Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Wird der Glaube zerstört?

Interview mit Dr. Alexander Berzin
Newsweek Magazine, Asia & Atlantic editions,
January 13, 1997, 56.

Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Der Buddhismus in der Mongolei konnte die Jahrzehnte stalinistischer Repressionen nur mit Mühe und Not überleben. Mehr als fünf Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die religiösen Traditionen der Mongolei einer weiteren Bedrohung ausgesetzt: einer Invasion christlicher Missionare. Das sagt jedenfalls der 52 Jahre alte Dr. Alexander Berzin, ein prominenter amerikanischer Buddhist und ein ursprünglich von der Harvard-Universität stammender Wissenschaftler. Vor kurzem besuchte er die Mongolei, um dort eine Reihe von Vorträgen über den althergebrachten Glauben des Landes zu halten. Die Reise gestattete ihm, so sagt er, den Einfluss der ausländischen Evangelisten zu bezeugen. In Peking ließ Dr. Alexander Berzin George Wehrfritz vom US-amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek an seinen Beobachtungen teilhaben. Hier einige Auszüge daraus:

Wehrfritz: Was hat sie zu ihrem letzten Besuch veranlasst?

Berzin: Ich bin von der Nationalen Staatsuniversität der Mongolei eingeladen worden, um eine Reihe von Vorträgen über den Buddhismus zu halten. Der Hintergrund dafür ist, dass amerikanische christliche Missionare verschiedenster Glaubensgemeinschaften seit dem Sturz des kommunistischen Regimes einen sehr großen Zustrom in die Mongolei haben. Dort üben sie auf die Bevölkerung, insbesondere auch auf junge Menschen, einen gewaltigen Druck aus, sich zum Christentum konvertieren zu lassen. Das stört den Prozess, zu versuchen, die traditionelle Kultur und Religion der Mongolei wiederherzustellen, auf empfindliche Weise.

Wehrfritz: Inwiefern sind die Missionare störend?

Berzin: Damit sich die Mongolen an die neue Marktwirtschaft und die neue Demokratie anpassen kann, ist es sehr wichtig, dass die Menschen Selbstvertrauen empfinden. Dieses Gefühl von Selbstwert entsteht dadurch, dass man sich in seiner eigenen Kultur verwurzelt fühlt. Wenn man den Mongolen die Kultur der ehemaligen Sowjetunion nimmt, und ihnen dann noch zusätzlich die traditionelle Kultur und die traditionellen Werte der Mongolei wegnimmt, bleiben die Menschen mit leeren Händen zurück. Sie haben das Gefühl, nichts wert zu sein, und dass all die Dinge, mit denen sie ihr Leben verbracht haben, wertlos waren.

Wehrfritz: In welcher Weise unterminieren die Missionare die traditionellen Werte der Mongolei im Einzelnen?

Berzin: Sie sagen, dass die Armut und Rückständigkeit der Mongolei durch den Buddhismus verursacht worden sind. Diese Aussage ist einfach absurd, wenn man die Entwicklung der buddhistischen Gesellschaften in Südost-Asien, Taiwan, Süd-Korea, Japan und Hongkong betrachtet. Viele Mongolen jedoch glauben diese Aussage, weil sie nicht genügend Informationen über die Welt außerhalb der Mongolei besitzen. Zudem kommen die Missionare als Englischlehrer verkleidet. Sie drucken kostenlos angebotene christliche Literatur in umgangssprachlichem Mongolisch und in englischer Sprache; das zieht Sprachstudenten an. Sie spenden Geld und Computer an Universitäten und vergebene Stipendien an die Kinder einflussreicher Personen des öffentlichen Lebens. Sie kaufen sich mit Geld ins Land ein. Die Buddhisten können damit nicht konkurrieren.

Wehrfritz: Warum nicht?

Berzin: Sie sind noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Ihre Klöster wurden zerstört, etwa 700 in der Stalin-Zeit. Die kommunistische Regierung gestattete es lediglich, ein einziges Kloster geöffnet zu halten. Jetzt haben bereits 155 Klöster wieder neu begonnen. Die alten Mönche, die überlebt haben, sind jedoch nur in der Lage, den jungen Mönchen Rituale beizubringen. Sie haben kein Geld, um Übersetzungen im umgangssprachlichen Mongolisch zu drucken. Und zudem veranstalten die Missionare auch Partys für die jungen Menschen, auf denen ihnen Musik und kostenloses Essen angeboten werden – und eine kräftige Portion von  Missionierung.

Wehrfritz: Was versuchen sie zu erreichen?

Berzin: Die Missionare glauben ernsthaft daran, dass sie die Seelen dieser Menschen retten und sie in den Himmel führen. Auf lange Sicht betrachtet, könnte es sein, dass sie die mongolische Gesellschaft zerstören.

Wehrfritz: Wie könnte die buddhistische Gemeinschaft darauf reagieren?

Berzin: Es gibt verschiedene Schritte. Ich bin an einem Projekt beteiligt, bei dem Texte entweder aus dem Tibetischen, dem Englischen oder aus dem klassischen Mongolischen in die Umgangssprache zu übersetzen. Dass Seine Heiligkeit der Dalai Lama Lehrer aus Indien geschickt hat, um dabei zu helfen, das buddhistische Ausbildungssystem in der Mongolei wieder aufzubauen, war eine weitere Maßnahme. Die Mongolei hat ihre Form des Buddhismus etwa ab dem 13. Jahrhundert aus Tibet erhalten. Es gibt also eine sehr lange Beziehung.

Wehrfritz: Besteht eine weitere Strategie darin, dass amerikanische Buddhisten wie Sie selbst entsandt werden?

Berzin: Bei den Missionaren handelt es sich um Amerikaner. Bei den mongolischen Jugendlichen entsteht so der Eindruck, dass der christliche Glaubenseifer der Amerikaner das Rückgrat der westlichen Kultur bildet. Diesem Eindruck können die mongolischen oder tibetischen buddhistischen Lehrer nicht so viel entgegensetzen. Aber meine Gegenwart als ein Amerikaner tut etwas anderes kund: und zwar, dass nicht jeder Amerikaner diesen missionarischen Eifer besitzt, dass es zahlreiche andere Religionen in den Vereinigten Staaten von Amerika gibt und dass wir unsere Stärke aus zahlreichen Faktoren außer denen des Christentums ziehen.

Wehrfritz: Gibt es für das Christentum einen Platz in der Mongolei?

Berzin: Ich möchte ein Beispiel nennen. Der Dalai Lama und der Papst haben über viele Jahre hinweg einen intensiven Kontakt gepflegt. Eine Sache, die sie gemeinsam in die Wege geleitet haben, war ein Austausch von Mönchen. Einige katholischer Mönche haben die tibetisch-buddhistischen Klöster in Indien besucht, um dort Meditationstechniken zu erlernen, und zwar insbesondere, wie man seine Konzentrationsfähigkeit verbessert. Ebenso hat der Dalai Lama Mönche in christliche Klöster entsandt, damit diese dort erlernen, wie man Waisenhäuser, Altenheime, Schulen und Krankenhäuser aufbaut. In Tibet kümmerte sich traditioneller Weise das Dorf und die Familie um solcherlei Angelegenheiten. Aber im indischen Exil gibt es diese Strukturen nicht mehr, so dass sich die Klöstern um diese Angelegenheiten kümmern müssen. Die nach Indien gereisten christlichen Mönche sind dort mit Sicherheit keine Buddhisten geworden, ebenso wie die buddhistischen Mönche keine Christen wurden. Aber beide Seiten waren in der Lage, voneinander zu lernen, um ihre eigenen Religionen und Gemeinschaften weiterzuentwickeln. Diese Art von Austausch, der auf Grundlage von gegenseitigem Respekt füreinander stattfindet, hat in der Mongolei seinen Platz.