchtung gehen und uns nicht mit spirituellen Methoden zufrieden geben, die uns nicht zu diesen Zielen bringen können.

Nachdem der Buddha die Askese verworfen hatte, meditiert der er alleine im Dschungel, um seine Ängste zu überwinden. Der Angst liegt eine selbstbezogene Geisteshaltung und das Greifen nach einem unmöglich existierenden „Ich“ zu Grunde, die sogar noch stärker ist als jene, welche der krankhaften Suche nach Vergnügungen und Unterhaltung zu Grunde liegt. In seinem Werk „Das Rad der scharfen Waffen“ (tib. Blo-sbyong mtshon-cha’i ‘khor-lo), benutzt der im zehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebende indische Meister Dharmarakshita das Bild eines Pfaus, der durch Dschungel giftiger Pflanzen streift, als Symbol für die Bodhisattvas, die die giftigen Emotion von Begierde, Hass und Naivität nutzen und verwandeln, um den Wesen so dabei zu helfen, ihre selbstbezogenen Geisteshaltungen und ihr Greifen nach einem unmöglichen „Ich“ zu überwinden.

[Siehe: Das Rad der scharfen Waffen, wörtliche Übersetzung von 2006.]

Nachdem der Buddha viel meditiert hatte, erlangte er im Alter von 35 Jahren die vollkommene Erleuchtung. Spätere Berichte enthalten Details darüber, wie er unter dem Bodhi-Baum (tib. byang-chub-kyi shing) im heutigen Bodhgaya (tib. rDo-rje gdan) die Erleuchtung erlangte, nachdem er Maras (tib. bDud) Angriffe erfolgreich abgewehrt hatte. Der eifersüchtige Gott Mara versuchte die Erleuchtung des Buddha zu verhindern, indem er weitere furchterregende und verführerische Erscheinungen erzeugte, um so den Buddha in seiner Meditation unter dem Bodhibaum zu stören.

[Siehe: Die vier Maras (die vier dämonischen Kräfte).]

In den frühsten Berichten dieses Ereignisses erreicht der Buddha dadurch die Erleuchtung, dass er die drei Arten von Wissen erlangt: Vollständiges Wissen über all seine vorherigen Leben, vollständiges Wissen über Karma und Wiedergeburten aller anderen Wesen, und vollständiges Wissen über die Vier Edlen Wahrheiten. Späteren Berichten zufolge erlangte er mit der Erleuchtung die Allwissenheit.

[Siehe: Die sechzehn Aspekte der Vier Edlen Wahrheiten und die sechzehn verdrehten Arten, die Vier Edlen Wahrheiten aufzufassen.]

Lehrtätigkeit und Gründen einer klösterlichen Gemeinschaft

Nachdem der Buddha Befreiung und Erleuchtung erlangt hatte, zögerte er, anderen den Weg zum Erreichen des gleichen Ziels zu zeigen. Er glaubte, dass niemand in der Lage sei zu verstehen. Aber die indischen Götter Brahma (tib. Tshang-pa) und Indra (tib. dBang-po) flehten ihn an zu lehren. Entsprechend der brahmanischen Lehren   aus denen sich später der Hinduismus entwickelte  ist Brahma der Schöpfer des Universums und Indra der König der Götter. Als Brahma seine Bitte hervorbrachte, sagte er zum Buddha, dass, wenn er nicht lehren würde, die Welt unendlich leiden würde und dass zumindest einige Menschen seine Worte verstehen würden.

Bei diesem Detail könnte es sich vielleicht um eine satirische Komponente handeln, die auf die Überlegenheit der Unterweisungen des Buddha hinweisen sollen, welche die Methoden übertreffen, die von den traditionellen, indischen spirituellen Traditionen der damaligen Zeit angeboten wurden. Wenn selbst die höchsten Götter zugeben, dass die Welt Buddhas Unterweisungen benötigt, weil sie selbst keine Methoden zur Verfügung haben, die das Leid aller Wesen dauerhaft beenden können, dann benötigen wir, als gewöhnliche Anhänger des Buddha, diese Unterweisungen umso mehr. Darüber hinaus symbolisiert Brahma in der buddhistischen Symbolsprache arroganten Stolz. Brahmas irrige Ansicht, dass er der allmächtige Schöpfer des Universums sei, ist der Inbegriff des Irrglaubens, das man selbst als ein unmögliches „Ich“ existieren würde – nämlich als ein „Ich“, das alles im Leben kontrollieren kann. Eine derart verwirrte Überzeugung bringt unausweichlich Frustration und Leiden hervor. Nur die Unterweisungen, die der Buddha zu dem Thema gegeben hat, wie jeder von uns existiert, zeigt uns einen Weg, wie wir die wahre Beendigung der wahren Leiden und seiner wahren Ursache hervorbringen können.

Nachdem der Buddha Brahmas und Indras Bitte akzeptiert hatte, ging er nach Sarnath und lehrte dort im Wildpark (tib. Ri-dags-kyi gnas, Skt. Mrgadava, engl. deer park) seinen fünf früheren Weggefährten die Vier Edlen Wahrheiten. In der buddhistischen Bildersprache repräsentiert der Hirsch (engl. deer) Sanftheit. Also lehrt der Buddha eine sanfte Methode, welche die Extreme zwischen Hedonismus und Askese vermeidet.

Schon bald schlossen sich dem Buddha einige jungen Männer aus der Nähe von Varanasi (tib. Va-ra-na-si) als umherwandernden Bettelmönche auf der spirituellen Suche an, und hielten ein striktes Zölibat ein. Ihre Eltern wurden Laienanhänger und begannen, die Gruppe durch Almosen zu unterstützen. Sobald irgendein Mitglied der Gruppe ausreichend geschult und qualifiziert war, schickte ihn der Buddha aus, um andere zu unterrichten. Auf diese Weise wuchs die Gruppe der Bettelmönchsanhänger schnell und bald ließen sie sich nieder und bildeten an verschiedenen Orten eigene „monastische“ Gemeinschaften.

Der Buddha gestaltete die klösterlichen Gemeinschaften nach praktischen Richtlinien. Mönche   wenn wir diesen Ausdruck zu dieser frühen Zeit gebrauchen dürfen   konnten Anwärter aufnehmen, die der Gemeinschaft beitreten wollten, aber sie mussten sich an bestimmte Beschränkungen halten, um Konflikte mit den weltlichen Machtinhabern zu vermeiden. Daher gestattete der Buddha es nicht, dass Kriminelle, Angestellte im Dienste des Königs, wie beispielsweise Armeeangehörige, Sklaven, die noch nicht aus der Sklaverei befreit worden waren, und Menschen, die mit ansteckenden Krankheiten, wie zum Beispiel Lepra, infiziert waren, der klösterlichen Gemeinschaft beitreten konnten. Außerdem konnte keiner in die Gemeinschaft aufgenommen werden, der weniger als zwanzig Jahre alt war. Der Buddha wollte jeglichen Ärger vermeiden und sicherstellen, dass die Gemeinschaften und die Dharma-Lehren von der Öffentlichkeit respektiert wurden. Das verdeutlicht uns, dass wir uns als Anhänger des Buddha respektvoll gegenüber ortsüblichen Gebräuchen verhalten und anständig handeln müssen, so dass die Menschen einen guten Eindruck vom Buddhismus bekommen und ihn deshalb respektieren werden.

Schon bald kehrte der Buddha nach Magadha (tib. Yul ma-ga-dha) zurück, dem Königreich, in dem Bodh Gaya liegt. Er wurde vom König Bimbisara (tib. gZugs-can snying-po), der sein Förderer und Schüler wurde, in die Hauptstadt Rajagrha (tib. rGyal-po’i khab) eingeladen – dem heutigen Rajgir. Dort traten die Freunde Shariputra (tib. Sha-ri’i bu) und Maudgalyayana (tib. Mo’u dgal-gyi bu) ebenfalls dem wachsendem Orden bei, und wurden seine engsten Schüler.

Ein Jahr nachdem der Buddha die Erleuchtung erlangt hatte, kehrte er in seiner Heimat, den Stadt-Staat Kapilavastu zurück, wo sein Sohn Rahula dem Orden beitrat. Der Halbbruder des Buddha, der gut aussehende Nanda (tib. dGa’-bo) hatte sein Zuhause bereits zuvor verlassen und war dem Orden schon beigetreten. Buddhas Vater, der König Suddhodana, war sehr traurig drüber, dass die Familienlinie durchtrennt worden war, und bat den Buddha daher darum, dass Söhne zukünftig das Einverständnis ihrer Eltern einholen müssten, um dem klösterlichen Orden beizutreten. Der Buddha stimmte dem vollkommen zu. Diese Begebenheit dient nicht dazu zu zeigen, wie grausam der Buddha gegenüber seinem eigenen Vater war. Vielmehr zeigt diese Begebenheit, wie wichtig es ist, kein böses Blut gegenüber dem Buddhismus zu erzeugen, insbesondere nicht innerhalb unserer eigenen Familie.

Eine Einzelheit in der Schilderung  der Begegnung Buddhas mit seiner Familie, erscheint historisch erst später: die Verwendung außerphysischer Kräfte, die der Buddha anwendet, um in den Himmel der 33 Götter oder entsprechend einiger auellen in den Tushita-Himmel (tib. dGa'-ldan), zu gelangen und dort seine Mutter zu unterrichten, die in diesem Himmel wieder geboren worden war. Diese Begebenheit gibt einen Hinweis darauf, wie wichtig es ist, die Güte der Mutter wertzuschätzen und zu erwidern.

Das Wachsen des klösterlichen Ordens

Die frühen Gemeinschaften der Mönche des Buddhas waren klein und bestanden aus nicht mehr als zwanzig Männern. Jede Gemeinschaft war autonom und folgte abgegrenzte Bezirken für die Almosengänge der Mönche. Die Handlungen und Entscheidungen jeder Gemeinschaften wurden durch Konsens entschieden, um Uneinigkeiten zu vermeiden. Keine einzige Person wurde dazu bestimmt, die alleinige Autorität inne zu haben. Der Buddha wies die Mönche stattdessen darin an, die Dharmalehren selbst als Autorität zu betrachten. Selbst die Regeln der klösterlichen Disziplin könnten, falls notwendig, verändert werden; doch alle Änderungen hätten nur auf Grundlage eines Konsenses der ganzen Gemeinschaft stattfinden können.

König Bimbisara schlug dem Buddha vor, den Brauch der viertel-monatlichen Versammlung (tib. gso-sbyong, Skt. uposhadha) anzunehmen , den andere spirituelle Gruppen, deren Mitglieder als Bettelmönche lebten, , wie beispielsweise die Dschaina (tib. gCer-bu-pa, Jaina), befolgten. Diesem Brauch zufolge würden sich die Mitglieder der spirituellen Gemeinschaft am Beginn jeder Viertel-Phase des Mondes versammeln, um die Lehren zu diskutieren. Der Buddha stimmte dem Vorschlag zu, was deutlich zeigt, dass er offen für Vorschläge war, sich an die Gebräuche seiner Zeit zu halten. Der Buddha formte sogar viele Aspekte seiner spirituellen Gemeinschaft und der Struktur seiner Unterweisungen nach dem Vorbild der Dschaina. Mahavira, der Gründer des Dschainismus, lebte etwa ein halbes Jahrhundert vor dem Buddha.

Shariputra bat den Buddha schon bald darum, Regeln für einen Kodex klösterlicher Disziplin zu formulieren. Der Buddha entschied sich jedoch dafür, zu warten, bis spezifische Probleme auftraten, und dann ein Gelübde einzuführen, um die Wiederholung eines ähnlichen Vorfalls zu verhindern. Der Buddha folgte seinem Grundsatz sowohl in Bezug auf die natürlicherweise destruktiven Handlungen, die schädlich für jeden sind, der sie ausführt, wie auch in Bezug auf die ethisch neutralen Handlungen, die bestimmten Menschen in bestimmten Situationen aus bestimmten Gründen untersagt wurden. Die Regeln der Disziplin (tib. ‘ dul-ba, Skt. vinaya) waren daher pragmatisch und aus dem Augenblick heraus formuliert, wobei der Buddha hauptsächlich im Sinn hatte, Probleme zu vermeiden und keinen Anstoß zu erregen.

Auf diesen Regeln der Disziplin basierend, führte der Buddha dann das Rezitieren der Gelübde bei den viertel-monatlichen Versammlungen ein. Hiermit verbunden war, dass die Mönche bei alle Übertretungen offen eingestanden. Bei den schwerwiegendsten Übertretungen kam es zum Ausschluss aus der Gemeinschaft; andere Übertretungen führten nur zur Blamage durch eine Bewährungszeit. Später wurden diese Treffen lediglich zweimal im Monat abgehalten.

Der nächste Brauch, den der Buddha einführte, war die dreimonatige Regenzeitklausur (tib. dbyar-gnas, Skt. varshaka), während derer die Mönche an einem Ort blieben und keine Reisen unternahmen. Dieser Brauch hatte das Ziel zu verhindern, dass die Mönche die Feldfrüchte schädigten, wenn sie, wegen der überfluteten Straßen über die Felder gehen mussten. Das Einhalten der Regenzeitklausur führte zur Gründung fester Klöster. Auch diese Entwicklung entstand wiederum daraus, dass man der Gemeinschaft der Laien keinen Schaden zufügen und ihren Respekt gewinnen wollte. Der Aufbau fester Klöster erfolgte auch deshalb, weil es praktisch war.

Vom Beginn der zweiten Regenzeitklausur an verbrachte der Buddha fünfundzwanzig Regenzeitklausuren im Jetavana Hain (tib. rGyal-bu rgyal-byed-kyi tshal) außerhalb von Shravasti (tib. gNyan-yod), der Hauptstadt des Königreiches von Koshala (tib. Ko-sa-la). Hier baute der Kaufmann Anathapindada (tib. mGon-med zas-sbyin) für den Buddha und seine Mönche ein Kloster, und der König Prasenajit (tib. rGyal-po gSal-rgyal) unterstützte die Gemeinschaft darüber hinaus finanziell. Im Jetavana-Kloster fanden viele wichtiger Ereignisse im Leben des Buddha statt. Am bekanntesten ist sein Sieg über die Führer der damaligen sechs großen nicht-buddhistischen Schulen in einen Wettbewerb der Wunderkräfte.

Heutzutage ist vielleicht keiner von uns mehr in der Lage, wundertätiger Heldentaten zu vollbringen. Dass Buddha Wunderkräfte statt Logik anwandte, um seine Gegenspieler zu besiegen zeigt Folgendes: Wenn der Geist anderer den Argumenten der Vernunft verschlossen ist, dann ist die beste Art, sie vom Wahrheitsgehalt unseres Verständnisses zu überzeugen,  ihnen unseren Grad an Verwirklichung durch unser Handeln und unser Verhalten deutlich zu machen. Es gibt ein Sprichwort das besagt: „Handlungen sagen mehr als tausend Worte.“

Die Gründung eines klösterlichen Ordens für Nonnen

Zu einem späteren Zeitpunkt in seiner Laufbahn als Lehrer gründete Buddha in Vaishali (tib. Yangs-pa-can) auf Bitten seiner Tante Mahaprajapati (tib. sKye-dgu’i bdag-mo chen-mo) eine Gemeinschaft für Nonnen. Zunächst widerstrebte es ihm, einen solchen Orden zu begründen, aber dann entschied er, dass dies doch möglich sein würde, wenn er den Nonnen mehr Gelübde vorschreiben würde als den Mönchen. Damit wollte der Buddha nicht darauf hindeuten, dass Frauen undisziplinierter seien als Männer, sie einer umfangreicheren geistigen Zähmung bedürften und deshalb mehr Gelübde einhalten müssten. Er fürchtete vielmehr, dass die Gründung eines Ordens für Frauen seiner Lehre einen schlechten Ruf einbringen würde und seine Lehren so ein vorzeitiges Ende finden würden. Dem Buddha war vor allem daran gelegen zu vermeiden, dass er sich die Missachtung der Gemeinschaft als Ganzes einhandelte. Daher musste die Gemeinschaft der Nonnen über jeden Verdacht unmoralischen Verhaltens erhaben sein.

Im Großen und Ganzen widerstrebt es dem Buddha jedoch, Regeln zu formulieren und er war bereit, unbedeutendere Regeln abzuschaffen, wenn man fand, dass sie unnötig seien. Seine Verfahrensweise zeigt die Dynamik der beiden Wahrheiten – der tiefsten Wahrheit und doch Respekt für die konventionelle Wahrheit in Übereinstimmung mit den ortsüblichen Sitten und Gebräuchen. Obwohl es von Seiten der tiefsten Wahrheit keine Schwierigkeiten damit gibt, einen Nonnen-Orden zu gründen, bedurfte es doch einer größeren Anzahl an Disziplin-Regeln für Nonnen, um zu vermeiden, dass die gewöhnlichen Menschen herablassend auf die buddhistischen Lehren schauen. In Bezug auf die tiefste Wahrheit spielt es keinerlei Rolle, was die Gesellschaft sagt; doch die konventionelle Wahrheit ist, dass es für die buddhistische Gemeinschaft wichtig ist, sich den Respekt und das Vertrauen der Öffentlichkeit zu verdienen. Auch in der heutigen Zeit mit ihren modernen Gesellschaftssystemen gilt, wenn dem Buddhismus dadurch Missachtung entgegengebracht werden könnte: Wenn aufgrund bestimmter buddhistischer Gepflogenheiten irgendwelche Vorurteile gegen Nonnen, Frauen im Allgemeinen oder irgendeine Minderheitengruppe entstehen würden, dann wäre es ganz im Sinne des Buddha diese Gepflogenheiten mit den Wertmaßstäben der heutigen Zeit in Einklang zu bringen.

Denn schließlich sind Toleranz und Mitgefühl wichtige Grundgedanken der Lehre des Buddha gewesen. So ermutigte der Buddha zum Beispiel neue Schüler, die zuvor eine andere religiöse Gemeinschaft unterstützt hatten, diese Gemeinschaft auch weiterhin zu unterstützen. Innerhalb des buddhistischen Ordens wies er die Ordensmitglieder dazu an, sich umeinander zu kümmern. Wenn ein Mönch beispielsweise krank war, sollten sich die anderen Mönche um ihn kümmern, weil sie alle Mitglieder ein und derselben buddhistischen Familie waren. Auch für buddhistische Laienanhänger ist dies ein wichtiger Vorsatz.

Die didaktischen Methoden des Buddha

Der Buddha unterrichtete andere Menschen sowohl durch sein lebendiges Beispiel als auch durch seine mündlichen Unterweisungen . In Bezug auf die mündlichen Unterweisungen verfolgte er zwei Methoden, davon abhängig, ob er eine Gruppe von Menschen oder eine Einzelperson unterwies. Vor Gruppen hat er seine Unterweisungen in Form von Lehrreden gegeben. Dabei hat er häufig jeden einzelnen Punkt mit anderen Worten wiederholt, damit seine Zuhörer sich besser daran erinnern könnten. Wenn er jedoch einzelnen Menschen persönliche Unterweisungen gab, was oft nach einer Mahlzeit im Kreise einem Haushalt geschah, der ihn und seine Mönche eingeladen hatte, wandte er eine andere Methode an. Niemals hätte er sich der Sichtweise des Zuhörers entgegengestellt oder diese herausgefordert, sondern hat die Meinung dieses Menschen angenommen und Fragen gestellt, um dem Zuhörer so zu helfen, seine oder ihre Gedanken zu klären. Auf diese Weise führte der Buddha die Person dahin, ihre eigene Einstellung zu verbessern und schrittweise ein tieferes Verständnis der Wirklichkeit zu erlangen. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte, in der der Buddha ein stolzes Mitglied der brahmanischen Priesterkaste zu dem Verständnis hinführt, dass Überlegenheit nicht durch die Geburt in eine bestimmte Kaste zustande kommt, sondern dadurch, dass man als Mensch gute Qualitäten entwickelt.

Ein anderes Beispiel ist die Unterweisung, die der Buddha einer Mutter gab, die ihr Baby verloren hatte, es zu ihm hinbrachte und darum bat, das Baby wieder zum Leben zu erwecken. Der Buddha trug ihr auf, ihm ein Senfkorn aus einem Haus zu bringen, zu  dem der Tod noch niemals Zugang hatte   dann würde er sehen, was sich machen ließe. Die Frau ging von Haus zu Haus, aber in jedem Haushalt gab es jemanden, der gestorben war. Allmählich erkannte sie, dass jeder eines Tages sterben muss. Auf diese Weise war sie dazu in der Lage, ihr Kind mit ein einem friedvolleren Herzen einzuäschern.

Die Lehrmethoden des Buddha zeigen uns, dass es, wenn wir Menschen bei persönlichen Begegnungen helfen wollen, am besten ist, wenn man nicht provokativ ist. Am effektivsten ist es, wenn man ihnen hilft, selber nachzudenken. Unterrichten wir jedoch vor einer Gruppe von Menschen, die die Lehren lernen möchten, müssen wir sie deutlich und klar erklären.

Anschläge gegen den Buddha und Schismen

Sieben Jahre vor dem Verscheiden des Buddha, schmiedete sein eifersüchtiger Cousin Devadatta (tib. Lhas-byin) ein Komplott gegen den Buddha, um dessen Platz als Führer des Ordens einzunehmen. In gleicher Weise plante der Prinz Ajatashatru (tib. Ma-skyes dgra) eine Verschwörung gegen seinen Vater, den König Bimbisara, um dessen Rolle als Herrscher über Magadha einzunehmen. Daher schmiedeten die beiden gemeinsam ein Komplott. Ajatashatru versuchte ein Attentat auf König Bimbisara. Infolgedessen verzichtete der König zu Gunsten seines Sohnes auf den Thron. Als Devadatta sah, welchen Erfolg Ajatashatru hatte, bat er ihn, den Buddha zu ermorden. Alle Versuche den Buddha zu ermorden schlugen jedoch fehl.

Devadatta versuchte daraufhin, die Mönche vom Buddha wegzulocken, indem er von sich behauptete, dass er sogar noch „heiliger“ sein als sein Cousin. Und so schlug Devadatta einen noch strengeren Satz von Regeln der Disziplin vor. Dem Werk „Der Weg zur Reinheit“ (Pali: Visuddhimagga) zufolge, das der im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebende Theravada-Meister Buddhaghosa verfasst hat, umfassten Devadattas Vorschläge für die Mönche folgende Regeln:

  • Roben tragen, die aus Lumpen zusammengeflickt sind,
  • nur drei Roben tragen,
  • sich auf Almosengänge begeben und niemals Einladungen zu Mahlzeiten akzeptieren,
  • kein Haus auslassen, wenn man auf Almosengang geht,
  • in einem Zuge all das aufessen, was auch immer man beim Almosengang gesammelt hat,
  • nur aus seiner eigenen Almosen-Schale essen,
  • alles andere Essen ablehnen,
  • nur im Wald leben,
  • unter Bäumen leben,
  • im Freien leben und nicht in Häusern,
  • sich hauptsächlich auf Leichenfeldern aufhalten,
  • zufrieden sein mit jedwedem Platz, den man zum Verweilen findet, während man kontinuierlich von Ort zu Ort zieht,
  • in sitzender Haltung schlafen, sich niemals zum Schlafen hinlegen.

Der Buddha sagte, wenn Mönche diesen zusätzlichen Regeln der Disziplin folgen möchten, sei das in Ordnung; aber niemand sei dazu verpflichtet sie einzuhalten. Eine Anzahl von Mönchen entschied sich jedoch dafür, Devadatta zu folgen. Sie verließen daher die Gemeinschaft des Buddha und gründeten ihren eigenen Orden.

In der Theravada-Schule werden diese zusätzlichen Regeln der Disziplin, die Devadatta einführte, als die dreizehn Zweige der eingehaltenen Praxis bezeichnet. Die Tradition der Waldmönche, wie man sie noch immer finden kann, wie beispielsweise im heutigen Thailand, scheint von diesen Praktiken abzustammen. Buddhas Schüler Mahakashyapa (tib. ‘ Od-bsrung chen-po) war der bekannteste Praktizierende, der dieser strikteren Disziplin folgte. Viele Arten dieser Disziplin werden von umherwandernden heiligen Männern (Skt. sadhu) der Hindu-Tradition befolgt. Ihre Praxis scheint eine Fortsetzung der Tradition der spirituellen Suchenden aus der Zeit des Buddha zu sein, die als Bettelmönche umherwandern.

In den Mahayana-Schulen gibt es vergleichbare Listen von zwölf Merkmalen der eingehaltenen Praxis (tib. sbyangs-pa’i yon-tan, Skt. dhutaguna). In dieser Liste wird die Regel „kein Haus auslassen, wenn man auf Almosengang geht“ ausgelassen, und „Roben tragen, die in die Mülltonne geworfen wurden“ hinzugefügt, und die beiden Regeln „sich auf Almosengänge begeben“ und „ nur aus seiner eigenen Almosen-Schale essen“ zusammen als eine Regel gezählt. Viele Regeln dieser Disziplin wurden später in der indischen Tradition von den großen verwirklichten tantrischen Praktizierenden (tib. grub-thob chen-po, Skt. mahasiddha) befolgt, die man sowohl im Mahayana-Buddhismus als auch im Hinduismus findet.

Sich von einer etablierten buddhistischen Tradition abzuspalten und einen anderen Orden zu gründen, war nicht das Problem – wie wenn man heutzutage beispielsweise ein separates Dharma-Zentrum gegründet. Indem man so etwas tut, erzeugt man dadurch nicht eine „ Spaltung innerhalb der klösterlichen Gemeinschaft“, eines der fünf unmittelbar ins Elend führende Verbrechen (tib. mtshams-med lnga). Devadatta jedoch erzeugte eine solche Spaltung und beging dieses Verbrechen, denn seine Gruppe brach den Kontakt zur klösterlichen Gemeinschaft des Buddha ab, hegte ihr gegenüber eine extrem starke Feindseligkeit und kritisierte sie scharf. Der schlechte Ruf dieser Spaltung hielt einigen Berichten zufolge mehrere Jahrhunderte lang an.

[Eine Liste der fünf unmittelbar ins Elend führenden Verbrechen findet sich unter: Die Wurzelgelübde des Bodhisattva .]

Der Bericht über diese Spaltung zeigt, dass der Buddha ausgesprochen tolerant und keinesfalls fundamentalistisch war. Wenn seine Anhänger einen strikteren Disziplin-Kodex befolgen wollten, als die Regelsammlung r, die der Buddha ihnen gegeben hatte, dann war das in Ordnung; wenn sie kein Wunsch danach verspürten, dann war das ebenfalls in Ordnung. Niemand wurde dazu gezwungen, das zu praktizieren, was der Buddha lehrte. Selbst wenn ein Mönch oder eine Nonne den klösterlichen Orden verlassen wollte, dann war auch das in Ordnung. Es ist jedoch äußerst destruktiv, die buddhistische Gemeinschaft, insbesondere die klösterliche Gemeinschaft, in zwei oder mehrere Gruppen zu spalten und eine Situation zu erzeugen, in der entweder die eine Gruppe gegen die andere, oder beide Gruppen extreme Feindseligkeiten gegeneinander entwickeln und versuchen, die jeweils andere Gruppe in Verruf zu bringen oder zu schädigen. Selbst wenn man sich im Nachhinein einer solchen Krieg führenden Splittergruppe anschließt und sich an ihrer Hass-Kampagne gegen die andere Gruppe beteiligt, so ist das äußerst schädlich. Wenn allerdings eine dieser Gruppen destruktive oder schädigende Handlungen ausübt oder einer schädlichen Disziplin folgt, verlangte das Mitgefühl danach, andere Menschen vor der Gefahr zu warnen, einer solchen Gruppe beizutreten. Aber wenn man eine solche Warnung ausspricht, dann dürfen die Motive dafür niemals mit Ärger, Hass oder dem Wunsch nach Rache vermischt sein.

Das Verscheiden des Buddha

Der Buddha war durch das Erlangen der Befreiung jenseits des Zustandes , den gewöhnlichen Tod unkontrolliert erleben zu müssen,. Dennoch entschied er im Alter von einundachtzig Jahren, dass es nützlich sein würde, seinen Anhängern die Vergänglichkeit zu lehren und entschied sich, seinen Körper zu verlassen. Vorher hatte er seinem Begleiter Ananda (tib. Kun-dga’-bo) die Gelegenheit, gegeben, ihn zu bitten, noch länger zu leben und zu lehren. Aber Ananda verstand den Wink des Buddha nicht. Diese Begebenheit zeigt uns, dass ein Buddha nur lehrt, wenn er darum gebeten wird. Wenn keiner darum bittet und niemand interessiert ist, dann machte er sich auf und geht woanders hin, wo er besser von Nutzen sein kann. Die Gegenwart eines Lehrers und der Unterweisungen, hängt von den Schülern ab.

In Kushinagara (tib. Ku-sha’i grong-khyer, gNas rtsva-mchog) im Haus von Chunda wurde der Buddha todkrank nachdem er eine Mahlzeit gegessen hatte, die sein Förderer ihm und einer Gruppe von Mönchen angeboten hatte. Auf dem Totenbett erklärte der Buddha seinen Mönchen, dass, wenn sie irgendwelche Zweifel oder unbeantwortete Fragen haben sollten, sie sich ganz auf die Dharma-Unterweisungen und ihre eigene ethische Disziplin verlassen sollten. Diese würden nun ihr Lehrer sein. Auf diese Weise wies der Buddha darauf hin, dass jeder Mensch die Dinge mit Hilfe der Unterweisungen für sich selbst herausfinden muss. Es gibt keine absolute Autorität, die einem alle Antworten zur Verfügung stellen kann. Dann verschied der Buddha.

Chunda war zutiefst bestürzt, weil er dachte, dass er den Buddha vergiftet hätte. Aber Ananda tröstete den Haushälter, indem er ihm erzählte, dass er sogar enorme positive Kraft oder „Verdienst“ angehäuft hätte, da er dem Buddha seine letzte Mahlzeit angeboten habe, bevor dieser verstorben sei.

Der Buddha wurde eingeäschert und seine Asche in Stupas, d.h. in Monumente für Reliquien, eingebracht, insbesondere an Orten, die zu den vier großen buddhistischen Pilgerstätten wurden:

  • Lumbini, wo der Buddha geboren wurde,
  • Bodh Gaya, wo der Buddha die Erleuchtung erlangte,
  • Sarnath, wo der Buddha seine erste Lehrrede hielt,
  • Kushinagara, wo er starb.

Schlussfolgerungen

Verschiedene buddhistische Traditionen lehren verschiedener Begebenheiten aus dem Leben des Buddha. Ihre Unterschiede weisen darauf hin, wie jede Tradition den Buddha sieht und was wir durch sein Vorbild lernen können.

  • Die Hinayana-Version spricht nur über den historischen Buddha. Indem sie zeigt, wie der Buddha intensiv an sich selbst gearbeitet hat, um die Erleuchtung zu erlangen, können wir lernen, uns selbser anzustrengen.
  • Der allgemeinen Mahayana-Version zufolge hatte der Buddha die Erleuchtung bereits viele Äonen zuvor erlangt. Indem er ein Leben mit zwölf erleuchtenden Taten manifestierte, lehrte er uns, dass die Erleuchtung bedeutet, für immer zum Wohle aller Wesen zu arbeiten.
  • In Berichten des Anuttarayoga-Tantra manifestiert sich der Buddha gleichzeitig als Buddha Shakyamuni, der „Die Sutras über das weiterreichende unterscheidende Gewahrsein“ lehrt und als Vajradhara, der die Tantras lehrt. Das gibt uns einen Hinweis darauf, dass die Praxis des Tantra vollständig auf den Madhyamaka-Unterweisungen über Leerheit beruht.

[Siehe: Die zwölf erleuchtenden Taten eines Buddha.]

So können wir aus jeder Version der Lebensgeschichte des Buddha viele hilfreiche Dinge lernen und Inspiration auf vielen verschiedenen Ebenen gewinnen.