Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung zu: „Integration der verschiedenen Aspekte unseres Lebens“

Alexander Berzin
Moskau, Russland, Oktober 2012
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Erste Sitzung: Theorie

Einführung

Ich bin gebeten worden, heute und morgen Abend über eine besondere Art von Übung zu sprechen, die ich entwickelt habe und die „Integration der verschiedenen Aspekte unseres Lebens“ heißt. Sie fügt sich gut in das allgemeine Bild ein, das Seine Heiligkeit der Dalai Lama vermitteln möchte. Er spricht immer davon, dass Buddhismus aus buddhistischer Wissenschaft, buddhistische Philosophie und buddhistische Religion besteht:

  • Buddhistische Psychologie – oder Wissenschaft, wie ich wohl besser sagen sollte – beinhaltet die psychologischen Aspekte; sie handelt davon, wie der Geist funktioniert. Sie erörtert auch Kosmologie und zahlreiche Themen, die für Wissenschaftler diverser Fakultäten von Interesse sind.
  • Buddhistische Philosophie beinhaltet ein sehr hoch entwickeltes logisches System und eine überaus tiefgehende Analyse der Realität – die Untersuchung von Ursachen und Wirkungen und wie die Welt funktioniert.
  • Buddhistische Religion hat die verschiedenen Arten zum Thema, wie wir uns im Kontext früherer und späterer Leben weiterentwickeln, sowie auch die Zusammenhänge von Karma. Sie beinhaltet auch Rituale, Gebete usw.

Der Dalai Lama betont stets, dass der Buddhismus im Bereich der buddhistischen Wissenschaft und buddhistischen Philosophie der Welt eine Menge zu bieten hat, was auch außerhalb der buddhistischen Religion von Nutzen sein kann. Das System, das ich heute Abend vorstellen möchte, fällt in diese Kategorie; es beinhaltet eine Kombination von buddhistischer Wissenschaft und buddhistischer Philosophie. Somit kann dieses System in therapeutischen Zusammenhängen, sei es in Gruppen oder für Einzelpersonen, angewendet werden, aber ich meine nicht, dass es auf Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten beschränkt ist. Ich denke, dass es für jeden hilfreich sein kann.

Das Selbst in der westlichen Psychologie

In der Psychologie spricht man von einem gesunden Ego und einem übertriebenen Ego, und ich denke, wir alle würden der Aussage zustimmen, dass ein gesundes Ego sehr wichtig ist, um mit den Schwierigkeiten und Anforderungen des täglichen Lebens fertigzuwerden. Wenn wir ein gesundes Ego haben, haben wir eine positive Einstellung zu uns selbst, wir haben ein Gefühl von Selbstvertrauen, und wir sind imstande, mit allem klarzukommen, was im Leben so geschieht. Mit einem übertriebenen oder ungesunden Ego hingegen stoßen wir auf Schwierigkeiten, weil unser Selbstgefühl dann nicht auf einer realistischen Sichtweise beruht. Wenn wir ein übertriebenes Ichgefühl haben, meinen wir, wir wären wichtiger als jeder andere; wir gehen davon aus, dass wir immer Recht haben, wir immer unseren Willen bekommen müssten usw., Das führt natürlich zu Konflikten mit anderen. Doch es gibt auch viele weitere ungesunde Einstellungen, die wir haben können, und die wohl nicht in die Kategorie eines übertriebenen Egos fallen, z.B. ein sehr negatives Selbstbild, und die ebenfalls dazu führen können, dass wir enorme Schwierigkeiten haben im Leben zurechtzukommen. Auch sie sind nicht das, was man unter einem gesunden Ego versteht.

Das Selbst im Buddhismus

Im Buddhismus wird natürlich sehr viel über das Selbst gesprochen. Wir verwenden hier nicht gern das Wort Ego, denn – ich weiß nicht, wie es im Russischen ist, aber im Englischen ist das ein Begriff, der von verschiedenen philosophischen und psychologischen Systemen auf spezielle Weise definiert wird; darum ist es besser, ihn in unserem Kontext nicht zu verwenden. Im Buddhismus ist die Rede von dem konventionellen Selbst bzw. dem konventionellen Ich, und dem falschen Ich. Ein gesundes Ego im buddhistischen Sinne würde bedeuten, dass wir, wenn wir an uns selbst denken, das im Sinn haben, was im Buddhismus das konventionelle Ich genannt wird. Wenn wir ein übertriebenes Ego oder ein niedriges Selbstwertgefühl haben, haben wir, wenn wir an uns denken, ein falsches Ich im Sinn.

Wie verstehen wir also das Selbst im Buddhismus? Wir sprechen davon, wie wir jeden Augenblick unserer Erfahrung im täglichen Leben in seine Einzelteile zerlegen. Jeder Augenblick unserer Erfahrung besteht also aus vielen Komponenten:

  • Normalerweise haben wir eine Art Sinneserfahrung, die auftritt. Wir sehen etwas, hören etwas, spüren physische Empfindungen (heiß, kalt, angenehm, unangenehm usw.). All das findet statt.
  • Wir haben grundlegende Geistesfaktoren, die in gewissem Maße immer vorhanden sind; dazu gehören Aufmerksamkeit, Konzentration, Interesse – solche Arten von Faktoren – sowie auch Müdigkeit und Wachheit.
  • Zudem haben wir verschiedene Emotionen, die jeden Moment begleiten. Dabei kann es sich um positive Emotionen handeln, wie z.B. Liebe, Geduld, Mitgefühl, oder auch um negative Emotionen, wie z.B. Ärger, Gier, Eifersucht usw.
  • Und wir empfinden stets ein gewisses Ausmaß von Glücklichsein oder Unglücklichsein. Es muss nicht sehr stark sein, aber es ist immer vorhanden.
  • Bei den meisten von uns ist außerdem eine gewisse Zwanghaftigkeit vorhanden, die uns veranlasst, auf bestimmte Weise zu handeln oder zu reden. Manchmal sprechen oder handeln wir auf sehr bewusste Art und haben das Gefühl, dass wir das unter Kontrolle haben, aber selbst das ist von unseren Gewohnheiten sowie von unserer Umgebung beeinflusst, davon, wie wir aufgewachsen sind usw.

All das ändert sich ständig in unterschiedlichem Maße. Es ist das, was in unserer subjektiven Erfahrung von Moment zu Moment abläuft. Und es gibt ein gesamtes Kontinuum davon, das sich seit der Zeit, als wir geboren wurden, bis hin zu unserem Tod fortsetzt.

Wie beziehen wir uns darauf? Wie erfahren wir es? Wir erfahren es als „ich“. Das heißt, dass wir die Bezeichnung „ich“ in Bezug auf diese sich ständig ändernde Grundlage verwenden. Doch wenn wir dieses „Ich“ analysieren, wird es sehr interessant. Gibt es daran etwas, das immer gleich bleibt? Wenn Sie darüber nachdenken, wenn Sie sich selbst z.B. auf einem Foto betrachten, das Sie als Baby darstellt, und sagen: „Das bin ich“, und sich dann auf einem Foto betrachten, auf dem Sie als Erwachsener zu sehen sind, und sagen „Das bin ich auch“ – gibt es da etwas, das dieses „ich“ gemeinsam hat? Was ist es, das Sie wiedererkennen? Wir sehen: Da gibt es nichts Feststehendes an diesem „Ich“, das wir auf jedem dieser Fotos identifizieren. Nichtsdestotrotz bin ich es – nicht Sie, nicht irgendjemand anders. Wir können also jedem Moment der Erfahrung in diesem langen Kontinuum die Bezeichnung „ich“ zuschreiben, und wir können sie der Gesamtheit dieser Erfahrungsmomente zuschreiben.

Wenn wir dies nun auf eine sehr fließende Art und Weise im Sinn behalten, nämlich bezogen auf jeden Moment denken: „Nun tue ich dies. Nun tue ich das. Gerade erfahre ich dies, erfahre ich jenes“, dann gibt es keine großen Probleme. Nicht wahr? Wir beziehen uns damit auf das, was wir das konventionelle Ich nennen würden. Dieses ist die Grundlage dafür, dass wir ein gesundes Ichgefühl haben können. Probleme treten auf, wenn wir eine fixierte Vorstellung von einem feststehenden „Ich“ haben und uns mit einem bestimmten Bild in dieser langen Reihe von Erfahrungen im Verlauf unseres Lebens identifizieren. In gewisser Weise ist das so, als würden wir den Film unseres Lebens an einer Stelle anhalten und uns mit einer Szene oder sogar nur dem Teil einer Szene identifizieren. Natürlich kann das Bild, mit dem wir uns zu unterschiedlichen Zeiten identifizieren, jeweils ein anderes sein. Das kommt selbstverständlich vor.

Umgangssprachlich ausgedrückt könnten wir sagen, dass wir uns auf eine bestimmte Identität dessen fixieren, was wir zu sein glauben. Das könnte z.B. sein: „Ich bin ein junger Mensch mit einem kräftigen, attraktiven Körper“. Natürlich passt das dann manchmal nicht mit dem zusammen, was wir erleben, und dann entsteht eine Menge Unzufriedenheit. Man schaut sich im Spiegel an oder stellt sich auf die Waage und meint: „Das kann unmöglich ich sein. Mein Selbstbild besagt, dass ich unmöglich so viel wiegen kann.“ Oder wir könnten uns mit unserer Intelligenz identifizieren oder mit unserem Geld oder mit unserem Beruf – es gibt Vieles, womit man sich identifizieren kann.

Ich denke, eines der besten Beispiele dafür ist folgendes: Wenn wir mit jemandem eine Beziehung eingegangen sind, stützen wir unsere Identität oft darauf, Teil eines Paares zu sein. Das ist eine Szene in dem Film unseres Lebens. Aber dann endet die Beziehung – der Partner macht Schluss mit uns – und wir leiden entsetzlich. Warum leiden wir so entsetzlich? Weil unsere Identität immer noch die von einem Teil dieses Paares ist, aber wir sind es nicht mehr. Und die einzige Art, wirklich darüber hinwegzukommen, besteht darin, dass wir nach der Trennung immer mehr Erfahrungen machen, mit denen wir uns dann identifizieren und sagen: „Jetzt ist es das, was ich bin.“ Bis wir ein gewisses Ausmaß an Erfahrungen nach der Beziehung gemacht haben, auf die wir uns als „ich“ und als „mein Leben“ beziehen können, werden wir immer noch darin festhängen, dass wir an uns selbst als Teil eines Paares denken.

Ein gesundes Ichgefühl entwickeln

Für ein gesundes Ego bzw. ein gesundes Ichgefühl ist es erforderlich, sich als „ich“ im Zusammenhang mit dem verstehen zu können, was jetzt passiert – wir würden sagen: in Bezug darauf die Zuschreibung „ich“ zu verwenden – und somit nicht in der Vergangenheit steckenzubleiben oder in irgendeiner Zukunftsvision. Das ist also das allgemeine Prinzip. Die Fachbegriffe dafür lauten: das „Selbst“ und „die Basis für die Zuschreibung oder Bezeichnung „ich“. Diese Basis besteht aus den Momenten unserer Erfahrung.

Wenn wir nun das gesamte Kontinuum unseres Lebens betrachten, so ist festzustellen, dass wir alles, was sich im Laufe dieses Kontinuums abgespielt hat, erlebt haben und all das uns beeinflusst hat, ganz gleich, ob wir uns daran erinnern oder nicht. Wir sind also von all den verschiedenen Familienmitgliedern, Freunden und Verwandten beeinflusst worden. Wir sind von unserer Schulbildung beeinflusst, von den Lehrern, von allem, was wir gelernt haben. Wir sind von unseren Berufserfahrungen beeinflusst. Wir sind beeinflusst von den Medien und den Unterhaltungsprogrammen, die wir uns angesehen haben, von den Orten, wo wir gelebt haben, und denen, die wir auf Reisen kennengelernt haben. Unser Leben – jedes Leben – ist gefüllt mit einer enormen Menge an Erfahrungen und Einflüssen, und all diese Erfahrungen wirken sich darauf aus, was wir jetzt empfinden, denken, wie wir uns verhalten und reden. All das übt einen Einfluss aus – vielleicht nicht alles davon in jedem Augenblick, aber es besteht dieses gesamte Ausmaß von Erfahrungen, die zusammenkommen und die Art und Weise formen, wie wir sind.

Eine der Hauptursachen für Probleme tritt auf, wenn wir uns zunächst einmal all dieser Einflüsse nicht bewusst sind, die sich darauf auswirken, wie wir denken und reden und uns verhalten, oder wenn es solche gibt, die uns bewusst sind und mit denen wir uns stark identifizieren, indem wir andere Faktoren dabei ausschließen. Es können unbewusste Einflüsse aktiv sein, die wir uns nicht eingestehen, oder es kann sein, dass wir bestimmte Einflüsse nicht wahrhaben wollen.

In diesem gesamten Prozess, den ich hier im Zusammenhang mit der Integration der verschiedenen Aspekte unseres Lebens ansprechen möchte, geht es um einen ganzheitlichen Ansatz für das Leben. Wir versuchen, uns all dieser Einflüsse bewusst zu sein, die wir erlebt haben, und sie in ein ganzheitliches Bild zu integrieren. Auf diese Weise wird die Basis dafür, was wir im Zusammenhang mit unseren Erfahrungen als „ich“ bezeichnen, weiter wachsen, während mehr und mehr Erfahrungen im Leben stattfinden. Obwohl alles, was geschieht, jeweils ein Augenblick zur Zeit ist – und wir unser „ich“ diesem Moment zuschreiben -, wird doch in diesem Moment der Einfluss unseres gesamten Lebens vorhanden sein.

In einigen Therapien, die ich kennengelernt habe, versucht man nun, die negativen Aspekte, die negativen Einflüsse zu identifizieren, die man, sagen wir von den Eltern, erhalten hat. Man stellt eine Liste auf, welches die Gewohnheiten und Verhaltensweisen sind, die denen meiner Mutter gleichen, welche denen meines Vaters, usw., und versucht, sich dessen bewusstzuwerden. Normalerweise liegt dabei der Schwerpunkt auf den negativen Dingen. Oder es kann sich auch einfach um etwas Neutrales handeln, z.B. dass ich gerne meine Wohnung in Ordnung halte oder gerne etwas wegwerfe oder gerne Dinge aufbewahre, dass ich gern zu bestimmten Zeiten esse usw. Das sind neutrale Angelegenheiten, nicht wahr?

Aber die negativen oder neutralen Dinge sind nur ein Teil des Bildes. Sehr wichtig ist, sich auch der positiven Dinge bewusstzuwerden, die wir gelernt haben oder als Einflüsse unserer Eltern aufgenommen haben, und diesen Vorgang nicht nur auf die Eltern zu beschränken. Da wir, wie gesagt, von so Vielem beeinflusst sind, gibt es vielmehr ähnliche Listen auch im Zusammenhang mit Brüdern und Schwestern, anderen Verwandten, Freunden, Schule, Beruf usw.

Es besteht eine natürliche Neigung dazu, dass man loyal sein möchte – loyal gegenüber der eigenen Familie, gegenüber der Beschäftigung, die man ausübt, gegenüber Angehörigen des eigenen Geschlechts, loyal gegenüber vielen verschiedenen Dingen. Und was oft passiert, ist, dass wir uns unbewusst loyal gegenüber den negativen Aspekten verhalten. Wenn unsere Eltern uns dauernd erzählen, dass wir nichts taugen, dann verhalten wir uns mit Sicherheit schrecklich, um dem gewissermaßen zu entsprechen und angenommen zu werden: Ja, so ist es, wir taugen nichts. Aber es ist nicht sehr hilfreich, loyal gegenüber den negativen Aspekten zu sein, oder? Es ist natürlich wichtig, diese Einflüsse nicht zu leugnen, aber es nützt nichts, sich darüber zu beklagen. Es nützt nichts, den Eltern oder der Schule oder der Gesellschaft usw. für all das die Schuld zu geben, nämlich für die negativen Dinge, die ich gewissermaßen von ihnen übernommen habe. Allerdings muss man natürlich einräumen: „Nun ja, ich habe diese negativen Einflüsse erlebt.“

Wir erkennen das an und verstehen es. Gut, aber was dann? Es geht darum, nicht dabei stehenzubleiben. „Richtig, ich bin von all diesen negativen Aspekten beeinflusst worden, aber das ist nicht etwas, das ich aufrechterhalten und fortsetzen möchte. Ich möchte stattdessen die positiven Aspekte betonen, die ich übernommen habe.“ Wenn wir das tun, haben wir eine positive Einstellung, nicht wahr, eher dankbar als vorwurfsvoll. Statt Vorhaltungen zu machen – „Ihr wart so schrecklich, als ihr mich erzogen habt. Du bist eine schreckliche Mutter, ein schrecklicher Vater“ -, sind wir dankbar für das, was wir gelernt haben, und erkennen es an. Wenn wir meinen, unsere Eltern hätten nichts getaugt, nun, was setzen Eltern, die nichts taugen, in die Welt? Sie setzen Kinder in die Welt, die nichts taugen. So denken wir. Das mag eine unbewusste Denkweise sein, aber so denken wir. Ich tauge also auch nichts: „Meine Eltern haben nichts getaugt. Ich tauge nichts.“ Es besteht also eine Neigung dazu, ziemlich wenig Selbstvertrauen zu haben.

Natürlich gibt es Ausnahmen, manche Menschen können sich über so etwas hinwegsetzen, aber ich spreche hier davon, was häufig der Fall ist. Wenn wir hingegen an die positiven Dinge denken, die wir von unseren Eltern, unseren Freunden, aus unserer Schule, unserer Gesellschaft usw. übernommen haben, verleiht uns das eine sehr viel positivere Sichtweise in Bezug auf uns selbst, und das gibt uns ein gewisses Selbstvertrauen. Und mit diesem Selbstvertrauen – solange wir dieses „Ich“ nicht aufblasen zu „Ich bin so wundervoll“, solange wir eine realistische Sicht in Bezug auf uns selbst bewahren, haben wir ein gesundes Ego, ein gesundes Selbstgefühl.

Die verschiedenen Aspekte unseres Lebens integrieren

Dieses Gefühl der Selbstachtung, des Selbstvertrauens usw. ist ein sehr wichtiger Faktor. Wir können lernen, dieses Gefühl zu entwickeln, indem wir die verschiedenen Aspekte unseres Lebens, insbesondere die positiven, integrieren. Eine Art, dies zu üben, besteht darin, sich die verschiedenen Faktoren und Bereiche anzuschauen, die uns im Laufe unseres Lebens beeinflusst haben:

  • Wir schauen uns unsere Familie und unsere Freunde an und richten dabei den Blick auf jedes einzelne Familienmitglied und jeden einzelnen unsere Freunde, angefangen von der Kindheit bis hin zur Gegenwart.
  • Wir rücken dann auch das Land, in dem wir geboren sind, ins Blickfeld, sowie die Region, in der wir leben, die Kultur, innerhalb derer wir aufgewachsen sind, und auch die Tatsache, ob wir mit einer Religion oder ohne Religion aufgewachsen sind – all solche Dinge.
  • Sodann betrachten wir die wesentlichen Studienbereiche, mit denen wir uns in unserem Leben befasst haben, und die Sportarten, die wir ausgeübt haben (für viele Menschen hat das eine große Rolle in ihrem Leben gespielt).
  • Wir betrachten auch unsere Lehrer, d.h. diejenigen, von denen wir etwas Wichtiges im Leben gelernt haben, sei es in spiritueller oder weltlicher Hinsicht.
  • Dann richten wir das Augenmerk auf die verschiedenen Partner, mit denen wir eine Beziehung eingegangen sind, und falls wir verheiratet sind, auf unsere Kinder (bzw. natürlich auch dann, wenn wir nicht verheiratet sind und Kinder haben).
  • Wie schon erwähnt, spielen die Verwandten und die Familie, in der wir aufgewachsen sind, sowie jetzt auch unsere gegenwärtige Familie eine wichtige Rolle, aber überdies auch die engen Freunde, die wir hatten, insbesondere diejenigen, die uns sehr gern hatten.
  • Auch mag es bedeutsame Vorfälle gegeben haben, die sich in unserem Leben ereignet haben. Vielleicht hätten wir einen schweren Unfall. Auch solche Ereignisse hinterließen einen starken Eindruck auf die Art und Weise, wie wir mit unserem Leben umgehen.
  • Außerdem schauen wir uns auch die verschiedenen Jobs an, die wir ausgeübt haben, die verschiedenen Firmen, in denen wir gearbeitet haben, die Menschen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, und die finanzielle Situation, die wir erlebt haben (manchmal war sie gut, manchmal schwierig).

Wenn wir genau darüber nachdenken, ergibt sich also eine ganze Liste von Faktoren, die im Laufe unseres Lebens unsere Erfahrung ausgemacht und die Art und Weise beeinflusst haben, wie wir jetzt sind und wie wir nun mit den Dingen umgehen.

Als nächstes gehen wir sie der Reihe nach durch und denken an die negativen Aspekte, die durch diese Einflüsse zustande gekommen sind. Wir wollen sie nicht leugnen. Aber dann entscheiden wir: „Es hat keinen Zweck, sich darüber zu beklagen; das wird mir in keiner Weise weiterhelfen.“ Anschließend richten wir den Blick auf die positiven Aspekte, die wir dadurch gewonnen haben und betrachten sie mit der Einstellung: „Das sind die Dinge, auf die es ankommt, und die mir im Leben weiterhelfen können. Das sind also die Dinge, denen gegenüber ich loyal sein möchte und die ich in meinem Verhalten hervorheben möchte, anstatt mich unbewusst gegenüber den negativen Aspekten loyal zu verhalten.“

Wir können diesen Prozess im Rahmen einer umfassenderen Art von Übung durchführen. Sie besteht im Wesentlichen aus folgenden Punkten: Wenn wir eine Sitzung wie diese abhalten, müssen wir zunächst einmal zur Ruhe kommen. Es ist sehr wichtig, unseren Geist zur Ruhe zu bringen, damit wir über diese Dinge nachdenken können. Dafür müssen wir uns mithilfe einer Technik üben, die man, einfach ausgedrückt, als „loslassen“ bezeichnen kann – zwanghafte Gedankengänge, zwanghafte Gefühle, insbesondere diejenigen negativer Art, loslassen. Denn wenn wir die negativen Aspekte ans Licht bringen, die uns von Seiten anderer beeinflusst haben, kann man sehr leicht in den negativen Gedanken darüber steckenbleiben – „Das war so schrecklich“, „Das war so ein furchtbarer Mensch. Er hat mir so weh getan.“ Diese Art von innerem Dialog hat eine verlockende Kraft. Deshalb ist es notwendig – ich meine natürlich auf lange Sicht – diesen inneren Dialog zum Aufhören zu bringen, und vorläufig zumindest eine Weile Ruhe davor zu haben, um sich dann auf die positiven Aspekte konzentrieren zu können. Wenn man in den zwanghaften Gedankengängen darüber steckenbleibt, wie schrecklich aufgrund dieser negativen Aspekte alles war, dann wird man nie in der Lage sein, zu den positiven fortzuschreiten.

Die buddhistische Schulung bietet dafür viele Methoden. Aber die einfachste ist, wie gesagt, „loszulassen“. Was ich dabei als Übung vorschlage, ist, zunächst die eigene Hand zur Hilfe zu nehmen. Wir ballen die Hand zur Faust, dann öffnen wir sie und lassen los. Dann versuchen wir, das Gleiche im Geist zu machen – wir sehen, dass unser Geist dieser Faust gleicht (er hält die zwanghaften Gedankengänge oder Gefühle fest), und versuchen dann, ihn zu entspannen und all das loszulassen. Natürlich können jene verstörenden Gedanken oder Gefühle gleich wiederkommen, also muss man den Vorgang wiederholen.

Es gibt noch andere Methoden, die etwas schwieriger anzuwenden sind, nämlich den eigenen Geist zu betrachten – mit Geist ist hier der gesamte Bereich unserer Gedanken und Emotionen gemeint -; wir betrachten all das wie ein großes Meer, und diese negativen Gedanken gleichen Wellen an der Oberfläche des Meeres. Aber wir sind das gesamte Meer, und diese Wellen rühren nicht die Tiefen des Meeres auf. Wir wollen nicht wie ein Boot an der Oberfläche des Meeres umhergeschleudert werden, sondern wir stellen uns bildlich vor, dass wir der ganze Ozean sind, und der ganze Ozean wird nicht von diesem kleinen Geschehnis an der Oberfläche aufgewühlt. Indem wir diese Vorstellung hegen, können wir zur Ruhe kommen.

Das ist jedenfalls der Rahmen, der meiner Meinung nach zu Anfang einer jeden Sitzung ziemlich wichtig ist, und den wir auch verwenden können, wenn wir an die negativen Einflüsse denken, die wir übernommen haben, – und dann lassen wir sie los.

„Ich werde versuchen, mir dieser negativen Einflüsse, die ich erfahren habe, bewusst zu sein, aber nicht unter ihrer Macht zu stehen“ – so lautet im Grunde die Idee – „denn ich sehe und verstehe, dass es mich nur unglücklich macht, wenn ich unter der Macht dieser negativen Einflüsse stehe.“

Die nächste Überlegung, die im Verlauf der Übung erforderlich ist, lautet: „Ich möchte glücklich sein. Jeder möchte glücklich sein. Niemand möchte unglücklich sein. Ich habe Gefühle, Emotionen, wie jeder andere auch. Und genauso wie die Art und Weise, wie andere Menschen mich behandeln, Einfluss darauf hat, wie ich mich fühle, so hat auch die Art und Weise, wie ich selbst mit mir umgehe, Einfluss darauf, wie ich mich fühle. Warum soll ich denn selbstzerstörerisch sein? Es ist nicht so, dass ich schlecht bin und mich bestrafen muss. Das ist albern. Wer leidet darunter außer mir selbst? Wenn ich glücklich sein möchte, muss ich mich also auf eine positive Art und Weise verhalten, die dazu führt, dass Glück entsteht.“

Wenn wir uns das Positive in den Sinn rufen, das wir durch diejenige Person erlangt haben, die gerade Thema der jeweiligen Sitzung ist – sagen wir, unsere Mutter oder unser Vater oder wer auch immer – denken wir mit großer Wertschätzung und Dankbarkeit daran. Das könnte sich darauf beziehen, wie dieser Mensch uns tatsächlich behandelt hat – unsere Eltern haben sich um uns gekümmert, uns gezeigt, wie etwas geht, uns das Lesen beigebracht oder was immer es war. Versuchen Sie, diese guten Qualitäten nicht nur in der anderen Person festzustellen, sondern auch, ob wir sie in uns selbst finden. Was habe ich von ihm oder ihr bekommen? Und gibt es noch mehr, was ich ihnen abgewinnen könnte? Es kann sein, dass z.B. unsere Eltern viele Facetten hatten, die sich nicht direkt darauf ausgewirkt haben, wie sie uns als Kinder behandelt haben – etwa die Art, wie sie waren, wenn sie mit Freunden zusammenkamen oder wie sie sich in ihrem Berufsleben verhalten haben. Sie hatten ja ein komplexes Leben, es bestand nicht nur aus dem Teil ihres Lebens, der den Umgang mit mir ausmachte. Welche Aspekte gab es in der Gesamtheit ihres Lebens, die sich positiv auf mich ausgewirkt haben? Auf diese Weise entwickeln wir Wertschätzung; wir achten diese guten Qualitäten. Dabei müssen wir natürlich realistisch sein – in den meisten Fällen waren unsere Eltern oder Freunde ja keine Heiligen. Unsere Überlegungen basieren darauf, wer sie wirklich waren. Nehmen Sie ihnen gegenüber eine realistische Haltung ein.

Während wir diesen Prozess durchlaufen, kann es hilfreich sein, ein Foto der jeweiligen Person zu betrachten, oder wir können auch einfach an sie denken und sie uns vorstellen. Als Nächstes bringen wir eine buddhistische Übung in diese Vorstellung mit ein: Wir können uns vorstellen, dass von ihnen eine Art gelbes Licht ausgeht, in uns eingeht und uns mit Inspiration erfüllt, diese guten Qualitäten weiterzuentwickeln. Eine Visualisierung trägt dazu bei, dass es uns leichter fällt, etwas als Bewusstseinszustand zu entwickeln. Wenn Sie damit weitermachen möchten, können Sie sich dann auch noch vorstellen, dass das gelbe Licht von Ihnen selbst ausgeht und andere inspiriert, diese guten Qualitäten ebenfalls zu entwickeln – Ihre Kinder, Ihre Kollegen, Ihre Freunde oder die ganze Welt, wenn sie eine wirklich große Spannweite erreichen möchten. Vor allem, wenn wir Kinder haben, möchten wir natürlich nicht die negativen Aspekte an sie weitergeben, die uns von Seiten unserer Eltern oder in unserer Vergangenheit beeinflusst haben. Wir möchten das Positive an sie weitergeben. Spüren Sie also, wie diese guten Qualitäten auch auf sie ausstrahlen.

Was wir als Nächstes tun, nachdem wir diesen Prozesses mit jeder dieser Kategorien durchgegangen sind, die uns beeinflusst haben – der Familie, in der wir aufgewachsen sind, unserer Ausbildung, unserer jetzigen Familie, unserer Freunde und unseres Berufes, unseres Landes, unserer Religion usw. -, ist, sie alle auf ganzheitliche Weise miteinander zu verbinden. Wir tun das, indem wir uns nun zwei davon vorstellen, unsere Mutter und unseren Vater. Nachdem wir sie uns einzeln vorgestellt haben, stellen wir uns nun vor, dass eine Kombination davon in uns eingeht, und versuchen, ein ganzheitliches Gefühl des positiven Einflusses beider gemeinsam zu spüren.

So gehen wir unser gesamtes Leben durch – die Brüder und Schwestern, mit denen wir aufgewachsen sind, die Freunde (etwa die Sandkastenfreundschaften), die Schule usw., während sich unser Leben entfaltete. Was haben wir davon gehabt, dass wir in der Schule Mathematik gelernt haben? Gab es irgendetwas Positives daran? Es mag sein, dass ich es nicht in meiner gegenwärtigen Berufssituation verwende, aber beinhaltete es vielleicht eine Art zu denken, die mir im Leben von Nutzen war? Mit anderen Worten: Was wir hier zu kultivieren versuchen, ist, das Gefühl loszuwerden, dass irgendetwas in unserem Leben Verschwendung war, dass es vergeudete Zeit war. Nichts war vergeudete Zeit. Es gab immer etwas, aus dem wir Nutzen ziehen konnten, wovon wir profitiert haben. Selbst aus den schwierigsten Vorkommnissen in unserem Leben haben wir etwas gelernt. Wir sind gewachsen, wir haben sie überstanden, und es hat uns gestärkt, sodass wir mit anderen Schwierigkeiten später im Leben besser fertig werden konnten. Das ist etwas Positives, was wir gelernt haben.

Ziel dieser Übung ist also, einen ganzheitlichen Blick auf uns selbst zu gewinnen und uns dann, wie ich anfangs erwähnte, klarzumachen, dass wir die Bezeichnung „ich“ diesem Ganzen zuschreiben. Wir wollen für unsere Gedanken an uns selbst, an „mich“, eine Basis haben, die so umfassend wie möglich ist. Und obgleich es auch Negatives gab, das mich beeinflusst hat, sind es nicht diese Einflüsse, auf die ich auf dieser Basis das Schwergewicht legen möchte, sondern die positiven.

Wir können das auf sehr formale Weise tun. Wir machen uns also eine Liste:

  • Ich überlege jetzt, was ich von meiner Mutter übernommen oder was ich von meinem Vater gelernt habe.
  • Oder die Einflüsse, unter denen ich aufgewachsen bin – für diejenigen von Ihnen, die alt genug sind, z.B. die der Sowjetunion. Welchen Einfluss hat das auf mein Leben gehabt?
  • Welchen Einfluss hat die gegenwärtige ökonomische Lage auf mich?

All das überlegen wir uns im Einzelnen. Wenn es uns hilft, das etwas systematischer anzugehen, erstellen wir eine Liste, wie bei einer Hausarbeit. All das ist Teil eines Gesamtprozesses, den wir, einfach ausgedrückt, „sich selbst kennenlernen“ nennen. Lernen Sie sich wirklich selbst kennen, und dann können Sie zwischen dem Positiven und dem Negativen unterscheiden. Was möchte ich hervorheben? Was möchte ich verringern? Es geht also um eine ganzheitliche Sichtweise.

Das mag vielleicht als Einführung für heute Abend genügen. Morgen können wir versuchen, einige dieser Übungen durchzuführen. Aber möglicherweise haben Sie noch Fragen zu dieser allgemeinen Theorie. Ich muss unbedingt hinzufügen, dass ich kein klinischer Psychologe bin. Ich behandele Menschen nicht in dieser Art von therapeutischem Rahmen, aber ich denke, dass dieses Übungssystem auch in einem solchen Rahmen vorteilhaft eingesetzt werden könnte.

Fragen und Antworten

Gibt es Fragen oder Anmerkungen?

Teilnehmer: Sie haben als eines der Axiome genannt, dass jedes Lebewesen glücklich sein möchte, und davon ausgehend dann Ihre gesamte Logik weiterentwickelt. Vorher nehmen Sie dieses Axiom?

Alex: Das Axiom „Jeder möchte glücklich sein, niemand möchte unglücklich sein“ ist ein grundlegendes Axiom innerhalb der buddhistischen Lehren. Aber wenn man darüber nachdenkt, ergibt es durchaus einen Sinn. Die Definition von „Glück“ in den buddhistischen Texten lautet: „ein Gefühl, das man, wenn es auftritt, nicht missen möchte; man möchte, dass es sich fortsetzt“. Und Unglück ist „ein Gefühl, von dem man, wenn man es erfährt, möchte, dass es aufhört; man möchte sich davon trennen.“ Der gesamte Überlebensinstinkt – der Instinkt der Erhaltung: der Arterhaltung, der Selbsterhaltung – beruht darauf. Man möchte weiter bestehen. Was soll sich fortsetzen? Man möchte weiter glücklich sein. Die Tatsache, dass man möchte, dass es weitergeht, zeigt, dass das, was man möchte, Glück ist, das Glück soll weitergehen. Damit ist z.B. so ziemlich die gesamte Richtung für Wachstum beschrieben. Man kann das an Pflanzen sehen, man kann es überall sehen – die Tendenz zu wachsen, zur Fortsetzung. Als grundlegendes Axiom stammt es aus der Biologie.

Das ist ein interessantes Thema. Es kann sein, dass man sich bestrafen möchte und sich unglücklich machen möchte. Man könnte also die Hand ins Feuer halten, weil man sich bestrafen und unglücklich machen will, aber der Instinkt geht dahin, die Hand zurückzuziehen, und man muss wirklich kämpfen, um diesen Instinkt zu überwinden – oder auch den Instinkt zu überwinden, wenn man mit den Kopf unter Wasser bleiben und sich ertränken will.

Teilnehmer: Verstehe ich das richtig, dass sie diese Methoden, sein Leben zu integrieren, als eine der Stufe eigener Weiterentwicklung verstehen, oder können sie im Leben in Krisensituationen angewendet werden?

Alex: Ich denke, sie können auf beide Arten verwendet werden. Wie Sie vielleicht wissen, ist das im Buddhismus allgemein die Art, sich zu üben. Wir üben in geschütztem Umfeld, um zu lernen, mit bestimmten Situationen umzugehen. Das wird Meditation genannt. Aber dann wollen wir das in kritischen Situationen im Leben anwenden.

Wenn z.B. eine schwierige Situation auftritt und wir fangen an, uns nur damit zu identifizieren und das dann als „ich“ zu bezeichnen, geraten wir in die Haltung „Ach, ich Armer!“ und fühlen uns deprimiert. Wenn wir aber auf obige Weise geübt sind, denken wir: „Nun ja, es gibt die ganze Spannweite meines gesamten Lebens, das ganze Kontinuum meines Lebens, und dies ist nur eine Episode, die darin stattgefunden hat.“ Wenn wir die Gesamtspanne unseres Lebens in Betracht ziehen, ist dieser eine Vorfall nicht so riesig. Wir übertreiben ihn nicht. Wir wissen, dass es manchmal gut läuft und manchmal nicht so gut. Daran ist nichts Besonderes. Es ist nichts Besonderes, wenn etwas schief läuft oder wenn etwas gut läuft. Wir machen keine große Sache daraus. Wir machen kein Bild daraus und identifizieren uns dann nur mit dieser einen Begebenheit.

Das ist nicht nur im Zusammenhang mit uns selbst sehr hilfreich, sondern auch in Bezug auf andere. Wenn wir einen engen Freund oder einen Geliebten haben, oder auch in Bezug auf ein bestimmtes Familienmitglied, neigen wir dazu zu meinen: „Ich bin der oder die Einzige in seinem/ihrem Leben, und diese Person sollte immer für mich da sein. Wenn wir uns treffen, sollte sie immer gut aufgelegt sein.“ Wir neigen dazu, die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass sie auch andere Freunde hat und auch andere Dinge in ihrem Leben eine Rolle spielen, nicht nur ich. Wenn sie uns nicht anruft, ziehen wir daraus nun nicht gleich den Schluss – weil wir alles nur auf uns selbst beziehen -, dass sie uns nicht mehr mag, sondern ziehen in Betracht, dass sie vielleicht mit etwas anderem beschäftigt ist, weil in ihrem Leben noch andere Dinge vor sich gehen. Wir müssen also die Basis unserer Zuschreibung – so lautet die buddhistische Fachterminologie – erweitern, und zwar nicht nur die Basis, die wir als uns selbst bezeichnen, sondern auch die Basis, auf der wir die andere Person zuschreiben, sie also nicht auf eine kleine Begebenheit beschränken und an jener Stelle einfrieren.

Teilnehmer: Meine Frage hat mit dem Selbst zu tun. Gibt es eine Art Kern, der das gesamte Leben über gleich bleibt, oder ist das Selbst etwas, das sich von Augenblick zu Augenblick verändert?

Alex: Vom buddhistischen Standpunkt aus gibt es nichts Feststehendes und Auffindbares, das von Augenblick zu Augenblick weiterbesteht wie ein Stück Gepäck, das sich auf einem Laufband befindet und durch die Zeit bewegt. Nichtsdestotrotz gibt es Individualität und Kontinuität. Aber wenn man fragt: „Was ist es, das „mich“ ausmacht und nicht „Sie“?, ist es sehr schwierig, da drinnen irgendetwas zu finden, das mich zu „mir“ macht. Sämtliche Zellen unseres Körpers haben sich im Laufe unseres Lebens geändert. Unsere Gedanken und Emotionen haben sich mit Sicherheit während des Lebens verändert. Was wir gelernt haben und unsere Kenntnisse haben sich unser ganzes Leben über verändert. Sogar die DNA besteht ja aus Molekülen, Moleküle bestehen aus Atomen, alles darin bewegt und verändert sich, und was bleibt? Aber es gibt eine Kontinuität.

Als Analogie führe ich normalerweise Kinofilme an. Ein Film – z.B. „Krieg der Sterne“ – besteht nicht nur aus einem Moment. Es gibt viele, viele Momente darin. Ich spreche hier nicht von dem Plastikfilmstreifen oder den digitalen Komponenten, sondern von dem, was wir sehen. Es findet eine Handlung statt, also gibt es eine gewisse Kontinuität, aber in jedem einzelnen Moment dessen, was man sieht, gibt es nichts, dass dem einen Stempel aufdrückt und besagt: das ist ein Moment aus „Krieg der Sterne“. Aber in jedem Moment könnten Sie sagen: „Ich sehe mir den ‚Krieg der Sterne‘ an, nicht irgendeinen anderen Film.“ Aber was ist „Krieg der Sterne“? Es ist nicht der Titel „Krieg der Sterne“ – das ist nur der Name -, sondern der Titel bezieht sich auf diesen Film, der Augenblick für Augenblick abläuft. Somit gibt es nichts Auffindbares und Feststehendes in jedem Moment, das den Film zu „Krieg der Sterne“ macht. Dennoch hat er Eigenheiten und Kontinuität, und wenn wir uns darauf beziehen, sagen wir „Krieg der Sterne“ dazu. So ist das.

Teilnehmer: Aber „Krieg der Sterne“ hat einen Anfang.

Alex: „Krieg der Sterne“ hat einen Anfang und ein Ende. Aber es handelt sich hier nur um eine Analogie. Sie ist nicht haargenau das Gleiche wie das, was veranschaulicht werden soll. Und das, worüber wir hier reden, entstammt nur dem Bereich der buddhistischen Wissenschaft und Philosophie – es ist etwas, das ich oft „Dharma light“ nenne. Es ist hier nicht die Rede von früheren und späteren Leben. Aber wenn Sie das Thema erweitern möchten, könnten wir natürlich auch Einflüsse aus früheren Leben mit einbeziehen. In meinem Fall war es so, dass in meiner Familie absolut kein Interesse am Buddhismus bestand und ich in meiner Kindheit keinerlei Informationen darüber erhielt, aber instinktiv war ich ungemein interessiert am Buddhismus und an asiatischer Kultur. Wo kam das her? In Bezug darauf kann man denken: „Es gibt keine andere Erklärung dafür als Einflüsse aus früheren Leben.“ Wir können solche Inhalte mit heranziehen, wenn wir die Übung auf ausführlichere, buddhistische Art durchführen wollen. Wenn Sie wollen, kann man auch astrologische Aspekte hinzuziehen, z.B. die schwierigen und die harmonischen Aspekte in meinem Horoskop. Das kann man als Teil des Bildes mit einbeziehen – warum auch nicht?

Teilnehmer: Am Anfang haben Sie die Vorstellung vom Selbst und die Vorstellung von der Basis für die Zuschreibung des Selbst erwähnt. Wenn ich mich also mit den Ereignissen meines bisherigen Lebens befasse bzw. damit, was mir in der Vergangenheit widerfahren ist – z.B. Einflüsse, die meinen Vater prägten, oder Einflüsse auf mich selbst -, und ich mir über die negativen und positiven Aspekte dieser beeinflussenden Faktoren Gedanken mache, muss ich dann auch die Basis für die Zuschreibung des Selbst in Betracht ziehen, die existierte, als ich noch ein Kind war (denn zu jener Zeit hatte ich ein anderes Selbstbild als jetzt)? Was ist wichtiger, die Basis für die Zuschreibung des Selbst zu betrachten, die ich jetzt habe, oder die Basis mit einzubeziehen, die ich als Kind unter dem Einfluss von jemandem hatte?

Alex: Es geht darum, sich nicht nur mit der Basis für die Zuschreibung in einer bestimmten Phase des Lebens zu identifizieren, sondern mit der Gesamtheit. So wie der Film „Krieg der Sterne“ der gesamte Film ist, so sind auch wir ein Ganzes. Als Kleinkind konnte ich weder lesen noch schreiben. Jetzt kann ich es. Wir identifizieren uns nicht mehr damit, dass wir nicht lesen und schreiben können, sondern die ganzheitliche Sicht besteht darin, dass ich gelernt habe und fähig bin, etwas zu lernen. Ich habe lesen und schreiben gelernt. Vielleicht haben wir sehr früh sprechen gelernt, vielleicht erst sehr spät – auch das ist ein bestimmtes Muster, das im Leben vorhanden ist. Wir können Muster finden, aber das heißt nicht, dass wir diesen Mustern sklavisch unterworfen sind, insbesondere, wenn es sich um negative Muster handelt.

Gibt es noch etwas zu sagen?

Teilnehmer: Wir werden es versuchen.

Alex: Wir werden es versuchen. Gut.

Nächstes Mal – morgen – werden wir dann also einige dieser Übungen ausprobieren. Und wenn Sie noch weitere Fragen haben, können wir diese auch besprechen.

Ich denke, dass es für diejenigen von uns, die eine buddhistische Praxis ausüben – Buddhismus als Religion, wenn wir jene Dreiteilung verwenden wollen – hilfreich ist, diese Aspekte der buddhistischen Wissenschaft und Philosophie nicht mit Herablassung zu betrachten. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat mehrere Institute gegründet (eines befindet sich z.B. in Österreich), die speziell dem Ziel gewidmet sind, Menschen in buddhistischer Wissenschaft und Philosophie zu schulen und nicht in der Religion. Ebenso, wie Inhalte aus diesem Bereich für Therapien, zum Beispiel Psychotherapie, hilfreich sein können, können sie auch im Bereich der Rechtswissenschaft von Nutzen sein. Seine Heiligkeit hat z.B. erwähnt, dass das System der Logik und der Debatte sich auch für Rechtsanwälte als nützlich erweisen könnte. Buddhistische Logik hat viele Aspekte, aber schon die Art, wie man etwas auf logische Weise analysiert, kann in vielen Situationen überaus hilfreich sein, die nichts mit spirituellen Übungen zu tun haben. Es gibt also viele Dinge im Buddhismus, von denen auch Nicht-Buddhisten profitieren können, und ebenso, wie seine Heiligkeit betont, auch Vieles außerhalb des Buddhismus, wovon Buddhisten etwas lernen können. So hat er beispielsweise in Klöstern das Studium von Wissenschaften eingeführt, und es gibt Bemühungen, von christlichen Klöstern soziale Dienste zu lernen, die Mönche und Nonnen leisten, indem sie zum Beispiel Schulen oder Waisenhäuser einrichten usw. Auf diese Weise können wir alle voneinander lernen.

Ich danke Ihnen.