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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Unsere Einstellungen gegenüber uns selbst ausgleichen: Selbsthass überwinden

Alexander Berzin
Moskau, Russland, September 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Dritte Sitzung: Gleichmut in Bezug auf verschiedene Aspekte unseres Körpers und unserer Persönlichkeit entwickeln

Rückblick

Wir sind die verschiedenen Stadien der Entwicklung von Gleichmut durchgegangen, und zwar Gleichmut insbesondere uns selbst gegenüber. Das ist eine Art von Gleichmut, mit der wir eine ausgewogene Einstellung gegenüber uns selbst haben: frei von Abneigung, von negativer Einstellung, sowie von Anziehung, davon, uns selbst überzubetonen, und auch frei davon, töricht zu sein, indem wir uns selbst ignorieren. Wir haben uns unsere Einstellung gegenüber uns selbst im Zusammenhang mit verschiedenen Ereignissen angeschaut, in Bezug darauf, was wir in unserem Leben getan haben oder was uns widerfahren ist, und dann in Zusammenhang damit, wie wir uns selbst betrachtet haben und wie wir mit uns umgegangen sind. Die letzte Variante, die ich erkunden möchte, steht im Zusammenhang mit verschiedenen Aspekten unseres Körpers und unserer Persönlichkeit.

Gleichmut in Bezug auf verschiedene Aspekte unseres Körpers und unserer Persönlichkeit entwickeln

Für die meisten von uns gibt es wohl bestimmte Aspekte, die wir an uns nicht mögen, eventuell sogar hassen. Ich glaube, im Englischen verwenden wir das Wort „hassen“ etwas lockerer als hier in Russland. Auf Englisch kann man sagen: „Ich hasse meine Füße; sie sind so hässlich.“ Auf Russisch klingt das vielleicht etwas seltsam. Jedenfalls kann es sein, dass uns etwas an unserem Körper wirklich missfällt bzw. dass wir es hassen, zum Beispiel dass wir klein oder dick sind oder bestimmte Teile unseres Körpers unproportioniert sind.

Es mag auch Aspekte unserer Persönlichkeit geben, die wir an uns nicht recht mögen, zum Beispiel, dass wir schüchtern sind. Natürlich ist es normal und gesund, unsere Mängel beheben zu wollen, aber hier ist die Rede davon, aufgrund von etwas, das wir für einen Persönlichkeitsdefekt halten, wirklich eine sehr negative Haltung uns selbst gegenüber einzunehmen.

Es gibt auch Aspekte an uns, die wir wirklich lieben und an denen wir sehr hängen. Das könnte unser gutes Aussehen sein oder unsere Intelligenz. Und es gibt andere Aspekte an uns, die wir ignorieren und gar nicht für bedeutsam halten, zum Beispiel, dass es uns leichtfällt, uns mit irgendjemandem zu unterhalten.

Lassen Sie uns versuchen, gegenüber all diesen Aspekten unseres Körpers und unserer Persönlichkeit Gleichmut zu erlangen.

An Aspekte denken, die wir nicht mögen

Denken Sie zuerst an Aspekte Ihrer selbst, die Sie nicht mögen oder, stärker noch, die Sie als richtig schlimm empfinden. „Ich bin schwach; ich bin nicht stark genug“, „Ich bin zu dick“, „Ich bin unbeherrscht“, „Ich bin nicht sonderlich intelligent“, „Ich bin faul“ – oder was immer es sein mag. Wir denken vor allem an Dinge, für die wir uns niedermachen, aufgrund derer wir uns als Niete empfinden. Und lassen Sie uns im Gedächtnis behalten, dass man, wie gesagt, durchaus eine gesunde Haltung einnehmen kann, um Unzulänglichkeiten zu beheben. Das ist etwas anderes.

Wir überlegen: „Warum empfinde ich mich aufgrund dieser Unzulänglichkeiten so negativ?“ Behalten Sie im Sinn, dass es sich bei einigen dieser Unzulänglichkeiten um tatsächliche Defizite oder auch um eingebildete Mängel handeln kann. Aber auf jeden Fall übertreiben wir ihre Wichtigkeit, nicht wahr?

Wir denken nun: „Jeder hat Schwachpunkte. Aber jeder hat auch Stärken. Ich habe einige Stärken. Es ist nicht so, dass alles an mir schrecklich ist. Wenn man genau darüber nachdenkt, wird klar, dass eigentlich nur ein Buddha jemand mit ausschließlich guten Eigenschaften ist. Jeder andere hat ein paar Schwachpunkte – was erwarte ich also von mir? Und jeder hat auch ein paar Stärken. Es gibt niemanden, der überhaupt keine Pluspunkte hat. Es ist also kein Drama, dass ich Schwachpunkte habe, das ist nichts Besonderes. Folglich werde ich mich bloß wegen dieser schwachen Eigenschaften nicht hassen oder niedermachen. Ich werde ihnen gegenüber eine ausgewogene Haltung einnehmen und so gut wie möglich daran arbeiten, sie zu verbessern. Aber ich bin nicht grundsätzlich ein schlechter Mensch, bloß weil ich nicht sonderlich gut Fußball spielen kann“ – oder worin auch immer unser Schwachpunkt bestehen mag. Eigentlich ist das eine ziemlich lächerliche Vorstellung, wenn man mal darüber nachdenkt – es ist doch absurd zu denken: „Ich bin ein schlechter Mensch, weil ich nicht gut in Mathematik bin“.

Dann versuchen wir, diese Schwachpunkte an uns mit Gleichmut zu betrachten, ohne das Gefühl, dass sie besonders schlimm oder negativ sind. Auf dieser Grundlage können wir diesen Unzulänglichkeiten gegenüber objektiver sein, ohne sie zu übertreiben, sie nicht wahrhaben zu wollen oder zu bagatellisieren.

„Das sind die Punkte, an denen ich arbeiten muss. Jeder hat einige Punkte, die verbesserungsbedürftig sind; und dies sind also gegenwärtig meine. In einer anderen Phase meines Lebens mag das anders sein.“

An Aspekte denken, an denen wir hängen

Nun denken wir an Aspekte, die wir an uns lieben, Aspekte, an denen wir sehr hängen und die uns veranlassen zu denken, dass wir einfach großartig sind – falls wir solche an uns erkennen können.

Manche Menschen stecken so tief in ihrem niedrigen Selbstwertgefühl, dass sie nicht einmal irgendwelche guten Eigenschaften erkennen, die sie haben, geschweige denn das Gefühl hätten, deshalb „bin ich eben wunderbar“. Wenn das bei uns der Fall ist, müssen wir versuchen, objektiver zu sein. Je mehr wir an diesem ersten Schritt arbeiten, nämlich unsere Schwachpunkte nicht zu übertreiben, und erkennen, dass niemanden nur aus Unzulänglichkeiten besteht – jeder hat Schwachpunkte! -, mit anderen Worten, je mehr wir imstande sind, unseren Schwachpunkte gegenüber Gleichmut zu entwickeln, umso leichter wird es sein, die Stärken, die wir haben, anzuerkennen.

Sobald wir einige unserer Stärken identifizieren, untersuchen wir die Einstellung, die wir ihnen gegenüber haben. Bilden wir uns etwas darauf ein? „Sich etwas einbilden“ heißt hier, dass wir meinen, wir wären deshalb schlichtweg wundervoll. „Ich bin besser als jeder andere.“ Das könnte sich auf unser gutes Aussehen beziehen, oder darauf, dass wir so eine tolle, mitfühlende, liebevolle Person sind. Es könnte sich auf unsere finanzielle Situation beziehen – auf alles, worauf wir uns etwas einbilden.

Aber wenn wir es uns genau überlegen, merken wir, dass wir natürlich auch Schwächen haben. Was ist also so besonders an den guten Eigenschaften? Was macht sie realer als die schwachen Eigenschaften? Daher beschließen wir, dass wir nicht so arrogant sein und uns auf diese Stärken oder guten Eigenschaften an uns etwas einbilden werden: „Sie sind keine große Besonderheit; ich akzeptiere sie einfach.“

So wie wir unsere Schwächen als das akzeptieren, woran wir arbeiten müssen, so akzeptieren wir unsere Stärken als etwas, das wir einsetzen können, Fähigkeiten, die wir zum Einsatz bringen können, um die Unzulänglichkeiten zu überwinden und zu verbessern. Statt aufgrund dieser Stärken das Gefühl zu haben: „Ich bin ja so wundervoll“, verwenden wir sie einfach. Wir setzen sie dafür ein, besser zu werden. Wir nutzen sie, um anderen zu helfen. Wozu sind diese positiven Eigenschaften gut, wenn wir sie nicht auf förderliche Weise zur Anwendung bringen, ohne jedoch deshalb zu denken: „Was bin ich doch für ein wunderbarer Mensch!“

An Aspekte denken, die wir ignorieren

Das Dritte, worauf wir uns konzentrieren, sind Aspekte an uns, die wir zu ignorieren neigen, die wir meist vergessen, weil wir sie eigentlich nicht für bedeutsam halten, was immer sie sein mögen. „ Ich bin gut darin, mein Haus in Ordnung zu halten. Ich halte es sauber und gut in Schuss.“ Wir denken vielleicht, dass das etwas Geringfügiges ist („was ist das schon?“). Oder: „Ich bin ein guter Autofahrer.“ Oder: „Ich bin sehr begeisterungsfähig, ich habe eine Menge Elan.“

Wenn wir anfangen, uns selbst im Hinblick auf all die verschiedenen Qualitäten und Aspekten, die wir haben, zu erkunden, kann es hilfreich sein, eine Liste zu erstellen: „Was sind meine Stärken? Was sind meine Schwachpunkte? Welches sind die Punkte an mir, die ich eigentlich nie als bedeutsam ansehe?“ Verschaffen Sie sich einen Überblick. Schreiben Sie die Punkte auf. Das kann sehr interessant sein. „Ich bin sehr sorgfältig.“ Oder: „Ich bin sehr höflich.“ Das sind Punkte, die wir möglicherweise bagatellisieren.

Bei diesen Dingen, die wir zu ignorieren neigen oder für unbedeutend halten, muss es sich nicht unbedingt um gute Eigenschaften handeln; es können auch Nachteile sein. „Ich esse immer zu schnell. Das bewirkt, dass die anderen am Esstisch sich unwohl fühlen, weil ich immer viel früher fertig bin als sie.“ Oder: „Ich esse immer zu langsam. Alle anderen sind schon fertig und ich stochere immer noch in meinem Essen herum. Alle sind schon ziemlich ungeduldig und langweilen sich, weil sie es unhöflich finden, vom Tisch aufzustehen, und alle müssen auf mich warten: ‚Nun komm schon, iss endlich fertig.“ Manche Leute legen tatsächlich beim Essen zwischendurch ihre Gabel oder ihren Löffel nieder, und man denkt: „Ach du liebe Güte, werden die jetzt ihr Besteck wieder aufnehmen und weiteressen?“ Vielleicht verhalten wir uns auch so. Wir sind uns nicht einmal dessen bewusst, dass das misslich für die anderen ist, die mit uns am Tisch sitzen. Wenn wir alleine essen, ist es egal, wie schnell oder langsam wir essen; ich spreche hier von der Situation, wenn man mit anderen zusammen zu Tisch sitzt.

Das sind Kleinigkeiten, aber manchmal sind sie im Zusammenhang mit anderen ziemlich bedeutsam, während wir selbst sie hingegen ignorieren. Mir fallen ziemlich viele Beispiele ein, die wir meist gar nicht in Betracht ziehen. Ich denke zum Beispiel an Leute, die nicht laut genug sprechen. Wenn man nicht laut genug spricht, nehmen andere einen nicht richtig ernst. Sie können dann nicht recht hören, was man eigentlich sagt, und machen sich gar nicht erst die Mühe, darauf zu Acht zu geben. Und es gibt natürlich auch Leute, die zu laut reden.

Nun überlegen wir: „Warum ignoriere ich diese Aspekte? Warum meine ich, dass sie nicht auch ein Teil von mir sind? Sie sind ebenso Aspekte von mir wie diejenigen, die ich zur Kenntnis nehme – die Stärken und die Schwachpunkte -; es gibt also keinen Grund, sie zu ignorieren.

An Beispiele aller drei Aspekte denken

Am Ende müssen wir uns all diese Aspekte unserer selbst in den Sinn rufen – unsere Persönlichkeit, unseren Körper, unsere Gewohnheiten usw. – und dem Ganzen gegenüber ein objektives Gefühl entwickeln, ohne uns von einigen Aspekten abgestoßen, von anderen angezogen zu fühlen und noch andere zu ignorieren. Wir tun das, indem wir repräsentative Beispiele auswählen: einen Punkt, den wir als wirklich schlimm empfinden, einen, den wir großartig finden, und einen, den wir zu ignorieren neigen. Dann schauen wir uns diese drei Aspekte an und versuchen, sie ohne Abneigung, Anziehung oder Gleichgültigkeit zu betrachten. Seien Sie allen dreien gegenüber offen. Auf dieser Grundlage finden wir das konventionelle „Ich“; wir stellen fest: „Das ist es, woran ich arbeiten muss und womit ich arbeiten kann.“

Wir versuchen, diese drei Qualitäten von uns mit Gleichmut, mit einem ruhigen Geisteszustand und mit der gleichen Haltung gegenüber allen dreien zu betrachten. Wir nehmen uns selbst gegenüber eine akzeptierende Haltung ein. Das heißt nicht, dass wir selbstgefällig sind und nichts tun, um an uns zu arbeiten. Wir akzeptieren, wie gesagt, dass dies tatsächlich das ist, woran wir zu arbeiten haben und womit wir zu arbeiten haben, aber ohne die Vorstellung, dass es irgendwo da oben eine andere Macht gäbe, die uns diese Karten zugeteilt hat – wie in einem Kartenspiel – und dass das Karten wären, mit denen wir das Spiel durchstehen müssten. Damit würden wir unser Leben zu einem bizarren Schicksal machen – in dem uns Karten zugeteilt werden und in dem jemand anders die Macht über das Spiel hat, während unser Leben bloß ein Spiel ist. So ist es nicht. „Ich habe schlechte Karten, aber ich werde trotzdem versuchen, damit zu gewinnen“ – ich muss sagen, das ist eine ziemlich verschrobene Art, das Leben zu betrachten. Damit schiebt man die Verantwortung dafür jemand anderem zu. Wir müssen nicht eine komplette Geschichte daraus machen – dass wir ein Spiel spielen, mit jemandem der die Karten austeilt usw. Vielmehr ist es ganz einfach: „Das ist die Wirklichkeit. Das ist es, was ich habe.“

Das Problem in dieser Analogie vom Kartenspiel ist, dass man sich einerseits vorstellt, „ich“ wäre eine separate Entität und all die Aspekte meines Lebens wären Karten, getrennt von mir, und noch etwas anderes – eine höhere Macht oder ein unpersönliches Schicksal – hätte uns diese Karten zugeteilt. Das ist eine sehr befremdliche Art, unser Leben zu betrachten. Wenn wir dieser Ansicht sind und dem buddhistischen Weg folgen, haben wir ein großes Problem im Zusammenhang mit einer Verzerrung dessen, was wir unter Entsagung verstehen, denn wir verstehen sie dann so, als würde da ein wahres, festes „Ich“ sagen: „Ich will dieses Spiel nicht mehr spielen. Es ist dumm“ – so, als könnten wir die Karten hinwerfen und immer noch ein festes „Ich“ sein und die Einstellung beibehalten „Ich bin so großartig, jetzt muss ich dieses dumme Spiel nicht mehr spielen“. Dann steht man immer noch mit der Ursache des Problems da, nämlich mit eben dieser Vorstellung des falschen „Ich“, das nun unabhängig von einem dummen Kartenspiel ist.

Nun wollen wir uns rückbesinnen und all diese verschiedenen Aspekte zu betrachten versuchen, und zwar nicht als etwas von uns Verschiedenes, nicht wie eine Handvoll Karten, sondern mit dem Verständnis, dass „ich“ auf all diesen Aspekten beruhe. Was ich hier zudem für sehr wichtig halte, ist, diese verschiedenen Aspekte unserer selbst – die Basis für die Bezeichnung „ich“ – nicht als fragmentierte Einzelteile zu betrachten, so als würde jede in einer Plastikhülle stecken oder wie in einem Malbuch für Kinder mit einer dicken festen Linie umgeben sein, so dass man die eine Fläche grün und eine andere gelb ausmalen kann. Wenn wir diese Einstellung gegenüber den verschiedenen Aspekten unserer Persönlichkeit haben, bekommen wir wirklich Probleme im Sinne einer gespaltenen Persönlichkeit und damit, dass die Teile überhaupt nicht integriert sind. Was erforderlich ist, ist zu erkennen, dass all diese verschiedenen Aspekte miteinander in Wechselwirkung stehen. Wir sind etwas Ganzheitliches. Wir bestehen nicht aus solchen getrennten Bruchstücken oder kleinen Einzelteilen wie in einem Malbuch, und einem „ich“, das getrennt vom Malbuch existiert.

Diese bildlichen Vorstellungen und Analogien sind vielleicht nicht völlig exakt, aber sie sind recht hilfreich, um uns darauf zu besinnen, dass es töricht ist, wenn wir uns so verhalten, als hätten wir Karten in der Hand und würden ein Spiel spielen oder als hätten wir ein Malbuch vor uns. In der buddhistischen Terminologie würden wir sagen, dass wir verschiedene Aspekte unserer selbst begrifflich auseinanderhalten können; das ist ein begrifflicher Vorgang. Aber in Wirklichkeit hängt alles miteinander zusammen. Das ist tatsächlich sehr tiefgründig, wenn wir darüber gründlich nachdenken und es verstehen.

Am Ende dieses ersten Schrittes, der den Gleichmut betrifft – und der vermutlich der längste Schritt ist, denn er besteht aus den meisten Teilen – kommen wir zu folgendem Schluss: Wir haben eine sehr breite Basis für die Zuschreibung des konventionellen „Ich“. Wir haben all die verschiedenen Ereignisse und Dinge, die wir in unserem Leben getan haben bzw. die uns widerfahren sind: manchmal Misserfolge, manchmal Erfolge, manchmal Fehler, manchmal haben wir unsere Sache gut gemacht und manchmal ist nichts Besonderes passiert. Wir haben eine Menge verschiedener Phasen erlebt, in denen wir glücklich oder unglücklich waren. Wir haben uns in ganz unterschiedlichen Stimmungen befunden. Und wir haben verschiedene Aspekte unserer selbst – unserer Persönlichkeit, unseres Körpers – alles Mögliche, was unser Leben ausmacht. All dem wird die Bezeichnung „ich“ zugeschrieben. All das ist die Basis für die Bezeichnung „ich“. Und all das steht in gegenseitiger Wechselbeziehung. Dabei haben wir noch nicht einmal all die anderen Dinge in Betracht gezogen, die auch daran beteiligt sind: unsere Beziehungen zu anderen Menschen usw. Aber all das ist jedenfalls die Basis für „mich“, die sich von Augenblick zu Augenblick ändert. Wir können nicht Aspekte unseres Lebens auswählen und herausgreifen und sie dann für „mich“ halten, und andere fortwerfen. Etwa: „Das ist etwas, was mir wirklich gefällt; dieses mag ich ganz und gar nicht; und jenes ist unwichtig“ so, als würden wir Gemüse kaufen: Man schaut sich ein Haufen Kohlköpfe an, entscheidet: „ Dieser ist nicht gut“, und wirft ihn weg. Und dieser hier, „oh, der sieht wirklich gut aus“, den nehmen wir. Und die anderen würdigen wir keines Blickes.

Lassen Sie uns also versuchen, all diese Aspekte unseres Lebens mit Gleichmut zu betrachten: wir lassen uns weder davon anziehen noch abstoßen noch ignorieren wir sie – nicht wie beim Gemüsekauf. Das bedeutet, dass wir ruhig, offen, im Frieden mit uns bleiben und sie alle akzeptieren; und das ist dann die Basis dafür, mit all dem etwas Konstruktives anzufangen. Es ist keine Basis dafür, sich einfach zurückzulehnen und untätig zu bleiben.

Wichtig ist – obwohl das vermutlich ein etwas weitergehender Schritt ist -, das Gefühl der Dualität zu überwinden, dass „ich“ im Frieden mit „mir“ bin, dass „ich“ „mich“ akzeptiere, so als wären da zwei „ich“. Wenn wir allzusehr in einem unglücklichen Geisteszustand versunken sind, mag es zwar einen gewissen Nutzen haben, vorübergehend auf diese dualistische Weise zu denken, um mit solchen Problemen umzugehen; aber letztlich müssen wir diese dualistische Art, in der wir an uns denken, überwinden und sozusagen nur im Sinne des konventionellen „Ich“ und der Basis für das konventionellen „Ich“ mit uns im Frieden sein. „Ich“ ist die Bezeichnung, die dieser Basis zugeschrieben wird. Es ist nichts, was davon getrennt wäre. Es gibt kein „Ich“, das getrennt von meinem Leben ist, oder? Allerdings fühlt es sich manchmal so an, nicht wahr? „Mein Leben gefällt mir nicht“ – als wäre da ein „Ich“, das verschieden von meinem Leben ist. Das ist schwer zu verstehen. Aber wenn wir zumindest schon einmal das Gefühl bekommen: „Das ist doch ziemlich seltsam, zu denken, es gäbe ein „Ich“, das verschieden von meinem Leben ist“, dann beginnen wir uns in die richtige Richtung zu bewegen und einem korrekten Verständnis anzunähern.

Ein ähnlicher Irrtum tritt auf, wenn wir das Gefühl haben: „Mein Leben ist außer Kontrolle geraten“, so als gäbe es ein „Ich“, das von diesem Leben verschieden ist und es unter Kontrolle bringen könnte. Das ist auch eine ziemlich seltsame Vorstellung. Es gibt nur all die aufeinander folgenden Ereignisse, eines nach dem andern, und auf dieser Basis „mich“. Aber nicht etwas, das davon getrennt wäre und sich von Feld zu Feld bewegt, wie in einem Brettspiel für Kinder, indem man würfelt und dann eine kleine Figur ein paar Schritte weiter bewegt. Ich bitte Sie – so ist das Leben doch nicht!

Fragen und Antworten

Wir haben jetzt noch 15 Minuten Zeit für Fragen übrig. Ich möchte bei diesem Thema etwas langsam vorgehen, weil diese Inhalte eine Menge Emotionen ans Licht bringen, eine Menge Reaktionen in Gang bringen, und es daher gut ist, nicht zu viel auf einmal in einer Sitzung unterbringen zu wollen.

Rücksicht auf andere nehmen

Teilnehmer: Mir scheint, dass Sie in dem Beispiel mit dem Essen einen sehr heiklen Punkt angesprochen haben, denn wenn mehrere Menschen an einem Tisch sitzen und essen, gibt es darunter immer welche, die etwas langsamer, andere, die etwas schneller essen, und solche, die dem Standard entsprechen. Es kann sein, dass manchen Menschen die Art und Weise, wie ich esse, nicht behagt, aber ich kann nicht anderer Leute Wünsche befriedigen. Wenn ich zum Beispiel Auto fahre, gibt es auch immer Leute, die schneller sind als ich, und ich fahre lieber hinter ihnen, und umgekehrt. Wenn wir aber meinen, wir sollten anderen nicht lästig werden, wäre es dann nicht einfacher, wir würden überhaupt nicht Autofahren? Vielleicht ist mein Verständnis dieses Punktes – dass wir auf das Wohlbehagen oder Unbehagen andere Menschen Acht geben sollten – nicht korrekt.

Alex: Ich denke, es ist sehr wichtig, Rücksicht zu nehmen, wenn wir mit anderen zusammen sind, denn die Art und Weise, wie wir uns verhalten, beeinflusst sie. Wir sollten nicht meinen, dass sie das nicht beeinträchtigt. Aber ich denke an ein paar Beispiele von Menschen, die sehr langsame Esser sind und trotzdem sehr rücksichtsvoll gegenüber den anderen, die mit ihnen am Tisch sitzen. Wir treffen uns mit einer Gruppe zum Essen, und diese Person teilt den anderen mit: „Wisst ihr, ich bin wirklich eine sehr langsamer Esser. Ihr braucht nicht zu warten, bis ich fertig bin. Wenn ihr zurück zur Arbeit müsst oder was immer ihr vorhabt, dann ist das völlig in Ordnung“ Das ist ein rücksichtsvolles Verhalten. Dieser Freund kann so langsam essen, wie er möchte, und der Rest der Gruppe fühlt sich nicht verpflichtet, sitzen zu bleiben und zu warten, bis er fertig ist. Oder wenn man ein sehr schneller Esser ist, kann man den anderen sagen: „Seht mal, ich bin ein schneller Esser. Bitte lasst euch davon nicht stören. Nehmt euch ruhig Zeit. Es ist nicht so, dass ich es eilig hätte, ich esse eben einfach so.“

Mit anderen Worten, es gibt Arten, sich rücksichtsvoll zu verhalten, ohne dass wir dabei bestimmte Gewohnheiten aufgeben müssen, die wir haben. Es ist der Mangel an Rücksichtnahme, der hier das eigentliche Problem darstellt. Wenn man mit einer Reisegruppe unterwegs ist und die Gruppe aufbrechen muss, um einen Zug zu erreichen – oder wenn man mit seiner Familie zusammen ist, alle so weit sind, ins Auto zu steigen und loszufahren, und man noch nicht mit dem Essen fertig ist, könnte man auch sagen: „Ich schaffe mein Essen jetzt nicht. Lasst es mich einpacken und mitnehmen; ich werde es später aufessen.“ Es gibt Möglichkeiten, Rücksicht zu nehmen.

Ich weiß nicht, wie die Straßen hier in Russland beschaffen sind, aber in anderen Gegenden der Welt, wo es mehrere Straßenspuren gibt, gibt es Schnellspuren und Kriechspuren. Wenn man wirklich schnell fahren will, nimmt man die Schnellspur; wenn man langsam fährt, die langsame Spur. Aber man ist sich darüber im Klaren, dass es gefährlich ist, auf der Autobahn zu langsam zu fahren, genauso, wie es gefährlich ist zu schnell zu fahren. Es gibt also Regeln.

Die Unzulänglichkeit hier besteht nicht darin, wie schnell oder langsam wir fahren oder essen. Die Unzulänglichkeit besteht darin, dass wir denken, wir würden isoliert von allen anderen auf der Welt existieren, könnten einfach tun, was immer wir wollen, und es würde keine Rolle spielen, was andere Menschen meinen.

Teilnehmer: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Einigen meiner Verwandten gefällt es nicht, dass ich mich mit Buddhismus befasse und dass ich hier bin; ich kann sie also nicht zufriedenstellen. Oder jemandem missfällt die Art, wie ich mich kleide, oder mein Haarschnitt.

Alex: Was in solchen Situationen hilfreich ist, ist, sich ins Gedächtnis zu rufen. „Als der Buddha lebte, mochte ihn nicht jeder. Was erwarte ich also für mich? Dass jeder mich mag und jedem gefällt, was ich tue?“ Natürlich können wir nicht jedem gefallen. Und was die Verwandten betrifft, denen es nicht gefällt, dass Sie an buddhistischen Veranstaltungen teilnehmen – erzählen Sie es ihnen nicht. Sie müssen ihnen nicht darüber Auskunft erteilen, wo Sie hingehen. Sie brauchen nicht zu lügen, aber Sie können sagen: „Ich treffe mich mit Freunden.“ Wir sind hier Freunde. Sie treffen sich mit Freunden. Es gibt Möglichkeiten, zu vermeiden, dass man andere vor den Kopf stößt, aber wir brauchen keineswegs jedermanns Zustimmung. Die hatte Buddha auch nicht.

Das „Ich“, das Entscheidungen für uns trifft

Teilnehmer: Können Sie bitte erklären, was es heißt, dass es kein „Ich“ gibt, welches gleichsam wie auf einem Brettspiel die Figuren von einem Feld zum anderen bewegt? Wenn ich plane, was ich am Abend tue, und zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, so ist da eine Art Gefühl, dass jemand diese Entscheidung trifft. Man kann vielleicht sagen, dass es so etwas wie Willenskraft ist.

Alex: Ja, es gibt definitiv Willenskraft und das Fällen von Entscheidungen, ganz bestimmt, aber das Problem ist, welche Vorstellung wir davon haben. Es ist nicht so, dass es ein getrenntes „ Ich“ gäbe, das von unserem Leben Abstand hält und die Entscheidung trifft.

Worum es hier geht, ist: Gibt es eine Entität – „mich“ – die getrennt von dem „Ich“ ist, das tatsächlich damit beschäftigt ist, die Dinge zu tun? Es gibt diesen beurteilenden Aspekt, den wir manchmal haben, der sich so anfühlt, als gäbe es ein „Ich“, das sich zurücklehnt und urteilt und in Gang setzt, was ich tue, als wäre da noch ein anderes „Ich“, welches eine Figur auf dem Spielbrett ist und durch das Leben bewegt wird. Während man durchs Leben geht, finden natürlich Entscheidungen statt. Es gibt Willenskraft, und es gibt Absichten. All das ist Teil eines jeden Moments. Wenn man fragt: „Wer trifft die Entscheidung?“, so lautet die Antwort: Ich treffe die Entscheidung, nicht jemand anders. Was wir hier vermeiden wollen, ist das Gefühl der Getrenntheit oder Entfremdung vom Leben und diesen Geschehnissen, als wären wir etwas Erhabenes, das davon getrennt ist und ein Spiel spielt. Es ist kein Spiel. Ganz einfach ausgedrückt: Man tut es eben. Man geht durchs Leben und man tut etwas. Man trifft Entscheidungen usw. ohne dieses Gefühl „Ach, was soll ich jetzt tun?“ und „ Oh, ich war wirklich schrecklich“ oder „Oh, das war echt gut. Ich bin zwei Felder vorgerückt. Ich habe zwei Sechsen gewürfelt. Ich bin zwölf Schritte vorgerückt. Großartig! Toll!“ Wir leben einfach unser Leben ohne solche Gedanken oder Gefühle.

Da gibt es einen ganz subtilen Unterschied. Der Unterschied ist subtil, aber der Aspekt, den ich meine, hat den Anschein, als wäre ein Teil von mir der Beurteilende oder der Aufseher und ein Teil von mir wäre das Opfer, derjenige, der vor Gericht steht, und der beeinflusst und kontrolliert werden muss – „Ich muss mich unter Kontrolle bringen, sonst mache ich wirklich einen Fehler“ – als gäbe es zwei „Ichs“. Üben Sie stattdessen einfach Selbstkontrolle ohne sich aufzuspalten, sich abzutrennen, diese Spaltung vorzunehmen. Tun Sie es einfach.

Lassen Sie uns nun die Sitzung für heute beenden. Wir denken: Möge jegliches Verständnis, jegliche positive Kraft, die daraus entstanden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, dass wir nicht nur Gleichmut entwickeln und nicht nur, darauf beruhend, positive Eigenschaften entwickeln, sondern – wenn wir diesem Weg als einer Schulung zum Buddha folgen – damit wir den ganzen Weg zur Erleuchtung zurücklegen, um allen von größtmöglichem Nutzen zu sein.