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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Unsere Einstellungen gegenüber uns selbst ausgleichen: Selbsthass überwinden

Alexander Berzin
Moskau, Russland, September 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Fünfte Sitzung: Fünf Entschlüsse zum Entwickeln einer positiven Einstellung zu uns selbst

Neun Gesichtspunkte, um eine positive Einstellung uns selbst gegenüber zu entwickeln (Fortsetzung)

Wir haben über die neun Punkte gesprochen, welche sich auf das Thema beziehen, wie wir eine ausgewogene Einstellung zu uns selbst in unserem gesamten Leben entwickeln. Sechs dieser neun Punkte haben wir bereits durchgesprochen, drei weitere sind noch zu erörtern.

7. Die großen Meister sehen mich nicht als wahrhaft schrecklich, wahrhaft wunderbar oder wahrhaft nichtig

Der nächste Punkt, der siebte, lautet: Wenn ich wahrhaft schrecklich oder wahrhaft etwas besonders Wunderbares oder wahrhaft ein Niemand wäre, dann würden die Buddhas und die großen Meister mich auf diese Weise sehen, aber das ist nicht der Fall.

Das ist ein schwieriger Punkt, sofern wir noch nie einen Buddha getroffen haben – und vermutlich haben wir das nicht – und auch nicht in enger Verbindung mit einem bedeutenden spirituellen Meister stehen. Ich hatte jedoch das Glück, einigen wirklich großen spirituellen Meistern nahe zu sein, und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass niemand für sie etwas Außergewöhnliches ist. Alle sind gleich. Sie sind jedem gegenüber gleichermaßen aufgeschlossen.

Ich denke immer an das Beispiel meines eigenen wichtigsten Lehrers, Serkong Rinpoche. Ich habe ihm neun Jahre lang als Übersetzer zur Seite gestanden, bin mit ihm um die Welt gereist, ich war bei seiner Begegnung mit dem vorigen Papst dabei und auch, wenn wir auf der Straße Betrunkene trafen. Er war jedem gegenüber derselbe, sei es dem Papst oder einem Betrunkenen gegenüber. Das Gleiche trifft auf Seine Heiligkeit den Dalai Lama zu, wenn er die Präsidenten unterschiedlicher Länder oder ganz gewöhnliche Menschen trifft. Wenn er bei einer Veranstaltung hereinkommt und die Leute begrüßt, zeigt sich dieselbe Offenheit und dieselbe Wärme. Niemand gilt als etwas Besonderes. Das heißt nicht, dass man jedem gegenüber gleichermaßen kühl und gefühllos ist. Es heißt, dass man aufgeschlossen warmherzig und gütig ist und sich freut, einem jeden zu begegnen.

Ich war immer erstaunt über Serkong Rinpoche, denn während wir viele buddhistische Zentren überall auf der Welt besuchten und es dort meist einen tibetischen Lehrer gab, schien es doch nicht so, als hätte er einen besonderen, besten Freund darunter. Ganz gleich, mit wem er zusammen war, er verhielt sich jedem dieser Lehrer gegenüber so, als wäre er sein bester Freund. Es war wirklich bemerkenswert; er verhielt sich allen gegenüber gleich.

Wenn wir also wahrhaft schrecklich oder wahrhaft etwas besonders Wunderbares oder wahrhaft ein Niemand wären, dann würden die Buddhas und die großen Meister uns als eben dies sehen; aber so ist es nicht. Wenn wir wahrhaft so wären, würden sie uns auf diese Weise sehen. Doch dem ist nicht so. Eigentlich könnten wir zu diesen ersten Punkt auch noch hinzufügen, dass nicht nur die Meister, sondern jeder uns auf diese Weise sehen müsste, aber auch das ist nicht der Fall.

Es ist komisch: Wenn wir das untersuchen, sagen wir oft: „Nun ja, sie kennen mich ja eigentlich nicht. Wenn sie mich kennen würden, wüssten sie, was für ein schrecklicher Mensch ich bin. Aber sie wissen nicht, wie ich wirklich bin.“ Auch dabei identifizieren wir uns wieder mit dem falschen „Ich“ . Wir picken uns nur die negativen Aspekte von uns heraus, übertreiben sie und vergessen alles andere über uns. Wie ich schon mehrfach erwähnt habe, hat jeder auch Stärken, und jeder hat Schwachpunkte. Daran ist nichts Außergewöhnliches – ein bisschen mehr von dieser Qualität, ein bisschen weniger von jener, aber nichts Besonderes.

8. Ich habe Qualitäten und Eigenarten, die sich ändern können

Der nächste Punkt, Nummer acht, lautet: Wenn ich wahrhaft ein grauenhafter Mensch wäre – oder wahrhaft ein wunderbarer Mensch oder wahrhaft ein Niemand, der nicht zählt -, dann wäre ich immer so. Es könnte sich nie ändern, und unsere Einstellung zu uns selbst könnte sich auch nie ändern. Aber das ist nicht der Fall. Wenn wir uns unser Leben anschauen, stellen wir fest: Die Umstände ändern sich, und auch unsere Einstellung zu uns selbst ändert sich. Achten Sie einmal darauf, wie unsere Einstellung zu uns selbst ist, wenn wir gute Laune haben, und wie sie ist, wenn wir schlechte Laune haben. Es ist ganz offensichtlich, dass unsere Einstellung sich ändert. Was hier verwirrend ist, ist, dass wir das Gefühl haben, wir wären als Person irgendwie inhärent gut oder inhärent schlecht oder auf inhärente Weise ein Niemand – als ob das unsere wahre Natur wäre, ungeachtet und keineswegs abhängig von unserer Stimmung oder davon, was gerade passiert, oder von unterschiedlichen Phasen in unserem Leben oder von sonst irgendetwas.

Es gibt einen großen Unterschied dazu, wenn wir einfach nur von „mir“ als einer Person sprechen. Eine Person zu sein, ein Individuum, ist ein neutrales Phänomen, wieder gut noch schlecht. Eine Hand ist weder gut noch schlecht. Eine Hand ist einfach eine Hand. Manches, was wir getan haben, mag destruktiv oder negativ gewesen sein, anderes mag positiv gewesen sein; manches, was uns widerfahren ist, war schmerzhaft, anderes war angenehm. Das ist nicht der Punkt. Als Person sind wir jedoch weder gut noch schlecht. Es gehört zu meiner menschlichen Natur, dass ich glücklich und nicht unglücklich sein möchte. So geht es jedem. Und ich habe das Recht – ein grundlegendes menschliches Recht -, glücklich zu sein und nicht unglücklich.

Unzulänglichkeiten können überwunden werden; sie sind nicht etwas, das ewig und unveränderlich wäre. Wenn wir Fehler im Leben gemacht haben – nun, einige kann man beheben; mit anderen müssen wir eben fertigwerden und das Beste daraus machen. Wir können zum Beispiel eine schlechte Investition gemacht und Geld verloren haben. Nun müssen wir das Beste daraus machen. Wenn das Geld weg ist, ist es weg, das können wir nicht ändern. Also versuchen wir, mit der Situation zurechtzukommen. Real ist: „Okay, ich habe Geld verloren. Was mache ich jetzt?“ Oder ich habe einen Fehler gemacht. Das macht mich als Person nicht zu einem schlechten Menschen. Es war ein dummer Fehler, das ist alles. Wir müssen hier „mich“ als Person von dem unterscheiden, was ich getan haben mag (sowie auch von den verschiedenen Merkmalen und Qualitäten, die ich vielleicht habe und die sich den Umständen entsprechend ändern können).

9. Meine Einstellung zu mir selbst ändert sich entsprechend der Situation

Das führt uns zum neunten Punkt. Wenn ich wahrhaft eine schreckliche Person wäre – oder ach so wunderbar, oder ein Niemand -, dann hätte ich mein ganzes Leben lang so sein müssen und nicht nur im Zusammenhang mit einer bestimmten Situation oder etwas, was passiert ist. Das kann aber nicht sein.

Das Thema ist hier nicht, ob man inhärent wunderbar oder schrecklich usw. ist. Wir sprechen hier von unserer Einstellung uns selbst gegenüber. Wenn ich eindeutig so oder so wäre, müsste ich mir selbst gegenüber immer auf diese Weise eingestellt sein, ungeachtet verschiedener Situationen. Tatsache ist aber, dass meine Einstellung sich verändert und sich in der Vergangenheit in Abhängigkeit von verschiedenen Situationen geändert hat – ich hatte Erfolg, ich habe versagt, ich habe eine gute Wahl getroffen, ich habe eine schlechte Wahl getroffen, eine falsche Entscheidung getroffen.

Es hat also keinen Sinn, diese verstörende Einstellung zu mir selbst beizubehalten: „Ich bin eindeutig so und nicht anders, egal was passiert.“ Das muss nicht so sein. Wir können uns ändern, wenn wir verstehen, dass unser Gefühl uns selbst gegenüber immer von Umständen und Situationen abhängig war, aber grundsätzlich nichts falsch an mir ist; es ist nichts Besonderes an mir. Dann können wir jederzeit eine ausgewogene Haltung uns selbst gegenüber einnehmen, die gleichermaßen freundlich und respektvoll ist. Selbstachtung ist etwas sehr Wichtiges.

Ich denke, dass wir – insbesondere, wenn wir praktizierende Buddhisten sind, aber nicht nur dann - dazu neigen, zu meinen, wir müssten perfekt sein. Wenn wir nicht perfekt sind, denken wir, wir wären schlecht. „Ich tauge nichts. Ich bin ein Versager.“ Aber ich meine, wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass wir noch kein Buddha sind. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch, und ein ganz gewöhnlicher Mensch macht Fehler. Daran, dass ich Fehler mache, ist nichts Besonderes, oder? Was erwarte ich denn? So etwas ist kein Grund, mich zu verabscheuen oder dermaßen schlecht von mir zu denken, bloß weil ich Fehler begangen habe. Es ist völlig unrealistisch zu erwarten, dass ich nie Fehler mache und dass mir bei allem, was ich tue, nie etwas misslingt. Natürlich wird mir manchmal etwas misslingen. Alle misslichen Dinge, die passieren, passieren aufgrund bestimmter Umstände. Aber bei allem, was passiert, bin ich einfach bloß eine Person, ein neutrales Phänomen.

Also versuchen wir unser Bestes und versuchen, aus unseren Fehlern zu lernen, ohne über uns das Urteil zu fällen: „Ich bin so wunderbar“ oder „Ich bin so schrecklich“.

Fünf Entschlüsse zur Entwicklung einer positiven Einstellung zu uns selbst

Es gibt fünf Entschlüsse, die sich aus diesen Überlegungen zu den obigen neun Punkten hinsichtlich einer ausgewogenen Einstellung zu uns selbst ergeben:

1. Ich werde aufhören, wankelmütig zu sein und vielmehr jederzeit eine freundliche Einstellung zu mir selbst entwickeln

Der erste Entschluss lautet: Egal, wie gut oder schlecht mir etwas gelingt, ich werde mir selbst gegenüber eine ausgewogene, freundliche Haltung entwickeln. Wenn ich voller Selbsthass bin oder eine übermäßig hohe Meinung von mir habe, beeinträchtigte das meine Fähigkeit, anderen von Nutzen zu sein. Das Gleiche gilt, wenn ich denke, ich wäre ein Niemand; das beeinträchtigt meine Fähigkeit zu helfen, mal ganz abgesehen davon, dass es mich bloß unglücklich macht. Deshalb lautet die Entscheidung hier: „Ich fasse den Entschluss, mein Bestes zu tun, diese verstörende Emotionen und Einstellungen zu mir selbst loszuwerden, die dazu führen, dass meine Haltung mir selbst gegenüber auf und ab schwankt. Das sind nur Unruhestifter.“

2. Ich werde mich von der Selbstbezogenheit befreien

Der zweite Entschluss bezieht sich darauf, uns von der Selbstbezogenheit zu befreien. Wir kommen zu dieser Entscheidung, indem wir über all das Unglück nachdenken, das aus dem Hegen und Pflegen des falschen „Ichs“ herrührt. Hegen und Pflegen bedeutet in diesem Kontext, ganz und gar mit diesem falschen „Ich“ beschäftigt zu sein. Das muss nicht heißen, dass wir das falsche „Ich“ mögen. Denken Sie daran: Das falsche „Ich“ existiert gar nicht; es ist nur etwas, das wir projizieren, nämlich ein feststehendes „Ich“, mit dem wir uns identifizieren als entweder besonders schrecklich oder besonders wichtig oder als ein völlig unbedeutender Niemand. Wir rufen uns ins Gedächtnis: „Wenn ich voller Selbsthass bin – dieser geringschätzigen negativen Einstellung zu mir selbst -, macht mich das unglücklich, nicht wahr? Und wenn ich so in mich vernarrt bin, dass ich völlig auf mich selbst bezogen bin – immer besorgt, was mir passieren könnte, ob ich Erfolg haben werde, dass ich krank werden könnte …, wenn ich gar nicht mehr von mir lassen kann, mich vor allem schützen will – dann ist das auch ein sehr unglücklicher Geisteszustand. Und zu denken: „Ich habe keinerlei Qualitäten, ich bin ganz und gar nichts“ ist ebenfalls kein sonderlich glücklicher Zustand.

Wozu führt das, wenn wir diese Einstellungen zu uns selbst haben? Wir sind so beschäftigt damit, uns niederzumachen oder uns Sorgen um uns zu machen oder unsere Bedürfnisse zu ignorieren, dass wir den Bedürfnissen anderer gar keine Aufmerksamkeit schenken können. Oft verhalten wir uns so, dass es sie verletzt. Zum Beispiel ärgern wir uns vielleicht sehr über uns selber: „Was ich getan habe, war so entsetzlich dumm!“ Was passiert, wenn wir uns in dieser Stimmung befinden? Wir sind alles andere als nachsichtig mit uns selbst, und schon ärgern wir uns auch über andere. In einem verärgerten Geisteszustand reagieren wir auch bissig auf andere. Wir sagen garstige Dinge, wir sind unfreundlich usw. – was noch mehr Unglück schafft.

Oder wir sind so besorgt um uns selbst und damit beschäftigt, dass wir nicht zu kurz kommen, dass wir anderen gar nichts zukommen lassen. Vielleicht bieten wir ihnen nur das kleinste oder schlechteste Stück von dem an, was wir gerade essen, wenn sie davon probieren wollen. Das führt zu schlechten Beziehungen. Die andere Person wird uns das übelnehmen, und das wird unser Unglück noch verstärken. Oder wir ignorieren unsere eigenen Bedürfnisse, unsere Belastbarkeit, und überfordern uns. Was passiert, wenn wir übermäßig erschöpft sind? Wir machen mehr Fehler, nicht wahr? Unsere Aufmerksamkeit lässt nach, wir sind gereizt, und wir reagieren sehr schnell genervt, wenn wir gestresst und übermüdet sind. Und in unseren Beziehungen zu anderen schafft das wiederum noch mehr Unglück.

Unsere Haltung uns selbst gegenüber ist hier also wirklich von wesentlicher Bedeutung. Wenn wir eine verstörende Einstellung uns selbst gegenüber haben, so rührt das aus dieser übermäßigen Beschäftigung mit uns selbst, aus dieser verstörenden Einstellung, die darauf beruht, dass wir uns selbst für etwas Feststehendes halten. Deshalb entschließen wir uns nun, uns von dieser übermäßigen Beschäftigung mit einem falschen „Ich“ zu befreien und uns von der Selbstbezogenheit zu lösen, die damit einhergeht.

3. Ich werde daran arbeiten, mich weiterzuentwickeln

Der dritte Entschluss ist, zum Nutzen des konventionellen „Ichs“ tätig zu sein – mit anderen Worten, an der eigenen Weiterentwicklung zu arbeiten -, weil wir erkennen, dass das die Quelle allen Glücks ist. Wir sprechen hier nicht davon, an uns selbst zu arbeiten, um ein größeres oder besseres Ego zu entwickeln. Darum geht es nicht. Vielmehr geht es darum, dass wir, je mehr wir an unserer Weiterentwicklung arbeiten, nicht nur glücklicher werden, sondern auch besser imstande, Nutzen für andere zu bewirken. Je mehr wir unsere guten Qualitäten entwickeln, umso besser können wir anderen helfen, und das ist wahrlich eine Quelle von Glück.

Es ist sehr interessant: Wenn wir mit uns im Reinen und unserer selbst sicher sind, weil wir uns selbst gegenüber eine gesunde Einstellung haben und gut mit uns umgehen, verleiht uns das eine stabilere Position, aus der heraus wir fähig sind, anderen zu helfen. Mit anderen Worten: Es spielt dann keine Rolle, ob die andere Person es mir dankt oder nicht; das wird meine Stimmung nicht beeinflussen. Nicht: „Oh, ich bin so großartig. Man hat sich bei mir bedankt!“ oder: „Ach, sie wissen mich nicht zu schätzen, sie haben sich ja nicht mal bei mir bedankt!“ oder so etwas. Und obwohl wir natürlich möchten, dass unsere Hilfe etwas nützt, machen wir nicht unser ganzes Selbstwertgefühl davon abhängig, ob das was wir tun, gelingt oder nicht. Ob etwas Erfolg hat oder nicht, hängt von einer Million Ursachen ab, nicht nur davon, was wir tun.

Mein Selbstwertgefühl hängt nicht davon ab – und dies ist sehr wichtig -, weil ich stabil bin, weil ich mir meiner selbst gewiss bin, sofern ich aufrichtig versucht habe, mein Bestes zu tun bei dem, was ich für hilfreich hielt. Und wenn ich einen Fehler gemacht habe oder fehlerhafte Ratschläge gegeben habe oder wenn man meinen Rat nicht befolgt – nun, ich bin ein Mensch, die anderen auch, und wir alle haben unsere menschlichen Unzulänglichkeiten.

Interessant ist auch, dass wir in solch einer Situation oft die Einstellung haben, wir hätten es besser machen können. Zuerst einmal müssen wir untersuchen, ob das realistisch ist. Hätte ich es wirklich besser gekonnt? Oder mache ich mir nur Vorwürfe, weil das, was ich getan habe, nicht funktioniert hat? Ist es realistisch oder unrealistisch zu sagen, dass ich es hätte besser machen können, dass es in meiner Macht lag, es besser zu machen? Nochmals, wir sind nur Menschen. Sicher, wenn mir ein paar mehr Faktoren bewusst gewesen werden, die auch zu der Situation beigetragen haben, hatte ich eine bessere Entscheidung treffen können; aber sie waren mir nicht klar. Und wenn ich nicht mein Bestes gegeben habe, weil ich zu erschöpft oder zu faul oder was auch immer war, so merke ich nun, woran ich arbeiten muss, damit ich imstande bin, es besser zu machen. Aber die Sache mit dem Selbstwertgefühl ist dabei ziemlich irrelevant. Sobald wir anfangen, dabei unser Selbstwertgefühl ins Spiel zu bringen, erzeugen wir Unglück für uns selbst, und zwar ungeachtet dessen, ob unser Urteil lautet „Ich bin so wunderbar“ oder „Ich bin so schrecklich“. Wenn wir uns für so wundervoll halten, werden wir arrogant, und als Nächstes werden wir dann nachlässig und geben nicht mehr Acht. Wir werden überheblich, und dann machen wir Fehler. Denken Sie einen Augenblick darüber nach.

4. Ich bin in der Lage, meine Einstellungen gegenüber dem falschen „Ich“ und dem konventionellen „Ich“ miteinander zu vertauschen

Der vierte Entschluss bezieht sich darauf, dass ich fähig bin, meine Einstellungen gegenüber dem falschen „Ich“ und dem konventionellen „Ich“ miteinander zu vertauschen. Mit anderen Worten: Bis jetzt waren wir so beschäftigt mit dem falschen „Ich“ und haben das konventionelle „Ich“ weitgehend ignoriert. Und nun wollen wir das umgekehrt machen. Das heißt nicht, nun auf neurotische Weise selbstbezogen auf das konventionelle „Ich“ zu sein. Es bedeutet vielmehr, sich auf gesunde Weise um das konventionelle „Ich“ zu kümmern und uns das falsche „Ich“ aus dem Kopf zu schlagen, weil es überhaupt nie existiert hat.

Wir sind durchaus imstande, das zu tun. Warum? Weil wir uns in der Vergangenheit bereits Gutes getan habe, wir haben ja tatsächlich dem konventionellen „Ich“ bereits Nutzen erwiesen. Außerdem: Weil das falsche „Ich“ gar nicht existiert, kann es auch keinen Nutzen empfangen oder Schaden nehmen. Wenn wir im Sinne des falschen „Ichs“ an uns gedacht haben – „Was bin ich doch für ein wundervoller Mensch“ und „Ich sollte dieses oder jenes für ‚mich‘ (das falsche ‚Ich‘) tun“ – und irgendein Nutzen daraus entstanden ist, so hat es nicht dem falschen „Ich“, sondern dem konventionellen „Ich“ genützt. Darüber müssen wir nachdenken.

Für den Fall, dass dies nun etwas verwirrend ist, lassen Sie mich ein Beispiel geben. Nehmen wir an, wir wären ganz und gar mit uns selbst beschäftigt und würden uns sorgen: „Ich muss in der Schule perfekt sein.“ Wir machen uns Sorgen, wie wir abschneiden werden, und wir pauken ungemein hart für das Examen. Und wir bestehen das Examen, bekommen sogar eine gute Zensur. Wem nützt das - dem falschen oder dem konventionellen „Ich“? Das falsche „Ich“ gibt es nicht. Aber dass ich das Examen bestanden habe, hat mir genützt – das konventionelle „Ich“ hat Nutzen davon. Selbst wenn ich in Gedanken das falsche „Ich“ im Sinn hatte – „Ach, ich mache mir solche Sorgen darum“ und „Ich muss es unbedingt schaffen“ usw. -, ist es nichtsdestotrotz das konventionelle „Ich“, das den etwaigen Nutzen erlangt. Obwohl wir dem konventionellen „Ich“ vielleicht allerhand Unglück verschaffen, weil wir so besorgt waren, haben wir ihm doch einen Dienst erwiesen, wenn wir haben die Prüfung geschafft. Deswegen sage ich, dass wir imstande sind, gut zu dem konventionellen „Ich“ zu sein – weil wir tatsächlich schon gut zu ihm waren. Jeder Nutzen, den wir uns erwiesen haben, war ein Nutzen für das konventionelle „Ich“.

5. Ich werde meine Einstellungen gegenüber dem falschen „Ich“ und dem konventionellen „Ich“ definitiv ändern

Der letzte Entschluss ist die Bekräftigung, dass wir unser Bestes tun werden, um mit diesen verstörenden Einstellungen aufzuhören und nicht mehr auf diese verstörende Art mit uns umzugehen, die darauf beruht, dass wir uns mit dem falschen „Ich“ identifizieren, und stattdessen eine positive, freundliche Haltung gegenüber dem konventionellen „Ich“ einnehmen und gut mit uns umgehen werden. In diesem Zusammenhang denken wir an die zehn schädlichen Handlungen, die in den buddhistischen Texten aufgezählt werden.

Wir müssen hier ein bisschen flexibel sein und uns etwas einfallen lassen in Bezug darauf, wie wir diese destruktiven und konstruktiven Handlungen verstehen, und dieses Verständnis nicht nur haargenau darauf beschränken, wie sie in den Texten definiert sind, sondern ihre Anwendung etwas weiter fassen. Wir denken zum Beispiel nicht nur daran, andere nicht umzubringen, sondern schließen in diese Kategorie auch mit ein, keine körperlichen Verletzungen und keinen physischen Schmerz zuzufügen. Und natürlich schließen wir auch uns selbst dabei mit ein.

Die traditionelle Aufzählung der zerstörerischen Handlungen beinhaltet drei körperliche Handlungen:

  1. anderen das Leben nehmen;
  2. etwas nehmen, was einem nicht gegeben wurde;
  3. unangemessene sexuelle Handlungen begehen. Dieser Punkt bringt natürlich eine umfassende Erörterung mit sich, aber im Grunde geht es darum, sich nicht auf ungesundes oder schädliches sexuelles Verhalten einzulassen.

Des Weiteren werden vier sprachliche Handlungen aufgezählt:

  1. lügen; etwas sagen, das nicht wahr ist;
  2. entzweiende Worte sprechen, was im Grunde bedeutet, jemandem etwas Schlechtes über dessen Freunde zu erzählen, um Zwietracht zu säen;
  3. grobe Worte sprechen; auf verbale Weise Verletzungen zufügen;
  4. sinnloses Geschwätz, einfach bedeutungsloses Geplapper von sich geben, mit dem man anderer Leute Zeit vergeudet und sie bei etwas stört.

Und schließlich drei zerstörerische Denkweisen:

  1. begehrliches Denken, indem wir mit Missgunst denken: „Ich muss das bekommen, was diese andere Person hat“ und Pläne schmieden, wie wir das bewerkstelligen können;
  2. boshaftes Denken; überlegen, wie wir jemanden verletzen können, und Pläne schmieden, was wir das nächste Mal, wenn wir ihn treffen, zu ihm sagen können, damit es ihn so richtig verletzt;
  3. verzerrtes, feindseliges Denken. Zum Beispiel: Jemand anderes tut etwas Positives – sagen wir, er führt eine spirituelle Praxis durch – und wir denken: „Ist das bescheuert. Einfach schrecklich. Wie kann ich ihn davon abhalten? Was kann ich ihm Negatives darüber erzählen, damit er einsieht, wie dumm das ist?“ Es gibt viele Varianten von dieser Art zu denken.

Ich denke, mit etwas Einfallsreichtum werden uns Varianten dieser Verhaltensweisen einfallen, auf die sich diese Beschreibungen anwenden lassen. Wir überlegen uns die Nachteile einer jeden dieser zehn zerstörerischen Verhaltensweisen und richten dabei unsere Aufmerksamkeit darauf, wie wir das falsche „Ich“ wahrnehmen, und stellen dem dann die Vorteile gegenüber, die sich ergeben, wenn wir das Gegenteil dieser Verhaltensweisen – die konstruktiven Handlungen – dem konventionellen „Ich“ zukommen lassen. Und ob die destruktiven Handlungen sich nun gegen das falsche „Ich“ oder das konventionelle „Ich“ richten, keinesfalls entsteht dabei Nutzen.

Die erste solche Verhaltensweise wäre, uns selbst bestrafen zu wollen, weil wir zu nichts taugen, oder so etwas, im Gegensatz dazu, auf uns Acht zu geben und sich um das konventionelle „Ich“ zu kümmern. Wir denken an uns selbst, indem wir das falsche „Ich“ im Sinn haben, und behandeln es schlecht, statt gut mit unserem konventionellen „Ich“ umzugehen. Wir denken an die Nachteile der ersteren Verhaltensweise und die Vorteile letzterer. Sich um das konventionelle „Ich“ zu kümmern heißt nicht, es zu verhätscheln und uns alles zu gestatten, was wir wollen. Ebensowenig heißt es, uns etwas zu versagen, anstatt uns etwas zuzugestehen, uns etwas nicht zu gönnen, weil „ich das nicht verdiene“ – diese Art von Einstellung. Manchmal verhalten wir uns so. Manchmal sind wir sehr geizig und kleinlich, wenn es um uns selbst geht. Wir wollen nie etwas ausgeben, um uns das Leben ein bisschen einfacher zu machen, selbst wenn wir es uns leisten könnten – ich spreche hier von der Situation, dass wir uns das leisten können -, während wir doch eigentlich ein bisschen netter zu uns sein könnten.

Ich denke da an ein Beispiel, etwa wenn wir nachts unterwegs sind. Ich weiß nicht, wie es hier in Moskau ist, aber in Berlin fahren die U-Bahn und die Busse nachts nur in großen Zeitabständen, und wenn man ein oder zweimal umsteigen muss, um nach Hause zu kommen, kann es Stunden dauern, bis man heimkommt. Ein Beispiel dafür, uns etwas zu nehmen, wäre, dass wir nicht bereit sind, das Geld für ein Taxi auszugeben, um spät nachts nach Hause zu kommen – diese Art von Verhalten. Und wer leidet darunter? Ich werde darunter leiden, weil ich am Morgen früh aufstehen und zur Arbeit muss. Wenn ich nur drei Stunden Schlaf kriege, wie soll ich das dann hinkriegen? Diese Haltung „Das Geld für ein Taxi werde ich nicht ausgeben, selbst wenn ich es hätte“ ist es, die ich meine. Wenn wir das Geld nicht haben, so ist das etwas anderes.

Ein anderes Beispiel: Statt uns selbst barsch zurechtzuweisen – „Du Idiot! Du bist ja so bescheuert.“ – könnten wir das konventionelle „Ich“ ermutigen: „Komm, du schaffst das schon irgendwie.“ Oder: Statt mir selbst etwas vorzumachen, aufrichtig zu mir sein. Das sind Beispiele dafür, wie man schlecht mit sich umgeht, und im Gegensatz dazu, wie man freundlicher mit sich umgehen kann. Ein freundlicher Umgang mit uns selbst und eine förderliche Verhaltensweise haben Vorteile. Mit diesem letzten Entschluss arbeiten wir daran. Wir haben jetzt nicht mehr genug Zeit, die zehn Handlungen der Reihe nach durchzugehen, aber Sie haben nun eine gewisse Vorstellung davon bekommen und verstehen sicher, worum es geht.

Tonglen auf unsere eigenen Probleme anwenden

Wie ich schon erwähnt habe, habe ich zur Gestaltung dieser Übungen Punkte aufgegriffen, die im Kontext des Gleichsetzens und Austauschens unserer geistigen Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber auftauchen, und sie einfach auf uns selbst angewendet. Wenn die Übung auf uns selbst und andere bezogen wird, ist der nächste Schritt in dieser Reihe die Übung von Tonglen, Geben und Nehmen. Gibt es eine Möglichkeit, sie hier anzuwenden? In der „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“ wird geraten, dass man bei der Übung von Geben und Nehmen mit sich selbst anfangen soll. Wie können wir das hier umsetzen?

Wenn wir daran denken, das Leiden anderer auf uns zu nehmen, stellen wir uns vor, dass sie sich vor uns befinden, oder wir können es auch in Bezug auf Menschen üben, die wir in der U-Bahn oder im Bus sehen. Wenn man so etwas mit anderen übt, die tatsächlich physisch anwesend sind, lässt man sie natürlich nicht wissen, was man gerade macht. Es zur Schau zu tragen oder groß anzukündigen: „Ich werde jetzt diese Sorgen von dir nehmen“ lädt Schwierigkeiten geradezu ein, weil die anderen einen für einen totalen Blödmann halten werden, wenn es nicht klappt, dass sie sie dadurch ihre Probleme loswerden. Das ist nur ein großer Ego-Trip. In der „Schulung der Geisteshaltung in acht Versen“ (Blo-sbyong tshig-brgyad-ma) heißt es, man solle dies als eine verborgene Übung ausführen - manchmal wird das als „geheim“ übersetzt. „Verborgen“ heißt, dass man dies nicht öffentlich übt; man gibt anderen nicht Bescheid, womit man da beschäftigt ist.

Wenn wir an diese Praxis im Zusammenhang damit denken, dass wir unsere eigenen Probleme annehmen – z.B. Probleme des Älterwerdens – und uns nun mit diesem Problem befassen, können wir dabei die Vorstellung verwenden, dass wir uns selbst als alter Mensch gegenübersitzen, und dann diese Probleme annehmen – in dem Sinne, dass wir uns klarmachen, wie wir damit umgehen würden – und uns ein paar Lösungen überlegen, sodass wir bereit und fähig sind, mit diesen Problemen umzugehen, wenn sie eintreten. Wir verschließen nicht die Augen davor, dass diese Probleme eintreten können.

Wenn wir hingegen daran arbeiten, dass wir uns eine negative Einstellung, die wir zu uns selbst haben, und das Leiden, das damit einhergeht, abnehmen – das ist eine eigene Idee von mir (ich habe das von niemand anderem gehört) -, ist es wohl nicht erforderlich, uns selbst vor uns zu visualisieren. Ich denke, wir können das auf eine etwas andere Art machen.

Wenn wir die Übung auf andere beziehen, stellen wir uns vor, dass das Leid, das Negative, von ihnen ablässt und in verschiedenerlei unschönen Formen in uns eingeht und sich in unserem Herzen auflöst – sie lösen sich sozusagen in die Stille des Bewusstseins klaren Lichts auf – und dann senden wir ihnen Glück zu. Es ist nicht so, dass wir die negativen Dinge in uns behalten und dort festhalten, sondern sie sind wie ein Aufwallen im Ozean des Geistes, das dann wieder zur Ruhe kommt. Auf der Grundlage dieser Beruhigung können wir dann positive Gefühle aussenden.

Wenn wir die Übung auf uns selbst beziehen, visualisieren wir nicht irgendetwas vor uns. Anstatt uns selbst vor uns zu visualisieren und die Übung so durchzuführen, wie wir es tun würden, wenn wir eine negative Geisteshaltung von jemand anderem annehmen, versuchen wir einfach, beispielsweise die negative Energie unseres niedrigen Selbstgefühls in unserem Körper zu spüren, und stellen uns vor, sie von überall aus unserem Körper in unser Herz zu ziehen. Wir können die negative Einstellung und Energie auf vielerlei verschiedene Weise visualisieren – als dunkles Licht oder irgendeine unangenehme Substanz -, aber wir ziehen sie einfach in unser Herz, ins Herzzentrum, und stellen uns vor, wie sie zur Ruhe kommt und sich dort auflöst. Dann stellen wir uns vor wie von unserem Herzen eine positive Einstellung zu unserem konventionellen „Ich“ ausstrahlt und sich im ganzen Körper ausbreitet. Ich denke, diese Art von Visualisierung ist sicherlich weniger dualistisch.

Es gibt einen tieferen Grund dafür, diese Art von Visualisierung vorzuschlagen. Wenn wir eine negative Einstellung zu uns selbst haben, ist unsere Energie ziemlich verstört. Wenn wir im Geist diesen Auflösungsprozess vollziehen, hilft uns das auch, die verstörende Energie in unserem Körper physisch zur Ruhe zu bringen. Ich denke, das wäre schwieriger zu bewerkstelligen, wenn wir uns vorstellen würden, dass wir von uns selbst, wie wir in visualisierter Form vor uns sitzen, verstörende Energie übernehmen würden.

Schon wenn es uns nur gelingt, unsere Muskelverspannung zu lösen, während wir diese Visualisierung des Gebens und Nehmens durchführen – z.B. die Anspannung in den Schultern und im Nacken zu lösen, wo normalerweise die stärkste Anspannung sitzt -, und dann versuchen, eine ruhigere, positivere Einstellung tief aus dem Innern aufscheinen zu lassen, die sich dann, auch wenn sie uns vielleicht nicht ganz und gar durchdringt, zumindest im Körper ausbreitet, dann ist das sehr hilfreich. – So stelle ich mir das vor.

Wir haben jetzt nur noch wenige Minuten übrig; lassen Sie uns das also nur für einen kurzen Moment ausprobieren. Dann müssen wir Schluss machen.

Wir schließen mit einer Widmung. Wir denken: Möge jegliche positive Kraft, die aus all dem entstanden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, dass wir Erleuchtung zum Wohle aller erlangen.