Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung zu: „Integration der verschiedenen Aspekte unseres Lebens“

Alexander Berzin
Moskau, Russland, Oktober 2012
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Zweite Sitzung: Fragen und Übungen

Rückblick

Heute Abend möchte ich mit unserer Erörterung der Übung fortfahren, die dazu dient, die verschiedenen Aspekte unseres Lebens zu integrieren. Gestern Abend haben wir ein wenig über die theoretische Grundlage dieses Programms gesprochen, und wir haben festgestellt, dass eine Art der Darstellung dieser theoretischen Grundlage darin besteht, die Basis für die Bezeichnung „ich“ zu untersuchen.

Unser ganzes Leben lang haben wir an uns selbst als „ich“ und den Verlauf unseres Lebens als „mein Leben“ gedacht – „Jetzt tue ich dies“, „Nun erfahre ich jenes“. Jeder würde der Aussage zustimmen, dass er sein gesamtes Leben erlebt hat. Es ist nicht so, dass wir nur das letzte Jahr erlebt hätten, wir haben unsere ganze Lebensspanne erlebt. Wir haben sie erfahren, nicht wahr? Wir haben also im Laufe unseres Lebens eine Menge Erfahrungen gemacht. Wir sind nicht eine Art fester, starrer Klumpen, der von nichts beeinflusst werden kann. Wir wurden von allem beeinflusst, was wir im Leben erlebt haben. Wenn wir eine realistische Sicht auf uns selbst gewinnen möchten, müssen wir dabei die gesamte Spannweite unserer Lebenserfahrung mitsamt all den Einflüssen, die sich auf uns ausgewirkt haben, all die verschiedenen Menschen, Umfelder und zahlreiche weitere Dinge berücksichtigen. All das bildet die Basis dafür, an uns selbst als „ich“ zu denken. Wenn wir nur einen kleinen Teil unseres Lebens für uns selbst halten, ist das unrealistisch, nicht wahr? Es ist nicht korrekt. Und wenn die verschiedenen Phasen unseres Lebens nicht irgendwie zusammengefügt werden, so ist das fast – wenn ich den Ausdruck mal ziemlich weit fasse – ein bisschen schizophren. Worum es hier geht, ist, die verschiedenen Aspekte unseres Lebens, die wir erfahren haben, zu einer ganzheitlichen Sicht zusammenzufügen.

Das war in etwa das, was wir gestern als theoretische Grundlage besprochen haben. Wir haben auch festgestellt, dass wir negative Einflüsse erlebt haben und auch positive Einflüsse. Und obgleich es wichtig ist, die negativen Einflüsse nicht zu leugnen, nützt es nicht viel, darauf herum zu reiten und sich darüber zu beklagen, auch wenn es natürlich von Bedeutung ist, sie anzuerkennen. Was aber erheblich mehr bringt, ist die positiven Aspekte hervorzuheben, die wir erhalten haben, also die positiven Einflüsse in unserem Leben. All das kann dargestellt werden, ohne das Wort „Buddhismus“ überhaupt zu erwähnen; und die hier erklärten Zusammenhänge fallen in die Kategorie, die ich gestern als buddhistische Wissenschaft und buddhistische Philosophie bezeichnet habe. Falls wir anderen diese Art Übung vorstellen, könnte es sie vielleicht sogar abstoßen, wenn wir dabei etwas von Buddhismus erzählen. Das ist auch gar nicht notwendig.

Sich von anderen inspirieren lassen

Es gibt noch einen weiteren Aspekt der theoretischen Grundlage dieses Themas, nämlich dass jeder eine Art von Inspiration braucht. Wir haben verschiedene gute Qualitäten – jeder hat einige gute Qualitäten. Das können z.B. natürliche Talente sein; vielleicht sind sie von anderen gefördert und verstärkt worden; oder es kann auch etwas sein, das uns von anderen beigebracht wurde. Wir brauchen Inspiration, die uns ermutigt und bestärkt, diese guten Qualitäten weiterzuentwickeln. Was wir in dieser Art von Übung tun, ist, an diese verschiedenen Aspekte und Einflüsse im Laufe unseres Lebens zu denken und den Schwerpunkt, wie ich bereits erklärt habe, auf die positiven Qualitäten zu legen, die uns von anderen, aus unserer Umgebung, unserer Gesellschaft, Kultur usw. zugekommen sind.

Lassen Sie uns als Beispiel unsere Mutter heranziehen. Es gibt zweifellos bestimmte gute Qualitäten unserer Mutter, die wir übernommen haben. Zum einen wollen wir diese nun finden und anerkennen. Aber es kann sein, dass es noch andere gute Qualitäten an ihr gibt, bei denen es nicht so offensichtlich ist, dass sie großen Einfluss auf uns hatten. Ob sie uns nun direkt beeinflusst haben oder nicht – auf jeden Fall können sie sehr inspirierend sein. Falls wir im entsprechenden Alter sind, haben unsere Eltern vielleicht sehr schwere Zeiten erlebt, sei es der Zweite Weltkrieg oder die schwierige Zeit, die hierzulande darauf folgte. Wir haben diese Schwierigkeiten vielleicht nicht persönlich erfahren, aber es kann inspirierend sein zu sehen, wie sie damit fertiggeworden sind. Es kann uns zum Beispiel inspirieren, ebenfalls so mit schwierigen Situationen umzugehen, wie sie es getan haben.

Wenn wir uns mit den unterschiedlichen Arten von Einflüssen auf uns befassen, beziehen wir dabei nicht nur die positiven Eigenschaften mit ein, die wir von ihnen übernommen haben, sondern auch diejenigen, die sie uns vielleicht nicht so direkt vermittelt haben. In gewisser Weise ist das etwas, das dazu beiträgt, Selbstvertrauen aufzubauen. Es hilft uns, eine positive Einstellung zu uns selbst zu gewinnen. Wenn wir ein sehr niedriges Selbstwertgefühl haben, kann uns die Erinnerung an positive Aspekte, die wir von anderen erhalten haben, dazu veranlassen, dass wir anfangen zu überlegen: „Vielleicht bin ich doch nicht so schlecht. Wie hätte ich all das Positive aufnehmen können, wenn ich wirklich schlecht wäre?“

Wenn wir das Gefühl haben, dass wir positive Eigenschaften haben, und inspiriert sind, sie weiter wachsen zu lassen, dann können wir auch das Gefühl haben, dass wir anderen etwas zu geben haben, indem wir diese positiven Eigenschaften weitergeben. Auch das baut Selbstvertrauen auf, denn es ist ja eigentlich mit Mitgefühl verbunden, d.h. mit der Einstellung, anderen dabei zu helfen, ihre Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten zu überwinden, und zwar beruhend auf dem Gefühl, dass ich dies aus freien Stücken tue, weil „ich tatsächlich gute Eigenschaften habe und dies etwas ist, was ich anderen geben kann.“ Und wenn ich etwas habe, das ich weitergeben und mit anderen teilen kann, dann „kann es ja so schlimm nicht sein mit mir“.

Das ist ein weiterer Gesichtspunkt im Zusammenhang mit der theoretischen Grundlage. Und wieder sehen Sie: Es ist gar nicht nötig, das Wort „Buddhismus“ überhaupt zu erwähnen. Wenn wir einen buddhistischen Hintergrund haben und uns fragen, wo dieses letzte Stückchen Information – eigentlich gar kein so kleines Stück – herkommt – nun, es stammt aus dem Zusammenhang, wie wir mit dem spirituellen Lehrer umgehen.

Die Art, wie wir unser Verhalten in Bezug auf einen spirituellen Lehrer kultivieren, besteht darin, die guten Qualitäten zu finden und hervorzuheben, die der Lehrer tatsächlich hat, und sie mit dem Vertrauen zu betrachten, dass sie tatsächlich der Realität entsprechen; es handelt sich nicht um etwas, das wir uns ausdenken oder auf sie projizieren. Und auf dieser Grundlage haben wir großen Respekt vor dem Lehrer. Wenn wir an die Güte des Lehrers im Zusammenhang damit denken, wie er uns lehrt und uns hilft, entwickeln wir ein starkes Gefühl der Wertschätzung und Dankbarkeit. Mit Hilfe der Inspiration, die das Beispiel des Lehrers uns vermittelt, versuchen wir, selbst die Qualitäten zu entwickeln, die der Lehrer aufweist.

Diese Verhaltensweise übertragen wir hier nun einfach auf alle, mit denen wir zu tun gehabt haben. Wir versuchen zu sehen, was ihre Qualitäten sind, und Vertrauen in Bezug darauf aufzubauen – es handelt sich nicht um etwas, das wir uns nur einbilden. Auf dieser Grundlage respektieren wir sie. Wir schätzen die positiven Dinge, die sie uns gelehrt haben, die sie uns vermittelt haben, und erkennen dankbar an, was sie uns gegeben haben. Wir stellen uns bildlich vor, dass wir dadurch inspiriert werden, wie ich es erklärt habe. Wir können das in Form der Vorstellung tun, dass gelbes Licht von ihnen ausgeht, wobei wir ein Bild von ihnen vor Augen haben oder sie uns vorstellen. Wenn wir so etwas visualisieren, pflegt das den Prozess quasi etwas realer bzw. anschaulicher zu machen. Dann versuchen wir uns vorzustellen, dass wir diese Qualitäten an andere weitergeben.

Gut. Bevor wir nun anfangen, uns an einer dieser Übungen zu versuchen, haben Sie vielleicht noch ein paar Fragen.

Fragen und Antworten

Teilnehmer: Ich möchte noch einmal auf etwas zurückkommen, das wir auch gestern besprochen haben. Sie haben erwähnt, dass man buddhistische Wissenschaft und buddhistische Philosophie auch außerhalb des Kontextes buddhistischer Praxis studieren und Nutzen daraus ziehen kann. Buddhistische Logik z.B. könne auch im Bereich der Rechtswissenschaft und für Menschen, die damit zu tun haben, nützlich sein.

Wir können uns auf die Logik besinnen, die wir normalerweise verwenden [d.h., die westliche Logik]. Jemand findet z.B. eine Leiche und ruft die Polizei an, damit sie kommt und sich der Sache annimmt. Der Polizist fragt: „Warum rufen Sie uns an und nicht den Rettungsdienst?“ Der Anrufer antwortet: „Es steckt ein Messer im Rücken der Leiche“, und der Polizist sagt: „Ja, logisch, dass Sie uns rufen.“ Also kommt die Polizei, beginnt mit den Ermittlungen und versucht, Verdächtige zu finden. Sie findet einen Verdächtigen, verhört ihn und sagt: „Vermutlich sind Sie der Mörder.“ Der Verdächtige antworte: „Nein, ich hab ein Alibi. Sie können die Leute anrufen, bei denen ich zur fraglichen Zeit war, und sie werden bestätigen, dass ich nicht der Schuldige sein kann“ usw. Und die Polizei sagt wiederum: „Ja, logisch.“

Das wäre ein Beispiel der üblichen Logik, die wir im täglichen Leben anwenden. Können Sie uns ein Beispiel buddhistischer Logik geben?

Alex: Es ist schwierig, aus dem Stegreif ein anderes Beispiel anzuführen, das ich verwenden könnte. Mir fällt leider nur ein ziemlich komplexes Beispiel ein, das ich heute in einem Artikel verwendet habe, an dem ich gerade schreibe. Da mir das noch frisch in Erinnerung ist und es sich um eine klare Anwendung buddhistischer Logik handelt, könnte ich mich darauf beziehen. Eine Antwort buddhistischer Logik wie: „Der Mann ist tot, warum sollte man da den Rettungswagen holen? Es hat keinen Sinn, ihn ins Krankenhaus zu bringen – wenn es denn das ist, wofür der Rettungswagen normalerweise gerufen wird“ ist hier offensichtlich nicht erforderlich – so etwas lässt sich ja schon mit gesundem Menschverstand feststellen.

Jedenfalls habe ich einen Artikel über einen sehr schwierigen Punkt in den Kalachakra-Lehren geschrieben; dabei geht es um die geistigen Hologramme, die uns erscheinen, wenn wir an etwas denken oder uns etwas vorstellen oder uns an etwas erinnern. Dabei erscheint ein geistiges Bild. Woraus besteht dieses geistige Bild? Ich habe untersucht, ob möglicherweise die so genannten „karmischen Energiewinde“ (tib. las-rlung) dieses geistige Bild (das geistige Hologramm, wie ich es nenne) entstehen lassen. Die Parameter, die ich dabei untersucht habe, sind Formen, die nicht aus Partikeln bestehen, und Formen, die nur mit dem geistigen Bewusstsein wahrgenommen werden können. Die buddhistische Logik würde verlangen: Finden Sie die logischen Durchdringungen dieser beiden Kategorien.

Teilnehmer: Durchdringung in dem Sinne, was sie unterscheidet?

Alex: Nein; die Durchdringungen sind Bestandteil einer Art Mengenlehre. Die Untersuchung beruht auf Mengenlehre. Die vier Optionen sind: Entweder etwas ist das eine und nicht das andere, oder es ist das andere und nicht das erstere, oder beides oder keines dieser beiden Kategorien. Das ist im Grunde eine Art Mengenlehre – Gruppe A und Gruppe B und die vier Optionen.

Dann untersucht man: Gibt es irgendeine Art von Form, die nicht aus Partikeln besteht und nicht [vom geistigen Bewusstsein wahrgenommen werden] kann … – ich möchte hier nicht näher darauf eingehen; es wird zu kompliziert, das auch nur zu übersetzen – aber vielleicht verstehen Sie den Grundsatz. Wir betrachten diese vier Optionen. Nun taucht das Problem auf, dass manche dieser Optionen Null-Gruppen sind (es gibt nichts, was in diese Kategorien fällt). Eine der Kategorien war: etwas, das aus Partikeln besteht, und das nur vom geistigen Bewusstsein wahrgenommen werden kann; und es scheint nichts zu geben, das in diese Gruppe passt. Das ergab also keine Lösung für das Problem. Dann überlegt man: „Gibt es vielleicht eine Lösung, wenn ich die Parameter ändere? Wenn ich die Untersuchung statt auf eine Form, die aus grobstofflichen Partikeln besteht, auf eine Form, die aus feinstofflichen Partikeln oder Energie besteht (wie etwa die elektromagnetischen Energie von Licht) beziehe – wie wäre es damit? Und dann untersucht man wieder, ob es etwas gibt, das in diese Kategorie passt.

Das ist die Art logischer Analyse, auf die ich mich beziehe, um ein Problem zu untersuchen. Tut mir leid, dass mir kein einfacheres Beispiel einfällt, aber das eben genannte ist eines, das ich heute gerade verwendet habe. Als analytisches Werkzeug ist diese Untersuchung überaus nützlich. Es geht im Grunde um Mengentheorie und Schnittmengen. Aber bedenken Sie bitte, dass dies nur ein Aspekt der buddhistischen Logik ist. Es gibt noch sehr viele andere im Zusammenhang mit Syllogismen. Man stellt einen Syllogismus auf, und dann wird untersucht, ob es Ausnahmen davon gibt. Wenn es eine Ausnahme davon gibt, dann kann man den genannten Syllogismus nicht beweisen. Und um festzustellen, ob es Ausnahmen gibt, verwendet man diese Mengenlehre, die ich gerade beschrieben habe.

Entschuldigung, dass ich etwas abgeschweift bin. Ich mag solche Sachen.

Teilnehmer: Was würden Sie Psychologen raten, die Ihre Methode in der Arbeit mit Klienten anwenden möchten? Sie haben gestern über die buddhistische Wissenschaft, die buddhistische Psychologie, gesprochen, in der es im Wesentlichen darum geht wie unser „Ich“ existiert und wie es funktioniert, und Sie haben uns eine Art philosophischer Interpretation davon vorgestellt. Wenn man in der Einzelberatung mit Menschen arbeitet, die sich an einen wenden, muss man ihnen dann unbedingt eine Einführung in die philosophische und wissenschaftliche Grundlage geben – in diesem Fall in die buddhistische Grundlage -, auf der man arbeitet, bevor man sich mit ihnen mit dieser ganzen Reihe von Ereignissen und Einflussfaktoren beschäftigt, die Sie gestern genannt haben? Oder ist es nicht notwendig, sie mit dieser Grundlage bekanntzumachen? Und wenn wir über die gesamte Erfahrungsspanne als Basis sprechen, wie Sie es gestern erklärt haben, ist es dann notwendig, in der Arbeit mit einem Klienten die gesamte Spannweite zu verwenden und durchzugehen, oder können wir dabei den Schwerpunkt auf ein bestimmtes Problem liegen, das der Klient zu lösen versucht?

Alex: Wie ich zu Beginn dieses Vortrags gesagt und betont habe, ist es keineswegs erforderlich, das Wort „Buddhismus“ zu erwähnen, wenn man dieses System darstellt. Es könnte sogar einige Menschen abschrecken. Wenn sie nun der betreffenden Person kurz – nicht in allen Einzelheiten – die Theorie darstellen, bevor sie mit der Arbeit beginnen, so hat das den Vorteil, dass es dem Klienten hilft, etwas Vertrauen in Bezug darauf aufzubauen, dass Sie wissen, was Sie tun, und tatsächlich eine Strategie haben. Bitte denken Sie daran, dass ich keine persönliche Erfahrung als Therapeut habe. Aber wenn die Situation so ist, dass der Klient hereinkommt und Sie einfach sagen: „Nun erzählen Sie mir mal von Ihrem Leben“, dann bekommt er nach einer Weile das Gefühl, das Ganze sei so unstrukturiert, dass es nirgendwo hinführt („also wissen Sie, was hat das eigentlich für einen Zweck?“). Ich denke, wenn er eine klare Vorstellung davon hat, was Ihre Strategie ist, gibt das dem Klienten etwas mehr Sicherheitsgefühl.

Die Behandlung eines bestimmten Problems wäre eine andere Anwendung. Was wir hier im Grunde tun, ist, eine feststehende Sichtweise, die jemand in Bezug auf das Leben hat, auseinanderzunehmen. Ein Aspekt, den ich gestern erwähnt habe, war, dass man einfach bei einem Ereignis in seinem Leben hängenbleiben kann, sich damit identifiziert und den umfassenderen Kontext des gesamten Lebens aus dem Blickfeld verliert, z.B. wenn die Beziehung zum Partner in die Brüche gegangen ist und man denkt, dass man niemals mehr im Leben je einen anderen Partner finden wird. Wenn man jedoch die ganze Lebensspanne im Blickfeld hat, so zeigt sich, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass man einen anderen Partner finden wird; vermutlich hatte man auch vorher im Leben andere Freundinnen oder Freunde. Man neigt dazu, die Dinge aus dem Kontext zu reißen. Wichtig ist daher, die Angelegenheit im Rahmen des umfassenderen Kontextes zu betrachten. Aber auch um sich mit einem speziellen Problem zu befassen, kann man diese Methode wiederum verwenden, um zu versuchen, das Problem in einem größeren Kontext zu sehen.

Es kann zum Beispiel sein, dass eine Beziehung in die Brüche geht und man denkt: „Das ist alles mein Fehler. Ich bin ein schlimmer Mensch; ich bin ein Versager. Ich Armer.“ Aber man muss sich vor Augen führen, dass alles, was geschieht, von einer riesigen Anzahl anderer Faktoren beeinflusst wird. Es gibt die Faktoren all dessen, was im Leben der anderen Person sonst noch vor sich geht, ihre ganze psychologische Verfassung, sowie auch die anderen Geschehnisse, die sich in meinem Leben abgespielt und die Partnerschaft beeinflusst haben – meine Arbeit, meine Familie, die finanzielle Situation usw. Wenn man das Ganze in einem größeren Kontext betrachtet, isoliert man nicht bloß einen Faktor – „Es war mein Fehler und es liegt alles an mir: Weil ich ein schlechter Mensch bin und nichts tauge. Ich verdiene es nicht, geliebt zu werden“ – und nimmt an, dass das der Grund war, warum die Beziehung schiefgelaufen ist.

Hier ist jetzt ein gutes Beispiel – damit kann ich jetzt auf Ihre Frage zurückkommen – für eine eher praxisbezogene Verwendung buddhistischer logischer Analyse. Wie sind die Durchdringungen zwischen den beiden Parametern „Mein Freund ruft mich an“ und „Mein Freund liebt mich nicht“?

  • Es kann sein, dass mein Freund mich anruft und dass er mich liebt.
  • Oder er ruft mich an, liebt mich aber nicht.
  • Oder es kann auch sein, dass mein Freund mich nicht anruft und dass er mich nicht liebt.
  • Oder mein Freund ruft nicht an, aber dennoch liebt er mich.

Wenn mein Freund mich nicht anruft, besteht also die Möglichkeit, dass er mich trotzdem liebt. Ich untersuche also, warum er nicht anruft. Es könnte andere Gründe dafür geben als denjenigen, dass er mich nicht liebt. Es könnte sein, dass er sehr beschäftigt ist. Es könnte sein, dass sein Telefon nicht funktioniert. Vielleicht ist die Batterie seines Mobiltelefons leer. Es kann eine Menge Gründe geben. Es ist also unlogisch, jene Schlussfolgerung zu ziehen [das mein Freund mich nicht liebt]. Allein die Tatsache, dass er nicht anruft, ist kein Beweis dafür, dass er mich nicht liebt. Das wäre eine ungültige Argumentation. So funktioniert buddhistische Logik.

Teilnehmer: Ich habe eine Frage zu der Methode selbst. Sie haben gestern erklärt, dass wir jeden der Faktoren durcharbeiten, die uns beeinflusst haben, und dann anfangen, sie paarweise miteinander zu kombinieren. Gibt es eine Art Logik, die uns veranlasst, diese Faktoren paarweise miteinander zu kombinieren, oder ist das immer ein spontaner Prozess?

Alex: Nun, ich weiß nicht, ob ich hier das Wort „Logik“ verwenden würde, aber es gibt ein Muster dafür. Es gibt viele Muster dafür, die mir einfallen. Möchten Sie eines aus dem buddhistischen Kontext? Ich kann Ihnen das buddhistische Modell dafür nennen. Denken wir an den „Lam-rim“, die aufeinanderfolgenden Stufen, wie man sich in Richtung Erleuchtung entwickelt: Zunächst macht man den ersten Schritt, und wenn man dann zu Schritt zwei fortschreitet, vergisst man dabei Schritt eins nicht; man kombiniert Schritt eins und Schritt zwei. Dann fügt man zu Schritt eins und /Schritt zwei einen dritten Schritt hinzu. Es ist ein zunehmender Aufbau, vergleichbar mit dem Bau eines mehrstöckigen Gebäudes. Wenn man zum zweiten Stockwerk kommt, zerstört man nicht das erste Stockwerk. Das erste Stockwerk muss beibehalten werden.

Ein weiteres Modell, das wohl eher graphisch dargestellt ist, ist ein Mandala. Im Zusammenhang mit einem Mandala, in dem es viele Gestalten gibt, sind wir das Ganze. Wir sind alle diese Gestalten. Es ist nicht so, dass wir nur die zentrale Gestalt sind; wir sind all das. So ähnlich, wie wir nicht nur unser Verdauungssystem sind; zum Körper gehört auch der Blutkreislauf und das Nervensystem usw. Man besteht also aus all dem.

Wir fangen also an, die positiven Einflüsse zu kombinieren, die uns aus folgenden Kategorien zugeflossen sind:

  • aus unserer Familie, in der wir als Kind aufgewachsen sind;
  • dem Land, der Kultur und der Religion, in die wir hineingeboren wurden (möglicherweise haben wir sie geändert; das ist dann eine andere Kategorie);
  • den wesentlichen Wissensgebieten, die wir erlernt haben, und den Sportarten, die wir ausgeübt haben, während wir heranwuchsen;
  • und all den Lehrern, die wir hatten;
  • sodann den Partnern, mit denen wir zusammen waren, und den Kindern, die wir möglicherweise haben;
  • dann aus bedeutenden Phasen unseres Lebens – die Einflüsse der verschiedenen Orte, wo wir gelebt haben, und der beruflichen Tätigkeiten, die wir ausgeübt haben;
  • und überdies möchten wir vielleicht hinzufügen, was wir in Bezug auf frühere Leben schlussfolgern können. Aber man muss dabei nicht einmal an frühere Leben denken; man kann einfach an natürliche Talente denken, die man hat.

Damit haben wir acht Kategorien aufgezählt. Man kann mit Sicherheit noch mehr finden. Das alles können wir uns nun wie ein Mandala vorstellen: Wir repräsentieren jede dieser Kategorien mit dem geistigen Bild einer Person oder von irgendetwas, das diese Kategorie symbolisiert – oder wenn uns die Vorstellung schwer fällt, richten wir die Aufmerksamkeit einfach auf diese Kategorien vor uns – und stellen uns vor, dass dieser positive Einfluss, dieses gelbe Licht, von ihnen allen ausgeht. Wir bestehen tatsächlich aus all dem. Dies sind also all die Einflüsse. Und all die positiven Qualitäten, die ich daraus erfahren habe, werden von dem Mandala repräsentiert, das ich bin. „Das ist es, was ich fördern möchte, was ich der Welt zu geben habe.“

Das ist eine Art, sich damit zu beschäftigen, wenn man es kann. Das ist nicht gerade das Einfachste auf der Welt, doch ich denke, wenn man das so machen kann, ist das sehr, sehr erhebend. Aber man fängt ganz langsam an, und für jeden Klienten muss man die Inhalte maßgeschneidert auf seine persönliche Situation anwenden.

Noch eine letzte Frage. Dann müssen wir noch Zeit dafür lassen, die Übung auszuprobieren.

Teilnehmer: Ich habe eine Frage zur Begrifflichkeit. Wir haben von den positiven und negativen Einflüssen gesprochen, die sich auf uns ausgewirkt haben. Was die negativen Einflüsse betrifft, so müssen wir sie anerkennen, aber nicht betonen, sie nicht in den Mittelpunkt stellen. Was ist vom begrifflichen Gesichtspunkt aus der Unterschied zwischen einer gesunden Anerkennung von etwas, einem gesunden Gewahrsein von etwas und einer unangemessenen Betonung dessen bzw. der Konzentration darauf?

Alex: Der Unterschied besteht darin, ob wir sie übertreiben oder nicht. Lassen Sie uns z.B. über Ärger oder Anhaftung sprechen:

  • Beim Ärger über jemanden oder etwas stellen wir die negativen Aspekte in den Mittelpunkt, übertreiben sie; wir können sogar noch mehr Negatives hinzufügen, dass gar nicht da ist. Hingegen neigen wir dazu, die positiven Aspekte zu ignorieren. „Du hast dies zu mir gesagt“ und „Du hast mir das angetan“ – das ist alles, worauf wir uns konzentrieren. Und das machen wir zu einer riesigen Angelegenheit. Die identifizieren wir dann mit jener Person: „Das ist alles, was sie ist: diese schreckliche Person, die diese hässlichen Dinge zu mir gesagt hat.“ Und wir denken an diese Angelegenheit, indem wir dieses große feste „Ich“ im Sinn haben: „Ich muss mich dagegen wehren“. So weisen wir etwas zurück, entweder mit Ärger, oder indem wir es wegschieben oder mit irgendeiner anderen Art von negativer Reaktion.
  • Etwas Ähnliches, nur auf gegenteilige Weise, geschieht im Fall von Anhaftung oder Begehrlichkeit. Man übertreibt die positiven Qualitäten, ignoriert die negativen, fügt sogar noch mehr Positives hinzu, und meint dann „Das muss ich haben.“ Und wenn ich es habe, will ich nicht davon lassen. Und selbst wenn ich es habe, will ich mehr – es soll länger dauern.

Das Problem besteht hier in der Übertreibung. Deswegen versuchen wir objektiv zu sein: „Das sind die Unzulänglichkeiten jener Person. Das sind die Stärken der Person (oder des Landes oder wovon auch immer). Alles hat Unzulänglichkeiten und Schwachpunkte sowie auch Stärken. Das ist normal.“

Nun kann man natürlich eine ganze Untersuchung darüber anstellen, warum meine Eltern die Unzulänglichkeiten haben, die sie haben, im Zusammenhang wiederum mit deren Eltern usw. Darauf kann man sicher eingehen. Aber worum es uns hier geht, ist, sie nicht nur mit ihren negativen Qualitäten zu identifizieren. Räumen Sie sie ein, ohne sie zu übertreiben. Wenn Sie ein gewisses Verständnis haben, warum sie so sind, gut. Wenn nicht – das ist nicht der Schwerpunkt dieser Übung (damit kann man sich in einer anderen Art von Therapie befassen). Lassen Sie es auf sich beruhen und schauen Sie sich nun die positiven Qualitäten an. Denn was bringt es, wenn ich mich über die negativen Seiten beklage? Es wird mich gewiss nicht glücklich machen. Alsdann richten wir das Augenmerk auf die positiven Qualitäten, übertreiben sie nicht, erkennen sie an und versuchen, weitere Inspiration dadurch zu erlangen. Inspiration erlangt man nicht durch negative Qualitäten. Dadurch erlebt man eher Niedergeschlagenheit.

Aber ich denke nicht, dass es hilfreich ist, hier auch noch die ganze Idee von Vergebung einzuführen – etwa, dass ich meinen Eltern die Fehler vergebe, die sie gemacht haben. Es ist eigentlich ziemlich arrogant, davon auszugehen, dass wir uns in einer solch wunderbar hohen Position befinden, aus der heraus wir auf sie herunterblicken und ihnen vergeben. Verstehen und Loslassen unterscheidet sich ziemlich von Vergebung.

Übung: Über den Einfluss unserer Mutter nachdenken

Lassen Sie uns nun eine dieser Übungen versuchen. Ein guter Punkt, um damit anzufangen, sind unsere Mütter. Wenn Sie möchten, können Sie auch mit ihrem Vater beginnen. Aber das spielt keine große Rolle, da wir uns im Verlauf des Prozesses sowieso mit beiden befassen. Aber weil wir hier nicht genug Zeit haben, die Übung mehrmals zu machen, müssen wir einfach sehen, wie es geht. Wählen Sie unter denjenigen, die Sie aufgezogen haben, aus der Familie, in der Sie aufgewachsen sind, ein Beispiel aus, wer auch immer das sein mag.

Wir beginnen, indem wir zur Ruhe kommen. Am Anfang ist es sehr wichtig, all die Gedanken und Gefühle loszulassen, die wir zu Beginn der Sitzung mitbringen, und sie zur Ruhe zu bringen. Die übliche Art, das zu tun, besteht darin, sich einfach auf den Atem zu konzentrieren: ganz normal durch die Nase zu atmen – vorausgesetzt, dass sie nicht verstopft ist -, nicht zu schnell, nicht zu langsam, und wenn Sie bestimmte Gedanken haben, die immer wiederkommen, oder starke Emotionen (mit Emotionen ist es schwieriger), versuchen Sie einfach, sie loszulassen. Weil der Atem ziemlich regelmäßig und einigermaßen ruhig ist, hilft er uns, zur Ruhe zu kommen. Er ist ebenmäßig. Er trägt auch dazu bei, uns zu erden, denn er ist ein physischer Vorgang, und deshalb hilft er uns, aus der Verwicklung in unsere Gedanken oder Gefühle herauszukommen. Wenn es schwierig ist, loszulassen, können Sie, wie ich gestern erklärt habe, die Hand zur Hilfe nehmen, indem Sie sie zur Faust ballen und dann öffnen und loslassen.

Ich stelle fest, dass die meisten die Augen geschlossen haben. Obgleich es Ihnen möglicherweise mit geschlossenen Augen leichter fällt, zur Ruhe zu kommen, ist es eigentlich ist nicht empfehlenswert, die Augen zu schließen. Dafür gibt es viele Gründe, aber der wesentliche ist, dass wir uns auch in Situationen des täglichen Lebens beruhigen und zur Ruhe kommen müssen. Wenn man die Augen schließen muss, damit das gelingt, kann das ein großes Hindernis sein – etwa wenn man Auto fährt und sich beruhigen muss. Am besten ist es also, sich darin zu üben, diese verschiedenen Inhalte durchzugehen und dabei die Augen offen zu lassen. Sie müssen nicht weit geöffnet sein oder starr auf etwas blicken – der Blick ist vielmehr so, dass er uns ermöglicht zu üben, diese Dinge auch in Alltagssituationen durchzuführen. Normalerweise schauen wir einfach nach unten.

Dann denken wir: „Ich bin ein menschliches Wesen wie alle anderen. Ich möchte glücklich sein. Ich möchte nicht unglücklich sein. Ich habe Gefühle, wie jeder andere auch. Wenn ich sehr negativ über mich denke, bewirkt das, dass ich mich schlecht fühle, und ich will nicht unglücklich sein. Daher wäre es gut, wenn ich mir Möglichkeiten überlege, die dazu beitragen, dass ich ein glücklicher Mensch werde.“

Dann rufen wir uns ein geistiges Bild unserer Mutter in den Sinn. Es muss kein ganz genaues Bild sein, wenn unser Erinnerungsvermögen nicht besonders gut ist oder wir nicht gut etwas visualisieren können – wir üben uns hier nicht im Visualisieren -, sondern einfach irgendetwas, das sie repräsentiert. Wenn nötig, können wir uns an ihre Unzulänglichkeiten oder negativen Eigenschaften erinnern, feststellen, dass diese aus Ursachen und Umständen entstanden sind, und entscheiden, dass es keinen Nutzen bringt, auf ihren Fehlern herumzureiten. Ohne sie abzustreiten, ohne sie zu übertreiben, legen wir deren weitere Erwägung einfach beiseite. Ohne sie zu leugnen, ohne Übertreibung, einfach in dem Sinne: „Nun gut, so ist es. Jeder hat Unzulänglichkeiten. Das ist nichts Besonderes. Das gilt nicht nur für Unzulänglichkeiten in ihrem Verhalten mir gegenüber, sondern allgemein.“

O.k. Ich gebe Ihnen jetzt ein Beispiel. Ich denke an meine Mutter: Meine Mutter war nicht sehr gebildet. Sie musste sehr früh anfangen zu arbeiten, deshalb konnte sie mir nicht bei den Hausaufgaben helfen. Das ist ein Manko, aber es war nicht ihr Fehler; sie wuchs in einer Zeit der Wirtschaftskrise auf, die Familie war arm, und sie musste das Haus verlassen und Geld verdienen. Stellen wir das also in den Hintergrund. Ich kann das verstehen. Es war ein Defizit, aber keine große Sache. Das war die Realität. Kein Drama.

Dann denke ich an die guten Qualitäten meiner Mutter, an das, was ich durch sie gewonnen habe – oder hätte gewinnen können (möglicherweise war ich noch zu jung oder hatte eigene Probleme oder konnte bestimmte Qualitäten nicht richtig würdigen) – und konzentriere mich mit Überzeugung auf diese Tatsachen. Ich versuche den Nutzen zu erkennen, den ich durch sie erlangt habe, selbst die kleinen Vorteile, z.B. dass sie uns in meiner Kindheit das Essen gekocht hat. (Sie sehen, dass dies Dinge sind, mit denen Sie einem Klienten bei der Erinnerung helfen können, falls ihm keine guten Qualitäten an seiner Mutter einfallen.) Welche Qualitäten habe ich von ihr und durch ihr Beispiel gelernt? Wir konzentrieren uns mit tiefer Wertschätzung und Respekt auf diese Tatsachen.

Dann stellen wir uns vor, dass von dem Bild unserer Mutter gelbes Licht ausgeht und uns mit gelbem Licht erfüllt, so dass wir uns inspiriert fühlen, diese Qualitäten weiterzuentwickeln. Wir fühlen uns aufgerichtet und stellen uns dann vor, dass von uns gelbes Licht ausstrahlt und andere inspiriert, diese Qualitäten ebenfalls zu entwickeln. Anschließend lassen wir unsere Energie zur Ruhe kommen, konzentrieren uns wieder auf den Atem und beenden die Übung dann mit dem Gedanken: „Möge dieses positive Gefühl immer tiefer gehen und immer stärker werden, damit es von größtmöglichen Nutzen für mich selbst und für alle ist, denen ich begegne.“

So verläuft also die Übung.

Fragen und Antworten

Fragen? Anmerkungen?

Teilnehmer: Eine ganz einfache Frage: Wenn ich übe, mir dabei beispielsweise mein Vater oder meine Mutter vorstelle und daran denke, dass ich die besten Qualitäten, die sie hatten, übernommen habe, kann ich das bereits nach ein paar Sekunden empfinden. Was hat es dann für einen Sinn, noch zehn Minuten oder länger weiterzumachen? Vielleicht kann die Dauer der Übung an den individuellen Gegebenheiten ausgerichtet werden, da doch jeder anders in seinen Empfindungen ist?

Alex: Natürlich kann sie von jeder Person in unterschiedlicher Geschwindigkeit durchgeführt werden. Wenn Sie sie alleine durchführen, können Sie natürlich ihr eigenes Tempo bestimmen. Wenn Sie sie allerdings zum ersten Mal machen, brauchen sie wahrscheinlich für jede einzelne Person in ihrer Lebensgeschichte länger als beim nächsten Mal, wenn Sie sie wiederholen. Es ist also ein natürlicher Prozess, dass es allmählich immer schneller geht.

Wenn man allerdings, insbesondere am Anfang, zu schnell vorgeht, besteht natürlich die Gefahr, dass man einige der guten Punkte übergeht; man sucht sich nur ein paar besonders hervorstechende aus und geht nicht wirklich tief genug in seiner Untersuchung. Die meisten von uns haben schließlich eine Menge Zeit mit den Eltern verbracht, während wir aufwuchsen, sodass eine Menge Dinge auftauchen, die wir würdigen können, wenn wir uns Zeit nehmen, darüber nachzudenken und uns zu erinnern. Das ist vor allem dann von Bedeutung, wenn wir eine schwierige Beziehung zu einem unserer Elternteile oder jemandem in unserem Leben hatten. Dann denken wir oft nicht genügend an all ihre positiven Qualitäten. Und wenn wir eine finden, dann lassen wir es dabei bewenden – doch wenn wir weiter nachforschen und uns wirklich eingehend damit befassen, finden wir vielleicht noch mehr.

Das Ziel ist natürlich letztlich, dass wir, wie bei der Visualisierung eines Mandalas, nicht mehr diesen ganzen analytischen Prozess durchlaufen müssen und einfach augenblicklich dieses positive ganzheitliche Gefühl spüren und dieses mühelos auftritt, gewissermaßen als Teil unserer Art, wie wir mit dem Leben umgehen. Aber das erfordert eine ganze Menge Übung.

Noch jemand?

Teilnehmer: Die grundlegende Idee ist also, dass sich, wenn die Übung korrekt durchgeführt wurde, ein positives Gefühl einstellt, selbst wenn man zu Beginn der Praxis ärgerlich oder den Tränen nahe war?

Alex: Ja. Das war eine einfache Frage.

Teilnehmer: Eine Frage zu den negativen Qualitäten: Gestern habe ich den Zusammenhang so verstanden, dass ich bestimmte negative Qualitäten von meinen Eltern übernommen habe und meine Verantwortung in Bezug darauf anerkenne. Aber gibt es etwas, das wir mit diesen negativen Qualitäten machen können, außer sie lediglich anzuerkennen, Verantwortung dafür zu übernehmen und loszulassen?

Alex: Nun, es gibt einen kompletten Reinigungsprozess – so der buddhistische Ausdruck -, den wir anwenden können. Wissen Sie, das Problem besteht hier darin, diese negativen Qualitäten, die wir vielleicht haben (z.B. eine Neigung zu Gefühlsausbrüchen oder Jähzorn), auszuagieren.

  • Der erste Schritt besteht natürlich darin, die entsprechende Eigenschaft zu erkennen.
  • Doch dann empfinden wir Bedauern oder Reue in Bezug auf dieses Verhalten. Das ist nicht dasselbe wie Schuldgefühl. Schuldgefühl ist verbunden mit der Betonung, „wie schlimm das ist“ und der Einstellung „Was bin ich doch für ein schlechter Mensch, dass ich so etwas getan habe“, und dann lässt man überhaupt nicht mehr davon ab. Das ist Schuldgefühl. Bedauern heißt einfach: „Ich wünschte, ich hätte mich nicht so verhalten. Es wäre besser, wenn ich diese Neigung nicht hätte.“
  • Dann fassen wir den Entschluss: „Ich werde versuchen, mich nicht mehr so aufzuführen.“
  • Anschließend bekräftigen wir die positive Richtung, die wir in unserem Leben einschlagen wollen: „Ich möchte Unzulänglichkeiten überwinden. Ich möchte immer mehr positive Qualitäten entwickeln.“ Wir müssen das nicht im buddhistischen Sinne ausdrücken, nämlich dass wir auf diese Weise Befreiung und Erleuchtung erlangen möchten, sondern können das ganz allgemein fassen.
  • Und um den negativen Impulsen, die wir vielleicht haben, entgegenzuwirken, üben wir uns in dem Rest der Schulung, nämlich, indem wir als Gegengewicht die positiven Impulse stärken. Je mehr und stärker wir Vertrautheit und tief greifende Gewohnheiten in Bezug auf die positiven Qualitäten aufbauen, in umso stärkerem Maße werden diese es sein, die uns statt der negativen in den Sinn kommen, wenn wir in eine kritische Situation geraten.

Obwohl dieser Reinigungsprozess einem buddhistischen Kontext entstammt, braucht er keineswegs in einem solchen Kontext verwendet zu werden, um als effektive Methode wirksam zu sein.

Teilnehmer: Können wir diese Methode auch anwenden, wenn wir uns mit traumatischen Erfahrungen befassen, die wir gemacht haben (etwa wenn jemand unser Todfeind war und eine wirkliche Gefahr für uns war)? Oder ist diese Methode für den Umgang mit solchen drastischen, extremen Situationen nicht geeignet?

Alex: Ich denke, für extreme Situationen, in denen wir physisch oder sexuell missbraucht wurden, ist dies keine geeignete Methode. Wir müssen andere therapeutische Methoden einsetzen, um mit derart extremen Situationen umzugehen.

Die Methoden, die von Seiten des Buddhismus vorgeschlagen werden, sind nicht in erster Linie für Menschen geeignet, die ernsthaft psychisch geschädigt sind. Man muss einigermaßen stabil sein, um diese Methoden anzuwenden, sei es im buddhistischen Kontext oder außerhalb des buddhistischen Rahmens. Denn in der hier erklärten Methode beschwört man alte Erinnerungen herauf, und wenn man sehr unstabil ist, kann es wirklich niederschmetternd sein, sich solche alten Erinnerungen ins Gedächtnis zurückzurufen. Wir müssen also insofern vorsichtig sein, dass wir nicht denken: „Oh, buddhistische Methoden können für jeden und in jeder Situation angewendet werden.“ Wir müssen langsam und allmählich vorgehen. Es gibt viele, viele Methoden.

Teilnehmer: Gibt es Methoden und Techniken, die man anwenden kann, um mit Menschen in Konfliktsituationen zu arbeiten (wenn zum Beispiel starker Hass zwischen zwei Seiten herrscht, wie etwa gegenwärtig in Syrien, oder wenn in einer Nation ein starkes Hassgefühl gegenüber einer anderen Nation besteht)? Gibt es solche Methoden im Buddhismus?

Alex: Nun, in dem Fall geht es um ganze Gesellschaften. Und für eine ganze Gesellschaft ist so etwas natürlich ziemlich schwierig. Die buddhistischen Methoden müssen individuell eingesetzt werden; man arbeitet also mit Individuen. Die einzige Möglichkeit, so etwas in größerem Ausmaß einzusetzen, ist im Bildungssystem und indem man versucht, eine ausgewogenere, objektivere Sicht der Geschichte, der verschiedenen Gesellschaften zu vermitteln.

Wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama überaus stark betont, wäre es von großem Nutzen, eine Art Ethik in die grundlegende Schulausbildung für Kinder einzuführen. Dabei geht es um weltliche Ethik, die allen Religionen gegenüber respektvoll ist, aber nicht auf einer bestimmten Religion basiert. Das ist eine Ethik, die ganz auf biologischen Tatsachen beruht – z.B. dass jeder positiv auf Zuneigung reagiert. Das ist der grundlegende Faktor, der biologisch zwischen einer Mutter und ihrem neu geborenen Kind auftritt. Auf einer solchen Grundlage erkennen wir, dass wir alle Menschen sind, dass ein jeder glücklich sein möchte und dass jeder anständig behandelt werden möchte – darin sind wir alle gleich.

Wir lernen also zwischen der Person und ihrem Verhalten zu differenzieren. Das Verhalten mag inakzeptabel sein, aber das heißt nicht, dass die Person inakzeptabel ist. Die Person ist immer noch ein menschliches Wesen. Wenn Ihr Kind ungezogen ist, dann missbilligen Sie das Verhalten des Kindes, aber sie hören nicht auf, das Kind zu lieben. Und das ist etwas, was auf jeden übertragbar ist. Ob das in einem Rahmen von umfassender Spannweite hilfreich ist oder nicht, ist schwer zu sagen, aber es würde ganz offensichtlich ein erhebliches Ausmaß an Zeit erfordern.

Noch zwei Fragen.

Teilnehmer: Sie haben erwähnt, dass diese Methode einzeln oder in Gruppen angewendet werden kann. Bedeutet Gruppenarbeit in diesem Zusammenhang, dass man so vorgeht, wie wir es hier getan haben, dass sich also jeder für sich über den gleichen Inhalt Gedanken macht und darüber nachsinnt? Oder kann man das noch anders handhaben?

Alex: Der Vorteil in der Gruppe ist, dass sie hilft, eine gewisse Disziplin einzuhalten. Die Leute können ihre Erfahrungen miteinander teilen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie sich in einer Art geschütztem Raum befinden, in dem das, was sie sagen, von den anderen nicht lächerlich gemacht wird oder irgend so etwas. Das muss also eine Grundregel sein. Diese Grundregel, der geschützte Raum, kann durch den Gruppenleiter gewährleistet werden, so wie auch ein Therapeut einen geschützten Raum zur Verfügung stellt, in dem der Klient das Gefühl hat, dass er sich öffnen und dem Therapeuten vertrauen kann. Das Gleiche ist in Bezug auf die jeweiligen Vorteile von Einzel- und Gruppentherapie zu beachten. Es gelten die gleichen Rahmenbedingungen.

Teilnehmer: Wenn wir uns mit einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens befassen, der uns beeinflusst hat, gibt es dann einen Punkt, an dem wir diesen Zeitpunkt durcharbeiten können und dann nicht mehr zu ihm zurückkehren müssen, ihn in gewissem Sinne überwinden und damit fertigwerden können? Oder müssen wir zu Punkten wie den Einflüssen, die unsere Eltern auf uns hatten, dem Einfluss unserer Kindheit usw. unbedingt wieder zurückkehren? Gibt es ein bestimmtes Ausmaß, bis zu dem wir eine Zeit durcharbeiten können, sodass wir nicht immer wieder darauf zurückkommen müssen?

Alex: Wenn es um eine schwierigen Episode in unserem Leben geht, so nehme ich an, dass wir ihr gegenüber den Zustand erreichen müssen, den man Gleichmut nennt. Gleichmut wird als derjenige Geisteszustand definiert, in dem man weder abgestoßen von etwas noch dazu hingezogen noch gleichgültig ist. Abgestoßen zu sein – „Ich bin wirklich ärgerlich darüber, ich fühle mich verletzt, und ich werde das nicht auf sich beruhen lassen“ – beinhaltet auch ein Element von Anhaftung, denn man will das nicht loslassen und folglich reitet man weiter darauf herum. Doch wir wollen auch nicht in das andere Extrem verfallen und die Angelegenheit leugnen und ignorieren („Ich kann damit nicht umgehen, also tue ich so, als würde es nicht existieren“).

Wenn man in Bezug auf die ganze Angelegenheit völlig offen und entspannt sein kann – „Das ist das, was passiert ist. Es ist Teil meiner Geschichte, so, wie auch die anderen Teile meiner Geschichte. Es mag eine schwierige Zeit gewesen sein, aber jeder macht schwierige Zeiten durch“ -, dann hat man diesen Gleichmut, diese Ruhe in Bezug darauf, und muss es nicht mehr durcharbeiten. „Das hat in meinem Leben eine Rolle gespielt, das akzeptiere ich. Und was sehr wichtig daran ist, ist das negative Gefühl, dass ich im Anschluss daran so lange hatte. Auch das hat eine sehr große Rolle in meinem Leben gespielt und sich stark darauf ausgewirkt, wie ich mit anderen umgegangen bin sowie auf das Gefühl, was ich mir selbst gegenüber hatte.“ Einige würden diesen Gleichmut wohl auch als Akzeptieren beschreiben. Man akzeptiert: „So war es. Das sind die Tatsachen.“

Was mir noch eingefallen ist in Bezug auf die Gruppenarbeit ist die Zusammenarbeit mit Familien. Wenn man den Bereich dessen, was man im Leben der einzelnen Personen untersuchen will, auf die Interaktion innerhalb der Familie begrenzt und jede Person von den anderen Familienmitgliedern die positiven Dinge zu hören bekommt, die sie von ihr gelernt haben, könnte das meiner Meinung nach sehr hilfreich sein. Insbesondere wenn rebellische Jugendliche in der Familie sind und die Eltern den Eindruck haben: „Die lehnen alles ab, was ich tue, sie hassen mich und wollen einfach nur weg. Sie schämen sich meiner“ usw., dann kann es – sofern man eine Atmosphäre schaffen kann, die das zulässt – recht erstaunlich sein, wenn der oder die Jugendliche sich öffnet und zugesteht, dass es auch Einiges an dem Elternteil gibt, das sie mögen oder bewundern oder von ihm gelernt haben. Das Gleiche gilt für die Eltern im Zusammenhang damit, welches die Aspekte sind, die sie an ihren Kindern bewundern. Es ist nicht so, dass ihnen immer nur alles missfällt. Man versucht also, ihnen den Raum zu geben, in dem sie untersuchen, darüber nachsinnen und daran zu denken versuchen, was die positiven Qualitäten eines jeden Familienmitglieds sind, von denen sie profitiert haben, die sie bewundern und als förderlich empfinden.

Wir kommen nun zum Ende unserer gemeinsamen Zeit. Ich danke Ihnen sehr für diese Gelegenheit, all das mit Ihnen zu teilen. Wenn Sie diese Art von Übung nützlich finden, seien Sie herzlich eingeladen, sie zu verwenden. Und, wie Seine Heiligkeit am Ende seiner Vorträge zu sagen pflegt: Wenn Sie sie nicht hilfreich finden, vergessen Sie sie.

Vielen Dank.