Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Moderne Adaptionen des Buddhismus > Vorschlag für eine Gedenkstätte für den tibetischen Holocaust

Vorschlag für eine Gedenkstätte für den tibetischen Holocaust

Alexander Berzin
Dharamsala, Indien, 15. Januar 1996

Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

In Jerusalem, Israel erinnert die Yad Vashem Holocaust-Gedenkstätte an die Verfolgung und Vernichtung von sechs Millionen Juden in Europa durch deutsche Nationalsozialisten. Das Museum beinhaltet eine große Anzahl an Fotografien, auf denen man jüdische Ghettos, Juden, die von der Polizei zusammengetrieben worden, Züge, mit denen Juden in Gefängnisse abtransportiert worden sind, das Leben in Konzentrationslagern, die Gaskammern und die Krematorien, in denen die Juden abgeschlachtet worden sind, sieht. Aus diesem Zeitraum werden zahlreiche Gegenstände ausgestellt, wie zum Beispiel die anti-jüdischen Propaganda-Bekanntmachungen, Gefängnisuniformen und Objekte des täglichen Gebrauchs aus den Konzentrationslagern, Schuhe, Brillen und Haare der hingerichteten Juden und so weiter. Zudem verfügt das Holocaust-Denkmal über große, abstrakte, moderne, im Freien stehende Skulpturen, die als Denkmäler dazu dienen, die Toten zu ehren. Eine wesentliche Aufgabe des Museums besteht darin, die junge Israelis daran zu erinnern, sich stets in militärischer Bereitschaft zu halten, um sich selbst verteidigen zu können, so dass diese Art der Vernichtung sich nie wieder ereignen wird. Die jungen Israelis werden dazu ermutigt, die Gräuel, die ihrem Volk angetan worden sind, weder zu vergeben, noch zu vergessen.

Um eine vergleichbare Gedenkstätte für den tibetischen Holocaust zu errichten, sind nicht genügend Fotografien und Gegenstände vorhanden. Darüber hinaus wären abstrakte Skulpturen für die Tibeter bedeutungslos. Mahnungen daran, militärisch gewappnet zu sein und den eigenen Feinden niemals zu vergeben, befinden sich nicht im Einklang mit der Lehre des Buddha. Inspiriert durch das Beispiel von Yad Vashem, jedoch ohne seine Ausgestaltung einfach zu kopieren, wird daher empfohlen, eine Nachbildung des von den Chinesen zerstörten Tor-Tschörten von Bakhorli am Eingang von Gangchen Kyishong zu errichten. Der Tor-Tschörten ist ein Symbol für die Zerstörung des traditionellen Tibets und für die Ausrottung von einem Fünftel seines Volkes das für das tibetische Volk aussagekräftiger sein wird und auch lehrreich für die Kinder. Um als ein zentraler Ort für das Gedenken an die Toten zu dienen, der sich mehr im Einklang mit der tibetisch-buddhistischen Tradition befindet, gibt es den Vorschlag, dass das Gebäude eine kleine Stelle zum Entzünden von Butterlampen enthält und dass die Mönche der Klöster Nechung und Gadong diese Lampen immer am Brennen erhalten. Eine an der Seite des Tor-Tschörten angebrachte Gedenktafel in tibetischer, hinduistischer und englischer Spräche könnte auf seine Bedeutung als eine Holocaust-Gedenkstätte hinweisen. Zudem müsste für die Errichtung einer solchen Gedenkstätte kein Land gekauft werden und auch kein großes Gebäude errichtet werden, dass der täglichen Instandhaltung bedarf. Eine solche Gedenkstätte ist wirtschaftlich machbarer, als ein Duplikat von Yad Vashem in Dharamsala. Zudem wäre ein Tor-Tschörten für die Regierung in Indien politisch weniger heikel.