Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ein kurzer Bericht über einen Dialog zwischen tibetischen Buddhisten und Juden

Alexander Berzin
Dharamsala, Indien, 24. bis 29. Oktober 1990

Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Vom 24. bis 29. Oktober 1990 haben acht Rabbis und jüdische Gemeindeoberhäupter aus den Vereinigten Staaten von Amerika und Israel Dharamsala besucht, um den tibetischen-jüdischen Dialog fortzusetzen, der im Oktober 1989 bei einem Besuch Seiner Heiligkeit des Dalai Lama in den Vereinigten Staaten begann. Es ist das erste Mal gewesen, dass eine hochrangige Delegation jüdischer Oberhäupter Dharamsala besucht hat. An zwei Nachmittagen konnten sie Gespräche mit Seiner Heiligkeit führen. Zudem konnten die jüdischen Oberhäupter eine Gruppen angesehener Geshes, wie auch Repräsentanten der Laien- und Klostergemeinschaften junger Tibeter treffen.

Die Diskussionen mit Seiner Heiligkeit waren überaus warmherzig, offen und anregend. Die Rabbis umrissen die geheimen, esoterischen Lehren des Judentums – die Grundlage, den Pfad und das Ziel, das jüdische System der Meditation und die Tradition schriftlicher Kommentare mit vier Ebenen von Bedeutungen jeder Textpassage. Man entdeckte viele Parallelen zu den buddhistischen Unterweisungen. Auf besonderes Interesse stieß der Austausch über die Erfahrungen der Juden in Bezug darauf, wie sie ihre Kultur und Religion über eine Zeitspanne von beinahe 2000 Jahren des Lebens im Exil erhalten haben, und wie sie die den Herausforderungen der modernen Zeit begegnen.

Die jüdischen Oberhäupter erläuterten, dass eines der Geheimnisse für das Überleben der Juden die Betonung von Familie und Gemeinschaft gewesen ist. Ein guter Teil der religiösen Praxis der Juden wird von den einzelnen Familien innerhalb ihrer Häuser selbst durchgeführt und oftmals auch als Teil eine große Festmahls im Kreise der Familie. Alle jüdischen Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder in der jüdischen Tradition zu erziehen. Sogar wenn es in bestimmten Ländern verboten ist, die Tempel und Andachtstätten zu betreten, können auf diese Weise Religion und Kultur dennoch überleben. Jede Geburt, das Erreichen des Erwachsenenalters und alle Hochzeiten werden von der gesamten jüdischen Gemeinschaft jeder Stadt gefeiert und alle Todesfälle werden von der ganzen Gemeinde betrauert. Das hilft dabei, ein Gefühl kultureller Identität und ein Gefühl von Zugehörigkeit zu wahren. Alle Rituale und religiösen Einhaltungen schießen ein Erinnern an den Verlust des jüdischen Heimatlandes, ebenso wie Gebete für eine zügige Rückgewinnung der Heimat mit ein.

Jüdische Gemeindezentrum werden überall dort errichtet, wo Juden leben, so dass es, zusätzlich zu den Synagogen oder Andachtsstätten, Räumlichkeiten gibt, an denen die Juden gesellschaftlich miteinander verkehren können, wie auch spezielle Schulen, in denen die Kinder im Anschluss an die regulären Schulunterrichtsstunden in der jüdischen Religion, Kultur und Sprache erzogen werden können. Für die Kinder gibt es auch Sommerferienlager, um sie in ihre eigene Kultur eintauchen zu lassen. Für die Erwachsene werden Bildungsprogramme organisiert. Seine Heiligkeit der Dalai Lama und verschiedene tibetische Oberhäupter, die dieser Delegation begegnet sind, fanden diese Ideen sehr anregend.

Seine Heiligkeit sagte, dass er höchst erfreut darüber gewesen sei, eine so klare, offene und warmherzige Präsentationen des Judaismus erhalten zu haben und dass er die Tiefgründigkeit und Differenziertheit der jüdischen Religion und der jüdischen Erfahrung zuvor nicht gewürdigt habe. Er wies darauf hin, dass Tibeter und Juden vieles gemeinsam haben, wozu nicht nur ihre Erfahrung des Lebens im Exil gehört, sondern auch ihre Sicht auf sich selbst, als ein auserwähltes Volk. Genauso wie die Juden eine besondere Beziehung und Bindung zu Gott empfinden, so besitzen die Tibeter eine besondere Beziehung zu Chenresig. Beide Religionen haben als Konsequenz daraus, dass sie sich als ein auserwähltes Volk sehen, ein vergleichbares Gefühl universeller Verantwortung, der Welt zu helfen. Die Begegnungen waren für alle Beteiligten gleichermaßen emotional bewegend und es besteht die Hoffnung, dass man in Zukunft enger zusammenarbeiten und Ideen austauschen wird.