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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Unsere Einstellungen gegenüber uns selbst ausgleichen: Selbsthass überwinden

Alexander Berzin
Moskau, Russland, September 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Erste Sitzung: Gleichmut gegenüber dem entwickeln, was wir in unserem Leben getan haben

Einführung

Heute Abend und an diesem Wochenende möchte ich über ein Problem sprechen, das bei Westlern recht typisch ist, nämlich das Problem einer negativen Einstellung gegenüber uns selbst, also das Problem eines niedrigen Selbstwertgefühls. Das kann im Extremfall so weit gehen, dass wir uns selbst nicht nur nicht mögen, sondern sogar hassen.

Es ist sehr merkwürdig, dass es sich hier nicht um ein allgemeines Problem handelt, das weltweit auftritt. Tibetern zum Beispiel ist ein geringes Selbstwertgefühl ganz fremd und es kommt ihnen sehr sonderbar vor. Ich habe einmal an einer Konferenz mit Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama und einer Gruppe von Psychologen teilgenommen. Das Thema des niedrigen Selbstwertgefühls und Selbsthasses kam auf, und seine Heiligkeit war sehr überrascht: Davon hatte er noch nie gehört. Er fand es sehr schwer zu glauben, dass westliche Menschen tatsächlich diese Art Einstellung gegenüber sich selbst haben. Wir waren ungefähr 20 Teilnehmer bei dieser Konferenz. Seine Heiligkeit fragte jeden von uns, ob er ein niedriges Selbstwertgefühl habe, und jeder im Raum antwortete mit „Ja“. Seine Heiligkeit war völlig schockiert.

Man kann natürlich Vermutungen darüber anstellen, was die Gründe dafür sind, dass dieses niedrige Selbstwertgefühl bei Tibetern – oder auch bei Indern (ich habe 29 Jahre lang in Indien gelebt) – nicht so oft zu finden ist. Eine Theorie, die ich aufgestellt habe, ist, dass es damit zusammenhängt, wie die Kinder dort aufwachsen und erzogen werden, und ich denke, dass das nicht nur auf Tibeter und Inder sowie andere Teile Asiens zutrifft, sondern auch auf die Menschen im mittelalterlichen Europa, und gewiss auch in Afrika und Lateinamerika. In traditionellen Gesellschaften sind Säuglinge und Kleinkinder immer bei ihrer Mutter oder einer älteren Schwester. Sie werden entweder auf den Rücken der Mutter gebunden oder, in Indien, auf der Hüfte gehalten; die Babys haben also ständig Körperkontakt mit ihrer Mutter. Ich denke, das bewirkt, dass sich das Baby, vor allem wenn es noch sehr klein ist, ziemlich sicher fühlt. Denken Sie daran, wie viele moderne Abendländer mit ihren Babys umgehen: Sie lassen sie allein in ihrem Kinderbett liegen und nur wenn sie schreien, werden sie – hoffentlich – hochgehoben und auf diese Weise belohnt. In dem Kinderbett allein gelassen zu werden, erzeugt, so meine ich, ein grundlegendes Gefühl von Verlassenheit und Unsicherheit.

Und denken Sie an die Kinderwagen oder Buggys, in denen die Menschen im Westen Babys spazieren fahren. Das Baby wird vor der Mutter oder dem Vater hergeschoben. Da sitzt nun das kleine Kind, vielleicht ein Jahr alt und schaut auf den Straßenverkehr, wo riesige Laster und Fahrzeuge an ihm vorbeidonnern, denen es ganz allein gegenübersitzt. Ich bin sicher, dass das sehr beängstigend ist. In traditionellen Gesellschaften hingegen ist das Baby auf dem Rücken der Mutter oder des Vaters gebunden. Wenn es dann derlei Dinge wie dichten Straßenverkehr erlebt, fühlt es sich sicher und beschützt. Ich denke daher, dass die Art, wie wir unsere Kinder aufziehen, dem Kind schon in einem sehr frühen Alter das Gefühl geben kann: „Mit mir stimmt was nicht.“ Ich meine, dass das dazu beiträgt, sich selbst gegenüber ein ungutes Gefühl zu entwickeln.

Ob diese Erklärung nun stimmt oder nicht, weiß ich nicht, aber es scheint zumindest ein Faktor zu sein, warum diese Einstellung so häufig unter modernen Menschen zu finden ist, die auf westliche Weise aufgewachsen sind, und nicht so oft in traditionellen Gesellschaften. Dazu kommt, dass wir in einem modernen westlichen Wirtschaftssystem aufwachsen, in dem so viel Konkurrenzkampf und Leistungsdruck herrscht. Das befördert häufig das Gefühl in uns: „Ich bin nicht gut genug“, wenn wir nicht als Gewinner aus dem Konkurrenzkampf hervorgehen.

Jedenfalls ist dieses niedrige Selbstwertgefühl, dieser Selbsthass, ein Problem, mit dem viele von uns zu tun haben. Wenn wir uns die buddhistischen Lehren anschauen, wird deutlich, dass alles in den Lehren darauf abzielt, uns zu helfen Leiden zu überwinden, indem wir die Ursachen für die Leiden loswerden. Wenn ein niedriges Selbstwertgefühl, eine negative Einstellung gegenüber uns selbst, Leiden und Unglück bewirkt, und wir starkes Vertrauen in die buddhistischen Lehren haben, muss es also buddhistische Methoden geben, die sich darauf anwenden lassen, und die uns dabei helfen, geringes Selbstwertgefühl zu überwinden.

Vielleicht kennen einige von Ihnen das Programm, das ich ausgearbeitet habe – es heißt „Ausgewogene Sensitivität entwickeln“. Ich habe ein Buch dieses Namens geschrieben, es befindet sich auf meiner Website. Ich denke, es ist auch ins Russische (und Deutsche) übersetzt worden.

[Siehe: Ausgewogene Sensitivität entwickeln: Praktische buddhistischer Übungen für den Alltag.]

In diesem Programm mit 22 Übungen habe ich verschiedene buddhistische Methoden so zusammengestellt, dass sie sich auf die speziellen Probleme anwenden lassen, mit denen wir im Westen mehr zu tun haben, Probleme, die in den traditionellen buddhistischen Lehren nicht so explizit aufgeführt werden. In erster Linie sind das die Probleme, die damit zusammenhängen, dass wir uns selbst und anderen gegenüber unsensibel sind, oder dass wir übersensibel reagieren und uns sehr leicht verletzt fühlen, wie auch Probleme, die damit zusammenhängen, dass wir nicht im Kontakt mit unseren Gefühlen sind, nicht im Kontakt mit unserem Körper, sondern entfremdet usw.

Ich habe dieses Übungsprogramm nun schon vor zwölf Jahren entwickelt und seitdem weitere Programme ausgearbeitet, die noch andere Probleme behandeln, welche in diesem ersten Buch nicht zur Sprache kommen. Ich habe zum Beispiel Übungen entwickelt, mit denen wir unser eigenes Leben als ein Ganzes betrachten können, um all die verschiedenen Aspekte unseres Lebens miteinander in Einklang zu bringen. Mir schien, dass die Entwicklung eines solches Übungsprogramm nötig war, denn in unserer modernen Zeit ist unser Leben oft so fragmentiert, dass wir uns nicht mehr als ein Ganzes empfinden. Auch dieses Programm befindet sich auf meiner Website.

Nun habe ich noch ein anderes Übungsprogramm entwickelt, nämlich Übungen, die einen insbesondere darin trainieren, wie man es bewerkstelligt, seinen Selbsthass zu überwinden. Dieses neue Übungsprogramm möchte ich an diesem Wochenende hier in Moskau zum ersten Mal vorstellen. Das soll nicht heißen, dass die Menschen hier ein stärkeres Problem damit haben als anderswo, sondern die Gelegenheit hat sich einfach so ergeben.

Ich habe dieses Programm in Anlehnung an eine ganz spezifische Zusammenstellung buddhistischer Unterweisungen gestaltet, nämlich in Anlehnung an die Geistesschulung, die bekannt ist unter dem Namen „Unsere geistigen Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber gleichsetzen und austauschen“, und die darauf abzielt, etwas zu überwinden, das Selbstbezogenheit genannt wird – also eine Selbstsucht, die darin besteht, dass man nur an sich selbst denkt und die Bedürfnisse anderer ignoriert. Die Schulung kulminiert in einer Übung namens tonglen (tib. gtong-len), das heißt „Geben und Nehmen“. Nach dem tonglen folgen in der buddhistischen Schulung noch einige weitere Schritte, denn sie wird eigentlich dadurch vollendet, das man das Ziel von Bodhichitta entwickelt: Erleuchtung zum Nutzen aller Lebewesen zu erlangen. Aber tonglen ist einer der wesentlichen Bestandteile jener Schulung. tonglen ist eigentlich der tibetische Name, aber viele Menschen haben diesen tibetischen Namen schon gehört, deswegen habe ich ihn verwendet.

[Siehe: Unsere geistigen Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber gleichsetzen und austauschen.]

Was man im tonglen im Einzelnen tut, ist Folgendes: Man stellt sich vor, dass man all die Probleme von anderen annimmt bzw. akzeptiert, indem man ihnen ebenso viel Bedeutung beimisst, als wenn es sich dabei um die eigenen Probleme handeln würde, und dann anderen eine Lösung dafür darbietet, ihnen also Glück schenkt. In einem Text namens „Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten“ (tib. Blo-sbyong don-bdun-ma) – Schulung des Geistes, lojong (tib. blo-sbyong), ist der Gattungsname dieser Art von Praxis – heißt es, dass man bei dieser Übung damit anfangen sollte, seine eigenen Probleme anzunehmen. Man fängt also bei sich selbst an.

[Siehe: Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten (Version von Togmey-zangpo).]

Das bezieht sich insbesondere auf die Probleme des Altwerdens, des Krankseins – nicht nur unsere eigenen Krankheiten, sondern auch die Pflege kranker Eltern – und dergleichen Dinge, bei denen wir gar nicht daran denken, dass sie auf uns zukommen könnten. Sogar wie es für unsere Familie weitergeht, wenn wir sterben, dass sie versorgt wird usw. – auch das gehört zu dem, woran wir denken sollten. Statt also diese Dinge von uns zu schieben, nehmen wir sie nun an. Wir sagen: „Gut, ich werde mich jetzt damit befassen. Bin ich emotional darauf vorbereitet? Bin ich psychologisch vorbereitet? Habe ich irgendeine Vorstellung, wie ich mit dieser Situation umgehen werde?“ usw. Wir können uns also jetzt damit befassen, zumindest im Geist; das ist natürlich eine wirklich sehr hilfreiche Übung.

Uns im Voraus auf Probleme vorzubereiten, die auf uns zukommen können, hat auch im Leben einen sehr praktischen Nutzen. Zum Beispiel, wenn wir ein Vorhaben ins Auge fassen – mein Lehrer Serkong Rinpoche betonte stets, dass man immer einen Plan B und C in petto haben sollte, falls der Plan A fehlschlägt. Einer meiner Studenten hatte zum Beispiel ein Visum beantragt, um in einem anderen Land zu studieren, aber er hatte keinen Alternativplan für den Fall, dass das Visum abgelehnt würde. Das war sehr riskant, denn sein Visum wurde tatsächlich abgelehnt, und die Fristen, anderswo noch ein Studium zu beantragen, wo der Aufenthalt unproblematischer gewesen wäre, waren bereits verstrichen. Allerdings hatte er trotzdem Glück: Er beantragte das Visum erneut und beim dritten Versuch bekam er es schließlich. Aber ich denke, die Strategie, bereits im Vorfeld einen Plan B und C ausgearbeitet zu haben, ist sehr wichtig dafür, auf den Fall vorbereitet zu sein, dass etwas schiefgeht – sodass man eine Alternative hat und nicht ganz ohne etwas dasteht.

Der Punkt, warum ich das erwähne, ist, dass es in dieser Übung des Gebens und Nehmens heißt, dass man bei sich selbst anfangen soll. Es gibt eine ganze Reihe von Schritten in dieser Schulung, die der Übung des Gebens und Nehmens vorangehen, und ich hatte die Idee: Warum nicht gleich von Anfang an damit beginnen, sich mit seinen eigenen Problemen auseinanderzusetzen? Auf diese Weise habe ich diese Methode von der Tonglen-Praxis her abgeleitet. Statt all die Schritte des Gleichsetzens und Austauschens unserer Einstellungen uns selbst und anderen gegenüber so auszuführen, dass sie sich auf andere konzentrieren – was die traditionelle Art und Weise ist – , konzentrieren wir die Schritte in diesem neuen Training, das ich entwickelt habe, auf uns selbst in unterschiedlichen Phasen unseres Lebens.

Leider haben wir dieses Wochenende nicht viel Zeit, und es gibt tatsächlich viele Schritte in diesem Programm. Ich denke, um wirklich von diesen Übungen zu profitieren, muss man sie langsam in einer ganzen Reihe von Sitzungen durchführen – in einer größeren Anzahl von Sitzungen, als wir dieses Wochenende zur Verfügung haben. Aber ich werde hier einfach das Material vorstellen, und Sie können sich später ausführlich damit beschäftigen. Der Vortrag wird aufgezeichnet und später auch auf meiner Website zu finden sein.

Jeder dieser Schritte erfordert etwas, das Meditation genannt wird; aber vielleicht klingt das Wort „meditieren“ zu stark. Was erforderlich ist, ist: wirklich zu überlegen, tief in sich zu gehen und verschiedene Aspekte unseres Lebens in Betracht zu ziehen. Und wie bei der Schulung der Sensibilität muss ich Sie im Voraus warnen, dass es uns emotional aufwühlen kann, wenn wir uns mit schwierigen Themen in unserem Leben befassen. Wenn jemandem irgendetwas davon zu viel wird – lassen Sie es einfach bleiben. Auf jeden Fall haben wir nicht sehr viel Zeit für jeden einzelnen Bestandteil dieser Schulung; wir werden also nur einen kleinen Geschmack davon bekommen. Lassen Sie uns beginnen.

Gleichmut gegenüber uns selbst entwickeln

Der erste Schritt in diesem Prozess besteht darin, Gleichmut gegenüber uns selbst zu entwickeln. Es gibt viele verschiedene Arten von Gleichmut. Die Art, um die es hier geht, ist ein Geisteszustand, der vorübergehend frei von Abneigung, Anziehung und Vernachlässigung ist. Sich selbst zu vernachlässigen bzw. zu ignorieren wird traditionell als töricht (naiv) bezeichnet. Wenn wir verschiedene Aspekte unserer selbst oder unsere Bedürfnisse und Gefühle nicht ernst nehmen, handeln wir töricht in Bezug auf uns selbst. Dem versuchen wir hier entgegenzuwirken, zumindest auf einer anfänglichen Ebene (wir werden diese Einstellungen noch nicht vollständig loswerden) – nämlich auf der groben Ebene dieser drei Naivität“ im Deutschen vielleicht noch einmal überdenken könnte/müsste bzw. zumindest eine Alternativ-Übersetzung zulassen könnte?) Arten von störenden Einstellungen, die wir uns selbst gegenüber haben können. Sobald unser Geist ausgeglichener ist, werden wir offener und können ein positiveres Gefühl gegenüber uns selbst entwickeln.

Wir werden diese Art von Gleichmut hier in drei großen Schritten entwickeln, wobei jeder Schritt aus mehreren Teilen besteht. Wir versuchen Gleichmut zu entwickeln in Bezug darauf

  • was wir in unserem Leben getan haben, unsere Einstellungen dazu,
  • wie wir uns selbst unser Leben lang betrachtet und behandelt haben,
  • und wie wir verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit einschätzen.

Wie Sie sehen, wird die Untersuchung etwas sehr Persönliches sein. Es ist nicht so, dass sie diese persönlichen Gefühle irgendjemandem mitteilen müssen, aber wenn sie durch dieses Programm ein paar positive Ergebnisse erzielen wollen, müssen sie nach innen gehen und sich selbst aufrichtig erkunden.

Gleichmut gegenüber dem entwickeln, was wir in unserem Leben getan haben

Lassen Sie uns zunächst unsere Einstellungen zu dem betrachten, was wir in unserem Leben getan haben. Dafür werden wir hintereinander drei verschiedene Situationen in Betracht ziehen: eine Zeit, als wir einen großen Fehler in unserem Leben gemacht haben oder bei irgendetwas versagt haben, eine Zeit, als uns etwas gelungen ist, und einen Zeitraum, als nichts Maßgebliches in unserem Leben geschehen ist. Lassen Sie uns unsere Gefühle hinsichtlich jeder dieser drei Situationen untersuchen.

An eine Situation denken, in der wir versagt haben

Versuchen Sie sich zuerst an eine Situation zu erinnern, in der Sie einen großen Fehler in Ihrem Leben gemacht haben oder bei irgendetwas versagt haben – sei es, dass Sie bei der Arbeit oder in der Schule versagt haben, sei es in einer Beziehung. Was auch immer es für eine Situation gewesen sein mag, Sie hatten in Bezug darauf das Gefühl „O weh, das habe ich echt vermasselt.“ Wenn wir weiter darüber nachdenken, fallen uns vielleicht mehrere Vorfälle in unserem Leben ein. Wählen Sie einfach eine Situation davon als ein Beispiel aus, aber nehmen Sie nicht gleich einen Vorfall, der für Sie einfach noch zu schmerzhaft oder gefühlsbeladen ist, um damit jetzt schon gut umgehen zu können.

Wir denken daran, wie wir in einer Situation versagt haben und lassen das Gefühl in uns aufsteigen: „wie schrecklich ich doch bin.“ Ich bin sicher, dass wir oft noch viel schlimmere Worte uns selbst gegenüber verwenden, wenn wir an Situationen denken, in denen wir einen großen Fehler gemacht oder versagt haben.

Dann überlegen wir: „Warum denke ich, dass ich so schrecklich bin? Weil ich versagt habe. Ich habe einen Fehler gemacht. Deshalb fühle ich mich schlecht. Vielleicht habe ich die Gefühle von jemandem verletzt, oder ich bin vielleicht kein guter Vater oder Mutter oder Sohn oder Tochter oder Freund gewesen; aber dennoch gibt es viele andere Dinge in meinem Leben, die ich gut gemacht habe. Es ist nicht so, dass sich in allem auf der ganzen Linie versagt habe. Ich habe nicht nur Fehler in meinem Leben gemacht. Deshalb ist es ungerecht, wenn ich mich nur auf diese Fehler und Fehlschläge konzentriere. Ein solches Verhalten ist mir selbst gegenüber nicht fair. Jeder macht Fehler; jedem gelingen ein paar Dinge. Ich bin nicht anders als jeder andere; warum erwarte ich also, dass mir immer alles gelingen soll? Ich bin nur ein Mensch.“

Dann versuchen wir, an jene Situation zu denken, in der wir versagt oder einen Fehler im Leben gemacht haben, und versuchen sie ohne das Gefühl von Schuldzuweisung und Selbsthass zu betrachten. Natürlich ist es wichtig, unsere Versäumnisse und die Fehler, die wir begangen haben, einzusehen und den Entschluss zu fassen, unser Bestes zu tun, dass das nicht wieder vorkommt und wir es in Zukunft besser machen. Aber es ist nicht nötig, mich zu hassen, weil mir etwas misslungen ist. Was wir hier zu erreichen versuchen, ist: imstande zu sein, an diese Fehlschläge zurückzudenken – oder auch dann, wenn uns gegenwärtig etwas fehlschlägt – und dem gegenüber gleichmütig zu bleiben im Sinne von „Na gut, ich versuch‘s besser zu machen.“ Gleichmut bedeutet hier zu denken: „Manchmal bin ich erfolgreich, manchmal habe ich keinen Erfolg; genau wie bei jedem anderen. Es ist nichts Besonderes daran, manchmal Fehler im Leben zu machen. Das passiert jedem.“

An eine Situation denken, in der uns etwas gelungen ist

Als nächstes betrachten wir einen Zeitpunkt in unserem Leben, an dem wir erfolgreich waren und uns etwas wirklich gut gelungen ist, sei es bei unserer Arbeit, in der Schule, oder indem wir jemandem geholfen haben – was immer es auch gewesen sein mag, das wir gut gemacht haben. Dann lassen wir das Gefühl aufsteigen, „wie wunderbar ich bin“. Ich stelle mir die Geste vor, die Fußballspieler machen, wenn sie ein Tor geschossen haben: Sie werfen ihre Arme in die Luft und schreien „Jaaa!“. Sie sind so stolz auf sich.

Dann überlegen wir: „Warum habe ich das Gefühl, dass ich so wunderbar und so etwas Besonderes bin? Weil ich etwas sehr gut gemacht habe. Ich war erfolgreich. Aber ich war nicht in allem erfolgreich. Manchmal ist mir auch etwas missglückt, nicht wahr? Dass einem irgendetwas gelingt, ist nichts Besonderes.“

Ähnlich, wie wir es bei dem Fehlschlag getan haben, beschließen wir, dass wir, wenn wir Erfolg haben, wenn uns etwas gelingt, nicht so viel Aufhebens davon machen im Sinne von „Ach wie großartig ich doch bin!“ – so als würden wir am liebsten zu einem Spiegel hingehen und unserem Spiegelbild einen Kuss geben. Mit anderen Worten: Wir betrachten unseren Erfolg mit einem ruhigen Geist.

Wenn hier von Gleichmut die Rede ist, so ist damit ein ruhiger Geisteszustand gemeint. Ganz gleich, ob wir nun Erfolg oder Misserfolg haben – wir bleiben gelassen. Ruhig und gelassen zu sein heißt nicht, dass wir nichts fühlen. Was wir hier versuchen, ist, verstörende Geisteszustände in Bezug auf unsere Erfolge oder Misserfolge so weit wie möglich zu vermindern – und hoffentlich zeitweise auch gar nicht zu haben. Auf dieser Grundlage – dass wir ruhig statt verstört sind – können wir dann einen konstruktiveren Geisteszustand entwickeln.

Statt uns schuldig zu fühlen, wenn wir etwas falsch gemacht haben – und uns dann bestrafen zu müssen – empfinden wir einfach Bedauern. „Es tut mir leid, dass ich das vermasselt habe, und ich werde mein Bestes tun, dass das nicht wieder vorkommt.“ Das ist nicht dasselbe wie Schuldgefühl: „Wie schrecklich ich bin! Ich bin ein schlechter Mensch.“ Und statt das Gefühl zu haben: „Wie wunderbar ich doch bin, dass mir das gelungen ist!“ – was in Wirklichkeit ein ziemlich verstörender Geisteszustand von Arroganz, Stolz usw. ist, so, als stünde uns eine Belohnung zu – freuen wir uns einfach darüber, was wir getan haben: „Ich bin froh darüber.“

Ein großer indischer buddhistische Meister hat gesagt: Wenn unsere Hand unserem Mund Nahrung zuführt, müssen wir dann unserer Hand dazu gratulieren und uns bei ihr bedanken? „Alle Achtung, da hast du wirklich gute Arbeit geleistet. Du hast es geschafft, das Essen in meinen Mund zu bringen!“ Das ist albern, oder? Missverstehen Sie das Ganze nicht in dem Sinne, dass der Zustand von Gleichmut bedeuten würde, ein Roboter zu sein und überhaupt keine Gefühle zu haben. Das ist damit nicht gemeint. Aber wir wollen gesunde Emotionen haben, nicht verstörende Emotionen.

Denken Sie nun noch einmal an die Situation zurück, in der Ihnen etwas gelungen ist, und versuchen Sie die Situation ohne diese Einstellung von „ich bin so großartig, ich bin so fantastisch“ zu betrachten. Versuchen Sie ruhiger zu bleiben, wenn Sie sich daran erinnern. Dann lassen Sie auf dieser Grundlage ein Gefühl von Zufriedenheit und Glück darüber entstehen, dass die Handlung erfolgreich war – etwas, das im Buddhismus „Erfreuen“ genannt wird.

An eine Zeit denken, in der nichts Maßgebliches geschehen ist

Nun denken wir an die dritte Situation: als nichts besonders Wichtiges in unserem Leben geschah. Weder versagten bei etwas noch hatten wir Erfolg, wir führten einfach bloß unser gewöhnliches Leben. Wie fühlen wir uns dabei? „Ach wie langweilig.“ Nicht wahr? „Wie langweilig“ – genauso gut könnten wir diese Aspekte unseres Lebens doch auch gleich beiseite lassen. Wir sind gelangweilt von uns und gelangweilt vom Leben.

Also lassen wir dieses Gefühl „Wie langweilig“ aufsteigen. Dann überlegen wir: „Warum finde ich mich langweilig? Warum bin ich meiner selbst überdrüssig? Nun, weil eigentlich nichts passiert ist – nichts Aufregendes. Mir ist weder etwas gelungen noch etwas misslungen, mein Leben war einfach immer dasselbe, ging immer in derselben Weise weiter – wie langweilig!“

Aber wenn wir darüber einmal genauer nachdenken, stellen wir fest, dass eigentlich nicht stimmt. Zuerst einmal: Warum sollte denn unser Leben die ganze Zeit aufregend sein? Wo wird gesagt, dass es aufregend sein muss? In den Hollywood-Filmen, oder wo? Tatsächlich gelingen und misslingen uns die ganze Zeit irgendwelche kleinen Dinge. „Ich habe ein leckeres Essen gekocht.“ Das ist ein Erfolg, nicht wahr? Oder: „Das Essen, was ich gekocht habe, war nicht sonderlich gut.“ Selbst ganz einfache Dinge: „Meine Verdauung hat heute Morgen gut funktioniert.“ Oder? Wenn wir Verstopfung haben, dann ist es schon ein großer Erfolg, wenn die Verdauung wieder ganz normal funktioniert. Das ist sicherlich kein Aufsehen erregender Erfolg; ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass wir ständig kleine Erfolge haben: Wir haben beispielsweise einen Parkplatz gefunden. Wir haben es geschafft, nach Hause zu kommen, ohne zwei Stunden im Verkehrstau steckenzubleiben. Das Leben ist nicht nur öde, öde, öde. Es gibt die kleinen Höhen und Tiefen. Wir versuchen uns also diese Phasen in unserem Leben zu vergegenwärtigen, die wir ansonsten meistens übersehen und die wir für so überaus langweilig halten, und betrachten diese Lebensphasen ohne dass wir denken: „Bah, überhaupt nichts los.“

An alle drei Situationen denken

Der nächste Schritt besteht darin, alle drei Situationen gleichzeitig im Sinn zu behalten – soweit wir das können. Wir stellen uns uns selbst in drei Situationen gleichzeitig vor: Auf der einen Seite stellen wir uns uns selbst vor, während wir versagen, daneben uns selbst als erfolgreiche Person und wiederum daneben uns selbst, wie wir einfach jeden Tag unser übliches alltägliches Leben führen. Wir versuchen, ihnen allen gegenüber gleichmütig zu sein: nicht abgestoßen von dem „Ich“, dem etwas misslungen ist („Was für ein Versager!“), nicht hingezogen zu dem „Ich“, das erfolgreich ist („Ich wünschte, ich wäre immer so“), und nicht ignorant gegenüber dem anderen („An den Langweiler da will ich gar nicht denken“). Wenn es uns hilft, können wir uns vorstellen, dass wir alle vier an einem Esstisch sitzen. Ich weiß, das ist eigentlich sehr dualistisch – und nicht nur dualistisch, sondern gleich doppelt dualistisch. Aber versuchen Sie sich vorzustellen, in einer gefühlsmäßigen Begegnung mit all den verschiedenen „Ichs“ umzugehen, ohne sich von dem einen abgestoßen, zu dem anderen hingezogen zu fühlen und von dem Dritten nichts wissen zu wollen. Wir sind einfach ihnen allen gegenüber aufgeschlossen, wir sind offen für all diese Phasen von uns selbst.

Das konventionelle „Ich“ und das falsche „Ich“

Um diese gleichmütige Einstellung tiefer gehend zu verstehen, müssen wir hier einen wichtigen Punkt aus den buddhistischen Lehren einführen, nämlich den Unterschied zwischen dem, was im Buddhismus das konventionelle „Ich“ genannt wird, und dem falschen „Ich“.

Das konventionelle „Ich“ ist das, was der gesamten Kontinuität unseres ganzen Lebens zugeschrieben wird. Jedes Ereignis, das in unserem Leben geschehen ist – Erfolg, Misserfolg und die üblichen alltäglichen Dinge – ist gleichermaßen einfach ein Vorfall in unserem Leben. Das Muster des Lebens besteht darin, dass es ständig auf und ab geht, und ein ganzes Leben beinhaltet und umfasst alle diese Aufs und Abs. Das konventionelle „Ich“ existiert und es bezieht sich auf das ganze Kontinuum. Natürlich existiere ich, doch meine Existenz beruht auf all diesen sich ändernden Ereignissen während meines ganzen Lebens. Das ist das konventionelle „Ich“; es befindet sich dauernd in Veränderung.

Das falsche „Ich“ existiert gar nicht. Es ist etwas, das wir projizieren. Was wir projizieren, ist ein „Ich“, das nur mit einem Teil, einem bestimmten Ereignis identifiziert wird – „ich habe versagt, ich bin zu nichts nütze“ – und sich dann nie ändert. Wir meinen dann, dass wäre unser ganzes „Ich“: „Ich bin schuldig“ oder „Ich bin einfach großartig. Ich bin ein Geschenk Gottes an die Welt.“ oder „Ich bin so ein Langweiler. Ich bin ein Niemand, ein Nichts. Ich bin bloß ein kleines unbedeutendes Rädchen in der großen Maschinerie dieser Gesellschaft. Wie langweilig!“ Das ist das falsche „Ich“, von dem wir meinen, es sei feststehend und dauerhaft, das aber in Wirklichkeit gar nicht existiert. Und wenn wir von verstörenden Emotionen geplagt werden, so geschieht das deshalb, weil wir uns mit diesem falschen „Ich“ identifizieren.

Was wir erkennen müssen, ist, dass diese Projektion des falschen „Ichs“ nichts Wirklichem entspricht. Und dann müssen wir uns des konventionellen „Ichs“ vergewissern, zu dem all diese verschiedenen Aspekte gehören, all diese verschiedenen Dinge, die in unserem Leben geschehen sind: Mal haben wir unsere Sache gut gemacht, mal nicht, und manchmal ist nichts Besonderes passiert. Das ist alles. Das versuchen wir zu bestätigen. Wenn wir diese falschen Vorstellungen von „Ich“ haben, uns bloß mit einem oder zwei Ereignissen in unserem Leben identifizieren und dann in dieser falschen Sichtweise hängenbleiben, dann sagen wir einfach: „Das ist Unsinn. Das ist nicht die Wirklichkeit.“

Während wir uns diese drei verschiedenen Situationen in unserem Leben vorstellen, versuchen wir zu erkennen, dass wir das Ganze sind: Das konventionelle „Ich“ ist die Bezeichnung für all das, und es ändert sich die ganze Zeit über, während in unserem Leben verschiedene Dinge passieren. Wir bleiben nie bei einem einzigen Ereignis stecken. Und wir versuchen gegenüber all dem ein ruhiges Gefühl zu entwickeln: Wir versuchen, weder abgestoßen noch angezogen noch gleichgültig „mir“ selbst gegenüber zu sein, sondern einfach offen für jeden Moment des Lebens, ohne eine große Sache aus irgendetwas zu machen, das geschieht. Dann sind wir grundsätzlich im Frieden mit uns, wir akzeptieren uns. Auf dieser Grundlage können wir positivere Einstellungen gegenüber uns selbst entwickeln. Und auf dieser Grundlage wiederum können wir auch anderen gegenüber positivere Einstellungen entwickeln; aber zuerst müssen wir mit uns selbst im Reinen sein.

Das mag für unsere erste Sitzung genug sein. Haben Sie Fragen oder möchten Sie etwas anmerken?

Fragen und Antworten

Selbsthass in anderen Kulturen

Teilnehmer: Ist diese geistige Einstellung von Selbsthass nur für westliche Kulturen typisch, oder ist sie auch in anderen Ländern wie zum Beispiel China oder in muslimischen Ländern oder vielleicht in den Hindu-Traditionen ebenfalls recht üblich?

Alex: Ich habe sie in diesen anderen Ländern nie so stark festgestellt. Ich denke, es ist ein großer Unterschied, ob es sich um eine traditionelle Gesellschaft oder um eine so genannte moderne Gesellschaft handelt, die dem westlichen Muster folgt. Ich denke, je stärker konkurrenzorientiert eine Gesellschaft ist und je mehr sie auf Gewinn ausgerichtet ist, umso häufiger kommt es vor, dass sich etliche Menschen als Versager und zu nichts nütze empfinden, wenn sie nicht zu den Gewinnern gehören.

Nun weiß ich über die Situation hier in Russland nicht Bescheid und muss deshalb Sie fragen – allerdings sind vielleicht einige von ihnen nicht alt genug, um sich zu erinnern – ich möchte wissen, ob es einen Unterschied zwischen der Einstellung der Menschen sich selbst gegenüber im sowjetischen System, das nicht so konkurrenzorientiert war, und der Haltung der Menschen sich selbst gegenüber zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt, also in einer Gesellschaft, die zunehmend wettbewerbsorientiert ist. Haben die Menschen in den letzten Jahrzehnten eine andere Einstellung sich selbst gegenüber entwickelt? Das ist natürlich schwer zu sagen, wenn man zu der Zeit der Sowjetunion noch ein kleines Kind war. Hat jemand von denjenigen hier, die älter sind, irgendwelche Erkenntnisse darüber?

Teilnehmer: Ja, es gab weniger von diesem Selbsthass.

Alex: Aha, also weniger von dieser negativen Einstellung sich selbst gegenüber. Es ist anzunehmen, dass das wohl auch in China der Fall sein wird. Ich bin sicher, dass im Vergleich zu früher der rapide ökonomische Aufschwung und der Wettbewerb in China heutzutage die Einstellungen der Menschen gegenüber sich selbst beeinflusst.

Sie haben auch nach muslimischen Ländern gefragt. Da gibt es enorme Unterschiede zwischen Indonesien, Saudi-Arabien und Nigeria. Das sind unglaublich verschiedene Gesellschaften, in denen große muslimische Bevölkerungsgruppen leben. Die Muslime, die ich kenne, sind im Allgemeinen recht stolz und selbstbewusst. Im Islam wird die Gleichheit aller stark betont. Daher glaube ich nicht, dass die Muslime in diesen Ländern ein starkes Gefühl von Selbsthass empfinden.

Teilnehmer: Können wir allgemein sagen, das Selbsthass ein Produkt moderner westlicher Gesellschaften ist und dass er in unserer abendländischen Vergangenheit nicht zu finden war, dass er sich erst jetzt entwickelt hat?

Alex: Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Geistige Einstellungen hängen von zahlreichen Faktoren ab. Nimmt man zum Beispiel eine Gesellschaft, in der eine Religion vorherrscht, welche betont, dass man sündhaft ist, würde es dort wohl ziemlich viel Selbsthass geben, nehme ich an. Das war jedenfalls im Mittelalter offensichtlich, und es gibt immer noch bestimmte Religionen, die diesen Aspekt betonen: „Ich bin ein Sünder.“ Ich glaube, dass viele Faktoren zu einer solchen Einstellung beitragen; aber im traditionellen konfuzianischen, taoistischen, hinduistischen und buddhistischen Denken hat man gewiss nicht die Vorstellung, ein Sünder zu sein, nicht im biblischen Sinne von Sünde. Ich weiß nicht genug über den Islam, um tatsächlich sagen zu können, wie stark im Islam die Vorstellung ausgeprägt ist, dass man ein Sünder ist. Im Islam wird Vergebung sehr stark betont – was man auch in vielen Formen des Christentums findet.

Am heiligen Tag Aschura gedenken die schiitischen Muslime des Märtyrertodes von Imam Hussein, indem sie durch die Straßen laufen und sich heftig auf die Brust schlagen oder sogar peitschen und laute Klagerufe ausstoßen. Das habe ich einmal in Kaschmir erlebt. Aber dieses Handeln beruht nicht auf Selbsthass. Sich selbst zu schlagen muss nicht heißen, dass das ein Anzeichen von Selbsthass ist. Diejenigen, die durch die Straßen marschieren, tun das aus Anteilnahme und im Gedenken an den Märtyrertod von Imam Hussein in der Schlacht von Karbala (bzw. Kerbala – Stadt im Zentrum des Iraks), in der es darum ging, wem die legitime Nachfolge für die Führung des Islam zusteht. Doch diese Form des Gedenkens entstammt keinem Selbsthass. Dass sich Leute dabei peitschen, hat nichts mit Selbsthass zu tun.

An unsere Erfolge denken

Teilnehmer: Vielen Dank für diese Meditationen. Ich denke, es ist sehr wichtig, sie der Reihe nach anzuwenden, um diese Probleme in unserem täglichen Leben nicht zu vergessen. Sie haben gesagt, dass wir, verglichen mit anderen Menschen, allesamt Erfolge und Misserfolge in unserem Leben erfahren. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich zum Beispiel weniger erreicht habe als andere Menschen. Bedeutet Ihre Aussage, dass wir tatsächlich alle gleich viel Erfolge, Misserfolge und langweilige Phasen in unserem Leben haben?

Alex: Nun, das ist ein Punkt, der eigentlich in einem der späteren Schritte in der Schulung noch angesprochen wird. Wenn wir Überlegungen im Zusammenhang mit Güte und Freundlichkeit anstellen, werden wir feststellen, dass wir uns tatsächlich mehr Freundlichkeit erwiesen als Schaden zugefügt haben. Ich habe mir mein Leben lang die Zähne geputzt; ich habe geschlafen; ich habe mich tatsächlich mein ganzes Leben lang um mich gekümmert. Wenn wir diesen Aspekt berücksichtigen, stellt sich heraus, dass wir sehr gut zu uns waren und dabei sehr erfolgreich waren. Wie gesagt, erfolgreich zu sein muss nichts Sensationelles sein. Es muss nicht gleich der Nobelpreis sein, den wir gewinnen.

Teilnehmer: Die Frage betrifft hauptsächlich den Vergleich von uns selbst und anderen. Habe ich beispielsweise genauso viel Erfolg wie andere Menschen?

Alex: Das ist wirklich schwer einzuschätzen, denn die Frage ist: Wie messen wir Erfolg? Das ist es, was ich in meiner Antwort ansprechen wollte. Muss Erfolg etwas Spektakuläres sein – etwa, dass man einen Preis gewinnt – , damit dies als Erfolg gilt? Ich nehme an, was wir erreichen wollen, ist, genügend Selbstsicherheit zu entwickeln und hinreichend mit uns selbst in Frieden zu leben, so dass wir uns nicht mehr danach beurteilen, was andere erreicht haben.

Die Philosophie des Kapitalismus lautet natürlich, dass wir uns im Wettbewerb mit anderen messen können, denn wir möchten nicht nur so gut sein wie die anderen, sondern noch besser. Uns selbst mit anderen zu vergleichen kann uns also dazu inspirieren, besser zu werden. Das ist gewiss ein positiver Aspekt daran, wenn man sich mit anderen vergleicht.

Was wir im Tantra machen – zumindest in einem kleinen Bereich der tantrischen Übung – , ist, eine bestimmte Emotion zu nehmen, die potenziell verstörend sein kann, und sie auf hilfreiche Art zu verwenden, sie also zu transformieren. Ein einfaches alltägliches Beispiel hierfür ist: Ärger. In der Gesellschaft, in der Familie oder wo auch immer geschieht beispielsweise etwas Ungerechtes, und darüber können wir uns sehr empören. Dieser Ärger kann einen dazu verleiten, etwas zu zerstören – etwa eine Bombe zu zünden – , der Ärger kann uns also zu einer sehr destruktiven Handlung verleiten. Oder der Ärger kann uns dazu bewegen zu empfinden: „Ich bin so erzürnt darüber, so erbost über das Unrecht, dass ich etwas tun werde, damit sich die Situation bessert.“ Mit Hilfe von solchen Gedanken können wir die Energie des Ärgers eher auf konstruktive Weise nutzen statt sie destruktiv zu verwenden. In ähnlicher Weise können wir auch in Bezug auf Wettbewerb und Konkurrenzkampf vorgehen, wenn wir uns mit anderen vergleichen. Wir können dann die Energie aus dem Konkurrenzkampf verwenden, um uns zu geißeln – „Ich bin so schrecklich“ – oder wir können diese Energie verwenden, um uns zu motivieren, einfach besser zu werden.

Eine positive Einstellung uns selbst gegenüber entwickeln

Teilnehmer: Manchmal habe ich nur in Beziehungen mit anderen ein positives Gefühl mir selbst gegenüber. Das scheint in gewisser Weise dem zu widersprechen, was Sie sagten – dass wir zuerst eine positive Einstellung uns selbst gegenüber entwickeln müssen und erst dann gegenüber anderen. Was können Sie darüber sagen? Nur, wenn wir mit anderen umgehen, haben wir diese positiven Gefühle.

Alex: Meinen Sie, dass Sie, wenn Sie ein positives Gefühl gegenüber anderen haben, gleichzeitig ein positives Gefühl gegenüber sich selbst haben?

Teilnehmer: Ja. Wenn ich an andere Menschen denke, ist es für mich leichter, ein positives Gefühl mir selbst gegenüber zu haben, Mitgefühl mit mir zu haben und mich selbst zu akzeptieren.

Alex: Ja, das ist sehr wahr. Eine der besten Arten, Selbstvertrauen und ein besseres Gefühl sich selbst gegenüber aufzubauen, ist, großzügig zu sein. Wenn wir imstande sind, etwas für jemand anderen zu tun oder zu anderen freundlich zu sein oder liebevoll an jemanden zu denken, dann haben wir etwas zu geben. Und wenn wir das Gefühl haben: „Ich habe etwas zu geben; ich kann etwas beitragen“, hat man nicht das Gefühl: „Ich bin wertlos.“ Daher: Ja, das ist eindeutig eine der Methoden, die wir anwenden können, um eine positivere Einstellung uns selbst gegenüber zu entwickeln.

Aber was ich sagte, war: Wenn wir die Übung mit einer sehr negativen Einstellung gegenüber uns selbst beginnen, dann mag der Sprung von da zur Großzügigkeit und Hilfe für andere vielleicht für einige Menschen möglich sein, aber ich denke, dass ein Zwischenschritt darin besteht, zunächst diesen Selbsthass zu besänftigen. Für einige Menschen mag das nicht nötig sein und es könnte sein, dass es dann leichter ist, direkt daran zu arbeiten, großzügig zu sein und anderen Gelegenheit zu geben, großzügig zu sein.

Woran ich denke, ist ein Psychiater, mit dem ich befreundet bin und der damit zu tun hat, ungebärdigen Teenagern zu helfen, die gewalttätig sind, nicht kooperieren wollen und extrem schwer zu bändigen sind – diejenigen, von denen die Gesellschaft sagt: „Du bist ein Versager und zu nichts nütze“ (und damit identifizieren sie sich dann: „Ich werde euch zeigen, wie schlimm ich wirklich sein kann“ – diese Art von Einstellung). Wenn man nun diese Teenager irgendwie dazu bringen kann, bei etwas mitzuhelfen – selbst wenn sie es ganz schrecklich machen – , dann bekommen sie ein gewisses Gefühl dafür, dass sie etwas Wertvolles beizutragen haben. Eine Therapieform, die dieses Prinzip berücksichtigt, ist zum Beispiel, diese Teenagern auf eine lange Wanderung mitzunehmen und jedem von ihnen ein Maultier zu geben, für das sie dann sorgen. Indem sie sich um das Maultier kümmern und es dazu bringen zu kooperieren, tragen sie zum Erfolg des Trecks bei und beweisen sich selbst, dass sie etwas Konstruktives tun können. Sie sind keine völligen Versager.

Was Sie angesprochen haben, ist völlig richtig: Manchmal ist es viel einfacher, positive Gefühle in Bezug auf jemand anderen zu haben als sich selbst gegenüber. Das streite ich nicht ab. Aber das Problem besteht hier darin, wie man sich dazu motiviert, auf gütige Weise an andere zu denken, freundlich zu ihnen zu sein, etwas für andere zu tun, wenn man vollkommen von Selbsthass zerfressen ist. Wie schafft man den Übergang? Das ist das Problem. Für viele Menschen, die im Widerwillen gegenüber sich selbst festhängen, ist es sehr schwer, diesen Übergang zu finden, und es kann hilfreich sein, wenn sie zuerst ihren Selbsthass zur Ruhe bringen. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum es in der üblichen Darstellung jener Praxis des Gebens und Nehmens, die ich erwähnt habe, heißt, das man mit sich selbst anfangen soll. Aber das ist nicht das Ende des Programms; es ist der allererste Schritt. Dann dehnt man das Gefühl auf Menschen aus, die man mag, dann auf Fremde, und dann sogar auf Menschen, die man nicht mag. Für einige Menschen ist es sogar einfacher, fremden Menschen zu helfen als denjenigen, die sie mögen, weil dies nicht mit so viel gefühlsmäßigem Ballast und emotionalen Verstrickungen verbunden ist – es gibt zum Beispiel Menschen, die in sozialen Bewegungen Hilfe leisten können, aber mit ihrer Familie nicht so recht umgehen können.

Das falsche „Ich“ widerlegen

Teilnehmer: Darf ich Sie um Ihre Meinung zu einem bestimmten Begriff bitten, nämlich zu einem Wort, das sie heute häufig Male benutzt haben?

Alex: Bitte.

Teilnehmer: Mir scheint, dass Erfolg so etwas wie eine neue Religion der modernen Welt ist. Ihr Beispiel mit dem Stuhlgang war komisch. Tatsächlich – wenn wir denken, dass es ein Erfolg ist, aufs Klo zu gehen, dann sind wir alle sehr erfolgreich. Meine Frage ist: Was ist Erfolg Ihrer Meinung nach? Ist es eine Art inneres Gefühl? Oder gibt es bloß eine Reihe sozialer Parameter, und aufgrund dessen befinden wir uns ständig im Wettbewerb?

Alex: Sie erwähnen hier zwei Dinge: Was betrachtet die Gesellschaft als Erfolg, und was betrachte ich subjektiv als Erfolg. Es gibt also den sozialen und den subjektiven Aspekt. Der subjektive kann natürlich durch das konditioniert sein, was die Gesellschaft als Erfolg betrachtet; und was die Gesellschaft als Erfolg einstuft, variiert natürlich von Gesellschaft zu Gesellschaft. In einigen Gesellschaften gilt es als erfolgreich, wenn man dünn ist, in anderen Gesellschaften ist ein Zeichen des Erfolges, dick zu sein, in afrikanischen Gesellschaften zum Beispiel. Was ist das Kriterium für Erfolg?

Wenn wir im buddhistischen Sinne von Erfolg sprechen, dann reden wir nicht davon, was die Gesellschaft sagt oder was wir basierend auf irgendeinem persönlichen Konzept von Erfolg darüber empfinden – das ist etwas anderes. Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus bedeutet Erfolg, ein spirituelles Ziel zu erreichen. Spirituelles Ziel heißt hier: eine gewisse Ebene von Selbstvervollkommnung – sich selbst vervollkommnen mit dem Ziel, imstande zu sein, anderen besser zu helfen. Erfolg hängt also nicht davon ab, wie gut wir aussehen, wieviel Geld wir haben oder ob wir nach der neuesten Mode gekleidet sind.

Die angemessene Einstellung in Bezug auf Erfolg ist, sich darüber zu freuen: Man ist froh darüber, aber nicht überdreht. Es ist ein eher ruhiger Glückszustand, ein Zustand von Sicherheit, wir haben das Gefühl: „Ich bewege mich in die richtige Richtung, und ich bin froh darüber, und ich werde einfach weitermachen.“ Wir befinden uns also in einem sehr ruhiger und friedlicher Bewusstseinszustand, wobei wir gleichzeitig glücklich sind. Aber es ist kein Zustand von: „Juchhu!“ und kein Auf-die-Schulter-Klopfen – so als ob mir jemand den Kopf tätschelt und ich wedele mit dem Schwanz – so ist das nicht. Man macht nicht viel Aufhebens in Bezug auf irgendetwas, das einem gelungen ist. Man braucht seinen Erfolg nicht in der Zeitung kundzutun, und ob andere Menschen meinen Erfolg, bzw. diesen glücklichen Geisteszustand anerkennen oder nicht, ist nicht von Belang. Man ist sich seiner selbst sicher genug, um zu wissen, dass man im Leben die richtige Richtung eingeschlagen hat. Man hat etwas gut gemacht – so gut, wie man es zu diesem Zeitpunkt konnte. In der „Schulung der geistigen Einstellung in sieben Punkten“ heißt es, dass wir von den zwei Zeugen, nämlich uns selbst und anderen, uns selbst als den wesentlichen Zeugen ansehen sollten, um uns zu vergewissern, ob wir ein großherziger Mensch geworden sind, der stets an andere denkt, oder nicht.

Es ist ein großer Unterschied, ob wir froh darüber sind, was wir getan haben, oder ob wir jenes falsche „Ich“ mit „Ich bin ja so großartig“ identifizieren. Der Schwerpunkt liegt nicht auf „Ich, ich, ich.“ Der Schwerpunkt liegt darauf, dass eine immer größere Fähigkeit entsteht, anderen zu helfen. Sie kann darin bestehen, dass ich geduldiger bin und nicht so schnell ärgerlich werde. Das sind die Arten von Erfolg, von denen hier die Rede ist. „Ich habe es fertig gebracht, die Situation beim Abendessen mit der Familie und all den Tanten und Onkel zu überstehen, ohne ärgerlich zu werden.“ Das ist schon ganz gut. Das ist ein Erfolg. „Ich bin nicht wütend geworden, als meine Mutter an mir herumgenörgelt hat: ‚Warum hast du das nicht anders gemacht? Warum verdienst du nicht mehr Geld? Warum macht du nicht dies, warum machst du nicht das, warum tust du nicht jenes?‘“

Teilnehmer: Aber wenn wir mehr Geld hätten, würde sie uns das vielleicht nicht fragen.

Alex: Sie wird nie zufrieden sein, soviel ist klar.

Lassen Sie uns nun unsere Sitzung auf buddhistische Weise beenden: mit einer Widmung. Wir denken: Möge jegliches Verständnis, jegliche positive Kraft, die daraus entstanden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, dass wir nicht nur unser niedriges Selbstwertgefühl überwinden, sondern dass wir immer weiter fortschreiten und den ganzen Weg zurücklegen, um ein Buddha zu werden, damit wir allen Lebewesen von größtmöglichem Nutzen sein können.