Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Spirituelle Lehrer > Biographie von Nagarjuna

Biographie von Nagarjuna

Alexander Berzin
Februar 2006

Nagarjuna (tib. Klu-grub) war zusammen mit Asanga (tib. Thogs-med) einer der zwei großen Pioniere der Mahayana-Tradition. Nagarjuna übermittelte die Lehren der tiefgründigen Sicht der Leere in der Linie Manjushris, während Asanga die Lehren der umfassenden Bodhisattva-Praxis in der Linie Maitreyas übertrug.

Nagarjuna wurde in eine brahmanische Familie geboren, vermutlich um das mittlere erste oder frühe zweitere Jahrhundert C.E. im Süden Indiens in Vidarbha, einem Königreich, das im heutigen Maharashtra und Andhra Pradesh liegt. Er wurde in verschiedenen Sutras angekündigt, wie etwa im Sutra „Die Ankunft in Lanka“ (tib. Lan-kar gshegs-pa'i mdo , Skt. Lankavatara Sutra). Während der Geburt sagte ein Wahrsager voraus, dass er nur sieben Tage leben würde, aber wenn seine Eltern hundert Mönchen Opfergaben darbringen würden, dann könnte er sieben Jahre alt werden. Weil seine Eltern um sein Leben fürchteten als er sieben wurde, schickten sie Nagarjuna an die Klosteruniversität in Nalanda in Nordindien, wo er den buddhistischen Meister Saraha traf. Saraha erklärte ihm, dass er, wenn er ein Asket würde und das Amitabha Mantra rezitierte, ein langes Leben haben würde. Nagarjuna befolgte diesen Rat, trat in das Kloster ein und erhielt den Namen „ Shrimanta“.

In Nalanda studierte Nagarjuna Sutra und Tantra mit Ratnamati  eine Emanation von Manjushri   und mit Saraha, besonders das „Guhyasamaja Tantra“ (tib. dPal gsang-ba ‘ dus-pa'i rgyud). Zusätzlich erlernte er Alchimie von einem Brahmanen und erlangte die Fähigkeit Eisen in Gold zu verwandeln. Mit dieser Fähigkeit war er in der Lage, die Mönche von Nalanda während einer Hungersnot zu ernähren. Schließlich wurde Nagarjuna der Abt von Nalanda. Er schloss dort achttausend Mönche vom Kloster aus, die sich nicht sorgfältig genug an die klösterlichen Disziplinregeln der Vinaya hielten. Außerdem besiegte er fünfhundert Nicht-Buddhisten in der Debatte.

Bald kamen zwei Jugendliche, die Emanationen der Söhne des Nagakönigs waren, nach Nalanda. Sie verströmten den natürlichen Duft des Sandelholzes. Nagarjuna fragte sie, warum sie diesen Duft an sich hatten, woraufhin sie bekannten, wer sie waren. Nagarjuna bat die beiden um den Sandelholzgeruch für eine Statue von Tara und um Hilfe der Nagas beim Tempelbau. Sie kehrten daraufhin zurück ins Nagareich und fragten ihren Vater. Dieser sagte, dass er nur helfen könne, wenn Nagarjuna in ihr Reich unter dem Meer käme, um sie zu unterrichten. Nagarjuna ging, brachte viele Opfergaben dar und unterrichtete die Nagas.

Nagarjuna wusste, dass die Nagas den Text „Prajnaparamita-Sutra in einhunderttausend Versen“ besaßen (tib. Shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa stong-pa brgya-pa, Skt. Shatasahasrika-prajnaparamita Sutra, Sutra der Vollkommenheit der Weisheit in einhunderttausend Versen) und bat um eine Kopie.

Als der Buddha Prajnaparamita, weitreichendes unterscheidendes Gewahrsein (Vollkommenheit der Weisheit), gelehrt hatte, brachten die Nagas eine Version davon zurück zu ihr Reich um sie zu bewachen, die Göttern bekamen eine weitere und die Yaksha-Herrscher des Reichtums, bekamen eine dritte. Nagarjuna brachte die „Einhunderttausend Verse“ zurück, obgleich die Nagas die letzten zwei Kapitel behielten, um sicherzugehen, dass er zurückkäme, um sie weiter zu unterrichten. Später wurden diese letzten zwei Kapitel mit den letzten beiden Kapiteln des Textes: „ Prajnaparamita-Sutra in achttausend Versen“ aufgefüllt (tib. Shes-rab-kyi pha-rol-tu Phyin-pa brgyad stongpa, Skt. Ashtasahasrika-prajnaparamita Sutra). Darum sind die letzten zwei Kapitel dieser beiden revidierten Texte gleich. Nagarjuna brachte auch Naga-Lehm zurück und errichtete viele Tempel und Stupas damit.

Einmal, als Nagarjuna Prajnaparamita unterrichtete, kamen sechs Nagas und bildeten einen Schirm über seinem Kopf , um ihn vor der Sonne zu schützen. Darum sind in der ikonographischen Darstellungen von Nagarjuna sechs Nagas über seinem Kopf.

Durch dieses Ereignis erhielt er den Namen Naga. Und wegen der Tatsache, dass seine Fähigkeit den Dharma zu lehren, immer gerade auf den Punkt ging, wie die Pfeilen des berühmten Bogenschützen Arjuna (der Name des Helden im hinduistischen Klassiker „Bhagavad Gita“), erhielt er den Namen Arjuna. So wurde er „Nagarjuna“ genannt.

Nagarjuna reiste später zur Nordinsel (Nördlicher Kontinent) um zu unterrichten. Auf der Reise traf er einige Kinder, die auf der Straße spielten. Er prophezeite dass eines von ihnen, genannt Jetaka, König werden würde. Als Nagarjuna von der Nordinsel zurückkam, war der Junge tatsächlich erwachsen geworden und war König eines großen Reiches in Südindien geworden. Nagarjuna blieb für drei Jahre bei ihm, unterrichtete ihn und verbrachte dann seine letzten Jahre in dessen Königreich auf Shri Parvata, dem heiligen Berg, über dem heutigen Nagarjunakonda. Nagarjuna schrieb für den König den Text „Die kostbare Girlande“ (tib. Rin-chen ‘phreng-ba, Skt. Ratnavali). Dies war der gleiche König, für den Nagarjuna den Text „Brief an einen Freund“ schrieb (tib. bShes-pa'i spring-yig, Skt. Suhrllekha), nämlich König Udayibhadra (tib. bDe-spyod bzang-po).

Einige westliche Gelehrte identifizieren König Udayibhadra mit König Gautamiputra Shatakarni (106-130 C.E.) der Shatavahana Dynastie (230 B.C.E.-199 C.E.) im heutigem Andhra Pradesh. Andere halten ihn für den folgenden König, Vashishtiputra Pulumayi (130-158 C.E.). Es ist schwierig, das genau zu sagen. Das Shatavahanas waren Gönner der Stupa in Amaravati, wo Buddha zuerst das „ Kalachakra-Tantra“ gelehrt hatte. Dieser Ort ist nahe von Shri Parvata.

König Udayibhadra hatte einen Sohn, Kumara Shaktiman, der König werden wollte. Seine Mutter erklärte ihm, dass er niemals König werden könnte, solange Nagarjuna lebte, da Nagarjuna und der König die gleiche Lebensspanne hätten. Seine Mutter sagte, er solle Nagarjuna um dessen Kopf bitten und da Nagarjuna so mitfühlend war, würde er ohne Zweifel damit einverstanden sein, ihn ihm zu geben. Nagarjuna stimmte tatsächlich zu, aber Kumara konnte seinen Kopf nicht mit einem Schwert abschlagen. Nagarjuna sagte, in einem vorhergehenden Leben habe er eine Ameise beim Grasschneiden getötet. Als karmisches Ergebnis davon könne sein Kopf nur mit einer Klinge aus Kushagras abgeschlagen werden.

Kumara tat dies und Nagarjuna starb. Das Blut des abgetrennten Kopfes wurde zu Milch und der Kopf sagte: „Jetzt gehe ich ins reine Land Sukhavati aber ich werde zu diesem Körper zurückkehren.“ Kumara brachte den Kopf weit vom Körper weg, aber es wird gesagt, das der Kopf und der Körper jedes Jahr näher zusammen kommen. Wenn sie wieder vereint werden, wird Nagarjuna zurückkommen und wieder lehren. Nagarjuna lebte insgesamt sechshundert Jahre lang.

Unter den vielen Texten, die Nagarjuna über die Sutra-Themen schrieb, sind auch seine „ Sammlungen der Argumentation“ (tib. Rigs-pa'i tshogs), die „Sammlungen der Lobpreisungen“ (tib. bsTod-pa' i tshogs) und die „Sammlungen der didaktischen Erklärungen“ (tib . gTam-pa'i tshogs).

„Die sechs Sammlungen des Geistes“ (tib. Rigs-tshogs drug) sind:

  • Wurzelverse des Madhyamaka, genannt „unterscheidendes Gewahrsein“ (tib. dBu-ma rtsa-ba shes-rab, Skt. Prajna-nama-mulamadhyamaka-karika)
  • „Kostbare Girlande“ (tib. Rin-chen `phreng-ba, Skt. Ratnavali)
  • „Widerlegung der Einwände“ (tib. rTsod-pa zlog-pa, Skt. Vigrahavyavarti)
  • „Siebzig Verse über die Leerheit“ (tib. sTong-nyid bdun-bcu-pa, Skt. Shunyatasaptati)
  • „Sutra, das ,Fein Gewobene‘ genannt“ (tib. Zhib-mo rnam- `thag zhes-byaba' i mdo, Skt. Vaidalya-sutra-nama)
  • „Sechzig Verse über den Geist“ (tib. Rigs-pa drug-cu-pa, Skt .Yuktishashtika).

Die „Sammlungen der Lobpreisungen“ beinhalten:

  • „Lobpreis an die Daseinsbereiche“ (tib. Chos-dbyings bstod-pa, Skt. Dharmadhatu-stava),
  • „Lobpreis an die tiefste Wahrheit“ (tib. Don-dam-par bstod-pa, Skt. Paramartha-stava),
  • „Lob an den überweltlichen (Buddha)“ (tib. ‘ Jig-rten-las ‘das-par bstod-pa, Skt. Lokatita-stava).

Nagarjunas „Sammlungen der didaktischen Erklärungen“ beinhalten:

  • „Ein Kommentar über (die zwei) Bodhicittas“ (tib. Byang-chub sems-kyi ‘grel-ba, Skt. Bodhicittavivarana),
  • „Anthologie der Sutras“ (tib. mDo kun-las btus-pa, Skt. Sutrasamuccaya)
  • „Brief an einen Freund“ (tib. bShes-pa'i spring-yig, Skt. Suhrllekha).

Ebenfalls Nagarjuna zugeschrieben werden zwei Kommentare zum   „Guhyasamaja-Tantra“, die Folgendes beihalten:

  • Abgekürzter Weg zur Realisierung (tib. sGrub-thabs mdor-byas, Skt. Pindikrta-sadhana)
  • Methode für das Meditieren über die Erzeugungsstufe des Mahayoga-Tantra-Guhyasamaja vermischt mit seinen Text (-Quellen)(tib. rNal-‘byor chen-po'i rgyud dpal gsang-ba ‘dus-pa'i bskyed-pa'i rim-pa'i bsgom-pa'I thabs mdo-dang bsres-pa, Mdo-bsres, Skt. Shri-guhyasamaja-mahayogatantra- utpattikrama-sadhana-sutra- melapaka)
  • „Die fünf Stufen (Vollendete Stufen)“ (tib. Rim-pa lnga-pa, Skt . Pancakrama).

Nagarjunas berühmtester Schüler war Aryadeva (tib. ‘ Phags-pa lha), Autor des Textes „Erklärung (des Madhyamaka) in vierhundert Versen“ (tib. bsTan-bcos bZhi brgya-pa zhes-bya-ba'i tshig-le'ur byas-pa, Skt . Chatuhshataka-shastra-nama-karika) und einiger Kommentare über das „Guhyasamaja-Tantra“ .