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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Unsere Einstellungen gegenüber uns selbst ausgleichen: Selbsthass überwinden

Alexander Berzin
Moskau, Russland, September 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Zweite Sitzung: Gleichmut in Bezug darauf entwickeln, wie wir mit uns selbst umgegangen sind

Überblick über die vorherige Sitzung

Wir haben gestern damit begonnen zu erörtern, wie wir unsere Einstellung gegenüber uns selbst ausgleichen können, und zwar mit dem Ziel, dass uns dies hilft, verstörende Emotionen zu überwinden, die auf uns selbst gerichtet sind. Die stärkste verstörende Emotion ist für viele von uns ein niedriges Selbstwertgefühl sowie eine negative Einstellung gegenüber uns selbst. Das kann sich in der Form zeigen, dass wir uns selbst nicht leiden können, oder sogar stärker noch, dass wir uns selbst hassen. Aber das ist nicht die einzige verstörende Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen können. Wir können auch übertreiben, wie großartig wir sind (wir sind ganz besessen von uns selbst) oder wir können völlig töricht in Bezug auf uns selbst sein (unsere Bedürfnisse ignorieren und sie in gewisser Weise nicht wahrhaben wollen). Wir haben darüber gesprochen, wie wir einige buddhistischen Methoden übernehmen können, die der Übung entstammen, die heißt „Unsere geistigen Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber gleichsetzen und austauschen“. Diese Übung kann uns dabei helfen, mit diesem Problem besser umzugehen, und zwar ausgehend von einer Textzeile, die wir in der „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“ finden, einem Text, der in Tibet verfasst wurde. Sie lautet: „Fang in Bezug auf die Übung des Gebens und Nehmens (tonglen) bei dir selbst an.

Einer der Punkte, die wir gestern im Zusammenhang mit der Entwicklung von Gleichmut gegenüber uns selbst erörtert haben, hatte mit der Unterscheidung zwischen dem konventionellen „Ich“ und dem falschen „Ich“ zu tun. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass das, was wir hier zu entwickeln versuchen, eine Einstellung gegenüber uns selbst ist, die ausgeglichen und sanft ist. Das ist es, was Gleichmut hier bedeutet. Er bedeutet, dass wir uns selbst ohne eine negative Einstellung betrachten, und dass wir uns in gleicher Weise ohne ein übertrieben positives „Wie großartig ich doch bin“ betrachten, und dass wir uns schließlich selbst wertschätzend betrachten, ohne uns selbst zu ignorieren. Wir schenken uns also selbst in ausgeglichener Weise Beachtung, ohne Abneigung gegenüber uns selbst, ohne uns selbst zurückzuweisen, ohne Abscheu gegenüber uns selbst, ohne von uns selbst eingenommen zu sein, und ohne uns selbst gegenüber töricht zu sein (also ohne uns selbst zu ignorieren).

Wir haben uns dies gestern im Zusammenhang damit angesehen, was wir in unserem Leben getan haben: Wir haben uns Situationen angeschaut, in denen wir Fehler gemacht oder versagt haben, in denen wir mit einer Sache Erfolg hatten, und Situationen, in denen nichts Maßgebliches in unserem Leben passiert ist außer der gewöhnlichen Alltagsroutine. Wir haben gesehen, dass jeder Mensch Fehler macht. Wir haben auch gesehen, dass jeder von Zeit zu Zeit Erfolge verbuchen kann. Dabei muss es sich nicht um atemberaubende Erfolge handeln; auch ein leckeres Essen zu kochen, ist ein Erfolg. Es gibt keinen Grund, warum das Leben voller dramatischer Dinge verlaufen müsste – also dass das Leben entweder ganz wundervoll verläuft oder ganz furchtbare Ereignisse geschehen. Tatsache ist, dass das Leben für die meisten von uns ganz alltäglich und gewöhnlich verläuft.

Das gleiche gilt in Bezug darauf, ob wir glücklich sind oder uns unglücklich fühlen: Die Gefühle müssen nicht aufsehenerregend oder dramatisch sein. Wir denken manchmal, dass unsere Gefühle wirklich sehr intensiv und übertrieben sein müssen, damit wir sie tatsächlich überhaupt empfinden können. Diese Denkweise treibt Menschen dazu, Extremsport zu machen, sich einem Body-Piercing zu unterziehen und dergleichen mehr. Die wollen starke Gefühle und Empfindungen hervorrufen. Diese Menschen meinen, sonst würden sie nicht wirklich etwas empfinden. Aber das beruht auf einer Art Entfremdung von den eigenen Gefühlen. Wenn wir diese Entfremdung tiefer gehend untersuchen, stellen wir fest, dass diese Einstellung uns selbst gegenüber eine sehr verwirrte Vorstellung hinsichtlich unserer Gefühlen beinhaltet – wir sind verwirrt in Bezug darauf, wer wir sind, und was Erfahrung im Leben eigentlich ist. Unsere Erfahrungen müssen nicht dramatisch sein. Wir brauchen keine ausgeprägten Erfahrungen zu machen, um zu beweisen, dass wir existieren. Der Irrtum besteht darin, zu denken, dass solche Erfahrungen die Kraft haben zu beweisen, dass wir wahrhaft existieren. Aus diesem Grund ist die Unterscheidung zwischen dem konventionellen „Ich“ und dem falschen „Ich“ sehr wichtig. Diese Unterscheidung ist von wesentlicher Bedeutung.

Wir neigen dazu, uns nur mit einem kleinen Teil der Ereignisse in unserem Leben bzw. mit wenigen Aspekten unserer selbst zu identifizieren. Das sind oft recht gefühlsbeladene, dramatische Vorkommnisse, etwa eine Situation in der wir versagt haben, oder eine bestimmte Situation, in der wir sehr erfolgreich waren. Es kann sich dabei sogar um sehr extreme Ereignisse handeln, wie z. B. die Erfahrung, missbraucht worden zu sein. Wir identifizieren uns damit, und bauen dann darauf beruhend unsere gesamte Identität auf. Wir können es natürlich auch leugnen und völlig verdrängen. Aber wenn wir uns damit identifizieren, so ist das ein gutes Beispiel für das falsche „Ich“, mit dem wir uns identifizieren: Wir betrachten diese Identität als „Ich“, und meinen, dass sie wirklich das ist, was „mich“ als Person ausmacht; wir betrachten das „Ich“ als etwas Festes und Reales, als etwas, das wir immer sein werden, in jeder Situation unseres Lebens. Aber dieses falsche „Ich“ entspricht nicht irgendetwas Realem. Das falsche „Ich“ ist lediglich eine Projektion unserer Vorstellung.

Das ist das falsche „Ich“, das wir zu widerlegen haben. „Widerlegen“ bedeutet hier zu verstehen, dass unsere Vorstellung von einem falschen „Ich“ Unsinn ist, und dass es nichts Wirklichem entspricht. Wir müssen diese falsche Vorstellung also loswerden; was natürlich kein einfaches Unterfangen ist. Denn wir haben die überaus starke Gewohnheit, dieses falsche „Ich“ zu projizieren und daran zu glauben. Uns von dieser Vorstellung zu befreien, erfordert eine Menge Übung, Disziplin, Konzentration, klares unterscheidendes Gewahrsein in Bezug darauf, was Realität und was bloße Vorstellung ist, usw. Das erfordert ein sehr umfassendes Geistestraining, welches auf einer sehr starken Motivation beruhen muss, um dieses Training durchzuführen. Buddhistische Schulung ist auf diese Art von Übung spezialisiert.

Aber es ist nicht so, dass wir, wenn wir das falsche „Ich“ widerlegen, mit gar nichts zurückbleiben. Was uns bleibt, ist das konventionelle „Ich“. Ich existiere. Sie existieren. Ein Zen-Meister würde Ihnen das beweisen, indem er Sie mit einem Stock schlägt und Sie dann Schmerz empfinden. Dass Sie existieren, ist also offensichtlich.

Das konventionelle „Ich“ umfasst die ganze Bandbreite von Faktoren in unserem Leben, nicht wahr? Es ist nicht so, dass da ein feststehendes „Ich“ durch das Leben geht – so als wären wir nicht daran beteiligt und würden zuschauen, wie unser Leben sich vor uns abspielt wie in einem Film. Das ist eine gefährliche Einstellung, denn sie führt zu einem Gefühl der Entfremdung, und das kann vielerlei emotionale Probleme mit sich bringen. Das konventionelle „Ich“ ist das „Ich“, das den sich ständig ändernden Ereignissen und Erfahrungen unseres Lebens zugeschrieben wird, bzw. die Bezeichnung dafür. Ich verändere mich dauernd, entwickle mich, werde älter, ändere mich von Augenblick zu Augenblick, und da ist nichts, was immer dasselbe bliebe. „Ich“ bezieht sich auf die Gesamtheit all dessen; alles das bin „Ich“. Beziehungsweise, um es präziser auszudrücken, das konventionelle „Ich“ basiert auf all dem.

Wir müssen hier zwei Extreme vermeiden. Das eine Extrem ist Nihilismus; damit wird die Existenz von „mir“ gänzlich geleugnet. Wenn wir in dieses Extrem geraten, handeln wir töricht in Bezug auf uns selbst. Wir ignorieren unsere Bedürfnisse. Wir geben uns selbst keinen Raum; wir machen nicht geltend, was wir wollen oder brauchen. Wir setzen zum Beispiel in unseren Beziehungen oder im Hinblick auf unsere Arbeit keine Grenzen, usw. Das erste Extrem besteht also darin, das konventionelle „Ich“ zu leugnen. Nihilismus bedeutet zu denken: „Ich zähle nicht; ich bin ein Nichts.“

Das andere Extrem besteht darin, das konventionelle „Ich“ zu einem falschen „Ich“ aufzublähen und uns dann mit dem falschen „Ich“ zu identifizieren. Das Ergebnis ist etwas, was wir im Westen als „Narzissmus“ bezeichnen würden: „Ich bin ganz besonders wichtig. Was ich denke und empfinde, ist überaus wichtig, und jeder muss davon erfahren.“ So als ob das wirklich jeden interessieren würde. Solche narzisstische Aufgeblasenheit wird heutzutage durch soziale Netzwerke noch weiter übertrieben, z. B. auf Facebook oder Twitter, wo die Leute das Gefühl haben, sie müssten alles aufschreiben, was sie bei jeder Kleinigkeit in ihrem Leben empfinden. Die emotionale Entsprechung davon ist dieses Gefühl „Ich bin ja so wichtig. Ich bin so etwas Besonderes. Ich bin ganz wunderbar.“

Wenn wir uns selbst gegenüber eine negative Haltung haben, die mit Ärger verbunden ist, kann das zu jedem dieser beiden Extreme hinführen. Wir können unsere Bedürfnisse und Wünsche als Mensch auf nihilistischen Weise leugnen und ignorieren: „Ich bin so dumm und schlecht, dass ich keine Zuneigung verdiene. Ich habe es nicht verdient, Freunde zu haben oder glücklich zu sein, denn ich tauge nichts.“ Solch eine negative Einstellung zu sich selbst gehört zu dem Extrem des Nihilismus. Im Grunde verneint die nihilistische Haltung das konventionelle „Ich“: „Ich existiere nicht. Ich zähle nicht.“

Das andere Extrem, eine mit Ärger verbundene übertriebene Vorstellung von uns selbst¸ erzeugt enorme Schuldgefühle und das Gefühl, dass wir uns selbst bestrafen müssen, weil wir so schlechte Menschen sind. Das kann sich psychologisch auf vielerlei Arten äußern, oft auch unbewusst. Eine davon besteht darin, jede Beziehung, die wir eingehen, unbewusst zu sabotieren und damit sicherzustellen, dass sie nicht gutgeht und wir auch weiterhin in Beziehungen scheitern. In gewisser Weise ist das dann so, als würden wir uns selbst bestrafen. Wenn wir an Schuldgefühlen leiden, so ist das eigentlich eine Besessenheit in Bezug auf unser „Ich“, das wir dann zu einem falschen „Ich“ aufblasen, und von dem wir meinen, dass es auf wahrhaft existente Weise „schlecht“ ist. Wir fixieren uns auf die Vorstellung: „Ich bin so ein schlechter Mensch. Was ich getan habe, ist so schlecht“ – und von dieser Einstellung lassen wir nicht mehr ab. So kann eine negative Einstellung sich selbst gegenüber zu jedem der beiden Extreme hinführen.

All das ist von Bedeutung für unsere Erörterung des Gleichmuts. Was wir erreichen wollen, ist eine Art Mittelweg – das, was wir im Buddhismus den „mittleren Pfad“ nennen. Mittelweg soll nicht heißen: halb nihilistisch und halb Übertreibung unseres Selbst. Das ist es nicht, was „Mittelweg“ hier bedeutet. Es bedeutet vielmehr, über diese Art von Polarität hinauszugehen, das konventionelle „Ich“ zu bestätigen und aufzuhören, sich mit dem falschen „Ich“ zu identifizieren. Das tun wir, indem wir versuchen, diese verstörenden geistigen Einstellungen und Emotionen zur Ruhe zu bringen, die wir in Bezug auf die Ereignisse in unserem Leben und in Bezug auf „mich“ in Verbindung mit diesen Ereignissen haben.

Gleichmut in Bezug darauf entwickeln, wie wir mit uns selbst umgegangen sind

Lassen Sie uns nun mit dem Teil der Übung fortfahren, der den Gleichmut betrifft. Der nächste Aspekt, den wir untersuchen werden, ist die Betrachtungsweise unserer selbst, die Art, wie wir mit uns umgegangen sind – nicht unbedingt im Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis, sondern ganz allgemein – , die geistige Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen. Dabei kann es sich um drei Arten handeln. Zuerst einmal kann unsere Haltung einfach allgemein von niedrigem Selbstwertgefühl geprägt sein. Das kann sich darin äußern, dass wir innerlich sehr harte Worte für uns selbst verwenden: „Ich bin ja so ein Idiot.“ „Ich bin so ein Versager.“ Es kann gut sein, dass wir noch viel heftigere Worte verwenden.

Die zweite Art der geistigen Einstellung kann eine übermäßig hohe Meinung von uns selbst sein – „ Ich bin einfach wunderbar. Ich bin etwas ganz Besonderes.“ Dann neigen wir dazu, uns selbst zügellos freien Lauf zu lassen. Das kann sich ebenfalls auf vielerlei Weise äußern, zum Beispiel in der Einstellung, dass wir immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen müssen, immer Recht haben usw. Wir sind anderen gegenüber sehr penetrant im Hinblick auf uns selbst.

Die dritte geistige Haltung besteht darin, unsere Bedürfnisse zu ignorieren, und sie äußert sich darin, dass wir nicht angemessen mit uns selbst umgehen. Oft wird sie hervorgerufen, wenn wir ein Baby oder kleine Kinder haben. Dann überwiegen natürlich die Bedürfnisse des Babys unsere eigenen, und das kann uns dazu bringen, über die Grenzen unserer Kraft zu gehen, indem wir uns nicht genug Schlaf gönnen usw. Das ist natürlich eine spezielle Situation. Im Zusammenhang mit unserem Thema geht es jedoch um die Einstellung, perfekt sein zu müssen und uns selbst zu überfordern: Wir haben dann keine realistische Einstellung in Bezug auf uns selbst, unsere Bedürfnisse und Grenzen.

Wir wollen nun dieselben Methode anwenden, die wir auch gestern im Zusammenhang mit verschiedenen Ereignissen in unserem Leben angewandt haben, um unseren Geist zur Ruhe zu bringen und mehr Gleichmut in Bezug darauf zu entwickeln, wie wir uns selbst betrachtet und behandelt haben.

An eine Situation denken, in der wir ein niedriges Selbstwertgefühl hatten

Zuerst denken wir an eine Situation, in der wir ein niedriges Selbstwertgefühl hatten, und lassen dann dieses Gefühl in uns aufsteigen. „Ich bin ein Versager“, „Ich bin ein Idiot“ – diese Art von Einstellung. Ich bin sicher die meisten von uns hatten eine solche negative Einstellung ab und zu. Wir versuchen, uns dieses Gefühl in den Sinn zu rufen, so dass wir es untersuchen können. (Es ist nicht so, dass wir hier üben, dieses Gefühl zu haben!) „Niemand mag mich. Warum sollte jemand eine/n wie mich lieben? Ich habe es nicht verdient, geliebt zu werden.“ Es gibt viele Arten, wie sich ein geringes Selbstwertgefühl äußern kann.

Dann untersuchen wir diese negative Einstellung, die wir uns vergegenwärtigen: „Wenn ich wirklich so wäre – zu nichts nütze, und wenn ich wirklich so wäre, dass ich es nicht verdiene, geliebt zu werden – dann müsste das für jedes Lebewesen gelten, mit dem ich Kontakt habe. Mein Hund würde mich dann nicht mögen, meine Mutter würde mich nicht mögen, niemand hatte mich je gemocht. Aber Moment mal – mein Hund mag mich ja – so schlimm kann es also nicht sein. Meine Mutter liebt mich trotzdem – hoffe ich doch.“ Wir sehen also, dass wir nicht immer ein so negatives Gefühl in Bezug auf uns selbst haben. Es gibt keine tatsächliche, immerwährende Basis dafür, oder?

Sehen Sie, genau das ist das Problem. Wenn jemand so tief in sein niedriges Selbstwertgefühl versunken ist, kann er sich nicht einmal irgendeinen positiven Aspekt an sich selbst in den Sinn rufen, etwas, wobei er Erfolg hatte oder jemanden, der oder die ihn wirklich mag – zum Beispiel einen Hund oder seine Mutter oder irgendjemanden sonst in seinem Leben – als hätte er nie einen Freund gehabt, was höchst unwahrscheinlich ist. Diese Haltung versuchen wir auszugleichen und zu erkennen: „Naja, ich hatte nicht immer diese negative Einstellung zu mir selbst. Manchmal war meine Haltung mir gegenüber ganz o.k.“ Wir werden uns später noch mit der Frage beschäftigen, was überwiegt, die positive Einstellung oder die negative Einstellung; das ist ein anderes Thema. Aber wenn wir die Sache objektiv betrachten, sehen wir, dass wir uns manchmal auch gut behandelt haben. Selbst wenn das nur heißt, dass wir uns einen Schokoladenriegel gekauft und ihn gegessen haben, weil wir so gern Schokolade mögen. Wir versuchen, an solche ganz einfachen Beispiele zu denken.

Wir stellen entschieden fest: „Eigentlich gibt es keinen Grund, mich immer schlecht zu behandeln und mit mir zu schimpfen. Ich bin ganz gut in der Lage, nett zu mir zu sein, wie in dem Fall, als ich mir einen Schokoladenriegel gekauft habe.“ Wir fassen den Entschluss: „Ich will versuchen, innerlich nicht so barsch mit mir zu reden oder so schlecht mit mir selbst umzugehen.“ Wissen Sie, wir müssen erkennen, dass es uns unglücklich macht, wenn wir uns selbst in dieser negativen Weise behandeln. Warum sollte ich unglücklich sein wollen? In Wirklichkeit will niemand unglücklich sein. Wir sind sowieso oft genug unglücklich. Warum sollten wir uns noch trübsinniger machen, indem wir uns selbst gegenüber diese negative Haltung einnehmen?

An eine Situation denken, in der wir eine übermäßig hohe Meinung von uns selbst hatten

Dann rufen wir uns einen Zeitpunkt in den Sinn, zu dem wir eine übermäßig hohe Meinung von uns selbst hatten und uns belohnt haben, indem wir uns übermäßig verwöhnten, uns mit Schokolade vollstopften oder zu viel Alkohol tranken. Wir überlegen: „Warum habe ich mir so freien Lauf gelassen? Weil ich meine, ich wäre so großartig? Nun, der Meinung bin ich nicht immer, oder? Es ist also nicht nötig, mich übermäßig zu belohnen oder aber zu darben.“ Das ist der Punkt. Die eine Seite ist, sich gar nichts zu gönnen – „Ich habe das nicht verdient“ – die andere ist, allen möglichen Dingen zu frönen: „Ich bin so wunderbar, es steht mir zu, den ganzen Kuchen alleine aufzuessen. Ich habe es verdient, mir die ganze Woche frei zunehmen.“

Wir brauchen nicht in das Extrem zu verfallen, jeden Tag Eiscreme zu essen oder niemals ein Eis zu essen. Manchmal ist es in Ordnung, ein Eis zu essen – alles in Maßen. Wir müssen weder im Dauerurlaub sein, noch niemals frei nehmen. Maßhalten ist das Gebot der Stunde. Natürlich gehen die meisten von uns nicht total ins Extrem, aber viele von uns haben eine Neigung, sich in Richtung dieser Extreme zu bewegen. Kurz gesagt: Es ist nicht sinnvoll, uns ständig zu sagen; „Ich bin ein Idiot. Ich bin bescheuert.“ Und ebenso wenig sinnvoll ist es andererseits, uns dauernd zu sagen. „ Ich bin so wunderbar. Ich bin großartig.“

An eine Situation denken, in der wir unsere Bedürfnisse ignoriert haben

Das dritte Beispiel besteht darin, uns an einen Zeitraum zu erinnern, in dem wir unsere eigenen Bedürfnisse ignoriert haben, so als wären wir ein unbedeutender Niemand, der gar nichts zählt. Wir vergegenwärtigen uns eine Situation, in der wir ungerecht mit uns selbst umgegangen sind. Es ist offensichtlich, dass wir das immer weiter analysieren könnten. Es können viele Gründe dahinter stecken, dass wir unsere Bedürfnisse oder Wünsche nicht zum Ausdruck gebracht haben. Es kann sein, dass wir befürchten, wir würden zurückgewiesen und verlassen, wenn wir sie zum Ausdruck bringen. Es gibt vielerlei Varianten davon.

Außerdem treten diese drei Neigungen – ein niedriges Selbstwertgefühl zu haben, sich selbst zu überschätzen oder sich selbst zu ignorieren – nicht nur vollständig getrennt voneinander auf. Oft entsteht eine Mischung aus diesen drei Neigungen, wie zum Beispiel folgendermaßen: „Ich werde meine Bedürfnisse ignorieren, nichts sagen und keine Grenzen setzen,“ – das wäre also die törichte Einstellung – „weil ich Angst habe, dass ich dann zurückgewiesen werde“ – das wäre das niedrige Selbstwertgefühl.

Wir müssen diese Situation genau untersuchen: „Gibt es denn einen Grund dafür, dass ich mich so unfair behandle? Ich bin kein Niemand, oder? Ich habe Bedürfnisse, genau wie jeder andere. Ich habe Grenzen, wie jeder andere auch. Wenn es Kuchen gibt – warum sollte ich nicht ein Stück davon abhaben, wie jeder andere auch?“

„Wenn andere mir etwas abschlagen können, warum kann ich ihnen nichts abschlagen?“ Das ist ein viel schwieriger Fall. Natürlich ist hier die Rede davon, Nein zu sagen, wenn es vernünftig ist, Nein zu sagen. Es geht hier nicht darum, einfach jemand zu sein, der immer Nein sagt. Das wäre ein Extrem. Aber wie gesagt, diese Fragestellung ist ein interessanter Fall und schwierig zu analysieren. „Ich bin so ausgehungert nach Zuneigung, dass ich mich nicht traue, Nein zu sagen, weil ich mir eigentlich wünsche, dass die anderen Leute mich mögen.“ Ist das die Mentalität, die dahintersteckt? „Ich bin ausgehungert nach Zuneigung, ich bin ausgehungert danach, gemocht zu werden, und deshalb will ich nicht Nein sagen. Ich will immer mehr Zuneigung bekommen, weil ich das Gefühl habe, dass ich das nie hatte oder nie genug bekommen habe; und ich sehne mich verzweifelt danach, gemocht zu werden, also werde ich nichts ablehnen. Ich werde keine Grenzen setzen.“ Hier geht es um das Thema, in Beziehungen Grenzen zu setzen. Wenn andere uns ausnutzen oder schlecht behandeln, wollen wir dennoch nicht Nein sagen, weil wir so nach Zuneigung hungern, so, als wären wir ausgehungert nach Nahrung.

Dann denken wir: „Wie wäre es, wenn ich tatsächlich bekäme, was ich wollte? Wenn jemand mich die ganze Zeit mit Zuneigung überschütten würde, wäre das sehr lästig.“ Einerseits haben wir das Gefühl, dass wir nie genug bekommen haben. Andererseits wird es uns lästig, wenn wir zu viel bekommen. Stellen Sie sich vor, ihr Hund würde Ihnen die ganze Zeit begeistert das Gesicht ablecken. Es würde Sie verrückt machen. Sie würden ihn wegschieben. Das ist übrigens eine buddhistische Methode: Man verwendet absurde, extreme Beispiele, um zu zeigen: Ist das wirklich das, was ich will – dass der Hund mir die ganze Zeit das Gesicht ableckt? Dass jemand anders sagt: „ Oh du bist ja so wundervoll“ und uns die ganze Zeit umarmt und anfasst? Nach einer Weile werden wir mit Sicherheit sagen: „Jetzt reicht‘s aber.“

Nun könnten Sie einwenden: „Aber könnte ich nicht nur ein kleines bisschen mehr Zuneigung bekommen?“ Ein kleines Bisschen ist jedoch nie genug. Dass ist das Gemeine daran. Wie viel von unserem Lieblingsessen müssen wir essen, damit wir uns über die Speise freuen können? Das ist eine interessante Frage. Ist ein Löffel voll genug? An dem Beispiel wird ersichtlich, dass wir nie zufrieden sind.

An alle drei Situationen denken

Am Ende denken wir an uns selbst in diesen drei Stimmungen und an diese drei Arten, mit uns selbst umzugehen: wenn wir innerlich barsch mit uns reden, weil wir solch eine negative Einstellung zu uns selbst haben („Ich bin so ein Idiot. Ich bin so ein Versager.“ usw.); wenn wir uns übermäßig bevorzugt haben („Ich bin ja so toll. Ich bin einfach großartig. Ich bin eben etwas ganz Besonderes.“) und wenn wir gemäß der dritten Einstellung unsere Bedürfnisse einfach ignoriert haben („Ich bin ein unbedeutendes Nichts“). Dann versuchen wir, alle drei zu betrachten, im Sinne von: „ Das bin einfach bloß ich, einfach nur das konventionelle ‚Ich‘.“ Es ist unnötig, dem konventionellen „Ich“ diese negative geistige Einstellung oder diese übermäßig positive Einstellung oder die ignorierende Einstellung überzustülpen. Die Art, wie wir mit uns selbst umgehen, ist eine Folge davon, ob wir eine solche geistige Haltung hinzufügen oder nicht.

Während wir dies immer weiter analysieren, bringt uns das zu einer grundlegenderen Ebene. Das Leben hat Höhen und Tiefen; das ist völlig normal. Manchmal fühlen wir uns unglücklich, manchmal fühlen wir uns glücklich – auch wenn es vielleicht kein sensationelles Glücksgefühl sein mag – und manchmal scheint es, als würden wir gar nichts fühlen. Was hier wichtig ist, ist zu erkennen, dass das „Ich“ das ist, was der Gesamtheit all dessen zugeschrieben wird. Dieses Auf und Ab des Lebens ist die Basis für die Bezeichnung „Ich“. Das gilt nicht nur für die Auf-und-Ab-Ereignisse des Lebens, sondern auch für die Auf-und-Ab-Stimmungen, in denen wir uns wechselweise befinden: glücklich, unglücklich, was auch immer. Es ist also nicht nötig, sich mit einer dieser Stimmungen zu identifizieren: „Ich bin unglücklich, also bin ich ein Versager und tauge nichts.“ „Ich bin glücklich, also bin ich ganz wunderbar.“ Oder „Ich fühle nichts, also bin ich bloß ein großes Nichts.“

Wir fassen den Entschluss: „Ich werde mich weder schlecht behandeln noch mich übermäßig bevorzugen oder darin schwelgen, wenn ich Dinge für mich tue, etwa darin schwelgen, wenn ich es mir bequem mache. Ich muss nicht alles haben müssen, was ich gerne haben möchte; ich muss nicht immer das kriegen, was ich gerade brauche.“ Letzteres wäre, als würden wir uns verhätscheln und übermäßig verwöhnen. Man kann ein kleines Kind verziehen, wenn man ihm immer gibt, was es will. Auf diese Art verhätscheln und verziehen wir uns selbst.

Wir fassen zudem den Entschluss: „Ich werde meine Bedürfnisse auch nicht ignorieren. Egal, wie ich mich fühle – ganz gleich ob ich glücklich bin, unglücklich bin, oder etwas empfinde, was vergleichsweise wie gar nichts scheint – ich werde auf ausgewogene Weise mit mir umgehen. Ganz gleich, in welcher Stimmung ich mich befinde – ich werde eine ausgeglichene Haltung mir selbst gegenüber bewahren. Ich werde nicht in eines dieser Extreme verfallen.“

Auf der Grundlage solchen Gleichmuts, einem Zustand, in dem wir keine verstörende Einstellung uns selbst gegenüber haben, können wir positivere, gesunde Einstellungen in Bezug auf uns selbst entwickeln. Wir können unsere Potenziale und unsere Fähigkeiten – das, was wir im Buddhismus die verschiedenen Aspekte von „Buddha-Natur“ nennen – anerkennen, ohne sie zu verneinen, aber auch ohne zu übertreiben und zu meinen: „Wie großartig bin ich doch! Ich besitze all diese Aspekte der Buddha-Natur, all das Potenzial!“ Das ist ebenfalls eine grobe Übersteigerung von „Ich, Ich, Ich – was für eine großartige, besondere Person ich doch bin.“ Wir alle haben Fähigkeiten – der ein oder andere hat vielleicht mehr Hindernisse zu überwinden, aber die grundlegenden menschlichen Potenziale sind vorhanden. Diese Tatsache müssen wir anerkennen, ohne sie zu etwas übermäßig Besonderem zu machen („Ich bin ja so außergewöhnlich. Das ist phantastisch!“). Seien Sie gleichmütig demgegenüber. Gehen Sie mit einer ausgewogenen Einstellung damit um, nicht mit einer störenden Einstellung.

Fragen und Antworten

Wir haben nur noch ein paar Minuten Zeit in dieser Sitzung, und vielleicht ist es gut, noch Gelegenheit für ein paar Fragen zu geben – falls Sie welche haben. Ja?

Unsere Kinder ermutigen

Teilnehmer: Müssen wir unser Kind dabei unterstützen, besser zu sein als andere, als seine Freunde zum Beispiel? Sollen wir ihm dabei vielleicht Grenzen setzen und erklären, dass es das nicht braucht? Oder sollen wir es darin unterstützen, dass es das vielleicht selbst überwindet?

Alex: Das ist eine schwierige Frage, denn Kinder sind in dieser Hinsicht natürlich unterschiedlich. Andere als Vorbild hinzustellen – „Warum bist du nicht so gut in der Schule wie dein größerer Bruder oder deine Schwester?“ – kann manchmal den gegenteiligen Effekt haben und dazu führen, dass das Kind das Gefühl bekommt, es sei völlig wertlos, sogar dann, wenn man nicht explizit den Vergleich zieht.

Ich kenne Beispiele, in denen ein älteres Kind in der Familie wie ein Superstar in der Schule war. Es war eine Sportskanone, hatte gute Noten und all das. Dann kam der jüngere Bruder oder die jüngere Schwester, die dann den gleichen Lehrer hatten. Und selbst wenn die Eltern nichts gesagt haben, zieht der Lehrer doch den Vergleich: „Warum bist du nicht so gut?“ Das ist eine ausgesprochen schwierige Situation.

Wenn wir unser Kind ermutigen wollen, sich weiterzuentwickeln, indem wir andere als Vorbild anführen, müssen wir sehr vorsichtig sein, um nicht zu viel Druck auszuüben. Wir müssen vermeiden, dass es die Einstellung bekommt, es wäre nicht gut genug. Ich denke, wenn wir das Kind ermutigen wollen, mehr Disziplin zu entwickeln oder stärker an etwas zu arbeiten, bestimmte Fertigkeiten auszubilden – sei es in der Schule oder in welchem Bereich auch immer (und wenn das Kind noch zu klein ist, wird es das wohl nicht verstehen) – ist es vielleicht hilfreicher zu erklären: „das wird dich glücklich machen“, als zu sagen „dann wirst du erfolgreicher“ und dergleichen – die Aussicht: „ Das wird dich zu einem glücklicheren Menschen machen“ kann hilfreicher sein. Und verwenden Sie nicht die Begründung „Dann wirst du später mehr Geld verdienen.“ Das kann auch etwas problematisch werden. Bleiben Sie bei etwas Einfacherem: „Du wirst einfach glücklicher sein. Wenn es etwas gibt, das du machen möchtest, musst Du auch die Disziplin dafür aufbringen und dich darauf konzentrieren.“

Ob das funktioniert oder nicht, ist sehr schwer zu sagen, denn wenn Sie sich selbst als Beispiel anführen, kann ein Kind sehr erfolgreicher Eltern sich manchmal als völlig unzulänglich empfinden. Auch hier spielt also jener Gleichmut eine sehr wichtige Rolle. Wenn man ein erfolgreicher Geschäftsmann oder so etwas in der Art ist, sollte man das als Elternteil seinen Kindern gegenüber nicht überbetonen, weil sie sonst das Gefühl bekommen könnten, sie wären nicht gut genug: „Ich muss den Erwartungen gerecht werden. Aber ich kann die Erwartungen unmöglich erfüllen. Ich bin nicht gut genug. Wenn ich nicht das schaffe, was ihr geschafft habt, werdet ihr mich nicht mehr lieben. Aber ich kann das nicht.“ Ähnliches gilt, wenn man dem Kind sagt: „Ich bin ein Versager. Also werde du nicht auch so ein Versager.“ Das kann auch sehr merkwürdige Folgen haben: „Wenn ich das Kind eines Versagens bin, muss ich auch ein Versager sein, um der Familie treu zu bleiben.“ So etwas kann wirklich ein ziemliches Durcheinander erzeugen.

Für diesen Gleichmut, von dem wir gesprochen haben, gibt es also viele Anwendungsmöglichkeiten, viele Möglichkeiten, ihn positiv einzusetzen.

Gibt es noch kurze weitere Fragen?

Das Problem des Nihilismus

Teilnehmer: Wenn wir andererseits uns selbst gegenüber nihilistisch sind und denken: „Ich existiere nicht. Nichts existiert“, können wir in das andere Extrem verfallen. „Wenn nichts existiert, ist alles egal. Ich kann tun und lassen, was immer ich will, und mir so viel Eis kaufen, wie ich will, weil ja nichts existent ist.“

Alex: Ja, sehr richtig. Es gibt viele Folgen der törichten Einstellung. Töricht zu sein in Bezug auf „mich“ – „Ich existiere nicht. Ich zähle nicht.“ (das ist die törichte Einstellung in Bezug auf die Realität) – kann dann zu einer törichten Einstellung gegenüber Ursache und Wirkung führen: „Egal, was ich tue, das spielt alles keine Rolle; mein Handeln hat keine Folgen.“

Im Buddhismus identifizieren wir zwei Arten von törichten Ansichten bzw. zwei Arten von fehlendem Gewahrsein (der Fachbegriff hierfür lautet Nicht-Gewahrsein, Naivität oder auch Unwissenheit). Die eine Art von törichter Ansicht bezieht sich auf Ursache und Wirkung – und zwar auf Ursachen und Wirkungen in Bezug auf unser Verhaltens, d. h. nicht nur auf die physikalischen Gesetze. Diese törichte Ansicht in Bezug auf Ursachen und Auswirkungen unseres Verhaltens führt zu destruktivem Verhalten, sei es destruktiv für andere oder selbstzerstörerisch – , denn wir sind dann der Meinung, es gäbe keine Wirkungen unseres Verhaltens und unser Handeln hätte keine Folgen. Zudem gibt es das fehlende Gewahrsein bzw. die Verwirrung hinsichtlich der Realität – also die Verwirrung in Bezug auf die Art und Weise, wie ich existiere, wie jedes einzelne Lebewesen existiert, wie die Welt existiert – und diese Verwirrung ist es, die hinter der endlosen Fortsetzung der Schwierigkeiten, hinter dem ewigen Auf und Ab im Leben steckt – hinter dem, was wir „Samsara“ nennen.

Lassen Sie uns die Sitzung nun beenden. In einer Stunde machen wir weiter.